Abenteuer und Fahrten des Huckleberry Finn

Part 22

Chapter 223,897 wordsPublic domain

Wir gingen also zur Post, um nach ›Sid‹ zu sehen, aber der war natürlich nicht dort. Der Alte bekam einen Brief eingehändigt und wir warteten noch eine gute Weile, aber Sid wollte immer noch nicht kommen. Da wurde der Alte endlich ungeduldig und meinte, seinetwegen könne der nun heimfliegen oder schwimmen oder was er wolle, ihm sei's einerlei, _wir_ führen -- und zwar gleich. Mich zurücklassen, damit ich auf Sid warten konnte, wollte er auch nicht, er meinte, das habe doch weiter keinen Zweck, der werde sich schon heimfinden; ich müsse mit, damit Tante sehe, daß wir heil und ganz seien.

Als wir heimkamen, war Tante Sally über die Maßen froh, mich zu sehen. Sie lachte und weinte in einem Atem und umarmte mich und klopfte mich ein paarmal in ihrer gewohnten Weise, was aber mehr gestreichelt war, und sagte, wenn Sid heimkomme, kriege der auch seinen Teil.

Das ganze Haus war voller Farmer und Farmersfrauen, die alle zum Mittagessen bleiben wollten, und es war ein Gezeter und Geschnatter, daß man sein eignes Wort kaum hörte. Die alte Frau Hotchkiß war die ärgste, der stand die Zunge keine Sekunde still -- das lief nur so.

»Na, Schwester Phelps,« -- sagt sie -- »ich bin vorhin drin in der Hütte gewesen und ich glaub', der Kerl, der Nigger, war einfach verrückt. Sagt's ja gleich der Schwester Damrell: Schwester Damrell, sag' ich, der Kerl war verrückt, verrückt war er, sag' ich -- das sind meine eignen Worte. Ihr habt's ja alle gehört, nicht? Er war verrückt, sagt' ich, das kann ein Wickelkind sehen, sagt' ich. Und, ich sag', seht doch nur den Mühlstein an! Ein gesunder Mensch mit fünf Sinnen kann unmöglich so tolles Zeug auf einen Mühlstein kratzen, he, was meint ihr? -- Hier brach irgend einer sein Herz, und da elendete sich der und der durch siebenunddreißig Jahre hindurch, und dann den Unsinn über den natürlichen Sohn von irgend einem Ludwig und all das tolle Zeug. Der war rein verrückt, das hab' ich gleich anfangs gesagt und sag's nun noch einmal und bleib' dabei bis an mein seliges Ende. Nein, so ein Kerl! Der war verrückt, so verrückt wie der hl. ›Nebokatzneser‹ seinerzeit, und das sag' ich und damit basta!«

»Und die Strickleiter aus Lumpen, habt ihr die gesehen?« fragte die alte Frau Damrell, »was in aller Welt hat er mit der --«

»Grad', was ich gesagt habe vorhin zur Schwester Utterback, es sind noch keine drei Minuten her, das wird sie euch bestätigen. Sie sagte: seht doch nur die Strickleiter, sagt sie. Ja, sag' ich, seht doch, was kann er damit haben thun wollen? sag' ich. Sagt sie: Schwester Hotchkiß, sagt sie --«

»Aber wie in aller Welt haben sie den Mühlstein hineingekriegt und wer hat das Loch gegraben und --«

»Meine _eignen_ Worte, Bruder Penrod, meine _eignen_ Worte! -- darf ich um die Saucenschüssel bitten? -- dasselbe sagt' ich grad' zu Schwester Dunlap -- grad' vor einer Minute -- Schwester Dunlap, sag' ich, wie haben die Kerle den Mühlstein hineingebracht, sagt' ich, und ohne Hilfe, sag' ich -- ohne Hilfe! Da liegt der Hase im Pfeffer! Ich laß mir so was nicht weiß machen, sag' ich, da war Hilfe, sag' ich, und _viel_ Hilfe. Dem Kerl haben mehr als ein Dutzend geholfen, da wett' ich meinen Kopf -- und ich für mein Teil, ich würde jeden Nigger hier am Platz lebendig rösten, bis er gesteht, wer geholfen hat. Ich wollt's schon herauskriegen -- ich, das sag' ich und dabei bleib' ich und --«

»Ein Dutzend, meint ihr, habe geholfen? Ei, _vierzig_ konnten kaum mit dem fertig werden, was gethan worden ist. Seht nur einmal die Sägen aus Taschenmessern an und all das Zeug, was da für Zeit dazu gehört, um das fertig zu kriegen, und damit haben sie den Bettpfosten durchsägt, und dann die Strohpuppe auf dem Bett und --«

»Das ist jetzt leicht sagen, Bruder Hightower, das hab' ich grad' vorhin dem Bruder Phelps selbst gesagt. Er frug mich: ›wie denkt ihr denn drüber, Schwester Hotchkiß?‹ Ueber was, Bruder Phelps, sag' ich, über was? ›Ueber den Bettpfosten, wie der abgesägt ist‹, sagt er. Drüber denken? sag' ich, drüber denken? Ei, von selbst hat sich der nicht abgesägt, sag' ich, da wett' ich meinen Kopf, sag' ich -- den hat niemand abgesägt, sag' ich und dabei bleib' ich. Das ist meine Meinung, sag' ich, sie mag nicht viel wert sein, sag' ich, aber 's ist nun einmal meine Meinung, sag' ich, und wenn's jemand besser weiß, sag' ich, der soll's nur sagen, sag' ich, und so ist's und dabei bleib' ich. Und, sag' ich zu Schwester Dunlap, Schwester Dunlap, sag' ich --«

»Meiner Seel', das muß ja eine ganze Schar Nigger gewesen sein, die in der Hütte Nacht für Nacht ihr Wesen getrieben haben, um all das fertig zu kriegen, Schwester Phelps. Seht nur einmal das Hemd an -- jeder Zoll davon mit geheimnisvoller afrikanischer Blutschrift bedeckt. Eine ganze Schar, sag' ich, muß dahinter her gewesen sein all die Wochen! Ich gäb' wahrhaftig zwei Dollars, wenn mir einer das Zeug erklären könnte, und die Kerle, die's geschrieben haben, würd' ich peitschen, bis --«

»Eine ganze Schar zum helfen, Bruder Marples, sagt ihr? Ja, das will ich meinen! Ich wollt' nur, ihr wäret in dem Unglückshaus gewesen und hättet die letzten Wochen miterlebt. Die Kerls haben gestohlen, was ihnen unter die Finger kam -- und wir immer hinter allem her und trotzdem stahlen sie weiter! Sie haben das Hemd unter meiner Nase von der Waschleine weggenommen und auch das Leintuch, aus dem sie die Leiter gemacht haben, -- ich weiß gar nicht, wie oft sie Leintücher von der Waschleine gekrippst haben! Und Mehl und Kerzen und Leuchter und Löffel und die alte Pfanne und tausend Dinge, auf die ich mich jetzt nicht besinnen kann, und mein neues Kattunkleid, und dabei waren ich und Silas und mein Tom und Sid immer dahinter her, Tag und Nacht, wie ich schon gesagt habe, und keiner von uns konnte auch nur ein Haar von ihnen entdecken. Und jetzt, zuguterletzt, führen die Kerle nicht nur uns an, sondern noch dazu die Räuberbande vom Indianerterritorium, und kriegen wahrhaftig den Neger weg mit heiler Haut, trotz den sechzehn Mann und zweiundzwanzig Hunden, die ihnen auf den Fersen sind. Da mach' sich einer einen Vers drauf! Ei, _Geister_ hätten's nicht besser besorgen, nicht flinker und gewichster sein können! Und ich glaub' wahrhaftig, es _müssen_ Geister gewesen sein, denn -- nehmt nur einmal unsre Hunde an -- ihr kennt sie alle, bessre giebt's gar nicht -- und hat auch nur einer von ihnen die leiseste Spur von den Kerlen entdeckt -- he? Das erklär' mir einer -- wenn er kann! He?« --

»Ja, das übersteigt denn doch --«

»Hat man je so was gehört, so --«

»Herr, du mein Gott, ich --«

»Hausdiebe sowohl als --«

»Herr, du meine Güte, ich hätt' mich zu Tode gefürchtet, wenn ich in dem Hause --«

»Zu Tode gefürchtet? Ei, ich bin auch beinahe gestorben vor Angst! Ich hab' kaum gewagt ins Bett zu gehen oder aufzubleiben, zu liegen oder zu stehen, Schwester Ridgeway -- ihr könnt mir's glauben. Ei, die waren imstande, mir das Tuch unterm -- na, ihr könnt euch denken, in welcher Aufregung ich war, als gestern Mitternacht herankam. Ich war so weit, daß ich jeden Augenblick dachte, mein bißchen Verstand müsse auch noch mit draufgehen. Ich glaubte wahrhaftig, sie würden zum Schluß noch anfangen die Kinder zu stehlen. Jetzt bei Tag hört sich's freilich komisch an, aber, sag' ich zu mir selbst, da sind meine zwei armen, unschuldigen Jungen da oben und schlafen und wissen nichts in dem einsamen, dunklen Zimmer, und wahrhaftig, ich wurde bei dem Gedanken so unruhig, daß ich hinaufkroch und die Thüre verschloß. Wahrhaftig, das that ich! Und das hätte jeder an meiner Stelle auch gethan. Denn, wißt ihr, wenn man erst einmal anfängt sich zu fürchten, und es geht weiter und weiter und wird schlimmer und schlimmer und man verliert den Kopf und kriegt das Zittern und weiß kaum mehr, was man thut, da befürchtet man jeden Augenblick etwas Schreckliches. Ich dachte, wenn du so ein armer Junge wärst und schliefst da oben allein und das Zimmer wäre nicht verschlossen und man --« Da hielt sie auf einmal ein und ihr Auge nahm einen starren, verwunderten Ausdruck an, als wolle sie sich auf etwas besinnen, und sie wandte mir langsam den Kopf zu und ihr Blick streifte mich und ich dachte, es sei gesünder für mich, einen kleinen Spaziergang zu unternehmen, ehe sie zu Worte komme.

Sag' ich zu mir selber: Huck, du wirst's besser erklären können, wie's kam, daß ihr am Morgen trotz verschlossener Thür nicht im Zimmer waret, wenn du jetzt ein bißchen hinausgehst und drüber nachdenkst. Und das that ich denn auch. Weit weg aber wagte ich mich nicht, aus Furcht, sie könne nach mir schicken und dann erst recht ein Verhör anstellen. Gegen Abend gingen allmählich die fremden Leute weg und ich erzählte ihr, wie ›Sid‹ und ich in der Nacht vom Lärm und vom Schießen aufgewacht seien, und daß wir hätten sehen wollen, was es gebe, und da wir die Thüre verschlossen gefunden, am Blitzableiter hinuntergerutscht seien, wobei wir uns beide ein wenig wehgethan und deshalb geschworen haben, es nie wieder zu probieren. Und dann erzählte ich ihr alles, wie ich's Onkel Silas zuvor erzählte, und sie sagte, sie wolle uns verzeihen, es sei wohl natürlich bei solch wilden Bengeln wie wir zwei, und sie danke Gott, daß uns weiter nichts passiert sei und wolle nun nicht länger nachdenken über das, was daraus hätte werden können, und sie klopfte mich auf den Kopf und versank in Nachsinnen. Mit einemmale springt sie auf und ruft:

»Tom,« ruft sie, »Wo ist Sid? Beinah' ist's Nacht und noch kein Sid da! Herr, du mein Gott, was ist aus dem Jungen geworden?«

Das scheint mir eine willkommene Gelegenheit und ich springe auf und rufe:

»Ich lauf' nach der Stadt, ich will ihn schon finden!«

Aber da kam ich gut an.

»Du bleibst,« sagt sie mit Nachdruck und packt mich am Arm, »einer ist gerade genug! Wenn er bis zum Abendessen nicht da ist, geht dein Onkel und sieht zu, daß er ihn findet, und damit basta!«

Beim Abendessen war er denn auch richtig noch nicht da und so ging also Onkel gleich nachher auf die Suche.

Gegen zehn kam er wieder, etwas ärgerlich, etwas unruhig, er hatte von Sid nirgends eine Spur finden können. Tante Sally war nicht nur etwas, sondern _sehr_ unruhig, Onkel Silas aber meinte, dazu sei kein Grund vorhanden, -- Jungen seien eben Jungen, -- und am Morgen werde sich der Durchgänger wohl von selbst wieder einstellen, heil und ganz durstig und hungrig. Sie mußte sich damit zufrieden geben, wohl oder übel, aber sie sagte, aufbleiben wolle sie doch und auf ihn warten und Licht brennen, damit er das Haus finden könne.

Als ich zu Bette ging kam sie mit mir auf mein Zimmer, nahm ihr Licht mit und deckte mich warm zu und war so gut und so wie eine Mutter mit mir, daß ich mir ganz elend und schlecht vorkam und ihr kaum in die guten, freundlichen Augen sehen konnte. Und sie setzte sich auf den Bettrand zu mir und schwatzte lange, lange, und sagte, was für ein prächtiger Bursche Sid sei, und schien kaum fertig werden zu können, ihn zu loben, und dazwischen fragte sie immer wieder, ob ich dächte, daß er verloren gegangen oder sonstwie zu Schaden gekommen sein könne, oder daß er gar beinahe ertrunken sei und am Ende eben jetzt irgendwo liege, krank und elend, und sie sei nicht bei ihm, um ihm zu helfen und ihn zu trösten. Dabei stürzten ihr die hellen Thränen aus den Augen und rannen leise über die Wangen und ich versicherte ihr, Sid sei gewiß wohl und munter und werde sich am Morgen unfehlbar einstellen, darauf drückte sie meine Hand und küßte mich und bat mich, es noch einmal zu sagen und noch einmal, denn es thäte ihr wohl, sie sei in solcher Angst um ihn. Als sie dann wegging, sah sie mir in die Augen, so fest und doch dabei so gut und freundlich, und sagte:

»Ich werde die Thüre nicht schließen, Tom, und dort ist das Fenster und der Blitzableiter, aber, nicht wahr, du wirst brav sein? Wirst du? Und wirst nicht durchbrennen, Tom, um _meinetwillen_!«

Das fiel mir aufs Herz, wo Tom ohnehin schon schwer drauflag, und aus dem Schlafen wurde nicht viel. Ich warf mich ruhelos hin und her. Zweimal rutschte ich am Blitzableiter hinab und schlich mich ums Haus herum auf die Vorderseite und sah die gute Frau dort am Fenster sitzen bei ihrem einsamen Licht, und die Augen, die auf den Weg hinausstarrten, waren dick voll Thränen, und ich wünschte, ich wäre imstande gewesen, etwas für sie zu thun, aber ich wußte nicht was. Das einzige war, daß ich mir selbst schwur, nie wieder etwas zu thun, was ihr Kummer machen würde. Dann, als ich zum drittenmal aufwachte, dämmerte schon der Tag und ich glitt noch einmal hinunter auf meinem gewöhnlichen Weg, und richtig, da saß sie noch und das Licht war ausgebrannt, während der müde, graue Kopf auf den Tisch gesunken und die alte Frau endlich eingeschlummert war.

Dreiunddreißigstes Kapitel.

Tom Sawyer verwundet. -- Die Erzählung des Doktors. -- Jim profitiert etwas. -- Tom beichtet. -- Tante Polly kommt. -- ›Briefe heraus!‹

Noch vor dem Frühstück war Onkel Silas wieder in der Stadt gewesen, hatte aber natürlich wieder keine Spur von Tom entdecken können und nun saßen die beiden am Tisch, ganz stumm und betrübt, sie schienen tief in Gedanken versunken zu sein und keines sagte ein Wort und der Kaffee wurde kalt und essen konnten sie auch nichts. Sagt da plötzlich der Alte:

»Hab' ich dir den Brief gegeben, Sally?«

»Welchen Brief?«

»Den, den ich gestern auf der Post bekommen habe.«

»Nein, einen Brief hast du mir nicht gegeben!«

»Na, dann muß ich's vergessen haben!«

Er kramte in allen Taschen, stand auf und holte den Brief irgendwo her, wo er ihn hingelegt hatte, und gab ihn ihr. Sagt sie:

»Ach, der ist ja von Petersburg[10] -- der ist von der Schwester!«

[10] Das amerikanische P. am Mississippi.

Ich denk' drauf, nun wird dir wieder einmal ein kleiner Spaziergang gut thun, konnte mich aber nicht vom Fleck rühren, so war mir der Schreck in alle Glieder gefahren. Ehe sie den Brief aber ganz geöffnet hatte, ließ sie ihn fallen und rannte der Thüre zu -- sie hatte durchs Fenster etwas gesehen. Ich aber auch. Dort wurde Tom Sawyer auf einer Matratze dahergeschleppt und dahinter kamen der Doktor und dann Jim in _ihrem_ Kattunkleid, mit den Händen auf den Rücken gebunden, und noch sonst eine Masse Leute. Ich stürzte erst auf den Brief los und werf' ihn hinter ein Möbelstück. Tante Sally rannte indessen bereits auf die Matratze los, stürzte sich über Tom her und schrie und jammerte:

»Ach Gott, er ist tot, er ist tot; gewiß ist er tot!«

Tom drehte jetzt den Kopf und murmelte etwas Unzusammenhängendes, man sah, er hatte Fieber, und da schlug sie die Hände überm Kopf zusammen und jubelte:

»Er lebt, Gott sei Dank, er lebt! Weiter brauch' ich nichts zu wissen!« Und sie küßte Tom ganz flüchtig und rannte dann ins Haus zurück, um sein Bett zurechtzumachen; bei jedem Schritt, den sie vorwärts stürzte, flogen ihr die Befehle nur so nach rechts und links von den Lippen, und Nigger und Dienstleute und alles rannte hinter ihr drein, wie die wilde Jagd.

Ich schlich hinter den Männern her, um zu sehen, was sie mit Jim anfangen würden, und der Doktor und Onkel Silas folgten Tom ins Haus. Die Männer schienen sehr aufgebracht und einige sprachen sogar davon, Jim zu töten, ihn baumeln zu lassen, all den andern Niggern zum warnenden Exempel, damit die sich's nie einfallen ließen durchzubrennen, wie's Jim gethan, und dabei alles so untereinander zu bringen und eine ganze ehrbare Familie wochenlang in Angst und Aufregung zu versetzen. Andre rieten davon ab und sagten: »Thut's ja nicht, es ist ja nicht unser Nigger, und wenn sein Herr einmal auftaucht, der läßt ihn sich teuer bezahlen.« Das kühlte die Hitzköpfe ein wenig ab, denn die, die am schnellsten dabei sind, einen Nigger zu henken, wollen am wenigsten davon wissen, dafür bezahlen zu müssen, wenn einmal die Hitze verflogen ist.

Aber fluchen thaten sie auf Jim, und immer ab und zu bekam er einen ordentlichen Puff an den Schädel oder einen Tritt oder sonst irgend eine liebenswürdige Aufmerksamkeit. Der aber sagte kein Wort, that auch gar nicht, als ob er mich kennte, und sie schleppten ihn nach seiner alten Hütte, zogen ihm seine eigenen Kleider wieder an, brachten die Ketten und fesselten ihn diesmal nicht an den Bettpfosten, sondern an einen schweren Block, der in den Boden der Hütte eingetrieben wurde, und banden seine Hände und beide Beine und sagten, er solle von jetzt an nichts bekommen als Brot und Wasser, bis sein Herr käme oder er versteigert werden würde, wenn der sich nicht zu rechter Zeit einstelle, und füllten unser Loch auf und meinten, ein paar Männer müßten nun immer nachts bei der Hütte Wache stehen und bei Tage müsse eine Bulldogge an der Thüre angebunden werden. Als sie endlich fertig geworden waren, nahmen sie mit ihren Fußspitzen der Reihe nach Abschied von Jim; auf einmal erscheint der alte Doktor und sagt:

»Hört, Leute, behandelt den Kerl nicht schlechter als nötig ist, denn es ist kein schlimmer und kein böser Nigger. Als ich dort aufs Floß kam und den Jungen fand und sah, daß ich ohne Hilfe die Kugel nicht herausbringen würde und doch keine Hilfe nah und fern zu entdecken war, und ich den Burschen auch nicht allein lassen konnte, um zu sehen, ob ich jemanden auftreiben könnte, denn er wurde schlimmer und schlimmer und fing schließlich an zu toben und wollte mich nicht heran lassen, und sagte, wenn ich mit Kreide ein Zeichen ans Floß machte, dann würde er mich töten und dergleichen Unsinn mehr; als ich mir da gar nicht mehr zu helfen wußte, und schließlich laut vor mich hinspreche: ›nun _muß_ ich Hilfe haben, koste es, was es wolle‹, da Leute -- da, sag' ich euch -- stand plötzlich der Nigger dort vor mir, wie aus dem Boden gezaubert, und er hat mir geholfen, ohne viel zu reden, und zwar wacker geholfen! Natürlich wußte ich gleich, daß er irgendwo durchgebrannt sein müsse. Da saß ich nun! Was blieb mir übrig, als ruhig auszuharren den ganzen Tag über und die Nacht dazu. Das war eine Klemme, sag' ich euch! In der Stadt warteten meine Patienten auf mich, was sollten die denken, und doch mußte ich bleiben, denn ich wagte nicht wegzugehen, aus Furcht, der Nigger könnte ausreißen und ich bekäme hinterher Vorwürfe. Ein Schiff, das ich hätte anrufen können, wollte auch nicht in die Nähe kommen, und so hieß es denn bleiben und immer bleiben, bis zum Tagesanbruch, diesen Morgen. Nie aber habe ich einen Nigger gesehen, der treuer und besser gepflegt hätte, wie der dort, und doch setzte er dabei seine Freiheit aufs Spiel und schien so müde, so totmüde; er muß furchtbar abgearbeitet worden sein in den letzten Wochen. Der Nigger gefiel mir darum; ich sag' euch, Männer, so ein Nigger ist mehr als tausend Dollars wert -- und eine gute Behandlung obendrein. Ich hatte dort alles, was ich brauchte, und der Junge auch, besser vielleicht als zu Hause, denn es war so ruhig und still, wie gemacht für einen Kranken. Aber der Boden brannte mir doch unter den Füßen bei meiner Verantwortung für die beiden, und wochenlang konnte ich nicht bleiben; na, da kamen denn endlich ein paar Männer in einem Boot uns nahe genug, um sie anzurufen. Zum Glück saß der Nigger gerade am Steuer, mit dem Kopf auf den Knieen und war fest, fest eingeschlafen. So winkte ich ihnen denn, leise zu thun, und sie fielen leise über ihn her und banden ihn, ehe er noch recht die Augen offen hatte, und so hatten wir gar keine Last mit ihm. Und da der Junge gleichfalls schlief, machten wir das Floß leise los, ruderten es dem Ufer zu und legten's dort fest, ohne daß einer von den beiden sich nur rührte, der Nigger hatte sich nicht gemuckst, keinen Laut von sich gegeben von Anfang an. Das ist kein schlimmer Kerl, meine Herren, glauben Sie mir's, ich hab's erprobt!«

»Das lautet alles sehr gut und schön, Doktor, das muß ich sagen!« meinte einer.

Die andern schienen auch ein wenig besänftigt und ich war dem alten Manne herzlich dankbar für die Wohlthat, die er Jim mit der Erzählung erwiesen, und ich freute mich, daß ich den Kerl von Anfang an richtig beurteilt hatte; ich wußte, er hatte ein gutes, ein weißes Herz in seiner schwarzen Brust. Und Jim profitierte auch davon, denn alle stimmten überein, er habe sich gut benommen und brav, und verdiene, daß man ihn drum lobe und belohne. Jeder versprach aufrichtig und von Herzen, dem armen Kerl keine Püffe mehr zu geben.

Das war aber vorerst auch alles. Ich hatte gehofft, sie würden ihm eine oder zwei von seinen verdammt schweren Ketten abnehmen oder ihm Fleisch und Gemüse zu seinem Brot und Wasser erlauben; daran aber schienen sie nicht zu denken, und ich wollte mich lieber nicht dreinmischen, nahm mir aber fest vor, Tante Sally bei nächster Gelegenheit von des Doktors Erzählung zu sagen. Bei nächster Gelegenheit, das heißt, wenn ich erst die bösen Klippen umschifft hätte, die in meinem Wege lagen. Mit den Klippen meine ich nämlich die Aufklärungen, die ich Tante Sally zu geben haben würde über Toms Wunde.

Zeit zum Besinnen hierüber hatte ich genug, Tante wich nicht vom Krankenbett, nicht bei Tag und nicht bei Nacht, und ich hielt mich in sichrer Entfernung, und so oft ich Onkel Silas irgendwo auftauchen sah, wich ich ihm schleunigst aus.

Am andern Morgen hörte ich, Tom sei viel besser und Tante habe sich ein wenig hingelegt. Ich schlüpf' also in das Krankenzimmer und hoffte ihn noch wach zu treffen und mit ihm etwas zu ersinnen, das alle kommenden Kreuz- und Querfragen aushielt. Er aber schlief und zwar ganz friedlich; sein Gesicht war blaß und nicht mehr so glutrot wie den Tag zuvor, als er ankam. So setzte ich mich also hin und wollte warten, bis er wach würde. Nach vielleicht einer Viertelstunde glitt Tante Sally plötzlich leise wie ein Geist herein und da saß ich wieder fest! Sie winkte mir, still zu sein und setzte sich zu mir und begann zu flüstern und sagte, wie dankbar wir alle sein könnten, ›Sid‹ sei so viel besser und er schlafe nun schon lange so ruhig und so friedlich und sehe dabei immer besser und immer wohler aus und es sei zehn gegen eins zu wetten, daß er bei Besinnung wäre, wenn er nun erwache.

Da saßen wir denn und warteten. Auf einmal schlug er die Augen auf und sah ganz klar und frei um sich und sagte:

»Herrje, wie ist denn das, ich bin ja _zu Hause_? Wo ist denn das Floß?«

»Das ist alles in Ordnung,« sag' ich.

»Und Jim?« fragt er.

»Der auch,« sag' ich; aber ganz so keck, wie ich beabsichtigte, kam's doch nicht heraus. Er merkte das aber gar nicht, sondern rief ganz vergnügt:

»Na, dann ist alles gut, herrlich! Da ist uns ja allen geholfen! Hast du's der Tante schon erzählt?«

Eben wollte ich auch dazu ›ja‹ sagen, als diese selbst sich ins Mittel legte:

»Erzählt, Sid, -- was?«

»Na, alles, Tantchen, wie wir die ganze Geschichte fertig gekriegt haben.«

»Welche Geschichte?«

»Na, _die_ Geschichte -- wie wir den Nigger befreit haben -- ich und -- und Tom!«

»Herr des Himmels! Den Nigger befr-- was schwatzt der Junge da? Großer Gott, er phantasiert wieder!«