Abenteuer und Fahrten des Huckleberry Finn

Part 20

Chapter 203,950 wordsPublic domain

Das Herstellen der Schreibfedern war eine verteufelt schwierige Arbeit und ebenso war's mit der Säge, Jim aber meinte, das Einkratzen der Inschrift in die Wand sei noch das Schlimmste von allem. Das mußte aber geschehen, wohl oder übel, denn Tom sagte, nie in seinem Leben habe er noch von einem Staatsgefangenen gehört, der nicht eine Inschrift auf den Mauern seines Kerkers zurücklasse mit seinem Namen und seinem Wappen.

»Denk' doch nur einmal an Lady Jane Grey und Gilford Dudley und den alten Northumberland! Wenn's auch lange Zeit braucht und viel Arbeit macht, Huck, es muß eben sein, man kann sich nicht drumherumdrücken! Jim _muß_ die Inschrift machen mit seinem Wappen, das thun sie alle!«

Sagt Jim:

»Aber, junge Herr Tom, Jim haben gar keine Wappen nix, haben gar nix wie alte Hemd da, und Tom wissen selber, Jim sollen schreiben Tagebuch auf alte Hemd.«

»Ach, du verstehst mich nicht, Jim, ein Wappen ist ja ganz was andres.«

»Na,« sag' ich, »aber Jim hat doch jedenfalls recht, wenn er sagt, daß er kein Wappen hat, denn er _hat_ einmal keins!«

»Soviel weiß ich selbst,« fährt mich Tom an, »das brauchst du mir nicht erst zu sagen, aber ich wett' mit dir, was du willst, er kriegt eins, eh' er hier herauskommt, denn -- das versichere ich dir -- es soll einmal später nicht heißen, daß so etwas versäumt worden sei!«

Während also Jim und ich, jeder auf einem Backstein, seine Feder schliff -- Jim machte seine aus einem Stück Messing, ich die meine aus dem Blechlöffel -- saß Tom da und dachte sich ein Wappen aus. Nach einiger Zeit sagte er, er habe so viel gute Ideen, daß er kaum wisse, welche er wählen solle, eine davon aber leuchte ihm ganz besonders ein:

»Aufgepaßt!« -- erklärt er -- »im Schild haben wir einen Querbalken und unten im rechten Feld ein dunkelrotes Andreaskreuz, unter dem ein Hund kauert und zu dessen Füßen eine zersprengte Kette liegt, Zeichen der Sklaverei, dann noch ein grüner Querbalken und in azurnem Felde eine siebenfach gezackte Krone. Gekreuzte Degen im andern Feld, drüber steht ein durchgebrannter Nigger in Zobel, der mühsam sein Bündel auf der Schulter trägt. Wappenhalter: zwei Säulen, -- das sind wir beide -- und als Motto: ~Maggiore fretta, minore atto.~ Das hab' ich aus meinem Buch und das will sagen: ›je mehr Hast, desto weniger Schnelligkeit‹. Was sagst du dazu?«

»Hui--i--i--i! Wundervoll! Aber verstehen thu' ich's nicht recht!«

»Na, damit können wir jetzt keine Zeit verlieren, Huck, jetzt müssen wir tüchtig an die Arbeit.«

»Was ist denn ein Feld zum Beispiel und ein Querbalken und ein Andreaskr--«

»Ach, plag' mich doch nicht! Ein Feld -- na, ein Feld ist -- wart', ich will's Jim schon zeigen, wenn er dran kommt.«

»Aber mir könntest du's doch vorher sagen, Tom, nicht? Was ist ein Querbalken?«

»Ja, was weiß ich? -- aber haben muß er's, alle vom Adel haben's!«

So war er immer. Wenn es ihm nicht paßte, einem etwas zu erklären, konnte man drei Wochen lang an ihm pumpen und erfuhr's doch nie.

Da er mit dem Wappen jetzt im klaren war, fing er an und überlegte die Inschrift, die recht düster und schwermütig sein müsse. Jim müsse die auch haben, wie alle andern. Er hatte gleich eine Menge zur Auswahl fertig und schrieb sie auf ein Stück Papier. Dann las er uns vor:

1. ~Hier barst ein gefangenes Herze.~

2. ~Hier hauchte ein armer Gefangener, von Gott und den Menschen verlassen, sein trostloses Leben aus.~

3. ~Hier brach ein einsames Herz und ein müder, gequälter Geist ging zur ewigen Ruhe ein, nach siebenunddreissig langen Jahren martervollster Gefangenschaft.~

4. ~Hier, heimat- und freundlos, nach siebenunddreissig bittren Jahren der Einkerkerung, hauchte ein edler Fremdling, natürlicher Sohn Ludwigs XIV. seinen grossen Geist aus. Friede seiner Asche!~

Toms Stimme zitterte und brach beinahe, als er las, so gerührt war er. Nachher konnte er sich für keine der vier Inschriften entscheiden, so lieb waren ihm alle, und gestattete schließlich, daß Jim alle vier an die Wand kritzle. Jim aber wehrte sich und sagte, er brauche ein Jahr, bis er all das Zeug hingekritzelt, und zudem könne er keinen Buchstaben machen; aber Tom versicherte, das wolle er ihm zeigen und alles erst für ihn hinmalen, dann habe er nur noch den Linien zu folgen. Auf einmal sagt er:

»Halt, was mir da einfällt! Wir haben ja hier Holzwände und das ist ganz und gar nicht das Richtige. Fels muß es sein, richtiger, harter Fels, aus dem die Kerkermauern gemacht sind! Da müssen wir sehen, wie wir uns den verschaffen.«

Jim meinte, Fels sei noch schlimmer, da könne er vermodern, ehe er da alles hineinritze, da würde er nie frei; aber Tom sagte, ich dürfe ihm dabei helfen, und das tröstete Jim ein wenig. Dann sah Tom nach, wie weit wir mit unsern Federn seien. Das war eine ganz infam mühsame Arbeit, und meine armen Hände hatten wenig Aussicht, dabei die Blasen des Grabens los zu werden, auch kamen wir gar nicht voran. Sagt Tom:

»Ich weiß, was wir thun! Wir müssen ja doch einen Felsen haben für das Wappen und die Trauer-Inschrift und da können wir zwei Fliegen mit einer Klappe töten. Drunten bei der Mühle liegt ein prachtvoller, alter Mühlstein, den schleppen wir her und darauf machen wir Wappen und Inschrift und schleifen obendrein Federn und Säge!«

Das war mal eine grandiose Idee, der Mühlstein war aber auch grandios. Es war noch nicht Mitternacht, wir also hinaus nach der Mühle, indes Jim bei der Arbeit blieb. Wir fanden den Mühlstein richtig und brachten ihn auch ins Rollen -- aber es war eine verteufelt schwierige Sache. Manchmal, -- wir mochten uns dagegen stemmen soviel wir wollten -- fiel der Stein nach der Seite und hätte beinahe den einen oder andern zerquetscht; Tom meinte auch, das geschehe sicherlich noch, ehe wir an Ort und Stelle seien. Halbwegs zur Hütte hatten wir den Kerl gelootst, dann waren unsre Kräfte rein zu Ende und wir waren wie in Schweiß gebadet. Es half nichts, Jim mußte herbei und mit anpacken. Der hob also den Bettpfosten auf, machte die Kette los und wickelte sie dreifach um den Hals und Leib; wir krochen dann durch unser Loch und flink hinunter, und Jim und ich rollten den Stein spielend weiter, während Tom die Aufsicht führte. Darin war er stark, darin that er's jedem Jungen zuvor. So was hab' ich nie wieder gesehen -- er hatte eben Geschick zu allem!

Unser Loch war nun ziemlich groß, aber doch nicht groß genug, um den Stein hindurchzukriegen, aber Jim kam uns zu Hilfe, nahm Hacke und Schaufel und bald war er samt dem Stein glücklich in der Hütte drin. Nun ritzte Tom mit einem Nagel ganz leicht die Buchstaben und das übrige auf den Stein, setzte dann Jim dran, mit dem Nagel als Meisel und einem Stück Eisen aus dem Schuppen als Hammer, und befahl ihm, an der Arbeit zu bleiben, so lange sein Licht reiche, und erst dann zu Bett zu gehen, den Mühlstein aber unter seinem Strohsack zu verbergen und drauf zu schlafen. Dann halfen wir ihm die Kette wieder am Bettpfosten befestigen und wollten nun selbst schlafen gehen. Tom aber fiel noch etwas ein.

»Hast du Spinnen hier, Jim?«

»Nein, junge Herr, Jim danken dem Himmel, haben keine Spinnen nix!«

»Na, dann müssen wir dir welche verschaffen!«

»Aber, liebste Tom, Jim gar nix brauchen Spinnen, gar nix wollen haben Spinnen! Jim sich fürchten vor Spinnen, lieber noch wollen haben Klapperschlangen!«

Tom besann sich ein paar Minuten und sagte:

»Das wär' ne gute Idee, Jim, das war sicherlich auch schon da, es muß dagewesen sein. Das ist eine herrliche Idee! Jim, wo könntest du sie halten?«

»Halten was, Tom?«

»Ei, die Klapperschlangen!«

»Herr des Himmels! Wenn Klapperschlang' kämen hier rein, Jim würden stoßen Loch in die Wand mit sein Kopf un springen durch, mit seine eigene, arme, alte Kopf zuerst. O, junge Herr Tom!«

»Was, Jim, du hast doch keine Angst davor, oder? Du könntest die Schlange ja zähmen!«

»Zähmen ...?«

»Ja -- ganz leicht. Jedes Tier ist so dankbar, wenn man's liebkost und freundlich mit ihm ist, und _denkt_ nicht dran, jemanden zu verletzen, der gut mit ihm ist. Das kannst du in jedem Buch lesen! Probier's doch einmal -- das ist alles, worum ich dich bitte, probier's nur einmal zwei oder drei Tage lang. Ich bin überzeugt, du kriegst die Schlange noch so weit, daß sie dich wirklich lieb hat und bei dir schlafen will und dich keine Minute allein läßt, und es leidet, daß du sie dir um den Hals wickelst und ihren Kopf in deinen Mund nimmst.«

»Bitte, Massa Tom, nix das sagen, nix so sprechen. Jim nix wollen haben Kopf in Mund, Schlang' können lang warten, bis Jim drum fragen! Un Jim auch nix wollen schlafen mit Schlang' -- nein, Jim _gar nix wollen_!«

»Jim, sei doch nicht verrückt! Ein Gefangener _muß_ ja irgend ein zahmes Lieblingstier haben, und wenn sie's bis jetzt noch nie mit einer Klapperschlange probiert haben -- nun, dann ist's um so mehr Ruhm und Ehre für dich, der erste zu sein, der das thut. Leichter wird es dir nie mehr im Leben gemacht werden, dir großen Nachruhm zu sichern!«

»Nein, nein, Massa Tom, Jim nix brauchen solche Nachruhm! Schlang' kommen un beißen Jim tot -- nein, Jim nix brauchen Nachruhm!«

»Sei doch gescheit. Du sollst's ja nur probieren, sag' ich dir! Du kannst's ja sein lassen, wenn's wirklich nicht geht.«

»O, dann sein zu spät, wenn Schlang' erst beißen arme Jim! Massa Tom, Jim wollen thun alles, was sein nix zu dumm und unvernünftig -- aber wenn Massa Tom un Huck bringen Klapperschlang' für Jim zu zähmen -- Jim brennen durch, brennen gleich durch -- sofort durch -- soviel sein sicher!«

»Na, dann laß es sein, wenn du so dickköpfig bist! Weißt du was, wir bringen dir ein paar Blindschleichen und du bindest denen Knöpfe an den Schwanz, daß sie klappern, und thust, als wären's Klapperschlangen -- ja wahrhaftig, so machen wir's!«

»Das können eher sein, Massa Tom, Jim nix haben Angst für Blindschleich', können aber gut sein ohne, das Jim sagen! Ach, was doch Gefangener für Geschäft un Plage machen; -- hätt's nie gedacht.«

»Ja, das ist immer so, wenn's die rechte Art haben soll -- Ei, giebt's hier Ratten?«

»Jim nie nix sehen keine!«

»Also, dafür müssen wir auch sorgen!«

»Ratten, Massa Tom? Jim nix brauchen Ratten! Sein ganz abscheulich verd-- Kreaturen, stören Leut' in Schlaf. Rennen un laufen un springen auf Bett un beißen in Nas' un beißen in Fuß un können nie nix schlafen mit Ratt'. Nein, Massa Tom, ihr geben Blindschleich', wenn Jim _müssen_ haben etwas, aber nix geben Ratt' -- Jim nix können thun mit Ratt' -- nix brauchen Ratt', zu nix nie!«

»Aber, Jim, die Ratten mußt du wirklich haben, die sind immer dabei. Drum sträub' dich lieber nicht. Gefangene sind nie ohne Ratten! Ich weiß gar kein Beispiel dafür. Man zähmt sie und liebkost sie und lehrt sie alle möglichen Kunststücke, und zuletzt werden sie so zutraulich wie Fliegen. Aber Musik mußt du ihnen machen! Hast du was, um Musik drauf zu machen?«

»Jim gar nix haben als alte Kamm un Stück Papier, un -- ja, un kleine Mundharmonika! Ratt' aber wohl nix lieben Harmonika, oder?«

»Ach gewiß, denen ist das Instrument ganz einerlei, wenn's nur Musik ist. Eine Mundharmonika ist lang' gut für die! Alle Tiere lieben Musik -- und im Gefängnis schwärmen sie dafür. Besonders traurige Musik, und dazu ist die Mundharmonika grad' recht. Das interessiert sie und sie kommen zum Vorschein, um zu sehen, was los ist. Du setzst dich also abends vor dem Schlafengehen auf dein Bett, ebenso früh morgens, und spielst auf deiner Harmonika. Spiel' ›letzte Rose‹ oder sonst etwas Trübseliges und du wirst sehen, nach zwei Minuten kriechen die Ratten und die Schlangen und die Spinnen und sonst alles Getier heraus und kommen zu dir und sind zutraulich -- wart', die tanzen nur so um dich herum und werden sich schon wohl fühlen!«

»Ja, _die_ werden's, das Jim glauben, Massa Tom, aber arme Jim! Der sich nix fühlen wohl. Können nix sehen Gutes drin, können nix sehen Nutzen! Jim aber wollen's thun, natürlich, wenn's müssen sein. Wollen machen Tierzeug zufrieden mit Musik, dann er nix haben Plag' von Biester!«

Tom schien noch über etwas nachzusinnen, vielleicht fiel ihm noch ein Tier ein für Jims Menagerie. Bald aber sagt er:

»O -- da hab' ich noch was vergessen! Glaubst du, daß du hier eine Blume ziehen könntest, Jim?«

»Weiß nix -- aber vielleicht. Dunkel sein's freilich hier, un Jim auch nix brauchen Blum', sein viel Arbeit un Jim nix von verstehen.«

»Na, probieren kannst du's aber doch, andre Gefangene haben's auch gethan.«

»So 'ne alte, stachelige Distel oder gelbe Kuhblum' können wachsen hier, Massa Tom, aber die sein nix wert die Arbeit, wo sie machen!«

»Sag' das nicht, Jim, sag' das nicht. Wir holen dir eine kleine Kuhblume und du pflanzst sie dort in die Ecke und ziehst sie groß, und du darfst's auch nicht ›Kuhblume‹ heißen, sondern ›Picciola‹, so heißen alle Blumen im Gefängnis, und du mußt sie mit deinen Thränen begießen.«

»O, Jim haben Wasser genug dort im Krug!«

»Wasser thut's nicht -- Thränen müssen's sein -- so machen's alle Eingekerkerten!«

»Aber, Massa Tom, Jim können groß ziehen zwanzig Kuhblum' mit Wasser, eh' die ein' auch nur wird angehen mit Thränen!«

»Darauf kommt's gar nicht an -- die Hauptsache sind die Thränen!«

»Dann Kuhblum' welken gleich, Massa Tom, Jim nie nix weinen -- beinah' nie nix!«

Das schlug denn Tom, aber er grübelte ein bißchen nach und sagte dann, Jim müsse eben sein Bestes thun und Zwiebeln zu Hilfe nehmen. Er versprach, einige bei den Niggern auszuführen und sie in Jims Kaffeetopf zu stecken. Jim meinte, er wolle ebenso gern Tabak im Kaffee haben und rebellierte dermaßen dagegen sowie gegen alles übrige: die Zucht der Kuhblume, das Musizieren für die Ratten, das Zähmen von Schlangen und Spinnen und besonders gegen die verrückte Plage, wie er sich ausdrückte, mit den Federn, Inschriften, Tagebüchern und so weiter, wovon er mehr Geschäft und Verantwortung als Gefangener habe, als je zuvor in seinem ganzen Leben, so daß Tom sehr ungeduldig und böse auf ihn wurde und sagte, er solle sich schämen, er habe doch gewiß allen Grund dankbar zu sein; mehr Gelegenheit als er, sich einen berühmten Namen zu machen, habe noch gar kein Gefangener in der weiten Welt gehabt, und er wisse das nicht besser zu schätzen und zu würdigen, als wenn er ein unvernünftiges Tier wäre, -- es sei alles an ihm verschwendet. Und Jim ging in sich, sah's ein und es that ihm leid, und er sagte, er wolle nie wieder so sein. Dann schlichen wir uns befriedigt zu Bett.

Dreißigstes Kapitel.

Ratten. -- Lebhafte Bettgenossen. -- Die Strohpuppe.

Am Morgen schlichen wir uns ins nächste Dorf und erhandelten eine tüchtige Rattenfalle, trugen sie in den Keller, öffneten das größte Rattenloch und hatten in vielleicht einer halben Stunde fünfzehn der fettesten, prächtigsten Ratten gefangen. Im Nu schleppten wir, der Sicherheit halber, die ganze Ladung in der Falle unter Tante Sallys Bett, was der unnahbarste und geheiligtste Ort im ganzen Hause war, dem sich so leicht keine der kleinen Rangen zu nahen wagte, und machten uns auf die Spinnenjagd. Während wir weg waren muß das Unglück den kleinen Thomas Franklin Benjamin Jeffersohn Alexander Phelps in die Nähe des Rattenverstecks führen! Die Bescherung entdecken und die Falle öffnen war bei ihm natürlich eins; und als wir zurückkamen, um unser mühsam erworbenes Eigentum an uns zu nehmen, stand Tante Sally auf dem Bett und schrie Mord und Totschlag, Diebe, Räuber, Feuer, und die Ratten führten den tollsten Kriegstanz vor ihr auf, tobten, pfiffen und rasten über Bett, Tische und Stühle, daß einem Hören und Sehen verging. Als sich die wilde Jagd durch die von uns offen gelassene Thüre etwas verzogen hatte, kriegte die arme, abgehetzte Frau einen Rohrstock her und klopfte uns, ohne viel zu fragen, die Kleider am Leibe tüchtig aus, und wir brauchten dann zwei volle Stunden, um weitere fünfzehn oder sechzehn Ratten zu fangen, welche den andern an Größe und Schönheit aber lange nicht gleichkamen. Es waren eben auserlesen schöne Exemplare, wie ich solche nie wieder gesehen habe.

Wir legten uns außerdem einen tüchtigen Vorrat von verschiedenen Spinnen, Käfern, Fröschen, Raupen und sonst noch allerlei an und hätten gerne noch ein Hornissen-Nest gehabt, aber daraus wurde nichts. Dann ging's auf die Schlangenjagd und wir hatten bald einige Dutzend Blindschleichen und Ringelnattern beisammen, die wir in einem zugebundenen Sack auf unser Zimmer legten. Mittlerweile war die Zeit zum Abendessen gekommen. Ein ordentliches Tagewerk lag hinter uns und wir hatten riesigen Hunger. So hieben wir denn tüchtig ein, und als wir wieder auf unser Zimmer kamen, -- da -- da war keine einzige Schlange mehr zu sehen, alle weg, wie weg geblasen. Wir hatten den Sack nicht fest genug zugebunden und die Racker hatten sich durchgeringelt. Das focht uns aber nicht viel an, denn wir dachten, weit könnten sie doch nicht sein, und sie würden sich schon wieder einfangen lassen. Wahrhaftig, in der nächsten Zeit konnte man sich über Schlangenmangel im Hause nicht beklagen. Immer ab und zu fiel mal eine von irgendwo herunter und immer gerade in die Schüssel, vor der man eben saß, oder auf den Teller oder hinten auf den Nacken, wenn man den Kopf bückte, kurz, immer dahin, wo man sie am wenigsten brauchen konnte. Schön waren sie aber alle und fein gestreift und mich hätte eine Million davon nicht geniert. Tante Sally aber dachte anders, die haßte alle ohn' Ansehen der Person und Familie, ob gestreift oder gefleckt -- sie konnte sie nicht ausstehen. Und jedesmal, wenn ihr eine in den Weg kam, ob von oben oder von unten, ließ sie alles liegen und stehen und lief mit Windeseile davon und ihr Geschrei konnte man in Jericho hören. Nicht einmal mit der Feuerzange getraute sie sich eine anzufassen. Und wenn sie sich nachts im Bett umdrehte und zufällig ein solch armes, unschuldiges Tierchen berührte, schlug sie ein Geheul auf, als ob das Haus in Flammen stünde. Ich konnte die Frau gar nicht begreifen! Ihren alten Mann regte sie so auf mit der Sache, daß er einmal sagte, er wollte, unser Herrgott hätte die Schlangen zu erschaffen vergessen. Nachdem schon eine ganze Woche lang die letzte Schlange spurlos aus dem Hause verschwunden war, hatte Tante Sally die Angst vor denselben noch nicht verloren, noch nicht halb verloren. Wenn sie so still dasaß und an nichts dachte, brauchte man sie nur mit einer Feder auf den Hals zu tippen und sie fuhr erschrocken herum und beinahe aus ihrer Haut heraus. Es war zu komisch! Tom sagte aber, alle Frauen seien so; er sagte, die seien so erschaffen, aus irgend einer besonderen Ursache, warum, wisse er selber nicht, aber so sei's.

Wir bekamen jedesmal eine Tracht ab, wenn ihr eine Schlange über den Weg kroch, und sie bedeutete uns, es würde noch was ganz anderes setzen, wenn wir das Haus wieder damit bevölkerten. Daß wir's gewesen, ließ sie sich trotz allen Zuredens nicht nehmen, ja, -- sie war eine kluge Frau, die Tante Sally! Die Prügel genierten mich weiter nicht, ich war Besseres dieser Art gewöhnt, aber die Mühe, die wir hatten, um zu einem neuen Vorrat von Schlangen zu kommen, war verdrießlich. Na, uns gelang es doch, wieder eine Partie zusammen zu bringen und wir schafften sie nebst allem andern in Jims Hütte. Dieselbe hätte noch einmal so groß sein dürfen, um alle die Einwohner bequem zu fassen. Das war ein Gewimmel! Aber lustig war's, wenn sie bei der Musik alle um Jim herumschwärmten und ihm zu Leibe rückten. Die Spinnen machten ihm besonders heiß, die konnte er nicht leiden und sie ihn auch nicht, und so lag er mit ihnen immer im Kampfe. Er sagte, wegen all der Ratten und Schlangen und dem Mühlstein hätte er gar keinen Platz mehr im Bett. Schlafen könnte er ohnehin nicht mehr, selbst wenn er Platz hätte, so lebhaft gehe es bei ihm zu, und das immerwährend, ohne alle Unterbrechung, denn das Viehzeug schlafe nie zu gleicher Zeit; wenn die einen schliefen, wachten die andern. Seien die Schlangen einmal ruhig, dann machten's die Ratten um so toller, und Spinnen und Käfer und das andere Getier ließen ihn überhaupt nie in Ruhe, -- kurz, er meinte, wenn er diesmal freikäme, wirklich und wahrhaftig frei, dann wolle er nie, nie mehr in seinem Leben Gefangener sein und wenn er's bezahlt bekäme -- lieber gleich auf einmal sterben!

Na, nach Verlauf von drei Wochen war denn alles in bester Ordnung. Das Hemd war ebenfalls in einer Pastete hineingeschmuggelt worden, und wenn Jim nun des Nachts von einer Ratte gebissen wurde, benutzte er die Blutstropfen, um geschwind etwas in sein ›Tagebuch‹ zu kritzeln, so lange die ›Tinte‹ noch frisch war. Die Federn waren gemacht, die Inschriften und was dazu gehörte waren auf den Mühlstein geritzt, der Bettpfosten war durchsägt und das Sägmehl von uns aufgeleckt worden, wogegen unser Magen erstaunlich rebellierte, so daß wir meinten, alle sterben zu müssen, aber es ging noch gnädig vorüber. Wahrhaftig, das war das unverdaulichste Sägmehl, was mir je vorgekommen, und Tom meinte das auch. Also, wie gesagt, endlich war alles fertig; die Arbeit und Plage hatten uns freilich ziemlich mitgenommen, namentlich Jim, aber das that nichts, wir waren stolz darauf! Onkel Silas hatte ein paarmal nach New Orleans geschrieben wegen des durchgebrannten Niggers, aber natürlich keine Antwort erhalten. Nun sprach er davon, Jim in den Zeitungen von St. Louis und New Orleans auszuschreiben. Als er die von St. Louis nannte, lief mir ein kalter Schauder über den Leib, und selbst Tom gab zu, daß nun keine Zeit mehr zu verlieren sei. Jetzt müssen die ›onnaniemen‹ Briefe dran, sagte er.

»Die -- was?« fragte ich.

»Die ›onnaniemen‹ Briefe!« wiederholte er, »das sind Warnungen an die Leute, daß etwas los sei. Einmal wird's so gemacht und einmal anders. Aber einer muß immer herumspionieren und den Befehlshaber des Schlosses von allem in Kenntnis setzen. Als Ludwig XIV. von den ›Twillerieen‹ durchbrennen wollte, hat's ein Dienstmädchen besorgt. So kann man's auch machen, aber ein ›onnaniemer‹ Brief ist ebensogut. Wir können ja beides benützen. Und gewöhnlich wechselt die Mutter des Gefangenen die Kleider mit ihm und bleibt im Kerker zurück, während er wegschleicht. Das müssen wir auch thun!«

»Aber, Tom, das ist doch Unsinn; wozu sollen wir die Leute warnen, daß etwas los ist? Das ist doch ihre Sache -- sie sollen selber aufpassen!«

»Das ist freilich wahr, aber ich traue denen hier nicht -- die sind zu dickfellig, haben uns ja von Anfang an alles allein thun lassen. Die sind so blind und vertrauensselig, daß man ihnen erst alles unter die Nase reiben muß. Wenn wir sie also nicht warnen, lassen sie uns ganz ruhig und still abziehen und all unsre viele Last und Arbeit ist umsonst -- rein umsonst. Jims Befreiung geht dann ohne Sang und Klang vor sich, wir könnten ihm einfach ebensogut die Thüre aufschließen und ihn bei hellem Tag bitten, doch gefälligst herauszuspazieren -- kein Hahn krähte danach!«

»Na, mir wär's schon lieber, wir kämen still und unbesehen durch, aber --«

»Natürlich!« wirft er verächtlich hin.

»Aber« -- fahr' ich ruhig fort, ohne mich unterbrechen zu lassen -- »ich will nichts gesagt haben; was dir recht ist, ist mir auch recht. Wie machen wir's also mit dem Dienstmädchen, das uns verraten soll?«

»Das mußt du sein! Du schleichst dich in der Nacht hin und nimmst dir das Kleid von dem gelben, halbwüchsigen Ding in der Küche!«

»Na, aber Tom! das wird einen ordentlichen Lärm am andern Morgen geben, denn die hat wahrscheinlich nicht mehr als eins!«

»Ich weiß, ich weiß. Aber du brauchst ja auch nicht länger als fünfzehn Minuten, um den ›onnaniemen‹ Brief unter der großen Hausthüre durchzuschieben!«

»Gut, ich bin bereit, aber ich könnt's gerad' so gut in meinen eignen Kleidern thun!«

»Würdest du dann vielleicht wie ein Dienstmädchen aussehen, Huck Finn, he?«

»Nein! Aber 's ist ja auch keiner da, der mich sieht, dann ist's doch gleich, ob ich so oder so aussehe.«