Abaellino der große Bandit

Part 6

Chapter 63,526 wordsPublic domain

Gritti sah mit stiller Würde und mit Ernst auf den Knieenden hernieder.

»Ich mag eure Vertheidigung nicht hören!« sagte der Doge mit steigender Stimme.

»Nein,« entgegnete _Flodoard_, mit festem Tone: »nein, gnädigster Herr, _ich_ bedarf keiner Vertheidigung, daß ich Rosamunden liebe, wohl muß sich _der_ vertheidigen, der sie _nicht_ liebte! Ists aber ein Verbrechen, daß ich Rosamunden anbete, o so mag mich Gott von dieser Sünde frei sprechen, weil er Rosamunden so schön erschuf.« --

»Ihr scheint auf eure wizzige Apologie vielen Fleiß verwandt zu haben; aber sie verfehlt ihren Zwek,« versezte _Gritti_.

»Ich sag es noch einmahl, gnädigster Herr!« erwiederte _Flodoard_, und stand auf: »entschuldigen will ich mich nicht. Aber ich will mehr, ich bitte bei euch um Rosamunden.«

Gritti stierte den Kühnen mit einem fremden Blik an.

»Freilich, gnädigster Herr, freilich bin ich ein armer Edelmann, und es scheinet Verwegenheit zu sein, wenn ein solcher um die Nichte des Venetianischen Doge buhlt. Aber, beim Himmel, ich glaube der große Gritti wird seine Rosamunde nicht an Männer verschenken, die nur mit Goldstükken, Grafschaften, und Titeln prahlen, oder sich in den Glanz ihrer Ahnen verhüllen, wenn sie nicht selber glänzen. -- Ich gesteh es freilich, noch besizze ich keine Verdienste, die mich eurer Rosamunde würdig machen könnten, aber ich will sie mir erwerben. -- --«

Der Doge drehte sich unwillig um. _Rosamunde_ flog herbei und schlang ihren Arm um Grittis gebeugten Nakken. --

»Zürnet nicht!« rief sie und verbarg ihr bethräntes Antliz an dem Busen ihres Oheims.

»Fodert!« rief _Flodoard_; »was muß ich sein, was soll ich thun, um Rosamunden zu erhalten von euch. Fodert, es soll mir das Schwerste ein Kinderspiel werden. Beim Himmel, ich wünschte Venedig läge unter der gräslichsten Gefahr, oder euer Leben würde von zehntausend Dolchen bedroht -- dann dürft ich hoffen Rosamunden zu verdienen. Ich rettete Venedig und schlüge zehntausend Klingen zurük. --«

Gritti lächelte bitter. »Ich habe,« sagte er: »ich habe der Republik viele Jahre gedient; ich habe Leben und Blut gewagt, ich erwartete wenigstens zur Belohnung ein sanftes, glükseliges Alter -- aber ich habe mich betrogen. Meine alten Freunde werden mir durch Banditen geraubt und -- ihr, Flodoard, ihr nehmt mir nun noch diese einzige, die bisher meine lezte Freude war. -- -- Höre, Rosamunde, liebst du den Flodoard wirklich?«

Flodoard zitterte. _Rosamunde_ ergriff des Jünglings Hand und -- schwieg.

Gritti wandte sich aus Rosamundens Arme, und gieng langsam mit tiefem Ernste im Zimmer auf und nieder. Rosamunde warf sich auf einen benachbarten Sessel; und weinte. _Flodoard_ beobachtete den Dogen.

So verstrichen einige Minuten. Es herrschte im Zimmer eine feierliche Stille; _Gritti_ schien mit einem fürchterlichen Entschlusse schwanger zu gehn. Bekümmert erwarteten die Liebenden den Ausgang der Geschichte.

Plözlich blieb der Doge in der Mitte des Zimmers stehn. »Flodoard!« sprach er, und Flodoard nahte sich ihm ehrerbietig: »Flodoard, ich habe den Entschluß gefaßt: Liebt euch meine Rosamunde, wohl, so mag sie es thun; ich will der Wahl ihren Herzens keine Schranken bauen. Aber Rosamunde ist mir viel zu theuer, als daß ich sie dem ersten besten überlassen könnte, der sie fodert. Der Mann, dem ich Rosamunden lasse, muß Rosamundens werth sein; sie soll eine Belohnung seiner Verdienste werden. Noch habt ihr euch nur geringe Verdienste um unsern Staat erworben -- es ist jezt Gelegenheit da, euch ein sehr großes zu verschaffen. Schafft mir den Mörder Sylvios, Kanaris und Dandoli's -- schafft mir den fürchterlichen Banditenkönig _Abaellino_ tod oder lebendig! --«

Flodoard trat bei dieser Foderung, an deren Erfüllung sein Wohl und Weh hieng, erblassend zurük. »Gnädigster Herr -- --« stammelte er.

»Ich weis, fuhr _Andreas Gritti_ fort: ich weis sehr gut, welch eine Foderung ich wage, wenn ich den _Abaellino_ fodre. Lieber will ich selber mich durch eine türkische Flotte schlagen und das Admiralschiff aus ihrer Mitte stehlen, als diesen Abaellino fangen, der mit der Hölle einen Bund geschlossen zu haben scheint, der allenthalben und nirgends ist, den viele gesehn haben und den keiner kennt, der den Wiz unserer Staatsinquisitoren, des Collegiums der zehn Männer und ihrer Spione zu Schanden macht; vor dem jeder edle Venetianer zitiert, vor dessen Dolch ich selber auf meinem Throne nicht sicher bin. -- Ich weis es, was ich fodre, aber, Flodoard, ich weis auch, was ich gebe. Ihr seid verlegen? -- Ihr schweiget? -- Flodoard, ich habe euch lange genug beobachtet, ich habe in euch Spuren eines wahrhaft großen Geistes entdekt -- darum wag ich die Foderung, ists einer vermögend, den Abaellino zu fassen, so glaub ich seid ihrs. -- Nun?«

Flodoard gieng schweigend vor sich umher; ein fürchterliches Wagestük wars, das er unternehmen sollte, wehe, wenn Abaellino sein Vorhaben erfuhr! aber _Rosamunde_ war der _Preis_! Er warf einen Blik auf das Mädchen, und sein Plan war entworfen, alles zu wagen.

Er gieng zum Dogen.

Gritti. (sanft) Nun, Flodoard?

Flodoard. (mit großem Nachdruk) Erhalt' ich warlich dann Rosamunden, wann ich euch den Abaellino überliefre? --

Gritti. Nicht eher.

Rosamunde. Flodoard! Flodoard! das Spiel endet sich schreklich -- hüte dich selber vor Abaellinos Dolch!

Flodoard. (indem er mit den Zähnen knirscht) Still! -- (gefaßt) Gnädigster Herr, gebt mit eure Herzogliche Hand darauf.

Gritti. Ich schwör es euch, Flodoard, schafft ihr mir den schreklichen Feind der Republik lebendig oder tod, so geb ich euch Rosamunden mit fürstlicher Aussteuer zur Gemahlin!

Flodoard. (hält schweigend die Hand hin)

Gritti. Hier empfangt meine Herzogliche Rechte.

Flodoard ging in Gedanken verloren durch das Zimmer. Im Thurme der St. Markuskirche schlug es fünf Uhr.

»Der Abend übereilt uns!« tief _Flodoard_ »wohlan so sei's; in _vier und zwanzig Stunden_ überliefr' ich euch den fürchterlichen Banditen Abaellino.«

Gritti. (betroffen) Junger Mensch, versprecht weniger und leistet mehr.

Flodoard. (ernst und fest) Es gehe wie es gehe, ich halte entweder mein Wort, oder trete nimmermehr wieder über die Schwelle eures Pallastes. Ich habe Spuren und sichre Merkmahle von dem Bösewicht -- entweder spiel ich morgen um diese Zeit ein Lustspiel, oder es werde in Gottesnamen ein Trauerspiel!

Gritti. Uebereilung ist gefährlich.

Flodoard. (mit Stolz) Ueber die Jahre der Uebereilung denk ich in meinem Leben hinweggesprungen zu sein. --

Rosamunde. (seine Hand fassend) Flodoard, Flodoard besinnet euch. Mein Oheim liebt euch, -- nehmet euch vor Abaellinos Dolch in Acht!

Flodoard. Eben deswegen muß alles in vier und zwanzig Stunden, oder nie gethan werden. Wohlan, gnädigster Herr, ich will beweisen, daß die Liebe alles wagen kann -- --

Gritti. _Wagen_ freilich, aber ob _erringen_?

Flodoard. (dem man eine wachsende Verlegenheit ansieht) Macht mich nicht kleinmüthig, gnädigster Herr, seht, ich will euch bessern Muth geben. Habet die Gnade morgen Nachmittag in diesem Zimmer große Gesellschaft zusammenzubitten, Damen und Herrn, denn gewinn' ich morgen den Sieg, so erleb ich ein großes Fest. Ladet vorzüglich die Beisizzer des ehrwürdigen Gerichts der zehn Männer ein, damit sie doch den Abaellino von Angesicht zu Angesicht kennen lernen, mit dem sie so lange vergebens im Kriege lebten.

Gritti. (sieht ihn lange bedenklich an, endlich:) Sie sollen erscheinen.

Flodoard. Und ihr habt ja wohl, wenn ich nicht irre, einige neue Freunde an dem Kardinal Grimaldi, dem Nobile Kontarino, Memmo, Falieri und Parozzi erhalten. Sie sind auch meine Freunde vor kurzer Zeit geworden; ich wünschte sie wären morgen gegenwärtig.

Gritti. Sie sollen gegenwärtig sein.

Flodoard. Aber noch eins. Sagt niemanden früher die Ursach der Zusammenkunft, ehe sie nicht alle angekommen sind. Dann stellt rings um eueren Pallast Wache mit geladnen Gewehren und selbst vor den Thüren dieses Zimmers, mit dem strengen Befehl, jeden herein, niemanden, bei Todesstrafe, heraus zu lassen. Denn vor Abaellino ist niemand sicher.

Gritti. Es wird geschehn.

Flodoard. Morgen mit dem Glokkenschlage fünf, oder nie, sehn wir uns wieder!

Flodoard empfahl sich schnell. _Rosamunde_ bebte am Arme des Herzogs und _Gritti_ schüttelte den Kopf.

Drittes Kapitel. Die nächtliche Verschwörung.

»Juchheisa!« rief in der Mitternachtsstunde _Parozzi_ im Zimmer des Kardinals _Grimaldi_, wo das ganze höllische Complot wieder beisammen war: die Sachen gehn treflich. Flodoard ist heut angekommen und Abaellino schon richtig bezahlt!

Grimaldi. Der Flodoard ist ein Schlaukopf, ich wünschte lieber, er bliebe am Leben und schlüge sich zu unsrer Parthei. Ich sage euch, Flodoard ist ein Schlaukopf!

Parozzi. Wie die Vagabonden immer sind.

Memmo. Und stolz ist er, stolz, als wär er Venedigs Herrgott.

Falieri. Rosamunde, wie ich erfahren habe, soll ihm nicht unhold sein.

Parozzi. O, Geduld, Abaellino bricht ihm den Hals, dann kann er mit dem Teufel und seiner Grosmutter liebeln.

Kontarino. Uebrigens hab ich troz aller Kundschaft seinetwegen in Florenz wenig erfahren. Es sollen einmahl, schreibt man mir, es sollen einmahl Flodoardo's in Florenz existirt, aber sich längst von da hinweg begeben haben, man wisse nicht, wohin? und zu dieser Familie Flodoardo müsse denn wohl unser Vagabond gehören.

Grimaldi. Der Doge hat euch also sämmtlich auf morgen Nachmittag zu sich eingeladen?

Alle. Wahrhaftig! wahrhaftig!

Grimaldi. (mit Selbstgefühl) Das freut mich, das freut mich. Ich sehe mit Vergnügen, daß meine Empfehlung bei ihm so vieles gewirkt hat. -- Und morgen Abend ist bei ihm Ball mit Masken, wie mir sein Kammerdiener sagte?

Falieri. Freilich!

Memmo. Wenn er nur nicht um unsre Verschwörung weis -- ich wäre des Todes!

Grimaldi. Er kann unmöglich davon wissen.

Memmo. Ei, zum Teufel, jeder Beutelschneider, Pflastertreter, Abentheurer, Bettler und wie das Lumpengesindel heissen mag, welches unsre Armee ausmacht, weis davon und er sollte noch nichts gewittert haben?

Kontarino. Du Narr, da gehts ihm, wie betrognen Ehemännern; jedermann weis, daß sie Hörner tragen, nur sie selber haben keine Notiz davon. Aber, wahrhaftig, wir müssen nun den Anfang machen, unsre Projekte zu realisiren, oder wir werden endlich verrathen. --

Falieri. Du hast recht, Bruder.

Parozzi. Die Misvergnügten, die sich auf unsre Seite geschlagen haben, sinds zufrieden, wenn der Betteltanz in dieser Nacht vor sich gienge.

Kontarino. Ich nehme morgen den Dogen auf mich, und steche ihn nieder. Dann ergeh es, wie es wolle. Entweder wir sind dann aus allen Bedrängnissen durch allgemeinen Aufruhr der Republik gerettet, oder wir seegeln mit vollem Winde aus dieser vermaledeiten Zeitlichkeit ab.

Parozzi. Wir versehn uns alle mit Gewehr.

Grimaldi. Das Kollegium der Zehnmänner ist sammt und sonders morgen gegenwärtig -- --

Falieri. Alle müssen sie niedergemacht werden!

Memmo. Wenns nur zulezt nicht schreklich für uns selber abläuft.

Kontarino. Ei, du verdammter feiger Knabe, bleib zu Hause hinterm Ofen; aber sind wir durchgedrungen, so komm nicht und fodre deine Geldsummen wieder.

Memmo. Bei meiner Seel, Kontarino, an Muth fehlts mir nicht; willst du, ich messe mich mit dir in diesem Augenblik mit der Klinge. Aber dein unseeliger Hitzkopf fehlt mir.

Grimaldi. Und wenn alles verdorben ist, so macht es die Kirche wieder gut und das große Wort Sr. Heiligkeit.

Memmo. Aber wo sind denn die Briefe vom Pabst?

Grimaldi. (wirft ihm zwei Papiere vor) Lies, ungläubiger Thomas!

Memmo. Donner und Wetter, wir treiben also eine privilegirte Schurkerei! --

Grimaldi. Der Pabst muß uns schüzzen, ich sage, er _muß_, denn wir vertheidigen als gute Christen die Gerechtsame seines Stuhls in der Republik Venedig -- schon das kann euch eine Quelle des Muths werden, wenn in der lezten Noth alles scheitern sollte. Keine Hand darf euch verlezzen!

Kontarino. Höre, Parozzi, es bleibt nach unsrer Abrede dabei, du bestellst unsre Bundesgenossen mit Waffen und Wehr in deine Behausung. Um Mitternacht verläßt du den Ball, und bemächtigst dich des Arsenals. Der Hauptmann Sebilli ist unser, und hält dort die Wache.

Grimaldi. Der Schiffkapitain Adormo wird auf das Signal der Sturmglokke zu uns stossen mit seinen Leuten.

Falieri. Es kann gar nicht fehlen!

Kontarino. Macht nur die Verwirrung so gros, als möglich, Freunde und Feinde müssen durcheinander wüthen, keiner muß wissen woher der Aufruhr, warum, und wohin! --

Parozzi. Bei meiner Seele, ich danke Gott, daß es endlich so weit gediehen ist.

Falieri. Hast du die weißen Armbinden unter unsre Leute ausgetheilt, Parozzi?

Parozzi. Schon vorgestern.

Kontarino. Halloh, Brüder, die Kelche gefüllt! so wie jezt sizzen wir nicht sobald wieder beisammen, als nach vollbrachter Arbeit! --

Memmo. Laßt uns noch einmahl alles weislich überlegen!

Kontarino. Pfui! Ueberlegung ist das Kind der kalten Vernunft, und diese gilt in der Rebellion nicht. Hier spricht die Verzweiflung. Nur erst das Werk begonnen, das Staatssystem Venedigs mit Heldenmuth über einander geworfen, bis keiner mehr weis, wer Herr, und wer Unterthan sei, dann kann die Ueberlegung kommen, um zu rathen, wie weiter! -- lustig, eingeschenkt! -- Der Doge bietet uns durch seinen Ball die Hand -- ha, ha, ha!

Parozzi. Den Abaellino müssen wir nothwendig vorher sprechen.

Kontarino. (schwänkt den Weinbecher) Es lebe Abaellino!

Alle. (trinkend) Abaellino! Abaellino!

Grimaldi. Und glüklichen Ausgang der künftigen Nacht!

Memmo. Ja, wohl! ja wohl!

Alle. Ein glüklicher Ausgang!

Parozzi. Wo sizzen wie übermorgen Nacht?

Viertes Kapitel. Der wichtige Tag.

Am folgenden Morgen war alles so ruhig in Venedig, als wäre nichts geschehn, und doch war es gewiß, daß dieser Tag einer der merkwürdigsten in diesem Staate werden mußte.

Im Herzoglichen Pallaste war alles schon sehr früh erwacht. Der bekümmerte _Gritti_ verlies ungewöhnlich zeitig das Nachtlager, auf welchem er sich dießmal schlaflos und sorgenvoll hin und her gewälzt hatte. _Rosamunde_ hatte vom schönen Flodoard geträumt und wachend sezte sie ihre Träumereien fort. _Iduella_ hatte unruhig geschlafen; sie liebte Rosamunden zu sehr und wußte schon welch ein intressanter Tag für das arme liebende Geschöpf der heutige werden würde. Aber Rosamunde war ungemein heiter; sie scherzte mit Iduellen, sezte sich zu ihrer Harfe und sang sich das Lied ihres Lieblingsdichters:

Liebe, Liebe, Kind des Himmels, Aller Welten Königin, Durch die Graun des Weltgetümmels Warst du meine Führerin. Früh hat mich dein Arm umschlungen, Früh dein holder Geist bezwungen, Früh dein Rosenmund geküßt.

In dem Morgentraum des Lebens Sog des Lebens erste Lust Stiller Wonne, frohen Lebens Lieb o Lieb an deiner Brust! Ach, von deinem Arm geschaukelt, Deinen Tändelein umgaukelt Froh zu früh der Morgentraum!

Deinen Namen, deinen Stämpel Trägt die Schöpfung immerdar; Sieh, der Himmel ist dein Tempel und die Erde dein Altar -- Ja, so lange meine Augen Noch den Reiz der Schöpfung saugen, Bet' ich dich, o Liebe, an!

Aber _Rosamundens_ selige Laune verschwand, als der Mittag heranrükte und vorüberzog. Aengstlich wankte sie hier und dahin; ihr Herz klopfte ungestüm, in Erwartung fürchterlicher Auftritte.

Schon versammelten sich die Vornehmen Venedigs im Pallast ihres Oheims, schon war der schrekliche Nachmittag da, und der Doge sandte Iduellen an sie ab, in den großen Saal sie zu führen, wo die Herrn und Damen ihrer harrten.

»Gott! o mein Gott!« rief sie leise: »laß alles wohlgelingen.«

Blas wie eine Leiche trat sie in das Zimmer, in welchem sie gestern ihren Flodoard Liebe bekannt hatte und Flodoard -- war noch nicht da.

Die Gesellschaft war glänzend und heiter gestimmt; man sprach von Stadtnovellen, europäischen Staatsangelegenheiten. _Kontarino_ und _Grimaldi_ unterhielten sich mit dem Dogen; _Memmo_, _Falieri_ und _Parozzi_ standen in einem Winkel schweigend beisammen.

Draussen wars trübe und dunkel; es stürmte der Wind in den Wellen des Kanals und den Wetterfahnen der Palläste am Markusplaz; ein Regenschauer folgte dem andern.

Es schlug vier Uhr. Rosamunde ward blässer, als vorher. _Gritti_ befahl dem Kammerdiener etwas leise ins Ohr. Man hörte bald darauf Männer von aussen wanken, und Waffen klirren an den Thüren des Saals.

Eine plözliche Stille herrschte durch die Gesellschaft. Die jungen Nobili stokten in ihren Liebeserklärungen vor den Damen; die Damen vergaßen ihre Modeneuigkeiten; die Staatsmänner starrten sich an und brachen ihre politischen Discourse ab.

Der Doge trat langsam in die Mitte der Versammlung. Jedes Auge wandte sich zu ihm. Hoch schlug den Verschwornen das Herz.

»Wundert euch nicht, meine Lieben, über jene seltsamen Anstalten!« redete _Andreas Gritti_, Venedigs Herzog, sie an: »Es hat nichts zu bedeuten, was dem Vergnügen dieser Gesellschaft gefährlich sein könnte. Euch allen wird der Bandit _Abaellino_ bekannt sein, der Mörder des braven Prokurator Sylvio und meiner getreuen Räthe Kanari und Dandoli. Dieser, vor welchem jeder rechtschaffne Republikaner zittern muß, dem nichts heilig und ehrwürdig heißt, der allen Troz bietet, die ihm drohen, -- dieser höllische Auswurf wird vielleicht binnen einer Stunde in diesem Saale vor unsern Augen erscheinen!«

Alle. (erstaunt) Abaellino? Abaellino?

Grimaldi. Freiwillig?

Gritti. Nein, freiwillig in der That nicht. Aber Flodoard von Florenz hat gelobt unsrer Republik diesen wichtigen Dienst mit Gefahr seines Lebens zu leisten, es koste was es wolle, den Abaellino zu fangen, und hieher zu bringen.

Einer der Beisizzer des Zehengerichts. Viel, unendlich viel gelobt!

Ein andrer. Ich zweifle an der Vollführung des Gelübdes!

Ein dritter. Aber bei Gott, Flodoard machte sich uns die Republik zu großen Schuldnern.

Ein Vierter. Wahrhaftig, wie soll der Staat dem Flodoard vergelten.

Gritti. Die Vergeltung übernehm ich allein. Flodoard hat um die Hand meiner Nichte angehalten -- ich gebe sie ihm.

Alle. (sehn sich schweigend unter einander an, theils mit Blikken der höchsten Zufriedenheit, theils des Erstaunens)

Falieri. (leise) Parozzi, was meinest du?

Memmo. Ich habe das kalte Fieber, so wahr Gott lebt!

Parozzi. (heimlich lachend) Abaellino wird sich fangen lassen! --

Kontarino. Meine Herrn, hat einer von euch schon den Abaellino von Angesicht zu Angesicht gesehn?

Einige. Wir nicht! wir nicht!

Ein andrer. Es ist ein Gespenst, der nur dann und wann und sehr unverhoft und ungebeten erscheint.

Rosamunde. Ich vergesse das Ungeheuer nicht -- (sie erzählt einigen Damen leise)

Gritti. Und wie er mir erschienen ist, wird euch bekannt sein.

Memmo. (zu einigen Senatoren) Ich habe mir von dem Ungeheuer tausend Wunderdinge erzählen lassen -- er ist der Teufel in menschlicher Gestalt -- ich halte nicht für gut, daß man ihn in diese Versammlung bringt, denn er ist fähig hier ohne Gnade einen nach dem andern zu erwürgen.

Mehrere Damen. Gott bewahre, in dieses Zimmer?

Kontarino. Die Hauptsache ist, ob ihm Flodoard, oder er den Flodoard besiegt. Und ich geh eine schwere Wette darauf ein, daß Flodoard unverrichteter Sache abzieht.

Ein Senator. Und ich halte die Wette mit, daß nur ein einziger Mann in Venedig es unternehmen darf den Abaellino zu fangen -- und der eine ist _Flodoard von Florenz_; eben der, von dem ich längst prophezeit habe, er werde in den Jahrbüchern der Welt einmahl eine glänzende Rolle spielen --

Ein andrer. Ihr habt recht, Sennor, ich bin erstaunt über ihn, als ich zum erstenmahle in seine Gesellschaft trat.

Kontarino. Tausend Zechinen! Abaellino läßt sich nicht greifen, oder er wäre denn gestorben.

Der erste Senator. (hizzig) Tausend Zechinen, Flodoard hascht ihn --

Gritti. Und liefert ihn tod oder lebendig.

Kontarino. Ihr, edle Venetianer, seid Zeugen: (er reicht dem Senator die Hand) (sie geben sich die Hände.)

Senator. Die Wette gilt.

Kontarino. (lachend) Ich danke euch für die tausend Zechinen, Sennor! Abaellino ist ein feiner Gauch -- gewiß Flodoard hat Ursach sich zu hüten.

Grimaldi. Hat Flodoard die Sbirren zur Hülfe?

Gritti. Keinen, als sich selber. Seit gestern ist er nun schon abwesend, um auf den Banditen Jagd zu machen.

Grimaldi. (mit einem triumphirenden Lächeln zu Parozzi) Glük zu, Sennor!

Parozzi. (mit einer erfurchtsvollen Verbeugung) Gewiß, Ew. Eminenz prophezeien wahr.

Memmo. Ich lebe wieder auf. Nun, nun! man wird doch sehen!

Drei und zwanzig Stunden waren vorüber, seit dem Gelübde des kühnen Flodoard -- die vier und zwanzigste brach an und er kam noch nicht.

Fünftes Kapitel. Höllenangst.

Der Doge wurde unruhig. Der Senator fieng an für seine tausend Zechinen zu zittern, und _Kontarino_ und seine Parthei lachten schadenfroh, wie wohl Kontarino laut bekannte: er wünsche lieber tausend Zechinen und zwei tausend zu verlieren, weil mit der Gefangenschaft Abaellinos die allgemeine Sicherheit der Republik gewönne.

Es schlug im Thurme der St. Markuskirche fünf Uhr -- Rosamunde bebte; Todesschweis perlte von ihrer schönen Stirn. _Flodoard_ kam noch nicht.

Der alte _Andreas Gritti_ liebte Flodoarden wirklich -- jezt schauderte er zum erstenmal vor dem Gedanken, daß Abaellinos Dolch gesiegt haben könne.

Rosamunde gieng zum Herzog, sie schien ihm etwas sagen zu wollen, aber die Angst lähmte ihre Zunge, eine Thräne quoll in ihrem Auge hervor. Sie verbarg die Angst und ihre Thräne so meisterhaft, als es sich immer hier thun lies -- in einem Winkel warf sie sich auf einen Sessel nieder, rang die Hände und ihre Seufzer flehten Hülfe von dem barmherzigen _Gott_.

Die übrige Gesellschaft trippelte in sichtbarer Verlegenheit umher; man wollte fröhlich sein, aber auch nicht einmal der Schein der Fröhlichkeit konnte affektirt werden.

So verflos wieder eine Stunde, und _Flodoard_ kam nicht.

Jezt brach die Abendsonne lächelnd hinter den Regengewölken hervor, ein Strahl der sinkenden Tageskönigin fiel auf Rosamunden -- und Rosamunde wurde, sie wußte nicht, warum? froh.

Kontarino. Um fünf Uhr wollte Flodoard den Abaellino liefern! -- es sind anderthalb Stunden darüber.

Senator. Wenn er ihn nur liefert, mögen dann auch anderthalb Wochen darüber sein.

Gritti. Nein! -- still! -- ich höre draussen Geräusch. -- --

Die Flügelthüren sprangen auf und _Flodoard_ trat allein herein im Reisekleide und Regenmantel. Wild und wüst flog sein Haar, düster rollte sein Auge durch die Gesellschaft. Er ris den Federhut vom Kopf herab und begrüßte die Versammlung.

Alles drehte sich zu ihm hin, jeder Mund schien zehn Fragen zu haben, jedes Auge studierte seine Mienen.

»Jesus! schrie _Memmo_: mir ahndet was!«

»Seid ohne Sorgen, Sennor!« murmelte _Kontarino_.

»Edle Venetianer, sprach Flodoard, und seine Sprache war die Stimme des Helden: wahrscheinlich hat unser Durchlauchtigster Herr euch die Ursach dieser Zusammenkunft gemeldet -- ich will jezt eure Sorgen lösen. Aber vorher frag ich noch einmahl, gnädigster Herr, wird Flodoard Rosamunden zur Gemahlin erhalten, wenn er den Abaellino in eure Hände liefert?«

Gritti. (ihn mit den Augen messend) Habt ihr den Abaellino?

Flodoard. Empfang ich Rosamunden?

Gritti. Ohne Widerspruch, ja! ihr empfangt sie mit einem fürstlichen Brautschaz.

Flodoard. Ihr Edeln von Venedig, ihr habt das Wort des Dogen gehört!

Viele Senatoren. Wir haben's gehört!

Flodoard. (indem er drei Schritt durch den Saal macht) Wohlan, Abaellino, ist in meiner und eurer Gewalt!

Alle. (im wilden Tumult) Hilf Himmel! -- Wo ist er! -- Jesus Sohn Gottes! -- Abaellino!

Gritti. Tod oder lebendig?

Einige. Tod oder lebendig, Sennor?

Flodoard. (ernst) lebendig!

Alle (in sprachloser Verwunderung oder mit Entsezzen ihm nachlallend): Lebendig! lebendig!

Grimaldi. (mit der Hand über die Stirn fahrend) Lebendig!

Kontarino. Das geht ins weite.

Rosamunde. (Iduellens Hand küssend) Hörst du, Iduella! Iduella! lebendig!

Senator. Sennor Kontarino, tausend Zechinen!

Kontarino. (durch die Zähne) Mit Vergnügen!