Abessinien, das Alpenland unter den Tropen und seine Grenzländer
Chapter 21
Hinter uns liegt der ungesunde Küstensaum und die Samhara, die wir in wenigen Tagemärschen durchschritten, vor uns aber, am westlichen Rande derselben, steigt jäh in einer Höhe von durchschnittlich 8000 Fuß das _Taranta-Gebirge_, der natürliche östliche Grenzwall Abessiniens an, über dem zackige Gipfel in die Höhe starren. Im Lichte der südlichen Sonne spielt es in den prächtigsten Farben, die uns in Entzücken versetzen; ein ewiger Wechsel von Licht und Schatten, Helle und Dunkel ist bemerkbar. Es wird Einem wohler in der Seele, wenn man dem Gebirge näher und näher kommt; man treibt das Maulthier zu schnellerem Laufe an, um bald die Luft der Gebirgsthäler genießen zu können. Die Pässe und Saumwege sind häufig so eng, daß nur ein Lastthier hinter dem andern zu gehen vermag; stürzt eines, so versperrt es den Weg und die Karawane muß Halt machen. Der am meisten begangene Paß ist jener von Halai, durch den zur Regenzeit ein wild angeschwollenes Gebirgswasser dem Rothen Meere zustürzt. Schroffe Bergmassen, welche aus senkrechten Schichten von Schiefer bestehen, begrenzen den Weg. Das Ganze macht den Eindruck einer wilden Einöde: Bergwände mit fast ganz nacktem Gestein ohne frischen Graswuchs erheben sich zu beiden Seiten, während die Thalniederung nur hier und da Baumgruppen zeigt. In Zickzacklinien führt der Weg weiter; es treten nun verschiedene Pflanzen auf: man bemerkt die ersten Tamarisken, dann die Kronleuchter-Euphorbien (Kolqual), die mit der Höhe des Gebirges an Häufigkeit zunehmen und äußerst charakteristisch sind; vorherrschend ist jedoch die Mimose. Jetzt sind wir oben in der erfrischenden Bergeshöhe; in der Nacht ist kalter Tau gefallen und der kühle Wind streicht über die Gipfel, von denen wir noch einen Blick rückwärts auf das Rothe Meer – gleichsam zum Abschied – werfen. Der nächste Fluß senkt sich schon westlich ab – er gehört zum Gebiete des Nil. Abessiniens Grenze, die allerdings nicht so scharf gezogen erscheint, wie die Grenze eines europäischen Staates, ist überschritten und das Dorf _Halai_, das erste des Landes, ist erreicht. Es schmiegt sich terrassenförmig erbaut an die Kuppe eines Hügels an; die Wohnungen sind kaum mannshoch und mit flachen Dächern versehen. Diese haben einen bodenlosen Topf in der Mitte, durch welchen das Tageslicht in die Hütte dringt und der Rauch hinauszieht.
Diese Töpfe – Schornsteine kann man sie nicht nennen – werden mit einem Steine bedeckt, wodurch dann, da die Hütte außer einer kleinen Thür keine andere Oeffnung hat, das Innere derselben ganz finster wird. Wir treten ein, um einen Vorgeschmack abessinischer Behausungen zu erhalten. Um ein nie verlöschendes Feuer gekauert, dessen Rauch nur mühsam Abzug findet und die Wände mit dickem Ruß überzieht, lagern die halbnackten Insassen, zu denen sich Ziegen, Schafe und Esel gesellt haben, welche in einer Ecke des Gemachs Unterkunft fanden. Ermüdet werfen wir uns auf eine der mit Ledergeflecht überzogenen Ruhebänke, reiben die thränenden Augen, welche von dem beißenden Qualm zu leiden haben, und gedenken uns durch einen Schlaf von der anstrengenden Gebirgswanderung zu erholen – aber auch dieser wird uns verleidet, denn aus den Rohrmatten, die auf der Ruhebank liegen, stürzen blutgierig Hunderte von Flöhen über uns her, denen europäisches Blut ein ganz besonderer Genuß zu sein scheint. Wir möchten hinaus ins Freie – aber auch das ist uns benommen, denn strömender Regen gießt auf die Erde herab, und wir sind gezwungen, in dem ekelhaften Quartier auszuhalten.
So gestaltet sich das Vordringen nach Abessinien von der Seite des Rothen Meeres her. Anders und mit noch größeren Schwierigkeiten gelangt man längs dem Nil oder längs dessen Zuflüssen in die Hochlande. Hier ist der Reisende genöthigt, bis nach der Metropole des östlichen Sudan, Chartum am Zusammenflusse des Weißen und Blauen Nil, vorzudringen. Von hier aus kann er entweder am Blauen Fluß stromaufwärts bis nach der zerfallenen Stadt Sennar reisen und dann nach dem östlich liegenden Sklaven- und Gummimarkte _El Gedaref_ ziehen, oder er verläßt den Blauen Nil schon früher bei Abu-Haras und gelangt durch das Gebiet der Schukerié-Araber nach dem genannten Marktplatze. Von hier aus geht nun in südöstlicher Richtung die vielbesuchte Karawanenstraße am Elephantengebirge oder Ras el Fil vorbei in die Negerrepublik _Galabat_. Dieser merkwürdige Grenzstaat, der von sehr fleißigen Schwarzen – Takruri – bewohnt wird, die aus Darfur und Wadaï stammen und auf den Mekka-Wallfahrten hier sitzen blieben, hat sich unter einem Oberhaupte – Schum – eine Art von Selbständigkeit zu bewahren gewußt, die er allerdings durch gleichzeitige Abgaben an Aegypten und Abessinien theuer erkauft. Die Hauptstadt Metemmé ist ein bedeutender Marktort, unfern vom Atbara. Auch haben die Baseler Missionäre hier eine Station errichtet, die indessen ganz erfolglos blieb.
Metemmé, nur wenige Meilen von der abessinischen Grenze gelegen, ist in der letzten Zeit ungemein häufig von europäischen Reisenden besucht worden, so von Baker, Schweinfurth, Graf Krockow, v. Heuglin. Das Hinaufsteigen in die Hochlande ist hier nicht sehr schwierig, keinenfalls so mühevoll wie von Massaua aus. Auch wir wollen hier in das Land eindringen und zwar unter der Führung _G. Lejean’s_, eines französischen Reisenden, der sich um die Wissenschaft schon bedeutende Verdienste erworben hat.
G. LEJEAN’S REISE DURCH ABESSINIEN.
Metemmé. – Der Markt Wochni. – Grenzwächter. – Eine abessinische Festung. – Eine deutsche Familie. – Das Land am Tanasee. – Schnapphähne. – Missionsstation Gafat. – Gefangennahme Lejean’s durch König Theodor. – Theodors Löwen. – Gondar und seine Bauten. – Wasserfall des Reb. – In einem Kloster. – Besuch in Korata. – Binsenflöße. – Der Tanasee. – Besteigung des hohen Guna. – Fünf Frauengenerationen. – Befreiung. – Hochebene Woggara. – Lamalmonpaß. – Reise durch Tigrié nach Massaua.
Guillaume Lejean ist ein vortrefflicher Mann. Er verbindet mit der Leichtigkeit und Liebenswürdigkeit echt französischen Wesens eine deutsche Gründlichkeit. Dabei ist er kühn, praktisch und vor keiner Gefahr zurückschreckend. Diese hervorragenden Eigenschaften machten ihn zum Forschungsreisenden besonders geeignet, wozu noch sein offizieller Charakter als französischer Konsul ihm mancherlei Erleichterungen verschaffte. Bekannter wurde er zuerst durch eine Abhandlung über die verwickelte Ethnographie der europäischen Türkei, die er nach allen Seiten hin bereist hatte. Als die große Zeit der Nilquellenentdeckungen war und Speke, Grant, Baker ihre Erfolge errangen, beschloß auch Lejean sein Theil zur Lösung des Problems beizutragen; er ging den Weißen Nil hinauf, untersuchte dessen Nebenfluß, den Gazellenstrom, und kam bis Gondokoro. Hier warf ihn jedoch das klimatische Fieber dergestalt nieder, daß er umkehren mußte. Nun wandte er sich nach Nubien, besuchte Kassala, eine der bedeutendsten Städte im östlichen Sudan, und durchstreifte die Bogosländer. Von der französischen Regierung zum Konsul in Massaua ernannt und mit einer Mission an den König Theodor von Abessinien betraut, ging er abermals nach dem Sudan. Im Dezember 1862 finden wir ihn dann zu Metemmé in Galabat, um weiter nach Abessinien vorzudringen. Von hier ab lassen wir ihn seine an persönlichen Abenteuern reiche Reise auszugsweise selbst erzählen.
Von dem deutschen Missionär _Eperlein_, einem Badenser, wurde ich sehr freundlich aufgenommen. Bei ihm befand sich ein junger Engländer, Namens _Dufton_, der, gleichfalls vom Missionseifer getrieben, aus freien Stücken sich hierher begeben hatte, um ein Noviziat durchzumachen und dann als Glaubensbote weiter zu ziehen. Er war ein gutes Exemplar jenes frostigen Enthusiasmus, welcher seine Landsleute in religiösen Dingen auszeichnet und zu so originellen Thaten treibt. Obgleich er als der Sohn eines reichen Fabrikanten in Leeds gemüthlich zu Hause hätte leben können, beschloß er dennoch, gleich Krapf oder Livingstone Missionsreisen anzutreten. Nur mit acht Guineen in der Tasche wanderte er nach Schwaben, wo ihm Krapf anrieth, die Galla zum Christenthum zu bekehren. Er ging dann nach Aegypten, den Nil aufwärts nach Chartum, lud dort sein winziges Gepäck auf einen Esel, den er vor sich hertrieb, erlitt in Gedaref einen heftigen Fieberanfall und langte mit drei Thalern in der Tasche in Metemmé an. Ich schlug ihm vor, sich meiner kleinen Karawane anzuschließen; er würde so als mein Sekretär angesehen werden und ohne Schwierigkeit die abessinische Grenze passiren können. Gern ging er auf meinen Vorschlag ein, und ich gewann einen tüchtigen, sehr gebildeten Reisegefährten, welcher sich in schwierigen Lagen voller Muthes erzeigte.
Auf dem wohlversorgten Markte von Metemmé kaufte ich zwei abessinische Maulesel, zu 9 Thaler das Stück, und miethete außerdem ein Kameel, welches mein Gepäck bis Wochni bringen sollte, wo die steilen Bergabfälle beginnen und Lastesel an die Stelle des Schiffs der Wüste treten. Nach viertägigem Aufenthalt in Metemmé sagten wir endlich dem braven Eperlein Lebewohl, traten die Reise nach Abessinien an und gelangten zunächst in einen dichten Wald, der sich drei Tagereisen weit bis an den Fluß _Gandova_ (Nebenfluß des Atbara) hin erstreckt. Dies ist der Grenzstreifen oder Border, wie man in Schottland sagen würde, der von den Aegyptern und Abessiniern als neutrales Land betrachtet wird, den aber beide Theile schon häufig mit ihrem Blute getränkt haben. Am dritten Tage passirte ich die noch stark angeschwollene Gandova, an der Stelle, wo die kleine Insel _Kaokib_ den Karawanen den Durchgang erleichtert; mitten auf derselben erhebt sich ein prachtvoller Tamarindenbaum, welcher die Reisenden zur Rast in seinem kühlen Schatten auffordert.
Gegen Abend gelangten wir an die erste jener stufenförmigen Terrassen, welche ringsum fast ganz Abessinien begrenzen. Wir erklommen sie mit einiger Schwierigkeit und fanden auf dem Gipfel ein schönes Plateau, auf welchem man gerade das dürre Gras und Kraut behufs der Bestellung der Felder abbrannte. Hier wurde das Nachtlager aufgeschlagen, das Gepäck abgeladen, schnell zu Abend gegessen und der müde Körper auf dem Boden zum Schlafe ausgestreckt. Wir hatten nur kurze Zeit geruht, als sich ein wüster Lärm erhob; die Maulthiere begannen auszuschlagen und eins derselben riß sich los. Unser Diener schoß aufs Gerathewohl in die Finsterniß hinein. Wahrscheinlich hatte eine freche Hyäne einen Ueberfall versucht, war dabei aber gestört worden. Das freigewordene Maulthier lief nach Metemmé zurück, wo es mit einem tiefen Biß in der Weiche bei Eperlein ankam.
Schnell erhoben wir uns beim Morgengrauen von diesem unangenehmen Orte und gelangten nach vierstündigem Marsche in _Wochni_, dem ersten abessinischen Orte an, der wegen seines Wochenmarktes, wo die Baumwolle von Gallabat und Sennar verkauft wird, berühmt ist. (Abbildung siehe S. 85.) Ein für allemal muß ich hier bemerken, daß wir wegen unserer europäischen Kleidung oder wegen unseres fremdartigen Aussehens von den Eingeborenen keineswegs belästigt wurden.
Wochni liegt tief in einem dunklen feuchten Walde. Hierher kommen die südlichen Gallastämme und Leute aus Tigrié, um Goldstaub und Elfenbein gegen Pulver, Tuch und Leinen einzutauschen; die Beduinen aus Ostsudan bringen ihre Pferde und aus Chartum langt Salz an, das in dem Reiche des Negus als Geld unentbehrlich ist. Die Wohnungen bestehen aus runden Hütten mit kegelförmigem Dache; außer Teppichen und Decken, welche als Divan dienen, sind darin keine Möbeln vorhanden.
Wir lagerten uns unter einem Baum, und unser Führer ging, um den _Nagadras_ oder Zollwächter aufzusuchen. Unterdessen blätterte ich in einem illustrirten Buche, während Dufton die hohe steile Basaltterrasse des Maschelagebirges zeichnete, die sich nördlich von Wochni mit senkrechten Rändern 1800 Fuß hoch erhebt. Neugierig, doch ohne uns gerade zu belästigen, kamen die Leute des Ortes heran. Ein junges Mädchen fragte mich, ob ich ein Christ sei, und als ich ihre Frage bejahte, zeigte sie mir ihre blaue seidene Halsschnur und forschte dann weiter, ob ich auch die Denghel Mariam verehre? „Ja wohl, die _Jungfrau Maria_, die Mutter Christi!“ lautete meine Antwort. Nichts kommt der Verehrung gleich, mit welcher die Abessinier der Mutter Maria ergeben sind; hierin liegt einer der zahlreichen Punkte, in welchen die Religion der Abessinier mit jener der romanischen Völker übereinstimmt. Die deutschen und englischen Missionäre mit ihrer kalten und schwerfälligen Logik haben ungeschickterweise gegen dieses Nationalgefühl, eine der schönsten Formen des Frauenkultus, geeifert und aus diesem Grunde, glaube ich, sind auch alle ihre Missionsbestrebungen erfolglos geblieben.
Der Nagadras kam an. Nach einigem Wortwechsel bedeutete er uns, daß er über unsere Zulassung in das Reich erst mit dem _Bel-Amba-Ras Gilmo_, dem Markgrafen oder Grenzwächter der vier Grenzprovinzen Tschelga, Sarago, Dagossa und Ermetschoho unterhandeln müsse. Bel-Amba-Ras Gilmo bestellte uns nach seinem Aufenthaltsort, dem Dorfe Kamauchela, welches auf dem Gipfel eines steilen, fast unzugänglichen Berges liegt, einer Amba, wie derselbe in Abessinien genannt wird. Vier Tage brachten wir noch in Wochni zu, worauf wir dann auf Gilmo’s Befehl, geführt von einem Diener des Zollwächters, nach Tschelga aufbrachen.
Der Weg führt durch das Bel-Wocha-Thal, das der Kolla Abessiniens angehört. An einzelnen Stellen zeigt dasselbe einen breiten Bambusgürtel, der über die Hügel sich hinzieht und fast alle übrige Baum- und Strauchvegetation erdrückt hat. Andere Stellen zeigen prächtigen Blumenflor. Weiße Schwertwurz (_Gladiolus_) und Asphodelusarten, Muscari, Arum und düster erscheinende Takka; im Grase steht häufig die Kämpferia, deren breite gelbe Blüte sich mitten zwischen vier großen, platt auf der Erde liegenden, hellgrünen, rothgesäumten Blättern, die in einigen Gegenden als Salat genossen werden, erhebt. Dazu gesellen sich Orchideen, großblütige Amaryllis und Haemanthus mit scharlachrothen Blütenknöpfen. Prächtig leuchtet vor allen andern Pflanzen der _Oenanthus multiflorus_ uns entgegen. Ueber Gestrüpp und Gestein führt in Zickzacklinien an steilem Gehänge fort durch enge Tiefthäler der Weg aufwärts; dann folgt eine Ebene, von der man zum ersten Male einen weiten Blick in das gesegnete Land Abessinien hat. Von hier aus genießt man eine herrliche Aussicht auf die Ebene von Tschelga und Dembea, auf den weiten Spiegel des Tanasees mit seinen Inseln und die hohen Berge jenseit desselben, die Guna und südöstlich auf die Alpen Godschams.
Unter strömendem Regen langten wir in _Tschelga_ an, und dort wollten die ungastlichen Eingeborenen, da wir keinen _Mursal_ oder Paß besaßen, uns zwingen, unter einem Baume zu kampiren, bis unsere Angelegenheit geordnet sei. Ich miethete jedoch zu dem mäßigen Preise von einem Stück Salz täglich ein Haus, das zu beziehen unser Führer, der Diener des Nagadras, uns jedoch verhindern wollte. Dufton, hierüber aufgebracht, stellte sich in nationale Boxerposition und schrie den Diener an: „Also du willst uns auch ein trockenes Obdach verwehren? Piff, paff, da hast du eins!“ Nun drehte sich der Diener im Kreise, aber ein baumstarker Abessinier hielt Dufton fest, und die Lokalpolizei intervenirte. Nach langem Streiten erreichten wir dennoch unsern Zweck fürs erste: ein schützendes Gemach.
Ich will die Leser nicht damit langweilen, wie der Bel-Amba-Ras uns volle 19 Tage in Tschelga aufhielt, unter dem Vorwande, erst Befehle vom Negus Theodor einholen zu müssen. Ich argwöhne nur, daß er mich für einen Missionär hielt und auspressen wollte. Zuletzt ungeduldig geworden, beschloß ich, ihn in seiner luftigen Felsenfestung aufzusuchen. Gefolgt von Dufton, einem Takruri-Dolmetscher und einem Soldaten, der uns als Wache beigegeben war, machte ich mich nach der Amba auf den Weg, die nordnordöstlich von Tschelga liegt. Am ersten Abend schliefen wir, vier Stunden von der Stadt entfernt, in einem muhamedanischen Dorfe, dessen Einwohner in dem christlichen Abessinien dieselbe gedrückte Stellung einnehmen, wie die Christen in der muhamedanischen Türkei. Mit dem Morgengrauen brachen wir wieder auf und erklommen eine Terrasse, von der aus wir den ersten Blick auf die Amba werfen konnten. Vor Verwunderung über das herrliche Naturgebilde standen wir beide ganz überrascht still. Man stelle sich am Ende einer mit grünenden Hügeln überzogenen Terrasse einen jäh und steil abfallenden Felsenberg von 700 bis 800 Fuß Höhe vor, also doppelt so hoch als unsere höchsten Thürme und fast ebenso gerade aufschießend wie diese, begrenzt von den bewaldeten Thälern, die sich nach dem Goang, wie man hier den Atbara nennt, hinziehen. Ein Felsen, der in eine Plattform endigt, etwa von der Größe der Place de la Concorde in Paris, und der weit und breit die umliegende Ebene beherrscht, verbindet sich wie eine Art von Vorwerk mit der Festung. Ein Felsgrat, so eng, daß zwei Personen nebeneinander ihn nicht passiren können, führt zu dieser, und der Fußgänger, welcher auf ihm hingeht, hat keinerlei Schutz zur Seite, welcher seinen Fall in den gähnenden Schlund rechts oder links verhinderte. In diesem wilden Gibraltar wohnte der abessinische Feudalherr, dessen kleiner pomphafter Hof lebhaft an die merovingischen Herzöge zur Zeit Gregor’s von Tours erinnert. Doch war es hier nicht das erste Mal, daß ich jene Sitten noch in voller Ausübung fand, welche in meinem Vaterlande vor acht oder zehn Jahrhunderten herrschten, und manche dunklen Verhältnisse unsrer Geschichte wurden mir erst durch den Augenschein im heutigen Abessinien klar vor Augen geführt.
Wir schritten ohne Zögern die schwindlige Brücke entlang, die jener gleicht, welche in den muhamedanischen Legenden aus dem Paradiese in die Hölle führt, und nachdem wir ein Thor erreicht hatten, das von halb entblößten Lanzenträgern bewacht war, kletterten wir langsam einen abschüssigen Abhang hinan, passirten ein zweites Thor und standen nun auf einer Plattform, wo uns Gilmo’s Leute in eine Art Wartesaal führten, indem sie uns bedeuteten, daß der Bel-Amba-Ras gerade mit einem Botschafter des Negus verhandle, daß wir aber nach dessen Abfertigung sofort eingelassen werden sollten.
Nach Verlauf von zwei Stunden führte man uns in einen weiten, mit Dienern, Vasallen und Leibwächtern angefüllten Raum, in welchem der Festungskommandant auf einer Alga ruhte. Seine dunkeln Gesichtszüge zeigten zur Genüge an, daß er von Ursprung ein Gamante (vergl. S. 88) sei, welches Volk in diesen Grenzprovinzen sehr zahlreich wohnt und die großen Sykomoren verehrt. Er hielt eine „Berille“, weitbauchige Flasche von antiker Form mit langem Halse in der Hand und war schon angetrunken. Uns zutrinkend wünschte er nichts sehnlicher, als uns in den gleichen Zustand versetzt zu sehen. Ich trug ihm meine Bitte vor, das Weihnachtsfest bei meinen „europäischen Brüdern“ in Dschenda zubringen zu dürfen. So nannte ich nämlich die dort wohnenden Missionäre, von denen ich in der Folge manche Unterstützung zu erhalten hoffte, und mit großer Genugthuung vernahm ich alsdann seinen Ausspruch: „Etsche! Ich willige ein“. Durch diesen guten Anfang kühner gemacht, bat ich ihn um die Erlaubniß, seine Festung abzeichnen zu dürfen, die ich für ein Weltwunder erklärte. Er wurde ernst und sagte: „Hast du in unserm Lande etwas verloren? Hat man dich bestohlen? Sprich, und ich will dir Gerechtigkeit widerfahren lassen!“ Nichts dergleichen, antwortete ich. „Dann“, nahm er das Wort, „hast du auch nichts zu verlangen, und aus welchem Grunde willst du diesen Ort „abschreiben“, um dich später seiner zu erinnern?“ Sein Mißtrauen lag klar auf der Hand, ich schwieg weislich still und nahm dankend Abschied. Kaum in mein Quartier zurückgekehrt, erhielt ich vom Bel-Amba-Ras einen Hammel, einen Krug mit Honigwein, sowie Brot zugeschickt und hielt mit Dufton eine köstliche Mahlzeit. So war die Audienz gut abgelaufen und wir kehrten nach Tschelga zurück, um uns zur Abreise vorzubereiten.
Vor uns leuchtete der herrliche _Tanasee_, wie ein von Smaragden eingefaßter Saphir. Er ist ein großes vulkanisches Becken von außerordentlicher Tiefe, auf dem die Stürme heftig hausen. Zwanzig Ströme und Bäche speisen ihn, führen aber auch zur Zeit der Sommerregengüsse ihm große Mengen von Schlamm zu und ändern dadurch stets seine Grenzen. Reizende Inseln, auf welchen Kirchen und Klöster sich im Grün der Bäume verstecken, unterbrechen anmuthig seine Fläche und verleihen dem lieblichen Bilde Abwechselung.
Die Reise von Tschelga nach Dschenda wurde in drei Stunden ohne bemerkenswerthen Vorfall zurückgelegt. Eine halbe Stunde hinter Tschelga passirten wir den _Goang_, welcher an seiner nahen Quelle, dem Gesetze aller abessinischen Ströme folgend, eine Spirale um den Berg Anker herumzieht. Die Braunkohlen, auf welche 1855 bereits Krapf aufmerksam machte, wurden auch von mir in dieser Gegend gesehen. Später ließ König Theodor diese Lager durchforschen, um seine Werkstätten in Gafat damit versehen zu können. In _Dschenda_ wurde ich von einem großen jungen Manne empfangen, der mit der abessinischen Schama, türkischen Pantoffeln und einer europäischen Mütze bekleidet erschien. Es war der deutsche Missionär _Martin Flad_, welcher sich mit der Bekehrung der in dieser Gegend sehr zahlreichen Juden befassen darf. Er stellte uns seine Frau vor, welche Diakonissin im Institute des Bischofs Gobat zu Jerusalem gewesen war. Diese deutsche Familie erschien mir in jeder Beziehung musterhaft und außerordentlich gastfrei, ein Lob, das ihr alle jene Reisenden ertheilen müssen, welche auf dem Wege über Dschenda nach Abessinien eindrangen. Ich blieb vier Tage in Dschenda und unterhielt mich mit Flad viel über den König Theodor II., der ihm große Gunst bezeugte und ihn ganz anders behandelte als seine Kollegen Stern und Rosenthal (Flad gehörte jedoch sammt seiner Frau auch zu den Gefangenen in Magdala). Er erzählte mir, daß vor der Thronbesteigung Theodor’s in Dschenda kein Markttag verging, ohne daß einige Mordthaten vorkamen, daß aber unter der neuen kräftigen Regierung dieselben fast ganz aufgehört hätten.
Am 1. Januar 1863, nachdem ich meinem liebenswürdigen Wirthe ein glückliches neues Jahr gewünscht, verließ ich ihn und seine drei Kollegen Steiger, Brandeis und Cornelius, um nach Debra Tabor zum Negus Theodorus II. zu reisen. Wir durchzogen eine weite, fruchtbare, von vielen Bächen durchschnittene Ebene, in der zahlreiche Dorfschaften zwischen Getreidefeldern und Gärten mit rothem Pfeffer zerstreut lagen. Hier ist das Eden Abessiniens, die Provinz Dembea mit der Hauptstadt Gondar, der reichste und am besten bebaute Boden des ganzen Kaiserstaates. Ich passirte die Nordostecke des Tana-Sees und gelangte in die schöne Ebene _Arno-Garno_, wie sie nach dem vorzüglichsten, sie durchschneidenden Flusse heißt. Mir zur Rechten lag der glänzende Spiegel des Sees, zur Linken eine hohe Reihe Berge, die in der Amba Mariam, dem Marienberge, bei Emfras ihren malerischesten Gipfel zeigten. Anderthalb Meilen von Emfras erhebt sich auf einem Hügel am Ufer des Arno ein unter der Regierung des Negus Fasilides von den Portugiesen erbautes Schloß _Qusara Giorgis_, dessen malerische Ruinen in diesem Lande der Strohhütten plötzlich eine ganz europäische Staffage hervorzaubern, sodaß man eine alte Burg am Rhein vor sich zu sehen glaubt.