Abenteuer und Fahrten des Huckleberry Finn

Part 18

Chapter 183,937 wordsPublic domain

»Ich möchte nur wissen, ob Onkel Silas den Kerl nicht baumeln läßt! Ich thät's an seiner Stelle. So 'nen undankbaren Hund, der seinem Herrn durchbrennt!« Und während der Nigger mit seinem Geldstückchen nach der Thüre schleicht, um's zu betasten und auf seine Echtheit hin zu prüfen, nähert sich Tom Jim und flüsterte ihm leise zu:

»Verrat' ja nie, daß du uns kennst. Und wenn du bei Nacht graben hörst, so sind wir es, wir wollen dich befreien!«

Jim hatte nur Zeit, nach unsern Händen zu fassen und sie zu drücken, dann kam der behexte Nigger wieder auf uns zu, und wir versprachen, bald wieder mit ihm herzukommen, wenn er es wolle; er meinte, es sei ihm sehr lieb, besonders im Dunkeln, wo ihn die Geister am meisten plagten, je mehr Menschen da seien, desto besser. So schieden wir von Jim, dem Wiedergefundenen!

Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Gut durchgeschlüpft! -- Schwarze Pläne. -- Gewandtheit im Stehlen. -- Ein tiefes Loch.

Noch war's fast eine Stunde bis zum Frühstück. Wir gingen dem Walde zu, denn Tom wollte etwas Licht haben, um in der Nacht in dem dunkeln Schuppen graben zu können. Eine Laterne, meinte er, sei zu hell, und so wollten wir uns altes, verfaultes Holz suchen, das im Dunkeln leuchtet, freilich nicht stark, aber für unsre Arbeit doch gerade genug. Wir suchen also, finden auch ziemlich viel, verstecken's im Gebüsch und Tom fährt ganz unzufrieden heraus:

»Verdammt, alles wickelt sich so glatt und leicht ab. Es ist doch infam schwer, einen schwierigen Plan ins Werk zu setzen, bei dem's der Mühe wert ist, sich anzustrengen. Nicht einmal ein Wächter kommt uns in den Weg, den man einschläfern müßte, -- ein Wächter gehört doch notwendig dazu! Kein Hund, der einen Schlaftrunk oder Gift haben muß -- nichts -- nichts! Dem Jim haben sie eine Kette, so dünn wie mein kleiner Finger, ums Bein gethan, und ihn damit ans _Bett_ angebunden. Nun frag' ich eins! Ist das 'ne Art? Da muß man nur das Bett aufheben, die Kette abstreifen und Jim ist frei. Und Onkel Silas, der traut jedem! Ueberläßt den Schlüssel dem Kürbisschädel von Nigger und bestellt niemand, der dem aufpaßt. Jim hätt' schon längst aus dem Loch herausgekonnt, wenn er nur gewollt hätte, der ist aber zu klug und weiß, daß er mit der Kette am Fuß nicht weit käme. Hol's der Henker, Huck, es ist die dümmste Geschichte, die ich je erlebt! Da heißt's _alle_ Schwierigkeiten selbst erfinden. Na, das können wir nun nicht ändern, wir müssen eben versuchen, das beste aus der Sache zu machen. Eines tröstet mich und das ist, daß es noch viel, viel glorreicher und rühmlicher sein wird, Jim durch einen Haufen von Gefahren und Abenteuern durchzubringen, wo nicht eine Schwierigkeit existierte, gar keine in den Weg gelegt wurde von denen, deren Pflicht es gewesen wäre, sie zu liefern, und wir sie alle, alle in unsrem eigenen Hirn ersinnen mußten. Das nenn' ich groß und das tröstet mich auch und macht mir Mut! Nimm nur einmal bloß die eine Laterne an, Huck. Schon dabei müssen wir nur so thun, als sei's gefährlich, was? Ich glaube, wir könnten bei Fackelzugbeleuchtung graben, es kümmerte sich noch keine Seele drum! Inzwischen müssen wir aber ausschauen, ob wir nichts finden, aus dem sich eine Säge machen läßt.«

»Was sollen wir damit?«

»Was wir damit sollen? Ei, müssen wir nicht das Bein von Jims Bett absägen, um die Kette loszukriegen?«

»Du hast ja eben selbst gesagt, daß man das nur zu heben brauche, um die Kette abzustreifen!«

»Na, das ist auch wieder ganz und gar nach deiner Art, Huck Finn. Du willst immer alles in der Klein-Kinderschul-Manier thun! Nur recht einfach, nur recht simpel! Hast du denn nie was gelesen? Kein Räuberbuch, keine Heldengeschichte? Baron Trenck oder Casanova oder Benvenuto Cellini oder Heinrich IV., kennst du keinen einzigen von diesen Helden? Wer hat je gehört, daß man einen Gefangenen auf so zimpferliche Art befreit wie eine alte Jungfer? Nein, wir machen's wie es die besten Autoritäten vor uns gemacht haben. Man sägt also das Bein des Bettes entzwei und läßt es dann so, leckt das Sägmehl auf und verschluckt es, so daß niemand es finden kann, dann wird Fett und Schmutz um die durchsägte Stelle gerieben, und das Auge des tapfersten, wachsamsten Seneschalls, oder wie sie die Kerle heißen, kann nichts davon entdecken und er meint, das Bein sei vollständig heil. Dann, in der Nacht der Flucht, giebt man dem Bett einen Tritt -- und ab fliegt das Bein, die Kette wird abgestreift und frei bist du! Nun hast du nichts weiter zu thun, als deine Strickleiter zu nehmen, sie am Fenstergitter zu befestigen, hinunterzusteigen, dein Bein beim letzten Sprung in den Festungsgraben zu brechen -- denn eine Strickleiter ist immer neunzehn Fuß zu kurz, weißt du -- und dann kommen deine treuen Vasallen, die unten stehen, heben dich auf dein Roß und fort geht's, wie der Wind, deinen heimatlichen Fluren in Languedoc oder Navarra, oder wie sie heißen, zu. Das ist herrlich, Huck, großartig! Ich wollte, wir hätten auch einen Festungsgraben um die Hütte! Wenn wir noch Zeit haben in der Nacht vor der Flucht, graben wir uns einen!«

Drauf sag' ich:

»Was sollen wir denn mit einem Festungsgraben anfangen, wenn wir Jim doch unter dem Schuppen herausbohren wollen?«

Er aber hört mich nicht, hat mich und alles um uns her vergessen. In sich versunken sitzt er da, das Kinn in die Hand gestützt. Dann seufzt er auf, schüttelt den Kopf und seufzt wieder. Darauf sagt er:

»Nein, das ginge am Ende doch nicht gut, -- es muß nicht gerade sein.«

»Was denn?« frag' ich.

»Ei, Jims Bein abzusägen,« sagt' er.

»Herr, du mein Gott,« ruf' ich, »nein, das ist allerdings _gar_ nicht nötig. Zu was in aller Welt wolltest du ihm denn das Bein absägen?«

»Na, dafür giebt's genug berühmte Vorbilder. Genug haben's schon gethan. Wenn sie die Kette nicht anders loskriegen konnten, hackten sie sich einfach die Hand oder den Fuß ab und waren frei. Ein Bein ab wäre noch besser! Das können wir aber am Ende sein lassen; es ist, wie gesagt, nicht gerade notwendig, und Jim ist überdies so ein dickköpfiger Nigger, der's nie begreifen würde, warum es sein sollte und daß es die Mode in Europa ist, es so zu machen, na also -- wir lassen's bleiben! (Schwerer Seufzer.) Eins aber kann und muß er haben und das ist eine Strickleiter. Wir zerreißen unsere Betttücher und machen ihm eine, es ist kinderleicht. Die schicken wir ihm dann in einem Laib Brot; so wird's beinahe immer gemacht.«

»Na, aber Tom Sawyer,« warf ich ein, »wie du wieder schwatzest. Wozu soll denn Jim eine Strickleiter brauchen? Der weiß ja gar nicht, was er damit anfangen soll!«

»Er _braucht_ eine, Huck Finn, sag' ich dir. Du sprichst gerade wie der Blinde von der Farbe. Weißt und verstehst nichts davon. Er _muß_ einfach eine Strickleiter haben, ob er sie braucht oder nicht, er _muß_, denn alle haben eine!«

»Was in der Welt soll er aber damit thun?«

»Damit thun? Er versteckt sie in seinem Bett. Kann er das nicht? Das geschieht meistens und er muß es auch. Huck, du willst eben nie etwas der Ordnung und Regel nach thun, da hast du kein Verständniß dafür, immer willst du's anders machen als die andern. Und selbst wenn er auch nichts mit der Strickleiter anfängt, -- dann findet man sie doch nachher in seinem Bett als ein wichtiges ›Indicinium‹, oder wie sie's heißen. Nein, Huck, du weißt und verstehst gar nichts. Glaubst du denn, man brauche keine ›Indiciniums‹, wenn einer durchgegangen _ist_? Natürlich muß man die haben! Du natürlich denkst nichts und sorgst für nichts! Du würdest's nett machen, wenn du's zu thun hättest, das muß ich sagen -- alle Achtung!«

»Na,« sag' ich, »braucht er's, so braucht er's und soll's haben, ich will nicht gegen die Regel sündigen, -- Gott bewahre! Aber eins weiß ich: wenn wir nun unsre Betttücher nehmen und zerreißen, um dem alten Kerl eine Strickleiter zu machen, dann kriegen wir's mit Tante Sally zu thun, die steigt mit dem Strick ohne Leiter hinter uns, soviel ist gewiß. Na, mir soll's recht sein, mein Buckel ist nicht verwöhnt, der kennt die Kost. Sag' mal, Tom, thät's nicht auch 'ne Leiter von Bast geflochten? -- der ist leichter zu beschaffen und thut dieselben Dienste. Dann brauchen wir nicht erst was zu zerreißen und in den Brotlaib läßt sich's auch stecken, und was Jim betrifft, so hat der keine Erfahrung in den Sachen, dem ist's einerlei, ob die Leiter von Bast oder von Bett--«

»Dummheiten und kein Ende! Wenn ich solch' ein Dickkopf wäre, Huck Finn, dann hielt ich mein Maul, das würd' ich thun, gewiß und wahrhaftig. Wer in der Welt hat je gehört, daß ein Staatsgefangener auf einer Bastleiter entwichen wäre. 's ist rein zum Totlachen!«

»Na gut, Tom, nur ruhig, mach's wie du Lust hast, ich rat' aber, wir nehmen lieber ein Tuch draußen von der Leine, anstatt aus unserem Bett!«

Das leuchtete ihm ein und gab ihm einen neuen Gedanken. Sagt er:

»Weißt du was, Huck, wir nehmen dann auch gleich ein Hemd!«

»Ein Hemd? -- Wozu?«

»Für Jim, um ein Tagebuch darauf zu schreiben.«

»Sei doch nicht so närrisch! Jim _kann_ ja nicht schreiben.«

»Na, wenn er nicht schreiben kann, so kann er doch wenigstens Zeichen darauf malen, wenn wir ihm eine Feder aus einem alten Zinnlöffel oder einem dicken eisernen Nagel machen.«

»Ja, aber Tom, das hätten wir wieder viel einfacher und besser, wenn wir einer Gans 'ne Feder ausrissen!«

»Gefangene haben keine Gänse, die im Kerker herumlaufen und sich Federn ausreißen lassen, du Dummbart! Die Gefangenen machen ihre Federn immer aus dem härtesten, verrostetsten und ältesten Stück Eisen, das ihnen unter die Finger kommt, und dazu brauchen sie Wochen und Wochen, Monate und Monate, bis sie so weit sind und es abgefeilt haben, denn sie können's nur an der Mauer abreiben. Die nähmen keinen Federkiel, selbst wenn sie ihn haben könnten, es wär' ganz gegen die Regel.«

»Und die Tinte? Woraus sollen wir die machen? Aus Lakritzensaft?«

»Dummkopf! -- Viele nehmen Rost mit Thränen gemischt, aber das ist schon mehr etwas für Weiber, die 's Heulen verstehen. Die besten Vorbilder, die ich kenne, haben ihr eignes Blut dazu benutzt, das mag Jim auch thun. Wenn er aber nur eine kleine und gewöhnliche Nachricht von sich geben will, dann kann er sie auch mit einer Gabel auf einen Zinnteller schreiben und ihn dann zum Fenster hinauswerfen. So hat's die ›Eiserne Maske‹ gemacht, und die hat's verstanden.«

»Jim hat aber keine Zinnteller. Sie schicken ihm das Essen in einer Blechschüssel.«

»Das thut nichts, die verschaffen wir ihm.«

»Wird aber jemand seine Tellerschrift lesen können?«

»Darauf kommt's nicht an, Huck! Er hat nur die Teller zu bekritzeln und dann wegzuwerfen. Das Lesen ist Nebensache, gehört nicht dazu! Neunundneunzigmal unter hundert bist du nicht imstande herauszukriegen, was ein Gefangener auf einen Teller oder sonst wohin kritzelt, darauf kommt's gar nicht an!«

»Ja, aber warum denn die vielen Teller so verderben?«

»Warum? Schwere Not, _bist du dumm_! Die gehören ja den Gefangenen gar nicht!«

»Aber irgend jemandem gehören sie doch, nicht?«

»Na und wenn! Was liegt dem Gefangenen dran, wem --«

Hier brach er ab, denn man hörte das Horn blasen, das uns zum Frühstück rufen sollte, und wir rannten dem Hause zu.

Im Laufe des Morgens nahm ich also richtig ein Leintuch und ein Hemd von der Waschleine auf dem Trockenplatz und steckte beides in einen alten Sack, den ich gefunden hatte; das verfaulte Holz kam auch mit hinein. Ich nannte das ›borgen‹, wie mein Alter immer sagte, Tom aber meinte, das sei gestohlen. Er sagte aber, wir stellten jetzt eben Gefangene vor und Gefangene nähmen alles, was sie kriegen könnten, und niemand sehe sie deshalb schief an und nehme es ihnen übel. Bei einem Gefangenen ist's keine Sünde, wenn er die Dinge stiehlt, die er zu seiner Befreiung braucht, sagte Tom, das ist sein Recht, und so lange wir hier Gefangene vorstellten, hätten wir das Recht, alles und jedes Ding zu stehlen, das wir zu unsrer Befreiung brauchten. Er sagte, wenn wir keine Gefangenen wären, wäre es was ganz andres, nur ein ganz gemeiner, erbärmlicher Kerl stehle, wenn er _nicht_ gefangen sei. Wir beschlossen also, alles zu nehmen, was wir nur irgend brauchen könnten und was uns unter die Finger käme. Mir war das ganz recht und doch fing Tom furchtbar an zu schimpfen, als ich einmal den Niggern eine Melone von ihrem Feld nahm und dieselbe aß. Er zwang mich, hinzugehen und den Kerlen Geld dafür zu bringen, und sagte, das sei ganz was andres und so hätte er's nicht gemeint, das sei gestohlen -- gemein gestohlen -- wir dürften nur nehmen, was wir wirklich brauchten. Das begriff ich nun nicht. Sag' ich: »Tom, ich hab' die Melone wirklich gebraucht.« Er aber sagte, nein, ich hätte sie nicht genommen, um damit frei zu werden! Das sei der Unterschied! Ja, wenn ich sie gebraucht hätte, um ein Messer drin zu verbergen, sie Jim zuzuschmuggeln, der dann den ›Senneschaal‹, oder wie der Kerl heißt, damit habe töten können, das sei ein ander Ding gewesen. Ich ließ es gut sein, dachte aber bei mir, ich könne den Vorteil, ein Gefangener zu sein, nicht so recht einsehen, wenn man so viel Federlesens machen müsse, so oft man sich einmal eine Wassermelone zu Gemüt führen wolle.

Na, wie ich schon vorher gesagt habe, wir warteten also an jenem Morgen, bis alles im Hause an der Arbeit und niemand mehr im Hofe war, um uns zu beobachten. Dann schleppte Tom den Sack in den Schuppen, während ich Wache stand. Als er wieder herauskam setzten wir uns auf einen Holzstoß und plauderten. Sagt' er:

»Jetzt ist alles in Ordnung, nur noch Handwerkszeug brauchen wir und das ist leicht zu haben.«

»Handwerkszeug?« frag' ich.

»Ja!«

»Handwerkszeug für was?«

»Na, um damit zu graben! Du wirst ihn doch wohl nicht mit den Nägeln herauskratzen?«

»Sind denn die alten Hacken und sonstigen Dinger da drinnen nicht gut genug, um einen Nigger herauszugraben?«

Darauf sieht er mich aber so traurig an, als sei ich seine Großmutter und als wolle er eben den Geist aufgeben.

»Huck Finn,« sagt er, »mit dir ist nichts anzufangen! Hast du je von Gefangenen gehört, die nur so nach Hacken und Spaten greifen konnten, um sich damit herauszugraben? Ich frag' dich auf dein Gewissen, Huck Finn, wenn du eins hast und ein Fünkchen Verstand dazu. Welch ein Anrecht auf Heldentum hätte ein Gefangener in diesem Falle? Ebenso gut könnte man ihm geschwind den Schlüssel zum Kerker leihen und damit fertig! Spaten und Hacken! Wahrhaftig! -- nicht einmal ein König würde sie kriegen!«

»Na,« frag' ich, »wenn wir also die Spaten und Hacken da drin nicht brauchen, was brauchen wir dann?«

»Ein paar richtige, ordentliche Taschenmesser!«

»Was? Um damit den Boden bis zur Hütte zu untergraben?«

»Ja!«

»Na, laß dich begraben, Tom, das ist verrückt!«

»Das ist ganz einerlei! Verrückt oder nicht, so muß es geschehen, so ist's der Regel nach. Ich hab's nie anders gehört oder gelesen, und ich kenne alle Bücher, in denen so etwas vorkommt. Immer graben sie sich mit einem Taschenmesser heraus! -- und gewöhnlich nicht durch Lehm und Schmutz wie hier, merk' dir's, sondern durch harten, festen Felsgrund. Und dazu brauchen sie Wochen und Monate und manchmal dauert es noch viel länger. Da war mal einer in dem Schlosse Dief, im Hafen von Marseille, der saß ganz unten im untersten Kerker und grub sich durch, und wie lang glaubst du, daß der dazu brauchte?«

»Was weiß ich! Anderthalb Monat?«

»_Siebenunddreißig Jahre!_ Und -- kam in China heraus! So, da siehst du -- so muß man's machen. Ich wollte nur, der Grund dieser Festung hier wäre aus Felsen, aus hartem, solidem Felsen!«

»Aber Jim kennt ja gar niemand in China! Der wird sich nicht dorthin sehnen!«

»Was hat das damit zu thun? Der andre Kerl in Dief kannte auch niemand dort. Aber du kommst immer vom Hauptpunkt ab und gerätst auf Seitenwege!«

»Gut! -- was liegt mir dran, wo er herauskommt, meinethalben im Mond, ich meine, die Hauptsache ist, daß er herauskommt, und ich glaube, Jim denkt gerade so. Aber etwas müssen wir doch bedenken. Jim ist zu alt, um mit dem Taschenmesser ausgegraben zu werden, so lang' lebt der gar nicht mehr!«

»Das wird sich zeigen! Du denkst doch nicht, daß wir hier siebenunddreißig Jahre brauchen, um ein Loch in den Dreck zu wühlen?«

»Wie lang' werden wir denn wohl brauchen, Tom?«

»Na, so lang' wie wir eigentlich regelrecht brauchen sollten, können wir gar nicht wagen, denn Onkel Silas wird bald genug Wind bekommen, wer und woher Jim ist. Wer kann's wissen, wie bald Jim forttransportiert werden soll? Bei so unsicheren Umständen halt' ich fürs gescheiteste, wir graben so schnell wie möglich, und thun nachher, als wären's siebenunddreißig Jahre gewesen. Dann können wir ruhig sein und alles abwarten, und sobald sich die erste Gefahr zeigt, ihn herausholen und schleunig fortspedieren. So, denk' ich, wird's am besten sein!«

»Da liegt doch mal wirklich Verstand drin, den ich auch begreifen kann,« sag' ich, »›_so thun_‹ kostet nichts, ›_so thun_‹ ist Kinderspiel, und meinetwegen können wir thun, als seien's hundertundfünfzig Jahre gewesen. Na, will mal sehen, ob ich irgendwo ein paar tüchtige Taschenmesser erwischen kann.«

»Nimm gleich drei,« rät Tom, »wir brauchen eins, um eine Säge draus zu machen.«

»Tom,« wag' ich noch einmal einzuwenden, »dahinten unter dem Schuppendach habe ich eine alte rostige Säge liegen gesehen, wenn's nicht unchristlich und gegen die Regel ist, so --«

Aber er sah mich so trostlos und entmutigt an, daß ich nicht fortzufahren wagte.

»Du lernst nichts, Huck!« seufzt er, »lauf' und verschaff' uns die Messer -- drei, hörst du?« --

Ich that's!

Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Der Blitzableiter. -- Sein Bestes. -- Ein Vermächtnis an die Nachwelt. -- Löffel stehlen. -- Unter den Hunden. -- Eine hohe Summe!

Alles ging früh zu Bett, wie wir es erwartet hatten, und das ganze Haus lag bald in tiefster Ruhe. Wir also am Blitzableiter hinunter, leise in den Schuppen geschlichen, unser Bündel faules Holz als brillante Beleuchtung vorgekriegt und nun los an die Arbeit! Erst räumten wir alles aus dem Weg, was auf dem Boden lag, gerade in der Richtung auf Jims Bett zu. Tom meinte, es sei gut, wenn der Gang, den wir graben wollten, unter dem Bett münde, da könne man die Oeffnung doch nicht so leicht bemerken, denn Jims Decke hinge ziemlich auf den Boden herunter und es verfiele keiner so leicht darauf, dieselbe aufzuheben und darunter nachzusehen. Na also! Wir gruben und gruben, stocherten und wühlten mit unsern Taschenmessern bis beinahe gegen Mitternacht. Dann waren wir hundemüde und unsre Hände voller Blasen, und doch konnte man kaum sehen, daß wir vorwärts gekommen waren. Endlich sag' ich:

»Na, Tom, mir scheint's, mit den siebenunddreißig Jahren, die wir nach der Regel zu der Arbeit brauchen sollen, kommen wir nicht aus; wenn da nicht mindestens achtunddreißig drauf gehen, will ich Hans heißen!«

Er sagte kein Wort, seufzte aber tief und hörte mit einemmal auf zu stochern. Da wußte ich, daß er jetzt nachdenke und ließ ihn gewähren. Plötzlich sagt er:

»Huck, so kann's nicht weiter gehen. Ja, wenn wir wirklich eingekerkert wären und so viele Jahre vor uns hätten, als wir hiezu brauchen, und hätten keine Eile, sondern brauchten jeden Tag nur ein paar Minuten zu graben, während der Ablösung der Wachen, und bekämen dabei keine Blasen an die Hände, dann könnten wir's so weiter treiben -- jahrein, jahraus -- und alles der Regel nach thun, wie's sein müßte. So aber! Wir können nicht so zaudern, wir müssen flink zugreifen, haben gar kein bißchen Zeit zu verlieren. Wenn wir morgen noch einmal ein paar Stunden so weiter machen wollen, müssen wir gewiß eine Woche lang warten, bis unsere Hände wieder so sind, daß man ein Taschenmesser anrühren und weitergraben könnte.«

»Was sollen wir nun thun, Tom?«

»Das will ich dir sagen, das ist ganz einfach! Schön ist's nicht und recht auch nicht und nicht moralisch und es darf's nie einer erfahren. Wir haben aber keine Wahl. Herausgraben müssen wir ihn und schnell dazu, und so müssen wir eben die Hacken und Schaufeln nehmen und -- _thun_, als seien's nur Taschenmesser!«

»Das nenn' ich doch endlich einmal vernünftig gesprochen, Tom, bravo, bravo! Dein Kopf wird klarer und klarer, scheint mir, thut sein Bestes, übertrifft sich nächstens selbst,« frohlock' ich. »Schaufeln ist die Losung, moralisch oder nicht moralisch! Ich für mein Teil kümmer' mich 'nen Pfifferling um die Moralischkeit. Wenn ich 'nen Nigger stehlen will oder 'ne Wassermelone oder ein Sonntagsschulbuch, kommt mir's gar nicht drauf an, wie ich's mache, wenn ich's nur kriege. Was ich will, ist mein Nigger oder meine Melone oder mein Buch, und wenn ich eine Schaufel brauche, um's herauszugraben, muß eben eine Schaufel her, mögen die ›Autoritäten‹ davon denken, was sie wollen, die können mir gestohlen werden!«

»Na,« meint' er, »in unserm Fall sind wir allerdings entschuldigt, wenn wir Schaufeln nehmen und ›so thun‹, sonst thät' ich's wahrhaftig nicht, denn Recht bleibt Recht und Unrecht bleibt Unrecht, und keiner soll's Unrechte thun, wenn er's besser weiß! Du kannst meinethalben Jim mit der Schaufel ausgraben, ohne zu thun, als sei's ein Messer, bei mir aber ist das anders, ich weiß, was recht ist und wie es sein muß, also -- gieb mir ein Messer!«

Er hatte seins bei sich, doch reich' ich ihm das meine, ohne mir's weiter zu überlegen. Er wirft's weit weg und wiederholt ungeduldig:

»Gieb mir ein Taschenmesser, Huck Finn!«

Erst starrt' ich ihn verblüfft an, dann dacht' ich nach -- und da ging mir ein Licht auf! Ich such' und kram' unter dem alten Werkzeug am Boden herum, find' 'ne Hacke und reich' sie ihm und er nimmt sie und macht sich an die Arbeit, ohne weiter ein Wort zu sagen. So war er immer -- stets voller Grundsätze!

Ich bewaffnete mich hernach mit einer Schaufel und nun ging's lustig drauf los, daß die Brocken nur so kollerten und flogen. Eine halbe Stunde lang gruben wir fleißig, dann fielen wir beinahe um vor Schlaf, aber wir konnten doch auch ein Stück Arbeit aufweisen mit unsern ›Taschenmessern‹! Alsdann machte ich mich davon und eilte die Hintertreppe hinauf, ich dachte, Tom sei hinter mir her. Als er aber nicht kommt, seh' ich zu unserm Fenster hinaus und erblickte ihn am Blitzableiter, an dem er heraufklettern will. Er bringt es aber nicht fertig, da ihm seine blasigen Hände zu weh thun und ruft mir ganz jämmerlich zu:

»Ich kann's nicht, Huck, es geht nicht! Was soll ich nun anfangen? So rat' mir doch, Huck, denk' nach! Weißt du gar nichts?«

»Ja,« sag' ich, »aber das wäre nicht moralisch und nicht nach der Regel. Komm eben einfach die Treppe herauf und _thu'_, als sei's der Blitzableiter!«

Schweigend schlich er davon und that's, aber gesprochen hat er an dem Abend kein Wort mehr.

Am andern Morgen ›entlehnte‹ Tom einen Zinnlöffel und einen Messingleuchter im Hause, um Schreibfedern für Jim draus zu machen, sechs Talgkerzen ließ er außerdem noch mitgehen. Ich trieb mich bei den Negerhütten herum, paßte auf eine Gelegenheit und führte drei Zinnteller aus. Tom meinte, das sei lange nicht genug, ich aber sagte, wenn Jim die Teller herauswerfe, würden sie in dem Buschwerk vor dem Fensterloch von niemand gesehen, und da könnten wir sie wieder herausholen und noch einmal benutzen. Da war er denn auch zufrieden und sagte:

»Jetzt müssen wir aber noch herauskriegen, wie wir all das Zeug dem Jim zustecken!«

»Na, durchs Loch natürlich, wenn wir es fertig haben!«

Er sah mich nur an, aber wie -- ich wußte, was er dachte, fast besser, als wenn er's gesagt hätte, dabei brummte er etwas wie ›verrückt‹ oder so, ich untersuch's nicht weiter. Dann legte er sich aufs Nachsinnen, sagte auch nach einiger Zeit, er habe drei oder vier verschiedene Arten herausgefunden, es habe aber keine Eile mit der Entscheidung, wir müßten Jim doch zuerst alles klar zu machen suchen, wofür er die Sachen zu benutzen habe.