Abenteuer und Fahrten des Huckleberry Finn
Part 14
»Es übersteigt alles, wie gut diese Neger ihre Rolle gespielt haben. Sie thaten so jämmerlich, weil sie aus dieser Gegend fort müßten! Und ich glaubte, sie fühlten sich wirklich elend, und du glaubtest es auch, und alle andern. Mir soll kein Mensch je wieder behaupten, daß Neger kein histrionisches Talent besitzen. In denen steckt ein Vermögen. Hätte ich die Mittel und ein Theater, so wäre mein erstes: die müßten mir her. Und wir haben sie verschleudert, hergegeben für einen Wisch, einen Wechsel! Sag' mal, wo ist er eigentlich, der Wisch?«
»Zum Einkassieren auf der Bank. Wo soll er sonst sein?«
»Nun, dann ist es, gottlob, in Ordnung.«
Jetzt sagte ich in etwas ängstlichem Tone:
»Ist irgend etwas schief gegangen?«
Der König wandte sich scharf gegen mich und fuhr mich an:
»Geht dich nichts an! Halt deinen Mund und kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten -- wenn du welche hast. Vergiß das nicht, solange du in dieser Stadt bist -- verstanden?«
Als der König mit mir fertig war, sagte der Herzog höhnisch:
»Schnelle Verkäufe mit kleinem Gewinn! -- ist ja das wahre Geschäftsprinzip -- was?«
Der König schnarrte zurück: »Ich hab's gerade recht gut machen wollen, als ich die Kerls so rasch verkaufte. Wenn der Gewinn gleich Null oder gar ›~minus~‹ ist, so ist's mein Fehler nicht mehr als deiner.«
»Nun, _sie_ wären noch in diesem Hause, und _wir_ wären fort, wenn mein Rat befolgt worden wäre.«
Der König gab darauf wieder hinaus, dann fuhr er mich an und machte mich arg herunter, weil ich ihm nicht auf der Stelle gesagt hätte, daß die Neger aus seinem Zimmer gekommen und sich so eigen benommen hätten; jeder Narr hätte wissen können, daß dahinter was stecke. Dann fluchte er zur Abwechslung auf sich selbst und sagte, das käme davon, wenn man früh aufstehe, anstatt sich seine Ruhe zu gönnen, er wolle verdammt sein, wenn er's je wieder thäte. So gingen sie grollend und zankend ab.
Mittlerweile war's Zeit zum Aufstehen geworden; so stieg ich denn die Leiter hinab und wandte mich zur Treppe. Als ich am Zimmer der Mädchen vorbeikam, stand die Thür offen und ich sah Mary Jane neben ihrem alten haarigen Koffer sitzen, der offen war und in den sie eben Sachen gepackt hatte, um sich zur Reise nach England zu rüsten. Doch jetzt hielt sie inne -- mit einem gefalteten Kleid auf dem Schoß -- bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und weinte. Es that mir leid, sie so traurig zu sehen, ich trat daher ins Zimmer und sagte:
»Fräulein Mary Jane, was fehlt Ihnen?«
So sagte sie mir's denn. Es war wegen der Neger; der Verkauf derselben hätte ihr alle Freude an der Reise nach England verdorben. Sie könne nie wieder glücklich sein, wenn sie daran denke, daß Mutter und Kinder von einander getrennt würden und daß sie sich nie, nie wiedersehen würden.
»Aber sie werden's doch -- eh' zwei Wochen um sind -- ich weiß es gewiß!« sagte ich.
Da war's heraus, bevor ich mich's versah! -- und im nächsten Augenblick schlang sie ihre Arme um meinen Hals und rief: »Wär's möglich? Bitte sag's noch einmal!«
Ich hatte zuviel gesagt und fühlte mich etwas verlegen. Ich bat sie, mir eine Minute Zeit zum Besinnen zu lassen. Sie setzte sich wieder und war ganz voll Erwartung und Aufregung; dabei sah sie jedoch so glücklich und beruhigt aus, wie jemand, der sich eben hat einen Zahn ausziehen lassen. Ich überlegte mir's und sprach zu mir selbst: Ein Mensch, der sich aufrafft und die Wahrheit sagt, wenn er in die Enge getrieben wird, läuft manche Gefahr -- zwar kann ich nicht aus Erfahrung sprechen und weiß es nicht gewiß, aber es will mir so scheinen. Nun ist hier aber ein Fall, wo es mir entschieden vorkommt, als ob die Wahrheit besser und sogar sicherer wäre als eine Lüge. Ich will's also wagen und diesmal die Wahrheit sagen, obwohl für mich viel auf dem Spiel steht und es mir dabei zu Mute ist, wie einem, der sich mit der brennenden Pfeife auf ein Faß Schießpulver setzt. -- Dann sagte ich:
»Fräulein Mary Jane, wissen Sie irgend einen Platz etwas außerhalb der Stadt, wo Sie hingehen und drei bis vier Tage zubringen könnten?«
»Ja -- bei Lothrops. Warum?«
»Lassen wir das ›warum‹. Wenn ich Ihnen sage, woher ich weiß, daß die Neger einander wiedersehen werden -- innerhalb zwei Wochen -- hier in diesem Hause -- und beweise, woher ich's weiß -- wollen Sie dann zu Lothrops gehen und vier Tage dort bleiben?«
»Vier Tage!« rief sie, »ein Jahr, wenn es sein muß!«
»Gut,« sagte ich, »von Ihnen will ich nichts mehr als Ihr Wort -- mir ist das sicherer, als wenn ein anderer auf die Bibel schwört.« Sie lächelte und errötete lieblich -- ich fuhr fort: »Wenn Sie nichts dagegen haben, will ich die Thür schließen -- und verriegeln.«
Dann kam ich zurück, setzte mich nieder und begann:
»Nun bitte ich, nicht aufzuschreien. Sitzen Sie hübsch still und hören Sie mich an wie ein Mann. Ich muß die Wahrheit reden, und Sie müssen sich fassen, Fräulein Mary, denn sie ist schlimmer Art und schwer zu ertragen, aber es geht einmal nicht anders. Diese Onkel sind gar nicht Ihre Onkel; sie sind ein paar Betrüger, erbärmliche Landstreicher. -- So, über's Schlimmste sind wir nun weg -- den Rest werden Sie ziemlich leicht ertragen.«
Natürlich griff sie dieser Anfang tüchtig an; doch ich war jetzt über das Gröbste weg und konnte nun leichter fortfahren. Ihre Augen leuchteten mehr und mehr, als ich ihr alles erzählte, von dem Augenblick an, wo wir den jungen Burschen trafen, der zum Dampfboot wollte, -- alles haarklein -- bis zu dem Moment, wo sie sich bei der Hausthür dem König an die Brust warf und ihn sechzehn- oder siebzehnmal küßte. Da sprang sie auf -- ihr Gesicht glühte wie die untergehende Sonne -- und rief:
»Der Schändliche! -- Komm, verlier' keine Minute, keine Sekunde -- die sollen geteert und gefedert und in den Fluß geworfen werden!«
Ich entgegnete:
»Versteht sich. Aber doch nicht, bevor Sie zu Lothrops gehen, oder --«
»O!« rief sie, »was fällt mir nur ein!« und setzte sich wieder. »Wo habe ich meine Gedanken? Du bist mir doch nicht böse, nicht wahr?« -- und dabei legte sie ihre Sammethand auf meine, daß ich meinte, ich müßte vergehen. »Meine Aufregung war auch zu groß,« sagte sie, »sei jetzt so gut und fahre fort, ich werde mich nun zusammennehmen. Sag' mir nur, was ich thun soll, es soll genau befolgt werden!«
»Wahrhaftig,« sprach ich, »es ist eine schlimme Bande, diese zwei Gauner, und ich bin leider darauf angewiesen, daß ich mit ihnen noch eine Weile reisen muß, ob ich will oder nicht -- den Grund sage ich Ihnen lieber nicht. Allerdings, wenn Sie die Kerls anzeigten, würde diese Stadt mich schon aus ihren Klauen reißen, und ich wäre sicher; es ist aber noch ein anderer Mensch, von dem Sie nichts wissen, dem es dann schlecht gehen könnte. Den müssen wir doch retten, nicht wahr? Natürlich, so wollen wir denn das Pärchen noch nicht anzeigen.«
Wie ich das sagte kam mir ein guter Gedanke. Am Ende gelang es doch, mich und Jim von den Gaunern loszumachen und sie hier ins Gefängnis zu bringen. Doch da ich das Floß nicht bei Tage treiben lassen wollte, so durfte mein Plan nicht vor Abend zur Ausführung kommen. Ich sagte:
»Fräulein Mary Jane, ich will Ihnen sagen, was wir thun -- dann werden Sie auch bei Lothrops nicht so lange zu bleiben brauchen. Wie weit ist's bis dorthin?«
»Eine gute Stunde -- landeinwärts.«
»Das genügt. Gehen Sie jetzt hin, bleiben Sie ruhig dort bis neun oder halb zehn Uhr abends, und dann lassen Sie sich wieder heimbringen; Sie können ja sagen, Sie hätten etwas vergessen. Wenn Sie vor elf hier sind, stellen Sie ein Licht ans Fenster, und warten auf mich bis elf Uhr; sollte ich bis dahin nicht erscheinen, so denken Sie, daß ich fort bin und in Sicherheit. Dann kommen Sie heraus, enthüllen alles und lassen die Gauner ins Gefängnis stecken.«
»Gut,« sprach sie, »das will ich thun.«
»Sollte es aber passieren, daß ich nicht fortkomme, sondern mit den beiden ergriffen werde, dann müssen Sie den Leuten sagen, daß Sie alles durch mich erfahren haben, und müssen mir beistehen, so viel Sie können.«
»Dir beistehen? gewiß will ich das. Sie sollen kein Haar auf deinem Haupte krümmen.«
»Wenn ich entwische, so kann ich freilich nicht beweisen, daß diese Schurken nicht Ihre Onkel sind; doch könnt' ich das auch nicht, selbst wenn ich hier wäre. Ich könnte nur beschwören, daß sie Landstreicher und Gauner sind, doch wär' das auch schon von Bedeutung. Aber es giebt noch andere, die das besser können als ich, und denen man leichter Glauben schenken wird als mir. Ich will Ihnen sagen, wo sie zu finden sind. Geben Sie mir einen Bleistift und ein Stück Papier -- so, ›Königliches ~non plus ultra~ zu Bricksville‹. Stecken Sie das ein und verlieren Sie's nicht. Wenn das Gericht sich Auskunft verschaffen will über die zwei, so soll man nur nach Bricksville schicken und sagen lassen, die Leute, die das ›Königliche ~non plus ultra~‹ gespielt haben, seien abgefaßt und man brauche einige Zeugen. Dann wird das ganze Städtchen im Nu hier sein, Fräulein Mary -- alle werden kommen und zwar kochend vor Wut.«
Ich dachte, nun ist alles wohlgeordnet und sagte noch:
»Lassen Sie die Versteigerung ruhig vor sich gehen. Niemand hat für die gekauften Sachen zu bezahlen vor dem nächsten Tage, und die beiden werden nicht von hier fortgehen wollen, bis sie das Geld haben. So wie wir's jetzt eingefädelt haben, wird der Verkauf ungültig sein, und die beiden werden das Geld nicht bekommen. Es geht ebenso wie mit den Negern -- es ist kein gültiger Verkauf, und die Neger werden bald wieder heimkehren. Die Gauner können nicht einmal das Geld für die Neger erhalten. Warten Sie nur, das Pärchen soll seine Wunder erleben!«
»Ich will nur noch zum Frühstück hinunter,« rief sie, »und dann gehe ich gleich zu Lothrops.«
»Nein, nein, Fräulein Mary Jane,« entgegnete ich, »das geht nicht -- geht unmöglich; Sie müssen _vor_ dem Frühstück gehen. Stellen Sie sich vor, Sie könnten Ihren Onkeln begegnen! Diese können jeden Augenblick erscheinen, um Ihnen guten Morgen zu wünschen und Sie zu küssen --«
»Genug, genug davon! Da will ich lieber vor dem Frühstück gehen. Sollen die Schwestern hier bleiben?«
»Ja, grämen Sie sich nicht um die. Die müssen's noch etwas aushalten. Es würde Verdacht erregen, wenn alle gingen. _Sie_ dürfen jetzt weder den Gaunern, noch den Schwestern, noch irgend jemand in der Stadt zu Gesicht kommen. Wenn Sie heute ein Nachbar nach dem Befinden Ihrer Onkel fragen würde, so könnte Ihr Gesicht Sie verraten. Nein, gehn Sie nur gleich fort, Fräulein Mary Jane, und lassen Sie mich alles besorgen. Ich werde Fräulein Susan auftragen, daß Sie den Onkeln einen freundlichen Gruß senden; Sie seien auf einige Stunden fortgegangen, um eine Freundin zu besuchen, und würden am Abend oder früh morgens heimkehren.«
Fräulein Mary Jane stutzte einen Augenblick, dann bemerkte sie ein wenig spitz: »Sage meinetwegen, ich sei zum Besuch meiner Freundinnen gegangen, aber einen Gruß darfst du dem sauberen Paare von mir nicht ausrichten.«
»Gut, also keinen Gruß.« -- Warum sollt' ich _ihr_ gegenüber darauf bestehen? »Aber noch eins, Fräulein -- der Geldsack!«
»Nun, den haben die leider; und ich schäme mich ganz, wenn ich daran denke, wie sie ihn bekamen.«
»Nein, da irren Sie sich. _Die_ haben ihn nicht.«
»Die nicht? -- wer sonst?«
»Ich wollte, ich wüßt' es; doch weiß ich es nicht. Ich hatte ihn, denn ich stahl ihn von den Kerls; stahl ihn für Sie und weiß auch, wo ich ihn versteckte, fürchte aber, daß er nicht mehr da ist. Es thut mir sehr leid, Fräulein Mary Jane, nie hat mir etwas so leid gethan; aber ich that alles, was ich thun konnte; so wahr ich lebe, ich meinte es ehrlich. Ich wurde beinah' erwischt und ich mußte ihn am ersten besten Platz verstecken und mich aus dem Staube machen -- und es war kein guter Platz.«
»O, hör' doch auf, dich anzuklagen -- es ist nicht recht von dir, und ich leid' es nicht; du hast nicht anders können -- es war nicht _deine_ Schuld. Wo hast du ihn versteckt?«
Ich wollte sie nicht wieder an ihren großen Kummer erinnern, so schwieg ich eine Minute und sagte dann:
»Ich sag' es Ihnen jetzt lieber nicht, wo ich ihn hinthat, Fräulein Mary Jane, wenn Sie's mir nicht übelnehmen; doch will ich es Ihnen auf ein Stück Papier schreiben, und Sie können es auf dem Wege zu Lothrops lesen, wenn Sie wollen. Sind Sie damit zufrieden?«
»O ja.«
So schrieb ich denn: »Ich verbarg ihn im Sarg. Er steckte drin, als Sie dort weinten -- damals in der Nacht. Ich stand hinter der Thür und hatte viel Mitleid mit Ihnen, Fräulein Mary Jane.«
Mir wurden die Augen feucht bei dem Gedanken, wie sie dort einsam in der Nacht weinte, während diese Teufel, unter ihrem eigenen Dach beherbergt, sie betrogen und beraubten; und als ich das Papier zusammenfaltete und ihr gab, sah ich auch in ihren Augen Thränen, und sie schüttelte mir kräftig die Hand und sagte:
»Leb' wohl. Ich will alles thun, wie du mir's gesagt hast; und sollte ich dich auch nie wiedersehen, so werde ich dich doch nie vergessen; und ich werde oft, sehr oft an dich denken und auch für dich beten!« -- und sie war fort.
Für mich beten! Na, wenn die dich kennen würde, dachte ich bei mir, würde sie eine Arbeit wählen, die ihrer Kraft angemessener und Erfolg versprechender wäre. Aber ich wette, sie hat's doch gethan -- das sah ihr ganz gleich. Darüber war kein Zweifel, sie besaß mehr Festigkeit, als ich je bei einem Mädchen gesehen habe, und wirklichen Charakter. Das mag wie Schmeichelei klingen, ist aber keine. Was Schönheit anbetrifft, und auch Güte -- ach, da übertraf sie alle. Seit dem Augenblicke, da sie zur Thür hinaus ging, hab' ich sie nie wiedergesehen; nein -- nie; aber an sie gedacht hab' ich viele, viele millionenmal, ebenso an ihre Worte, daß sie für mich beten würde; und wenn ich genau gewußt hätte, daß es ihr wohl thun könnte, wenn ich für sie betete, so will ich verdammt sein, wenn ich's nicht versucht hätte.
Also Mary Jane war fort und niemand hatte sie fortgehen sehen. Als ich der Susan und der ›Hasenlippe‹ begegnete, sagte ich:
»Wie heißen die Leute jenseits des Flusses, die Sie zuweilen besuchen?«
Sie antworteten:
»Da sind mehrere, aber besonders die Proktors.«
»Das ist der Name,« rief ich, »bald hätt' ich's vergessen! Fräulein Mary Jane befahl mir, Ihnen zu sagen, daß sie in großer Eile da hinüber mußte -- es ist dort jemand krank.«
»Wer denn?«
»Ich weiß nicht; oder vielmehr, ich hab's vergessen, aber ich glaube, es war --«
»Um Gottes willen, doch nicht etwa Hannah?«
»Leider doch,« rief ich, »Hannah war der Name.«
»Um Gottes willen -- und noch vorige Woche war sie so munter! Ist es schlimm?«
»Ach, wenn's bloß schlimm wäre. Man wachte bei ihr die ganze Nacht, sagte Fräulein Mary Jane, und befürchtet, daß sie nicht mehr lange leben wird.«
»Wer hätte das gedacht! Was fehlt ihr denn?«
Mir fiel im Augenblick nichts Vernünftiges ein, so sagte ich denn:
»Mumms.«[9]
[9] In manchen Gegenden auch ›Wochentölpel‹ genannt.
»Mumms? du Schlafmütze! Man wacht nicht bei Leuten, die Mumms haben.«
»So, meinen Sie? -- na, Sie können darauf wetten, daß man bei diesem Mumms wacht. Dies ist nämlich ein ganz anderer Mumms. Es sei eine neue Gattung Mumms, sagte Fräulein Mary Jane.«
»Wieso?«
»Weil noch andere Uebel dabei sind.«
»Was für andere?«
»Ach, Masern und Keuchhusten und Rose und Schwindsucht und Gelbsucht und Gehirnfieber, und ich weiß nicht, was noch mehr.«
»Ach was! Und das heißen sie ›Mumms‹?«
»Fräulein Mary Jane sagte so!«
»Aber um alles in der Welt, warum nennen sie das Mumms?«
»Warum? weil's Mumms ist. Damit fängt's an.«
»Liegt darin auch Sinn und Verstand? Angenommen, es verstaucht einer seine Zehen und fällt nachher von einem Haus herab, bricht den Hals und die Hirnschale und es fragte jemand, woran er gestorben sei und so ein Tölpel antwortete: ›Nun, er hatte sich die Zehen verstaucht!‹ -- hätte das auch Sinn und Verstand? Nein; und ebensowenig Sinn ist in deinem Mumms! -- Ist's wohl ansteckend?«
»Jedenfalls, ich würde der Krankheit nicht trauen.«
»Das ist ja schrecklich,« rief die ›Hasenlippe‹, »da muß ich gleich zu Onkel Harry gehen, und --«
»Jawohl« -- sag' ich -- »das würd' ich auch. Natürlich thät' ich das. Ich würde keine Minute verlieren.«
»So, warum meinst du?«
»Nur Geduld, es soll Ihnen gleich ein Licht aufgehen. Nicht wahr, Ihre Onkel müssen so bald als möglich wieder in England sein? Sie trauen Ihren Onkeln doch nicht zu, daß sie selber jetzt abreisen und Ihnen und Ihren Schwestern zumuten, später nachzukommen und die lange Seereise allein zu machen? Nein, Sie wissen wohl, daß sie warten werden, bis Sie alle zusammen reisen können. Also gut. Ihr Onkel Harry ist Pfarrer, nicht wahr? Wird ein Pfarrer einen Dampfbootbeamten täuschen, nicht bloß hier, sondern auch in New York und sonst -- damit Fräulein Mary Jane an Bord gelassen wird? Trauen Sie Ihrem Onkel zu, daß er das Leben der anderen Passagiere in Gefahr brächte? Sie wissen recht gut, daß er das nicht thäte. Also was wird er thun? Nun, er wird sagen: ›Das ist zwar recht fatal, aber meine Kirche muß sich eben behelfen, so gut sie kann, denn meine Nichte war diesem ansteckenden, fürchterlichen Universal-Mumms ausgesetzt, und da ist es meine Pflicht und Schuldigkeit, hier zu bleiben und drei Monate zu warten, um zu wissen, ob sie angesteckt ist.‹ -- Nun, ich will nichts gesagt haben, und wenn Sie meinen, es sei besser, dem Onkel Harry zu sagen --«
»Was, ein paar Monate hier herumliegen, während wir uns in England gut amüsieren könnten, bloß um zu wissen, ob Mary Jane angesteckt ist oder nicht? Du bist wohl nicht gescheit!«
»Was meinen Sie, wollen Sie's nicht lieber einigen Nachbarn sagen?«
»Nun hör' doch einer -- deine Dummheit geht über alles. Weißt du denn nicht, daß sie es sogleich ausposaunen würden? Das beste ist, man sagt's gar niemand.«
»Mag sein, daß Sie recht haben -- ja, ich glaube Sie haben recht.«
»Aber Onkel Harry sollten wir sagen, daß sie auf eine Weile ausgegangen ist, damit er sich nicht ihretwegen ängstigt.«
»Ja, Fräulein Mary Jane wünschte auch, Sie möchten das bestellen. Sie sagte: ›bringe den Onkeln Harry und William von mir Gruß und Kuß und sage ihnen, ich sei nur geschwind zu einem kleinen Besuch über'n Fluß gegangen zu Herrn --‹ Herrn -- wie ist der Name der reichen Familie, auf die Ihr Onkel Peter so viel hielt? -- Ich meine die, welche --«
»Ach, du meinst wohl die Apthorps, nicht wahr?«
»Ja, ganz richtig. Der Kuckuck soll diese Namen holen, die man gar nicht behalten kann. Ja, sie sagte, ich solle melden, sie sei nur hinüber, um die Apthorps zu bitten, sicher zur Auktion zu kommen und das Haus zu kaufen, denn sie glaube, Onkel Peter möchte gern, daß sie es bekämen, statt jemand anders. Sie will ihnen so lang zusetzen, bis sie versprechen zu kommen, und wenn sie nicht zu müde ist, will sie heute abend noch heimkommen, andernfalls würde sie bestimmt morgen früh zurück sein. Sie wünschte, daß man nichts von den Proktors sagen solle, sondern nur von den Apthorps -- was auch ganz wahr ist, denn sie wird wegen des Hauses mit ihnen sprechen; ich weiß es, denn sie hat es mir selbst gesagt.«
»Schon gut,« riefen sie und gingen fort, um den Onkeln Gruß, Küsse und die Nachricht zu bringen.
So weit war alles gut. Die Mädchen, dachte ich, werden reinen Mund halten, denn sie wollen nach England gehen; und dem König und Herzog muß es lieber sein, wenn Mary Jane fort ist und für die Auktion arbeitet, als daß sie sich noch im Bereiche des ~Dr.~ Robinson befindet. Ich war mit mir zufrieden und schmeichelte mir, die Sache ziemlich nett gedeichselt zu haben, -- und daß Tom Sawyer selbst es nicht viel besser gekonnt hätte.
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Welche sind die Rechten? -- Handschriften. -- Probe. -- Tättowieren. -- Die Leiche wird ausgegraben. -- Fort! -- Befreiung vom königlichen Joche. -- Jim wird verschachert.
Die Auktion fand spät am Nachmittag statt und zog sich lange hin. Der Alte stand neben dem Auktionator, machte ein Armsündergesicht, warf hie und da einen Bibelvers dazwischen, oder auch dann und wann ein Schmeichelwort, und der Herzog ›gu--gu--te‹ herum, um Teilnahme zu erregen.
Endlich ging's zu Ende und es war alles verkauft -- alles, außer einem kleinen Begräbnisplatz auf dem Kirchhof, der auch noch verkauft werden mußte. Während noch darauf gesteigert wurde, landete ein Dampfboot, und in etwa zwei Minuten kam eine Menschenmenge schreiend und lachend daher, und viele riefen: ›Hurra, da sind neue Erben vom alten Wilks! Sie leben hoch!‹
Sie brachten einen fein aussehenden alten Herrn und einen netten, jungen Mann, der den rechten Arm in einer Schlinge trug.
Das Volk umringte sie jubelnd und lachend. Mir war's aber gar nicht lächerlich, und ich dachte, nun würde dem König und dem Herzog der Spaß vergehen. Doch weit gefehlt. Der Herzog ließ sich nicht das mindeste anmerken, sondern ›gu--gu--te‹ drauf los, wie ein Krug mit engem Halse, aus dem man Buttermilch gießt. Der König aber blickte mitleidig auf die Neuankömmlinge herab, als bereite ihm der Gedanke, daß es solche Schurken und Betrüger auf der Welt geben könne, Magenschmerzen bis ins Herz hinein. O, er machte das bewundernswert. Eine Menge Leute umringten den König, um ihm zu zeigen, daß sie auf seiner Seite seien. Der eben angekommene alte Herr schaute ganz verdutzt drein. Bald jedoch fing er an zu reden, und ich konnte gleich hören, daß er wie ein Engländer sprach; nicht wie der König, obwohl dieser es ganz gut nachmachte. Des alten Herrn Worte kann ich nicht wiedergeben, wie er sie sprach, aber er sagte etwa folgendes:
»Dies ist eine Ueberraschung, der ich nicht entgegensah, und ich muß es leider frei gestehen: ich bin schlecht vorbereitet, ihr zu begegnen, denn mein Bruder und ich haben Unglück gehabt; er hat den Arm gebrochen, und unser Gepäck wurde durch einen Irrtum letzte Nacht in einem Städtchen weiter oberhalb ans Land gesetzt. Ich bin Peter Wilks' Bruder Harry, und dies ist sein Bruder William, der weder hören noch reden -- und jetzt auch nicht einmal ordentlich Zeichen machen kann, da er nur eine Hand dazu frei hat. Wir sind, was wir zu sein vorgeben, und in ein bis zwei Tagen, wenn ich mein Gepäck erhalte, kann ich's beweisen. Bis dahin will ich nichts weiter sagen, sondern ins Gasthaus gehen und warten.«
So gingen er und der neue Stumme ab; der König platzte folgendermaßen los:
»Arm gebrochen -- sehr wahrscheinlich, he? -- und sehr rechtzeitig, zumal für einen, der Zeichen machen soll und es nicht gelernt hat. Gepäck verloren! Ausgezeichnet -- vorzüglich ausgedacht unter den Verhältnissen!«
Dann lachte er und die andern auch, außer dreien oder vieren. Einer davon war der Arzt, ein anderer ein scharf dreinblickender Herr mit einer alten Reisetasche, der eben mit dem Dampfboot gekommen war und mit dem Arzt leise sprach -- sie sahen zum Könige hinüber und winkten einander zu -- es war Levi Bell, der Advokat, der in Louisville gewesen war. Noch ein anderer, der nicht mitgelacht hatte, war ein großer, rauher Kerl, der erst dem alten Herrn zugehört hatte und nun die Rede des Königs anhörte. Er wartete, bis er geendet, und fuhr ihn dann wie folgt an:
»Hör' mal, wenn du Harry Wilks bist, wann kamst du hierher?«
»Den Tag vor der Beerdigung, Freund,« sprach der König.
»Zu welcher Tageszeit?«
»Am Abend, etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang.«
»Woher kamst du?«
»Von Cincinnati, mit Dampfer ›Susan Pawell‹.«
»So, -- ich hab' dich doch am Morgen in einem Kanoe bei der Landzunge landen sehen.«
»Ich war am Morgen nicht bei der Landzunge.«
»Das ist gelogen!«
Mehrere sprangen auf und baten ihn, doch nicht so zu einem alten Manne und Prediger zu reden.
»Potz Prediger, ein Betrüger und Lügner ist er. Er war jenen Morgen auf der Landzunge. Ich wohne da -- ich war da und _er_ war da. Ich sah ihn dort. Er kam in einem Kanoe mit Tim Collins und einem Knaben.«
Da rief der Arzt:
»Würdest du den Knaben erkennen, wenn du ihn siehst, Heinz?« --