Abessinien, das Alpenland unter den Tropen und seine Grenzländer
Chapter 16
Vorzüglich schöne und geschmackvolle Holzschnitzereien, die, was die Arabesken betrifft, auch einem europäischen Künstler Ehre machen würden, enthält die _Kirche Lalibela_ zu Gondar, ein Bauwerk der Fürstin Menene. Ihr Grundriß ist rund, das Dach, wie allgemein üblich, konisch und an der Spitze mit dem Kreuz geziert. Ihr Inneres besteht aus drei konzentrischen Abtheilungen. Der äußere, von Säulen getragene Kreis, ist der allgemeine Raum für die Kirchgänger; der zweite, mittlere Raum ist für die Abendmahlempfänger bestimmt; der innerste, viereckige, enthält die Bundeslade. Die erwähnten reichen Holzschnitzereien sind flachrelief an Thüren und Fenstern angebracht.
Wohl die berühmteste Kirche in ganz Abessinien ist jene zu _Axum_ in Tigrié, in der ehemaligen Hauptstadt des den Griechen und Römern bekannten axumitischen Reiches. Sie liegt inmitten des politischen Asyls und wurde, wie schon ihre Bauart zeigt, unter portugiesischem Einfluß 1657 an der Stelle der 1535 von Muhamed Granjé zerstörten alten Kirche erbaut. Durch Größe, Reichthum und Heiligkeit übertrifft sie alle anderen Kirchen Tigrié’s. Auf einer mit Stufen versehenen, aus gut behauenen Quadern erbauten Terrasse schreitet man zu ihr hinauf. Vier dicke Pfeiler bilden eine Art Porticus, von welchem man durch drei Thüren in den inneren Raum gelangt. Dieser ist durch zwei Reihen plumper Pfeiler in drei Schiffe von gleicher Höhe abgetheilt, welche durch einige kleine und sehr schmale Fenster ein sehr spärliches Licht erhalten; die Decken bilden horizontal liegende Balken; die Wände sind mit geschmacklosen, stark beschädigten Malereien beklext, der Boden mit Teppichen belegt. (Rüppell fand ihn voller Schmuz.) Ein kleiner Thurm enthält eine Treppe, die zu dem flachen, mit Zinnen gekrönten Dache führt. Salt, welcher die Kirche gemessen hat, giebt ihre Länge zu 111, ihre Breite zu 51 Fuß an. In der Nähe steht ein kleines niedriges Haus, in welchem zwei sehr roh in Abessinien selbst gegossene Glocken hängen, und in einem anderen Gebäude werden die Pretiosen der Kirche, die Metallkronen, Kreuze und Manuskripte aufbewahrt. Nach der Ansicht der Abessinier ist die hier aufbewahrte Bundeslade die echte jüdische aus der Zeit des Königs Salomo, welche Menilek, der Sohn der Königin von Saba, in Jerusalem stahl und hierher brachte (vergl. S. 3). Der Name der Kirche ist Hedar Sion und ihr Hüter, der Gouverneur von Tigrié, führt den Titel Nabr Id (Hüter der Bundeslade). Die Abbildung zeigt unsere Anfangsvignette.
*Die Missionen in Abessinien.*
Schon bald nach Entstehung der englischen „Missionsgesellschaft für Afrika und den Osten“ wandte diese ihre Aufmerksamkeit auf Abessinien, in der Absicht, dem dortigen Christenthume frische Anregungen zuzuführen und dasselbe aus seiner Versunkenheit herauszuziehen, sowie vor dem Untergange im Muhamedanismus zu bewahren. Zu diesem Zwecke wurden nun Missionsstationen in Malta, Kairo, Smyrna u. s. w. angelegt, von denen aus man allmälig bis Abessinien vordringen wollte, und durch einen abessinischen, nach Jerusalem gepilgerten Mönch die ganze Bibel in die amharische Sprache übersetzt, welche die verbreitetste unter den abessinischen Mundarten ist. Die ersten Missionäre, welche nach Ategerat (Adigrat) in Tigrié im Jahre 1830 vordrangen, waren die beiden Deutschen _Gobat_ und _Kugler_. Der Detschasmatsch Sabagadis empfing sie freundlich, indessen die politischen Verhältnisse, die immerwährenden Kriege zwischen Sabagadis und Ubié um die Herrschaft Tigrié (vergl. S. 107) waren ihrem Werke nicht günstig. Trotzdem drang Gobat bis nach der Hauptstadt Gondar vor, während Kugler in Tigrié zurückblieb, um bald an den Folgen einer Verwundung, welche er sich auf der Jagd zugezogen, zu sterben. Als nun zu derselben Zeit Sabagadis von Ubié geschlagen und getödtet wurde, brach auch für den wackern Gobat eine Zeit der Verfolgungen herein. Längere Zeit hielt er sich in den politischen Asylen, namentlich im Kloster Debra Damo, verborgen, mußte schließlich aber nach Aegypten fliehen. Die Erfahrungen, die er bezüglich seines Missionswerkes gemacht hatte, waren jedoch nur trauriger Art; er fand, „daß der Leichtsinn dieses Volkes nicht leicht die Wahrheit des Evangeliums auf Herz und Leben wirken läßt“. _Der erste mißlungene Versuch._
In Karl Wilhelm _Isenberg_ aus Barmen erhielt 1834 der zurückgekehrte Gobat einen treuen Freund und Unterstützer, der mit neuem Eifer das schwierige Geschäft anzugreifen begann. Nach langer Fahrt durch das Rothe Meer und dreimonatlichem Aufenthalte in Massaua kamen beide im April, begleitet von ihren Frauen, in Tigrié an, wo die Bürgerkriege immer noch fortwütheten. Ubié sicherte indessen den Missionären seinen Schutz zu, die nun mit der Verbreitung von Bibeln begannen. Gobat jedoch war infolge von Krankheit genöthigt, schon 1836 zurückzukehren und gegen den bleibenden Isenberg richtete sich nun der Haß der abessinischen Geistlichkeit, die ihren Einfluß durch seine Anwesenheit bedroht sah. Indessen Isenberg hielt wacker aus und fand in dem Deutschen _C. H. Blumhardt_ einen Unterstützer in seiner aufreibenden Arbeit. Um auf die Jugend, die man zunächst im Auge hatte, besser wirken zu können, begann man mit dem Schulunterricht und baute ein großes Missionshaus in Adoa, das jedoch bald die Eifersucht und den Verdacht des Kirchenvorstehers wie des Herrschers Ubié erregte, da es für eine Festung angesehen wurde, von welcher unterirdische Gänge zum Waffen- und Truppentransport bis Massaua führen sollten! Als mit Ende des Jahres 1837 auch Ludwig _Krapf_ aus Württemberg zu der kleinen Mission stieß, fand er schon große Schwierigkeiten, um zugelassen zu werden, und bereits im Sommer 1838 erhielten die Missionäre den Befehl, das Land wieder zu verlassen. Wie Isenberg bemerkt, geschah dieses nicht ohne Zuthun der mittlerweile gleichfalls nach Abessinien gekommenen katholischen Missionäre, namentlich Sapeto’s, dessen wir bereits oben S. 31 gedachten. _Der zweite mißlungene Versuch._
Nachdem so im Norden Abessiniens keine Aussichten mehr für eine gedeihliche Wirksamkeit vorhanden schienen, beschloß man mit zäher Ausdauer im Süden, in Schoa, das Werk fortzusetzen.
Schon im Jahre 1837 kam zu den deutschen Missionären in Adoa ein Bote des Königs von Schoa, welcher einen in deutscher Sprache geschriebenen Brief überbrachte, der von Martin Bretzka, dem ehemaligen Jäger Rüppell’s, herrührte. Durch diesen ließ Sahela Selassié die Missionäre um Arznei und einen tüchtigen Mechaniker bitten, ja er verlangte, daß die Missionäre womöglich selbst zu ihm kommen möchten. Arznei wurde sofort nebst einem langen Briefe von Isenberg überschickt, ein Mechaniker aber war nicht vorhanden. In dem Schreiben fragte der Missionär, ob der König ihm sein Missionswerk in Schoa gestatten wolle. Wenn er diese Frage bejahe, würde er sammt seinem Kollegen Blumhardt kommen, sei dieses aber nicht der Fall, so müsse er von der Reise nach Schoa absehen. Da Blumhardt jedoch auf eine indische Station gesandt wurde, machten sich 1839 Krapf und Isenberg auf den Weg nach Schoa und kamen nach einer höchst beschwerlichen Reise auf einem bis dahin unbekannten Wege über Tadschurra und das Adal-Land am 6. Juni in Ankober beim Könige Sahela Selassié an, der sie mit der größten Freundschaft aufnahm und behandelte. „Hier nun gelang es unter sehr günstigen Umständen einen guten Anfang mit der Verkündigung des Evangeliums und dem Schulunterrichte zu machen.“ Da es jedoch an Büchern und Lehrmitteln fehlte, kehrte Isenberg nach freundlichem Abschiede im November 1839 nach Europa zurück, um das zur Fortführung der übernommenen Aufgabe Nöthige zu holen.
Krapf blieb nun längere Zeit allein in Schoa, fühlte sich aber wohl sehr einsam und beschloß, ehe er sein Werk weiter fortführte, seine Braut heimzuführen. Am 11. März 1842 unternahm er die äußerst gefahrvolle Reise von Ankober nach Massaua. Er hatte seine Richtung durch das nördliche Schoa und das Land der muhamedanischen Wollo-Galla genommen. Er wollte über Gondar gehen und dort die Bekanntschaft des neuen, erst ein Jahr vorher berufenen Abuna machen.
Vom Könige Sahela Selassié mit einem silbernen Schwerte beschenkt, welches ihm den Rang eines Gouverneurs ertheilte, und wohl versehen mit amharischen Bibeln, machte sich der muthige Glaubensbote, nachdem er vom Könige und der damals in Schoa weilenden britischen Gesandtschaft Abschied genommen, auf den gefahrvollen Weg. In Sella Dengai stattete er noch der einflußreichen Mutter des Königs, welche beinahe halb Schoa unabhängig beherrschte, einen Besuch ab. Sie empfing ihn, auf ihrem Lager sitzend und umgeben von Dienerinnen, sehr friedlich, ließ sich einen bunten Schal, einige Scheren, sowie ein Neues Testament in äthiopischer Sprache schenken, und entließ darauf unseren Landsmann, der in die hohen kalten Berge hinaufstieg, die sich an der Grenze der Provinzen Mans und Tegulet hinziehen. Mans ist die größte Provinz Schoa’s und wird als Gut der Königin-Witwe betrachtet; doch leben die Eingeborenen unabhängig und mit allen Nachbarn im ewigen Kampfe. Auch gegen Krapf waren sie höchst unfreundlich, der sich freute, ihr kaltes Land bald verlassen zu können. Er passirte verschiedene nach Westen fließende kleine Zuflüsse des Nil und stieg dann von den Höhen beim Dorfe Amad-Wascha in das Thal des Flusses Katscheni hinab, der die Grenze gegen die von den Wollo-Galla bewohnte Provinz Gesche ausmacht. Der Häuptling der Galla, Adara Bille, residirte damals im Distrikte Lagga Gora und stand mit Schoa in friedlichen Beziehungen; er empfing den Gast freundschaftlich und entließ ihn am nächsten Tage mit einem Führer versehen.
Am 23. März gelangte der Reisende an das Ufer des Flusses Beschlo und erstieg die Hochebene von Talanta. Hier kamen ihm zahlreiche Flüchtlinge entgegen, die mit Weib und Kind vor der Invasion eines Galla-Stammes davon flohen und auch Krapf veranlaßten, zu dem anscheinend freundlichen Adara Bille umzukehren, der auch noch immer die alten Sympathien für den Reisenden zu hegen schien. Als jedoch nach Verlauf von zwei Tagen das Land sich einigermaßen beruhigt hatte und Krapf seine Reise fortsetzen wollte, erklärte ihm Adara Bille, daß er ihn nach Schoa zurücksenden müsse, da er nur für _einmal_ die Erlaubniß erhalten hätte, das Land zu verlassen. Vergebens war alles Protestiren. Man suchte Gold bei ihm, nahm ihm seine Maulthiere und Pferde und ließ ihn durch Soldaten bewachen. Als er nun trotzdem seine übrig gebliebene Habe zusammenpackte und aufzubrechen versuchte, wurde er ergriffen und in ein kleines Gemach abgeführt, wo man ihm, unter Androhung der Todesstrafe, sein ganzes Gut, sogar seinen Mantel wegnahm. Selbst die Taschen kehrte man ihm um und raubte ihm die letzten Kleinigkeiten. In diesem Zustande hielt man ihn mehrere Tage gefangen, und auf vieles Bitten gelang es ihm endlich sein Tagebuch, 3 Thaler und das schlechteste Maulthier wieder zu bekommen. Dagegen waren fünf Maulthiere, 140 Thaler, die Pistolen und Flinten, der Kompaß, die Uhr und viele andere werthvolle Dinge unwiderbringlich verloren. Gott war der einzige Trost des frommen Mannes in diesen Leiden, der nun, von sechs Soldaten begleitet, über die Grenze transportirt wurde.(1)
Bettelnd gelangte er in das schöne, vom Dscherado durchströmte Thal Totola, in dem ein lebhafter, aus allen Theilen Abessiniens besuchter Markt abgehalten wird. Zu beiden Seiten desselben erheben sich hohe mit Dörfern, Weilern und Wachholderbäumen bestandene Bergketten, die den gebeugten Krapf durch ihre wunderbare Schönheit entzückten. Allein die rohen Soldaten trieben ihn mit den Worten fort: „Du bist unser Vieh, wir können mit dir anfangen, was uns beliebt.“ Am Ufer des Flusses Berkona, der dem Hawasch zufließt, traf man auf einen Kaufmann, der nicht wenig erstaunt war, einen weißen Mann auf diese Art durch das Land geführt zu sehen. Dieser, in dessen Brust wol Mitleid rege wurde, ertheilte Krapf den Rath, er solle laut schreien, wenn er viele Leute in den Feldern bemerke; diese würden alsbald herbeieilen und ihn zum Gouverneur Amadié führen, der auf einem hohen Berge zu Mofa, in der Nähe des Sees Haik, residire. Krapf befolgte diese Weisung und sah sich bald von Landleuten umringt, die ihn trotz des Sträubens der Soldaten befreiten und zu Amadié führten, dem Häuptlinge der Tehulladarié-Galla. Dieser schickte die Soldaten Adara Bille’s augenblicklich zurück und ließ den geprüften Mann ruhig seine Straße ziehen. Auf mühevollem Wege wanderte Krapf nun von Station zu Station durch wilde ungastliche Völker von dem See Haik an der nordöstlichen Grenze von Schoa über Jedschau, Angot, Wafila, Lasta, Enderta und das östliche und nordöstliche Tigrié bettelnd bis Massaua, wo der französische Konsul de Goutin ihm die Heimreise möglich machte, die er am 4. Mai antrat. In Schoa aber befand sich keine Mission mehr. _Der dritte mißlungene Versuch._
Wer jedoch glauben würde, die eifrigen Missionäre hätten sich durch solchen betrübenden Ausgang abhalten lassen, weiter zu wirken, würde arg irren. Mit einer Menge Lehrmittel, Bibelübersetzungen und Wörterbüchern versehen, preiswürdigen Zeugnissen echt deutschen Fleißes, gingen 1842 Isenberg, Krapf und Mühleisen abermals nach der Somaliküste, um über Zeyla nach Schoa vorzudringen, wo immer noch die britische Gesandtschaft unter Kapitän Harris weilte. Schon an der Küste stellten sich die größten Schwierigkeiten einem weiteren Vordringen nach Schoa entgegen und man traf auf Intriguen aller Art. Auch soll der französische Reisende Rochet seinen ganzen Einfluß bei Sahela Selassié angewandt haben, um den deutschen Männern den Eingang nach Schoa zu verschließen. (Vergl. S. 29.)
Krapf hatte einen Brief an Sahela Selassié geschrieben und angezeigt, daß er nach Ankober gehen würde. Nach der Ankunft des Schreibens wurden Versammlungen in allen Kirchen der Hauptstadt gehalten, und Deputationen der Geistlichkeit, Priester und Mönche verfügten sich geraden Weges zum Palaste, um den König anzuflehen, daß weder Krapf noch Isenberg zugelassen werden möchten. „Ihre Werke sind nicht die unserigen und ihr heiliges Buch ist verschieden von dem, was in unserem Lande als das wahre betrachtet worden ist. Erlaubt man ihnen zurückzukehren, so wird das Volk vom Glauben seiner Väter abfallen.“ Dergestalt gedrängt, entschied Sahela Selassié gegen Kapitän Harris, welcher sich für die Missionäre verwandte: „Isenberg und Krapf können nicht wieder in mein Land kommen, mein Volk will es ihnen nicht erlauben. Ich habe lange darüber nachgedacht und es ist besser, wenn sie wegbleiben; ich will keinem wieder erlauben, je wieder über den Hawasch zu kommen.“ Und dabei blieb es, die Missionäre zogen betrübt ab. Man kann sich vorstellen, wie dieses abermalige Scheitern aller Hoffnungen auf die glaubenseifrigen Priester zurückwirken mußte, welche durch ein Schreiben des Kapitän Harris von diesen Vorgängen in Schoa in Kenntniß gesetzt wurden. „Gern hätten wir unseren Augen und Ohren und ebenso dem Zeugnisse dieses Briefes nicht getraut, gern uns die Sache anders gedeutet und dargestellt; dazu fehlte uns aber alles Material, und wir mußten bei der ersten Thatsache stehen bleiben: die Mission in Schoa ist aufgehoben, sie ist nicht mehr.“ _Der vierte mißlungene Versuch._
Waren dergestalt alle Aussichten im Süden benommen, so wollte man abermals das alte Feld im Norden, in Tigrié, aufsuchen und sehen, ob sich hier die Verhältnisse seit 1838 nicht etwa günstiger gestaltet hätten. Im April 1843 brachen Isenberg und Mühleisen, fortwährend große Massen von Bibeln verbreitend, von Massaua aus, die Provinz Hamasién durchziehend, nach Adoa, der Hauptstadt Tigrié’s, auf, wo sie ihr altes Haus zum Theil verwüstet fanden. Gleich nach ihrer Ankunft wurde die Priesterschaft und das Volk gegen sie aufgehetzt und ihre Lage gestaltete sich von allem Anfange an noch schwieriger als zuvor. Die Missionäre hatten ein förmliches theologisches Examen vor den abessinischen Geistlichen zu bestehen und wurden, als dieses nicht nach dem Wunsche der letzteren ausfiel, in Bann gethan. Auch soll der katholische Bischof de Jacobis, welcher damals in Adoa eine Mission leitete, gegen sie intriguirt haben. Isenberg reiste nun selbst in das Feldlager des Herrschers Ubié, wurde aber von diesem nicht vorgelassen, sondern mit dem Bescheid abgewiesen: „er habe die Abessinier lange genug durch Abendmahlhalten, Taufen, Trauen, Begraben in seinem Hause beleidigt, deshalb sei er früher aus dem Lande gewiesen; jetzt sei er wiedergekommen und verharre in seiner Hartnäckigkeit; er habe die Jungfrau Maria gelästert, ja, er sei soweit gegangen, daß er in den Schriften der Apostel unterrichten wolle. Er solle also in sein Land zurückkehren, denn in Tigrié dürfe er nicht bleiben.“ So mußten die Missionäre also auch jetzt wieder umkehren, und nun schien der letzte Hoffnungsstrahl vernichtet. Isenberg tröstete sich dann über das Scheitern seines Missionswerkes folgendermaßen: „Durch das ganze Land hindurch hat sich ein bestimmter Eindruck von dem Zwecke unserer Mission verbreitet, und was noch weit mehr ist, sie haben mehr als 8000 Exemplare verschiedener Theile der Heiligen Schrift in amharischer und äthiopischer Sprache, unter welchen sich eine Anzahl amharischer ganzer Bibeln befindet, erhalten, welche nun auch nicht müßig liegen, sondern gewiß eine stille Wirksamkeit auf manche ihrer Besitzer und Leser ausüben werden. Die Abessinier haben sich durch gleichgiltige Vernachlässigung und ungläubige Verachtung des Evangeliums, durch ihr starres Anhangen an ihren eingewurzelten Thorheiten und Sünden, durch ihre allgemeine Trägheit und Habsucht einer längeren Fortdauer der evangelischen Mission in ihrem Lande für unwerth erklärt, und dem Herrn hat es in seinem Wunderrathe gefallen, sie für die nächste Zukunft aufzuheben.“ _Der fünfte mißlungene Versuch._
Ehe wir die ferneren Anstrengungen der protestantischen Missionäre hier schildern, die trotz Allem keineswegs gewillt waren, das unfruchtbare Feld aufzugeben, müssen wir hier die Thätigkeit der kaum minder eifrigen katholischen Glaubensboten anführen, die aber fast ebenso wenig Erfolge aufzuweisen haben, wie jene. Es ist eine betrübende Thatsache, daß überall katholische und protestantische Missionäre einander befeinden. Kaum ist ein Katholik auf irgendeinem neuen Gebiete erschienen, um für seinen Glauben Propaganda zu machen, so folgt ihm ein Protestant, macht ihm das Feld streitig und beginnt unter den braunen, schwarzen, gelben oder rothen Menschen für seine Sache zu wirken. Oder umgekehrt. Leicht wäre es, hierfür viele Beispiele anzuführen, denn in Afrika, Nordamerika, auf Madagascar, in der Südsee, überall wiederholt sich dasselbe Schauspiel, und die Eingeborenen sollen schließlich Richter sein zwischen den Lehren des Protestantismus und Katholizismus. Daß auf diese Weise die Sache nicht gefördert wird, ist nur zu natürlich. Jeder Theil schiebt indessen die Schuld auf den andern, und dem Unparteiischen fällt es schwer, anders zu entscheiden, als daß _beide_ gefehlt. So auch in Abessinien.
Die katholische Kirche betrachtete das Land seit der Verjagung der Jesuiten im 17. Jahrhundert immer nur wie eine abgefallene, aber wieder zu erobernde Provinz und beschloß, auch diese Eroberung zu beginnen, kurz nachdem die Protestanten sich in Tigrié niedergelassen hatten. Der Anfang damit wurde im März 1838 gemacht, als der italienische Priester _Giuseppe Sapeto_ zugleich mit dem Reisenden _M. Abbadie_ in Adoa ankam. Bei Ubié stellte er sich als Eins mit den Abessiniern in der Religion dar und gewann bald Einfluß, den er, eingestandenermaßen, gegen die Ketzer Isenberg und Krapf verwandte, sodaß diese mit Recht seinem Einflusse ihre Verjagung aus Adoa zuschreiben. Sapeto besuchte nun die abessinischen Kirchen, schloß sich dem Gottesdienst an und geberdete sich in Allem als abessinischer Christ und arbeitete nicht ohne Erfolg. Er machte 22 Proselyten, die jedoch später wieder zu ihrer Landeskirche zurücktraten. Ehe er Abessinien verließ, bewog er den Etschegé, das Oberhaupt der abessinischen Mönche, einen Brief an den Papst zu schreiben, dessen Primat als Nachfolger Petri die Abessinier im Allgemeinen anerkennen, ohne ihm jedoch eine Macht über ihre Kirche einzuräumen. Die verschiedenen Sendungen der französischen Regierung trugen ohnehin dazu bei, das Werk der römischen Mission in Adoa zu fördern, und so entschloß sich denn der Papst, mit noch größerem Nachdrucke aufzutreten. Der Pater de Jacobis, ein Piemontese von Geburt und früher Beichtvater der Königin von Neapel, ein durch große Kenntnisse und geistige Gaben ausgezeichneter Mann, ging mit sechs Gefährten nach Adoa, wo er bei Ubié zu bedeutendem Einflusse gelangte und von diesem mit der Gesandtschaft betraut wurde, welche 1841 den neuen Abuna Abba Salama abholen sollte. Während de Jacobis weiter nach Rom ging, wo er einige junge Abessinier als „Gesandte des Königs von Aethiopien an den Papst“ vorstellte, agitirte der junge Abuna hinter seinem Rücken und griff zu allen möglichen Mitteln, um die katholischen Proselyten wieder zur Landeskirche zurückzubringen, was ihm auch gelang, sodaß Jacobis nach seiner Rückkehr in Adoa sich darauf beschränken mußte, seiner zahlreichen Dienerschaft im Missionshause Gottesdienst zu halten. Wie der Abuna über den katholischen Missionär dachte, sieht man aus einem Schreiben, welches er 1843 an Isenberg kurz vor dessen Abgang richtete und in welchem es heißt: „Wenn Sie selbst den „Jakob“ vertreiben können _und dann in Ruhe hier bleiben_, so wird Alles gut gehen; wenn Sie das aber nicht können, so werde ich auch ihm nicht erlauben, in unserm Lande zu bleiben. Wenn ich ihn aber vertreibe, so werden wir verhaßt werden, und man wird sagen, ich sei ein Freund der Engländer. Wenn Sie mir aber sagen, ich solle ihn vertreiben, so will ich ihn vertreiben.“ Die Katholiken hatten eine lange Zeit in Abessinien wirken können, denn erst im Frühjahr 1855, als Theodor über seinen Gegner Ubié siegte, wurden sie von ersterem, dem es an der Einheit der Staatskirche lag, verjagt. Justin de Jacobis sollte Anfangs getödtet werden, allein Theodoros ließ sich durch den Abuna bestimmen, ihn einfach über die Grenze zu weisen und mit 100 Stockstreichen zu bedrohen, wenn er wieder nach Habesch kommen sollte. Theodoros hielt sich zu diesem Schritte berechtigt, so lange der Papst in Rom anders lehrende Priester in seinem Gebiete und seiner Kirche nicht dulde und weil er neben seinem eigenen Papste (dem Abuna) einen fremden nicht zulassen könne. Die Anhänger der römisch-katholischen Kirche mußten zum abessinischen Glauben zurückkehren, und so war die siebzehnjährige Thätigkeit derselben mit einem Schlage vernichtet. Jacobis zog sich nach dem Grenzorte Halai zurück, wo er am 31. Juli 1860 starb. Indessen sollen noch mehrere Gemeinden in Okulekusai und das Hirtenvolk der Irop zu den eifrigen Anhängern der katholischen Mission zählen. Auch in der Provinz Agamié und Bogos (zu Keren) waren Jesuiten angesessen, und mehr als 30 eingeborene Priester, die für das Land sehr gebildet sind, breiteten den Glauben um so eifriger aus, da sie als Landeskinder nicht das Mißtrauen, das jeden Fremden empfängt, zu bekämpfen hatten. Die Kirchen wurden fleißiger besucht, die Ehen regelmäßiger geschlossen und das Volk darum schon eher für den Katholizismus gewonnen, weil die Jesuiten namentlich den Mariendienst stark kultivirten, der den Abessiniern zusagt. Allein gegen die Feindschaft Theodor’s und des Abuna konnten auch die Katholiken nicht aufkommen, und ihre Mission hatte ein Ende. _Der sechste mißlungene Versuch._