Part 7
Flodoard. (mit einem schweren Seufzer) O gnädigster Herr -- --
Gritti. (sanftlächelnd) Die Republik ist deine Schuldnerin, mein Sohn.
Einige Senatoren. Und wir danken euch jezt, heldenmüthiger Florentiner, für eure unbegreifliche Heldenthat. Die Republik wird vergelten.
Flodoard. (den Arm traurig nach Rosamunden ausstrekkend) Dort, seht sie dort meine Vergeltung.
Gritti. (mit Freudestrahlenden Antliz) Führe den Bluthund Abaellino hieher -- ich kenne ihn. Es war eine Zeit, da sagte er zu mir: Herzog, ich messe mich mit dir, die Erde trägt selten auf einem so schmalen Strich Landes zwei so große Männer -- führe doch den grossen Mann hieher!
Senatoren. Wo ist er? wo ist er?
Einige Damen. (in schreklicher Furcht) Um Gotteswillen -- --
Flodoard. (schmerzhaft lächelnd) Fürchtet euch nicht mehr vor ihm, schöne Venetianerinnen, er hat ja nun seine Braut! (indem er auf Rosamunden deutet)
Falieri. (erblassend) Ist er hier schon im Pallast?
Flodoard. Hier im Pallast.
Ein Senator. Warum laßt Ihr uns so lange in banger Erwartung schweben?
Flodoard. (führt den Dogen zu einem Lehnsessel) Wohlan, so mag die Komödie beginnen! -- Abaellino soll erscheinen. Tretet alle an die Seiten!
Wie von einem Sturmwind fortgerissen flog alt und jung erschrokken zurük nach den Wänden. Allen klopfte hoch das Herz; keinen aber mehr, als den Verschwornen, die mit Höllenangst der Erscheinung Abaellinos entgegenharrten.
Der Doge _Andreas_ sas ernst und ruhig in seinem Stuhle, wie ein Richter zum Gericht des Banditenfürsten. Einzeln, in besondern Gruppen standen die Anwesenden mit verschiednem Mienenspiel da -- wie am Weltgerichtsmorgen die Schatten der Seeligen und Verdammten einst untereinandergemischt, und doch grell von einander verschieden dastehn werden. Die schöne _Rosamunde_ lehnte sich in ruhiger Engelsunschuld an Iduellens Achsel und musterte mit durstgen Augen ihren großen Liebling. Die Verschwornen mit langen, bleichen Gesichtern und hin stierenden Augen formirten den Hintergrund. Dumpfe Stille waltete über die Versammlung; kein Odemgeräusche störte sie.
»Und nun soll der schrekliche Abaellino vor euch erscheinen; zittert nicht, er wird keinen verlezzen!« rief _Flodoard_ aus, drehte sich um, ging zur Flügelthür, wischte sich über das Gesicht, warf den Mantel ab, kehrte wieder um -- und wie durch ein Gaukelspiel, war _Flodoard_ in _Abaellino_ verwandelt! --
Sechstes Kapitel. Geistererscheinungen.
Ein lautes Zetergeschrei scholl plözlich durch den Saal -- _Rosamunde_ stürzte ohnmächtig zusammen, die _Verschwornen_ schnappten nach Luft, die _Damen_ kreuzigten und segneten sich, die _Senatoren_ standen leblos wie steinerne Puppen umher und _Andreas Gritti_ verlor im Schrek Gehör und Gesicht.
_Abaellino_ stand ruhig da in seiner ganzen furchtbaren Häßlichkeit, in seinem Banditenhabit, mit dem Gürtel voller Pistolen und Dolche, mit dem abscheulichen verzerrten, gelben Gesicht, über dem rechten Auge ein Pflaster, das linke hinter Fleischrunzeln halb verschwollen. Er grinste nach einer Minute rings umher, und trat dann ·zum erstarrten Doge.
»He!« rief er mit heisrer, grölzender Stimme: »kennt ihr noch den Abaellino, hier ist er, mit Leib und Seele ist er hier, gnädiger Herr, um seine Braut einzuhohlen!«
_Andreas Gritti_ seufzte tief auf, starrte den Ausbund der Hölle mit einem schreklichen Blik an und rief: »so bin ich noch nie hintergangen!«
»Wache! Wache!« schrie _Grimaldi_, der Kardinal, und _Abaellino_ zog eine Pistole hervor aus dem Gürtel, spannte den Hahn und drohte zu ihm herüber: »der erste,« rief er, »der erste, der Wache schreit, oder eine Bewegung macht, ist in dieser Minute des Todes. Glaubt ihr, daß ich mich selber hier überliefern, selber die Wachen an den Thüren bestellt haben würde, wenn ich mich vor ihnen fürchtete, oder wenn ich euch entrinnen wollte? Ja, ich will euer Gefangner sein, aber ohne Gewalt; ich will euer Gefangner sein, dazu bin ich hier erschienen. Fangen soll den Abaellino kein Mensch, er muß selber kommen, um sich seinen Richtern zu überantworten. Oder glaubt ihr, der Abaellino sei der gewöhnlichen Bravo's einer, der vor den Sbirren läuft, aus Armuth oder Leidenschaft meuchelmordet? nein, beim Himmel, nein, der bin ich nicht! war ich Bandit, so war ich Bandit aus Grundsäzzen! --«
Gritti. (die Hände zusammenwerfend) Großer Gott, ist es möglich?
Ein schauerliches Stillschweigen wohnte im Saale. Jeder gehorchte der Stimme des großen Banditen, der mit der Majestät des höllischen Monarchen durch den Saal schritt, wenn anders der Teufel Majestät besizzen kann.
_Rosamunde_ schlug die Augen auf -- ihr erster Blik haftete auf den verwandelten _Flodoard_.
»O!« rief sie: »Allbarmherziger, es ist nicht möglich -- es ist ein satanisches Blendwerk!«
Abaellino. (zu ihr tretend) Nein, kein Blendwerk, Rosamunde; dieser Bandit Abaellino ist dein Flodoard von Florenz.
Rosamunde. Geh, geh, entsezlicher Lügner, es ist nicht möglich! -- du und Flodoard, Seraph und Satan! wer schmilzt die zusammen? Flodoard handelte gros und gut, wie ein Halbgott -- ich habe von ihm gelernt tugendhaft zu handeln. Er war ohne Leidenschaft, zu jeder schönen That willig. Elend und Kummer ertrug er um des Guten willen, die Thränen der Leidenden abzutroknen -- das waren seine Triumpfe! -- Höllischer Bösewicht, den die Schaaren der Ermordeten vor Gottes Richterstuhl längst verklagt haben, prahle nicht mit Flodoards Namen.
Abaellino. (mit Stolz) Rosamunde, du bist -- -- -- ein Weib. Sieh her, ich und dein Flodoard sind eins -- sieh her! sieh her!
Abaellino riß das Pflaster vom Auge, rieb mit seinen Tuch im Gesicht umher, faltete die verzognen Mienen in ihre natürliche Ordnung zurük, strich die schwarzen Haare von der Stirn, und siehe da, der schöne Flodoard stand in Abaellinos Banditentracht vor den Augen der Versammlung.
Abaellino. Sieh, Rosamunde, siebenmahl will ich mein Gesicht noch verwandeln vor deinen Augen, und so täuschend, daß du mich in Ewigkeit nicht erkennen solltest. Aber dieß Gesicht ist Flodoards Angesicht, ich will es vor der Hand beibehalten.
Grimaldi. Entsezlich!
Die Senatoren. (durch einander murmelnd) Unerhört! Schreklich!
Abaellino. (liebreich zu Rosamunden) Nun? -- versöhnst du dich mit mir?
Rosamunde. (ihn anstarrend) Flodoard, du bist kein Mensch!
Abaellino. (sich zu ihr hinabbeugend) Rosamunde -- Rosamunde -- bist du mein?
Rosamunde. (mit schaudernder Verlegenheit) Flodoard -- ach, daß ich dich nie gesehn, nie geliebt hätte!
Abaellino. Willst du nun noch die Braut Flodoards -- die Banditenbraut sein?
Rosamunde. (sieht ihn schweigend an, mit sich selber im fürchterlichen Kampf.)
Abaellino. Sieh, Mädchen, um deinetwillen hab ich mich selber verrathen -- selber hingeliefert -- -- ach, Rosamunde, ich könnte noch mehr thun! -- doch still! Rosamunde, nur eine Sylbe laß mich hören von deiner Lippe, nur ein armseliges Nein, oder Ja! Rosamunde, liebst du mich noch? -- --
Rosamunde antwortete nicht. Ihr Auge sah zu ihm empor, schuldlos und liebevoll, wie das Auge eines Engels, und ihr Blik bekannte dem verführerischen Bösewicht, Liebe. Ihr Busen stürmte ungestüm -- ungestüm wie das Meer der Gedanken und Empfindungen in ihrer Seele. Sie sank in _Iduellens_ Arm zurük und _Iduella_ weinte eine mitleidige Thräne auf ihren Liebling herab.
Der _Doge_ sprang in diesem Augenblik wild vom Sessel auf; sein Auge blizte Wuth, seine Unterlippe zog sich höher hinauf; sein Odem flog heftiger. -- Die Senatoren sahn ihn, warfen sich ihm vor und hielten ihn gewaltsam zurük. _Abaellino_ inzwischen gieng ihm mit befremdender Kälte entgegen, und bat ihn sich zu beruhigen.
»Werdet ihr mir euer Wort halten, gnädigster Herr? -- ihr gabt es mir, des sind jene edeln Venetianer und Venetianerinnen Zeuge.«
Gritti. (wild) Abscheulicher Bösewicht, dein Plan ist fein, boshaft und schreklich angelegt, mich zu betrügen. Sagt, Venetianer, bin ich verpflichtet, einem solchen fürchterlichen Gauner Wort zu halten? Da geht er hin und spielt eine betrügerische blutige Rolle: mordet Venedigs bravste Männer für Lohn, um mit dem Blutgelde in Venedig Aufwand zu machen. Dann kömmt der abgefeimte Abentheurer unter der Maske eines Biedermanns, verführt meine unglükliche Rosamunde zur Liebe, fodert mir das Mädchen ab, unter der Bedingung den Abaellino zu schaffen -- stellt sich dann selber ein, verlangt die Erfüllung meines Versprechens und erwartet schlau genug zugleich Amnestie seiner Verbrechen. -- Sagt, Venetianer, darf ich dem Bösewicht Wort halten.
Alle. Nimmermehr, nimmermehr!
Abaellino. (mit Ernst) Auch dem Fürsten der Finsternis müsset ihr euer Versprechen halten, wenn ihrs einmahl von euch gabet. O, Pfui, pfui, Abaellino, so hast du dich denn schreklich verrechnet: mit Biedermännern glaubt ich zu handeln, pfui, und ich lies mich betrügen! -- (mit schreklichem Ernst) Noch einmahl und zum leztenmahle: soll das herzogliche Wort gebrochen sein?
Gritti. (richterlich) Entwaffnet euch.
Abaellino. Und ihr wollt mich verstoßen -- ich habe mich umsonst in eure Hände geliefert?
Gritti. Dem braven Flodoard hätt ich Rosamunden nicht verweigert, aber dem Mörder Abaellino hab ich nichts in der Welt versprochen.
Abaellino. Hi, hi! meine Mordthaten drükken euch ja nicht, sondern mich; dereinst will ich die Sache vor dem Richter der Welt schon ausfechten.
Grimaldi. (zum Doge) Welche Gotteslästerung!
Abaellino. O, Herr Kardinal, bittet doch für mich -- ihr kennt mich ja, ich bin ein guter Kerl.
Grimaldi. (mit Zorn und geistlicher Hoheit) Elender, was hab ich mit dir zu schaffen?
Abaellino. Soll ich also wahrhaftig verdammt werden? He da, nimmt sich keiner von euch des armen Abaellino an? (Eine Pause) Alle schweigen? gut, so eile denn alles zu Ende mit mir!
Rosamunde. (aufspringend, und zu den Füssen des Dogen) Gnade! Gnade! Barmherzigkeit für ihn!
Abaellino. (mit Seeligkeit) Oh, oh! ein Engel betet für mich in der leztcn Stunde.
Rosamunde. Erbarmen für ihn, mein Vater, Erbarmen für ihn! war er ein Sünder, so richte Gott über ihn! -- ach, ich liebe ihn noch!
Gritti. (sie von sich stoßend) Weg, Geschöpf, ich kenne dich nicht!
Abaellino. (steht mit verschränkten Armen da und weidet sich an der Szene)
Rosamunde. (auf dem Erdboden sich halb erhebend) Habet ihr mit ihm kein Erbarmen, so habet es nur mit mir nicht. Richtet ihr ihn, so richtet mich zuvor! -- -- Vater, -- Vater! verstoßet mich nicht.
Gritti. (zum Abaellino im ernsten Ton) Entwaffnet euch!
Abaellino. Und ihr könnt es kalten Auges ansehn, wie sich dies Lamm zu euern Füssen windet? -- geht, ihr habt sie nie geliebt, diese Rosamunde. -- (Er hebt sie vom Boden auf und trägt sie zu Iduellen) Jezt ist sie mein! -- ich sag es euch, jezt ist sie mein, und der Tod soll uns erst von einander scheiden.
Venetianer, es scheinet als wollet ihr jezt Gericht über mich halten, es scheint, als wolltet ihr den Stab über mich brechen -- wohlan, es sei euch erlaubt! aber zuvor will ich mit mehrern von euch erst richten.
Seht hier, ich bin der Mörder Sylvios, der Mörder Dandolis, der Mörder Kanari's! ich leugne es nicht; wollt ihr nun die Herren kennen lernen, die mich dazu besoldeten -- so seht, Venetianer, seht auf jene Schurken da -- ein, zwei, drei, vier -- Grimaldi, Parozzi, Memmo, Falieri und Kontarino. -- Diese laßt in Verhaft nehmen.
Versteinert und entgeistert standen die genannten da -- das verrätherische Gewissen blinzelte durch die starren Augen, durch die bleichen Wangen hervor und Abaellino wurde von keinem widerlegt.
»Was ist das?« frugen sich die Senatoren erschrokken untereinander.
»Ein schändlicher Gaunerkniff!« lallte der Kardinal _Grimaldi_, »rachsüchtig will nun der Boshafte uns in seinen Prozeß verwikkeln, da er sieht, daß ihm nichts zu seiner verlornen Freiheit verhilft!«
Kontarino. (sich ermannend) Er war in seinem Leben der größte Bösewicht und will es nun auch im Tode sein.
Abaellino. (mit Majestät) Schweigt! ich kenne euer ganzes Komplot, kenne eure Proscriptionslisten, kenne euern Anhang, und indem wir hier mit einander sprechen, nimmt man die Herrn mit den _weissen Armbinden_ gefangen, die in der kommenden Nacht Venedig umdrehn sollten. -- Vertheidigt euch nicht.
Gritti. (erstaunend) Was soll das sein?
Abaellino. Nichts mehr und nichts weniger, gnädigster Herr, als eine enthüllte Verschwörung wider den Staat und euer Leben. -- Seht, so erhält euch ein Bandit zur Dankbarkeit euer Leben, weil ihr ihm bald das seinige rauben werdet.
Ein Senator. (zu den Angeklagten) Edle Venetianer, ihr schweiget.
Abaellino. Hier sind alle Vertheidigungen fruchtlos -- ihre Bande ist auf meinem Befehl jezt desarmirt, und in die Gefängnisse des Staats vertheilt -- besuchet sie, da werdet ihr mehr erfahren. -- Uebrigens bildet euch nicht ein, daß ich um und in diesen herzoglichen Pallast die bewaffneten Soldaten um des fürchterlichen Banditen Abaellinos willen hinstellte, nein, sondern um jene Helden dort in engere Verwahrung zu führen. --
Und nun, Venetianer, ich habe mit Gefahr meines Lebens den Staat gerettet, ich habe mich als Bandit in die Versammlungen der Gottlosen gewagt, habe Sturm und Regen, Frost und Hizze ertragen, habe, wenn ihr schliefet, für Venedig gewacht, und ich darf noch auf keine Belohnung Ansprüche, machen? Das alles hab ich für Rosamunde von Korfu gethan, und ihr wollt sie mir verweigern; ich habe euch euer Leben, euch das Leben eurer Weiber und Kinder erhalten -- Menschen, Menschen und ihr wollt mir das meinige rauben. --
Seht doch, wie jene Bösewichter dastehn, von Gott verdammt und ihrem innern Richter. Oeffnet sich wohl ein Mund zur Rechtfertigung? widerlegt mich einer auch nur mit einem Kopfschütteln? -- Ich will euch von meiner Ehrlichkeit noch besser überzeugen. (Indem er sich zu den Verschwornen wendet.) He da, bekennet die Wahrheit -- derjenige, der sie unter euch zum ersten gesteht, soll Gnade erhalten im Gericht, das versprech ich, der Bandit Abaellino.
Die Verschwornen schwiegen. Endlich nahte sich _Memmo_ einem der Senatoren zitternd. -- »Venetianer!« lallte er: »Abaellino lüget nicht!« --
»Er lüget! er lüget!« riefen mit einemmahle _Falieri_, _Grimaldi_, _Kontarino_ und _Parozzi_.
Still! schrie Abaellino und fürchterlicher Grimm blizte aus seinen Gebehrden: »Still! laßt mich sprechen -- oder besser noch, laßt die Geister der Ermordeten sprechen. Hollah, ho!« schrie der Fürchterliche und sprengte die Flügelthüren voneinander und siehe die längst beweinten, längst betrauerten Edeln traten herein, _Sylvio_, _Kanari_ und _Dandoli_!
»Verrätherei!« brüllte _Kontarino_ und sties sich einen verborgen gehabten Dolch ins Herz.
Welch ein Auftritt!
Weinend sank _Andreas Gritti_ in den Arm seiner todgewähnten Freunde; weinend schlang das lebende Kleeblatt großer Männer sich um den Freund und Waffenbruder und Herzog. -- Erst in den Wohnungen des Himmels glaubten sich diese schönen Seelen, diese Helden, wieder finden zu können, und sie fanden sich nun auf Erden wieder zusammen. Sie die einstens als Jünglinge mit einander aufwuchsen, mit einander für das Wohl ihres Vaterlandes fochten, hingen jezt als Greise hier umeinander. Gerührt standen die Zuschauer da, und die alten ehrwürdigen Senatoren konnten sich bei dieser heiligen Szene der Thränen nicht erwehren. Man hörte und sah in dieser seeligen Trunkenheit nichts -- hörte und sah nicht, daß die Verschwornen und der Selbstmörder _Kontarino_ der Wache überliefert wurden -- hörte und sah nicht Rosamunden, die sich schluchzend an die Brust des schönen _Abaellino_ warf und überlaut schrie: Dieser -- _dieser ist kein Mörder_!
Aber man ermannte sich endlich. Die Besonnenheit kehrte zurük. -- »Heil dem Erretter der Republik!« schrie man und weinte man laut und umringte den Abaellino.
Abaellino, vor einigen Minuten noch von allen verdammt, stand hehr und gros unter der entzükten Menge da, wie ein Gott, und an ihm hinauf schlang sich die schöne Rosamunde.
»Ich bin nicht Abaellino, nicht Flodoard von Florenz,« sprach er sanft lächelnd: »ich bin der vertriebne Graf Obizzo von Neapel. Ich kam hieher als ein Bettler; Banditen nahmen mich in ihren Bund auf, und ich ergrif mit Freuden ihr unseeliges Gewerbe, theils um Venedig von dieser Menschenklasse selber zu reinigen, theils um auch diejenigen Buben kennen zu lernen, in deren Solde diese Meuchelmörder standen. Ich überlieferte euch die Banditen, und ihren Anführer ermordete ich vor Rosamunden mit eigner Hand. Ich war in Venedig der einzige Bandit; an mich mußten sich alle Schurken wenden; ich lernte sie und ihre Pläne kennen und ihr kennt sie jezt auch. _Sylvio_, _Kanari_ und _Dandoli_ sollten hingerichtet werden -- wollten diese Männer nicht durch die Dolche andrer fallen: so mußten sie mit mir flüchten. Ich brachte sie durch Gewalt, Güte und List an einen Ort, wo sie sicher vor jeder Entdekkung waren, bis zum heutigen Tage. Sie entwarfen mit mir Pläne für die Zukunft und wie man die Verschwornen fassen müsse -- das alles ist jezt ausgeführt und nun Venetianer, wollt ihr mich noch verdammen?«
»_Dich verdammen?_« riefen Doge, Senatoren und Nobili, und jeder ris ihn an sich, und drükte ihn nassen Auges an sein Herz.
»O!« rief _Andreas Gritti_, indem er seine Augen trocknete: »ich gebe meine herzogliche Müzze dahin, wenn ich ein Bandit werden konnte, wie du! -- _Grosser Bandit_, du hast mich überwunden, du bist größer, als ich! Nimm hin meine Rosamunde, nimm hin; etwas bessers hab ich nicht, sie gilt mir theuerer, als ein Kaiserthum -- nimm sie hin!«
»Abaellino!« jauchzte _Rosamunde_, und küßte den schönen Banditen mit Glut.
»Rosamunde!« rief _Abaellino_ und vergas in dieser Umarmung die ganze Welt.
Siebentes Kapitel. Nachschrift.
Freilich wär es so unrecht nicht, wenn man sich jezt zwischen den Graf Obizzo der schönen Rosamunde und dem alten Doge hinsezzen, und Obizzo's Erzählung von seiner Herkunft und seinen ehmahligen Abentheuern, die ihn nach Venedig trieben, mit anhören könnte -- allein hier sind vorläufig nur zwei Fragen zu beantworten, die alles entscheiden. _Erstlich:_ hört man mir gern zu, wenn ich Märchen erzähle? -- _Zweitens:_ Hab ich auch Zeit genug übrig Märchen zu erzählen? --
Anmerkungen zur Transkription
Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind, wurden ^so^ markiert.
Die kräftig variierende Schreibweise, Grammatik und Interpunktion des Originales wurden unverändert beibehalten. Lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
[S. 13]: ... und der Wicht, der da bei der Molda steht, ... ... und der Wicht, der da bei der Molla steht, ...
[S. 21]: ... wird einmal selig, und wenn er verdammt hat, ... ... wird einmal selig, und wen er verdammt hat, ...
[S. 22]: ... der großen Zahl ihrer Andachstübungen; die Weltdame ... ... der großen Zahl ihrer Andachtsübungen; die Weltdame ...
[S. 29]: ... Abbaellino mischte sich unter die Spaziergänger; ... ... Abaellino mischte sich unter die Spaziergänger; ...
[S. 34]: ... den Dolch ins Herz gestossen, meinten die venetiaschen ... ... den Dolch ins Herz gestossen, meinten die venetianischen ...
[S. 37]: ... du den Matteo wider die Nichte des Andreas Griti ausgeschikt?« ... ... du den Matteo wider die Nichte des Andreas Gritti ausgeschikt?« ...
[S. 38]: ... Parrozi. Falieri hat Recht. ... ... Parozzi. Falieri hat Recht. ...
[S. 50]: ... und sank kreischend auf den Sessell nieder, ... ... und sank kreischend auf den Sessel nieder, ...
[S. 54]: ... Balluzo. Die Wahl hält nicht schwer. ... ... Baluzzo. Die Wahl hält nicht schwer. ...
[S. 55]: ... Balluzo. Ja, an Matteo's Stelle. ... ... Baluzzo. Ja, an Matteo's Stelle. ...
[S. 55]: ... Abellino. Und ich sage, als ein braver Gesell ... ... Abaellino. Und ich sage, als ein braver Gesell ...
[S. 61]: ... hassen, daß er zum erstenmahl erblikt, da ihm ... ... hassen, das er zum erstenmahl erblikt, da ihm ...
[S. 91]: ... Sieh sah den Bittenden an und schwieg. ... ... Sie sah den Bittenden an und schwieg. ...
[S. 117]: ... Geistes endekt -- darum wag ich die Foderung, ... ... Geistes entdekt -- darum wag ich die Foderung, ...
End of Project Gutenberg's Abaellino der große Bandit, by Heinrich Zschokke