Abessinien, das Alpenland unter den Tropen und seine Grenzländer
Chapter 22
Zwei tüchtige Stunden jenseit des Arno führt der Weg durch das wilde und meist unfruchtbare Hügelland von _Tisba_, das nichtsdestoweniger stark bevölkert ist; jetzt sind die Einwohner friedliche Leute, vor nicht zu langer Zeit waren sie jedoch räuberisches Gesindel; aber König Theodor II. hat ihnen die Lust zum Straßenraube benommen. Als er 1855 den Thron bestieg, erließ er eine Proklamation, in welcher er sagte, daß Jedermann wieder zu der Beschäftigung seiner Väter zurückkehren möge; der Soldat zum Pflug, der Kaufmann zu seinen Waarenballen. Die Leute von Tisba, welchen dieser Befehl mißfiel, kamen remonstrirend und bis an die Zähne bewaffnet in das Lager des Königs. „Lang lebe Se. Majestät! riefen sie aus. Wir erscheinen hier nur, um besondere Erlaubniß zu erhalten, zum Geschäfte unserer Väter zurückkehren zu dürfen!“
„Und was war dies für ein Geschäft?“
„Schnapphähne und Straßenräuber waren alle, Väter und Kinder.“
„Wollt ihr nicht lieber“, antwortete ihnen der Negus, „friedliche Bürger werden? Ich will euch die Mittel dazu an die Hand geben. Das Vergangene ist euch verziehen; ihr erhaltet Grund und Boden, das nöthige Vieh und Ackerpflüge. Nehmt ihr dieses an?“
„Niemals! Wir berufen uns auf das Edikt...“
„Das ist euer letztes Wort?“
„Ja wohl!“
„Gut; kehrt heim.“
Vergnügt reisten die Schnapphähne nach Tisba zurück, indem sie den Negus eingeschüchtert zu haben glaubten. Doch sie kannten diesen Mann noch nicht. Kaum waren sie zurückgekehrt, als ein berittenes Corps in Tisba anlangte, dessen Kommandant folgendermaßen zu ihnen sprach: „Meine Lieben! Es ist möglich, daß euch der Kaiser Lalibela die Erlaubniß gab, Straßenraub zu treiben, aber Kaiser Claudius, der gleichfalls heilig gesprochen wurde, hat die Gensdarmerie (Neftenja) autorisirt, alle Strauchdiebe niederzumachen. Neftenjas, gebt Feuer!“
Die Ueberlebenden nahmen sich die ihnen ertheilte Lektion aufrichtig zu Herzen, und die Leute von Tisba, die heutzutage die Felder bebauen, sind ganz brave Menschen geworden.
Von Tisba an steigt der Pfad längs den östlichen Vorbergen an und wird dann eben bis zu dem Marktflecken _Eifag_ an der Kirche _Bada_ oder Bata (d. h. Empfängniß). Jene ganze Gegend war einst berühmt wegen der vor Alters eingeführten Weinkultur, die allerdings jetzt gänzlich darniederliegt. Eifag ist keine eigentliche Stadt, sondern besteht aus vielen zerstreuten Dörfern und Kirchen. Um die Kirche Bada zieht sich ein prächtiger Juniperus-Hain. Der Marktplatz ist sehr ausgedehnt; der Nagadras (Zollbeamte) erhebt von jeder Waare hier eine gewisse Abgabe. An jedem Mittwoch versammeln sich an diesem wichtigen Stapelplatze, von dem aus der Handel zwischen dem Süden und Norden Abessiniens von Godscham bis Massaua vermittelt wird, die Händler von weit und breit mit Vieh, Tabak, Kaffee, Baumwolle, Baumwollenstoffen, Glasperlen, Wachs, Salz, Honig, Häuten, Hülsenfrüchten, Getreide, Butter, Schwefel, Salpeter, Honigwein und Bier.
In Eifag hatte ich eine herrliche Aussicht auf die schöne Ebene von Fogara, welche sich bis an den Berg Dungurs erstreckt. Der östliche Theil derselben ist durchaus flach und wird vom Hirtenvolke der Sellan durchschweift. Im Westen dagegen steigt das Terrain an, dort erheben sich, bewaldet, mit Dörfern und Kirchen besäet, die Berge von Begemeder. Nach dreistündigem Marsche langen wir am _Flusse Reb_ an, den wir auf einer immer mehr zerfallenden Brücke von sieben Bogen passiren, deren Bau noch unter dem Kaiser Fasilides vor mehr als 200 Jahren stattfand. Die Pfeiler haben dem Zahne der Zeit gut widerstanden, allein die Bogen werden bald von der wüthenden Flut hinweggerissen werden, da der Reb in der Regenzeit große Massen von Schlamm mit sich führt, immer mehr sein Bett erhöht und so der Wassermenge nur ein geringer Ausweg bleibt. Der Reb, welchen ich im April vollkommen ausgetrocknet sah, ist zwei Monate später ein prächtiger Strom, größer als die Seine bei Paris. Die Abessinier, obwol sie vortreffliche Schwimmer sind, hüten sich dann, ihn zu passiren, da sie fürchten, daß gewisse Wassergeister sie in den Abgrund ziehen könnten. Unter den Pflanzen, die ich in dieser Ebene bemerkte, nenne ich die schöne _Methonica superba_, welche von den Abessiniern Marienkelch genannt wird. Sie gehört zu den Lilien und gleicht in ihrer Farbenpracht einer Flamme im dunklen Laubgrün.
Die Nacht brachten wir in einem Dorfe in der Nähe der Brücke zu; am Morgen brachen wir dann nach Debra Tabor auf. Rechts von uns blieb ein einzelner, steiler und kahler Felsen, Amora Gedel, d. h. Geierfelsen, liegen, dessen Spitze ganz mit Raubvögeln bedeckt ist. Durch einen malerischen Schlund und sumpfige Wiesen führt ein Fußpfad zu dem Plateau von Debra Tabor hinauf. Als wir oben angelangt waren, blieben wir vor Verwunderung stehen. Vor uns lag ein leicht wellenförmiges Land, dicht besäet mit Dörfern, zwischen lachenden Kulturflächen und Weiden, auf denen zahlloses Vieh sich befand. Als Franzose wurde ich an die Bourgogne erinnert, während Dufton eine Landschaft Yorkshire’s vor sich zu sehen glaubte, und unwillkürlich rief ich aus: „Hier ist gut Hütten bauen!“ Rechts von uns blieb der Hügel von _Debra Tabor_ mit seinen 500 oder 600 Häusern und dem königlichen Lager liegen. Denn Theodor II. hat hier große Getreidemagazine errichtet, die seine Armee in Kriegszeiten, d. h. so ziemlich immer, zu versorgen haben. Gondar, „die Stadt der Pfaffen und Schauspieler“, wie der König sich ausdrückt, ist ihm zuwider. Endlich erreichte ich den Hügel von _Gafat_, nordöstlich von Debra Tabor, das provisorische Ziel meiner Reise. Der deutsche Missionär Waldmeier, an den ich empfohlen war, nahm mich sehr freundlich auf; auch seine Kollegen, fast lauter Badenser und Württemberger kamen herbei. Der einzige Franzose der kleinen Kolonie, Franz Bourgaud aus Saint-Etienne, ist der Waffenschmied des Negus und bei diesem sehr beliebt. Er giebt vor, sich recht unglücklich zu befinden, und verlangte schon mehrere Male in seine Heimat zurückkehren zu dürfen, aber Theodor antwortete ihm auf sein Gesuch: „Mein Sohn Bourgaud, deine Kinder sind noch zu jung, um die weite Reise überstehen zu können; bleib noch ein paar Jahre hier.“ Und Bourgaud blieb. Seine Kinder sprechen vorzüglich die Amharasprache, er selbst und seine Frau haben sich ein Mischmasch aus dieser und der französischen zurecht gemacht, das nur ihnen verständlich ist. Eigenthümer Gafats ist ein alter General außer Dienst von noblem Aussehen. Um sein Haus herum haben sich die Deutschen Waldmeier, Kinzle, Bender, Mayer, Salmüller und Hall angesiedelt. Alle haben Abessinierinnen heirathen müssen; Bender eine Tochter Schimper’s. Am zurückhaltendsten war der junge, hübsche Salmüller, welcher schließlich eine Tochter des Irländers Bell nahm. (Von letzterem wird weiter unten ausführlich die Rede sein).
Noch hatte ich den Negus nicht gesehen, als am 25. Januar plötzlich Waldmeier auf mich zukam und ausrief: „Dort kommt Se. Majestät!“ Ich ging mit ihm vorwärts und traf bald auf ein großes Gefolge hoher Offiziere, welche alle den Margef, die bordirte weiße Tunica, trugen. Mitten unter ihnen stand ein Mann, barhaupt und barfuß, in eine gemeine Soldatenschama gekleidet, welche keineswegs noch ganz weiß war; in der Hand hielt er eine Lanze, an der Seite hatte er einen gekrümmten Säbel. Wer mit den abessinischen Gebräuchen vertraut war, mußte sofort den Rang dieser Persönlichkeit erkennen; es war der einzige, welcher beide Schultern bedeckt hatte, und Niemand anders als _König Theodor II._
Gut gelaunt redete er mich mit „Na deratscho (Wie geht es dir?)“ an. Die Etikette erfordert, daß man hierauf nicht antwortet und sich nur tief verneigt. So that auch ich. Theodor zog sich darauf zurück, setzte sich auf einen Teppich und fing an, mit dem kleinen Bourgaud zu spielen. Dieser sonderbare Mensch, dessen Leben so blutig verlief, beschäftigte sich gern mit Kindern, für die er eine große Zuneigung besaß. Nachdem er dann einige Höflichkeitsworte gewechselt, fragte er mich sehr verbindlich, wann ich offiziell empfangen sein wollte? Ich erwiederte, daß ich ganz zu seinen Befehlen stehe, worauf er den nächsten Tag zur Audienz in Debra Tabor bestimmte. Ich ward abermals gut von ihm aufgenommen, machte den ganzen Feldzug in Godscham mit, der nicht besonders glücklich ausfiel, und kehrte dann mit ihm in das Lager von Debra Mai in Mietscha zurück. Unterdessen waren verschiedene Umstände vorgekommen, welche meine Anwesenheit auf dem Konsulatsposten dringend erforderten; ich begab mich deshalb in voller Uniform zum Negus, um ihn um eine Abschiedsaudienz zu bitten. Er ließ drei Europäer herbeirufen, welche die Amharasprache redeten, und fragte dann, was ich wolle. Ich antwortete: „Ich wünsche, dringender Angelegenheiten wegen, nach Massaua abzureisen, und dann will ich von dort zwei Kisten mit Geschenken für Ew. Majestät von meinem Souverän abholen, welche bereits angelangt sein dürften. Ich möchte auch gern gleich abreisen, damit ich vor Eintritt der Regenzeit wieder zurück sein kann.“
Um zu verstehen, was nun folgt, muß man wissen, daß Theodor durch den unglücklichen Feldzug in Godscham gedemüthigt war, daß die Aegypter damals gerade die Grenzprovinz Galabat besetzt hielten und daß er infolge des Genusses von schlechtem Cognac betrunken war. Kaum hatten die Dolmetscher ausgeredet, als der Negus in höchster Wuth rief: „Ich behalte ihn auf jeden Fall zurück. Nehmt ihn, legt ihn in Ketten, und wenn er entweichen will, so tödtet ihn!“
Der Oberst, welcher zunächst stand, winkte ein halbes Bataillon herbei.
„Wozu das, fragte Theodor, 500 Mann, um einen Menschen zu fesseln?“
„Ew. Majestät sehen, erwiderte der Oberst, daß er ein merkwürdig funkelndes Ding unter dem Arme trägt – es war mein goldbesetzter Konsulatshut –, das vielleicht eine Höllenmaschine ist, die uns alle tödten kann.“
„Donkoro, Dummkopf! Glaubst du nicht auch, daß er dich mit seinen Augenbrauen tödten kann. Sechs Mann her und nicht mehr.“
Nun wurde ich, wie mein treuer Diener Achmed, an Händen und Füßen gefesselt, obgleich ich in großer Uniform war, und in mein Zelt zurückgeführt, wo ich streng bewacht wurde. Indessen schrieb ich, auf einen Umschlag der Gemüthsverfassung des Königs bauend, an ihn einen englischen kurzen Brief, in welchem ich um Erklärungen bat. Am 3. März schon erschienen die Europäer wieder, welche mir anzeigten, daß ich frei sei, unter der Bedingung, daß ich in Gafat internirt bliebe. Ich zögerte anfangs, doch ging ich auf Kinzle’s Zureden, der meinte, es sei besser in Gafat als in Eisen weilen, auf diesen Vorschlag ein. Ueber den Negus selbst will ich hier nur wenige Worte sagen.
In den Audienzen, welche er gab, entfaltete er allen möglichen barbarischen Pomp. So liebte er es, dabei von vier zahmen Löwen umgeben zu sein, die sehr wild und grimmig drein schauten. Ich hatte Gelegenheit, mit denselben nähere Bekanntschaft zu machen. An einem hohen Festtage wurden sie von ihren Wärtern in mein Zimmer geführt, um ihre Aufwartung zu machen. Ein paar blanke Thaler verfehlten die Wirkung nicht, und ich konnte meine Gäste ruhig abzeichnen, wobei ich nur durch deren aufdringliche Zutraulichkeit gestört wurde. Der eine Löwe war von dem genannten Salmüller abgerichtet und dann an den Kaiser verkauft worden. Alle vier Löwen hatten ihre Namen; der Liebling des Kaisers hieß Kuara (der Stürmische). Dieses Halten und Züchten von Löwen steht übrigens bei den abessinischen Herrschern keineswegs als eine Ausnahme da und kam auch früher vor, wol deshalb, weil der Löwe als Sinnbild Aethiopiens angesehen wird. Als Salt 1810 beim Ras Wolda Selassié in Antalo eine Abschiedsvisite machte, bot dieser ihm zwei Löwen als Geschenk für den König von England an; „allein der weite Weg machte es unmöglich, sie fortzubringen. Eins dieser Thiere ward von seinem Wärter bisweilen in das Zimmer gebracht, wo wir saßen: aber während meines Aufenthaltes wurde es so wild und unlenkbar, daß man es einsperren mußte.“
Da mir der Negus Gafat zum Aufenthaltsorte angewiesen hatte, mit der Erlaubniß, im Innern des Reiches Ausflüge nach Belieben machen zu können, so zögerte ich nicht, dieses auszuführen, und stattete zunächst der _Hauptstadt __Gondar_ meinen Besuch ab. Von Gafat bis Ferka reiste ich zunächst den Weg, welchen ich auf meiner ersten Tour bereits beschrieb. Im genannten Orte trennt sich die Straße; links führt sie nach Tschelga, rechts nach Gondar. Ungeachtet des königlichen Befehls, daß ich in den Dörfern, wo ich übernachtete, gut beherbergt werden sollte, hatte ich mancherlei Verdrießlichkeiten zu bestehen, ja man bedrohte mich einmal sogar, und meine Leute flüchteten in Angst davon. Auf einer von den Portugiesen erbauten Brücke passirte ich den Fluß Magetsch, ohne welche zur Regenzeit die Verbindung zwischen Nord- und Südabessinien auf mehrere Monate im Jahre vollkommen gestört sein würde.
An Juniperusbäumen vorbei gelangte ich auf einen Hügel, der verschiedene Häusergruppen trug, zwischen denen sich wüste Plätze hinzogen. Ich war jetzt schon mitten in Gondar, ohne daß ich eigentlich die Stadt bemerkt hätte, und war nicht wenig verwundert über diese Kapitale der Kaiser Sosneos und Fasilides, von der ich mir eine durchaus andere Vorstellung gemacht hatte. Von welcher Seite aus man sich auch der Stadt nähert, fallen die vielen hohen Warten und Thürme, Zinnen und Mauern des in mittelalterlich-portugiesischem Styl erbauten Königspalastes und einzelne Kirchen mit großen kegelförmigen Dächern unter malerischen Baumgruppen zuerst in die Augen: ein heimisches Bild für den Wanderer, der sich plötzlich dem Innern des tropischen Afrika entrückt und in eine mitteleuropäische Landschaft versetzt glaubt. Ueber üppigen Wiesengrund an schmalblätterigen Weidenbäumen mit überhängender Krone hin rauschen klare Gebirgsbäche zu Thal und schlängeln sich, Silberfaden gleich, in der Ferne durch das grüne, flache Dembra, dem Tanasee zu. Das nördlichste Quartier der Stadt ist das Abun-Bed mit der Wohnung des Bischofs. Ein nach Westen fließendes Bächlein, kahle Flächen und Ruinenfelder trennen es von der politischen Freistelle, dem Etschege-Bed, mit dem Sitze des Vorstandes der Mönche, Etschege genannt. Auf einem freien, erhabenen Punkt, östlich von beiden, steht von einer runden Mauer umgeben, unter herrlichen Baumgruppen eine Kirche mit zwei von den Holländern dem Kaiser Jasu geschenkten Glocken. Südlich und östlich davon ist der Stadtbezirk Debra Berhan, Kirche des Lichts, mit gleichnamiger Kirche; westlich daran schließt sich der Gempscha-Bed oder Schloßbezirk. Von einer weitläufigen, unregelmäßigen Mauer, mit Zinnen und Wartthürmen und mit verwilderten Gärten und Kiosken umgeben, erhebt sich der große, leider mehr und mehr zerfallende _Gemp_ oder das Schloß selbst, das neben den armseligen, mit Stroh gedeckten Häusern einen wahrhaft großartigen Eindruck macht durch seine massive Bauart, seine vielen Thürme, hohen Bogenfenster und weiten Höfe. Die Façade des Hauptgebäudes ist gegen Westen gekehrt und drei Thürme mit großen Thorbogen bilden die Eingänge zu dem einst gepflasterten, jetzt halb in Schutt und Gestrüpp begrabenen Vorhof. Der Hauptbau ist viereckig, zweistockig, mit flachem Dach und steinerner Brustwehr; auf jeder Ecke erhebt sich ein Thurm mit Cement-Kuppel, ein höherer viereckiger steht in der Mitte. Das Material ist ziemlich roher Basalt, die Einfassungen der Thore und Fenster bestehen aus rothem Sandstein. An das Hauptgebäude lehnen sich noch verschiedene Hallen, Galerien, Säle, Kapellen, Brücken und Thorwege an, Alles jetzt mehr oder weniger zerfallen und mit Schlingpflanzen überwuchert.
Südwestlich vom Gempscha-Bed breitet sich, von verschiedenen Quartieren umgeben, der große Marktplatz aus. Am Abhange und Fuße des Hügels liegt das Quartier der Muhamedaner, Islam-Bed, und südwestlich, jenseit des Kacha-Flusses, die Judenvorstadt, Falascha-Bed. Die Straßen Gondars sind eng und krumm, theils mit natürlichen Basaltplatten gedeckt, theils durch Schmuz und Schutt unwegsam gemacht. Die Einwohnerzahl dürfte 6000–7000 nicht übersteigen; doch war die Stadt einst volkreicher. König Theodor vernachlässigt sie „als Pfaffenstadt“ gänzlich, ja er hat einmal zur Strafe sein Heer gegen sie losgelassen, ihr enorme Geldbußen auferlegt und das Quartier der Muhamedaner zerstören lassen. Nicht weniger als 44 Kirchen, darunter sehr prächtige, bestehen in Gondar, und die Zahl der darin angestellten Geistlichen beträgt 1200, mithin ist jeder sechste Mensch ein Priester.
Nach außen hin ist Gondar offen, nur die Freistätte und verschiedene Kirchen sind mit größeren, halb verfallenen Mauern umgeben. An Trinkwasser ist großer Mangel, sodaß man in der trockenen Jahreszeit sich oft genöthigt sieht, aus dem Angrab- oder _Kachaflusse_ das nöthige Wasser zu holen und das Vieh zur Tränke dahin zu führen. Ueber den letzteren Fluß führt nicht weit vor der Stadt eine alte, sehr malerische Brücke, die noch aus der Zeit der Portugiesen stammt, jetzt aber sehr im Verfalle begriffen ist. Am östlichen Ufer des genannten Flusses liegt nordwestlich von der Stadt auf einer grünen Wiesenfläche die _Kirche Fasilides_ inmitten eines herrlichen Juniperuswaldes und umgeben von niedrigen Mauern mit runden Wartthürmen und Zinnen. Die viereckige steinerne Kirche ruht auf Schwebebogen in einem tiefen Bassin, über welches eine mit Eckthürmen befestigte Brücke führt. Eine großartige steinerne Wasserleitung auf hochgesprengten Rundbogen an der Westseite des Haines versorgte den Platz mit Wasser, das wahrscheinlich in ein Reservoir im südwestlichen Eckthurme geleitet wurde und dort Wasserwerke speisen mußte. Seines Zweckes wegen ist ein dicht bei dieser Kirche gelegener Tempel mit runder Kuppel merkwürdig. Es ist das Grabmal eines königlichen Streitrosses, man sagt von Negus Kaleb. Auch an Bädern mit Wasserleitungen und Nischen, sowie an anderen Zeugen einer ehemals regeren Baukunst und Baulust ist in der Nachbarschaft kein Mangel; doch die geringe Sorgfalt, die jetzt auf die verschiedenen Werke gewandt wird, droht sie dem gänzlichen Ruin zuzuführen.
Geht man von der Kacha weiter westwärts, so gelangt man in ein Seitenthal, in welchem an einem Bergabhange die malerischen _Ruinen von Koskam_ liegen. Ziemlich gut erhalten ist noch das dortige Lustschloß mit zwei Thürmen, deren einer ein Kuppeldach trägt, während das des anderen einem niedrigen, umgelegten halben Cylinder gleicht. Zwischen beiden führt ein hohes Bogenthor in eine lange steinerne Halle mit großen Bogenfenstern und Thüren; das Dach fehlt; Balken zeigen noch die Spuren von Altanen oder Galerien. Das ganze Gebäude besteht wie der Gemp aus ziemlich rohen Basaltsteinen, die Thür- und Fensterpfeiler aber aus gut gearbeitetem rothen Sandstein. Zwischen reizenden Baumgruppen ragen die Reste eines anderen Prachtgebäudes, in dem, wie es scheint, eine Halle mit schön gearbeiteten Säulen hinführte, Alles ist aber verfallen und mit Gestrüpp und Schlingpflanzen überwachsen.
Noch weiter westlich, von hohen Mauern mit Zinnen und Thürmen umschlossen, ist die Kirche, eine Rotunde mit Strohdach und vielen Wandgemälden, die namentlich Reiterfiguren darstellen.
So ist das heutige Gondar und seine Umgebung beschaffen; überall auf Schritt und Tritt begegnet dem Reisenden Verfall, und doch könnte diese Stadt bei ihrer prächtigen Lage in der gesunden, fruchtbaren Gegend im Mittelpunkte Amhara’s zu einer großen Blüte gelangen – wenn nur ihre Bewohner anders beschaffen wären.
Man hatte mir viel von der kleinen Kirche _Towari_ erzählt, die eine Stunde von meinem Aufenthaltsorte entfernt liegt, in welcher man die abessinische Malerei am besten studiren könne. Ich begab mich dorthin und fand auch dieses Gotteshaus, wie alle Landeskirchen, in einem dichten Hain von Juniperusbäumen versteckt. Die Gemälde, so berühmt in Abessinien, machten auf mich, der ich sie mit europäischen Augen ansah, im allgemeinen einen schauderhaften Eindruck. Indessen fesselte ein Bild des Abendmahls doch sehr meine Aufmerksamkeit, da auf demselben der Künstler hieratische Traditionen, byzantinische Malerei und Details des abessinischen Lebens merkwürdig miteinander verschmolzen hatte. Christus, die Jungfrau und die Abendmahlsgenossen sind nach der Tradition gekleidet und mit großem Kunstverständniß rings um einen Tisch gruppirt, der nach der feinsten abessinischen Art gedeckt ist. Vor jeder Person liegen Tiéfbrote, die zugleich die Schüsseln vertreten, zur Seite derselben die Messer zum Zerschneiden des Brundo (rohes Fleisch). Ein Major Domus, offenbar aus guter Familie, bietet zu trinken an; außerdem gehen Jünglinge mit Honigweinkrügen umher. Ein Theil der Jünger wendet die Gesichter gegen Christus, ein anderer gegen Maria. Die Züge dieser Hauptpersonen aber sind verfehlt; namentlich die der Maria. Abgesehen hiervon verdient das Bild jedoch alles Lob.
Als Begleiter auf meinen Ausflügen in die Umgebung Gafats diente mir ein junger Priester, der einige Zeit in der Propaganda zu Rom gewesen, dort aber nicht allzuviel gelernt hatte. Heimgekehrt, wollte er sich die Stelle eines Aleka bei einer reichen Kirche unrechtmäßig anmaßen; allein König Theodor nahm die Sache krumm und verurtheilte Michael, so hieß der civilisirte Geistliche, zu drei Jahren Kettenstrafe. Mir gegenüber wollte er sich nun als Glaubensmärtyrer darstellen, was mir ziemlich einerlei war; dagegen war er mir unschätzbar wegen seiner vortrefflichen Landeskenntniß.
Als er jedoch einige Monate später einen Salzdiebstahl beging, mußte ich ihn vor die Thüre setzen; anfänglich ging es ihm nun schlecht – dann begegnete er mir wohlgenährt und gut gekleidet wieder. Gott weiß, wie er zu Gelde gekommen sein mag; indessen dieser Art von Leuten geht es in Abessinien wie in Europa: sie fallen wie die Katzen stets wieder auf die Füße.
Eine meiner Exkursionen führte mich zur Fafatié oder dem _Wasserfall des Rebflusses_, der seine Quelle am Abhange des hohen Gunagebirges hat. Ich bestieg mein Maulthier, wandte mich nach Südosten und ließ zur Linken die große und fruchtbare Ebene von Gafat mit ihrem ausgetrockneten Strome liegen. Mit einiger Schwierigkeit wand ich mich durch das bewaldete Thal des Davezout und kam dann, einem schattigen Fußsteige folgend, zum Reb, der leise über ein mit dunkelblauen Steinen besäetes Bett dahinfloß. Der Wasserfall war nur fünf Schritt von mir entfernt: ich sah ihn nicht, aber ein schauderhafter Schlund und ein betäubendes Brüllen zeigten mir seine Gegenwart zur Genüge an. Um ihn von vorne zu erblicken, mußte ich auf einem Zickzackstege den Felsen hinabsteigen, der mit Buschwerk überzogen und von Affen belebt war. Unten angelangt, stand ich vor einem hübschen grünen See, in den von steiler Felswand eine senkrechte Wassersäule von 24 Fuß Höhe herabfiel. Ringsum zeigen sich die entzückendsten Landschaftsbilder, welche jeden Maler begeistern können.
Vier Monate später gewahrte ich dann den Wasserfall wieder zur Zeit seines höchsten Glanzes, als die Fluten hoch geschwollen waren. Er übertraf so die herrlichsten Kaskaden der Schweiz bedeutend. Die _dreitausend oder viertausend Wasserfälle Abessiniens_ sind die schönsten, die man sich denken kann, und ihnen fehlt weiter nichts als der Ruf, den andere Kaskaden durch Künstler und Touristen sich erringen. Ich habe den zehnten Theil davon, etwa 300 oder 400 selbst gesehen und etwa zwanzig abgezeichnet – alle prächtige Naturerscheinungen, von denen eine einzige hinreichte, eine Gegend in Europa berühmt und zum Ziele der Touristenschwärme zu machen.