Abessinien, das Alpenland unter den Tropen und seine Grenzländer
Chapter 1
Das
Buch der Reisen und Entdeckungen.
Afrika.
*Abessinien,*
das Alpenland unter den Tropen.
Malerische Feierstunden.
Das Buch der Reisen und Entdeckungen.
_Neue illustrirte_
*Bibliothek der Länder- und Völkerkunde*
zur
Erweiterung der Kenntniß der Fremde.
*Afrika.*
*Abessinien, das Alpenland unter den Tropen.*
Bearbeitet
von
*Dr. Richard Andree.*
Mit 80 in den Text gedruckten Abbildungen, sechs Tonbildern, sowie einer Uebersichtskarte von Abessinien
*Leipzig.*
Verlag von Otto Spamer.
1869.
*Abessinien,*
_das Alpenland unter den Tropen_
und
*seine Grenzländer.*
Schilderungen von Land und Volk vornehmlich unter
*König Theodoros* (1855–1868).
Nach den Berichten älterer und neuerer Reisender bearbeitet
von
*Dr. Richard Andree.*
Mit 80 Text-Abbildungen, 6 Tonbildern nach Originalzeichnungen von E. Zander, R. Kretschmer, H. Leutemann u. A. nebst einer Uebersichtskarte von Abessinien.
_Leipzig._
Verlag von Otto Spamer.
1869.
Verfasser und Verleger behalten sich das Recht der Uebersetzung vor.
Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.
VORWORT.
Ein afrikanisches Alpenland, überreich an Schönheiten und Wundern der Natur, bewohnt von einem begabten Volke, das gleich uns zum kaukasischen Stamme gehört und mit den Negern nichts zu schaffen hat, eine an fesselnden Abenteuern reiche Folge von Reisen in dieses Land, endlich der Feldzug Englands gegen den eisernen, blutigen _Theodor_, der mächtig über Abessinien geherrscht, wie noch kein dunkelfarbiger König vor ihm – das ist es, was wir in diesem Bande des „Buches der Reisen und Entdeckungen“ den Lesern vorführen wollen.
Abessinien hat von jeher der gebildeten Welt ein großes Interesse eingeflößt und nicht etwa erst die neueste romantische Episode seiner Geschichte uns diese „unter die Tropen gerückte Schweiz“ näher geführt. Dort, in der muthmaßlichen Heimat des schwarzhäutigen der durch die Bibel eingeführten heiligen drei Könige, besteht ja noch, abgeschieden und vergessen von den abendländischen Glaubensgenossen, inmitten heidnischer und muhamedanischer Völker, ein christliches Reich; dorthin verlegte das Mittelalter auch den Staat des fabelhaften Erzpriesters Johannes, dort entspannen sich Glaubenskämpfe gegen den Islam, die an Heftigkeit und blutigen Greueln ihresgleichen suchen, dort mühten sich endlich unsere Missionäre bis in die neueste Zeit erfolglos ab, die Bevölkerung zu einem reineren Glauben zurückzuführen. Staatsumwälzungen, Bürgerkriege folgen im bunten Wechsel einander.
So erhebt sich vor unserem geistigen Blicke auf dem farbenreichen Hintergrund, den die Natur bietet, ein interessantes geschichtliches Bild, beginnend mit der sagenhaften Königin von Saba, endigend mit dem blutigen _Theodor_, und fesselt unser Interesse an denselben afrikanischen Boden, der, wenn man von Aegypten und den durch die Araber begründeten Reichen absieht, im Grunde eine eigentliche Geschichte nicht hat.
Nachdem der Verfasser die Erforschung Abessiniens von den ältesten Zeiten bis auf unsere Tage herab geschildert hat, führt er in den ersten vier Abschnitten Land und Leute in einem gedrängten Bilde vor, alles Wesentliche zusammenfassend, was über Geologie und Oberflächengestaltung, über die natürlichen Felsenfestungen und periodisch anschwellenden Ströme, jene Grundursache der Nilüberschwemmungen, was über die klimatischen Verhältnisse und die Vegetationsgürtel, über die Thierwelt jenes interessanten Gebietes gesagt werden kann. Dabei wandert das Volk an uns vorüber mit seinen guten Anlagen und seinem tiefen sittlichen Verfall, seinen verschiedenen Stämmen und Sprachen, Sitten und Gebräuchen. Handel und Industrie finden gleichfalls gebührende Berücksichtigung, nicht minder die religiösen Verhältnisse, das afrikanisch gefärbte Christenthum des Landes mit seiner byzantinischen Scheinrechtgläubigkeit und lasterhaften Priesterschaft. Die Missionsgeschichte, reich an Enttäuschungen und arm an Erfolgen, wird unparteiisch berichtet und dann mit einer Abhandlung über den Landbau und die sozialen Verhältnisse des Landes der allgemeine Theil beschlossen.
Nachdem der Leser dergestalt orientirt ist, kann er an der Hand der neuesten Reisenden das weite Land durchwandern; er lernt den Norden wie den Süden kennen, die brennendheißen Küstenstriche und die fieberschwangere, feuchte Kollaregion, hinauf bis zu den schneegekrönten, majestätischen Alpengipfeln.
Geleitet von solchen Forschern, deren Schilderungen zu den farbenprächtigsten gehören, die wir über jene fernen Gegenden besitzen, gewinnt der Leser alsobald die vorgeführten Persönlichkeiten um so lieber, je fesselnder deren oft überaus romantische Fahrten sind. Während die älteren Reisenden bereits früher besprochen waren, bieten wir in diesem Abschnitte einen Einblick in das verdienstvolle Wirken der neueren Ländererforscher. Wir lernen den geistreichen und kühnen Franzosen _Guillaume Lejean_ kennen, durchstreifen an der Hand _Werner Munzinger’s_ und der Gefährten des _Herzogs Ernst von Sachsen-Koburg_ die nördlichen Grenzgebiete, die Länder der Bogos und Kunama, begleiten den deutschen Fürsten selbst auf seinen Pürschgängen und Elefantenjagden und werden schließlich durch den englischen Major _W. Cornwallis Harris_ in die fast märchenhaft erscheinende Welt von Schoa, diesen südlichen Theil Abessiniens, eingeführt, wo in malerischen Einzelschilderungen das Hof- und Kriegsleben des Negus _Sahela Selassié_ an uns vorübergeht.
Naturgemäß gipfeln die Mittheilungen in der Darstellung des heutigen Abessinien. Verfallen und zerrissen durch nimmer ruhende Bürgerkriege, zuckend und verblutend liegt es da. Wüst liegen die fruchtbaren Aecker und das geplagte Volk verkommt: da scheint ein Hoffnungsstrahl aufzudämmern! Gleich einem glänzenden Meteor steigt der mächtige _Theodor_, der Sohn einer armen Kussohändlerin, am abessinischen Himmel auf. Noch einmal scheint es, als ob das altäthiopische Reich aus seinen Trümmern, aus Schutt und Moder wieder erstehen wolle. Doch der Glanz trügt, und nach Tagen blutiger Schrecken sinkt unter der überlegenen Macht der „rothhaarigen Barbaren“ auch der afrikanische Napoleon dahin, mit ihm sein Reich. Indessen nicht blos Schatten wirft die Regierungsgeschichte dieses unzweifelhaft bedeutenden Mannes; es sind Lichtpunkte genug in derselben zu finden, und der Verfasser hat sich bemüht, Licht und Schatten in gerechter Würdigung der Schwierigkeiten, die sich einem Reformator in der Eigenartigkeit von Land und Menschen jener fernen Gegenden entgegenstellen, billig zu vertheilen.
Was die Quellen, aus denen das vorliegende Buch geschöpft, betrifft, so wurde von _Hiob Ludolf_ an bis auf _Th. von Heuglin_, sowie die Berichte der englischen Korrespondenten herab keine wichtige Publikation übersehen. Außer den angeführten Reisenden, deren Berichte im Auszuge wiedergegeben sind, wurden hauptsächlich _James Bruce_, _Henry Salt_, _Eduard Rüppell_, _Karl Wilhelm Isenberg_, _Ludwig Krapf_ und (für den zoologischen Theil) _A. E. Brehm_ benutzt.
Als ganz besonders werthvoll müssen wir die Originalabhandlung über die _Agrikultur Abessiniens_ von _Eduard Zander_ hier hervorheben. – Das Leben dieses deutschen Landsmannes haben wir im Texte geschildert. Für die Erlaubniß zur Veröffentlichung der genannten Arbeit ist der Herausgeber _Sr. Hoheit dem Herzoge Leopold Friedrich von Anhalt_, in dessen Besitze sich das Original-Manuskript befindet, zu tiefgefühltem Danke verpflichtet. Die Kundgebung dieser zu Magdala im Jahre 1859 verfaßten Arbeit erfolgt hier, mit Weglassung einer allgemeinen Einleitung, vollständig. Da jedoch unserm wackern Landsmanne nach längerer Abwesenheit vom Heimatlande der flüssige Gebrauch der deutschen Sprache abhanden gekommen war, so erschienen stylistische Aenderungen in seiner Darstellung unerläßlich, wie denn auch die Schreibart der Eigennamen mit der in vorliegendem Werke befolgten in Uebereinstimmung gebracht werden mußte.
In der Orthographie abessinischer Namen herrscht bekanntlich die größte Anarchie, ganz entsprechend jener, welche das Land zerrüttet; um ihr womöglich zu entgehen, schloß sich der Verfasser in seiner Rechtschreibung an diejenigen deutschen Reisenden an, welche von allen die meiste Uebereinstimmung zeigen und diesen Gegenstand am eifrigsten ihrer Aufmerksamkeit gewürdigt haben, nämlich _K. W. Isenberg_ und _Th. von Heuglin_.
Zur ganz besonderen Freude gereicht es uns, mittheilen zu können, daß der bei Weitem größere Theil der Illustrationen dieses Werkes nach an Ort und Stelle aufgenommenen Originalen gezeichnet ist. Zwei Künstler, die das Land bereisten, haben dieselben geliefert: _Robert Kretschmer_, der den Herzog von Koburg als Maler begleitete, und _Eduard Zander_, dessen werthvolle Federzeichnungen, weit über hundert an der Zahl, die landschaftlichen, architektonischen und ethnographischen Verhältnisse Abessiniens ungemein gut charakterisiren. Sie befinden sich gleichfalls im Besitze Sr. Hoheit des Herzogs von Anhalt und werden hier, mit dessen hoher Erlaubniß, als wesentlicher Schmuck unsres Buches, wiedergegeben. Die übrigen Illustrationen, bei denen die Quelle stets angegeben ist, wurden den Werken von H. Salt, E. Rüppell, W. C. Harris, Bernatz, G. Lejean u. a. entlehnt. Schon in dem uns hier entgegentretenden Reichthum an gelungenen Holzschnitten ist uns ein vollständiges Bild des afrikanischen Alpenlandes geliefert, das in keinem hier in Betracht kommenden andern Werke reicher illustrirt zur Anschauung kommen dürfte. Das am Schlusse mitgetheilte Kärtchen endlich wird zur allgemeinen Orientirung über das besprochene Gebiet willkommen geheißen werden.
_Leipzig_, im Juli 1868. *Die Redaktion des „Buches der Reisen und Entdeckungen“.*
INHALTSVERZEICHNISS.
Seite _Einleitung._* Historischer Ueberblick und Geschichte der 1 Erforschung Abessiniens.* Mit 11 Illustrationen Aethiops (2). – Die Königin von Saba (3). – Menilek und die salomonische Dynastie (3). Berührungen mit den Völkern des Alterthums (4). – Die Königsstadt Axum und ihre Ruinen (5). – Einführung des Christenthums (6). – Wechsel der Dynastie (8). – Die Invasion der Muhamedaner unter Granje (10). – Portugiesen und Jesuiten in Abessinien (11). – Ihre Vertreibung (12). – Zerfall des Reiches und Bürgerkriege (13). – Die Verfassung (18). – Erforschungsgeschichte (19). – Portugiesische Reisende (20). – Hiob Ludolf (21). – Bruce (22). – Salt und Pearce (23). – Hemprich und Ehrenberg (23). – Rüppell (23). – Tamisier und Combes (26). – v. Katte (26). – Schimper (26). – Aubert und Dufey (27). – Lefêbvre (27). – Gebrüder d’Abbadie (27). – Rochet d’Héricourt (28). – Beke (29). – Zander (30). – Sapeto (32). – Munzinger (32). – Lejean (33). – Die deutsche Expedition (33). *Das Land, seine Pflanzen- und Thierwelt.* Mit 14 35 Illustrationen Begrenzung (35). – Das Hochland (36). – Geologie Abessiniens (36). – Der versteinerte Wald (39). – Heiße Quellen (40). – Oberflächengestaltung (40). – Natürliche Felsenfestungen (42). – Die Alpen Semiéns (42). – Charakter der Flüsse (46). – Ihr Anschwellen (46). – Ursachen der Nilüberschwemmungen (47). – Der Tanasee und der Abai (47). – Klimatische Verhältnisse (50). – Die Vegetationsgürtel (51). – Kola (51). – Woina Deka (56). – Deka (61). – Die niederen Thiere (62). – Vögel (65). – Säugethiere. Ihre Lebensweise, Nutzanwendung, Jagd (71). *Das Volk, seine Sitten und Gebräuche, Handel und 85 Industrie.* Mit 9 Illustrationen Physischer Charakter des Volks (85). – Die Juden oder Falaschas (86). – Muhamedaner (87). – Gamanten (88). – Heidnische Ueberreste (90). – Waito (90). – Die Sprachen Abessiniens (90). – Literatur und Malerei (93). – Charakter und Sittenlosigkeit der Abessinier (94). – Blutrache (95). – Justiz (96). – Aberglauben (97). – Das Verzehren von rohem Fleische (100). – Nahrungsweise (102). – Kleidung (103). – Krankheiten und Aerzte (103). – Industrie und Handel (106). *Religion, Kirche und Geistlichkeit. Das Missionswesen.* Mit 111 8 Illustrationen Das Christenthum Abessiniens, dessen Lehren und Verwahrlosung (111). – Der Abuna (114). – Art des Gottesdienstes (120). – Die lasterhafte Geistlichkeit (122). – Mönche und Klöster (122). – Politische Asyle (123). – Zeitrechnung (123). – Feste (123). – Taufe, Ehe, Begräbniß (124). – Die Kirchen, ihre Einrichtung und Ausschmückung (126). – Die verschiedenen Missionsversuche in Abessinien, deren Mißlingen und Urtheile darüber (128). *Der Ackerbau und die Viehzucht Abessiniens.* Mit 5 139 Illustrationen Die Kulturfläche Abessiniens (139). – Die Getreidearten, ihre Anpflanzung und Verwendung (141). – Gewürze, Gemüse, Wein, Baumwolle, Gescho (144). – Ernteertrag (146). – Nuk (146). – Einfelderwirthschaft (146). – Ackerwerkzeuge (147). – Regenzeit (148). – Bewässerung (148). – Soziale Stellung der Landleute (149). – Die Viehzucht (150). – Aussicht für europäische Ansiedelungen (153). – Die Regierung und der Grundbesitz (153). – Das Frohnwesen (153). – Steuern (153). – Wiesen und Moorgrund (154). – Bienenzucht (154). – Die Wohnungen der Landleute (155). – Die Mühlen Abessiniens (157). *Massaua und die abessinische Küstenlandschaft.* Mit 5 158 Illustrationen Die Bedeutung des Rothen Meeres (158). – Der Dahlak-Archipel und die Perlenfischerei (160). – Die Stadt Massaua und ihre Bewohner (162). – Sklavenhandel (164). – Die Cisternen (166). – Der Markt (167). – Karawanenhandel mit Abessinien (167). – Die Bai von Adulis (168). – Schoho und Danakil (170). – Die Samhara (171). – Eine abessinische Karawane (172). – Der Tarantapaß und Halai (174). *G. Lejean’s Reise durch Abessinien.* Mit 10 Illustrationen 176 Metemmé (177). – Der Markt Wochni (178). – Grenzwächter (178). – Eine abessinische Festung (180). – Eine deutsche Familie (182). – Das Land am Tanasee (182). – Schnapphähne (184). – Missionsstation Gafat (185). – Gefangennahme Lejean’s durch König Theodor (187). – Theodor’s Löwen (187). – Gondar und seine Bauten (188). – Wasserfall des Reb (192). – In einem Kloster (194). – Besuch in Korata (195). – Binsenflöße (198). – Besteigung des hohen Guna (200). – Fünf Frauengenerationen (200). – Befreiung (202). – Hochebene Wogara (202). – Lamalmon-Paß (203). – Reise durch Tigrié nach Massaua (204). *Reisen in den nördlichen und nordwestlichen Grenzländern 207 von Abessinien.* Mit 4 Illustrationen Das Land der Mensa und Bogos (207). – Reise des Herzogs Ernst (208). – Monkullo (209). – Labathal (209). – Plateau von Mensa (210). – Das Volk der Mensa (211). – Ausflug nach Keren (212). – Elephantenjagd (214). – Rückkehr (216). – Munzinger über die Bogos (217). – Geschichtliches (217). – Ein aristokratisches Volk (218). – Rechtsverhältnisse (218). – Aberglauben (219). – Das Christenthum der Bogos (219). – Der Marebfluß (221). – Die demokratischen Bazen und Barea (220). *Schoa und die britische Gesandtschaft unter Major Harris.* 224 Mit 9 Illustrationen Begrenzung (224). – Englische Gesandtschaft unter Harris (225). – Tadschurra (225). – Zug durch die Adalwüste (226). – Salzsee (227). – Mord im Thale Gungunté (228). – Versammlung der Eingeborenen (230). – Sklavenkarawane (232). – Myrrhen (233). – Der Hawasch (234). – Der Grenzdistrikt (234). – Alio Amba, ein Marktort (236). – Empfang beim Könige Sahela Selassié (240). – Die Hauptstadt Ankober (242). – Debra Berhan, die Sommerresidenz (245). – Sklavendepot (246). – Truppenrevue (246). – Angollala (249). – Schlucht der Tschatscha (250). – Medoko, der Rebell (252). – Das Gallavolk (252). – Kriegszug gegen dasselbe (258). – Siegesfest (260). – Abschluß des Handelsvertrags (262). – Rückkehr (263). *Theodoros II., Negus von Aethiopien.* Mit 6 Illustrationen 264 Bewegte Jugend (264). – Der Emporkömmling (265). – Schlacht von Debela und Königskrönung (266). – Rebellenkriege (267). – Reformen (272). – Abessinische Heere und Kriegspraxis (275). – Verwickelungen mit den Missionären (280). – Gefangennahme Cameron’s und Streitigkeiten mit England (281). – Magdala (284). – Beginn der englischen Invasion (287). – Erstürmung von Magdala und Tod Theodor’s (293). – Rückzug der Engländer (297).
Die hierzu gehörigen Tonbilder sind einzuheften: König Theodoros, Audienz ertheilend Titelbild. Teiit, Partie von Totscha in Semién Seite 43 Charakter des Hochgebirges Awirr in Semién " 49 Herzog Ernst von Sachsen-Koburg-Gotha auf der Jagd in " 215 Mensa Im Lager des Negus. Priester und Krieger " 276 Innerer Theil der Bergfeste Magdala. Südliche Ansicht " 286
EINLEITUNG.
Historischer Ueberblick und Geschichte der Erforschung Abessiniens.
Aethiops. – Die Königin von Saba. – Menilek und die salomonische Dynastie. – Berührungen mit den Völkern des Alterthums. – Die Königsstadt Axum und ihre Ruinen. – Einführung des Christenthums. – Wechsel der Dynastie. – Die Invasion der Muhamedaner unter Granje. – Portugiesen und Jesuiten in Abessinien. – Ihre Vertreibung. – Zerfall des Reiches und Bürgerkriege. – Die Verfassung. – Erforschungsgeschichte. – Portugiesische Reisende. – Hiob Ludolf. – Bruce. – Salt und Pearce. – Hemprich und Ehrenberg. – Rüppell. – Tamisier und Combes. – v. Katte. – Schimper. – Aubert und Dufey. – Lefêbvre – Gebrüder d’Abbadie. – Rochet d’Héricourt. – Beke. – Zander. – Sapeto. – Munzinger. – Lejean. – Die deutsche Expedition.
„In den ersten Jahrhunderten unserer Aera stand Abessinien auf der Höhe der damaligen Kultur; das Christenthum, das ununterbrochen von Aegypten den Nil hinauf bis hierher reichte, schuf einen stetigen Verkehr mit dem römischen Reiche. In Glauben, Sitte, Recht und Feinheit des Lebens war es uns ähnlich; doch seit es von dem Abendlande durch die Fortschritte des Islam abgeschnitten ist, blieb seine Entwicklung stehen, und wie, wer steht, zurückgeht, so ist auch Abessinien zurückgegangen und ist verwildert, wenn es auch jetzt noch Europa viel näher steht als dem nachbarlichen Afrika. Es ist umringt von Feinden, wie die Rose von Dornen; im Norden, wo das Hochland in Stufen abfällt und endlich in unabsehbare Tiefebenen sich endet, wohnen muhamedanische Völker, meist rebellische Kinder des Hochlandes, die hellfarbigen Habab, die Leute von Barka; ihnen folgen noch nördlicher die altnomadischen fremdredenden Hadendoa. Im Westen begrenzt Abessinien das Nilland, türkischer Herrschaft unterworfen, im Süden das halb muhamedanische, halb teufelanbetende Volk der Galla. Wohl brauchte es Jahrhunderte, das Hochland vor allen diesen Feinden dem Christenthume zu wahren. Doch jetzt steht Abessinien gegen außen unabhängig da; es hat nur die inneren Feinde zu fürchten, die Anarchie, den freiwilligen Verfall seiner Religion und Sitte, den Selbstmord.“
So charakterisirt einer der besten Kenner des Landes, Werner Munzinger, die Lage der „afrikanischen Schweiz“, die von alters her das Interesse der europäischen Völker wach zu halten wußte, schon wegen der Gleichartigkeit der Religion, welche uns mit ihren Bewohnern verbindet. Dorthin verlegte man den Sitz des schwarzen Erzpriesters Johannes, dorthin zogen Glaubensboten und wissenschaftliche Forscher in großer Zahl und übermittelten uns Kunde von den Wundern des so verschiedenartig gestalteten Landes. Bald sind es die heißfeuchten Niederungen mit tödtlichem Klima, tropischem Pflanzenwuchs und belebt von den Riesen der Thierwelt, bald kahle, vom Winde gepeitschte Hochebenen, über denen die gezackten, kuppel- und domförmigen Bergriesen bis in die Eisregion hineinragen, dann wieder die verschiedenen Stämme des Landes, ausgezeichnet vor ihren Nachbarn durch leibliche und geistige Vorzüge, doch tief gesunken, die uns jene Berichte vorführen. Endlich aber ist es die mehr als tausendjährige, wol anfangs in den Schleier der Sage gehüllte Geschichte des Landes, die mit ihrem Dynastienwechsel, ihren blutigen Bürgerkriegen und Religionskämpfen uns unwillkürlich anzieht. Ja, _Geschichte auf afrikanischem Boden_! Welche Anomalie! Denn sehen wir ab von den muhamedanischen Staaten und den alten, vorübergehenden Kulturreichen im Norden des schwarzen Erdtheils, so bietet uns allein Abessinien eine Geschichte, ein Reich in Afrika dar. Staatenbildungen, Historie bei den Negervölkern zu suchen, wäre vergebliche Mühe; Abessinien aber hat beides, und der Grund dafür liegt in der Abstammung, der Begabung seiner Bewohner, die gleich uns zur kaukasischen Rasse gehören, denn sie sind äthiopische Semiten, Verwandte der Araber, Phönizier, Juden.
Nach der Ueberlieferung der Abessinier kam _Kusch_, ein Sohn Ham’s, in ihr Land, ließ sich dort nieder, gründete die Stadt Axum und bevölkerte weit und breit die Umgebung. Er hinterließ zwölf Söhne, unter welchen der älteste, _Aethiops_, dem ganzen Lande den Namen _Aethiopia_ gab. So hieß es wenigstens bei den Griechen und heißt es heute noch offiziell. Der allgemein übliche Ausdruck Abessinien jedoch ist aus dem arabischen Habesch abgeleitet. Nach dieser dunklen Sage schweigt die Tradition wieder, und nur Erinnerungen an heidnische Gebräuche und Schlangenkultus füllen den Zeitraum aus, bis die Geschichte Abessiniens – wenn auch immer noch sagenhaft – mit derjenigen der schönen _Königin Maketa von Scheba_ (Saba) zusammenfällt. Zu Axum hatte sie im 11. Jahrhundert vor Christus ihren Thron aufgeschlagen; dort herrschte sie, ihr Volk beglückend, voller Milde und Güte. Eines Tags erschienen Fremdlinge aus einem fernen nördlichen Lande bei ihr, die viel von dem weisen Könige Salomo zu Jerusalem berichteten, der alle übrigen Menschen an Klugheit weit übertraf. Ihn zu sehen, reiste die Königin nach Kanaan, und kaum hatte der Judenkönig sie erblickt, als er sich in sie verliebte und sie zur Frau nahm. Nachdem die äthiopische Fürstin dem Könige einen Sohn Namens _Menilek_ Ebn Hakim, der später den Königsnamen David I. empfing, geboren hatte, riefen sie die Pflichten der Herrschaft wieder nach Abessinien zurück, während der Sohn beim Vater blieb, um dort in allen Tugenden erzogen zu werden. Er wuchs heran und nahm zu an Weisheit und Gnade, sodaß aller Menschen Augen mit Wohlgefallen auf ihm ruhten. Eines Nachts, berichtet die Tradition, erschien ihm der Herr im Traume, hieß ihn wieder in die Heimat zurückkehren und dort den Gottesdienst nach jüdischer Weise einrichten. Heimlich warb er zwölf Priester, unter denen Asarja obenan steht, nahm in der Nacht die alte Bundeslade aus dem Tempel zu Jerusalem und flüchtete mit ihr zu seiner Mutter nach Axum, wo das angebliche Heiligthum noch jetzt gezeigt wird. Von seinem Vater Salomo wurde Menilek lange Zeit verfolgt, allein Gottes Wundermacht schützte ihn und sicherte ihn vor allen Nachstellungen, so daß er 29 Jahre über Aethiopien regierte. Seit jener Zeit nun regiert nominell eine _salomonische Dynastie_ in Abessinien, und der Glaube hieran ist unter dem ganzen Volke vom Höchsten bis zum Niedrigsten so fest gewurzelt und weit verbreitet, daß nichts sie von dieser Vorstellung abzubringen vermag.