Abessinien, das Alpenland unter den Tropen und seine Grenzländer
Chapter 15
Auch den _Bannfluch_ kennt die abessinische Kirche. Als Isenberg mit seinem Mitarbeiter 1843 nach Adoa kam, mußte er vor der versammelten Geistlichkeit der Stadt ein förmliches Examen über seinen Glauben ablegen. Man fragte ihn: ob er das Kreuz und die Kirche küsse? ob er an eine Verwandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi beim Abendmahl glaube? und ob er glaube, daß die Jungfrau Maria und die Heiligen uns mit ihrer Fürbitte bei Christo vertreten? Vom protestantischen Standpunkt setzte er nun seine Ansichten lang und weitläufig auseinander, allein dieses genügte, um ihn als Ketzer erscheinen zu lassen. Kaum hatte er daher mit seinem Genossen der Versammlung den Rücken gewandt, als ein Priester feierlich über beide den Bannfluch aussprach, indem er ihre Seelen dem Satan, ihre Leiber den Hyänen, ihr Eigenthum den Dieben übergab und jeden, der ihnen nahe kommen oder sie bedienen würde, gleichfalls exkommunizirte.
Eine besondere Stellung in der abessinischen Kirche nehmen noch die _Debteras_ ein. Debtera ist allgemeiner Gelehrtentitel, den Alle erhalten, die sich hauptsächlich mit Büchern beschäftigen, sobald sie eine gewisse Bekanntschaft mit denselben erhalten haben. Die eigentliche Bedeutung des Wortes ist nach Isenberg Zelt; es wird gebraucht von der Stiftshütte, und der zu Grunde liegende Gedanke dieses Titels ist wahrscheinlich der, daß die Gelehrten ebenso das Heilige in ihrem Lande einschließen sollen, wie es die Stiftshütte that. Ein Debtera wird nicht ordinirt; seine Beschäftigung besteht im Unterrichtertheilen, im Kopiren der heiligen Bücher auf Pergament und – wenn es nothwendig ist – im Assistiren in der Kirche. Unordinirt sind auch die _Alekas_, die Kirchensuperintendenten, die das Eigenthum der Kirche verwalten und die Vermittelung zwischen Geistlichkeit und Staat herstellen. Schon sehr frühzeitig widmen sich die Abessinier dem geistlichen Stande; die Kenntnisse, welche diese Studenten der Theologie zu erlangen haben, sind gering. Sie lernen die Kirchensprache, einige Geéz-Wörter, die Geheimnisse des abessinischen Gesanges und Tanzes. Das Anhauchen des Abuna und die Zahlung von zwei Salzstücken an denselben macht sie dann zu fertigen Priestern. Unsre Abbildung (S. 119) zeigt einen Studenten der Theologie aus Schoa, der in Schafpelz gekleidet ist und den Bettelstab und Bettelkorb – seine einzigen Lebensstützen – bei sich führt. Neben ihm sitzt ein Bursche aus Gondar mit einem Sonnenschirm aus Grasgeflecht (Eipras).
Die Art und Weise, wie der Gottesdienst, zumal bei großen Festen, abgehalten wird, erinnert in vieler Beziehung mehr an das heidnische Schamanenthum, als an christliche Ceremonien. Als Rüppell die Kirche von _Koskam_, etwa anderthalb Stunden nordwestlich von der Hauptstadt Gondar, besuchte, um dort dem Feste zum Andenken der Rückkehr Christi aus Aegypten beizuwohnen, fand er dieselbe außerordentlich mit Menschen angefüllt, sodaß er nur sehr schwierig einen Platz in derselben erhalten konnte. Vor dem Gebäude hatte man große Tücher von fußbreiten blauen, weißen und rothen Streifen aufgespannt, um der Menschenmenge Schutz gegen die Sonne zu gewähren. Die Aufmerksamkeit der Anwesenden war auf eine im Vordergrunde befindliche Gruppe von Priestern gerichtet, welche unter schrecklichem Geheul konvulsivische Bewegungen mit dem ganzen Körper machten und mitunter auch abwechselnd wild in die Höhe sprangen. Jeder Priester hatte in der einen Hand eine Rassel (Sanasel), in der andern einen langen krückenartigen Stab. Die Rassel hat die Form einer zweizinkigen Gabel, welche durch Querstäbchen oben geschlossen ist, und in ihr befinden sich mehrere Metallringe, welche hin und her bewegt durch ihren rasselnden Ton den singenden und tanzenden Priestern zum Taktschlagen dienen. Dieser Gebrauch muß ein sehr alter sein, denn schon unser Landsmann Christoph Fuhrer berichtet in seiner 1646 zu Nürnberg gedruckten „Reisbeschreibung in Egypten“: „Gegenüber unter den Armeniern haben die Abyssinier ihren Ort, welche gar seltsame Ceremonien halten. Wann sie Meß singen, brauchen sie wunderbarliche Instrumenta, als zwei Trummel, wie die Heerpauke, darauf sie unter dem Singen schlagen; einer hat ein Schlötterlein, welches voll Schellen hängt, daran er mit der andern Hand schlägt, daß es klingelt: ein andrer hat ein Instrument, wie es die Moren gebrauchen, einer halben Trummel gleich, auch mit Schellen behängt, die stehen beieinander, hüpfen und tanzen zugleich miteinander, singen viel Alleluja, welches lächerlich zuzusehen und zu hören ist, seynd aber dabei fromme und gottesfürchtige Leute.“ – Inmitten der Gruppe sich verzerrender Priester saß einer auf dem Boden und schlug eine große, von Silberblech gearbeitete türkische Trommel. Nachdem diese religiöse Belustigung einige Zeit gedauert hatte, hielten sämmtliche Priester innerhalb der Kirche singend einen Umzug um das die Bundeslade enthaltende Heiligthum. Zwei von ihnen trugen auf dem Kopfe sehr große Helme von Goldblech, mit getriebener Arbeit reich verziert. Dies waren die beiden Kronen, welche einst der Kaiser Joas und sein Vater, der Kaiser Jasu, bei großen Feierlichkeiten zu tragen pflegten und die später der Kirche geschenkt worden waren. Diese Kronen, welche von einem Griechen aus Smyrna gefertigt wurden, sind von Gold- und Silberblechen in getriebener Arbeit gemacht und mit farbigen Steinen oder Stücken Glasfluß verziert. Einige der Priester hatten eine Art Meßgewand von Brokat an, das jedoch sehr verschabt war; andere trugen Stäbe mit Bronzekreuzen und über dem vornehmsten wurde ein blauer, mit Goldfranzen besetzter Sammetschirm getragen. Die ganze Feierlichkeit entbehrte aller Ordnung und erregte in Rüppell mehr Neigung zum Lachen als religiöse Empfindung.
Neben dieser Weltgeistlichkeit, die sich mit sehr geringen Ausnahmen durch Hochmuth, Unwissenheit und lasterhaftes Leben wenig vortheilhaft auszeichnet, steht noch eine große Schar von Mönchen und Nonnen in Abessinien, die nach den uralten Regeln des Pachomius zusammen leben. Dieser, ein Schüler des heiligen Antonius, war der erste, der die Einsiedler ums Jahr 340 auf der Nilinsel Tabenna im Kloster zusammenführte und auch später das erste Nonnenkloster gründete. Seine keineswegs strengen Regeln eignen sich für die immer noch lebenslustigen abessinischen Mönche und Nonnen am besten, die aber oft genug dieselben überschreiten.
Abessinien ist überfüllt mit Mönchen und Einsiedlern, die sich in gelbe Gewänder, das Zeichen der Armuth, oder in gegerbte Antilopenfelle hüllen. Gewöhnlich führen diese Leute einen unsittlichen Lebenswandel, schwärmen durch das ganze Land und sind die Pest und Plage der Gegend, welche sie heimsuchen. Die Männer können in jeder Periode Mönche werden; die, welche mit schweren Krankheiten behaftet sind, thun das Gelübde, nach ihrer Heilung ins Kloster zu gehen, und vermachen diesem ihre ganze Habe. Reiche übergeben ihr Vermögen den Kindern, werden Mönch und lassen sich dann von ihren Erben bis ans Lebensende unterhalten; arme Mönche dagegen leben von der Gnade des Königs und der Gemeinde. Viele dieser Klostergeistlichen sehen aber niemals ihre Zellen, sondern leben gemüthlich mit Weib und Kind zu Hause und betteln auf Grund ihres gelben Gewandes oder der Agaseenhaut, die mit dem ungewaschenen Aeußern zusammen an die Legende von ihrem großen Ordensstifter Eustathius erinnert, welcher sich rühmte, niemals seinen Körper gewaschen zu haben, und wunderbarlich auf dem fettigen Mantel über die Fluten des Jordan schwamm, ohne daß ihn ein Tropfen Wasser feindlich, d. h. reinigend, berührte.
Eins der berühmtesten Klöster befindet sich auf dem _Debra Damo_ in Tigrié, vier Stunden nordöstlich von Ade Pascha. (Siehe S. 35.) Dort oben leben gegen 300 Mönche in kleinen Hüttchen zusammen. Nach Zander’s Bericht führt kein Weg hinauf und Menschen wie Nahrung werden an der Nordseite des Felsens mit Seilen hinaufgezogen. Das Kloster ist stets auf viele Jahre hinaus mit Lebensmitteln versehen und gilt in unruhigen Zeiten als ein besonders sicherer Zufluchtsort. Oben findet man eine Quelle, die das ganze Jahr hindurch vorzügliches Trinkwasser liefert und niemals versiecht. An Handschriften und Büchern, die noch keinem europäischen Reisenden zugängig waren, ist es sehr reich. Der senkrechte Fels besteht aus Grauwacke und Sandstein, die Grundlage desselben ist Urthonschiefer, die Höhe über dem Meere 6800 Fuß. In früheren Zeiten galt Debra Damo als Gefängniß der jüngeren Zweige des herrschenden Geschlechts. Diese Sitte soll im Jahre 1260 durch den König Jakuno Amlak eingeführt und bis ins vorige Jahrhundert beobachtet worden sein. In Schoa vertrat die Festung Godscho dieselbe Stelle bis auf unsere Tage herab.
Zahlreiche Klosteranstalten finden sich auch in Walduba; berühmt sind noch die Klöster von Axum und Debra Libanos, wo der erwähnte Abuna Tekla Haimanot geboren wurde. Nie darf ein Frauenzimmer ein Mönchskloster betreten, allein das hält die Insassen keineswegs ab, einen liederlichen Lebenswandel zu führen. Die Nonnen zeichnen sich durch ein schwefelgelbes baumwollenes Hemd und ein Käppchen von derselben Farbe aus; sie haben alle das Keuschheitsgelübde abgelegt, befinden sich jedoch meist in vorgerückten Jahren. Wichtig werden die Klöster namentlich dadurch, daß viele derselben als _politisches Asyl_ gelten, nach dem zur Zeit der Bürgerkriege viele Flüchtlinge sich retten. Dieser Umstand führte zu großen Mißbräuchen und gestaltete die Aufenthaltsorte der Mönche zu ewigen Sitzen der Unruhe um, zumal die Unantastbarkeit der Freistätte meistens streng eingehalten wurde, bis König Theodoros auch hier einen gewaltigen Schritt that und mit kühner Hand seine Feinde selbst aus den Asylen hervorholte.
Neben der Unsittlichkeit der Geistlichen, der frechen Simonie, der übermäßigen Bilderverehrung, dem Glauben an Weissagereien und Vorbedeutungen, der Auslegung von Träumen, Furcht vor Hexerei und bösen Künsten muß andererseits hervorgehoben werden, daß jedenfalls im Lande kein Unglauben und keine Gottesverachtung herrscht. Der Formengeist, der allen Semiten eigen ist, klebt auch den Abessiniern an, jene Wichtigmachung von Gebräuchen und äußern Werken, die Unterscheidung zwischen Rein und Unrein, die Beschneidung, das Hängen am Buchstaben. Für das Hauptübel Abessiniens aber erklärt Munzinger den Stolz, der, von dem kleinsten Erfolg aufgeblasen, sich überheilig und überweise wähnt und nur ungern von Fremden sich Raths erholt. Der Stolz, von dem kein Abessinier frei ist und eigentlich kein Semite, hat eine andere gefährliche Seite; der Messias ist ihm immer ebenso gut wie den Aposteln ein weltlicher Herr; die Herrschsucht der Eingeborenen wird dem fremden Missionär sehr gefährlich, da sie ihn, ohne daß er es ahnt, in die Landespolitik hineinzieht.
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Die _abessinische Zeitrechnung_ ist eine keineswegs christliche, da sie von der Erschaffung der Welt und nicht von der Geburt Christi an rechnen. Nach ihnen ist das Jahr 1868 das siebentausenddreihunderteinundsechzigste. Der Jahresanfang fällt auf den 10. September. Sie theilen das Jahr in zwölf Monate von je dreißig Tagen und zur Ausgleichung fügen sie denselben am Jahresschluß noch einen verkrüppelten dreizehnten Monat bei, der in drei Jahren fünf, in dem vierten aber sechs Tage hat. Im gewöhnlichen Leben und auch in ihren historischen Annalen werden die vier Jahre nach den Namen der Evangelisten bezeichnet und zwar in folgender Reihe: Johannes, Matthäus, Marcus und Lucas, letzteres hat am Schluß den eingeschalteten sechsten Tag des dreizehnten Monats. Es heißt oft in den Landeschroniken schlechtweg: Dieses ereignete sich in dem Jahre des Evangelisten Matthäus oder Lucas u. s. w. Die Namen der dreizehn Monate sind: Maskarem, Tekemt, Hedar, Tachsas, Ter, Jacatit, Magabit, Mijazia, Ginbot, Sene, Hamle, Nahasse, Paguemen. Kein einziger fällt natürlich ganz mit einem unserer Monate zusammen; so reicht der Maskarem vom 10. September bis 9. Oktober und so fort, bis endlich der verkrüppelte dreizehnte Monat, der Paguemen, vom 5. bis 10. September reicht. Die Abessinier setzen die Geburt Christi in das Jahr der Welt 5500; aber von dieser Periode bis zu unserer Zeit rechnen sie 7 Jahre und 122 Tage weniger als wir Europäer; die Ursache dieses Unterschieds ist die von den alexandrinischen Bischöfen befolgte Chronologie des Julius Africanus und später durch den Bischof Anatolius von Laodicea daran gemachte zehnjährige Abänderung.
Am 10. September, dem Neujahrstage, machen sich die Bewohner der Hauptstadt wie bei uns Gratulationsbesuche und die Frauen überreichen ihren Bekannten Blumensträuße, wobei sie ausrufen: „Glück bringe dir das neue Jahr“. Auch finden Tänze mit Gesang und Schmausereien statt. Das größte Fest in Abessinien feiert man jedoch am 16. Maskarem (26. September) zum Andenken an die infolge eines Traumgesichts der heiligen Helena stattgefundene Entdeckung des Kreuzes Christi. Um die Kunde dieses Ereignisses möglichst schnell nach Konstantinopel zu bringen, bediente man sich der Feuersignale, und die Versinnlichung dieses Ereignisses ist der Hauptzweck der Ceremonien des _Maskalfestes_. Am Vorabend lodern Freudenfeuer auf den Hügeln, Männer mit Rohrfackeln ziehen in Prozessionen auf und kriegerische Tänze werden abgehalten. Der Anblick der bronzefarbigen, halbnackten Gestalten, die in dunkler Nacht, vom Scheine der Brandfackeln beleuchtet, sich taktmäßig hin und her bewegen, ist ungemein malerisch. Die Hauptprozession findet jedoch erst am folgenden Tage statt. Dann ziehen alle waffenfähigen Männer zu Fuß oder zu Pferde nach einem nahen Hügel, auf welchem bei Sonnenaufgang ein Feuer angezündet wird. Dem Zuge voran gehen Musikanten mit Hörnern und Pauken; nachdem die Menge an dem Scheiterhaufen sich gewärmt, kehrt sie zurück, um mit Reiterspielen und kriegerischen Tänzen die Feierlichkeit zu beschließen. Der Gouverneur hält offene Tafel und ungeheuere Portionen rohen Fleisches werden verschlungen. Andere Feste sind Ledat (Weihnachten), Domkat (Taufe Christi), Fasaga (Ostern) und die verschiedenen Heiligenfeste.
Die _Taufen_ finden in der Kirche statt und zwar bei den Knaben 40 Tage, bei den Mädchen 80 Tage nach der Geburt, weil nach der Tradition der Abessinier Adam erst 40 Tage nach der Schöpfung in das irdische Paradies eingeführt wurde und Eva ihm dahin 40 Tage später nachfolgte. Die Ceremonie selbst ist von der bei uns üblichen in vieler Hinsicht abweichend. Jedes Kind hat seinen Pathen; als Taufstein gilt eine thönerne Schüssel, deren Wasser erst beräuchert und dann mit dem Fuße des Geistlichen berührt wird, worauf dieses für geweiht gilt; Loblieder zu Ehren der Jungfrau Maria und das schnelle Ablesen eines Kapitels aus dem Evangelium Johannes vollenden die Vorbereitungen; dann werden die Täuflinge nach allen vier Himmelsgegenden geneigt und bis über den Kopf ins Wasser getaucht; schließlich wird dem Täuflinge eine in geweihtes Oel getauchte Schnur um den Hals gebunden und die Ceremonie ist vorüber. Vorher aber sind die Kinder beiderlei Geschlechts beschnitten worden.
Die _Ehe_ ist in Abessinien, wo allgemeine Sittenlosigkeit und die allergrößte Freiheit im Umgang der Geschlechter herrscht, eine rein äußerliche und sehr lose. Die Trauungen werden nur selten kirchlich geschlossen, was einfach dadurch geschieht, daß die Brautleute das Abendmahl zusammen nehmen. Werden die Gatten einander untreu, so trennen sie sich einfach und haben dann das Recht, noch zweimal sich kirchlich trauen zu lassen. Da jedoch die meisten Ehen wild sind, so betrachtet man die kirchliche Trauung als Nebensache. Wie entsetzlich die Zustände in dieser Beziehung sind, geht aus der Bemerkung Isenberg’s hervor, daß er während der ganzen Zeit seines Aufenthaltes in Abessinien unter einer sehr großen Zahl kirchlich getrauter Leute _kein einziges_ Paar kennen lernte, daß einander treu blieb. Das Gesetz, daß man sich nur dreimal trauen lassen darf, gilt jedoch nur in der Theorie. Rüppell traf zu Ategerat ein hübsches, erst _siebzehnjähriges_ Frauenzimmer, welche bereits von _sieben_ mit ihr ehelich vermählten Männern geschieden war und im Begriffe war, sich zum _achten Male zu vermählen_! Ehescheidungen sind bloße Privatangelegenheiten, welche nur dann vor die Behörden gebracht werden, wenn man in Betreff der Vermögenstheilung sich nicht miteinander verständigen kann. Sonst hat die Obrigkeit damit gar nichts zu thun, und die Ehe besteht nur so lange, als beide Theile damit zufrieden sind. Eifersucht ist in Abessinien ein unbekanntes Ding und eheliche Untreue das Gewöhnliche, besonders noch dadurch begünstigt, daß die Zahl der Frauen überwiegt. Dies mag auch ein Grund dafür sein, daß unter jenen Christen die _Vielweiberei_ geduldet ist; aber nur die Reichen pflegen an dem nämlichen Orte mehrere Frauen zu haben, von denen jede einzelne in einem besonderen Hause wohnt. Diejenigen Abessinier, welche sich ihrer Geschäfte halber an verschiedenen Orten aufhalten, haben gewöhnlich an jedem derselben eine Frau. Im Allgemeinen benimmt sich die Frau sehr aufmerksam, dienstwillig und selbst demüthig unterwürfig gegen ihren Mann. Sie darf ihn nur als ihren Herrn und im Plural anreden, während der Gatte gegen sie das „Du“ gebraucht; sie muß ihm, wenn er es verlangt, die Füße waschen und ihm bei Tische häufig die Speisen in den Mund stopfen! Jenes Betragen der abessinischen Frauen geht jedoch nicht aus Liebe hervor, sondern ist berechnete Schmeichelei. Liebe in reinerem Sinne kennt man in jenem durch die größte Sittenverderbniß ausgezeichneten Lande gar nicht. Zum Heirathen genügt schon ein Vermögen von wenigen Thalern, ein baumwollenes Hemd für die Braut, etwas Geld für die Eltern sind die Geschenke bei Armen. Bei reichen Leuten werden große Gelage gehalten, welche mehrere Tage dauern. Gegen Ende derselben führt der Bräutigam, auf einem Maulthier reitend, die Braut scheinbar aus dem älterlichen Hause in das seinige. Die Mädchen werden in der Regel noch ungemein jung, zuweilen schon in ihrem neunten Jahre verheirathet; so erzählt Pearce, daß ein mehr als siebenzigjähriger Landesfürst die noch nicht zehnjährige Tochter des Kaisers heirathete!
Sieht ein Abessinier seine Todesstunde herannahen, so läßt er den Geistlichen rufen, dem er eine Beichte ablegt, um die Absolution zu empfangen. Der würdige Priester benutzt dann gewöhnlich diese Gelegenheit, um möglichst viel von dem weltlichen Gute des Sterbenden für sich und die Kirche zu erlangen, während er für das _Begräbniß_ selbst keinen Heller nimmt. Dieses findet meistens noch am Todestage statt. Der Körper wird mit gekreuzten Armen in ein baumwollenes Tuch geschlagen, dann mit einer Lederhaut umwickelt, in der Kirche eingesegnet und in einer kleinen Grube bestattet. Nach der Beerdigung versammeln sich Freunde und Verwandte im Sterbehause, wo das Klagegeheul angestimmt und dann ein großes Mahl gehalten wird. Um tiefe Trauer wegen des Todes eines Verwandten auszudrücken, pflegt man sich das Haupthaar abzuscheren, den Kopf mit Asche zu bestreuen und die Schläfen zu zerkratzen, bis Blut fließt. Alles dieses ist jedoch blos äußerliche Heuchelei und fern von tiefgefühlter Betrübniß, denn grenzenloser Leichtsinn ist ein Hauptcharakterzug der Abessinier.
Abessinien ist reich an _Kirchen_, doch sind dieselben meistentheils nur klein. Viele stehen als Wallfahrtsorte in hohem Ansehen und werden von großen Scharen frommer Pilger besucht, die, oft aus weiter Ferne herziehend, häufig zugleich den bei der Kirche aufgeschlagenen Markt zu Einkäufen benutzen. So knüpfen sich auch hier die Messen an die Kirchen, wie in den meisten anderen Ländern der Erde gleichfalls. Gewöhnlich sind die Kirchen im Grundrisse rund und 20–24 Fuß hoch; viereckige gehören zu den seltenen Ausnahmen. Beinahe jede abessinische Kirche oder Kapelle hat an ihrer Façade zwei gleich große, dicht nebeneinander stehende Thüren und im Innern eine Art von großem hölzernen Sessel oder Thron, der die Bundeslade der Israeliten vorstellt. Dieser Sessel, auf welchem Brot und Wein für das Abendmahl eingesegnet werden, führt den Namen Manwer oder Tabot und ist überall in Abessinien der Gegenstand der größten Verehrung. Glocken befinden sich nur in wenigen Kirchen der größeren Städte; statt ihrer behelfen sich die Priester mit dünnen Steinplatten, die schwebend aufgehängt sind und durch deren Anschlagen die Gläubigen zusammenberufen werden. Die gewöhnlichen Kirchen auf dem Lande bestehen aus zwei Gemächern, deren Inneres beinahe ganz dunkel ist und welche durch eine Flügelthüre miteinander in Verbindung stehen. Sie sind mit einem gemeinschaftlichen kegelförmigen Strohdache überdeckt und fast immer von schönen Bäumen umgeben, welche den um die Kirche herumliegenden Friedhof beschatten, der jedoch keinerlei Grabsteine aufweist. Einige dabei befindliche kleine Hütten beherbergen die den Kirchendienst versehenden Priester. Das Ganze ist durch eine niedrige Mauer umschlossen. Wer Schuhe oder Sandalen trägt – übrigens eine Seltenheit in Abessinien – zieht dieselben beim Eingange des Kirchhofes aus. In der vorderen Abtheilung, der eigentlichen Kirche, versammeln sich die Leute, nachdem sie beim Eingange die mit schreckhaften kolossalen Engelsfiguren bemalten Thüren ehrfurchtsvoll geküßt haben. _Gemalte_ Bilder werden in Abessinien verehrt, keineswegs jedoch _geformte_, und deshalb zeigt das abessinische Kreuz auch keinen Christusleib, weil dies nach Auffassung jener Kirche gegen das zweite Gebot verstoßen würde. Das Küssen der Kirche ist als Zeichen der Gottesverehrung üblich, sodaß der Ausdruck „die Kirche küssen“ gleichbedeutend mit unserem „in die Kirche gehen“ ist. Ueberhaupt werden alle für heilig gehaltenen Gegenstände, Kirchen, Kreuz, Bilder und Bücher geküßt. Die Eingetretenen setzen sich oder knieen auf den Boden hin. Durch die offene Flügelthür erblickt man im zweiten Gemache den Tabot, um den Priester in zerlumpten seidenen Kitteln umherstehen, jeder von ihnen hält eine brennende Wachskerze in der Hand, außerdem Schelle und Rauchfaß, die sie beim Heulen der Psalmen schwingen. Zuweilen liest einer eine kurze Phrase aus einem auf der Bundeslade liegenden Buche oder reicht den Anwesenden das Kreuz zum Küssen dar – von einer christlichen Erbauung gewahrt man jedoch bei diesen keine Spur; sie plappern zwar fortwährend mit den Lippen Gebete her, aber ihren Blicken nach zu urtheilen sind ihre Gedanken bei ganz anderen Gegenständen.
Besser sind die Kirchen in den großen Städten beschaffen, namentlich zu Gondar, wo es allein gegen fünfzig giebt. Die größte ist die _Bada-Kirche_, welche Kaiser Tekla Haimanot um das Jahr 1775 erbauen ließ. Mit ihrem hohen konischen Dache überragt sie alle anderen Gebäude der Stadt und zeichnet sich außerdem durch ein großes griechisches Kreuz von Messing auf dem Giebel aus. In ihr, sowie in anderen Kirchen Gondars zeigt man mehrere etwa fünf Fuß lange Kisten aus Sykomorenholz, welche ringsum mit Heiligenbildern und auf dem Deckel mit der Figur eines in ein Leichentuch gehüllten Menschen bemalt sind. Sie enthalten die Gebeine von Personen, welche in ganz besonderem Ansehen standen. Diese müssen jedoch erst herkömmlicher Weise fünfzig Jahre lang in der Erde geruht haben, ehe sie zu der Ehre gelangen, auf diese Art aufbewahrt zu werden. Die übrigen Kirchen sind gewöhnlich von Bogengängen umgeben, von denen aus mehrere große Thüren in das Innere führen. Wände, Thüren und Querbalken des Gebäudes sind mit Malereien bedeckt und die innere Seite der Thürgesimse mit kleinen Porzellanplatten ausgekleidet; Teppiche decken den Boden; doch Lampen sind eine seltene Erscheinung.