Abenteuer und Fahrten des Huckleberry Finn
Part 17
»Nein, ganz im vollen Ernst, Huck, ich mach' dir nichts vor!«
»Na, gut,« sag' ich, »vormachen oder nicht vormachen, auf jeden Fall vergiß nicht, wenn du dort von einem durchgebrannten Nigger hören solltest, daß wir beide, weder du noch ich, etwas davon wissen!«
Das war denn abgemacht und nun nahmen wir den Koffer und stellten ihn in meinen Wagen. Er fuhr seinen, ich meinen Weg, und so oft ich mich umdrehte, sah ich Toms verwundertes, noch halb und halb ungläubiges Gesicht mir nachstarren. Natürlich vergaß ich darüber ganz, daß ich langsam fahren sollte, um nicht zu früh wieder einzutreffen, fuhr in Gedanken immer drauf los und kam selbstverständlich etwa in der Hälfte der Zeit zurück, die ich für die Länge des Weges hätte brauchen müssen. Der alte Mann stand am Thor und rief mir entgegen:
»Nein, das ist wunderbar! Wer hätte je gedacht, daß die alte Mähre das leisten könnte. Die hab' ich tüchtig unterschätzt. Die geb' ich nun nicht für hundert Dollars her. Vorher hab' ich fünfzehn verlangt und gedacht, damit sei sie bis in die alte Haut hinein bezahlt. Sieh, sieh, wer hätte das gedacht! Und dabei ist ihr kein Haar naß geworden -- nein, es ist wunderbar!«
Dabei half er mir kopfschüttelnd beim Ausschirren; es war die beste und argloseste Seele von der Welt! Das wunderte mich aber gar nicht, denn er war nicht nur Farmer, sondern auch Prediger. Er hatte seine kleine hölzerne Kirche, die zugleich Schulhaus war und an der Grenze der Plantage lag, selber und auf eigene Kosten errichtet; und auch für seine Predigten rechnete er nie nichts an. Da drunten im Süden giebt's viele Prediger-Farmer oder Farmer-Prediger dieser Art.
Nach ungefähr einer Stunde kam Toms Wagen in Sicht. Tante Sally entdeckte ihn zuerst vom Fenster aus, als er etwa noch fünfzig Meter weit entfernt war.
»Ach, da kommt ja jemand! Wer das wohl sein mag? Ach Herrje, das ist ein Fremder! Jimmy, (das war eins von den Kindern) lauf mal schnell und sag' der Liese, daß sie noch einen Teller mehr auf den Tisch stellt!«
Alles stürzte nun der Thüre zu, denn ein Fremder zeigt sich hier nicht alle Jahre, und wenn mal einer kommt, interessiert man sich für ihn sogar noch mehr, als für das gelbe Fieber! Tom war inzwischen vom Wagen gesprungen und befand sich schon halbwegs der Thüre zu, während der Wagen wieder der Stadt entgegenrasselte. Wir drückten uns in der Thüröffnung zusammen wie eine Herde Schafe, und eins suchte immer das andre zu verdrängen. Tom hatte seine besten Kleider an und ein Auditorium _vor_ sich, und da fühlte er sich allemal ganz mächtig. Auch jetzt trug er sich mit der ganzen großen Würde, über die er verfügte. Er schlich sich nicht linkisch und verschämt heran, nein, stolz und aufrecht schritt er einher, wie ein Calcutta-Hahn. Bei uns angelangt, lüftet er anmutig und zierlich seinen Hut, als wäre es der Deckel einer Schachtel, in der ein seltener Schmetterling säße, und fragt:
»Herrn Archibald Nichols habe ich wohl die Ehre vor mir zu sehen?«
»Nein, mein Junge,« erwidert der alte Herr, »der bin ich nicht, das thut mir leid. Der Kutscher muß sich wohl geirrt haben, Nichols Farm ist noch etwa drei Meilen weiter. Aber nur herein, nur herein!«
Tom blickte über die Schulter zurück nach dem Wagen, der eben dem Auge entschwand, und sagt:
»Das ist nun zu spät -- den hol' ich nicht mehr ein!«
»Ja, der ist fort, mein Sohn, und du mußt nun eben bei uns vorlieb nehmen. Nach dem Essen spann' ich dann an und fahr' dich zu Nichols hinüber.«
»Ach, das kann ich aber doch kaum annehmen, mein Herr, ich kann Ihnen unmöglich diese Mühe machen. Könnte ich denn nicht gehen? Ich bin gut zu Fuß und drei Meilen sind keine so entsetzliche Entfernung!«
»Wir aber _lassen_ dich nicht gehen! Das wäre mir eine schöne Gastfreundschaft. Wir im Süden halten da was drauf! Nur immer herein!«
»O, bitte,« sagte nun auch Tante Sally, »es ist uns gar keine Mühe, nur Freude. Du _mußt_ bleiben! Wir _können_ dich den langen, staubigen Weg nicht machen lassen. Als ich den Wagen kommen sah, habe ich gleich in der Küche gesagt, daß man einen Teller mehr hinstellt, es ist also alles in Ordnung. Bitte also hereinzukommen und sich's bequem zu machen!«
Tom ließ sich erbitten, dankte den guten Leuten sehr höflich und schön und trat ein. Als er im Zimmer war, sagte er mit einer Verbeugung, er komme von Hicksville in Ohio, sein Name sei William Thompson, zum Schluß dienerte er nochmals.
Man setzte sich zusammen und er erzählte über Hicksville, über die Leute dort, über sich, seine Reise; der Mund stand ihm keinen Augenblick still und der Stoff schien ihm nur so zuzuströmen. Denk' ich bei mir, das ist alles recht gut und schön, wie es mir aber aus der Patsche helfen soll, begreif' ich doch nicht recht. Da plötzlich, mitten im Reden, beugt er sich vor und küßt Tante Sally, neben der er saß, herzhaft, so recht saftig auf den Mund, lehnt sich dann behaglich in seinen Stuhl zurück, als ob nichts geschehen sei, und schwatzt weiter. Entrüstet springt die gute Frau auf, wischt sich mit dem Rücken der Hand ein paarmal kräftig über den Mund und fährt Tom an:
»Er unverschämter, junger Flegel!«
Der sieht beleidigt aus und sagt nur:
»Ich bin wahrhaftig ganz erstaunt, liebe Frau!«
»Du -- erstaunt? Da hört denn doch alles auf! Ei, was soll man dazu sagen? Ich hätte gute Lust, einen Stock zu nehmen und -- doch, wie kommst du dazu, mich zu küssen? Heraus damit, ich will's wissen! Was hast du dir dabei gedacht?«
Ganz demütig erwiderte er:
»Gedacht? gar nichts! Ich dachte nichts Schlimmes, ich -- ich dachte, es wäre Ihnen angenehm!«
»Na, -- jetzt aber, verrückter Bursche, wart'!« Sie griff nach einem Spazierstock ihres Mannes und es sah beinahe so aus, als wolle der Stock durchaus auf Toms Rücken tanzen und sie könne ihn nur mit Mühe zurückhalten. »Was hat dich denn auf den tollen Gedanken gebracht, es könne mir angenehm sein?«
»Ich -- ich weiß nicht. Man -- man hatte mir so gesagt!«
»Man hatte dir so gesagt? Wer dir das gesagt hat, ist auch ein Narr wie du, ein Tollhäusler, ein -- ein -- wer ist denn dieser ›man‹?«
»Ach, jedermann! Alle haben das gesagt!«
Sie konnte kaum mehr an sich halten, ihre Augen sprühten Funken und ihre Finger krümmten sich, als wolle sie ihm die Augen auskratzen. Ganz heiser stößt sie heraus:
»Wer sind ›alle‹? Heraus mit den Namen, oder ich werde noch verrückt!«
Tom sprang auf und schien sehr bekümmert. Halb weinend stotterte er:
»Das thut mir leid, aber das hätt' ich nicht erwartet! Sie haben mir's aufgetragen, alle! Alle sagten: gieb ihr einen herzhaften Kuß, das wird sie freuen, wird ihr angenehm sein. Alle sagten das -- jeder einzelne! Aber jetzt thut mir's leid, gute Frau, daß ich's gethan, gewiß und wahrhaftig, und ich will's nie -- nie wieder thun!«
»Nie wieder thun? -- Nun, das will ich doch meinen!«
»Nein, gewiß und wahrhaftig, nie wieder -- bis ich drum gebeten werde! bis _Ihr_ mich drum bittet!«
»Bis _ich_ dich drum _bitte_? -- Hat man je so etwas gehört? Junger Mensch, ich sag' dir, du kannst so alt werden wie ein Methusalem, ehe ich dich oder deinesgleichen um so etwas bitte!«
Tom schüttelt zweifelnd den Kopf und sagt vor sich hin:
»Mich wundert's, wundert's grenzenlos, ich kann gar nicht klug draus werden! Sie haben mir's doch alle gesagt und ich hab's auch selbst gedacht! Aber --« er hielt ein und sah sich langsam nach allen Gesichtern um, als wolle er irgendwo eine Zustimmung entdecken. Am Auge des alten Mannes blieb sein Blick hängen und er fragte nun diesen:
»Haben auch Sie nicht gedacht, es wäre ihr lieb, wenn ich sie küßte?«
»Ich -- ich? Nein -- der Gedanke ist mir wirklich nicht gekommen!«
Tom forscht nun weiter in den Gesichtern, und bei mir angekommen, fragt er:
»Und du, Tom, hast du nicht auch geglaubt, Tante Sally werde die Arme öffnen und rufen: ›_Sid Sawyer_‹ --«
»Herr des Himmels!« schreit diese und fährt auf ihn zu, »du Taugenichts, du Schlingel du! -- So seine arme, alte Tante anzuführen, wart'!«
Sie will ihn an sich ziehen, er aber wehrt sie ab:
»Halt! erst wenn du mich drum bittest, Tante Sally,« neckte er.
Und sie verliert keine Zeit und bittet und umarmt und küßt ihn wieder und wieder, und dann liefert sie ihn dem alten Manne aus und der nimmt auch sein Teil. Dann, als die guten Leutchen wieder ruhig geworden, sagt sie:
»Ei, du lieber Himmel, nein, diese Überraschung! Wir haben nur Tom erwartet! Tante Polly schrieb nie von dir, Sid, nur immer von Tom. Wie kam denn nur alles so?«
»Ja, es war auch immer nur vom Tom die Rede. Da habe ich aber gebettelt und gefleht bis zur letzten Minute, ich wolle mit, und endlich bekam ich's auch erlaubt. Auf dem Boot nun haben wir ausgemacht -- Tom und ich -- es würde ein Kapitalspaß sein, wenn er erst allein käme und ich hintennach als Fremder ins Haus fiele und euch überraschte. Darin haben wir uns aber verrechnet, Tantchen; denn für Fremde ist der Ort nicht geschaffen.«
»Nein, nicht für unverschämte Flegel, Sid. Ich sollte dir jetzt noch die Ohren zausen! So geärgert habe ich mich in meinem ganzen Leben noch nicht, wie vorhin! Aber was liegt daran! Ich will mich gerne ärgern, wenn ich nur euch beiden Bengels bei mir habe -- dafür kann ich tausend solcher Scherze vertragen. Na -- es war ja die reine Komödie! Ich muß sagen, ich war wie versteinert, als ich den Schmatz abkriegte!«
Die Mahlzeit wurde draußen im breiten offenen Gang zwischen dem Hause und der Küche aufgetragen und es stand soviel auf dem Tisch, daß es für sieben Familien gereicht hätte -- und alles schön heiß, kein solch elendes Zeug von Fleisch, das zuerst drei Tage im dumpfen Keller gelegen hat und dann wie der Schenkel eines alten gerösteten Kannibalen schmeckt. Onkel Silas sprach ein kräftiges Gebet drüber; das Essen war's auch wahrhaftig wert, es wurde nicht einmal kalt davon, wie ich's schon so manchmal bei dieser Art von Aufenthalt erlebt habe.
Nach dem Essen wurde immerzu geschwatzt und erzählt und Tom und ich waren immer auf der Hut, um uns nicht zu verplappern. Von einem durchgebrannten Nigger aber war nie die Rede, soviel wir auch aufpaßten, und wir selbst scheuten uns, davon zu beginnen.
Tom und ich brannten vor Begierde, nun einmal ein paar Stunden ungestört plaudern zu können. Wir sagten daher, wir seien müde, was uns die guten Leute gerne glaubten und uns mit dem herzlichsten Gute Nacht entließen. In Wahrheit aber sehnten wir uns danach, einmal ungestört zusammen reden zu können über unsre gegenseitigen Erlebnisse, von meiner Ermordung damals an bis jetzt, und dann auch -- um uns unsern Plan, Jims wegen, zurechtzulegen.
Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Die einzeln stehende Hütte. -- Schändlich! -- Der Blitzableiter als Beförderungsmittel. -- Eine ganz einfache Sache. -- Wieder die Hexen und Geister.
Oben in unserem Zimmer angelangt, setzten wir uns auf die Betten, baumelten uns was mit den Beinen vor und erzählten uns unsere Erlebnisse von der Zeit meiner Ermordung an bis heute. Dann, als alles und jedes durchgenommen war und wir nichts mehr zu erzählen wußten, beschäftigten wir uns in Gedanken mit Jim. Mit einemmal sagt Tom:
»Huck, sind wir aber Narren, daß wir nicht früher daran dachten. Ich wett' meinen Kopf, ich weiß, wo Jim steckt!«
»Nein, wirklich?«
»Ei, doch natürlich in jener einzeln stehenden Hütte da drüben am Zaun, das ist doch klar! Erinnerst du dich nicht, daß ein Nigger etwas in einer Schüssel hineintrug, als wir beim Essen saßen? Was hast du dir dabei gedacht?«
»Ich, o, weiter nichts, ich meinte, es sei für einen Hund!«
»Na, eben! So ging mir's gerade. Aber das war doch für keinen Hund!«
»Warum?«
»Weil ein Stück Melone dabei lag, die frißt doch kein Hundevieh. Na, siehst du?«
»Wahrhaftig, daran hab' ich gar nicht gedacht. Ja, es lag eine Melone dabei, das sah ich auch. Wie doch ein Mensch etwas sehen und doch wieder nicht sehen kann! So ein Maulwurf zu sein!«
»Und der Nigger, Huck, der schloß die Thür auffallend sorgfältig hinter sich zu, als er wieder herauskam, und lieferte Onkel nach Tisch einen Schlüssel ab, ganz gewiß den Hüttenschlüssel, Huck. Melone beweist Mensch, Schlüssel beweist Gefangenen, und zwei solche Vögel wird's wohl kaum auf der kleinen Farm geben, wo alle Menschen so gutherzig sind, daß sie kein Wässerchen trüben können. Folglich ist also Jim jener Gefangene, das hätten wir heraus, Huck, wie der schlaueste Detektiv. Jetzt streng' dich an und mach' dir einen Plan, wie wir Jim befreien wollen, ich mach' auch einen, und dann nehmen wir den, der uns am besten gefällt.«
Großer Gott, was hatte der Junge für einen Kopf auf seinen Schultern! Wenn ich den hätte, ich gäbe ihn nicht her, und wenn ich dafür Herzog oder Steuermann oder Clown in einem Zirkus oder sonst was Großes werden sollte! Ich machte mich also dran, einen Plan auszudenken, oder that doch wenigstens so, nur um etwas zu thun, ich wußte ja doch, wer den besten liefern würde. Richtig fängt auch Tom bald drauf an:
»Fertig?«
»Ja,« sag' ich.
»Gut, also los!«
»Na, ich würd' erst mal sehen, ob's richtig Jim ist, dann würd' ich irgendwo ein Floß zu kriegen oder zu machen suchen; in der ersten dunklen Nacht dem alten Onkel den Schlüssel aus den Hosen wegstibitzen, wenn er sich gelegt hat, Jim die Thüre aufschließen, zum Fluß hinunterrennen aufs Floß, nachts fahren, tags schlafen, gerad' wie wir's vorher auch gethan haben. Das wär' doch gewiß ein Plan, der sich ausführen ließe, nicht?«
»_Ausführen?_« dehnte Tom verächtlich, »ausführen, ja, so einfach und simpel, wie wenn man ein Butterbrot schluckt. Herr, du mein Himmel, hast du denn gar kein bißchen Phantasie, Huck? Das wäre ja so leicht wie Amen sagen oder Wasser trinken. Da krähte kein Hahn danach -- nein, das muß anders gemacht werden!«
Ich sagte kein Wort, hatt's ja vorher gewußt, daß es mir mit meinem Plan so gehen würde. Daß sein Plan, wenn er erst ans Licht käme, nicht so stümperhaft wäre, das war mir klar.
So war's auch. Tom rückte damit heraus und ich sah im Augenblick ein, daß sein Plan zehnmal mehr wert war als meiner. Er machte Jim ebenso zum freien Mann wie der meinige und hatte außerdem das Gute für sich, daß wir beide dabei Gefahr liefen, samt Jim das Lebenslicht ausgeblasen zu kriegen. Ich war's zufrieden und sagte nur: immer rein ins Vergnügen! Wie der Plan eigentlich war, will ich lieber gar nicht erzählen, denn ich wußte vorher, daß jede Stunde neue Aenderungen bringen würde, und so war's auch. Wo Tom konnte, brachte er mit Wonne noch neue Schwierigkeiten an, zur weiteren Ausschmückung.
Eins aber stand jetzt bombenfest, nämlich daß Tom Sawyer Tante Pollys und Tante Sallys Tom Sawyer, der immer in einem Hause wohnte, in einem Bette schlief, zur Schule, zur Kirche ging, kurz, daß Tom Sawyer wirklich und wahrhaftig daran dachte, _einen Nigger befreien zu helfen_! Das war zu hoch für mich! Er war doch ein anständiger, wohlerzogener Junge, der einen guten Namen zu verlieren hatte, und seine Leute waren angesehen daheim. Und er war gescheit und kein Dummkopf, hatte was gelernt, war dabei kein Duckmäuser, sondern freundlich und gutmütig, und doch besaß er jetzt nicht für einen Pfennig Stolz und Verständnis oder Gefühl für die Strafbarkeit der Handlung, die er eben im Begriff war zu begehen, und die doch mir armem, elendem Teufel schon so viel Kopfzerbrechen und Herzweh bereitet hatte, mir, dem _Huck Finn_! Ich konnt's nicht verstehen, auf keine Weise. Es war einfach schmählich, schändlich! Und ich hätt's ihm sagen müssen, es ihm klar machen, das weiß ich, als sein treuer Freund ihn bewahren vor der Schande, die er damit über sich und die Seinen bringen würde. Ich fang' auch an, was davon herzustottern, er aber hält mir den Mund zu und ruft:
»Meinst du, ich weiß nicht, was ich zu thun habe? Weiß ich's für gewöhnlich vielleicht nicht?«
»Ja, doch, aber --«
»Hab' ich dir nicht gesagt, ich helf' dir den Nigger frei machen, Huck Finn?«
»Freilich, aber --«
»Also -- damit basta!«
Mehr sagte er nicht und mehr sagte auch ich nicht. Es hätte auch gar nichts mehr genützt, denn was er wollte, das wollte er! Ich kümmerte mich also nichts weiter drum und ließ ihm seinen Willen.
Im Hause war mittlerweile alles still und dunkel geworden. Wir öffneten das Fenster und suchten eine Gelegenheit hinunter zu kommen. Glücklicherweise war der Blitzableiter ganz in der Nähe, der diente uns zum Beförderungsmittel, so leicht und bequem wie eine breite Treppe von Marmor. Wir also hinuntergerutscht, schneller wie der Blitz, und hin zur Hütte, um zu untersuchen, ob Tom recht gehabt mit seinen Vermutungen. Die Hunde hielten sich still, die kannten uns schon. Bei der Hütte angelangt inspizierten wir zuerst die uns noch unbekannte Nordseite und fanden da etwa in Manneshöhe eine viereckige Oeffnung, vor welche ein leichtes Brett genagelt war.
»Hallo, Tom,« frohlocke ich, »da haben wir's schon, das Brett weg, Jim kriecht durch und frei ist er!«
»Ja, das ist simpel genug nach deinem Geschmack,« höhnt Tom, »so simpel wie: ›eins, zwei, drei, hicke hacke Heu,‹ oder wie Kreiselschlagen. Nein, _ich_ denk', wir finden schon was andres heraus, das sich mehr der Mühe lohnt, Huck Finn, als dies!«
»Na, laß uns ihn heraussägen,« schlug ich vor, »so, wie ich's damals vor meinem Tode gemacht habe!«
»Das ging' schon eher,« stimmt er bei, »da ist doch was Geheimnisvolles und Umständliches dabei. Aber ich wette, wir finden noch etwas viel, viel Abenteuerlicheres heraus. Wir haben ja gar keine Eile. Laß uns nur mal weiter sehen!«
Zwischen der Hütte und dem Zaun befand sich eine Art Schuppen, aus rohen Brettern zusammengenagelt, so lang wie die Hütte selbst, aber viel schmäler, nur etwa fünf bis sechs Fuß breit. Dieser Schuppen stieß mit dem einen Ende an die Hütte an und die Thüre zu demselben war mit einem Vorlegeschloß verwahrt. Tom fand eine alte Eisenstange und zog damit einen der eisernen Krampen heraus; die Thüre ging auf und wir krochen in den Schuppen, langsam und vorsichtig. Beim Scheine eines Schwefelhölzchens sahen wir, daß der Raum nur mit alten Schippen, Spaten, Hacken und einem wackligen, ausgedienten Pfluge gefüllt war. Eine Verbindung nach der Hütte zu gab's nicht und der Boden bestand aus gestampftem Lehm. Die Flamme des Zündhölzchens empfahl sich, wir thaten desgleichen und drückten den herausgezogenen Krampen wieder hinein, so daß der Verschluß aussah wie vorher. Tom frohlockte. Kaum waren wir heraus, so rief er:
»Jetzt ist alles gut! Jetzt weiß ich, was wir zu thun haben: wir graben ihn heraus! Dazu brauchen wir mindestens eine Woche!«
Soweit war's also abgemacht und wir wandten uns wieder dem Hause zu. Ich ging direkt auf die Hinterthür zu, die nur mit einem Lederriemen befestigt war. Mir schien dies der einfachste Weg, aber dem Tom war's lang' nicht romantisch genug. Das mußte abenteuerlicher gemacht werden, und er bestand darauf, am Blitzableiter in die Höhe zu klettern. Na, mir war's recht. Einstweilen aber wollte ich mir das Ding erst einmal ansehen, ehe ich mich zur Nachfolge entschloß. Dreimal war Tom halbwegs oben und dreimal kam er blitzschnell wieder unten an. Das letztemal hätte er sich beinahe den Schädel entzweigefallen. Tom ließ sich aber durch so eine Kleinigkeit nicht abschrecken. Er probierte es ein viertesmal, nachdem er sich vorher ausgeruht, und diesmal blieb er Sieger und kletterte triumphierend durchs Fenster. Ich aber machte mich ganz behaglich zur Treppe hinauf; ich bin einmal kein solcher Held wie Tom und habe auch gar keine Lust dazu, einer zu werden, das Ding kommt mir gar zu mühsam vor.
Am Morgen waren wir mit der Sonne auf und sprangen in den Hof, um uns mit den Niggern und Hunden zu befreunden. Hauptsächlich lag uns dran, den Nigger kennen zu lernen, der Jim sein Futter brachte, wenn es wirklich Jim war, der da gefüttert wurde. Sie waren gerade alle beim Frühstück und brachen dann zur Arbeit auf und Jims Nigger häufte Brot und Fleisch und sonst allerlei auf eine Zinnschüssel. Und da, während die andern weggingen, wurde auch der Schlüssel zur Hütte gebracht.
Jims Nigger hatte ein gutmütiges, rundes Gesicht und seine Wolle auf dem Kopf war in lauter kleine Bündelchen zusammengebunden, um die Hexen und Geister fernzuhalten, wie er uns erzählte. Nie in seinem Leben sei er von den Unholden so gequält worden, wie eben in den letzten Nächten. Er sehe und höre ganz furchtbare Dinge, die gar nicht da seien, Geräusche, Stimmen, kurz, er wisse sich kaum mehr zu helfen. Dabei wurde er so aufgeregt bei der Erzählung seiner Leiden, daß er ganz vergaß, was er im Begriff gewesen zu thun. Sagt Tom:
»Wozu steht denn das viele Essen da, sollen's die Hunde kriegen?«
Der Nigger grinste ein wenig, dann allmählich mit dem ganzen Gesicht, so, wie wenn der Mond ganz langsam Stückchen für Stückchen hinter einer Wolke hervorkommt, und antwortet:
»Ja, junger Herr, sein eine Hund, un sein ganz merkwürdige Hund das! Du ihr wollen sehen?«
»Ja; natürlich!«
Ich stieß Tom in die Rippen und flüstre ihm zu:
»Du willst hin, am hellen Tag? -- So war's aber doch nicht ausgemacht!«
»Meinetwegen -- dann ist's jetzt!«
So trotteten wir also wahrhaftig hinter dem Nigger her, direkt auf die Hütte los. Mir war's gar nicht behaglich dabei. Als wir hineinkamen war alles stockfinster und wir konnten zuerst gar nichts sehen. Jim aber sah uns und platzte heraus:
»Warraftig, da sein Huck! Un, gute, gnädige Himmelsherr, sein das nicht Herr Tom, junge Herr Tom?«
Da hatten wir's! Ich wußte ja, wie's kommen würde, ich hatt's vorher gewußt, nun war's verraten! Und was jetzt thun? Mir fiel nichts ein, ich stand mit offnem Munde da und wenn ich auch etwas hätte sagen wollen, ich hätt' gar keine Zeit dazu gehabt, denn der Nigger drehte sich ganz starr nach uns um und rief:
»Was, gute Gott, junge Herrn kennen alte Nigger?«
Inzwischen hatten sich unsere Augen an das Dunkle gewöhnt und wir konnten nun die Gegenstände erkennen. Tom starrt den Nigger wieder an, unverwandt und furchtbar verwundert, und fragt:
»Kennen wir _wen_?«
»Ei, alte durchgebrannte Nigger hier vor uns!«
»Woher sollten wir den kennen? Wie kommst du drauf, Alter?«
»Wie kommen Sam drauf? Sein Sam taub? Haben alte Nigger nix eben Namen gesagt von junge Herrn?«
»Na, das ist aber doch merkwürdig! _Wer_ hat was gesagt? _Wann_ hat er's gesagt? _Was_ hat er gesagt?« Ganz ruhig wendet Tom sich jetzt zu mir: »Hast du jemanden was sagen hören?«
»Ich? Nee, ich hab' gar nichts gehört!«
Dann wendet er sich ebenso zu Jim, mustert den erst eine Weile, als habe er ihn nie gesehen, und fragt dann:
»Hast du was gesagt?«
»Jim, Herr?« fragt dieser ganz unschuldig, »nein, Jim haben gar nix gesagt!«
Und er schüttelt den dicken Kopf, daß er nur so hin- und herfliegt.
»Kein Wort?« fragt Tom noch einmal.
»Kein eine Wort, junge Herr!« beteuert Jim.
»Hast du uns jemals vorher gesehen?«
»Kann nix sein, Herr, Jim haben junge Herrn nie nix gesehen -- nie nix!«
Jetzt wendet sich Tom zum Nigger, der ganz verwirrt und eingeschüchtert dabei steht, blickt ihn ernst und streng an und fragt:
»Was ist denn mit dir eigentlich los, Alter? Rappelt's bei dir? Wie kommst du drauf, der Nigger dort habe was gesagt -- habe uns gekannt?«
»O, das sein nur alte, schreckliche Geister, junge Herr. Sam wünschen, er wären tot! Geister ihn immerfort so grausam plagen. Ach, junge Herr, junge Herr, ihr nix sagen Master Silas, alte Sam sonst so viel zanken. Er sagen, sein keine Geister nix, sein keine Hexen nix auf der Welt, un alte Sam sie doch immer hören un sehen. Wenn er nur gewesen jetzt hier, er müssen glauben. Aber das sein immer so. Leute, was wollen nix glauben dran, glauben nix. _Wollen_ nix sehen un hören und wenn's annre Leute ihnen sagen, sie nix wollen wissen.«
Tom gab ihm ein paar Cents und sagte zu ihm, wir würden ihn nicht verraten; er solle sich für das Geld noch mehr Bindfaden kaufen, um seine Wolle besser zusammenzubinden, es sei offenbar so noch nicht genug. Dann blickt er Jim noch einmal fest an und sagt: