Abenteuer und Fahrten des Huckleberry Finn

Part 7

Chapter 73,960 wordsPublic domain

Als es anfing dunkel zu werden, streckten wir unsre Köpfe vorsichtig aus dem Weidengestrüpp vor und sahen uns um. Vorn, hinten, hüben, drüben -- alles sauber, nichts zu sehen! Jim nahm nun ein paar von den obersten Planken des Floßes und stellte eine Art Hütte her, um uns und unsre Habseligkeiten gegen das Wetter zu schützen; die Hütte erhielt einen Bretterboden, ungefähr einen Fuß höher als die Oberfläche des Floßes, so daß unsere Decken und anderen Sachen aus dem Bereich der Wellen der Dampfboote waren. Gerade in der Mitte der Hütte machten wir dann von Lehm eine Art Herd, worauf wir unser Feuer anzünden konnten, ohne daß dasselbe von außen viel gesehen werden würde. Dann verfertigten wir noch ein zweites Steuerruder, um nicht in Not zu geraten, im Fall das eine zerbrochen werde. Ein gabeliger Baumast diente uns als Laternenpfosten, denn es war nötig, Licht zu haben, um nicht von irgend einem Dampfboot in den Grund gebohrt zu werden.

In der zweiten Nacht ließen wir uns ungefähr sieben bis acht Stunden von einer ziemlich reißenden Strömung dahin tragen. Wir fingen Fische und plauderten, schwammen auch mal neben her, um den Schlaf fernzuhalten. Es war uns ordentlich feierlich zu Mute, so auf dem großen, stillen Strom hinzugleiten in der lautlosen Nacht. Wir legten uns dann auf den Rücken und schauten nach den Sternen, und es kam uns gar nicht in den Sinn, laut zu sprechen, oder gar zu lachen, höchstens hie und da mal ganz leise. Wir hatten fabelhaft gutes Wetter und nichts passierte uns, weder in dieser Nacht, noch in der nächsten und übernächsten.

Jede Nacht kamen wir an Städten vorüber, die oft weit drüben an den schwarzen Abhängen gelegen waren; kein Haus war zu erkennen, nichts als Nester voll schimmernder Lichter. In der fünften Nacht kamen wir an St. Louis vorüber und das leuchtete und funkelte, als habe man die ganze Welt in Brand gesteckt. Bei uns zu Haus in Petersburg hatten sie immer gesagt, wie furchtbar groß St. Louis sei und wie da zwanzig oder dreißigtausend Menschen alle auf einem Fleck zusammen lebten. Ich hatt's nie geglaubt. Als ich aber den Bündel Lichter dort sah, in der Nacht um zwei Uhr, wo sonst alles gesund und fest schläft, da wurde mir begreiflich, daß es wahr sein müsse und daß die Leute nicht geflunkert hatten.

Jeden Abend begab ich mich nun ans Ufer in irgend ein kleines Dorf, meist so gegen zehn Uhr, und kaufte ein, was wir gerade brauchten, Speck oder Mehl oder Tabak, wie's kam. Manchmal verhalf ich auch einem Huhn, das nicht recht ruhen wollte, zu einer bequemeren Lage in meinen Armen. Mein Alter sagte immer: wenn du irgendwo ein Huhn kriegen kannst, nimm's mit, unter allen Umständen. Brauchst du's nicht, braucht's ein anderer, und eine gute That lohnt sich jedesmal. Der Alte zwar brauchte das Huhn immer selbst, unter allen Umständen, allein dies änderte nichts an seinem Wahlspruch.

Morgens, eh' der Tag kam, schlüpfte ich dann in die Felder und pumpte mir irgend eine Melone oder einen Kürbis oder andere Früchte, die mir gerade in den Weg kamen. ›Pumpen‹ sei nichts Schlimmes, hatte mein Alter immer gesagt, wenn man nur die Absicht habe, es einmal heimzugeben, die Witwe aber meinte, das sei nur ein schönerer Ausdruck für Stehlen und kein ordentlicher Mensch thäte dergleichen. Jim, den ich frug, sagte, die Witwe habe recht, der Alte aber auch, und wenn wir zwei oder drei Sachen von unserer ›Pumpliste‹ strichen, z. B. schlechte Wassermelonen oder saure Aepfel, und uns fest vornehmen würden, diese künftig liegen zu lassen, dann sei's wohl jedem recht gemacht und wir könnten das übrige leichten Herzens lustig weiter nehmen. Vorher war's uns nicht ganz wohl bei der Sache gewesen, aber nun wir diesen Ausweg gefunden hatten, wurde es uns wieder ganz behaglich, -- Wassermelonen und saure Aepfel ließen sich ja leicht entbehren.

Ab und zu schossen wir ein vorwitziges Wasserhuhn, das sich des Morgens zu früh erhob oder des Abends zu spät legte, kurz, wir lebten ganz behaglich, glücklich und zufrieden und freuten uns unsres Daseins.

In der fünften Nacht, nachdem wir an St. Louis vorbei waren, kam ein furchtbares Gewitter mit Donner und Blitz und der Regen goß wie Bindfaden herunter. Wir verkrochen uns in unsre Hütte und ließen Floß Floß sein, das schwamm schon von selbst weiter. Beim Schein der Blitze konnten wir sehen, daß die Ufer felsig und steil waren und auch im Wasser zeigten sich Felsen. Auf einmal ruf' ich: »Hallo, Jim, sieh' mal dorthin!« Und was war's? Ein Dampfboot, das an einem der Felsen gestrandet war. Wir hielten gerade darauf los und konnten es ganz deutlich sehen beim Schein der Blitze. Ein Teil des Oberdecks ragte noch aus dem Wasser hervor und wenn gerade ein heller Blitz kam, konnte man alles was darauf war deutlich erkennen, sogar einen Stuhl, der nahe bei der großen Schiffsglocke stand, samt einem Hut, der an der Lehne hing.

Puh, mich überlief's! Es war so schauerlich da draußen in der Nacht bei dem Sturm und mir ging's wie's jedem Jungen in meinem Alter beim Anblick des einsamen, traurigen Wracks da mitten im Strom gegangen wäre, mir gruselte, und doch wollt' ich für mein Leben gern an Bord und ein wenig dort herumschnüffeln.

»Laß uns anlegen, Jim,« bat ich.

Jim aber war zuerst taub für die Bitte und meinte:

»Jim nix brauchen zu sehen auf Wrack, Jim sein gar nix neugierig. Du viel besser bleiben davon, oder du dir verbrennen die Finger. Jim nix wollen haben zu thun mit Polizei!«

»Polizei? Selbst Polizei! Was hätte denn die da zu thun? Das Deck und das Lotsenhaus zu bewachen, he? Glaubst du, irgend einer riskiere sein Leben in einer solchen Nacht wegen ein paar alter Planken, die jeden Augenblick auseinandergerissen und weggespült werden können?« Jim glaubte das nun keineswegs und so blieb er still. »Und außerdem,« fuhr ich fort, »können wir uns gewiß etwas aus des Kapitäns Kajüte pumpen, Jim -- ›Ziehgarren‹, wett' ich, fünf Cents das Stück, feine Ware, Jim! Dampfboot-Kapitäne sind immer reich, Jim! Haben sechzig Dollars im Monat und fragen nicht lang was etwas kostet, wenn sie's brauchen. Komm', steck eine Kerze ein, Jim, ich hab' keine Ruh' mehr, bis wir dort sind. Meinst du, Tom Sawyer hätte zu so was nein gesagt? Niemals! Der nicht! Der hätt's ein Abenteuer genannt, ›ein heldenhaftes Abenteuer‹, so hätt' er's genannt, und wäre an Bord gegangen, wenn's auch sein Leben gekostet hätte. Und wie hätt' er sich dabei benommen! Mit Anstand, sag' ich dir! Der hätt' sich hingestellt wie ›Christian Klumbus‹, als er das tausendjährige Reich entdeckte! Ach, ich wollte Tom wär' hier!«

Jim brummte noch etwas in seinen Bart, den er nicht hatte, und gab dann nach. Er sagte aber, wir dürften nur so wenig als möglich reden, nur das Allernotwendigste und ganz, ganz leise. Der Blitz zeigte uns das Wrack wieder, gerade rechtzeitig, um anlegen zu können.

Das Deck ragte hier hoch empor. Wir schlichen im Dunkeln auf der schrägen Fläche nach Backbord auf die Kajüte zu, indem wir uns Schritt für Schritt behutsam vorwärts bewegten und die Hände ausstreckten, um nirgends anzustoßen. Wir erreichten auch bald das vordere Ende des Oberlichts und kletterten in die Oeffnung; noch ein paar Schritte und wir standen vor der Thür des Kapitäns. Dieselbe stand offen und -- Herr des Himmels -- ganz im Hintergrund des Ganges, der zum Salon führt, erblicken wir ein Licht und vernehmen Stimmengemurmel.

Jim flüsterte mir zu, ihm sei sterbensübel und beschwor mich, mit ihm wegzugehen. Ich sagte: »gut, komm' fort.« Da hörte ich gerade eine Stimme stöhnen und flehen:

»Ach, laßt mich doch, Jungens, ich schwör's, ich verrat' euch nicht!«

Drauf antwortete eine andre Stimme ziemlich laut:

»Das lügst du, Jim Turner, wir sind dir hinter die Schliche gekommen! Immer hast du den größten Teil gewollt, wenn's etwas zu teilen gab, und auch gekriegt, was noch wichtiger ist, weil du uns immer verraten wolltest, wenn wir's nicht thäten. Diesmal aber haben wir dich gefangen, Kerl! Gemeiner, verlogener Hund du!«

Jim hatte sich schon lange davon gemacht und mußte bereits beim Floß angelangt sein, in mir aber regte sich die Neugier immer mehr. Tom Sawyer hätte nun erst recht nicht locker gelassen, sagte ich mir, und ich thu's auch nicht, ich muß sehen, was da vorgeht. Ich ließ mich daher auf Hände und Kniee nieder und kroch in dem kleinen Durchgange in der Dunkelheit nach hinten, bis mich nur noch die Breite einer Kabine von dem Salon trennte. Da drinnen lag ein Mann, an Händen und Füßen geknebelt auf dem Boden, zwei andre standen vor ihm, der eine mit einer kleinen Laterne, der andre mit einer Pistole in der Hand. Der mit der Pistole zielte nach dem Kopf des Geknebelten und wiederholte immer wieder:

»Ich möcht' ihn niederschießen, den Hund, und ich sollt's eigentlich auch thun -- dieser Verräter!«

Der am Boden krümmte sich dann jedesmal und ächzte:

»Thu's nicht, Bill, thu's, bitte, nicht -- ich sag' gewiß und wahrhaftig kein Sterbenswörtchen mehr!«

Und als er so wimmerte, lachte der mit der Laterne und höhnte:

»Was Gescheiteres und was Wahreres hast du noch nie gesagt, das schwör' ich dir!« Und einmal sagte er: »Hör' nur, wie der Kerl bettelt, und doch, wenn wir nicht stärker gewesen wären als er, hätt' er uns beide getötet, so gewiß ich hier stehe. Und warum -- weshalb? Für nichts, rein für nichts! Nur weil wir haben wollten, was uns gehörte. Nur darum! Ich wett' aber, du drohst keinem mehr, Jim Turner! -- Thu' die Pistole weg, Bill!«

Drauf Bill:

»Ich will aber nicht, Jack, ich will den Hund zum Schweigen bringen. Verdient er's nicht, der schlechte Kerl? Hat er nicht von selbst dem alten Hatfield den Garaus gemacht?«

»Ich aber will nicht, daß du ihn tötest, und ich habe meine Gründe dafür!«

»Gott segne dich für diese Worte, Jack, ich werde sie nie vergessen, so lang ich lebe,« -- schluchzte der am Boden.

Jack hörte nicht auf ihn, hing seine Laterne an einen Nagel und ging im Dunkeln gerade auf die Stelle zu, wo ich war, indem er Bill veranlaßte, ihm zu folgen. Ich retirierte wie ein Krebs, so schnell ich konnte. Um nicht entdeckt zu werden blieb mir nur übrig, mich in eine der nächsten Kabinen zu flüchten.

Vor dem Eingang der Kabine, in welche ich geflüchtet war, blieb Jack stehen und rief:

»Komm hier herein.«

Und Jack, gefolgt von Bill, trat ein. Ich aber hatte mich zuvor geschwind in eine der oberen Kojen verkrochen. Sehen konnte ich sie nicht, wohl aber riechen, so viel Branntwein hatten sie geladen. Gott sei Dank, daß ich keinen trinke, aber ich glaube, sie hätten's doch nicht gerochen. Mir war fast der Atem vergangen, so beklommen fühlte ich mich. Da lieg' aber auch mal einer und atme, wenn zwei dicht unter seiner Nase solches Zeug verhandeln! Sie sprachen leise und eifrig. Bill wollte Turner durchaus töten. Spricht Bill:

»Er hat gedroht, uns zu verraten, und er wird's thun, wenn wir ihn jetzt laufen lassen, und wenn wir ihm selbst unser Teil noch dazu geben. Das weißt du so gut wie ich, Jack, warum also zögern? Ich bin dafür, daß wir ihn von dieser Welt erlösen!«

»Ich auch!« bestätigte Jack sehr ruhig.

»Hol's der Teufel, das hab' ich dir bis jetzt nicht angemerkt! Gut also, voran denn!«

»Wart' noch eine Minute Bill, und hör' mich erst zu Ende, ich bin noch nicht fertig. Eine Kugel ist ganz gut, aber es giebt auch noch eine geräuschlosere Art, so was zu thun, wenn's gethan sein muß! Warum sich in Gefahr begeben, wenn du ganz dasselbe _ohne_ jede Gefahr haben kannst? Hab' ich nicht recht?«

»Natürlich! Aber was willst du eigentlich thun?«

»Hör' mich an! Ich denke, wir sehen noch einmal alle Räume nach, damit wir nichts vergessen mitzunehmen, drauf stoßen wir ab ans Ufer und verbergen die Beute. Dann warten wir's ruhig ab. In weniger als zwei Stunden geht diese alte Rattenfalle doch auseinander und wenn der Kerl dann mit ersäuft, wer ist Schuld dran außer ihm? Warum kommt er her? Merkst du's nun? Ich bin immer dagegen gewesen, einen Menschen zu töten, wenn man's vermeiden kann, -- 's ist dumm und 's ist _unmoralisch_!« --

»Da hast du recht! Aber wenn nun die Geschichte nicht so schnell auseinandergeht?«

»Na, die zwei Stunden wollen wir auf jeden Fall einmal warten. Komm', vorwärts!«

Sie verdufteten und ich auch, und zwar ziemlich rasch, von kaltem Schweiß bedeckt. Ich kroch eiligst dahin zurück, wo wir angelegt hatten. Es war dort so dunkel wie in einer Kuh und ich konnte die Hand nicht vor den Augen sehen, flüsterte nur ganz leise: »Jim!« Dicht neben mir stöhnt etwas Antwort.

»Schnell, Jim, wir haben mit Stöhnen gar keine Zeit zu verlieren. Das ist eine Räuber- und Mörderbande da drinnen, und wenn wir ihr Boot nicht erwischen und es forttreiben lassen, so ist einer von den Kerlen arg in der Klemme. Ich möcht' sie aber alle drei zappeln lassen und dem Sheriff ausliefern. Schnell, eil' dich! Ich will diese absuchen nach dem Boot, du die andre. Dann setzest du dich ins Floß und --«

»Floß? O Herr, Herr Jemine, Floß? Da sein kein Floß nix mehr! Floß sein losgerissen, sein fort und arme alte Jim und Huck sein verloren! Sein kein Floß nix da!« --

Dreizehntes Kapitel.

Flucht aus dem Wrack. -- Der Wächter an der Fähre. -- Untergang. -- Gesunder Schlaf.

Mir ging der Atem aus und ich fiel beinahe um vor Entsetzen. Hier auf dem Wrack allein mit einer solchen Bande wie die da drunten, das war kein Spaß! Jetzt _mußten_ wir ihr Boot finden -- mußten's für uns selbst haben! So krochen wir zitternd und bebend nach Steuerbord zurück und es schien uns eine Ewigkeit, bis wir zum Hinterteil des Schiffes gelangten. Ein Boot aber war nirgends, nirgends zu sehen. Jim sagte, er könne sich kaum noch aufrecht halten, so schlottern ihm die Kniee, solche Angst habe er in seinem Leben noch nicht ausgestanden. Ach, du mein Himmel, mir ging's nicht viel besser, aber gesagt hätte ich nichts um alles in der Welt. Ich trieb ihn nur vorwärts und versicherte ihm, daß wir, wenn wir hier bleiben, zwischen den Wellen und den Kerlen da drinnen garstig in der Klemme säßen. Wir also wieder drauf los und weiter gesucht! Immer vorwärts tastend hatten wir schon beinahe den Teil erreicht, wo das Deck sich gegen die Wasserfläche gesenkt hatte, da -- seh' ich einen dunklen Klumpen im schwarzen Schatten da drunten, und weiß Gott und wahrhaftig, es war ein Boot! Wie froh und dankbar atmeten wir auf! Eben wollten wir uns hinunterlassen, da öffnet sich dicht neben mir eine Luke und ein Kopf erscheint. Es ist einer von den Kerlen! Daß er mich nicht gesehen war das reine Wunder! Er aber dreht den Kopf nach rückwärts und flüstert:

»Thu' doch die verdammte Laterne weg, Bill, die kann uns ja verraten!«

Er warf einen gefüllten Sack ins Boot, schwang sich selbst nach und setzte sich. Es war Jack. Dann kam Bill nachgekrochen und war auch schnell unten. Wispert Jack:

»Fertig -- stoß ab!«

Ich konnte mich kaum mehr festhalten, so schwach wurde mir. Da flüsterte Bill:

»Wart' ein wenig. Hast du ihn auch noch einmal genau durchsucht, den Hund?«

»Nein -- hast du's denn nicht gethan?«

»Nein, Gott straf' mich! Da hat der Kerl also noch seinen Teil an Barem in der Tasche!«

»Nun, dann aber geschwind zurück! -- es hat freilich keinen Wert, all den Kram fortzuschleppen und das Geld ihm zu lassen. Komm' schnell!«

»Wird er denn aber nicht merken, was wir im Schilde führen?«

»Vielleicht -- vielleicht auch nicht! Einerlei -- haben müssen wir's, also vorwärts!«

So kletterten die Kerle wieder zurück und verschwanden.

Ob wir flink unten und im Boot drin waren! Mir schien's, als packe uns ein Wirbelwind! Messer heraus, Leine durch -- auf und los und davon, eh' einer Amen sagen konnte!

Wir rührten keine Ruder, verloren kein Wort, atmeten kaum. Lautlos glitten wir davon, totenstill, am Schiff entlang, und waren in ein paar Minuten außer Hör-, Gesichts- und Schußweite, sahen das Wrack in der Dunkelheit verschwinden, waren gerettet -- und dankten unserm Schöpfer.

Als wir ungefähr zwei- oder dreihundert Meter entfernt waren, sahen wir eine Laterne wie ein kleines Sternchen für einen Augenblick über dem Wasser aufblitzen; jetzt hatten die Kerle gewiß entdeckt, daß das Boot weg war und daß sie ungefähr so schlimm dran seien wie Jim Turner.

Wir aber legten uns tüchtig in die Ruder und spähten nach unserem Floß aus. Da kam es mir plötzlich in den Sinn, mir wegen des Schicksals der Männer Gedanken zu machen; vermutlich hatte ich bisher keine Zeit dazu gehabt. Mir schien die Klemme, in die ich sie gebracht hatte, selbst für Mörder etwas allzugrausam. Sag' ich zu mir selbst: wer weiß, Huck, was aus dir noch einmal wird, vielleicht nicht viel Besseres, und da wär' dir so was auch recht unangenehm. Ruf' ich deshalb Jim zu:

»Jim, beim ersten Licht, das wir sehen, machen wir Halt, legen an, verstecken dich und das Boot und ich geh' dann hin und fable den Leuten was vor, daß sie nach den Kerlen dort im Wrack sehen, damit die nicht wie Ratten ersaufen, sondern schön gehängt werden können, wenn sie einmal reif dafür sind!«

Die Idee aber war Essig, denn auf einmal begann der Sturm wieder wie toll drauf los zu rasen, schlimmer als je. Es goß nur so in Strömen und nirgends war ein Licht zu entdecken, bei dem Hundewetter war wohl alles im Bett. Wir arbeiteten uns vorwärts, durch alles hindurch, und schauten scharf nach einem Licht und nach unserm verlorenen Floße aus. Nach einiger Zeit ließ der Regen etwas nach, aber die Wolken blieben und der Blitz flammte hie und da noch auf. Auf einmal zeigte uns ein Strahl etwas Schwarzes, das vor uns dahinglitt. Wir natürlich flink drauf los.

Und wahrhaftig, es war unser Floß. Wir waren froh wie die Maikäfer, uns drauf verkriechen zu können, auf unserm alten, lieben, verlorenen und wiedergeschenkten Floße. Wie doch der Mensch an dem Seinen hängt! Jetzt entdeckten wir auch ein Licht drüben am Ufer, nach dem wollte ich mich denn auch hinmachen, -- die drei Kerle lagen mir zu schwer im Magen. Unser Boot war halb voll geladen mit Kram, den die Schurken gestohlen hatten. Den luden wir nun in einem Haufen auf unser Floß und ich hieß Jim langsam weiter treiben und nach einiger Zeit, so etwa nach einer Stunde, ein Feuer machen und es brennen lassen, bis ich zurück sei, damit ich ein Zeichen habe. Dann zog ich los und auf das Licht zu. Als ich näher kam entdeckte ich noch andre an einem Hügel aufwärts -- es mußte ein Dorf sein. Ich hielt auf das Uferlicht zu, zog die Ruder ein und ließ mich treiben, um erst ein wenig auszukundschaften. Im Vorbeigleiten sah ich denn, daß das Licht eine Laterne war, die an einem Fährboot befestigt hing. Ich schaute nun nach dem Wächter aus, wo er schliefe, und fand ihn richtig vorn bei den Tauwinden selig eingeschlummert, mit dem Kopf zwischen den Knieen. Ich stieß ihn dann zwei- oder dreimal leicht an und begann zu schluchzen und zu heulen.

Er fuhr auf und sah sich dann verstört um. Als er aber entdeckte, daß nur ich es sei, reckte und streckte und dehnte er sich erst behaglich und brummte dann:

»Hallo, was ist denn wieder los? Heul' nicht, Bub'! Was giebt's denn?«

Schluchz' ich:

»Vater und Mutter und Schwester und --«

Ich konnte nicht weiter vor Jammer. Dann sagt' er:

»O, verdammt, heul' nicht so, Junge, jeder hat seinen Packen zu tragen und deiner wird nicht gar zu schwer sein! Was ist denn los mit Vater und Mutter und Schwester?«

»Sie sind -- sie sind -- Sind Sie der Wächter von dem Fährboot?«

»Ja,« bestätigte er selbstgefällig, »der bin ich! Ich bin Kapitän, Eigentümer, Matrose und Lotse, Steuermann, Wächter -- alles in einer Person. Oftmals auch alleinige Fracht und Passagier zugleich. So reich wie der alte Jim Hornback bin ich nicht, kann nicht so mit dem Gelde um mich werfen, wie er's thut, der's den Schlingeln -- dem Tom und dem Dick und dem Harry -- nur so in die Taschen stopft, aber ich möcht' doch nicht mit ihm tauschen, nicht um viel. Denn, sag' ich zu ihm, ein Leben auf dem Wasser, das _ist_ doch ein Leben; lieber ließ ich mich hängen, als dahinten an den Bergen zu kleben, wo man nicht weiß, ob die Welt geht oder still steht, nicht um alles möcht' ich das, und wenn du mich in Gold fassen ließest, und, sag' ich --«

Nun fiel ich ein:

»Ach, ach, meine Leute werden gar nicht wissen, was sie thun sollen und --«

»Wer wird's nicht wissen?«

»Ei, der Vater und die Mutter und die Schwester und Miß Hooker. Ach, guter Herr, wenn Sie doch Ihr Boot nehmen wollten und hingehen und --«

»Wohin? Wo sind sie denn?«

»Auf dem Wrack!«

»Auf welchem Wrack?«

»Ach, es ist ja nur eins da!«

»Was, du willst doch nicht sagen auf dem ›Walter Scott‹?«

»Ja! Dort!«

»Großer Gott! Was ums Himmels willen thun sie denn da?«

»Nun, freiwillig sind sie nicht hingegangen!«

»Das glaub' ich wohl! Herr des Himmels, da sind sie ja einfach verloren, wenn sie nicht machen, daß sie schleunigst wegkommen. Wie in Gottes Namen sind sie denn eigentlich da hingeraten?«

»Sehr einfach! Miß Hooker war zu Besuch dort oben in der Stadt --«

»Booths Landing meinst du -- weiter!«

»Also sie war zu Besuch in Booths Landing und gegen Abend wollte sie dann fort und noch eine Freundin besuchen, um da zu übernachten, ein Fräulein -- ach ich hab' den Namen vergessen. Mitsamt ihrer alten Niggerfrau ließ sie sich in der Fähre übersetzen und da verloren sie das Steuerruder mitten auf dem Wasser und wurden nun fortgerissen von den Wellen und gegen das Wrack geschleudert, und Fähre und Fährmann und die Niggerfrau, alles war verloren. Nur Miß Hooker erwischte etwas vom Schiff, woran sie sich halten konnte, und rettete sich so auf Deck. -- Vielleicht eine Viertelstunde später kamen wir denn in unsrem Boot flußabwärts vom Markt heim; es war so stichdunkel, daß wir das Wrack nicht eher sahen, als bis wir mit der Nase drauf stießen und es zu spät war. Das Boot war natürlich zum Kuckuck, aber retten thaten wir uns alle, nur Bill Whipple -- der ertrank -- ach, und der war der beste Kerl von der Welt, wahrhaftig, ich hätt' beinahe lieber all das Wasser selbst geschluckt, -- das hätt' ich, meiner Seel'.« --

»Herr, du mein Gott, das ist gewiß und wahrhaftig die merkwürdigste Geschichte, die ich je gehört habe! Na und dann? Was habt ihr dann gethan?«

»Nun, wir riefen und schrieen natürlich und waren wie toll; aber es ist so weit da draußen, da konnte uns niemand hören. Sagt' mein Alter: das nutzt alles nichts, einer von uns muß sehen, wie er ans Land kommt und Hilfe schafft. Gut also! Ich war der einzige, der schwimmen konnte, so mußte ich denn 'ran und mein Heil probieren. Da gab's kein langes Zaudern! Ich denn 'rein und los. Miß Hooker rief mir nach, wenn ich nicht früher Hilfe fände, so solle ich nur machen, daß ich zu ihrem Onkel käme, der werde schon Rat wissen. So schwimm' ich denn drauf los und komme auch richtig ans Land, vielleicht eine Stunde weiter da unten, aber wo ich auch anklopfe und meine Geschichte erzähle, alle weisen mich ab. ›Was‹ sagen sie, ›in der schrecklichen Nacht? Nein, mein Junge, das wäre Unsinn, da such' du sonst jemand -- mach', daß du zur Dampf-Fähre kommst; wenn dir einer hilft, so wird dir der dort helfen!‹ Und da bin ich, und -- ach, wenn Sie doch wirklich gehen wollten und sehen und --«

»Meiner Seel', das will ich, will's gern thun, aber -- sag' mal, weißt du, ganz umsonst kann ich's nicht, wie steht's denn mit -- na, du weißt, was ich sagen will, wer wird mir's denn vergüten? Glaubst du, dein Vater kann --«

»Ach, darüber machen Sie sich keine Angst, daran soll's nicht fehlen. Miß Hooker sagte noch ganz extra, ihr Onkel Hornback --«