Abenteurer

Part 5

Chapter 53,300 wordsPublic domain

»In den Kopf. Ich schoß ihn durchs Ohr, die Kugel ging nach oben.«

»Den Teufel auch! Wo hast du ihn begraben?«

»Westlich in der Prärie. Ich gab ihm die Zeitung in die Hände.«

»Das hast du getan?«

Damit legten sich die Kameraden wieder hin, um weiter zu schlafen.

Nach einer Weile fragt noch einer von ihnen: »War er gleich tot?«

»Ja,« antwortete Zachäus, »beinahe sofort. Die Kugel ging durch das Gehirn.«

»Ja, das ist der beste Schuß,« sagt der Kamerad. »Geht sie durch das Gehirn, so ist das der Tod.«

Und dann wird es ruhig in dem Schuppen, und alle schlafen -- -- --.

Der Aufseher ernannte einen neuen Koch, einen der Gehilfen, die seit dem Frühling in Übung waren; dieser ward jetzt zum Chef erhöht und war herzlich glücklich über den Mord.

Und alles ging seinen rührigen Gang bis zur Ernte. Es wurde nicht weiter über Pollys Heimgang geredet; der arme Teufel war tot, er lag irgendwo im Weizenfelde begraben, wo die Ähren ausgerissen waren. Dabei war nichts mehr zu machen.

Als der Oktober kam, zogen die Arbeiter aus Billybory nach der nächsten Stadt, um einen gemeinsamen Abschiedstrunk zu trinken und sich dann zu trennen. Alle waren in diesem Augenblick bessere Freunde denn je zuvor, und sie umarmten und dankten einander und meinten es ehrlich damit.

»Wohin gehst du, Zachäus?«

»Ich gehe etwas weiter westlich,« antwortet Zachäus. »Vielleicht nach Wyoming. Aber zum Winter gehe ich wieder in den Wald zum Holzschlagen.«

»Dann treffen wir uns dort. Auf Wiedersehen, Zachäus! Glückliche Reise!«

Die Kameraden ziehen nach allen Richtungen hinaus in das große Yankeeland. Zachäus reist nach Wyoming.

Und die Prärie liegt da gleich einem endlosen Meer, über das die Oktobersonne ihre langen Strahlen wirft, die blitzenden Pfriemen gleichen.

Auf den Bänken bei New-Foundland

Monat für Monat lagen wir auf den Bänken und fischten Kabeljau. Der Sommer und der Winter kam und ging, und wir lagen immer noch an derselben Stelle, mitten im Meer, an der Grenze zweier Erdteile, Europa und Amerika. Vier- bis fünfmal im Jahre gingen wir nach Miquelon hinauf, um unsern Fang zu verkaufen und uns zu verproviantieren. Dann segelten wir wieder auf das Meer hinaus, verankerten uns auf demselben Grunde und fischten Kabeljau -- und steuerten wieder nach Miquelon hinauf, um abermals zu löschen. Ich war in der Stadt niemals am Land. Warum sollte ich auch an Land gehen? Man sah dort sehr wenig Menschen an dem Platze, diesem kleinen Weltende, das nur einige Fischer und Schiffshändler bewohnten.

Unser Schiff war ein Russe und führte den Namen »Kongo«, ein wirklicher Russe, eine alte Bark, die noch auf den Seiten halbverdeckte Stückpforten hatte von ihren jüngeren Tagen her. Wir waren acht Mann an Bord: zwei Holländer und ein Franzose, zwei Russen und ich; der Rest waren Neger.

Der »Kongo« hatte vier Boote. Auf ihnen fuhren wir am Morgen hinaus und zogen unsere Schnüre ein, im Sommer um drei Uhr, im Winter beim Morgengrauen, und am Abend legten wir sie wieder aus, immer auf derselben Stelle, sieben- bis achthundert Faden W. S. W. vor dem »Kongo«.

Ein Tag verging wie der andere, immer lagen wir da. Unser Dasein bot keine Abwechselung; wir wußten nicht einmal immer, ob es Sonntag oder Montag wäre. Das einzige, was unsere Verhältnisse von denen der andern New-Foundlandfischer unterschied, war das Ungewöhnliche, daß unser Schiffer seine Frau mit an Bord hatte. Diese Frau war ein junges, aber sehr widerliches Geschöpf mit ganzen Trauben von Warzen an den Händen und entsetzlich mager und sehr klein.

Wir sahen sie fast jeden Morgen, wenn wir von Bord abstießen; sie war dann gerade aufgestanden, war schläfrig und sehr unordentlich angezogen. Sie konnte sich gerade vor unsern Augen hinsetzen und -- nein, es läßt sich wirklich nicht erzählen. Aber obwohl sie so unsauber war und fast niemals ein Wort mit uns sprach, hatten wir sie doch gern, wir alle hatten sie gern, jeder in seiner Weise, und keiner von uns hätte sie entbehren mögen. So genügsam waren wir geworden.

Wir waren keine Seeleute, sondern nur Fischer. Ein Seemann segelt immer weiter, gelangt irgendwohin und beendet schließlich seine Fahrt, wie lange sie auch währt; aber wir, wir lagen still, ewig und immer still, mit allen unsern Ankern in der Bank. Es war nun so lange in dieser Weise gegangen, daß wir schließlich uns fast nicht mehr entsinnen konnten, wie das Festland eigentlich aussieht. Wir hatten uns sehr verändert. Das ewige Stilliegen hatte uns seltsam stumpf, wirklich ganz stumpf gemacht. Wir sahen nichts weiter als Nebel und Meer, und hörten nichts anderes als Wind und Wetter, von oben und unten; wir interessierten uns für nichts und dachten keine längeren Gedanken mehr. Warum sollten wir auch denken? Unsere ständige Beschäftigung mit Fischen hatte uns selbst zu Fischen gemacht, zu seltsamen, fleischartigen Seetieren, die auf einem Schiff herumkrochen und eine eigene, nur uns gegenseitig verständliche Sprache redeten.

Wir lasen auch nicht, nichts lasen wir. Briefe konnten zu uns hier draußen im Meer nicht hinausgelangen, und außerdem hatte der scharfe Nebel, den wir einsogen, unsere tägliche Beschäftigung mit rohen Fischen, unser ununterbrochener Aufenthalt auf den Bänken unsere ganze Lebensfreude ertötet.

Wir aßen, arbeiteten und schliefen. Der einzige von uns, der nicht ganz den Kopf verloren hatte und noch einigermaßen am Leben teilnahm, war der Franzose. Er zog mich einmal auf Deck beiseite und fragte im ernstesten Tone:

»Meinst du, daß man jetzt daheim Krieg führt?«

So gleichgültig waren wir für alles geworden, daß wir fast nicht mehr miteinander sprachen. Wir wußten allzu gut, wie die Antwort auf jede Frage lauten würde, und dazu kam noch, daß wir oft die größte Mühe hatten, gegenseitig unsere Sprache zu verstehen. Was half es nämlich, daß die offizielle Sprache des Schiffes englisch war! Sowohl die Holländer, als der Franzose waren zu ungelehrig und zu trotzig, um sie zu lernen, und selbst wenn die Russen etwas Längeres sagen wollten, gingen sie ärgerlich in ihre eigene Sprache über. Kurz, wir waren in jeder Beziehung hilflos und verlassen.

Aber bisweilen, wenn wir so saßen und die Schnüre einholten, zog draußen ein Auswandererschiff vorbei, ein mächtiger, schattenhafter Koloß, der seine Pfeife einmal ertönen ließ und in demselben Augenblick im Nebel verschwand. Diese gewaltigen Ungeheuer, die für einen Augenblick auftauchten und dann wieder verschwunden waren, gewährten einen fast unheimlichen Anblick. Wenn es im Dunkeln geschah und die Lichter vom Schiff uns mit runden, glühenden Ochsenaugen längs des ganzen Rumpfes anstarrten, stießen wir oft einen plötzlichen Schrei der Angst und Verwunderung aus. Bei stillem Wetter reichte der Luftdruck von dem gigantischen Gespenst bis zu uns hin, und unsere Boote wiegten sich lange hernach in den schweren Wellen, die das Meer in Bewegung versetzten, wenn der Dampfer vorbeizog.

Es konnte auch vorkommen, wenn das Wetter ein wenig klar war, daß van Tatzel, mein Bootskamerad, der gute Augen hatte, weit draußen ein Segelschiff zu entdecken vermochte; aber sie kamen uns niemals so nah, daß wir einen Menschen an Bord zu unterscheiden vermochten. Wir sahen eben niemals andere Leute als unsere eigenen: einen Koch, acht Fischer und den gichtbrüchigen Schiffer mit seiner Frau.

Merkwürdige Gemütsbewegungen konnten bisweilen in uns entstehen, wenn wir saßen und mühsam an den Schnüren zogen und sie fast nicht heraufbekommen konnten: es war uns dann, als würden unsere Angeln von verborgenen Händen tief unten festgehalten, die unser Boot auf die Seite kippten. Wir riefen einander zu mit klappernden Zähnen und ganz toll vor Angst. Wir vergaßen, wo wir waren und was wir taten, wir wurden ungeheuer erregt durch diesen Kampf mit den unsichtbaren Mächten der Meerestiefe, die nicht loslassen wollten, was sie einmal gefaßt.

Wenn einer der Fischer einen Anfall dieser Gemütsstimmung bekam, sagte man auf den Bänken, er sänge »um klares Wetter«, weil wir meinten, der Nebel wäre daran schuld. Bisweilen kam es uns auch vor, wenn wir saßen und tranken, als wenn wunderliche, phantastische Wesen uns aus dem Nebel auf dem Meere zunickten, recht schlotterig nickten, mit großen, zottigen Köpfen, und wieder verschwanden. Und zerfließende, koboldhafte Gestalten schwebten in dem weißen Dunst umher, groß wie Berge, sie flossen hierhin und dorthin, je nachdem, woher der Wind blies, schwebend in schweren Schritten von West nach Ost, sie rollten sich durch die Luft mit ihren nebelhaften Gliedern und in gewaltigen Mänteln, die ihnen nachflatterten.

Van Tatzel und ich sahen einmal gleichzeitig eine Erscheinung, über die wir fast erstarrten: es war an einem dunklen Abend, als wir unsere Schnüre auslegten; wir sahen einen Mann, der in der Luft auf und ab schaukelte, sein ganzer Kopf stand in Flammen, er blies wie ein Sturmwind, wir hörten es alle beide. Kurz darauf strich ein Dampfer an uns vorbei; wir stießen einen Schrei aus, als die Pfeife losschrie; dann verschwand er ...

Aber wenn wir am Vormittag unsere Schnüre eingezogen hatten und mit unsern vollbeladenen Booten am »Kongo« anlegten, machten unser guter Fang und die Zufriedenheit, die schlimmste Arbeit für diesen Tag getan zu haben, uns oft in einer andern Weise töricht und erregt. So geschah es manchmal, daß wir eine ganz unnatürliche Freude daran fanden, die Fische zu mißhandeln, unsere eigenen Fische ganz einfach zu mißhandeln. Die beiden Russen waren namentlich ganz versessen darauf. Sie packten die großen Fische beim Kopf, drückten die Finger in ihre weichen Augen hinein und hielten sie so in die Höhe, indem sie ganz eigenartig lachten und sie ansahen.

Eines Tages bemerkte ich, daß der eine von den Russen in einen rohen Fisch hineinbiß, die Zähne tief in ihn hineinsetzte und ihn etwa zwei Minuten so festhielt, indem er die Augen dabei schloß.

Diese fetten Fischleichen wirkten überhaupt sehr auf uns alle; wir konnten ganz erregt werden, wenn wir ihre glatten Leiber öffneten; wir schnitten ihnen lebend den ganzen Bauch auf, wühlten unnötig viel mit den Händen in ihren Eingeweiden herum und besudelten uns mehr mit ihrem Blut, als nötig war.

Der Franzose bewahrte sich immer vor diesen tierischen Gelüsten; aber dafür war er von einer ganz verrückten Neigung zu der Schifferfrau entflammt und vermochte es nicht einmal zu verbergen. Er sagte es uns allen ganz offen. »Ich liebe sie, ja, Gott helfe mir, wie ich sie liebe!« sagte er mehrmals am Tage.

Einer von den Negern, den wir den »Doktor« nannten, weil er in seiner ersten Jugend ein wenig Medizin studiert hatte, war auch sehr verliebt in sie; ich hätte ihn damals, als er es mir erzählte, auf der Stelle, nur aus Eifersucht, totschlagen können. Denn auch mir erging es nicht besser.

Aber sie selbst ging mager und stumpfsinnig und schrecklich schmutzig umher und merkte nichts von dem allen. Uns würdigte sie keines Blickes. Einmal, als ich etwas auf Achterdeck zu tun hatte, wo sie auf ihrem Feldstuhl saß und gerade vor sich hinstarrte, stolperte ich über eine Tauhaspel und wäre beinahe gefallen. Das ärgerte mich so, daß ich mich umdrehte und diese Tauhaspel ganz dumm und geistesabwesend anstarrte, statt weiterzugehen, -- ich muß entschieden sehr lächerlich ausgesehen haben. Warum lachte sie denn nicht? Und warum sah sie mich die ganze Zeit an, wenn es nicht geschah, um zu lachen? Sie hatte nach nichts Verlangen; es verzog sich keine Miene in ihrem Gesicht.

»Sie verfault lebendigen Leibes!« sagte van Tatzel in seiner verrückten Sprache; »weiß Gott, sie verfault!«

Und doch hätte keiner von uns um alles in der Welt sie los sein mögen ...

Wenn die Fische »hergerichtet« und die Schnüre wieder ausgelegt waren, war unsere Tagesarbeit getan, und wir verbrachten ein oder zwei Stunden mit Essen und Tabakrauchen. Und dann gingen wir in die Kojen.

Nun konnten wir, wenn wir nicht allzu müde waren, ein bißchen miteinander plaudern und sogar allerlei Geschichten erzählen, alles in einer derben und unvollkommenen Sprache, voller Flüche und häßlicher Worte ... Der Franzose wußte ein Stück von einem Mann zu erzählen, der »kein Weib ansehen konnte, ohne ihrer zu begehren,« und dieses Stück hatte er mehrmals erzählt, immer mit demselben großen Erfolg. Die Russen waren ganz entzückt davon und lachten unaufhörlich, wenn es erzählt wurde. Ihre Freude über die derbe Erzählung war so aufrichtig wie bei Kindern, sie verzerrten ihren Mund und warfen sich aufgeregt in ihrer Koje hin und her. »Na, und dann?« fragten sie die ganze Zeit. »Wie ging es dann weiter?« Und doch wußten sie ebensogut wie wir andern, wie das Ganze zugegangen war.

Van Tatzel dagegen war fast niemals so glücklich, wenn er ^seine^ Geschichte erzählte; wir mochten sie selten anhören. Wir verstanden ihn so schlecht, er konnte so wenig Englisch, und außerdem verdrehte er noch das Wenige, was er wußte. Wenn er im Begriff war, etwas zu sagen, und plötzlich fest saß, sah er sich nach uns allen mit seinem verzweifelten Gesicht um und wußte nicht, wie er sich helfen sollte. Er war wirklich sehr zu bedauern.

Van Tatzel war der älteste von den Holländern, ein altes Schwein; ziemlich taub, aber sonst gutmütig und gefällig. Er hatte immer Wattebüschel in den Ohren, Sommer und Winter, große Wattebüschel, die von Alter und Unsauberkeit schon ganz gelb waren. Er hatte eine ungewöhnlich schwerfällige Gestalt. Das Meer hatte ihn zu einem reinen Kinde gemacht, und er vermochte nicht über seine Nasenspitze hinaus zu denken. Wenn er in der Koje lag, rauchte er seinen starken Tabak, spuckte rücksichtslos in die Kajüte hinab und begann seine Erzählung immer folgendermaßen:

»Es war einmal eines Abends in Amsterdam,« sagte er, »es war eines Abends in Amsterdam. Ich hatte gerade Heuer genommen, und es war mein letzter Abend an Land. Ich entsinne mich nicht, wieviel Uhr es war, aber es war schon sehr spät,« sagte van Tatzel. »Als ich aus einer Bierhalle herauskomme und mich an Bord begeben will, kremple ich erst meine Hosen auf; ich entsinne mich, daß ich an jedem Hosenbein zwei Krempel machte. Aber übrigens war ich mehr als betrunken und fiel bei dem Aufkrempeln auf die Kniee. Dann kreuzte ich davon und war gerade bis zur Leopoldsgasse gekommen, da trat etwas ein, -- etwas, was mich betraf. Denn ich war nicht mehr betrunken, als ich sie sah; sie war dicht hinter mir, mitten in der Straße -- ihr mögt es mir glauben oder nicht, aber es war eine Dame.«

Der alte Narr richtet sich in seiner Koje auf und sieht uns an. »Eine feine Dame!« sagt er. Und weiter kommt er nicht. Sein Englisch reicht nicht weiter, er kommt nicht mehr von der Stelle.

»Eine wirkliche Dame war hinter dir her auf den Straßen von Amsterdam?« fragt der »Doktor« neckend von seiner Koje her.

»Ja, eine Dame!« sagt er entzückt und lacht übers ganze Gesicht. Das erregt ihn so, daß er es zweimal beschwört, und wir lachen über ihn alle zusammen. Er versucht, weiter zu erzählen, sitzt aber wieder fest; es ist ihm nicht möglich, weiter zu kommen. Er arbeitet sein altes Hirn ab, strengt sich aufs furchtbarste an, um ein Wort zu finden, das uns die Sache klar machen könnte; aber er schweigt mäuschenstill. Ihm liegt soviel daran, sich gerade über diesen Punkt auszusprechen; und plötzlich, als er völlig überwältigt ist von der Erinnerung an diese Dame und ganz voll Verzweiflung, weil er sich nicht auszudrücken vermag, erfolgt ein Ausbruch in seiner eigenen Sprache, poltert ein großer Schwall wunderlicher Worte hervor, die nicht ein einziger von uns verstehen kann, ausgenommen sein Landsmann, der in einer andern Koje liegt und schnarcht.

Das war van Tatzels Geschichte, die einzige, die er konnte, und die immer hier endigte. Wir hatten sie so viele Male gehört; sie begann stets in derselben Weise mit dem Abend in Amsterdam. Es war eine glaubwürdige Geschichte, und keiner von uns zweifelte daran.

Dann lagen wir eine Weile und dachten an diese Erzählungen, während das Meer draußen lärmte, die Lampe in ihrem Messingringe schwankte und die Wache mit ihren Holzschuhen auf Deck über uns trampelte. Dann kam die Nacht ...

Aber bisweilen wachte ich um Mitternacht wieder auf, halb erstickt von dem Geruch von all diesem ausdünstenden Menschenfleisch, das sich in wilden Träumen wälzte und die Decken abstrampelte. Die Lampe leuchtete auf die plumpen Körper in grauen Wollhemden herab. Die Russen mit ihren paar langen Barthaaren sahen wie schlafende Seehunde aus, und ihre dicken, nackten Füße glichen Fausthandschuhen.

Aus jeder Koje vernahm man Stöhnen und halbe Worte; die Neger lagen und fletschten ihre weißen Zähne und sprachen laut, nannten einen Namen und bliesen ihre schwarzen Wangen auf.

Aus der Koje des jüngsten Holländers vernahm man unter glucksendem Lachen denselben Namen, und dazwischen Schnarchen und kurzes, lautes Wimmern, -- den Namen der Schifferfrau. Alle beschäftigten sich mit ihr, diese lüderlichen Tiere sprachen sogar von ihr, wenn sie im Schlaf lagen, jeder in seiner Sprache. Sie lagen da in schnarchendem Schlaf mit geschlossenen Augen und murmelten die schamlosesten Worte und lächelten und streckten die Zunge aus. Nur van Tatzel schlief ruhig, gesund und friedlich, wie ein sprachloses Tier.

Der scharfe Kajütenduft, der Tabakrauch, der Geruch nach schwitzenden Menschen und der Fischladung vermengte sich zu einem schweren, drückenden Dunst, der sich auf meine Augen legte, sobald ich sie öffnete. Und ich schlief wieder ein, und eine ungeheuer große Blume saß auf mir wie ein Alb und legte sich auf mich und saugte mich in ihre nassen Blätter hinein, erstickte mich, ruhig und sicher, leise und still. Und ich wußte nichts mehr von der Welt ...

Dann kam die Wache und weckte mich auf.

Die in diesem Auswahlbande enthaltenen Novellen stammen aus folgenden Büchern von ^Knut Hamsun^:

Sklaven der Liebe und andere Novellen

Die Königin von Saba und andere Novellen

Kämpfende Kräfte Novellen

Werke von Knut Hamsun

Erzählende Schriften

Im Mai wird erscheinen:

^Die letzte Freude.^ Roman Geh. ca. Mk. 4.--, geb. ca. Mk. 5.--

Früher sind erschienen:

^Hunger.^ Roman. 7. Tausend. Geh. Mk. 3.50, geb. Mk. 4.50

^Mysterien.^ Roman. 4. Tausend. Geh. Mk. 4.--, geb. Mk. 5.--

^Neue Erde.^ Roman. 4. Tausend. Geh. Mk. 4.--, geb. Mk. 5.--

^Pan.^ (Aus Leutnant Thomas Glahns Papieren.) 9. Tausend. Geh. Mk. 2.50, geb. Mk. 3.50

^Redakteur Lynge.^ Roman. 2. Tausend. Geh. Mk. 3.50, geb. Mk. 4.50

^Victoria.^ Die Geschichte einer Liebe. 7. Tausend. Geh. Mk. 3.--, geb. Mk. 4.--

^Die Königin von Saba.^ Novellen. 3. Tausend. Geh. Mk. 3.--, geb. Mk. 4.--

^Sklaven der Liebe.^ Novellen. 3. Tausend. Geh. Mk. 3.--, geb. Mk. 4.--

^Im Märchenland.^ Erlebtes und Geträumtes aus Kaukasien. 2. Tausend. Geh. Mk. 3.--, geb. Mk. 4.--

^Kämpfende Kräfte.^ Novellen. 3. Tausend. Geh. Mk. 3.--, geb. Mk. 4.--

^Schwärmer.^ Roman. 3. Tausend. Geh. Mk. 3.--, geb. Mk. 4.--

^Unter dem Halbmond.^ Reisebilder. 3. Tausend. Geh. Mk. 3.--, geb. Mk. 4.--

^Benoni.^ Roman. 3. Tausend. Geh. Mk. 4.--, geb. Mk. 5.--, in Halbfr. Mk. 7.--

^Rosa.^ Roman. 3. Tausend. Geh. Mk. 4.--, geb. Mk. 5.50, in Halbfr. Mk. 7.--

Albert Langen, Verlag, München

Werke von Knut Hamsun

^Unter Herbststernen.^ Erzählung eines Wanderers. 3. Tausend. Geh. Mk. 3.--, geb. Mk. 4.50, in Halbfr. Mk. 6.--

^Gedämpftes Saitenspiel.^ Erzählung eines Wanderers. 3. Tausend. Geh. Mk. 3.50, geb. Mk. 5.--, in Halbfr. Mk. 6.50

^Die Stimme des Lebens.^ Novellen. 5. Tausend. Geh. M. 1.--, geb. Mk. 1.50

Dramen

^An des Reiches Pforten.^ Schauspiel. Geh. M. 3.--, geb. M. 4.--

^Abendröte.^ Schauspiel. Geh. M. 2.--, geb. Mk. 3.--

^Munken Vendt.^ Dramatisches Gedicht. Geh. Mk. 3.--, geb. Mk. 4.--

^Königin Tamara.^ Schauspiel. Geh. Mk. 2.--, geb. Mk. 3.--

^Spiel des Lebens.^ Schauspiel. Geh. Mk. 2.--, geb. Mk. 3.50

^Vom Teufel geholt.^ Schauspiel. Geh. Mk. 3.50, geb. Mk. 5.--

^Hamburgischer Korrespondent^: Knut Hamsun ist, seit Ibsen tot ist, der seelisch differenzierteste Dichter unter den Norwegern. Er ist der Sänger einer großen melancholischen Melodie. Er ist ein Meister schwermütiger Visionen, ein Offenbarer alles Menschlichen, ein Verkünder der Geheimnisse, die in uns wohnen. So tief in das seltsam pochende Herzblut der Menschheit hineingehorcht wie er haben nicht viele der heutigen Dichter. Und wer verfügte über eine so beredte Sprache, das Erlauschte zu verkünden, wie er?

Albert Langen, Verlag, München

Druck von Hesse & Becker in Leipzig

Papier von Bohnenberger & Cie., Papierfabrik, Niefern bei Pforzheim.

Einbände von E. A. Enders, Großbuchbinderei, Leipzig

Notizen des Bearbeiters:

- Text in Antiqua markiert durch _..._

- Gesperrter Text markiert durch ^...^

- Altertümliche Schreibweisen wurden beibehalten.