Abessinien, das Alpenland unter den Tropen und seine Grenzländer

Chapter 18

Chapter 183,529 wordsPublic domain

Rauchtabak wird im Lande selbst gebaut und fabrizirt; Schnupftabak dagegen, den man nicht zu bereiten versteht, von Massaua bezogen. Die Summe, welche jährlich aus Abessinien nach Massaua wandert, ist sehr groß, und welchen Ersatz hat das Land für das viele ihm entgehende Geld? Antwort: keinen.

Die Blätter des _Geschobaumes_, die einen nicht unbeträchtlichen Handelsartikel bilden, vertreten in Abessinien die Stelle des Hopfens und werden beim Bierbrauen und bei der Herstellung des _Honigweines_ benutzt. Letzteren bereitet man auf folgende Art. Auf ein Maß Honig giebt man fünf Maß Wasser, spült das Wachs aus und gießt die dünne Honigflüssigkeit in einen wohlgereinigten, sechs Maß fassenden Krug. Man fügt eine Hand voll Geschoblätter hinzu und läßt das Ganze bei mäßiger Wärme vier bis fünf Tage gähren. Nun ist der Wein fertig – allein trinken darf ihn nicht Jedermann, da er königliches Monopol ist und der Herrscher den Genuß desselben nur seinen vorzüglichsten Dienern und den Fremden gestattet.

Da der Abessinier weder Lust noch Liebe zur Arbeit und Thätigkeit hat, so läßt er all den genannten Kulturpflanzen nur wenig Pflege und Wartung angedeihen; seine Felder, seine Anpflanzungen gleichen fast immer einer Wildniß. Liebe, Sinn für die Natur und ihre Schönheiten sind ihm unbekannt; wie sein Feld, so ist auch sein Sinn und Herz stets eine Wildniß.

Folgendes sind die _durchschnittlichen_ Ernteergebnisse, jedoch ist dabei zu bemerken, daß der Ertrag der Mais- und Dakuscha-Arten in den tiefer gelegenen Ländern am Mareb, Takazzié und Nil nicht als Norm anzunehmen ist, da hier der Ertrag, je nach der Bodengüte, oft drei- und vierhundertfältig ausfällt. Je _ein_ Scheffel Tiéf giebt 30, Mais 150, Weizen 10, Dakuscha 20, Lein 24, Gerste 12, Linsen 6, Saubohnen 10, Schimbera 8 und Nuk 40 Scheffel Ernteerträgniß im Durchschnitt.

Nur eine einzige Oelfrucht, _Nuk_ (_Guizotia olifera_) wird zwischen 5000 und 7000 Fuß angebaut. Die Aussaat beginnt mit dem Eintritte der Regenzeit zu Anfang Juli und 1 Scheffel liefert 30–40 Scheffel Ertrag. Das Nuköl ist sehr wohlschmeckend und dient in der Fastenzeit statt der dann verbotenen Butter. Um das Oel zu gewinnen, werden die Samen zuerst schwach geröstet, fein gestampft und unter Wasserzusatz bei stetem Umrühren unter Beibehaltung einer Wärme von etwa 50° R. über dem Feuer erhalten. Alsdann scheidet sich das Oel aus, von dem die Samen etwa 35 Prozent enthalten.

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Der Abessinier hat durchschnittlich eine _Einfelderwirthschaft_ und nur hier und da Zweifelderwirthschaft. Er düngt nicht, obgleich er den Nutzen der Felderdüngung sehr gut kennt. Allein seine Unlust zur Arbeit und sonstigen Thätigkeit, seine Stellung zur Regierung sind für ihn Hindernisse, die er niemals zu überwinden vermag. Diese Indolenz wird vorzüglich durch die Größe und durch den Reichthum seines Landbesitzes genährt, denn schon wenn der vierte Theil der Felder bestellt ist, sind die Lebensbedürfnisse des Besitzers gesichert. Gewöhnlich liegt der dritte Theil brach; wo der Boden sehr humusreich ist, bestellt man jedoch nur die Hälfte. Man muß die traurigen Zustände mit eigenen Augen gesehen haben, um einen Begriff von Brachfeldern zu erhalten, die drei Jahre, ohne vom Pfluge berührt zu werden, wüst liegen!

Ein solches „Ackerfeld“ gleicht gewissermaßen einer gut aufkeimenden Waldung, denn die wilde Vegetation wuchert in Abessinien ungemein schnell; man scheut auch das Ausroden der Strünke und Wurzeln und begnügt sich damit, die Baumstämme 1–2 Fuß über dem Boden abzuhauen. So sieht man die Felder mit großen und kleinen, oft Jahrhunderte alten Stämmen und Wurzeln bedeckt. Und nun erst die Steine, die groß und klein, oft so dicht, daß man kaum den Boden erkennt, über den Acker zerstreut liegen! Nicht einmal den kleinsten Stein entschließt sich der Abessinier auf die Seite zu schaffen. Wie viel gutes Ackerfeld geht also auch hierdurch verloren!

Naht die Zeit heran, daß diese Ackerwüste bestellt werden soll, so sendet der Eigenthümer oder Bauer seinen Knecht dorthin; hat er Lust dazu, so geht er auch wol selbst auf das Feld. Dort angelangt, besteht die einzige Arbeit darin, das aufgewucherte Gestrüpp, Strauchwerk und Holz niederzuhauen. Dies geschieht gewöhnlich gleich nach der Ernte im November, Dezember, Januar, und von dieser Periode bis zur Bestellzeit hat das abgehauene Reisig Zeit auszutrocknen; alsdann wird es in Brand gesetzt. Leicht und oft ereignet es sich nun hierbei, daß auch die benachbarten Wildnisse Feuer fangen und ein großer Brand über viele Meilen Landes sich verwüstend erstreckt. Die von dem verbrannten Holzwerk zurückgebliebene Asche macht die einzige Düngung des Landes aus. Stellen sich dann die ersten Regengüsse ein, so wird der Pflug angesetzt und der Boden hintereinander zweimal umgepflügt, einmal der Länge und einmal der Breite nach. Die Saat wird schon vorher ausgestreut und mit untergepflügt; eine nachherige Aussaat kennt der Abessinier nur bei Tiéf und Dakuscha, bei welchen die Hände der Weiber und Kinder dann das Geschäft des Eggens besorgen. Da, wo bei herrschender Zweifelderwirthschaft die Felder von Holz und Gestrüpp frei sind, werden dieselben zweimal gepflügt; einmal gleich nach der Regenzeit und das zweite Mal bei der Aussaat. In den Hochländern, wo Holzwuchs und Gestrüpp seltener, ja in vielen Gegenden gar nicht anzutreffen ist, hat der Bauer leichteres Spiel, namentlich beim Gerstenbau.

Das einzige Ackerwerkzeug ist der _Pflug_, aber was für ein Pflug! Ist die Umackerung und Einsaat vollendet, so gleicht die ehemalige Wüste einem Felde, das von einer Herde Schweine durchwühlt wurde. Lange Furchen zieht der Abessinier nicht; schon nach 20–30 Schritten lenkt er wieder um, vollendet so ein gewisses Stück und beginnt da, wo er abgesetzt, von Neuem. Man stelle sich vor, wie viel von dem bereits fertig gepflügten Lande von den Zugthieren wieder zertreten wird. Letztere sind Ochsen, die in einem gemeinschaftlichen Joche gehen und nur durch die Stimme oder Peitsche des Pflügers gelenkt werden. Da sie zügellos sind, so wenden sie sich bald rechts, bald links und ziehen demgemäß krumme Furchen.(2) Egge und Walze sind in Abessinien unbekannte Dinge. Tritt nun die eigentliche Regenzeit ein, dann grünt das Feld lustig von Unkräutern und Schmarotzerungethümen, die von den Frauen und Kindern ausgejätet werden müssen.

Im Hochlande, namentlich auf den Plateaux, trifft man dagegen, weil auf diesen Punkten das Gestrüpp mangelt, ungeachtet des unbehülflichen Pfluges trefflich kultivirte und gereinigte Felder an.

Tritt die Erntezeit ein, so wird alles Getreide mit gezähnten Sicheln geschnitten und zwar nur eine Spanne lang unter der Aehre. Sensen sind in Abessinien unbekannt. Der Strohverlust kümmert den Abessinier nicht; er bindet das Getreide auch nicht in Garben, sondern wirft es auf Haufen, die an Ort und Stelle mit langen Stöcken ausgedroschen oder von Ochsen ausgetreten werden. Nachdem das meiste Stroh entfernt, reinigt man das Getreide durch Emporwerfen mittels hölzerner Gabeln; der Wind vertritt Wurfschippe und Sieb, doch bedient man sich in einzelnen Gegenden auch hölzerner Schaufeln. Um die mühsame Reinigung von 6–8 Scheffeln Getreide zu vollenden, braucht ein Mann einen ganzen Tag. Scheunen giebt es nicht und selbige sind auch weniger nothwendig, da nach Schluß der Regenzeit kein Regen mehr eintritt.

Die eigentliche _Regenzeit_ beginnt nach europäischer Zeitrechnung am 24. Juni, nach abessinischer am 1. Juli und endigt mit dem 8. September. Während dieser Periode regnet es alltäglich im Tieflande. Vormittags herrscht meistens Sonnenschein, Nachmittags treten starke Regengüsse, begleitet von heftigen Gewittern unter Donner und Blitz ein; die Nächte sind heiter. Im Hochlande dagegen sind die Regen feiner, wie unsere Landregen, und ihr Eintreten ist sehr unregelmäßig. Bald regnet es früh, bald Mittags, bald Abends, oft die ganze Nacht oder den ganzen Tag ohne Aufhören hindurch. Gewitter sind im Juli selten, im August häufiger, besonders zu Ausgang der Regenzeit. Auf den Höhen zwischen 12,000 und 14,000 Fuß fällt gewöhnlich ein feiner Hagel; allein, wenn die Sonne einige Vormittage geschienen, so verschwindet derselbe bald wieder. Stellt sich, was gewöhnlich der Fall ist, in den Monaten Dezember, Januar, Februar einiger Regen ein, so schneit es im Hochlande. Auch das Tiefland kennt in der Regenzeit starken Hagel und ich sah daselbst Schloßen von der Größe eines Taubeneies.

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Ist eine Ackerwüste nur einigermaßen fruchtbar, so erzielt man von Tiéf in zwei Jahren zwei Ernten, da dieses Getreide mit geringem Boden vorlieb nimmt. Außer der Regenzeit wendet man beim Getreidebau auch die _Felderbewässerung_ an, doch sind nur wenige und mangelhafte Wasserleitungen vorhanden. Würden durch vaterländischen Fleiß, Geschicklichkeit und Verstand diese Wasserleitungen vermehrt und verbessert, was ohne bedeutende Kosten leicht geschehen könnte, welch unberechenbarer Nutzen ließe sich alsdann erzielen! Die Höhen zwischen 8000 und 11,000 Fuß eignen sich indessen für die Bewässerung nicht, da die Nächte in den Monaten Dezember bis März so kalt sind, daß das Wasser gefriert.

Die Hauptursache der Unlust und Unthätigkeit der Abessinier zu jeder ackerbautreibenden Beschäftigung liegt in ihrer Stellung zur Regierung. Diese läßt es sich auch nicht im Geringsten angelegen sein, den Bauer zur Arbeit aufzumuntern, anzutreiben oder zu unterstützen. Der Regierung ist es vollkommen gleichgiltig, ob die Leute Ackerbau treiben und wie sie denselben treiben. Das Regiment war stets ein despotisches; erzielt der Bauer viel, so nimmt die Regierung viel, erntet er wenig, so nimmt sie trotzdem auch viel. Hierzu gesellen sich andere Lasten: stete Einquartierung und _Frohndienste_ aller Art. In einer unbestimmten, willkürlichen Anzahl von Frohntagen muß der Landmann die Aecker der Regierung und der hohen Beamten bestellen; er muß Baufrohnen leisten, wenn ein hoher Herr bauen will, und dazu das nöthige Holz oft viele Tagereisen weit auf dem Rücken herbeischleppen. Es kommt vor, daß hundert Menschen an einem einzigen großen Balken tragen müssen. Man bedenke dabei aber, welche Wege zu überschreiten, welche Abgründe zu passiren, welche Höhen zu erklimmen sind! Gestrüpp, Dornen, Steine, Alles hindert den Transport. Gebahnte Wege und Straßen besitzt das Land nicht. Außer dem Holze muß der Bauer noch Steine, Stroh, Mörtel, Wasser und was sonst von Nöthen zum Bau herbeischaffen.

Eine Hauptlast, die schwer auf dem Volke drückt, ist der _Adel_. Es giebt einen niederen, Mosseso, und einen höheren, Mokunnen, genannt. An sie schließen sich drückend an die Dienerschaft des Regenten, die Heerführer, alle aus der Adelsklasse, endlich die Räthe und Minister. Alle diese Menschen sind nicht von der Regierung besoldet. Der Herrscher giebt ihnen, je nach Rang und Stellung, Ländereien, von denen sie gesetzliche _Steuern_ zu beziehen haben; allein sie alle, groß und klein, erlauben sich Ausschreitungen und Bedrückungen, gegen die der Bauer wol klagt, doch die Klagen gelangen nicht an den Thron. Oft wird der Landmann von diesen liebenswürdigen Leuten bis auf die Haut ausgeplündert. Derjenige, welcher vom Herrscher mit einem Lande belehnt wird, ist unbeschränkter Herr über alle Bewohner desselben und die Gerichtsbarkeit liegt ganz in seinen Händen; diese weiß er vortrefflich in seinem Nutzen auszubeuten, und nur in halsnothpeinlichen Sachen ist der Regent Richter. Willkürlich darf der Lehnsherr keine Steuern erheben, von denen der Regent übrigens ein Drittheil zu beziehen hat. Erhebt nun der Regent seine Steuerquote, so kann jener in demselben Maße die seinigen einziehen. Sie bestehen in Geld, Getreide, Baumwollenzeug, Vieh, Butter, Honig, Pfeffer, Salz und Zwiebeln. Auch außerordentliche Steuern kennt Abessinien.

Werfen wir noch einen Blick auf die innere Wirthschaft des Abessiniers, die der äußeren vollkommen gleicht und Sorglosigkeit sowie Faulheit erkennen läßt. Betrachten wir zunächst den _Viehstand_. Man züchtet Pferde, Maulthiere, Esel, Rindvieh, Ziegen, Schafe, Hühner. Die _Pferde_ und Maulthiere sind die einzigen Thiere, welche sich einiger Pflege zu erfreuen haben. Erstere sind kurz und gedrungen, doch meist von gut proportionirter Gestalt, kräftig und feurig. Der Preis eines guten Pferdes beträgt 40–50 Maria-Theresia-Thaler. Die _Maulthiere_ sind stark, gedrungen, ausdauernd und in dem wildzerklüfteten, weg- und steglosen Lande für den Reisenden von sehr großem Nutzen; auch weiß der Abessinier die Vorzüge des Maulthieres vor dem Pferde wohl zu schätzen. Der Preis eines sehr guten Exemplares steigt oft bis zu 100 Maria-Theresia-Thalern, während man geringere mit 10–25 Thalern bezahlt. Die Pferde werden eigentlich nur für die Kavallerie verwendet.

Der _Esel_ gilt dem Abessinier als unreines Thier. Er erfreut sich weder der Pflege noch der Zucht und doch ist sein Nutzen als Lastträger ein ausgedehnter und bedeutender. Das Los des armen Geschöpfes ist ein recht beklagenswerthes, namentlich jenes der Kaufmanns-Esel, die oft 20 Tagereisen weit ohne Unterbrechung von früh bis Abends schwere Lasten schleppen müssen. Abends hat das Thier dann noch selbst für seine Nahrung zu sorgen. Der Preis ist gering, nämlich nur 2–3 Thaler.

_Rindvieh_ kommt in großer Menge vor. Die Ochsen werden im gemeinsamen Joche vor dem Pfluge in den steinigen Feldern abgequält und erhalten für die mühsame Arbeit keinerlei Dank. Futterkräuter baut der Abessinier nicht, die Thiere sind gleich dem Esel gezwungen, selbst ihre Nahrung zu suchen, oder in der langen, trockenen Jahreszeit allein auf Stroh angewiesen. Im Allgemeinen geben die Kühe durch ihre Milch wenig Nutzen. Nur während der Regenzeit, wo Nahrung in Hülle und Fülle emporkeimt, fließt diese Quelle reichlicher; aber vom März bis oft in den Juni ist der Milchertrag äußerst gering, zumal die abessinische Kuh überhaupt keine gute Milchkuh ist. Und doch eignet sich das Land ganz vortrefflich zum Anbau der Futterkräuter, die dort nicht den schädlichen Witterungseinflüssen ausgesetzt sind wie in meinem Vaterlande. Der Abessinier besitzt weder die nöthigen Kenntnisse noch die nöthigen Gefäße, um sein unvollkommenes _Molkenwesen_ verbessern zu können; die Käsebereitung ist ihm ganz fremd. Indem man die Kälber ein ganzes Jahr und darüber säugen läßt, wird auch viele Milch nutzlos vergeudet; um aber das Kalb nach vier- oder sechswöchentlichem Säugen absetzen zu können, fehlt es wieder an Nahrung für dasselbe. Zur Sonnenzeit, in den Monaten November bis Juni, ist das Vieh von früh bis Abend den glühenden Strahlen ausgesetzt und leidet darunter sehr; auch das trägt dazu bei, die Rindviehzucht auf einer niedrigen Stufe zu erhalten. Trotzdem sind die Preise der Thiere nach unseren Begriffen niedrig. Ein guter Zugochse gilt 3 Maria-Theresia-Thaler; eine neumilchende Kuh nebst Kalb 3–4 Maria-Theresia-Thaler; eine Kuh zum Schlachten, je nachdem sie fett oder mager, 2–3 Maria-Theresia-Thaler. Das Rindvieh wird jeden Tag von früh bis Abend auf die Weide getrieben und dort meist von kleinen Knaben gehütet, die durchaus nicht darauf Acht geben, ob eine Kuh besprungen wird; so ereignet es sich häufig, daß trächtige Kühe geschlachtet werden; ja, ich habe gesehen, daß man Kühe geschlachtet hat, die nach zwei oder drei Tagen geworfen haben würden.

Von _Ziegen_ und _Schafen_ haben die Abessinier nur den Nutzen, welchen deren Fleisch und Felle liefern. Nur in den Hochländern kommt das Schaf gut fort, es gedeiht in den tiefen und heißen Gegenden nicht. Auf den Plateaux dagegen finden sich Tagereisen lange Hutungen, die einzig zur Schafzucht benutzt werden können. Die Wolle des abessinischen Schafes ist noch gröber als jene der lüneburger Heidschnucken; sie ist meistens schwarz, wird in einigen Gegenden gesponnen, gewebt und zu Kleidungsstücken verwendet. Nicht im Geringsten kümmert sich der Abessinier um die Veredelung der Schafzucht, er wählt keine Böcke und Mütter aus und läßt diese, nebst den Lämmern stets beisammen. Das Hämmeln der Böcke ist unbekannt; Pferde, außer den Gestüthengsten, Bullen und Ziegenböcke werden dagegen verschnitten. Wie die Schafe wild beisammen leben, so auch die Esel, das Rindvieh, die Ziegen. Der Preis der Schafe, je nach Größe und Qualität, beträgt für 6–8 Stück 1 Maria-Theresia-Thaler. Ihr Fleisch ist wohlschmeckend. Ziegen erhält man für denselben Preis nur 4–6 Stück, und zwei große und fette, verschnittene Ziegenböcke kosten auch 1 Maria-Theresia-Thaler. Aus ihren Häuten bereitet man Getreidesäcke ohne Naht, auch Pergament, das jedoch meist aus Schafleder gemacht wird. Rauh gegerbt dienen letztere auch als Kleidungsstücke.

Die Zucht der _ägyptischen Hühner_ ist sehr im Schwange. Ein Huhn brütet jährlich fünf- bis sechsmal 15–17, also im günstigsten Falle 100 Eier aus. Anderes Geflügel, wie Gänse, Enten, Tauben u. s. w. ist unbekannt. Brächte man sie jedoch hierher, so würden sie besser gedeihen als in meinem Vaterlande. Der Preis für drei bis vier Hühner ist 1 Stück Salz oder für 90–100 Stück 1 Maria-Theresia-Thaler. Das Kapaunen der Hähne, wiewol von einigen Abessiniern verstanden, wird selten ausgeübt.

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Der Abessinier ist _fester Grundbesitzer_, und die Regierung kann über den Grundbesitz ihrer Unterthanen nicht willkürlich verfügen oder denselben nach Gutdünken an sich ziehen, es sei denn durch rechtskräftigen Spruch. Dieser letztere kann nur dann eintreten, wenn der Eigenthümer kinderlos oder ohne Verwandte, nähere oder fernere, stirbt. Dann zieht die Regierung die Ländereien des Verstorbenen für ewige Zeiten an sich. Zeitweilig wird die Regierung Besitzerin eines Grundstückes, wenn dessen Eigenthümer die darauf lastenden Abgaben und Steuern nicht zu entrichten vermag. Sie behält dieselben so lange, bis diese bezahlt sind, oder übergiebt sie unterdessen einem anderen Wirthschafter, der die schuldige Summe vorstreckt, doch nur so lange, bis der rechtmäßige Eigenthümer wieder zahlungsfähig ist und die vollständigen Steuern entrichtet. Oft übernimmt die Gemeinde dieses Geschäft; Verkauf der Ländereien findet selten statt.

Hier wäre wohl der Ort, einige Worte über _Ansiedelungen_ vom Vaterlande aus nach Abessinien einzuschalten. Unter der gegenwärtigen Regierung können dieselben niemals stattfinden. Der Auswanderer, er komme woher er wolle, kann wol hier in Abessinien Grundstücke käuflich erwerben, doch vermag er niemals sichere Garantie für deren dauernden Besitz zu erhalten, denn alle Regierungen des Landes waren bis zum heutigen Tage Willkürherrschaften. Beim Regierungswechsel ist der Ansiedler sicher zu Grunde gerichtet, am gewissesten dann, wenn er das Land von einem Einwohner kaufte, dessen Verwandte ihm seinen Erwerb bei der neuen Regierung streitig machen können. Dann stellt sich gewöhnlich heraus, daß der Verkäufer nur zeitweiliger Besitzer der Ländereien war, und das abessinische Recht giebt unter solchen Umständen den Verwandten das Land zurück. Etwas besser ist der Ansiedler daran, wenn er von der Regierung ein Grundstück erwirbt und den Kaufabschluß unter Zuziehung von Zeugen in das Kirchenbuch eintragen läßt. Aber wie lange ihm das Land gesichert bleibt, weiß Gott allein!

Gesetz und Gerechtigkeit waren in Abessinien nur dem Namen nach vorhanden. _Doch die gegenwärtige Regierung des vortrefflichen Kaisers Theodoros läßt schöne Hoffnungen in meinem Herzen wach werden. Der liebe Gott wolle stets über meinem Kaiser, welchen ich von ganzer Seele lieb habe, seinen reichen Segen und Frieden walten lassen. Amen!_

Zum Schluß noch einige Worte über _Wiesen und Moorgrund_ Abessiniens. Besonders die Hochländer Semién und Woggera zeichnen sich durch schönen und reichen Wiesengrund aus. Dembea, ein Tiefland, hat am Tana-See unübersehbare Wiesenflächen, Begemeder im Hoch- und Tieflande; Sebit besteht ganz aus Wiesen; ähnlich verhält es sich mit Woadla, Daunt und Talanta. Am Fuße des Kollogebirges in Wollo ziehen sich gleichfalls große Wiesenflächen hin. Schoa, Lasta und Godscham sind stellenweise reich daran. Vergleichsweise mit diesen Hochländern sind die Tiefländer arm an Wiesenwuchs; doch ist ihr Gras nahrhafter und saftiger. Das Heumachen ist ein den Abessiniern unbekanntes Ding, auch besitzen sie keinerlei Werkzeuge zum Mähen der Wiesen. Steht im September das Gras hoch, so wird alles Hausvieh auf die Weide getrieben, die meistens zertreten wird und höchstens zwei Monate ausreicht. Sind so die reichen Weiden zerstört, so tritt bittere Noth und Hunger für den Viehstand ein, ohne daß die Menschen dadurch zum Nachdenken veranlaßt würden.

Auf fast allen Wiesen findet sich viel Moorgrund und Sumpf, die durch vaterländischen Fleiß und Geschicklichkeit leicht in Reisgefilde umgeschaffen werden könnten. Jetzt liegen sie alle wüst und nutzlos da. Vor allem wären die Moorgründe am Tanasee hierzu passend; sie könnten eine Quelle des Reichthums für das Land sein. Auch eine gute und verständige _Bienenzucht_ würde bedeutenden Nutzen abwerfen, denn kein Land eignet sich so vortrefflich zu derselben als Abessinien. Die Art und Weise, wie sie bisher von den Eingeborenen betrieben wird, gleicht genau dem liederlichen Verfahren im Ackerbau; trotzdem wird viel Honig und Wachs gewonnen; letzteres wird meist ausgeführt, ersterer zu Honigwein benutzt. Die abessinische Biene ist kleiner als unsere europäische Art. Schwärmt ein Stock, oder wird der junge Schwarm ausgetrieben, so fliegt dieser oft drei bis vier Tage weit, bis die Königin in einem hohlen Baume oder einer Felsenhöhle einen passenden Ort zur Niederlassung ausfindig gemacht hat.

Hat der Zug seine Auswanderungsreise angetreten, so geht derselbe viele Stunden weit rasch vorwärts, bis Müdigkeit der Königin eintritt, die sich an irgendeiner Stelle niederläßt, welche dann als Rastepunkt der Schar bis zum nächsten Tage gilt, wo die Reise fortgesetzt wird, bis eine Behausung gefunden ist. Will der Abessinier einen solchen Schwarm in einen Stock oder Korb einschlagen, so muß er zunächst der Königin die Flügel verschneiden; unterläßt er dieses, so geht der Schwarm gewöhnlich wieder fort. Ich habe selbst den Versuch gemacht und einen solchen Schwarm dreimal eingesetzt; allein nach ein- bis dreitägigem Aufenthalte ging er stets wieder fort, weil ich der Königin die Flügel nicht verschnitten hatte. Die Form der Bienenstöcke ist walzenförmig; sie werden aus Rohrstäben zusammengesetzt, die man äußerlich mit frischem Kuhmist, dem etwas Lehm zugesetzt ist, einen halben Zoll dick überzieht. Häufig hängt man diese Körbe in große Bäume, doch halten die meisten Abessinier dieselben bei ihren Häusern. Die Bienenzucht wird in einer Meereshöhe von 5000–9000 Fuß betrieben. Der Preis für 50 Pfund Honig ist 1 Maria-Theresia-Thaler.

Vermöge der Verschiedenartigkeit seines Klimas dürfte sich Abessinien zum Anbau aller europäischen Kulturpflanzen eignen, die unter vaterländischer Geschicklichkeit herrlich gedeihen würden. Reis ist unbekannt, Kaffee wird so gut wie gar nicht und noch dazu recht ungeschickt angebaut; stark kultivirt wird er in den Gallaländern Limu, Enarea und Kaffa, und die von dort stammenden Sorten sind besser als der arabische Kaffee aus Mocha. 40 Pfund Kaffee gelten in Abessinien 1 Maria-Theresia-Thaler. Schwarzer Pfeffer, Baumwolle, Indigo könnten vorzüglich gebaut werden; einige Arten Indigo wachsen wild. Für Zuckerrohr und Runkelrüben findet sich geeigneter Boden. Ich selbst habe in Tigrié Runkelrüben kultivirt, die eine bedeutende Größe erreichten und viel zuckerhaltiger als die vaterländischen waren. Alle Gewürze der Gewürzinseln und die verschiedensten Oelpflanzen würden gedeihen; Oelgewinnung und die dazu nothwendigen Geräthe sind hier unbekannt. Desgleichen fehlt guter Hanf und Flachs zum Spinnen und Weben. Beeren, Früchte, Wein – sie alle finden hier zusagenden Boden.