Abenteuer und Fahrten des Huckleberry Finn
Part 5
Ich erzählte ihm alles und er fand's furchtbar klug und pfiffig. Er sagte, selbst Tom Sawyer hätte es nicht feiner fertig bringen können. Ich fühlte mich sehr stolz auf sein Lob und fragte dann:
»Aber wie in der Welt kommst du hierher, Jim? Wie und warum?«
Er sah mich unruhig an, schwieg aber und sagte kein Wort. Dann meinte er:
»Jim lieber nix sagen!«
»Warum, Jim?«
»Jim wissen warum! Du werden doch alte Jim nix verraten, Huck, werden doch nix?«
»Hol' mich der und jener, wenn ich's thu', Jim!«
»Jim dir glauben, alte Jim dir glauben, Huck! Jim, -- arme, alte Jim sein _davongelaufen_!« --
»Jim!!! --«
»Huck, du Jim nix verraten, du versprechen, Huck -- du nix sagen von arme Jim!«
»Gut, ich hab's versprochen, Jim, und ich halt' mein Wort, straf' mich Gott, ich halt's! Und wenn sie mich drum verachten und tot hauen und einen ›Ablitionisten‹[4] schimpfen, das ist mir alles eins. Ich sag' nichts und ich geh' auch nicht wieder zurück, Jim, also heraus mit der Sprache!«
[4] ›Abolitionisten‹ hießen die Gegner der Sklaverei vor dem Bürgerkrieg.
»Ja, Huck, sein das gewesen so! Alte Missus -- was sein Miß Watson -- hat arme Jim so viel geplagt, sein gewesen so viel bös mit arme, alte Jim, hat aber immer versprochen, will arme Jim nix verkaufen nach New Orleans. Aber da sein gekommen Nigger-Händler, haben viel gehandelt mit alte Missus, sein Jim geworden so arg unruhig. Eine Abend spät, arme, alte Jim sein gelegen vor die Thüre, haben hören alte Missus sagen zu die Witwe: ›Missus Douglas‹, sie sagen, ›ich nix wollen verkaufen meine Nigger, aber achthundert Dollars sein schöne Stück Geld, sein viele, viele Geld, ich nix wissen was thun!‹ Sagen die Witwe: ›O, nix verkaufen arme, alte Jim, sein gute Kerl, sein brave Nigger!‹ Jim das hören un warten da nix länger, rennen nur fort, fort, schnell, schnell! --
»Rennen weiter, immer weiter an die Fluß, wollen stehlen Boot an die Wasser, sehen Jim aber Leute, Leute und immer Leute, warraftig die ganze Nacht, immer müssen jemand da sein. Legen sich Jim in die Schilf zum Warten. Kommen schon um sechs Uhr in die Morgen viele Menge Herrn und Damens, steigen in die Boot, sagen, Huck sein tot gemacht drüben in die Wald, wollen geh'n und seh'n die Mordplatz. Waren arme Jim so traurig, wenn er das hören, denken er: arme Huck, waren so brave Bursch, so junge Bursch, so lustige Bursch! Arme Huck!
»Arme, alte Jim müssen liegen also in die Schilf ganze Tag lang. Sein er furchtbar hungrig, aber gar nix ängstlich. Er wissen, alte Missus und der Witwe wollen gehen früh in die Morgen über Land in große Gebetsversammlerung. Jim müssen treiben die Vieh in die Feld, werden si'en also nix suchen jetzt.
»In die Abend kriechen denn Jim also raus un gehen weiter, Fluß nunter. Denken er, was thun? Denken er, wenn Jim gehen zu Fuß, kriegen'n die Hunde, wenn er stehlen Schiff kriegen'n die Menschen, er müssen haben Floß, Floß sein gut, lassen keine Spur hinter sich.
»Er also sehen um sich, -- un sehen bald Licht schwimmen in die Wasser. Er denke, das sein Floß, springen in die Wasser un schwimmen bis weit, weit in die Mitt! Kommen denn auch warraftig Floß daher und Jim, alte, arme, nasse Jim halten sich fest und setzen sich drauf ganz hinten. Er denken, Nacht sein schwarz, Jim sein auch schwarz, werden also nix gesehen, und legen er sich so auf die Rücken. Sein viele Männer vorn bei die Licht, spielen un lachen un trinken, un arme Jim denken, er können fahren so die ganze Nacht.
»Haben aber kein Glück nix, arme Jim! Kaum sein die Floß hier an'r Insel, kommen einer mit Latern' auf Jim los. Arme Jim müssen wieder in kalte Wasser! Schwimmen so nach'r Insel, müssen lang suchen, bis er können landen, sein Ufer so viel steil. Er gehen in die Wald, wollen nix mehr wissen von Floß, wo Mann mit Latern' kommen. Haben aber doch noch sein' Pfeif' und trockene Schwefelhölzer in sein' Kapp', so er sein ganz zufrieden, alte Jim!« --
»Und so hast du die ganze Zeit gar kein Fleisch und gar kein Brot zu essen gehabt, armer Jim? Hast dich natürlich immer nur im dicksten Wald versteckt halten müssen! Hast du gehört, wie sie die Kanone losfeuerten?«
»Warraftig ja, Jim denken: arme, kleine Huck, jetzt sie suchen nach seine Knochen! Jim haben auch Boot gesehen durch die Büsch!«
Jetzt kamen ein paar junge Vögel daher, sie flogen immer einige Meter weit und ließen sich dann nieder. Sagt Jim, das sei ein Zeichen von Regen, wenigstens bei jungen Hühnern sei es eines, dann werd's wohl auch so bei andern jungen Vögeln sein. Ich wollte mir ein paar fangen, Jim aber hielt mich zurück, das bedeute Tod, sagt er. Sein Vater sei einmal sehr krank gewesen, sagt er, und einer von ihnen habe einen Vogel gefangen, worauf die alte Großmutter gleich gesagt habe, nun werd' der Vater sterben, und richtig, so sei's gewesen, er sei gestorben, aber freilich erst etwas später.
Jim sagt auch, man dürfe die Sachen nie aufzählen, die man zum Mittagessen kocht, das bringe Unglück, ebenso wenn man das Tischtuch nach Sonnenuntergang ausschüttle. Und er sagt, wenn ein Mann stirbt, der einen Bienenstock hat, so muß man's den Bienen sagen, eh' die Sonne am nächsten Morgen aufgeht, oder sie hören alle auf zu arbeiten und sterben auch. Die Bienen stechen nie Dummköpfe, sagt Jim, das aber glaub' ich ihm nicht, denn oft und oft war ich hinter ihnen her und sie haben mich noch nie gestochen, und ich halt' mich nicht gerade für einen Dummkopf.
Vieles hatte ich schon vorher gehört, aber doch nicht alles. Jim wußte alle Arten von Vorzeichen, sagte, er kenne beinahe alle. Mir schien's als ob alle Vorzeichen immer nur Schlechtes bedeuten und so fragte ich ihn, ob's nicht auch einige gäbe, die Glück brächten. Darauf meint er:
»Furchtbar wenig! -- und die sein nix viel wert. Warum du denn wollen wissen, wenn Glück kommen? Du dich wollen schützen vor ihr? Glück sein mächtig stark, Glück kommen ganz von selbst ohne Zeichen. Wenn du haben Haar an die Brust un Haar auf die Arm, du werden noch reich einmal. Sein gute Zeichen das! Wenn du sein arm un elend und wollen lieber gar nix mehr leben, du sehen auf die Haar und denken, warten mal noch bischen, wird kommen besser, -- bald, bald!«
»Hast du haarige Brust und Arme, Jim?«
»Warum du fragen das? Du das nix selbst sehen? Jim haben Haare!«
»Drum eben! Bist du reich?«
»Nein, aber Jim sein gewesen _so_ reich un _Jim_ werden wieder reich einmal, bald! Einmal er haben vierzehn Dollars gehabt -- _vierzehn Dollars!_ -- aber Jim haben speckliert un alles -- verloren!«
»In was hast du denn ›speckliert‹, Jim?«
»In'r Kuh, Huck, in'r lebendigen Kuh! Dumme, alte Jim, gehen hin und stecken zehn Dollars in alte, kranke Kuh, elend Vieh, was krepiert nach drei Tag!«
»Und die zehn Dollars, Jim, waren futsch?«
»Nein, nix ganz futsch! Nur neun! Jim gehen hin und verkaufen die Haut un den Talg für ein Dollar zehn Cents!«
»Sind dir also noch fünf Dollars und zehn Cents geblieben, Jim. Weiter! Hast du noch mehr ›speckliert‹?«
»Ja! Huck, du kennen das einbeinerige Nigger, das dem alten Mista Bradish sein? Altes Nigger da gründen eine Bank un sagen, jeder Nigger, was einen Dollar bringen, kriegen vier am End' von die Jahr. Alle Niggers laufen und bringen sein Geld, haben aber nur nix viel. Sein Jim der einzige, wo hat viel, so er wollen haben auch _mehr_ als wie annre Niggers. Er sagen, wenn Jim kriegen nix mehr, er selber wollen halten Bank. Das einbeinerige Nigger wollen das nicht haben, sagen, es sein zu wenig Geld für zwei Banken, er wollen Jim geben fünfunddreißig Dollars for fünf am End' von die Jahr.
»Dumme Jim also geben fünf Dollars in die Bank. Denken dann, er gleich wollen anlegen die fünfunddreißig Dollars un nix warten auf die End' von die Jahr. Eine annre Nigger, Bob, haben gefischt viele Holzstämme aus die Wasser, ganze Floß, ohne daß 's seine Herr wissen. Jim kaufen also die Holz un sagen, Bob sollen sich lassen geben die fünfunddreißig Dollars, wo sein in Bank am End von die Jahr. In die Nacht aber werden die Holz gestohlen un die annre Morgen sagen das einbeinerige Nigger, Bank sein falleriert un so keiner nix kriegen Geld, Jim sein fünf Dollars sein weg!«
»Und die zehn Cents, Jim, wo hast du die hingebracht?«
»Erst Jim wollen sich was kaufen mit. Da er träumen in die Nacht, er sollen geben die zehn Cents alte Nigger Balam -- ›Balams Esel‹ er heißen, weil er sein so viel dumm -- haben aber immer Glück alte Balam, un arme Jim haben gar nix Glück! Sagen also Traum: Jim sollen geben Balam Geld un lassen Balam ihr anlegen, dann Jim werden haben auch Glück! Balam also nehmen zehn Cents, gehen in die Kirche un hören Pfarrer sagen: ›wenn du geben die Armen, du leihen die Herrn un du werden kriegen hundertfach alles zurück!‹ Alte Balam also, er geben die zehn Cents annre arme, alte Nigger un sitzen un warten un warten, was jetzt kommen!« --
»Nun, und was kam dann, Jim?«
»Nie nix, Huck! Arme Jim sein Cents war auch noch weg. Du werden kriegen hundertfach, sagt'r Pfarrer. Hundertfach! Jim wollten sein so froh mit sein arme, kleine zehn Cents, wenn er's wieder hätten!«
»Na, Jim, laß gut sein! So lang du noch die Haare auf deiner Brust und deinen Armen hast, wirst du ja noch reich werden!«
»Warraftig! Un Jim sein schon reich jetzt! Jim sein doch sein eigen Herr! Hätten er nur die Geld, arme Jim, mehr er gar nix wollen!«
Neuntes Kapitel.
Die Höhle. -- Das schwimmende Haus. -- Reiche Beute.
Ich wollte nun noch einmal einen Ort aufsuchen, den ich bei meiner Expedition neulich entdeckt hatte, ungefähr in der Mitte der Insel. So machten wir uns denn auf die Beine und waren auch bald dort, denn die ganze Insel war nur ungefähr eine Stunde lang und eine halbe breit.
Der Ort, an den ich hin wollte, war ein ziemlich steiles Felsenriff oder eine Art Hügel, gegen 40 Fuß hoch. Das Hinaufklettern ward uns schön sauer, denn der steile Abhang war voll dichten Buschwerks. Oben krabbelten wir ringsherum und entdeckten auf der Seite nach Illinois, ziemlich an der Spitze, eine schöne, große Höhle. Sie war so groß, wie zwei oder drei Zimmer zusammen, und Jim konnte aufrecht drin stehen. Und so schön kühl war's da drinnen! Jim sagte, wir sollten gleich hier Quartier aufschlagen, mir aber wollte das ewige Klettern nicht ganz passen.
Jim meinte aber, wenn wir unser Boot versteckten und alle unsere Sachen hierher brächten, so könnten wir uns so schön verbergen, wenn einmal irgend jemand käme; ohne Hunde könnte uns dann kein Kuckuck finden. Und, sagt er nochmals eindringlich, die jungen Vögel von vorhin hätten doch Regen angezeigt, ob ich durchaus alles eingeweicht haben wolle!
Das leuchtete mir ein! Wir also zurück und rudern das Boot bis zu einem Platz am Ufer, der unserm Felsen möglichst nahe war, schifften unsre Habseligkeiten aus und verbargen sie in der Höhle. Dann fanden wir unter dichtem Weidengestrüpp ein Versteck für unser Boot, sahen nach der Fischleine, nahmen einige Fische weg, warfen die Leine wieder aus und dachten nun an unser Mittagbrot.
Die Oeffnung der Höhle war ziemlich groß und an einer Seite war der Boden etwas erhöht, wo man bequem ein Feuer anzünden konnte, was wir denn auch gleich thaten und unser Essen kochten.
Unsere Decken legten wir als Teppiche auf den Boden, lagerten uns drauf und verzehrten unser Mahl. Alle andern Dinge ordneten wir im Hintergrunde der Höhle. Bald danach sah man draußen wirklich graue, dicke Wolken, und es fing an zu blitzen und zu donnern; -- die jungen Vögel hatten diesmal also wahrhaftig recht gehabt! Ein solches Unwetter hatte ich noch nie erlebt. Das goß und goß; wahre Fluten sausten durch die Luft, daß alles draußen grauschwarz aussah und die nächsten Bäume nur noch wie Spinngewebe durchblickten. Bei jedem Windstoß fuhren die Bäume mit den Kronen nach unten, als wollten sie Purzelbäume machen und zur Abwechslung einmal die Wurzeln in die Luft strecken; alles schien wie toll und losgelassen. Da -- als es gerade noch am schwärzesten ist und am tollsten rast -- wird auf einmal alles hell und klar, wie blankes Gold, daß man weit, weithin die Bäume herüber und hinüber schwanken sieht; im nächsten Moment ist wieder alles stockfinster, der Donner bricht mit einem furchtbaren Krach los und geht dann über in ein Gerumpel, als ob leere Fässer steile Treppen hinabgerollt würden, wo sie so recht stoßen und poltern und krachen können.
»Das ist nett, Jim,« sag' ich, »Gott sei Dank, daß wir im Trocknen sind. Reich' mir doch den Fisch nochmals her und ein ordentliches Stück Brot.«
»Alte Jim aber sein Schuld, daß du sein hier, Huck. Ohne alte Jim du wären naß un kalt un halber ertrinkt da drunten im Wald. Ja, ja, Alter, junge Hühner wissen wann Regen kommt, un junge Vogel auch!«
Der Fluß stieg und stieg, zehn oder zwölf Tage lang, bis er zuletzt aus dem Ufer trat. Die Insel war an den niedrigen Stellen drei bis vier Fuß unter Wasser. Am Tag ruderten wir überall drauf umher. Es war herrlich kühl inmitten des Waldes, während die Sonne draußen stach und brannte. Wir wanden uns zwischen den Bäumen durch, kamen aber oft an solche Massen von wilden Waldreben, die sich von Baum zu Baum schlangen und uns den Weg versperrten, daß wir umwenden und eine andere Richtung suchen mußten. Auf jedem alten, umgestürzten Baumstamm saßen Kaninchen, Eichhörnchen, Schlangen, Schildkröten und andres Getier, und als das Wasser einmal zwei, drei Tage da war, wurden sie aus Hunger so zahm, daß man sie greifen konnte, d. h. wir fingen die Kaninchen und Eichhörnchen, die andern ließen wir laufen, denn wir hatten in unserer Höhle mehr davon als uns lieb war.
Der ganze Fluß war wieder voll von Treibholz. Einmal fischten wir ein tüchtiges Stück von einem Holzfloß heraus, das aus neun dicken tannenen, fest zusammengezimmerten Bohlen bestand. Es war vielleicht zwölf Fuß breit und ungefähr fünfzehn bis sechzehn lang, ein starkes, solides Ding, das wir sogleich unter den Weiden versteckten, im Gedanken, daß es uns vielleicht noch einmal gute Dienste leisten könnte, was denn auch wirklich später der Fall war. In einer Nacht -- tags wagten wir uns nicht heraus -- gerade ehe es zu dämmern anfing, sahen wir ein Haus, ein wirkliches Haus, aus Holz gezimmert, auf einem kurzen Floß daher treiben. Wir natürlich drauf los, angelegt und zum untern Fenster hineingeguckt. Sehen konnten wir noch nichts und so machten wir denn unser Boot fest und warteten geduldig, bis es tagen würde.
Wir waren noch nicht an der Insel vorbei, als es hell genug wurde, um alles unterscheiden zu können. Wir guckten also ins Zimmer hinein, sahen ein Bett, einen Tisch, zwei alte Stühle und eine Menge Dinge überall umhergestreut. In der Ecke lag etwas, das wie ein Mensch aussah, sich aber nicht rührte.
»Holla, ihr da!« ruft Jim. Es regt sich nichts. Nun schrei' ich -- keine Antwort. Dann sagt Jim:
»Der nix schlafen, der sein tot. Du bleiben hier, Huck, Jim sehen nach.«
Er lief drauf zu, beugt sich über ihn, betrachtet ihn und sagt dann:
»Der sein tote Mann! Ja, warraftig, un Kleider sein auch fort. Sein geschossen in den Rücken. Sein schon lange tot, vier Tag, fünf Tag. Komm' rein, Huck, aber nix hinsehen, sein schauderhaft -- puh!«
Ich sah mich also nicht um. Jim warf dann ein paar alte Lumpen über die Leiche, hätte es aber nicht zu thun brauchen, mich zog's wahrlich nicht dahin. Alte, schmutzige Karten lagen auf dem Boden herum, Schnapsflaschen dazwischen, auch zwei schwarze Tuchmasken, und die Wände waren mit dummen Sprüchlein und Bildern bemalt, die einer mit Kohle drauf geschmiert hatte. Ein paar schmutzige Kattun-Kleider, ein Frauenstrohhut und einige Unterröcke hingen an der Wand, auch Mannszeug war dabei. Auf dem Boden lag ein gestreifter Kinderstrohhut, unweit von einer zerbrochenen Milchflasche für einen Säugling. Ein alter Koffer, von dem die Scharniere losgerissen waren, lag offen da; es war nichts von Wert darin. Man sah, die Bewohner hatten nicht Zeit zu einem feierlichen Abschied von ihrem Heim gehabt, als sie es verließen.
Wir schleppten eine Menge Sachen in unser Boot, weil wir dachten, mit der Zeit ließe sich alles verwenden. Eine alte Blechlaterne, ein Metzgermesser ohne Griff, ein nagelneues Taschenmesser, das in jedem Laden etwas wert gewesen wäre, eine Masse Talglichter, einen Blechleuchter, eine Feldflasche und eine Blechtasse, eine alte, zerfressene Bettdecke, ditto Pferdeteppich, einen Arbeitsbeutel mit Näh- und Stecknadeln, Garn, Fingerhut, Wachs und Scheere, Hammer und Nägel, eine dicke Fischleine mit festem Haken, eine alte Kuhhaut und ein Hundehalsband, ein Hufeisen und ein paar Medizinflaschen ohne Aufschrift, kurz, alles schleppten wir mit, und zuguterletzt fand ich noch einen Kamm mit drei Zinken und Jim einen alten Fiedelbogen ohne Saiten, die mußten auch noch mit. Reich beladen stießen wir ab.
Alles in allem genommen hatten wir wahrhaftig eine reiche Beute gemacht und konnten recht zufrieden sein. Inzwischen war's aber heller Tag geworden und wir waren ziemlich weit von der Insel weg. So hieß ich Jim denn im Boot niederliegen und deckte ihn mit der alten Bettdecke zu, denn wenn er aufrecht dagesessen hätte, hätte jedes Kind sehen können, daß er ein Nigger sei und wenn's eine Meile weit weg gewesen wäre. So ruderte ich denn eifrig unserer Insel zu und ohne daß wir etwas oder irgend jemanden sahen, oder selbst gesehen worden wären, kamen wir von unsrem nächtlichen Abenteuer glücklich und ohne Unfall wieder nach Hause.
Zehntes Kapitel.
Der Fund. -- Vater Bunker. -- Verkleidet.
Nach dem Frühstück hätte ich gern unsere Erlebnisse besprochen und begann von dem Toten, den wir in der schwimmenden Hütte gefunden; Jim aber wollte nicht drauf eingehen, weil das Unglück bringe. Auch meinte er, der Geist des Toten könne uns erscheinen, denn einer, der nicht begraben sei, treibe sich noch viel leichter um, als einer, der zufrieden und behaglich in der Erde liege. Das schien mir soweit vernünftig und so bestand ich nicht weiter drauf die Sache zu besprechen, zerbrach mir aber im stillen den Kopf, wer wohl den Mann erschossen habe und warum sie es gethan.
Dann untersuchten wir die alten Lumpen von Kleidern, die wir uns mitgenommen hatten, und fanden in dem zerrissenen Futter eines alten Ueberziehers acht Dollars in Silber eingenäht. Jim meinte, die Leute in jenem Hause hätten gewiß den Rock gestohlen, denn wenn sie etwas vom Gelde gewußt, hätten sie es wohl nicht so freundlich hinterlassen. Ich dachte mir, der Rock habe gewiß dem Toten gehört, aber da mich Jim gewarnt hatte, wollte ich nicht länger mehr drüber sprechen. Etwas aber mußte ich ihn doch fragen:
»Jim, du sagst, es bringt Unglück, wenn man von den Toten spricht, aber das nämliche hast du auch behauptet, als ich neulich die Schlangenhaut fand und anrührte. Da hast du gemeint, das sei das Schlimmste, was man thun könne. Siehst du nun das furchtbare Unglück, das es uns gebracht hat? Wir haben acht Dollars und dazu diesen ganzen Kram erobert. Hätten wir doch jeden Tag solch' ein Unglück, Jim!«
»Du nix sein so sicher, Huck, nix sein so sicher. Dich nix machen mausig. Es schon kommen! Jim dir sagen: es schon kommen!«
Und es kam wirklich. Am Dienstag war's, daß wir uns so drüber unterhielten. Am Freitag darauf, nach dem Mittagessen, lagen wir oben auf dem Hügel im Grase und schmauchten unser Pfeifchen. Der Tabak war uns ausgegangen und ich lief zur Höhle, um welchen zu holen, und entdeckte dort plötzlich eine Klapperschlange. Ich nicht faul, hau' ihr eins über den Kopf, daß sie das Aufstehen vergißt, nehm' sie dann und lege sie so natürlich als möglich zusammengerollt unten auf Jims Lager; ich wollt' ihn einmal tüchtig erschrecken und ordentlich auslachen hinterher. Am Abend hatte ich jedoch alles wieder vergessen, und als wir zur Höhle kamen und Jim sich auf seine Decke ausstreckte, während ich Licht machte, wurde er von dem Weibchen der toten Schlange, das am Nachmittag herzugekrochen war, gebissen.
Brüllend sprang er auf und das erste, was wir beim Lichte sahen, war das Schlangenvieh, wie's den Kopf bedrohlich erhob und sich eben zu einem zweiten Biß anschicken wollte. Im nächsten Moment hatte ich mit einem Knüppel das Biest seinem Kameraden nachgesandt, während Jim meines Alten Branntweinkrug zu fassen kriegte und den Inhalt hastig hinunter zu stürzen begann.
Er war barfuß und die Schlange hatte ihn gerade in die Ferse gebissen. Das war nun ganz allein meine Schuld. Jedes Kind weiß, daß, wo man eine tote Schlange liegen läßt, sich deren Gefährte unfehlbar nach kurzer Zeit einstellt, um sich um den toten Kameraden zu ringeln, und ich Dummkopf mußte das vergessen. Jim hieß mich der Schlange den Kopf abhacken, denselben wegwerfen, dann die Haut abziehen und ein Stück vom Fleische rösten. Ich that's und er aß es und sagte es werde ihm helfen. Auch die Klappern mußte ich loslösen und sie ihm ums Handgelenk binden, das sei auch ein gutes Mittel, sagte er. Dann schlich ich mich leise hinaus und warf die Schlangen in die Büsche; Jim durfte nicht dahinter kommen, daß ich der Anstifter von all dem Unheil war, wenn ich's irgend wie verhindern konnte.
Jim saugte und saugte an dem Branntweinkrug wie ein Kind an seiner Milchflasche, hie und da kam's über ihn und er tanzte wie besessen auf einem Bein herum und brüllte fürchterlich dazu, jedesmal aber, wenn er wieder zu sich kam, machte er sich aufs neue an den Schnaps. Sein Fuß schwoll dick an, ebenso das Bein, aber allmählich stellte sich ein ordentlicher, regelrechter Rausch ein und ich dachte, nun sei er gerettet. Ich hätte lieber selbst für den Biß gebüßt, als des Alten Branntwein so herhalten sehen zu müssen.
Vier Tage und vier Nächte mußte Jim auf seinem Lager aushalten, dann war die Geschwulst wieder vergangen und er war wieder heil und gesund. Ich schwor mir innerlich, nie wieder eine Schlangenhaut anzurühren, ich hatte genug an den Folgen vom letztenmal. Jim meinte, ein andermal würde ich wohl gleich auf ihn hören und ihn nicht wieder auslachen. Und das will ich auch, weiß Gott! Dann sagte er, er sei immer noch nicht überzeugt, ob wir ganz über die schlimmen Folgen hinaus seien. Er wolle lieber tausendmal über seine linke Schulter in den Neumond sehen, denn das sei nicht halb so gefährlich, als die Berührung einer Schlangenhaut. Davon war ich jetzt beinahe selbst überzeugt, obgleich ich bis dahin das erstere für das Schlimmste und das Dümmste gehalten hatte, was der Mensch thun könne. Der alte Vater Bunker, wie er in der Stadt hieß, hatte es einmal gethan und es war ihm schrecklich übel bekommen, denn beinahe zwei Jahre danach war er im Rausch vom Kirchturm gestürzt und war unten beim Auffallen flach wie ein Pfannkuchen geworden, so daß sie ihn, statt im Sarge, zwischen zwei alten Stallthüren begraben mußten, -- so wurde wenigstens erzählt, ich bin nicht dabei gewesen. Mein Alter hat noch oft davon gesprochen und daß alles nur daher gekommen sei, weil Vater Bunker einmal unvorsichtigerweise über die linke Schulter in den Neumond gesehen. Der alte Narr, der er war!