Abenteuer und Fahrten des Huckleberry Finn
Part 23
»O nein, ich phantasiere gar nicht, ich weiß recht gut, was ich sage, Tante. Wir haben ihn befreit -- ich und Tom. Das wollten wir thun von Anfang an und wir haben's gethan! Und haben's gut gemacht, elegant gemacht, das muß jeder zugeben!« Und damit war er ins richtige Fahrwasser geraten und sie probierte nicht mehr, ihn zu unterbrechen, sondern ließ ihn schwatzen und schwatzen. Sie saß da und starrte ihn nur an und Mund und Augen wurden bei ihr immer größer und ich ließ dem Unglück seinen Lauf, denn hier war nichts mehr zu machen. »Ja, Tantchen, das war eine Arbeit, da gab's zu thun, Nacht für Nacht, Stunde um Stunde, alle die Wochen, während ihr ruhig im Bett lagt und schlieft. Und wir mußten die Kerzen stehlen, siehst du, und die Leuchter und das Leintuch und das Hemd und dein Kleid und Löffel und Zinnteller und Messer und die Pfanne, den Mühlstein und Mehl und sonst noch eine ganze Menge; du kannst dir gar nicht denken, was wir für Plage hatten mit den Sägen und den Federn und den Inschriften und all dem -- und noch viel weniger, was wir für einen Spaß dabei hatten. Und dann waren die ›onnanimen‹ Briefe zu schreiben und die Särge und Totenköpfe zu malen und das Loch in der Hütte zu graben und die Strickleiter zu machen und in die Pastete zu backen und dann die Löffel, die wir in deine Schürzentasche steckten, und noch vieles andere mehr.« --
»Allmächtiger!«
»-- Und die Ratten für die Hütte und die Schlangen und all das Zeug herbeizuschaffen für Jim zur Gesellschaft! Und dann hast du den Tom mit der Butter erwischt und ihn so lang' aufgehalten, daß beinahe die ganze Geschichte verunglückt wäre, denn die Männer kamen, noch ehe wir weg waren und wir mußten rennen und sie hörten uns und schossen und ich kriegte mein Teil ab und wir ließen sie dann an uns vorbei und die Hunde wollten auch nichts weiter von uns wissen, sondern liefen dem Geschrei nach, und wir schlichen nach dem Boot und ruderten nach dem Floß, das wir zwischendurch gemacht hatten, und waren dann in Sicherheit und Jim frei, und das haben wir alles allein fertig gebracht, und es war ein kapitaler Spaß, Tantchen!«
»Na, so was hab' ich in meinem Leben noch nicht gehört! Also ihr wart's, ihr Bengel, ihr habt diese heillose Wirtschaft gemacht, ihr seid es gewesen, ihr habt uns alle beinahe um den Verstand gebracht und fast zu Tod erschreckt! Na, da sollte aber doch! Ich hätte gute Lust, es euch einmal gleich tüchtig zu zeigen, was ich davon denke! Ich, die ich Abend für Abend -- na, werd' du nur erst einmal wieder gesund, du Racker, dann will ich euch das Leder so gerben und euch den Teufel austreiben, daß euch Hören und Sehen vergeht und ihr den Himmel für eine Baßgeige anseht, ihr -- ihr --«
Aber Tom war so stolz auf seine Heldenthaten und so glücklich, daß er nicht schweigen konnte, und er jubilierte und prahlte weiter, während sie dabei Feuer und Flamme spie. Während so eins das andre immer zu überbieten versuchte, saß ich da und hörte das Ding mit an. Plötzlich sagt sie:
»Na, freu' dich jetzt noch drüber, so lang' du kannst, Schlingel, aber das sag' ich dir, erwisch ich euch nachher wieder drüben bei dem Kerl --«
»Bei welchem Kerl?« fragt Tom und sein Lächeln verschwindet.
»Bei welchem Kerl? -- Fragt der Bursche auch noch! Bei dem Nigger natürlich! Bei wem sonst?«
Tom sieht mich sehr ernst an und fragt:
»Tom, hast du mir nicht eben gesagt, es sei alles in Ordnung? Ist er denn nicht frei?«
»Der?« sagte Tante Sally, »der Nigger? Den haben sie glücklich wieder hinter Schloß und Riegel in seiner Hütte bei Brot und Wasser und man hat ihn angekettet, bis er reklamiert oder verkauft wird!«
Tom fährt im Bett in die Höhe, kerzengerade, seine Augen sprühten und seine Nasenflügel bebten nur so hin und her, und er schreit mich an:
»Dazu haben sie kein Recht! Dazu hat niemand das Recht, hörst du -- niemand! -- Eil' dich -- renn' -- verlier' keine Sekunde! Laß ihn frei! Er ist kein Sklave, er ist so frei, wie irgend einer von uns -- geschwind -- vorwärts!«
»Was in aller Welt _meint_ der Junge?«
»Ich meine jedes Wort grad' so, wie ich's sage, Tante, und wenn nicht gleich eins von euch geht, geh' ich selber. Ich hab' den armen Kerl mein ganzes Leben lang gekannt und ebenso Tom -- gelt, Tom! Miß Watson, seine Herrin, ist vor zwei Monaten gestorben; es that ihr so leid, daß sie ihn früher einmal hatte verkaufen wollen. Um das wieder gut zu machen, setzte sie ihn frei -- in ihrem Testament!«
»Na, aber dann -- das begreif' einer -- warum hast du ihn denn befreien wollen, wenn er doch schon frei war?«
»Das ist wieder einmal eine Frage, -- so recht wie ein Frauenzimmer, das muß ich sagen. Warum? Ei, ich wollte ein _Abenteuer_ haben, so ein echtes, gerechtes Abenteuer! Was? -- ich wäre fußtief im Blut gewatet, wenn -- Herr des Himmels -- _Tante Polly_!!«
Und da stand sie leibhaftig mitten unter der Thüre, und sah so strahlend und glücklich aus wie ein zuckriger Engel.
Tante Sally war mit einem Satz an ihrem Halse und riß ihr beinahe den Kopf ab vor lauter Liebe und Umarmen und lachte und weinte und wußte nicht, was sie thun sollte. Inzwischen hatte ich mir ein sicheres Plätzchen unter dem Bett ausgesucht, denn die Dinge schienen mir allmählich kritisch für uns beide zu werden. Ich schielte unter dem Bett vor. Nach einer Weile schüttelte Toms Tante ihre Schwester ab, stellte sich vor Tom hin und schaute ihn über ihre Brille hinweg an, als wolle sie ihn mit ihren Blicken durchbohren. Endlich beginnt sie:
»Ja, du hast recht, wenn du den Kopf nach der Wand drehst, Tom, ich thät's auch an deiner Stelle!«
»Ach, du lieber Himmel,« fällt Tante Sally kläglich ein, »ist der Junge denn so verändert? Das ist ja Tom gar nicht, das ist Sid -- Tom ist -- Tom ist -- ja, wo ist denn Tom? Der war ja eben noch da!«
»Du meinst wohl, wo ist _Huck Finn_? Das meinst du! Doch! Ich hab' nicht umsonst Jahre lang so 'nen Bengel, wie meinen Tom, großgezogen, daß ich ihn jetzt nicht kennen sollte, wenn ich ihn sehe. Das wär' mir noch schöner! Nur hervor unter dem Bett da, Huck Finn!«
Ich kroch vor, aber wohl war mir nicht dabei.
Tante Sally sah so verwirrt und so verständnislos und wie geistesgestört drein, wie ich nie wieder jemand gesehen habe, ausgenommen Onkel Silas, als sie dem später die Geschichte auseinandersetzten. Es machte ihn wie betrunken, denn er wußte den ganzen Tag über kein Ding vom andern zu unterscheiden und lief umher wie im Traum, und am Abend ließ er eine Predigt los, die ihm einen großen Ruf machte in der Gegend, denn der Aelteste und Klügste wäre nicht imstande gewesen, sie zu verstehen. Toms Tante Polly aber erzählte nun alles, wer und was ich sei, und ich mußte dann beichten, wie ich in die Klemme geraten, daß ich mir nicht anders zu helfen wußte, als ›ja‹ zu sagen, wie mich Frau Phelps als Tom Sawyer bewillkommnete. Hier unterbrach mich Frau Phelps und meinte: »Sag' du nur immer Tante Sally, ich bin's nun schon gewohnt und es macht mir weiter nichts aus.« -- Daß mich also -- erzählte ich weiter -- Tante Sally als Tom Sawyer begrüßte und ich mich nicht dagegen wehren konnte, denn ich fand sonst keinen Ausweg und wußte auch, Tom selbst würde nichts dawider haben, im Gegenteil, denn ein solches Geheimnis wäre ihm gerade recht, er würde sich nur drüber freuen und ein Abenteuer draus machen, wie's ja auch dann geschehen, denn er ging gleich drauf ein und spielte sich als Sid auf und machte mir alles so leicht und bequem, als er nur konnte.
Seine Tante Polly sagte, mit Miß Watson und ihrem Testament habe Tom ganz recht, die habe den Jim freigelassen. So war's denn wahrhaftig wahr -- Tom Sawyer hatte sich und uns allen die Mühe und Not gemacht, nur um einen alten Nigger freizumachen -- _der schon frei war_! Und nun verstand ich auch erst, wie sich einer von Toms Erziehung dazu hergeben konnte, einem durchgebrannten Nigger weiterzuhelfen. Bis dahin war mir dies immer unfaßlich geblieben.
Tante Polly erzählte dann weiter, als sie Tante Sallys Brief bekommen habe, worin es hieß, daß Tom _und_ Sid angekommen seien, habe sie sofort Unrat gewittert und zu sich selbst gesagt:
»Na, da seh' mal einer,« habe sie gesagt, »ich hätt's mir denken können, als ich den Burschen allein fortließ, ohne irgend jemand, der ihm aufpaßt. Was bleibt mir nun übrig, als selbst hinter dem Bürschchen herzureisen, den ganzen weiten Weg, um herauszukriegen, was _diesmal_ wieder los ist, denn aus dir, Sally, war ja gar nicht klug zu werden!«
»Was? -- Ei, du hast mich ja nie drüber gefragt!«
»Na, so was! Zweimal hab' ich dir geschrieben und gefragt, was du mit dem Sid, der auch zu Besuch gekommen sein soll, eigentlich meinst.«
»Geschrieben? Zweimal? Ich hab' nie auch nur eine Zeile gekriegt!«
Ohne ein Wort zu sagen wendet sich Tante Polly langsam gegen Tom und schaut diesen fest an.
»Na, Tom!«
»W--was?« fragt der so ein bißchen unwillig und verdrießlich.
»Komm' du _mir_ nicht mit ›was?‹, du Racker, wart'! Heraus die Briefe!«
»Welche Briefe?«
»_Die_ Briefe! Wart', ich will dir --!«
»Sie sind im Koffer! Dort! Da -- und ganz unversehrt, grad' wie sie waren, als ich sie von der Post holte. Ich hab' nicht einmal hinein gesehen. Dachte mir, sie hätten am Ende keine Eile und könnten hier nur Unheil stiften, und da hab' ich sie --«
»Na, wenn dir nicht eine tüchtige Tracht Prügel gehört, so weiß ich nicht, wem sonst. Dann hab' ich noch einmal geschrieben, um zu sagen, daß ich kommen wolle, und der Brief wird auch --«
»Mit dem ist alles in Ordnung,« sagt Tante Sally, »der ist gestern gekommen, den hab' ich!«
Gern hätt' ich nun zwei Dollars gewettet, daß dem nicht so sei, denn ich wußte das besser, aber ich dachte, es ist doch klüger, du hältst den Mund -- und that's denn auch!
Vierunddreißigstes Kapitel.
Aus der Gefangenschaft befreit. -- Der Gefangene wird belohnt. -- Ganz ergebenst Huck Finn!
Als ich Tom zum erstenmal wieder allein sprechen konnte, fragte ich ihn, was er sich damals eigentlich bei Jims Flucht gedacht habe, was er gethan hätte, wenn alles geglückt und er den Nigger befreit hätte, der schon vorher frei war. Er sagte mir, sein Plan von Anfang an sei gewesen, wenn wir Jim erst glücklich heraus hätten, mit ihm auf dem Floß stromabwärts zu fahren bis zur Mündung, und alle Arten von Abenteuern dabei zu bestehen, ihm dann erst zu offenbaren, daß er frei sei, ihn im Triumph auf einem Dampfboot wieder heimzunehmen, die verlorene Zeit zu vergüten, alle Nigger der Stadt brieflich zu bestellen, daß sie ihn mit Musik und Fackeln in Empfang nähmen und ihn und uns als Helden beim Einzug feierten. Das wär' freilich herrlich gewesen, aber mir war's so eigentlich doch lieber.
Jim wurde augenblicklich von seinen Ketten befreit, und als Tante Polly und Tante Sally und Onkel Silas hörten, wie treu er dem Doktor geholfen, Tom zu pflegen, wurde ihm in jeder Weise geschmeichelt und er bekam ordentliche Kleider und so viel zu essen, als er nur wollte, und er brauchte nichts zu thun, als sich seines Lebens zu freuen. Und wir nahmen ihn mit an Toms Bett und schwatzten bis wir genug hatten, und Tom gab ihm vierzig Dollars, weil er so geduldig als Gefangener gewesen und uns das Spiel nicht verdorben und alles so schön gethan hatte, und Jim war beinahe zu Tode gerührt und wußte nicht, was er anfangen solle vor Wonne und platzte endlich heraus:
»Na, Huck, du sehen, was Jim dir immer sagen? Was Jim dir schon früher auf Insel sagen? Jim dir sagen, er haben haarige Brust und was das bedeuten. Jim dir sagen, er sein gewesen reich un werden noch mal wieder reich, un hier -- hier es sein! Du nix nie mehr sagen, Zeichen sein nix wert -- Zeichen sein Zeichen -- un Jim haben gewußt, er noch werden reich, so gewiß, als er jetzt hier stehen!«
Tom schwatzte nun und schwatzte und schlug uns vor, alle drei heimlich in der Nacht durchzubrennen, uns eine Ausrüstung zu kaufen und auf ein paar Wochen in die Indianer-Territorien zu gehen und dort alle möglichen Abenteuer zu bestehen. Ich sagte gleich: ich bin dabei, aber woher soll ich das Geld für die Ausrüstung nehmen; von zu Hause würde ich keines bekommen, denn das habe mein Alter inzwischen schon gewiß dem Kreisrichter abgeschwindelt und die Gurgel hinuntergejagt.
»Das hat er nicht,« versicherte mich Tom, »das ist noch alles da -- sechstausend Dollars und mehr -- dein Alter hat sich gar nicht mehr blicken lassen, wenigstens so lange ich dort war.«
Sagt Jim ordentlich feierlich:
»Er nie nix mehr werden kommen, Huck!«
Frag' ich:
»Wieso, Jim?«
»Du fragen wieso, Huck -- Jim sagen: er _nie nix_ mehr werden kommen!«
Ich aber wollt's genauer wissen und setzt' ihm ordentlich zu, da sagt er denn:
»Du dir erinnern die Haus, wo schwimmen vorbei an Insel? Un Mann, wo liegen drin tot auf'm Boden? Jim ihn haben zugedeckt, weil du ihn nix sollen sehen; Huck, du dir erinnern? Du können haben dein Geld, wenn du ihr wollen haben -- tote Mann sein gewesen deine Vater!« -- -- --
* * * * *
Tom ist jetzt beinahe wieder ganz wohl und trägt seine Kugel wie eine Uhr an einer Kette um den Hals und sieht alle Augenblicke nach der Zeit. Und mir bleibt jetzt nichts mehr zu erzählen übrig, weshalb ich auch recht froh bin, denn wenn ich gewußt hätte, was für eine furchtbare Arbeit es ist, so ein Buch zusammenzuschmieren, so hätten mich keine zehn Gäule dazu gebracht. Aber noch einmal thu' ich's nicht, davor soll mich Gott bewahren! Lieber Steine klopfen! Oder Holz hacken! Soviel aber seh' ich jetzt schon -- nämlich daß ich früher als die andern zu den Indianern muß, ganz allein, denn Tante Sally will mich durchaus adoptieren und ›sievilisieren‹, und das halt' ich nicht aus, das kenne ich von früher her.
Ganz ergebenst
=Huck Finn=.
Verlag von Robert Lutz in Stuttgart.
Mark Twains
Humoristische Schriften.
_Illustrierte Ausgabe in 6 Bänden._ Preis brosch. M. 14.--, eleg. in Lwd. geb. M. 20.--.
=Einzelne Bände kosten= M. 2.50 brosch., M. 3.50 gebunden.
_Gewöhnliche Ausgabe in 6 Bänden._ Preis brosch. M. 10.--, eleg. in Lwd. geb. M. 13.50.
=Einzelne Bände kosten= M. 1.80 brosch., M. 2.50 gebunden.
Inhalt:
I. Tom Sawyers Abenteuer.
II. Huck Finns Abenteuer.
III. Skizzenbuch.
IV. Leben auf dem Mississippi.
V. Im Gold- und Silberland.
VI. Reisebilder und Skizzen.
_Neue Folge_ enthaltend die _neuesten_ Schriften Mark Twains in _6 Bänden_. Preis brosch. M. 11.--, eleg. in Lwd. geb. M. 17.--.
=Einzelne Bände kosten= brosch. M. 2.--, gebunden M. 3.--.
Inhalt:
I. Tom Sawyers Neue Abenteuer.
II. Querkopf Wilson.
III. Meine Reise um die Welt. I.
IV. Meine Reise um die Welt. II.
V. Adams Tagebuch.
VI. Wie Hadleyburg verderbt wurde.
☛ Jeder Band ist einzeln käuflich. ☚
_Ein Hausschatz des Humors für Alt und Jung._
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ansonsten wurden unterschiedliche Schreibweisen wie im Original beibehalten. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
Korrekturen:
S. 67: Fluß → Fuß Jim gehen zu {Fuß}
S. 180: Rio Janeiro → Rio de Janeiro Segelschiff nach {Rio de Janeiro}