Abenteuer und Fahrten des Huckleberry Finn
Part 11
»Aber,« entgegnete dieser, »wenn Julie ein so junges Mädchen war, so würde mein abgeschälter Kopf und mein weißer Bart bei ihr doch wohl etwas altertümlich erscheinen.«
»Nein, sei unbesorgt; diesen Landkaffern wird das nicht auffallen. Und dann wirst du ja auch verkleidet, das macht einen großen Unterschied. Julie auf dem Balkon freut sich des Mondscheins vor dem Schlafengehen, sie hat ihr Nachtgewand und eine faltenreiche Nachthaube auf. Hier sind die Kostüme.«
Er holte zwei oder drei Kalikodinger hervor und sagte, das seien die mittelalterlichen Rüstungen für Richard III. und den andern Burschen -- dann auch ein langes, weißes Nachthemd und eine faltige Nachthaube. Der König war's zufrieden; dann nahm der Herzog sein Buch und las die Rollen in großartigem Stil vor, wobei er herumsprang und wunderliche Gebärden machte, um zu zeigen, wie gespielt werden müsse; dann gab er das Buch dem König zum Auswendiglernen.
Etwa drei Meilen flußab war ein kleines Städtchen, und nach Mittag sagte der Herzog, es sei ihm eine Idee gekommen, wie man auch bei Tage ohne Gefahr für Jim fahren könne. Er wolle sich erlauben nach dem Städtchen zu gehen und alles besorgen. Der König erteilte sich selbst die gleiche Erlaubnis, um zu sehen, ob er dort nicht etwas Profitables ausrichten könnte. Wir hatten keinen Kaffee mehr, Jim schlug daher vor, daß ich im Kanoe mitginge und welchen besorge.
Als wir hinkamen schien alles ausgestorben, als ob es Sonntag wäre. Wir fanden einen kranken Neger, der sich in einem Hofe sonnte. Er sagte uns, daß alle, die nicht zu jung, zu krank oder zu alt seien, bei einer öffentlichen Bußfeier wären, etwa zwei Meilen entfernt im Walde. Der König ließ sich die Richtung angeben und beschloß hinzugehen, um aus der Gelegenheit zu machen, was sich machen ließ. Ich durfte mit.
Der Herzog aber sagte, er müsse eine Druckerei ausfindig machen. Wir hatten dieselbe bald entdeckt. Es war ein kleiner Raum über einer Schreinerwerkstatt -- Schreiner und Drucker waren alle fort, bei der Versammlung, doch war nichts verschlossen. Der Herzog zog den Rock aus und sagte, er sei jetzt in seinem Element; so schoben denn ich und der König ab und gingen zur Versammlung.
In etwa einer halben Stunde kamen wir schweißtriefend dort an, es war ein schrecklich heißer Tag. Es mochten etwa tausend Menschen aus einem Umkreise von zwanzig Meilen beisammen sein. Der Wald war voller Wagen und Gespanne; die Pferde waren überall angebunden, fraßen aus den Wagentrögen und stampften mit den Hufen, um die Fliegen abzuwehren. Dazwischen hatte man Zelte aufgeschlagen, aus Stangen mit Zweigen bedeckt, unter denen Limonade und Pfefferkuchen, Haufen von Wassermelonen, junger Mais und dergleichen zum Verkauf waren.
Unter ähnlichen Zelten fand auch das Predigen statt,[6] nur waren sie größer und faßten viele Menschen. Die Prediger standen auf hohen Brettergerüsten an einem Ende des Zeltes. Die Frauen hatten Hauben auf und waren in selbstgesponnene Zeuge gekleidet, einige in Gingham, die Jugend in Kaliko. Mehrere der Jünglinge waren barfuß, und von den Kindern trugen viele nichts als ein gewöhnliches Hemd. Die alten Frauen strickten und das junge Volk machte einander den Hof.
[6] Mark Twain beschreibt hier ein sog. ›~campmeeting~‹, wie diese im Freien abgehaltenen Bußfeiern genannt werden.
Im ersten Zelt, das wir besuchten, las der Prediger einen Choral vor. Er las immer zwei Zeilen, und dann stimmte die Versammlung an und sang sie. Jeder sang mit, und es tönte ordentlich ergreifend. Das Volk wurde immer wärmer und wärmer und sang lauter und lauter -- gegen Ende des Liedes schluchzten einige, andere jauchzten. Dann begann der Prediger seine Predigt, und was für eine; er wandelte von einem Ende des Gerüsts zum andern, beugte sich weit vornüber -- Körper und Arme waren in steter Bewegung -- und brüllte die Worte mit aller Gewalt heraus. Von Zeit zu Zeit hielt er die geöffnete Bibel hoch empor und schwenkte mit derselben hin und her, wobei er ausrief: ›Das ist die eherne Schlange in der Wüste! Schauet her und lebet!‹ Und das Volk rief: ›Hosiannah -- A--a--men!‹ In dieser Weise ging es fort, unter unaufhörlichem Geplärre der Menge. Zum Schluß forderte er die Anwesenden auf, sich auf die Bank der Bußfertigen zu begeben.
›Ihr reumütigen Kinder, tretet heraus und setzt euch auf die Bank der Bußfertigen. (Amen!) Kommet ihr Mühseligen und Beladenen, (Amen!) kommet ihr Armen und Bedürftigen, in Schmach und Leid Verzehrten; (A--a--men!) kommet, die ihr gebrochenen Herzens, die ihr verzagten Geistes seid! Kommet, die ihr in Sünde und Schmutz gewandelt seid; das reinigende Wasser quillt für euch, die Thür zum Himmel steht euch offen, -- o, tretet ein und seid selig!‹ (A--a--men! Hosiannah, Hosiannah, Hallelujah!)
In diesem Tone ging's weiter. Allenthalben erhoben sich nun Leute aus der Menge und drängten sich mit aller Gewalt hindurch bis zu der Bank der Bußfertigen, während ihnen die Thränen über die Backen liefen. Nachdem alle Büßer hier versammelt waren, sangen und jubilierten sie, daß ihnen schier der Atem ausging; manche gebärdeten sich ganz wahnsinnig und warfen sich in wilder Verzückung auf den mit Stroh bedeckten Boden.
Auf einmal packte es auch den König und er sprang auf das Gerüst. Der Prediger bat ihn, zum Volke zu reden, und er that es mit einer gewaltigen Stimme. Er sagte ihnen, er sei ein Pirat, wäre seit dreißig Jahren einer gewesen, fern im indischen Ozean. Seine Mannschaft sei im Frühling bei einem Kampfe sehr zusammengeschmolzen und er sei heimgekommen, um Rekruten zu sammeln; doch -- dem Himmel sei Dank! -- letzte Nacht sei er beraubt und ohne einen Cent vom Dampfboot ans Land gesetzt worden; er freue sich aber darüber, etwas Besseres hätte ihm gar nicht widerfahren können, denn er sei dadurch zu einem anderen Menschen geworden, und zum erstenmal in seinem Leben fühle er sich glücklich. Arm wie er sei, wolle er sich jetzt zurück zum indischen Ozean durchschlagen und den Rest seines Lebens dazu verwenden, die Piraten auf den wahren Weg zu führen; er könne es besser als irgend ein anderer, da er mit allen Piratenmannschaften jenes Ozeans bekannt sei. Wohl würde er lange Zeit brauchen, ohne Geld dorthin zu kommen, aber hin komme er sicher, und jedesmal, wenn er einen Piraten bekehrt hätte, würde er ihm sagen: ›Mir danke nicht, mir gebührt die Ehre nicht; nein, wohl aber den guten Menschen der Pokville-Buß-Versammlung, den wahren Brüdern und Wohlthätern der Menschheit -- und dem teuren Prediger dort, dem treuesten Freunde, den ein Pirat je hatte!‹
Hier brach der König in Thränen aus, und ebenso alle anderen. Dann rief einer: ›Sammelt für ihn!‹ Ein halbes Dutzend sprangen auf und schickten sich dazu an, aber jemand rief: ›Laßt ihn selbst den Hut herumreichen!‹ Alle riefen es nach, der Prediger auch.
So schritt der König durch die Massen, indem er den Hut herumreichte und sich die Augen wischte, das Volk segnend und preisend und ihm dankend, weil es mit den Piraten in der Ferne es so gut meinte; und sie luden ihn ein, eine Woche zu bleiben; jeder wollte sich's zur Ehre anrechnen, ihn in seinem Hause zu beherbergen. Doch er sagte, da dies der letzte Tag der Versammlung sei, hätte er hier nichts mehr zu thun und er habe Eile, zum indischen Ozean zurückzukehren, um schnell an seine Arbeit bei den Piraten zu gehen.
Als er wieder auf dem Floß ankam und das Geld zählte, fand er, daß er siebenundachtzig Dollars und fünfundsiebenzig Cents gesammelt hatte. Außerdem hatte er einen Dreigallonenkrug Branntwein erwischt, den er unter einem Wagen sah, als wir durch den Wald zurückgingen. Da sagte der König, daß er im Missionsgeschäft kaum jemals einen besseren Tag gehabt habe, als heute. »Heiden,« rief er, »sind doch nichts im Vergleich mit Piraten, wenn's gilt, aus einer Bußversammlung Kapital zu schlagen.«
Indessen war der Herzog auch nicht faul gewesen und freute sich schon im stillen, erzählen zu können, was er eingeheimst. Als aber der König kam und loslegte, da fühlte er sich doch etwas klein. In der Druckerei hatte er zuerst zwei kleine Aufträge für ein paar Farmer ausgeführt -- Rechnungsformulare -- und dafür vier Dollars eingesteckt. Dann hatte er für zehn Dollars Zeitungs-Anzeigen angenommen, was er gegen augenblickliche Vorausbezahlung um vier Dollars that. Der Preis der Zeitung war zwei Dollars pro Jahr, doch hatte er drei Abonnements, jedes zu einem halben Dollar, verkauft, unter der Bedingung augenblicklicher Vorausbezahlung. Sie wollten in Brennholz und Zwiebeln bezahlen, aber er sagte ihnen, er hätte das Geschäft eben erstanden und die Preise so niedrig als möglich herabgesetzt, um auf Barzahlung bestehen zu können. Außerdem hatte er ein Gedichtchen in Typen gesetzt; das hatte er aus seinem eigenen Kopfe gemacht -- drei Verse -- zart und melancholisch -- es hieß: ›Ja, kalte Welt, erdrück' dies brechend' Herz‹ u. s. w. -- das hatte er fix und fertig dagelassen zum Druck in der nächsten Nummer der Zeitung und nichts dafür gerechnet. So hatte er denn im ganzen neun und einen halben Dollar eingenommen und meinte, er hätte eine gute Tages-Arbeit dafür geleistet.
Dann zeigte er uns noch eine kleine Arbeit, die er besorgt, doch nicht berechnet habe, denn sie sei für uns. Es war das Bild eines entlaufenen Negers, der einen Bündel auf einem Stock über der Schulter trug, und darunter stand geschrieben: ›200 Dollars Belohnung.‹ Das übrige auf dem Zettel gab eine genaue Beschreibung von Jim und besagte, derselbe sei von der St. Jakobs-Plantage vierzig Meilen unterhalb New Orleans letzten Winter -- wahrscheinlich nordwärts -- entlaufen, und wer ihn fange und wiederbringe, würde die Belohnung und die Unkosten bezahlt erhalten.
»Von jetzt an,« sagte der Herzog, »können wir auch am Tage drauflos fahren. Wenn wir jemand kommen sehen, binden wir Jims Hände und Füße, legen ihn ins Zelt, verweisen auf die Anzeige, sagen, wir haben ihn gefangen, seien zu arm, mit dem Dampfboot zu fahren, haben von Freunden dies Floß auf Kredit gekauft und wollen uns jetzt unsere Belohnung holen. Handschellen und Ketten würden sich zwar noch besser ausnehmen, das stimmt aber nicht recht mit unserer Armutsgeschichte. Stricke sind das rechte. Wir müssen die ›Einheiten‹ wahren, wie wir auf den Brettern sagen.«
Wir stimmten alle darin überein, daß der Herzog ein findiger Kopf sei und das Reisen bei Tage uns jetzt keine Ungelegenheit mehr bringen würde. Wir hofften diese Nacht noch weit genug zu kommen, um aus dem Bereich des Skandals zu sein, den des Herzogs Arbeit in der Druckerei jenes Städtchens verursachen würde -- im übrigen konnten wir unbehelligt reisen.
Wir blieben versteckt und hielten uns still und wagten uns nicht hinaus bis etwa zehn Uhr; dann glitten wir ziemlich entfernt vom Stadtufer dahin und hißten unsere Laterne erst auf, als das Städtchen schon längst außer Sicht war.
Als Jim mich weckte, um die Wacht um vier Uhr morgens zu übernehmen, sagte er:
»Huck, du denken, wir noch mehr Könige werden treffen auf Reise?«
»Glaub's nicht, Jim,« entgegnete ich.
»Nun, das gut sein, ein oder zwei Jim wollen haben ganz gern, wenn müssen, aber das sein auch genug. Sein ganz mächtig betrunken unser König -- un Herzog nix viel weniger!« --
Achtzehntes Kapitel.
Shakespeares Wiederaufleben. -- Das Kgl. ~Non plus ultra~. -- Aus der Schlinge gezogen.
Die Sonne war längst aufgegangen, als der König und der Herzog hervorkrochen. Sie sahen recht verschlafen aus; aber nachdem sie über Bord gesprungen waren und etwas geschwommen hatten wurden sie bedeutend frischer. Nach dem Frühstück setzte sich der König auf eine Ecke des Floßes, zog die Stiefel aus, rollte die Hosen auf, ließ die Beine bequem ins Wasser hängen, zündete die Pfeife an und begann seinen Teil in ›Romeo und Julie‹ auswendig zu lernen. Als er es ziemlich gut inne hatte übten er und der Herzog zusammen. Der Herzog ließ ihn seufzen und die Hand aufs Herz legen; nach einiger Zeit sagte er, es ginge ziemlich gut; »nur,« meinte er, »mußt du ›Romeo‹ nicht so herausbrüllen wie ein Stier -- du mußt's liebeskrank, sanft und schmelzend sprechen: --R--o--o--meo! denn Julie ist ein liebes süßes Mädchen, fast ein Kind, weißt du, und schreit nicht wie ein Esel.«
Nun holten sie ein paar lange Schwerter hervor, die der Herzog, der Richard III. vorstellte, aus Eichenstöcken gemacht hatte, und übten ihr Schwertgefecht. Es war wirklich großartig anzusehen, wie sie drauf los hieben und umhersprangen. Nach einiger Zeit glitt der König aus und fiel über Bord; -- danach rasteten sie und plauderten von allen möglichen Abenteuern, die sie früher längs des Stromes erlebt hatten.
Sobald sich eine Gelegenheit bot, ließ der Herzog einige Anschlagzettel drucken. Auf dem Floß aber ging es in den darauffolgenden Tagen, während wir stromab trieben, sehr lebhaft zu; es gab nichts als Schwertgefechte und Generalproben -- wie der Herzog es nannte. Eines Morgens, als wir schon ziemlich weit drunten im Staate Arkansas waren, sahen wir ein kleines Städtchen in einer großen Bucht. Wir legten etwa dreiviertel Meile oberhalb an, in der Mündung eines Baches, der, von Cypressen überragt, wie ein Tunnel aussah; und wir alle, außer Jim, nahmen das Kanoe und fuhren hinunter, um zu sehen, was für Gelegenheit in dem Städtchen für unsere Vorstellung wäre.
Wir trafen es glücklich; am Nachmittag sollte dort ein Kunstreiter-Zirkus Vorstellung geben, und das Landvolk fing schon an, in allerlei alten Rumpelkasten von Wagen und auch zu Pferde herbeizuströmen. Die Kunstreiter wollten vor Abend noch weiterreisen und so war für unsere Vorstellung gute Gelegenheit. Der Herzog mietete die Rathaushalle und wir gingen umher und klebten unsere Zettel an. Die lauteten so:
Shakespeares Auferstehung!!!
Wunderbare Attraktion!!
_Nur für einen Abend!_
_Die weltberühmten Tragöden_
=David Garrick= der Jüngere vom Drury-Gasse-Theater London
und
=Edmund Kean= der Aeltere vom königlichen Heumarkt-Theater, Piccadilly-London
wie auch der Königlichen Kontinental-Theater -- in ihrem erhabenen Schau-Stück:
Die Balkon-Scene
aus
Romeo und Julie!!!
_Romeo_ Herr Garrick. _Julie_ Herr Kean.
_Unterstützt von allen Kräften der Gesellschaft!_
Neue Kostüme, neue Dekorationen, alles neu!
Ferner:
Der erschütternde, meisterhafte, bluterstarrende Schwertkampf
aus Richard III.!!!
_Richard III._ Herr Garrick. _Richmond_ Herr Kean.
Ferner:
(auf besonderen Wunsch)
Hamlets unsterblicher Monolog!
Gegeben von dem berühmten _Kean_, der ihn an 300 aufeinander folgenden Abenden in Paris gespielt hat!
Nur einen Abend,
wegen unversäumbarer europäischer Engagements!
☛ Eintritt 25 Cents; Kinder und Dienstboten 10 Cents.
Dann trieben wir uns etwas im Städtchen umher. Die Häuser waren meistens alte hölzerne Rumpelkasten, die nie einen Anstrich gehabt hatten; sie ruhten drei bis vier Fuß über der Erde auf Pfählen, damit sie vor dem Strom geschützt waren, wenn der austrat.
Die Kaufläden befanden sich alle an einer Straße. Vor denselben waren weiße Segeltuchdächer über die Seitenwege gespannt, und an die Pfosten, welche diese Dächer stützten, band das Landvolk die Pferde. Unter diesen Zeltdächern standen leere Kisten, auf denen sich den Tag über Faulenzer räkelten, und die mit ihren großen Messern daran herumschnitzten. Es war ein tabakkauendes, gähnendes, faulenzendes und Maulaffen feilhaltendes Gesindel.
Am Flußufer standen mehrere Häuser, welche so unterwaschen waren, daß man meinte, sie müßten jeden Augenblick ins Wasser stürzen. Die Leute waren bereits ausgezogen. Bei ein paar anderen Häusern hatte der Fluß die Erde unter einer Ecke weggespült, so daß sie sich vornüber neigten. Trotzdem wohnten in diesen noch Menschen, aber es war gefährlich, denn zuweilen versinkt ein Stück Land, so breit wie ein Haus, mit einem Male. Solch ein Städtchen muß sich immer weiter zurückziehen, denn der Strom nagt beständig daran.
Je näher der Mittag herankam, desto dichter drängten sich Wagen und Pferde in den Straßen und es kamen immer noch mehr. Familien vom Lande brachten ihr Mittagsessen mit und verzehrten es in ihren Wagen. Es wurde viel Branntwein getrunken, auch sah ich drei Prügeleien.
Also am Abend hatten wir unsere Vorstellung; es waren aber kaum ein Dutzend Leute dabei -- gerade genug, um die Unkosten zu decken. Sie lachten fortwährend und das machte den Herzog ärgerlich. Noch vor dem Ende der Aufführung waren alle wieder fortgegangen, mit Ausnahme eines Jungen, der eingeschlafen war. Da sagte der Herzog: »Diese Arkansas-Kaffern stehen zu tief für Shakespeare; was sie wollen, ist niedrige Komödie -- und vielleicht gar noch Schlimmeres als das. Ich kann mir schon denken, was die wollen.« -- Am nächsten Morgen nahm er große Bogen Packpapier nebst schwarzer Farbe, malte Anzeigen darauf und klebte sie überall an. Die Ankündigung lautete:
Im Rathause!
Nur drei Abende!
=David Garrick= der Jüngere!
und
=Edmund Kean= der Aeltere!
vom London- und den Kontinental-Theatern
in dem ergreifenden Trauerspiel:
Des Königs Kamelopard
oder
Das königliche ~Non plus ultra~!!!
Eintritt 50 Cents.
Ganz unten war in fetter Schrift zu lesen:
=Frauen und Kinder sind ausgeschlossen.=
»Wenn das nicht zieht,« sagte der Herzog, »dann kenne ich Arkansas schlecht.«
Den ganzen Tag waren König und Herzog damit beschäftigt, die Bühne, den Vorhang und eine Reihe Talglichter für die Rampe zurecht zu machen. Am Abend war in kurzer Zeit die Halle gesteckt voll Männer. Als keiner mehr hineinging verließ der Herzog seinen Posten am Eingang, ging hinten herum auf die Bühne und trat vor den Vorhang. Er hielt eine kleine Rede, worin er das angekündigte Trauerspiel pries; es sei das ergreifendste, das überhaupt existiere, und so fuhr er fort zu prahlen mit dem Trauerspiel und mit Edmund Kean dem Aelteren, der die Hauptrolle spielen würde. Endlich, als jedermanns Erwartung aufs höchste gespannt war, zog er den Vorhang auf, und im nächsten Augenblick kam der König auf allen Vieren und fast völlig nackt hereingesprungen. Er war ganz bemalt mit Ringen und Streifen aller Farben, prächtig wie ein Regenbogen. Das Volk fiel fast um vor Lachen, und als der König sich müde gesprungen hatte und hinter die Scene kroch, da klatschte, trampelte, und stürmte die Menge, bis er wiederkam und alles wiederholte, und er mußte es dann noch einmal machen, denn sie riefen ihn wieder heraus. Der Unsinn, welchen der alte Kerl machte, war allerdings toll genug, um sogar eine Kuh zum Lachen zu bringen.
Dann ließ der Herzog den Vorhang herunter, verbeugte sich und sagte, das Trauerspiel würde nur noch zwei Abende gegeben werden wegen dringender Engagements in London, wo die Plätze dafür im Drury-Gassen-Theater bereits alle verkauft seien. Dann machte er noch eine Verbeugung und sagte: »Wenn es uns gelungen ist, sie zu amüsieren und zu belehren, werden wir Ihnen dankbar sein, wenn sie es Ihren Freunden sagen, damit sie auch kommen.«
Etwa zwanzig Stimmen riefen:
»Was? schon vorüber? ist das alles?«
Der Herzog sagte ja. Dann wurde es lebhaft. Alles schrie: »Oho!« sprang wild auf und nach der Bühne zu. Aber ein großer, fein aussehender Mann sprang auf eine Bank und rief:
»Ruhe! ein Wort meine Herren.«
Sie schwiegen wirklich und horchten. »Wir sind zum besten gehalten worden -- ziemlich arg zum besten. Aber wir wollen uns doch nicht von der ganzen Stadt auslachen lassen. Nein. Wir wollen hübsch stille fortgehen und über die Vorstellung prahlen, damit der Rest der Stadt ebenso genarrt werde; dann wissen alle, wie es ist, und keiner kann den andern auslachen. Ist das nicht vernünftig? (»Das ist wahr! -- Der Richter hat recht!« riefen alle.) Wohl denn, also kein übles Wort mehr! -- Geht heim und ratet jedem, das Trauerspiel zu besuchen.«
Am nächsten Tag war von nichts die Rede, als von dem herrlichen Trauerspiel. Am Abend war das Haus wieder überfüllt und auch diese Versammlung war genarrt.
Als ich und der König und der Herzog wieder auf das Floß zurückkamen, aßen wir zusammen zu Abend. Nachher, etwa um Mitternacht, ließen sie Jim und mich das Floß in die Mitte des Stromes steuern und etwa zwei Meilen unterhalb der Stadt anlegen.
Am dritten Abend war das Haus wieder gepackt voll -- es waren diesmal keine neuen Gesichter, sondern Leute, die schon an den vorigen Abenden dagewesen waren. Ich stand beim Herzog und sah, daß jeder, der hineinging, etwas in seinen Taschen oder unter seinem Rock versteckt trug -- und ich konnte sehen, daß es keine Parfümflaschen waren -- nein, gewiß nicht! Es hatte einen widerlichen Geruch, der an schlechte Eier, verfaulte Kohlköpfe und dergleichen erinnerte. Als niemand mehr hinein konnte, gab der Herzog einem in der Nähe Stehenden einen Viertel-Dollar und bat ihn, für eine Minute Thürwächter zu sein. Dann ging er hinten herum nach der Bühnenthür, ich hinter ihm her; doch kaum waren wir um die Ecke gebogen und im Dunkeln, so sprach er:
»Jetzt geh' rasch, bis du von den Häusern weg bist, und dann mach', daß du so schnell zum Floß kommst, als sei der Böse hinter dir!«
Ich that's, und er gleichfalls. Wir kamen zu gleicher Zeit dort an und im Nu glitten wir stromab -- niemand sprach ein Wort. Ich dachte an den armen König, wie es dem wohl mit seiner Audienz gehen würde; der aber kam lustig aus dem Zelt hervor gekrochen und sagte:
»Nun, Herzog, wie hat sich die Geschichte diesmal gelohnt?«
Er war nämlich gar nicht in die Stadt gegangen.
Erst als wir zehn Meilen stromab waren, machten wir Licht und nahmen unser Abendessen. König und Herzog hielten sich den Bauch vor Lachen über die Art, wie sie das Volk überlistet hatten. Der Herzog sagte:
»Grünschnäbel, Dummköpfe! Ich wußte wohl, daß das erste Publikum 's Maul halten würde, damit die übrigen auch in die Falle gingen; ich wußte, daß sie den dritten Abend denken würden, nun sei die Reihe an ihnen. Ja, jetzt haben sie ihre Revanche. Ich gäbe was drum, wenn ich sehen könnte, was sie für ein Gesicht dabei machen.«
Diese Halunken hatten wirklich 465 Dollars an diesen drei Abenden eingenommen. Ich habe früher nie einen solchen Berg von Kleingeld beisammen gesehen.
Bald schliefen und schnarchten die beiden; da sagte Jim zu mir:
»Du nix sein erstaunt von unsre Könige, Huck?«
»Nein,« sagte ich, »durchaus nicht!«
»Aber Huck, sein ja wahre Teufelskerls, nix anderes, rechte echte Teufelskerls.«
»Nun, so viel ich weiß, sind das viele Könige.«
»So, du das meinen? Dann Jim nix wollen wissen von Könige.« --
»Lies doch etwas darüber nach, dann wirst du's sehen. Da ist Henry VIII.; im Vergleich mit dem ist der unsrige ein Sonntagsschul-Superintendent. Und dann Charles II. und Louis XIV. und Louis XV. und James II. und Eduard II. und Richard III. und noch viele andere; fast alle die angelsächsischen Fürsten in den alten Zeiten waren rechte Kains-Kinder. O, du solltest Henry VIII. in seiner Blüte gesehen haben. Das war ein Hauptkerl. Der heiratete ein neues Weib jeden Tag und am nächsten Morgen hieß es immer: ›Kopf ab!‹ Und er that dabei so gleichgültig, als ob er sich ein paar Eier bestellte. ›Nell Gwynn her,‹ rief er. Man brachte sie. -- Nächsten Morgen: ›Kopf ab!‹ und ab war er. ›Jane Shore her,‹ rief er. Sie kommt. -- Nächsten Morgen: ›Kopf ab!‹ -- ab war er. ›Leute, die schöne Rosamund herbei‹; ›schön Rosamund‹ folgt dem Lockruf. -- Nächsten Morgen: ›Kopf ab!‹