Abessinien, das Alpenland unter den Tropen und seine Grenzländer

Chapter 23

Chapter 233,373 wordsPublic domain

Ich riß mich von den Wundern dieser Fafatié los, um meinen Fuß in östlicher Richtung weiter zu setzen über eine Ebene, die ganz mit Mimosen bestanden war. Diese an und für sich langweiligen Bäume erhielten durch die reichlich von ihnen herabhängenden Schlingpflanzen ein ungemein malerisches Ansehen; namentlich zeichnete sich ein Loranthus mit schönen orangefarbenen und rothen Kelchblüten aus. Bald gelangte ich in das malerische Thal des Makar, eines Nebenflusses des Reb, in dem ich bis zu den _Atkanafelsen_ vordrang, deren trapezoidale Form man von allen hochliegenden Punkten des Distrikts Debra Tabor aus zu übersehen vermag. Dieser Felsen ist eine wirkliche Amba, welche in Kriegszeiten oft genug als Zufluchtsort gedient hat. Am Fuße derselben fand ich zum ersten Male die Henset-Banane (vergl. S. 45) mit ihren kolossalen Blättern und rothen Rippen. Samen der nützlichen Pflanze habe ich der Akklimatisations-Gesellschaft in Paris überbracht; die Schößlinge, welche ich gleichfalls eingepackt hatte, wurden mir jedoch in Massaua kurz vor meiner Rückkehr von den Hühnern vernichtet. Hinter dem Atkana traf ich in wundervoller Gegend auf das _Kloster Guref_, das mir durch seine romantische Lage deutlich sagte, wie die Mönche es in Abessinien gleichwie in Europa verstanden, die schönsten Orte zur Anlage ihrer Klöster auszuwählen. Nach der Regel des heiligen Tekla Haimanot leben in prächtiger Einsamkeit diese Mönche inmitten eines schönen Haines, den der klare Waldbach durchfließt. Freilich der Anblick einer europäischen Abtei und derjenigen des abessinischen Klosters sind grundverschieden. Man stelle sich einen weiten Raum, von einer lebendigen Hecke umschlossen, vor, der wiederum durch Hecken in 12–15 kleinere Abtheilungen geschieden ist, deren jede eine Mönchshütte enthält und die durch ein Labyrinth von Straßen verbunden sind, welche schließlich im Mittelpunkte nach der spitzdachigen runden Kirche führen – und das abessinische Kloster ist fertig. Dazwischen liegen grüne freundliche Gärtchen, ringsum ein lachender Hain. Ich fand sogleich den Abt – wenn ich so sagen darf –, einen ernsten, mageren Mann von 45 Jahren, der die weiße Tunica und darüber eine Art von gelbem Pallium, das Zeichen seiner Würde, trug. Gastfreundschaft wurde mir im vollsten Maße zu Theil, allein mein Maulthier mußte ich außerhalb des Klosters lassen – _weil es eine Stute war_, wobei ich mich der lächerlichen Sitte erinnerte, daß auch in die griechischen Klöster auf dem Berge Athos kein weibliches Thier hinein darf. Ich wohnte dann bei den guten Mönchen und aß mit ihnen die einfache, aus Hülsenfrüchten bestehende Mahlzeit. In der Nacht erweckte mich Psalmengesang, jene Melodie, welche der alte Portugiese Alvarez „eine erbärmliche Harmonie“ nennt; indessen muß ich gestehen, daß dieser abessinische Gesang mindestens so gut klang, wie das Singen in unseren Landkirchen. Im Gedem oder geheiligten Asyle stand außerhalb des Klosters die Gemeindekirche, welche für beide Geschlechter zugänglich war; ihr Gründer war Ras Ali, der sie jedoch nicht vollenden konnte, da er von Theodor II. gestürzt wurde. Dieser that nichts weniger als Kirchen bauen; im Gegentheil er zerstörte und beraubte noch ein- oder zweihundert und zeigte sich als der echte abessinische „Pfaffenfeind“. Nach dem Besuche dieser Kirche kehrte ich nach Gafat zurück.

Um gute Samen der Henset-Banane zu erhalten, wollte ich einen Ausflug nach der Stadt _Korata_ machen, welche Rüppell fälschlich Kiratza nennt. Es ist eine kleine Stadt am südöstlichen Ufer des Tanasees, die wegen ihres starken Handels und der zahlreichen Geistlichkeit berühmt geworden ist. Da die Regen erst im Beginnen waren, so konnte ich darauf rechnen, daß der Fluß Gomara noch durch irgendeine Furt zu passiren sei, und ich beschloß deshalb in gerader Linie, an den heißen Quellen von Wanzagié vorbei, nach Korata vorzudringen. Debra Tabor blieb zur Linken liegen. Das niedrige Hügelland, durch das mein Weg ging, war im Jahre 1841 der Schauplatz einer Schlacht zwischen dem Detschas Ubié von Tigrié und dem Ras Ali. Letzterer wurde glänzend geschlagen und einige seiner Offiziere begaben sich, um sich zu unterwerfen, zu dem Sieger Ubié, der, in seinem Zelte sitzend, ruhig sich in Honigwein betrank. Als Ubié die Feinde erblickte, wurde er ängstlich, da er keine seiner eigenen Soldaten bei sich hatte; erstere aber benutzten diesen Umstand, banden Ubié und machten ihn zum Gefangenen. Auf diese Nachricht kehrte der geschlagene Ras Ali zurück; doch mußte er Ubié, um der Volksstimme zu genügen, wieder freigeben. Die Vegetation auf dem einst blutigen Schlachtfelde war eine prächtige; namentlich fielen mir weiße Lilien (_Amaryllis vittata_) von lieblicher Form auf, welche die daran gewöhnten Abessinier gar nicht beachteten, während ich jede dieser Blumen bedauerte, welche mein Maulthier niedertrat.

Am Ufer eines frischen Baches wurde Mittagsrast gemacht. Was mich hier am meisten überraschte, war eine lange, in Ruinen liegende Mauer von europäischer Konstruktion. Ich folgte derselben und fand, daß sie einst als Einschließung eines Parkes gedient hatte, welcher der Lieblingsaufenthalt verschiedener Kaiser gewesen sein soll. Man nannte den Ort _Arengo_. Seine Lage ist reizend – aber da, wo einst die Erben der Königin von Saba thronten, findet man nun Ruinen, zwischen denen lärmende Affen hausen. Theodor II., welcher seine Vorgänger im Kaiseramte gründlich verachtet und sie „Schauspieler“ nennt, behauptet, daß die jetzigen Gäste in Arengo, eben jene Affen, mehr werth sind als die alten, die Kaiser! Vor 170 Jahren, zur Zeit des Reisenden Poncet, war das Schloß noch nicht zerstört, ja nach dem Hörensagen sollte es größer als der Gemp in Gondar sein! Sicher hatten die Abessinier dem Franzosen gegenüber aufgeschnitten, denn sie verstehen dieses Geschäft so gut wie die Yankees. Ein abessinischer Gesandter, welcher 1860 in Paris war und dort sich überall umgesehen hatte, antwortete seinen Landsleuten, die ihn nach jener Stadt fragten: „_Paris ist etwa so groß wie Gondar; vielleicht ein klein wenig größer._“

Im Dorfe Schumagina wurde meiner Reise plötzlich ein Ziel gesetzt.

Die reichen und stark bevölkerten Distrikte Wanzagié, Fogara Dera, Korata bildeten das Land, welches ich zu durchreisen hatte. In einem dieser Distrikte hatten sich Rebellen aus Godscham zu verbergen gewußt, indem sie die Wachsamkeit der am Abaï aufgestellten Leute Theodor’s zu täuschen wußten. Für dieses Vergehen, an dem doch die ganze Einwohnerschaft der vier Distrikte keineswegs schuld war, wurden dieselben von Theodor der Armee zur Plünderung überwiesen, worauf die ruinirten Bauern mit ihrer Habe in die Berge und Wälder flüchteten. Als der Negus dies sah, verordnete er, daß nur die Schuldigen bestraft werden, die übrigen aber frei ausgehen sollten. Kaum hatten die letzteren, den Worten vertrauend, sich wieder in ihre Quartiere begeben, als ein General hinterlistig über sie herfiel und ihnen Alles raubte. Die Nachricht von dieser That gelangte nach Schumagina, gerade als ich von dort aufbrechen wollte, um in die beraubten Gegenden vorzudringen. Unter so bewandten Umständen weigerten sich meine Leute ganz entschieden weiter vorzugehen, da auch sie fürchteten, jenem braven General in die Hände zu fallen. So blieb mir nichts übrig als umzukehren; doch hielt ich mich keineswegs für besiegt, und als nach einiger Zeit der Lärm verstummt war, brach ich in den ersten Tagen des Juli 1863 abermals nach Korata auf. Die Gomara, welche jetzt hoch angeschwollen war, mußte hier an einer Stelle überschritten werden, wo sie sich in drei Arme trennt. An demselben Abend erreichte ich noch Madera Mariam, d. h. Ruheplatz der Maria, eine hübsche kleine Stadt, die ähnlich wie Emfras an einem Hügel liegt. Derselbe fällt nach drei Seiten hin senkrecht ab, ist aber von der vierten leicht zugänglich. Das nächste Nachtquartier war das Dorf Wanzagié, welches seinen Namen von den hier stehenden schönen Wanzabäumen führt; dann wurde die _Goanta_ erreicht. Diesen Fluß in einer Furt zu durchwaten, war ganz unmöglich, und ich mußte deshalb in einem abessinischen Mittel – ich sage nicht Fahrzeug – der _Hokumada_ übersetzen. Dies ist eine an den Rändern in Nachenform aufwärts gekrümmte steife Ochsenhaut; ein Mann durchschwimmt den Fluß mit einem Seile, dessen eines Ende an der Hokumada, dessen anderes am jenseitigen Ufer befestigt ist. Der Passagier setzt sich in den Lederschlauch, kauert sich zusammen und hütet sich wohl, nach der einen oder andern Seite sich überzubeugen. So wird er, während noch ein Schwimmer die Hokumada schiebt, am Seile an das jenseitige Ufer hinübergezogen. So kam auch ich über die Goanta, um bald an der geschwollenen _Gomara_ auf ein neues Hinderniß zu stoßen, das dieses Mal mittels einer Tankoa überwunden wurde.

Die _Tankoa_ ist ein rechteckiges Floß, welches sechs bis acht Personen tragen kann und aus einer Reihenfolge von dicht aufeinander gelegten Stroh- oder Binsenschichten besteht, die fest miteinander verbunden sind. Das Binsen- oder Rohrfloß taucht ziemlich tief unter und kann niemals untergehen, desto leichter jedoch umschlagen. Da aber die Abessinier fast alle sehr gute Schwimmer sind, so entstehen selten Unglücksfälle. Das Gepäck, Kleider, Waffen, ein Ledersack, welcher Mehl enthält, liegen hinten; vorn sitzt der Lenker des Ganzen, welcher mit einem Ruderstock versehen ist, denn die Tiefe des Wassers gestattet nicht, das Floß mit einer Stange durch Stoßen auf den Grund fortzubringen. Die Tankoa ist das sprechendste Zeichen, wie starr die Abessinier an ihren Gebräuchen hangen. Dieses Volk mit offenem und hellem Verstande hat nach Verlauf von Jahrhunderten noch nicht einmal zu schließen gelernt, daß, wenn ein simpler Stock, durch den Widerstand, welchen seine Oberfläche dem Wasser darbietet, ein Floß fortzubewegen vermag, eine an das Stockende angebrachte Schaufel eine vermehrte, zehnfache Oberfläche darbieten und also auch die Fortbewegungs-Geschwindigkeit verzehnfachen muß, denn der Abessinier besitzt nicht einmal die Ruderschaufel, welche den Wilden am Weißen Flusse wohlbekannt ist.

Uebrigens ist nichts ermüdender als eine Reise per Tankoa. Die Maulthiere wurden ins Wasser gestoßen und von einem Schwimmer durch die reißenden Fluten gelenkt. So kamen wir wohlbehalten zu einem kleinen, von Wanderhirten bewohnten Weiler, wo wir übernachteten, um am nächsten Morgen, quer über die Hügel und das Flüßchen Izuri hinweg, unsere Reise nach Korata anzutreten, dessen herrlichen Anblick wir bald genießen sollten. Es ist die hübscheste Stadt Abessiniens und war das äußerste Ziel meiner Reise.

_Korata_ liegt auf einem basaltischen Landrücken, welcher sich in den Tanasee vorschiebt. Die spitzdachigen Häuser liegen zerstreut um die Kirche gruppirt, und bei jedem befindet sich ein baumreicher Garten, der von der Wohlhabenheit der Bewohner Zeugniß ablegt. Es war gerade Markt, welcher dicht bei der Stadt abgehalten wird. Besonders wird hier viel rohe oder zu Zeugen verarbeitete Baumwolle verkauft; letztere kommen sämmtlich aus der westabessinischen Provinz Koara, woher sie theils auf Eseln, theils auf dem See gebracht werden. Die rohe Baumwolle wird mit den Samenkörnern verkauft, meistens gegen das gleiche Gewicht Salz. Das Ausscheiden der Samenkörner mittels eines eisernen Stäbchens, welches auf einem flachen Steine mit den Händen hin- und hergerollt wird, ist eine langsame und ermüdende Arbeit; zum Aufschlagen derselben bedient man sich eines elastischen Bogens und zum Spinnen der Handspindel. Eine fleißige Frau kann so viel Gespinnst fertigen, als für zwölf vollständige Umhängetücher erforderlich ist. Auf dem Marktplatze selbst erregte meine Erscheinung keinerlei Aufmerksamkeit; etwas Anderes war es jedoch an einer nur 50 Schritte weiter entfernten Stelle. Ein großer Baum breitete dort seine gigantischen Aeste über den Weg, unter dem in weißen Gewändern, mit riesigen Turbanen auf dem Haupte, den heiligen Fliegenwedel in der Hand, die Geistlichkeit von Korata saß. Als ich mich ihnen näherte, stießen sie ein unwilliges Geschrei aus und verlangten, daß ich vom Maulthiere absteigen solle. Ich weigerte mich, und nun entstand auf dem Markte eine allgemeine, gegen meine Person gerichtete Bewegung, der ich durch Absteigen auszuweichen mich gemüßigt fand. Hierauf konnte ich ungehindert zu Fuß in die Stadt gehen. Später erfuhr ich, daß die Pfaffenstadt Korata das Privilegium besitzt, Niemand zu Pferd oder zu Maulthier durch ihre Straßen reiten zu lassen.

Nachdem ich mich in der unteren Stadt einquartiert und dem Ortsvorstand den üblichen Besuch abgestattet, fing ich an, die Straßen oder vielmehr die Alleen zu durchwandern. Diese Straßen sind in der That nur von Hecken eingefaßte Fußpfade, hinter denen sich hübsche Gärten hinziehen. Blumen sieht man in diesen selten, dagegen prächtige Granatbäume, Pfirsiche, Kaffeesträucher, Bananen, Citronen, aus denen die Strohdächer der Hütten hervorlugen. Von dem funkelnden Spiegel des Tanasees herüber wehte ein kühlendes Lüftchen, das mir den Spaziergang in den Straßen zu einer wahren Erquickung machte. Wie schon der Markt zeigt, ist Korata ein bedeutendes Handelscentrum. Seine Kaufleute, lauter Christen, stehen mit Basso in Godscham, mit Gondar und Massaua in Verbindung. Ich habe Korata nur den Vorwurf zu machen, daß die Küche dort schlecht bestellt ist, denn während meines viertägigen Aufenthaltes bekam ich nicht 1 Loth Fleisch zu Gesicht, obgleich in der Umgebung zahlreiche Herden weiden. Die Einwohner leben von Brot und rother Pfeffersauce, der sie zuweilen einen welsartigen Fisch aus dem Tanasee beigesellen.

Die Aussicht auf dieses Binnengewässer ist von Korata aus eine prächtige. Weit in der Ferne, im Norden sieht man die blauen Vorgebirge von Gorgora, die südlich von Tschelga und Gondar liegen; rechts zieht sich der Bergabfall von Begemeder hin, während mitten im Seespiegel die dunkle Masse der Inseln Dek und Daka auftaucht. Eine Eigenthümlichkeit des Sees aber sind ein Dutzend winziger Eilande, wie Bet-Manso, Kibran, Metraha u. s. w., die, vom Festland aus betrachtet, gleich schwimmenden Blumenkörbchen auf der Flut erscheinen. In der Nähe betrachtet, sind diese Blumenkörbchen jedoch bewaldete Inseln, die in ihrem Innern eine Kirche oder ein Kloster bergen.

Auch eine Flotte besitzt die Seestadt Korata, die aus einer großen Anzahl von Tankoa besteht, welche am Ufer trocknen und die Verbindung zwischen der Stadt und den südlichen und westlichen Ufern, namentlich mit Zegrié, unterhalten. Sie sind schmäler als die oben beschriebene Tankoa, bis 15 Fuß lang und führen Mattensegel. Ich wollte ein solches Fahrzeug miethen, um nach Zegrié überzufahren, allein da dieses in der Gewalt der Rebellen von Godscham war, wurde mir die Erlaubniß verweigert. – Bei Korata wohnen viele Waito, jene eigenthümlichen Menschen, die sich mit der Flußpferdjagd beschäftigen (vergl. S. 90). Während dieser Dickhäuter sehr häufig im See ist, fehlen darin Krokodile gänzlich; dagegen verhält es sich mit dem Abai, dem Abfluß des Sees, umgekehrt.

Das Flußpferd heißt im Amharaschen Gomari, und hiervon stammen wol auch die vielen ähnlich klingenden Flußnamen Gomara u. s. w. Nach viertägigem Aufenthalte verließ ich Korata wieder und kehrte in mein altes Standquartier Gafat zurück.

Die letzte größere Exkursion, welche ich in der Umgebung meines Aufenthaltsortes unternahm, war eine Besteigung der 13,000 Fuß hohen _Guna_. Ich folgte erst dem Reb, kam dann in das schöne Makarthal und stieg bis zu einem kleinen Dorfe empor, dessen Name lieblich in mein französisches Ohr tönte. Es heißt Maginta. Hier verbrachte ich die Nacht; als ich am nächsten Morgen weiter aufbrechen wollte, kamen zwei Reiter im vollsten Galopp zu mir, mit der Botschaft, daß der Negus mich in Gafat erwarte. Schon am Nachmittage langte ich wieder in meiner Wohnung an, wo ich Waldmeier fragte, was vorgefallen sei. Er antwortete ausweichend. Kurz darauf langte ein Brief in amharischer Sprache vom Könige bei mir an, welchen mir Kinzle übersetzte. Der Negus befand sich in seinem Lager zu Isti, drei Tagereisen von Gafat. Da ich bemerkt hatte, daß er guter Laune war, so wollte ich diese benutzen und bat um seine Erlaubniß zur Heimkehr nach Massaua. Bei Empfang meines Briefes gerieth er indessen in solche Wuth, daß zwei Tage lang Niemand mit ihm zu reden wagte. Sofort ließ er mir einen heftigen Brief schreiben, aus dem ich Folgendes hervorhebe: „Als du hierher kamst, hast du dich mir als Freund vorgestellt; oder bist du etwa gekommen, um mit den Scheftas (Rebellen) gegen mich zu konspiriren? Sind deine Gefühle aber loyal, so schreibe mir; bist du mein Feind, so schreibe mir auch, damit ich weiß woran ich bin.“ Sogleich antwortete ich in einem kurzen, aber respektvollen Schreiben, welches die gefährliche Korrespondenz zu einem guten Ende führte, denn die schleunig darauf erfolgende Antwort lautete: „Habe nur einige Geduld und durch die Gnade der Dreieinigkeit wird Alles gut ablaufen. Ich habe dich aus wichtigen Gründen zurückbehalten müssen; allein wenn mein Agent wieder heimkehrt, will ich dich mit allen gebührenden Ehren entlassen.“ Ich folgte dem mir ertheilten weisen Rath, verhielt mich geduldig und nahm zunächst meinen unterbrochenen Ausflug nach der Guna wieder auf.

In Maginta war ich an die Familie des Irländers Bell empfohlen, der einst eine große Rolle bei Theodor II. gespielt und für diesen sein Leben gelassen hatte. Hier traf ich auf ein Beispiel der abessinischen Langlebigkeit, nämlich auf _fünf Frauengenerationen_ beieinander: die abessinische Witwe Bell’s, deren Mutter, Großmutter, Tochter (die Frau Waldmeier’s) und Enkelin! Die Urgroßmutter war die einzige, welche man als Greisin bezeichnen konnte; denn die Großmutter, eine feine Frau von 55 Jahren war noch sehr lebhaft und thätig in der Hauswirthschaft; die Mutter, Bell’s Witwe, war 35 Jahre alt, zierlich und hübsch; deren Tochter war an den Missionär Waldmeier verheirathet, welchen sie wieder mit einem Töchterchen beschenkt hatte.

Maginta liegt bereits im Gebirge. Von da aus hatte ich, von Plateau zu Plateau ansteigend, nur vier Stunden bis zum Gipfel zurückzulegen.

Der Weg führte vorbei an Kosso- und Ericabäumen, Hypericumstämmen, prächtigen aloeartigen Lilien bis zur Region der seltsamen Dschibarra (_Rhynchopetalum_).

Letztere gedeiht hier bis zu einer Höhe von fünfzehn Fuß. Der Gipfel der Guna, Ras-Guna genannt, besteht aus Trachyt. Von da aus umfaßte mein Auge eine prachtvolle Rundsicht. Zur Rechten brach der Reb aus einem tiefen Thale hervor; vor mir lag das pittoreske Massiv des Zoramba und weiter hin die Kollo, das mächtigste abessinische Gebirge. Zur Linken endlich Plateau an Plateau, durchrieselt von Bächen, die sich zum Tanasee hinzogen, auf dem die Inseln gleich dunklen Punkten zu schwimmen schienen.

Als ich wieder in Gafat angelangt war, fand ich eine Einladung des Negus vor, ihn in Gondar, wohin er sich begeben hatte, zu besuchen. Sofort brach ich auf. Dort angekommen, hatte ich noch einige Schwierigkeiten, empfing aber am 30. September 1863 den Befehl, Abessinien auf dem kürzesten Wege zu verlassen. Mit mir ging Dr. Lagarde, der den Aufenthalt in Abessinien satt bekommen hatte. Nach der feierlichen Abschiedsaudienz bei Theodor nahmen wir ein Frühstück bei dem englischen Konsul _Cameron_ ein, das von dessen Koch, einem Elsässer Kind, sehr gut zubereitet war. Dieser, früher ein französischer Kürassier, hatte sich die Gunst des Königs zu erwerben gewußt. Als die Missionäre einst einen Wagen für Theodor hergestellt, fragte dieser den Elsässer, wie ihm die Maschine gefiele. „Pfui! sagte der Rheinländer, bei uns in Mühlhausen fährt man in solchen Dingen den Mist aufs Feld!“ (Den berühmten blau angestrichenen Wagen erwähnen auch Heuglin und Steudner.) Beim Frühstück war auch der Judenmissionär Dr. _Stern_ zugegen, welcher zuerst Photographien in Abessinien aufnahm und in seinem Werke „Wanderungen unter den Falaschas“ veröffentlichte. Einst schenkte dieser dem Negus einen Stereoskopenkasten mit einer Ansicht Jerusalems.

„Was ist das für ein Gebäude?“ fragte Theodor.

„Die Moschee Omar’s“, antwortete Stern. – Sogleich warf der König den Apparat auf die Erde, indem er wüthend ausrief: „Und dieses Europa, das vorgiebt christlich zu sein, duldet eine Moschee beim heiligen Grabe!“

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Als endlich die Stunde schlug, um Gondar den Rücken zu kehren, kam Achmed, mein Diener, mit der Nachricht zu mir, daß alle meine Leute sich heimlich entfernt hätten, aus Furcht, von mir in Massaua als Sklaven verkauft zu werden!

Mir blieb nichts anderes übrig, als neue Diener und Lastthiere zu miethen, wobei sich Salmüller besonders gefällig erwies. Ich überschritt den Angerab, wandte mich dem Magetsch zu, erstieg die Hochebene von Wogara, auf der Straße, die vor mir Bruce, Lefêbvre, Ferret und Galinier, Rüppell, Krapf, v. Heuglin u. a. gewandert waren, und gelangte in vier Tagemärschen bis Dobarek.

Am ersten Tage bivouakirten wir in _Kossogié_, einem Dorfe, welches von den hier häufigen Kossobäumen seinen Namen führt; durch gut bebaute Ebenen gelangte ich am zweiten Tage nach Isak-Dews, dem Isakberge, welcher Ort 1420 vom Kaiser Isak zur Erinnerung an einen hier über die Juden (Falaschas) erfochtenen Sieg gegründet wurde. Die dritte Station Dokoa war ein reizender Flecken auf einer Anhöhe mit einer dem Heiligen Kitane Machrit geweihten großen steinernen Kirche, die vom Kaiser von Jasu im portugiesischen Stile erbaut ist. Hier theilt sich die Straße; rechts, nach Osten zu, führt sie ins Alpenland von Semién. Links, in nördlicher Richtung über den Lamalmon-Paß, und die Kolla von Wogara nach Adoa. Am nächsten Morgen, als ich nach Dobarek aufbrach, zeigte man mir zur Rechten, schon in Semién gelegen, das Dorf _Debr-Eskié_, in dessen Nähe am 9. Februar 1855 das Schicksal Abessiniens entschieden und Theodor Sieger über Ubié wurde. Als ich den Abhang erstieg, an welchem _Dobarek_ erbaut ist, wurde meine Aufmerksamkeit durch eine traurige Erscheinung gefesselt; der Boden war ringsum mit gebleichten Menschenschädeln besät, die unter den Füßen meines Maulthiers dahin rollten. Ein Schlachtfeld konnte hier nicht gewesen sein, denn andere Knochen als eben nur Schädel waren nicht vorhanden. Aber was war hier geschehen? Eine entsetzliche Katastrophe. Vor gerade drei Jahren (1860) hatte Theodor über seinen rebellischen Neffen Garet bei Tschober einen Sieg erfochten und etwa 1700 Gefangene hierher abgeführt. Man enthauptete sie und warf ihre Schädel aufs Feld.