Abenteuer und Fahrten des Huckleberry Finn
Part 12
»Jede von diesen Frauen mußte ihm in der Nacht eine Geschichte erzählen und er sammelte dieselben, bis es tausend und eine waren; dann machte er ein Buch daraus, welches er ›~Domesday book~‹ nannte.[7] Ja, Jim, ich könnte dir noch manches von jenem König erzählen. Hast du nie davon gehört, was dieser Heinrich für Händel mit unserem Land anfing? Das ging so zu. Auf einmal läßt er so mir nichts dir nichts im Hafen von Boston allen Thee über Bord schmeißen und läßt eine Unabhängigkeitserklärung vom Stapel und droht mit einem Krieg. Das war seine Art so -- keine Spur von Rücksicht und Billigkeit. Ein andermal hatte er seinen Vater, den Herzog von Wellington, im Verdacht. Was thut er? -- Er geht her und läßt ihn in einem Syrupfaß ersäufen wie eine Katze. Wenn die Leute Geld herumliegen ließen und er sah es -- wupp dich, steckte er es ein. Er brauchte nur den Mund aufzuthun und wenn er ihn nicht gleich wieder zuklappte, kam allemal eine Lüge heraus. Ja, wenn dieser Heinrich über das Städtchen drüben gekommen wäre, der hätte ihm noch ganz anders mitgespielt, das kannst du mir glauben.«
[7] Die Vorstellung, welche Huck von dem Buche der englischen Grundrechte und anderen geschichtlichen Begebenheiten hat, läßt uns seine Ansicht über Könige nachsichtig beurteilen.
»Huck, das sein ganz abscheulich. Wollte, hätten solche Leute nicht auf Floß.«
»Mir geht's ebenso, Jim. Aber sie sind nun einmal da und wir müssen denken, daß sie so erzogen sind und nichts dafür können.«
Was hätte es genützt, Jim zu sagen, daß die beiden gar nicht König und Herzog seien?
Neunzehntes Kapitel.
Jim als Araber. -- Pastor Alexander Blodgett zieht Erkundigungen ein. -- Neue Pläne. -- Familien-Trauer. -- Die Erbschaft. -- Rührende Großmut.
Am nächsten Tage, gegen Abend, erblickten wir an jedem der beiden Ufer ein Städtchen und wir legten an einer kleinen Weideninsel mitten im Strome an. König und Herzog überlegten schon wieder, wie sie wohl die beiden Orte ausbeuten könnten. Da sagte Jim zum Herzog: »Jim hoffen, ihr sein nix lang fort, sein so viel schlimm, zu liegen ganzen Tag gebunden in Zelt.« Wir konnten nämlich nichts anderes thun als ihn binden, denn wenn ihn zufällig jemand frei und allein angetroffen hätte, so wäre er sicher für einen entlaufenen Neger gehalten worden. Der Herzog meinte, es sei allerdings beschwerlich für Jim, und versprach, sich zu besinnen, wie es Jim bequemer gemacht werden könnte.
Er war ganz gescheit, dieser Herzog, und kam bald auf einen Gedanken. Er verkleidete Jim als König Lear. Jim mußte ein langes Gardinen-Kalikogewand, eine weiße Roßhaar-Perücke und einen Bart tragen. Dann nahm er seine Schminke und färbte Jims Gesicht, Hals, Ohren und Hände in fahles Blau, so daß er aussah wie die Leiche eines Ertrunkenen nach neun Tagen, ganz schauderhaft. Dann machte der Herzog aus einer großen Dachschindel ein Schild und schrieb darauf:
»Kranker Araber -- aber harmlos wenn bei Sinnen.«
Nachher nagelte er dies Schild an eine Stange und steckte sie vier bis fünf Fuß vor dem Zelte auf. Jim war befriedigt. Er meinte, so wäre es viel besser, als Tag für Tag gebunden da zu liegen und bei jedem Geräusch vor Angst zu zittern. Der Herzog sagte ihm, er dürfe sich's jetzt bequem machen, und wenn irgend jemand sich unnötig um ihn bekümmere, solle er nur aus dem Zelt springen, sich etwas unsinnig gebärden und ein- oder zweimal aufheulen wie eine wilde Bestie, dann würden die Leute schnell ausreißen und ihn in Ruhe lassen.
Die beiden Teufelskerle hätten das ›~Non plus ultra~‹ gern noch einmal versucht, weil sie bei dem ersten Male so viel Geld herausgeschlagen hatten, allein sie fürchteten, die Kunde davon könnte sich bereits bis hierher verbreitet haben. Sie konnten über kein Projekt ganz einig werden; da sagte endlich der Herzog, man solle ihn ein bis zwei Stunden ganz in Ruhe lassen, er wolle sein Gehirn anstrengen und zusehen, ob sich mit dem Arkansas-Städtchen nicht doch etwas anstellen ließe. Der König dagegen wollte ohne besondern Plan das andere Städtchen besuchen, im Vertrauen darauf, daß ihn die Vorsehung auf einen profitablen Weg führe -- damit meinte er den Teufel, glaub' ich. In dem Ort, wo wir zuletzt angehalten, hatten wir uns alle neue fertige Anzüge gekauft. Der König zog seinen an und hieß mich auch den meinigen anziehen, was ich auch that.
Des Königs Anzug war ganz schwarz und er sah darin steif und fein aus. Nie hatte ich geahnt, wie Kleider einen Menschen verändern können. Vorher hatte er wie ein ganz gewöhnlicher Kerl ausgesehen; aber wenn er jetzt seinen neuen weißen Filzhut lüftete und sich mit einem Lächeln verbeugte, sah er so erhaben und gut und fromm aus, daß man hätte glauben können, er sei eben aus der Arche gestiegen und könnte der alte Levitikus selbst sein.
Jim reinigte das Kanoe und ich machte meine Ruder zurecht. Etwa drei Meilen oberhalb des Städtchens lag ein großes Dampfboot, das schon zwei Stunden dalag und Fracht einlud. Da sagte der König:
»Zu meinem neuen Anzug würde es wohl besser passen, wenn ich von St. Louis, Cincinnati oder einer andern großen Stadt angereist käme. Also zum Dampfboot hin, Huckleberry; wir wollen auf ihm das Städtchen besuchen.«
Eine Dampfschiffahrt zu machen, das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Ich gewann das Ufer eine halbe Meile oberhalb des Städtchens und dann ging's leicht hinauf, dicht am Ufer im strömungslosen Wasser. Bald kamen wir zu einem netten, harmlos und sehr ländlich aussehenden jungen Burschen, der auf einem Sägeblock saß und sich den Schweiß von der Stirne wischte, denn es war arg warmes Wetter und er hatte ein paar große Reisesäcke bei sich.
»Fahr' ans Land,« befahl der König. Ich that's.
»Wohin, mein junger Freund?« redete er den fremden Burschen an.
»Zu dem Dampfboot; nach Orleans.«
»Steig' ein,« sagte der König. »Wart' einen Augenblick, mein Diener wird dir bei den Säcken helfen. Spring' raus und hilf dem Herrn, Adolfus« -- ich merkte, daß er mich meinte.
Nun, ich that's, und wir drei fuhren weiter. Der junge Bursche war sehr dankbar und meinte, es sei eine harte Arbeit, bei solcher Hitze sein Gepäck zu tragen. Er fragte den König, wohin er ginge; dieser sagte, er sei den Fluß herabgekommen und früh morgens im andern Städtchen gelandet, und nun müsse er einige Meilen hinauf, um einen Freund auf seiner ›Farm‹ zu besuchen. Der Junge sagte dann:
»Als ich Sie zuerst sah, sagte ich zu mir selbst: ›Das ist sicherlich Herr Wilks, und er kommt nicht mehr zur rechten Zeit.‹ Dann dachte ich aber: ›Nein, er kann's nicht sein, er würde nicht hier den Fluß heraufrudern.‹ Sie sind's doch nicht, was?«
»Nein, mein Name ist Blodgett -- Alexander Blodgett -- Hochwürden Alexander Blodgett -- ein Diener des Herrn. Indessen thut es mir doch aufrichtig leid, daß Herr Wilks nicht zur rechten Zeit eingetroffen ist, wenn er dadurch etwas versäumt hat, was ich nicht hoffen will.«
»Nun, die Erbschaft geht ihm nicht verloren, die bekommt er sicher; aber seinen Bruder Peter wird er nun nicht mehr am Leben finden -- für den Fall, daß ihm daran gelegen war, was ich nicht wissen kann. Soviel aber weiß ich gewiß, daß sein Bruder sehr viel darum gegeben hätte, _ihn_ vor seinem Ende noch einmal zu sehen; er sprach von nichts anderem die letzten drei Wochen; seit der Knabenzeit hatten sie sich nicht wieder gesehen. Seinen jüngsten Bruder William -- 's ist der Taubstumme, und jetzt erst Dreißig bis Fünfunddreißig alt -- hat er überhaupt nie gesehen. Peter und George waren die einzigen hierzulande; George war verheiratet, aber er und seine Frau starben beide letztes Jahr. Harry und William sind von den Brüdern allein noch übrig, und sie sind nun leider nicht zur rechten Zeit eingetroffen.«
»Hat man ihnen denn geschrieben?«
»O ja -- vor ein bis zwei Monaten, als Peter erkrankte; denn er ahnte schon damals, daß es diesmal mit ihm zu Ende gehen würde. Wissen Sie, er war ziemlich alt und Georges Töchter waren zu jung, um ihm viel Gesellschaft zu leisten, außer Mary Jane, der rothaarigen. So fühlte er sich recht einsam, nachdem George und seine Frau gestorben waren, und es lag ihm nichts mehr am Leben. Er sehnte sich schrecklich danach, Harry vor seinem Ende zu sehen -- und auch den William, denn er war einer von denen, die ungern ein Testament machen. So hinterließ er nur einen Brief für Harry, in welchem er sagte, wo sein Geld versteckt sei und daß er den Rest seiner Habe so verteilt wünsche, daß Georges Mädchen ein Auskommen hätten -- denn ihr Vater George hatte nichts hinterlassen. Zu einem richtigen Testament konnte man Peter Wilks nicht bringen; dieser Brief ist alles.«
»Was, meinst du, mag der Grund sein, daß Harry nicht kommt? Wo wohnt er?«
»O, er wohnt in England -- in Sheffield -- predigt dort; er ist nie in diesem Land gewesen. Er mag wenig übrige Zeit haben -- und vielleicht hat er gar nicht einmal den Brief erhalten.«
»Es ist recht traurig, daß Herr Wilks nicht mehr erleben durfte, seinen Bruder zu sehen, arme Seele! -- Du sagst, du gehst nach Orleans?«
»Ja, aber das ist nur ein Teil der Reise, von dort gehe ich in einem Segelschiff nach Rio de Janeiro, wo mein Onkel wohnt.«
»Das ist eine lange Reise, muß aber recht schön sein; ich wollte, ich könnte sie mitmachen. Ist Mary Jane die älteste? Wie alt sind die andern?«
»Mary Jane ist neunzehn, Susan fünfzehn und Johanna etwa vierzehn -- das ist die Wohlthätige und hat eine Hasenlippe.«
»Die armen Dinger! Nun müssen sie so allein in der kalten Welt bleiben!«
»Nun, sie könnten schlimmer dran sein. Der alte Peter hatte gute Freunde und die werden schon dafür sorgen, daß ihnen kein Leid geschieht. Da ist Hobson, der Baptisten-Prediger, und Vorsteher Lot Hovey, und Ben Rucker, und Abner Shackleford, und Levi Bell, der Advokat, und ~Dr.~ Robinson und deren Frauen und die Witwe Bartley, und -- nun ja, eine ganze Menge; aber mit den Genannten war Peter am intimsten, er schrieb auch zuweilen von ihnen an seinen Bruder, den Pfarrer, und wenn dieser noch kommt, wird er wissen, an wen er sich zu wenden hat.«
Der Alte fragte und fragte, bis er den Jungen förmlich ausgepumpt hatte. Verdammt, wenn er sich nicht über jeden und alles in dem ganzen Städtchen erkundigte, über alle Wilkse, über Peters Beruf -- der ein Gerber gewesen, über Georges -- der ein Schreiner gewesen, über Harry -- der, wie wir schon gehört, ein Geistlicher ist, und dergleichen mehr. Dann sagte er:
»Warum wolltest du denn den ganzen Weg bis zum Dampfboot hinaufgehen?«
»Weil das ein großes Orleans-Boot ist und dort vielleicht nicht gehalten hätte. Wenn schwergeladen, halten sie selbst auf ein Signal nicht immer an. Ein Cincinnati-Boot thut es, aber dies ist ein St. Louis-Boot.«
»War Peter Wilks wohlhabend?«
»O ja, ziemlich wohlhabend. Er hatte Häuser und Land, und man glaubt, daß er drei- bis viertausend Dollars in Bargeld irgendwo versteckt hielt.«
»Wann sagtest du, daß er gestorben sei?«
»Ich sagte es nicht, aber es war letzte Nacht.«
»Begräbnis wohl morgen?«
»Ja, gegen Mittag.«
»Ach, das ist recht, recht traurig; aber einmal müssen wir alle sterben, der eine früher, der andere später. Drum sollten wir danach trachten, stets zur letzten Reise vorbereitet zu sein. Dann ist alles gut.«
»Ja, Herr, das ist am besten. -- Mutter hat's auch immer gesagt.«
Als wir das Dampfboot erreichten, war es mit Frachteinladen fertig und stieß bald ab. Der König gebot mir aber, noch eine Meile weiter zu rudern an einen einsamen Ort. Dann stieg er ans Land und sagte:
»Jetzt rasch zurück und bring mir den Herzog mit und die neuen Reisetaschen. Sollte er ans andere Ufer gegangen sein, so geh' hin und hol' ihn. Sag' ihm, er soll sich so fein als möglich machen.«
Ich merkte, was er im Schilde führte, sagte aber natürlich kein Wort. Als ich mit dem Herzog zurückkam versteckten wir das Kanoe, und sie setzten sich auf einen Holzblock. Der König erzählte ihm alles, gerade wie's der Bursche erzählt hatte, nichts ließ er aus. Und die ganze Zeit bemühte er sich, wie ein echter Engländer zu sprechen, und that's auch ganz gut für solch einen Kerl. Dann frug er:
»Kannst du die Taubstummenrolle spielen, Sommerfett?«
»Und ob!« rief der Herzog, »hab's auf den histrionischen Brettern gethan.« Sie warteten jetzt nur noch auf ein Dampfschiff.
Während des Nachmittags sahen wir zwei kleine Dampfer, aber sie kamen nicht von weit her; endlich kam ein großes Dampfboot, und wir riefen es an. Ein Kahn wurde uns zugeschickt, und wir gingen an Bord. Das Dampfboot kam von Cincinnati. Als der Kapitän hörte, daß wir nur vier bis fünf Meilen mitreisen wollten, wurde er sehr ärgerlich, fluchte und sagte, er würde uns dort nicht ans Land setzen. Der König blieb aber ruhig und sagte:
»Wenn Herren im stande sind, einen Dollar per Meile ~à~ Person zu bezahlen, um in einem Kahn geholt und abgesetzt zu werden, so ist wohl auch ein Dampfboot im stande, sie mitzunehmen, nicht wahr!«
Das besänftigte den Kapitän -- er war's zufrieden und wir wurden bei der Ankunft am Städtchen wieder mit dem Kahn ans Land gesetzt. Etwa zwei Dutzend Männer kamen herbei, als sie den Kahn kommen sahen, und als der König sagte: ›Kann irgend einer der Herren mir sagen, wo Herr Peter Wilks wohnt?‹ da blickten sie einander an und nickten sich zu, als wollten sie sagen: ›Siehst du, was hab' ich dir gesagt?‹ Dann sprach einer mit weicher Stimme:
»Es thut mir leid, Herr, aber wir können nicht mehr thun, als Sie an die Stelle zu führen, wo er gestern abend noch lebte.«
Plötzlich schien unsern Alten alle Kraft zu verlassen, er fiel gegen den Mann, sank mit seinem Kinn auf dessen Schulter, und weinte ihm seine Thränen den Rücken hinunter.
»Ach, ach,« stöhnte er, »unser armer Bruder -- dahin, und wir durften ihn nicht wiedersehen; o, das ist zu, zu hart!«
Dann wandte er sich um -- immer noch schluchzend -- und machte allerlei unsinnige Zeichen, und da ließ auch der Herzog die Reisetasche fallen und brach in Thränen aus. Sie waren das niedergeschlagenste Paar, diese zwei Betrüger, das ich je gesehen habe.
Die Männer umgaben und bemitleideten sie und sagten allerlei freundliche Worte, trugen ihre Reisetaschen den Hügel hinauf und blieben stehen, wenn König und Herzog vor Schluchzen nicht mehr weiter konnten. Sie erzählten dem König alles über seines Bruders letzte Minuten, und der König wiederholte alles mit seinen Händen dem Herzog.
In zwei Minuten wußte es die ganze Stadt, und das Volk kam herbeigerannt von allen Ecken und Enden. Bald waren wir von einer großen Menge umringt, die uns folgte. Fenster und Thüren standen voll Menschen und alle Augenblicke hörte man jemand über den Zaun rufen:
»Sind sie's?«
»Freilich, darauf könnt ihr wetten!« lautete gewöhnlich die Antwort aus der mitlaufenden Menge.
Als wir zum Hause kamen, war die Straße gedrängt voll Menschen, und die drei Mädchen standen in der Thüre. Mary Jane war rothaarig, das schadete ihr aber nichts, denn sie war sonst so hübsch, und ihr Gesicht und ihre Augen waren wie verklärt -- sie freute sich so, daß ihre Onkel gekommen waren. Der König breitete die Arme aus und Mary sprang hinein und die ›Hasenlippe‹ sprang zum Herzog -- und so hatten sie sich. Fast alle, wenigstens die Frauen, weinten vor Freude über dies Wiedersehn und die Freude der Beteiligten.
Dann gab der König dem Herzog einen geheimen Wink, -- ich sah es -- schaute sich um und erblickte den Sarg in einer Ecke auf zwei Stühlen; dann legten die beiden je einen Arm einander auf die Schultern, bedeckten mit der andern Hand die Augen und schritten langsam und feierlich hinüber -- alle machten ihnen Platz, Gespräch und Geräusch hörten auf, und einige riefen ›Sch!‹ Alle Männer nahmen die Hüte ab und senkten ihre Köpfe -- man hätte in dieser feierlichen Stille eine Stecknadel fallen hören können. Am Sarge angelangt, beugten sich die beiden darüber, warfen einen Blick hinein und fingen dann an so laut zu jammern, daß man sie fast in Orleans hätte hören können. Dann umarmten sie einander und jeder hing sein Kinn über des andern Schulter, und drei, vielleicht auch vier Minuten lang ließen ihre Augen Wasser fließen, wie ich's nie von zwei Männern gesehen habe. Und die andern machten es ihnen nach. Dann knieten sie auf den entgegengesetzten Seiten des Sarges nieder, legten ihre Köpfe darauf und thaten, als ob sie im stillen beteten. Dies alles machte einen mächtigen Eindruck auf die Versammlung, und alles sah sich von dem Schmerz der beiden hingerissen und schluchzte laut -- die drei armen Mädchen auch, und fast jede Frau ging zu den Mädchen, ohne ein Wort zu sagen, küßte sie feierlich auf die Stirn, legte ihnen die Hand auf den Kopf, sah gen Himmel mit thränenvollen Augen, brach in lautes Schluchzen aus und trat dann, sich die Augen wischend, beiseite, um der nächsten dieselbe Gelegenheit zu geben.
Darauf trat der König etwas vorwärts und fing an, eine Rede hervorzuschluchzen, voller Thränen und Beteuerungen, was für eine schwere Prüfung für ihn und seinen armen Bruder der Verlust des Dahingeschiedenen sei, besonders da sie ihn nach der langen Reise von viertausend Meilen nicht mehr lebend finden konnten. Aber es sei eine Prüfung, versüßt und geheiligt durch dies schöne Mitgefühl, diese heiligen Thränen, und so danke er allen Anwesenden aus seinem und seines Bruders Herzen, denn mit ihrem Munde könnten sie es nicht, da Worte zu schwach und kalt wären. Und so jammervoll gings weiter, bis es einen anekeln konnte. Dann gröhlte er ein ›Amen‹ heraus, und das Heulen ging wieder los.
Kaum hatte er ausgeredet, so intonierte einer der Anwesenden das ›Ehre sei Gott in der Höhe‹ und alle fielen kräftig mit ein; das wärmte einem ordentlich das Herz. Musik ist doch ein herrliches Ding; zumal nach einer solchen Rührscene, wo alles so weich wie geschmolzene Butter wurde, wirkte der kernige und ehrliche Gesang ordentlich auffrischend.
Dann setzte der König wieder seine Kinnlade in Bewegung und sagte, wie sehr er und seine Nichten sich freuen würden, wenn einige der nächsten Freunde der Familie zum Abendessen bleiben und nachher mit bei dem Leichnam des Verstorbenen wachen wollten. »Ja,« sagte er, »wenn unser armer Bruder, der jetzt dort liegt, reden könnte, so weiß ich, wen er nennen würde; die Namen, die ihm so lieb waren und die er oft in seinen Briefen nannte, waren folgende: Pastor Hobson und Vorsteher Lot Hovey und Herr Ben Rucker und Abner Shackleford und Levi Bell und ~Dr.~ Robinson und deren Frauen und Witwe Bartley.«
Pfarrer Hobson und ~Dr.~ Robinson waren am andern Ende der Stadt zusammen auf der Jagd; das heißt, ich meine, der Doktor expedierte einen Kranken ins Jenseits und der Pfarrer wies ihm den rechten Weg. Advokat Bell war in Geschäften nach Louisville gereist. Aber die übrigen waren bei der Hand und so kamen sie denn alle und schüttelten dem König die Hände und dankten ihm. Dann reichten sie auch dem Herzog die Hände und sagten nichts, aber sie lächelten ihn freundlich kopfnickend an, während er mit den Händen allerlei Zeichen machte und die ganze Zeit ›Gu--gu--gu--gu--gu‹ schluchzte wie ein Säugling, der noch kein Wort sprechen kann.
Der König plapperte in einem fort und fragte fast nach jedermann im ganzen Städtchen, nannte viele bei Namen, berührte allerlei Kleinigkeiten, die sich im Städtchen und besonders in Georges Familie und an Peter selbst ereignet hatten, und dabei that er, als ob ihm Peter alles geschrieben hätte. Dieser freche Lügner! Ich brauche nicht zu wiederholen, daß er all das Zeug aus dem jungen Burschen herausgepumpt, den wir im Kanoe aufs Dampfboot expediert hatten.
Nun brachte Mary Jane den Brief, den ihr Onkel zurückgelassen hatte, und der König las ihn vor und weinte darüber. Der Verstorbene vermachte sein Wohnhaus und dreitausend Dollars Gold den Mädchen, und schenkte die Gerberei, die ein gutes Geschäft war, nebst andern Gebäulichkeiten und Land, alles im Wert von etwa siebentausend Dollars, dazu noch dreitausend Dollars in Gold, Harry und William. Er bezeichnete auch, wo die sechstausend Dollars im Keller versteckt seien. Drauf sagten die zwei Betrüger, sie wollten gleich gehen und es herauf bringen, damit es in bester Ordnung besorgt würde, und geboten mir, mit einem Lichte mitzukommen. Sie schlossen die Kellerthür hinter sich ab und als sie den Sack fanden, schütteten sie ihn auf die Diele aus -- es war ein herrlicher Anblick, all die Goldstücke. O, wie leuchteten da des Königs Augen! Er klopfte dem Herzog auf die Schulter und rief:
»Gelt, diesmal hat's aber eingeschlagen! wer hätte so viel erwartet! Kerl, das geht über's ›~non plus ultra~!‹«
Der Herzog stimmte bei. Sie prüften die Goldstücke und ließen sie durch die Finger gleiten und auf der Diele klingen. Der König sprach:
»Das steht fest: Brüder eines reichen Toten und Vertreter ausländischer Erben zu sein, die zurückgeblieben sind, ist jetzt der richtige Beruf für dich und mich, Sommerfett!«
Jeder andere wäre zufrieden gewesen mit einem solchen Haufen Gold; aber nein, sie mußten ihn zählen. Sie thatens und es fehlten vierhundertfünfzehn Dollars. Der König sagte:
»Verdammt! was hat er mit den vierhundertfünfzehn Dollars gemacht?«
Sie grübelten eine Zeit lang und suchten überall herum. Dann meinte der Herzog:
»Er war ja ein recht kranker Mann und hat wohl einen Irrtum begangen -- das wird's wohl sein. Ich meine, es wird am besten sein, wir lassen die Sache auf sich beruhen und sagen nichts davon. Wir können das schon ablassen.«
»Ach, davon ist ja keine Rede, -- ich denke an etwas anderes. Wir müssen sehr vorsichtig und genau in dieser Sache sein. Wir müssen das Geld hinaufnehmen und in Gegenwart der Anwesenden zählen, damit ja kein Verdacht geschöpft werden kann. Wenn nun der tote Mann da sagt, es sind sechstausend Dollars, dürfen wir nicht --«
»Halt!« rief der Herzog, »wir wollen das Fehlende dazuthun« -- und er langte eine Handvoll Goldfüchse aus seiner Tasche heraus.
»Das ist eine famose Idee, Herzog -- du hast einen aufgeweckten Kopf auf deinen Schultern,« rief der König. »Da hilft uns die ›~non plus ultra~‹-Einnahme gut aus« -- und auch er langte nun Goldstücke aus seiner Tasche und stellte sie in gezählten Häufchen auf.
Es erschöpfte fast ihre ganze Barschaft, aber es machte die Sechstausend-Summe voll.
»Hör' mal,« rief nun der Herzog, »ich hab' noch eine andere Idee. Laß uns hinaufgehen, das Geld vorzählen und dann alles mit einander den Mädchen geben.«
»Herzog! Herzog! laß dich umarmen! das ist der brillanteste Gedanke, den ein Mensch haben kann. Du bist das erfinderischste Gehirn, das sich denken läßt. O, das ist grandios, wahrhaftig. Jetzt soll noch jemand mit Zweifel oder Argwohn kommen, wenn er will -- dies überzeugt alle.«
Als wir hinaufkamen, sammelten sich alle um den Tisch. Der König zählte und stellte die Goldstücke auf, dreihundert in jedem Häufchen -- zwanzig elegante kleine Türmchen. Jedermann sah hungrig und mundwässrig darauf hin. Dann wurde alles wieder in den Sack gethan und ich sah, wie der König schon wieder zu einer Rede Atem schöpfte. Er sprach: