Part 4
Und wären manche meiner Leserinnen in Rosamundens Stelle gewesen, so zweifle ich gar nicht, daß sie in gleiche Verlegenheit gerathen wären. Denn eine Gestalt, wie die Gestalt des Flodoard, ein Gesicht mit einer so empfehlenden Physiognomie, mit solchen karakteristischen Zügen, die dem Künstler nichts mehr übrig ließen, wenn er das Ideal männlicher Schönheit darstellen wollte, Züge, welche laut sprachen, dieser Jüngling trägt ein Heldenherz im Busen -- ach, die können ein armes, schwaches, unbefangnes Mädchen leicht in Verlegenheit sezzen.
Flodoard nahm Rosamundens Hand und führte sie in den Saal der Tänzer. Hier drehte, hier schwang sich alles nach den Harmonien des rauschenden Orchesters in lieblichen Gruppen beim Schimmer der brennenden Kerzen. Aber Flodoard gieng bebend und bebend Rosamunde an Flodoards Hand vor den Reihen der Tänzer vorüber -- sie verloren sich bis zum fernsten Ende des herzoglichen Saals und blieben sprachlos an einem Fenster stehn, und sahn sich an, und sahn zu den Tänzern, und dann zum Mond hin und vergaßen sich und Tänzer und Mond und waren jeder allein mit sich beschäftigt.
»Fräulein, sagte _Flodoard_ endlich nach langem Stillschweigen: das heiß ich unglüklich sein!«
»»Unglüklich? Ich verstehe euch nicht, Herr Graf, wer ist denn unglüklich?«« entgegnete die schöne Rosamunde, und sah dem Jüngling ins Auge, und lächelte sanft.
»Der, der in Elysium hineintritt und mit allem fremd ist; der, dem da dürstet, und den Pokal vor sich sieht, welcher nicht für ihn gefüllt ist.«
»»Seid ihr der Fremdling in Elysium etwa, oder der Dürstige neben dem Pokal, der nicht für ihn gefüllt ist? Es scheint, als wolltet ihr, daß ich eure Worte so verstände.««
»Ihr habt es verstanden, schöne Rosamunde. Und, sagt, bin ich nicht recht sehr unglüklich?«
»»Wo ist denn das Elysium, in welchem ihr fremd wäret?««
»Um Rosamunden ist Elysium.«
Rosamunde schlug die Augen nieder.
»Seid ihr böse? hat euch diese Offenherzigkeit gekränkt?« fuhr Flodoard schnell fort, und zog schüchtern ihre schöne Hand an sich. --
»»Herr Graf, Florenz ist eure Vaterstadt? in Venedig haßt man Galanterien dieser Art. Wenigstens haß _ich_ sie, und von euch wünsch ich sie am wenigsten zu hören.«« Sagte Rosamunde.
»Nein, Fräulein, so wahr ich lebe, hier lauschte hinter den Worten keine Schmeichelei.«
»»Dort tritt der Doge in den Saal -- Canari und Sylvio neben ihm, er wird uns im Tanze vermuthen. Kommt zu den Tänzern!««
Flodoard folgte ihr schweigend. Der Tanz begann. -- Himmel, wie schön war Rosamunde, wenn sie um Flodoarden nach den süssen Akzenten der Musik hinschwebte -- wie schön war Flodoard, wenn er durch die unabsehbare Reihe der Tanzenden hinflog, und sein Auge Rosamunden suchte! Er war entlarvt noch und baarhäuptig, aber jedes Auge glitschte ab von den Federhüten und Helmen, und hin zu dem wilden hochfliegenden schwarzen Haargekräusel des schönen Flodoard. -- Im Saal erhob sich ein Geflüster; die Tänzerinnen vergaßen ihre Touren, und die Herzen ihren gewöhnlichen Takt.
Zweites Kapitel. Flodoard.
Einige Abende nachher sas _Parozzi_ mit dem _Memmo_ und _Falieri_ auf seinem Zimmer, trübe leuchteten die Kerzen, trübe und stürmisch wars draußen am Himmel und düster wars in der Seele dieser Wüstlinge.
Parozzi. (nach einer langen Stille) Seid ihr eingeschlafen? He, Falieri, Memmo, trinkt doch.
Memmo. (verdrüslich) Ach!
Falieri. Dein Wein schmekt mir heut wie Galle.
Parozzi. Die verdammten Schurken!
Memmo. Du meinst die Banditen?
Parozzi. Keiner läßt sich wittern. Es ist bis zum sterben ärgerlich.
Falieri. Und die Zeit verstreicht, unsre Pläne werden verrathen, und wir sizzen dann in den venetianischen Staatskerkern dem Pöbel zum Hohngelächter.
(abermahlige Stille)
Parozzi. (seufzend) Flodoard! Flodoard!
Falieri. Der Kardinal Grimaldi erwartet mich noch diesen Abend.
Memmo. Nun ich denke Contarino kann nicht mehr lange ausbleiben.
Falieri. Er schwelgt gewis in diesen Augenblikken bei Almerien und vergißt Gott, uns, die Republik und Banditen.
Parozzi. Also ihr kennt den Flodoard nicht?
Memmo. Ich kenne ihn nur von Rosamundens Geburtsfest.
Falieri. Parozzi ist eifersüchtig.
Parozzi. O wahrhaftig nicht. Mag Rosamunde ihre Hand dem deutschen Kaiser oder dem ärmsten Gondelier in Venedig schenken, es wird mir gleichgültig sein.
Falieri. Ha, ha, ha, ha!
Memmo. Aber gestehn muß es der Neid, daß Flodoard der schönste Mann unterm Monde ist. -- Bei Gott, wär ich ein Weib, ich müßte ihn lieben.
Parozzi. Nun ja, wenn die Weiber Närrinnen deines Kalibers wären, und auf die Schale mehr, als auf den Kern achteten -- --
Memmo. Wie denn die Weiber einmal sind.
Falieri. Der alte Canari scheint mit dem Flodoard schon seit alten Zeiten bekannt gewesen zu sein.
Memmo. Freilich, der Graukopf hat ihn ja dem Dogen vorgeführt.
Parozzi. (knirschend) Brüder, es nimmt ein trauriges Ende.
Memmo. (seufzend) Dem Himmel seys geklagt.
Parozzi. Still! -- es wird unten gepocht.
Memmo. Contarino ist's. Nun werden wir bald hören, ob er die Banditen gefunden.
Falieri. (aufspringend) Es ist sein Gang.
Die Thür sprang auf. Contarino in einen Mantel verhüllt, trat herein. »Guten Abend!« sagte er und warf den Mantel ab -- und Parozzi, Memmo und Falieri bebten erschrokken zurük, und riefen: Du blutest! was hast du gemacht.
»Kleinigkeiten« rief Contarino: »He, ist Wein da? gießt mir den ersten besten Becher voll, mich dürstet!«
Memmo. Aber Herzensbrüderchen, du bist sehr erhizt.
Contarino. (trinkt den Becher leer) Gift! Gift! schenkt ein.
Falieri. (gießt den Becher voll) Du blutest!
Contarino. Das weis ich; meine Schuld ists nicht.
Parozzi. Laß dich verbinden und dann erzähle! was ist vorgefallen?
Contarino. (trinkt) tausend Spas! he, füllt den Pokal!
Memmo. Nun, da stehn mir die Sinne still,
Contarino. Nicht so? Siehst du, Memmo, dafür bin ich auch Contarino, und nicht Memmo. -- Die Wunde blutet zwar, aber gewiß sie ist nicht gefährlich. (reißt das Wamms auf und entblößt die Brust) da, seht her, was ists mehr, als ein Hieb von zwei Zoll Länge durchs Fleisch.
Memmo. (schaudernd) Brr, ein gräslicher Anblik.
Parozzi. (hohlt Pflaster herbei und verbindet die Wunde, nachdem er sie ausgewaschen.)
Contarino. Vater Horaz hat recht! der Philosoph ist alles was er sein will, Schuster und König und Wundarzt. Da sehe mir einer den Philosoph Parozzi, mit welcher Grandezza er mich zu bepflastern weis. -- Magst Dank haben. Nun, Leutchen, sezt euch um mich her in einen Kreis, ich hab euch wunderliche Geschichten zu erzählen.
Falieri. Erzähle.
Contarino. Ich gieng um die Abenddämmerung aus, die Banditen aufzusuchen. Ich kannte die Kerls von Person nicht, und sie mich eben so wenig. Ein abentheuerliches Unternehmen, werdet ihr sagen: Allein, ich thats, um euch zu überführen, man könne alles, wenn man nur können _will_. Ich hatte schon Notizen genug, und siehe da, in meiner Verkleidung lies ich mich mit einem Gondelier ins Gespräch ein. Ich merkte fast, daß er von dem Aufenthalt der Bravo's etwas wisse, ich rükte mit Geld und guten Worten näher, er desgleichen, zulezt erfuhr ich, daß er selber eines des saubern Gelichters sei. Ich schloß mit ihm einen Kontrakt, er fuhr mich auf seiner Gondel durch ganz Venedig, bald links, bald rechts, zulezt wußt ich in der Dunkelheit selber nicht mehr, in welchem Viertel der Stadt ich mich befände. Er verband mir endlich sogar die Augen und ich mußte mirs gefallen lassen. -- Nach einer Viertelstunde, hielt er die Gondel an, befahl mir auszusteigen, führte mich durch ein paar Straßen in ein Haus, und da in eine enge kleine Stube. Hier riß er mir die Binde von den Augen, ich sah mich in der Mitte von drei fremden Kerln und einer Weibsperson.
Falieri. Ein Wetterkerl der Contarino.
Contarino. Hier war keine Zeit zu verlieren: sondern ich warf mein Geld auf den Tisch, versprach ihnen goldne Berge und machte sie mit gewissen Tagen, Stunden und Zeichen bekannt, durch welche wir uns irgendwo zusammenfinden wollten. Gab ihnen zugleich den Befehl, den Canari, Sylvio und Dandoli aus dem Wege zu räumen.
Alle. Bravo!
Contarino. Kurz, es gieng alles glüklich von Statten; aber plözlich wurden wir durch einen unerwarteten Besuch gestört.
Parozzi. Nun?
Memmo. (ängstlich) Um Gotteswillen -- --
Contarino. Man klopfte. Die Weibsperson sprang hinaus, öffnete die Thür und kam todtenblaß wieder zurükgestürzt in unser Zimmer und rief: flieht! flieht!
Falieri. Nun?
Contarino. Bewafnet und bewehrt traten Polizeioffiziere und Sbirren herein, und an ihrer Spizze der Fremdling von Florenz mit dem Degen in der Faust.
Alle. Flodoard? Flodoard?
Contarino. Flodoard!
Falieri. Welcher Teufel führt den dahin?
Parozzi. Hagel und Wetter, warum war ich nicht bei dir!
Memmo. Da siehst du nun, Parozzi, da siehst du's, daß Flodoard kein feiges Weiberherz hat?
Falieri. Still, laß ihn erzählen!
Contarino. Wir standen, wie angedonnert, da, und keiner rührte sich. Im Namen der Republik und des Dogen, ergebt euch! schrie Flodoard! Der Satan ergiebt sich dir eher, als wir! rief ihm mein Gondelier zu und grif nach einem Degen; die andern rissen die Flinten von der Wand und ich zog die Klinge und schlug die Lampen um, damit keiner den andern sähe. Aber der Mond schimmerte trüb durch die Fensterscheiben. -- Ich dachte, hier wirds heißen: mit gefangen mit gehangen! und gieng dem Flodoard mit der Klinge zu Leibe. Aber meine Schläge glitten jedesmal von seinem Säbel ab, der wie ein Bliz um ihn herumflirrte. Ich schlug wie ein Rasender um mich her, aber hier ward meine Kunst zu Schanden, und eh ichs mir versah schlizte er mir die Brust auf. Ich fühlte die Wunde, sprang zurük, es fielen ein paar Schüsse, im Pulverbliz erkannte ich eine unbesezte Nebenthür, ich entwischte glüklich in die eine Kammer, schlug mit einem Faustschlag ein Fenster durch, sprang hinunter, lief einen Hofraum durch, überkletterte ein Paar Zäune, kam an den Kanal, ein Gondelier fuhr mich zum Marcusplaz und nun rannt ich zu Fus hieher. Da habt ihr das vermaledeite Abentheuer!
Parozzi. (aufspringend) Ich werde rasend.
Falieri. Alles, alles geht mit uns den fürchterlichen Krebsgang!
Memmo. Der Himmel warnt uns!
Contarino. Kleinigkeiten! So muß es sein. Je mehr Hindernisse, je größer mein Muth!
Falieri. Haben dich die Banditen erkannt?
Contarino. Nein, sie wissen nicht wer ich bin, noch wer sie zum Morde des herzoglichen Kleeblatts besolden wollte.
Memmo. Ich danke Gott, daß du so glüklich davon gekommen bist.
Falieri. Aber wie hat Flodoard den Aufenthalt der Banditen erfahren, da er doch in Venedig fremd ist?
Contarino. Wahrscheinlich durchs Ohngefähr, wie ich. -- Aber meine Brustwunde soll er noch bezahlen!
Falieri. Flodoard macht sich zu schnell merkwürdig.
Parozzi. (hebt den Becher auf) Sein Tod!
Contarino. (trinkt) Gift für ihn!
Falieri. Ich muß mit ihm bekannter werden.
Contarino. He, Memmo, schaff Geld! wann fährt dein Alter dahin?
Memmo. Morgen Abend! --
Drittes Kapitel. Neuer Lärmen.
Der schöne Fremdling von Florenz war seit dem Geburtsfest der Rosamunde von Korfu das tägliche Gespräch und der ewige Gedanke aller Venetianerinnen geworden, die irgend nur entlegne Ansprüche auf Schönheit und Eroberungen machen konnten. Manches Mädchen schlief jezt unruhiger, und träumte jezt schwerer, manche vermählte Donna stellte jezt Vergleichungen an und seufzte; manche eingezogne Spröde besuchte jezt die vorzüglichsten Spaziergänge und Gärten Venedigs, wo Flodoard sich etwa sehn lassen dürfte.
Allein seit der Zeit, daß eben dieser Flodoard an der Spizze der Sbirren die Banditen in ihrem Neste überfallen und mit Lebensgefahr gefangen genommen hatte, wurde er nun auch der Aufmerksamkeit der Männer würdiger. Man bewunderte nicht sowohl seine Entschlossenheit, seine Kühnheit, als vielmehr die Schlauheit, durch welche er die Wohnung der Bravo's erspäht und die scharfsichtige weltberühmte Polizei der Venetianer beschämt hatte.
Der Doge _Andreas Gritti_ zog ihn nun öfterer zu sich in Gesellschaft, und fieng an, diesem wunderbaren jungen Mann mit vorzüglicher Hochachtung zu begegnen. Er machte ihm ein königliches Geschenk für seine That, wodurch er der Republik so nüzlich geworden war, und erhob ihn zu einer ansehnlichen Civilcharge.
Allein bescheiden lehnte der liebenswürdige Florentiner diese Ehrenbezeugungen von sich ab. Er bat den Dogen ihm noch ein Jahr wenigstens zu erlauben, frei und unabhängig in Venedig leben zu dürfen; dann wolle er selber um ein Amt anhalten. --
_Flodoard_ wohnte in dem prächtigen Pallast des alten Canari, aber lebte hier sehr eingezogen, studierte in den Schriften der Alten und Neuern, verschloß sich Tagelang in seinen Zimmern, und erschien selten nur auf den gewöhnlichen Promenaden.
Aber _Canari_, der _Doge_, wie auch _Sylvio_ und _Dandoli_, Männer, die Venedigs Ruhm für Jahrhunderte gegründet hatten und glänzend erhielten, Männer, in deren Gesellschaft man sich aus dem Zirkel der Alltagsmenschen gerissen fand und im Umgang mit höhern Wesen zu leben glaubte, Männer, die den ausserordentlichen Jüngling Flodoard jezt in ihre Mitte aufnahmen, um ihn zum großen Mann auszubilden; _Canari_, _Gritti_, _Sylvio_ und _Dandoli_ sag ich bemerkten leicht, daß Flodoards Heiterkeit ein verstelltes Wesen sei, daß ein geheimer Gram an seinem Herzen nage.
Vergebens durchforschte ihn Canari, der ihn, wie seinen eignen Sohn liebte, vergebens heiterte ihn der ehrwürdige Doge auf -- Flodoard blieb, wie er war, schwermüthig.
Und _Rosamunde_? Rosamunde hätte kein Mädchen sein müssen, wenn sie heiter geblieben wäre: düster und melancholisch schlich sie umher, sie ward blas und immer blässer, der Doge, der sie zärtlich liebte, wurde besorgt für ihre Gesundheit, -- Rosamunde wurde zulezt wirklich krank und schwach, die venetianischen Aerzte verschwendeten hier umsonst ihre Kunst, Rosamunde mußte das Bett hüten und fieberte.
In dieser Unruhe, worin sich der Doge und seine Lieblinge befanden, erfuhren sie eines Morgens etwas, welches ihre Sorgen allerdings aufs höchste treiben mußte. Denn eine solche Verwegenheit war bisher in Venedig unerhört gewesen, als diejenige war, welche jezt begangen ward.
Die durch den Flodoard gefangenen Banditen, _Petrini_, _Struzza_, _Thomas_ und _Baluzzo_ lebten längst in gefänglichem Verhaft, mußten ein tägliches Verhör dulden und sahn mit jedem Tage ihrer Todesstunde entgegen -- jezt glaubten Gritti und seine Vertrauten, es sei nichts mehr für die öffentliche Ruhe zu fürchten und Venedig gesäubert von all dem Gesindel, welches sich zu Werkzeugen des Lasters gebrauchen läßt -- als mit einemmahle an den vorzüglichsten Statüen, Straßenekken und öffentlichen Gebäuden folgende Addresse angeschlagen gefunden wurde.
Venetianer!
Struzza, Thomas, Matteo, Petrini, und Baluzzo, die bravsten Männer von der Welt, die, wenn sie an der Spizze einer Armee gestanden hätten, Helden heißen würden und izt als Banditen der Staatsetikette zum Opfer gebracht worden sind, existiren für euch zwar nicht mehr, aber mit Leib und Seele noch einer, dessen Name diesem Blatte unterschrieben steht. Lächerlich ist mir Venedigs Polizei, lächerlich der Stolz des schlauen Flodoard, der meine Brüder zur Schlachtbank hinschleppte. Ich lebe noch! Wer meiner bedarf, der suche mich, er wird mich allenthalben finden, wer mir verrätherisch nachspürt, wird mich nirgends sehn! -- Venetianer, ihr versteht mich! Wehe dem, der mich verfolgt; sein Leben und sein Tod ruhn in meiner Hand. -- Ich bin der venetianische Bandit
_Abaellino_.
»Hundert Zechinen!« rief der brave Doge von Venedig: »hundert Zechinen dem, der mir das Ungeheuer entdekt, und tausend dem, der mir es liefert!« --
Allein umsonst flogen die Spione der Polizei umher; sie trafen keinen _Abaellino_. Umsonst paßten jezt alle Müßiggänger, Pflastertreter, Lungrer und Banqueroteurs auf, um tausend Zechinen zu gewinnen, Abaellino machte ihren Wiz zu Schanden.
Aber allenthalben wollte man izt den Abaellino gesehn haben, der eine in der Gestalt eines Greises, der andre in der eines Knaben, der dritte in einem Weiberrok, der vierte in der Mönchskutte; es hatte ihn jeder gesehn und keiner.
Viertes Kapitel. Das Veilchen.
Ich erzählte den Lesern im Anfang des vorigen Kapitels, daß _Flodoard_ so traurig und Rosamunde so düster geworden wären, aber das _warum?_ hab ich ihnen noch nicht entdekt.
_Flodoard_, der sonst so heiter und die Seele der Gesellschaften gewesen war, fing seit einem _gewissen Tage_ an, ernster zu werden, und von eben dem Tage an verlor auch die fröhliche Rosamunde ihren Humor.
An diesem Tage nämlich führte die Hand des launenhaften Ohngefährs, oder die Göttin Liebe, die nun zuweilen auch ihre Grillen hat, Rosamunden in ihren Oheimes Garten, der nur den Vertrauten des Dogen offen stand, und in welchem er selber in stiller Einsamkeit oft am Abend eines schwülen Tages ausruhte.
_Rosamunde_ gieng hier die breiten, sandigen Wege auf und nieder, tief in Betrachtungen verloren. Sie rupfte die unschuldigen Blätter von den Hekken ab, und streute sie gedankenlos vor sich hin; blieb zuweilen plözlich stehn, gieng dann wieder einige Schritte vor, blieb wieder stehn, sah bald den blauen Himmel, bald die Erde an: zuweilen schwoll ihr schöner Busen stürmisch empor, zuweilen flog ein halbunterdrükter Seufzer über ihre kleinen Lippen. --
»Aber er ist doch schön!« sprach sie leise, und starrte schmachtend vor sich hin, als sähe ihr Auge ein Etwas, das gewöhnlichen Blikken verschleiert ist.
»Doch _Iduella_ hat auch Recht!« fuhr sie dann wieder fort, und sah böse aus, als wenn Iduella Unrecht gehabt hätte.
Diese _Iduella_ war ihre Gouvernantin Freundin und Vertraute, eine der würdigsten Damen ihres Geschlechts. Rosamunde hatte nämlich ihre Eltern früh verloren. Die Mutter starb, da Rosamunde kaum den Mutternamen lallen konnte, und ihr Vater _Guiscardo_ von _Korfu_, Kommandeur eines venetianischen Schiffes, war vor acht Jahren mit seinem Schiffe in einem Seetreffen wider die Türken untergegangen, da er noch ein Mann in den besten Jahren war. _Iduella_ wurde nun die Erzieherin und Mutter Rosamundens, und nun Freundin und Vertraute ihrer kleinen Geheimnisse.
Indem nun Rosamunde noch mit sich selber plauderte, trat die ehrwürdige _Iduella_ aus einem Seitengang hervor.
Rosamunde. (bestürzt) Bist du auch hier?
Iduella. (sanftlächelnd) Nun ja, du nennst mich ja gewöhnlich deinen Schuzgeist, und Schuzgeister müssen nie von ihren Lieblingen fern sein.
Rosamunde. Höre, Iduella, ich habe deine Reden überdacht, und gefunden, daß sie zwar richtig und sehr weise gesprochen sind, allein -- --
Iduella. Was deine Vernunft bejaht, verneint dein Herz?
Rosamunde. Gewis.
Iduella. Ich tadle dich auch gar nicht, liebes Kind, sondern ich habe dir ja selber gestanden, daß, wär ich in deinem Alter, und ein Flodoard erschiene, und bettelte oder bettelte nicht um meine Gunst, ich ihm gewis nicht böse sein würde. -- Flodoard bleibt unstreitig ein angenehmer, und, für jedes Mädchen von Geschmak, sehr gefährlicher junger Mann. Er hat viel Einnehmendes in seiner Gestalt, viel Reiz in seinem Umgang, viel schöne Züge in seinem Karakter -- -- aber er ist ein armer Edelmann, dem der Doge von Venedig unmöglich seine Nichte zur Gemahlin geben kann und wird.
Rosamunde. (lächelnd) Ei, wer spricht denn von Gemahlin werden? ich will ihm ja nur -- -- nur gut sein.
Iduella. So? also, würdest du zufrieden sein, wenn Flodoard sich mit einer andern Venetianerin -- -- --
Rosamunde. (schnell) O das thut er gewiß nicht.
Iduella. (lächelnd) Liebes Kind, du willst dich so gern selbst betrügen. Aber thu es nicht. Ein Mädchen, welches liebt, verknüpft mit den Gedanken an ihre Liebe zugleich den Wunsch einer ewigen Verbindung. Und den Wunsch darfst du hier gar nicht hegen, ohne deinen Oheim zu beleidigen, der, er mag der beste Mann von der Welt sein, doch dem eisernen Gesez der Politik und Etikette gehorchen muß.
Rosamunde. Ja, ja, ich weis das sehr gut. Sieh nur, ich will ihn auch nicht lieben, sondern, ich will nur seine _Freundin_ sein. Und er verdiente gewiß, daß ich ihm gut bin; ach, glaube nur Flodoard verdient noch weit mehr.
Iduella. Und Freundschaft und Liebe, -- o, Rosamunde, du kennst diese Gäste nicht. Freundschaft und Liebe vertauschen oft ihre Masken unter einander. Die Liebe hängt oft den Mantel der Freundschaft um, wenn man sie in ihrer eigenthümlichen Gestalt nicht dulden will. -- Mit einem Worte, liebes Kind, denk an deinen Oheim, denke daran wieviel du ihm schuldig bist, und opfre ihm eine Grille deines Herzens auf.
Rosamunde. Ja, ich glaube beinah selber, daß nur eine vorübergehende Laune bei mir ist. Ich will den Flodoard nicht mehr lieben. Du kannst dich darauf verlassen. -- Ich bin ihm jezt gar nicht mehr gut, wenn ich daran denke, daß er mich von meinem lieben Oheim abwendig machen will.
Iduella. (lächelnd) Solltest du so viele Gewalt über deine rebellischen Empfindungen haben?
Rosamunde. Gewiß. Es wird sich zeigen. Ich bin ihm gar nicht mehr gut, dem Verführer.
Iduella. (mit einem scharfen Blik auf sie) _Gar nicht mehr gut?_
Rosamunde. (seitwärts blikkend) I nun ja, wohl noch _etwas_; denn hassen kann ich doch den armen Flodoard nicht; das hat er nicht verschuldet.
Iduella. Nun, wir sprechen uns wieder. Vergiß deinen schnellen Vorsatz nicht so rasch, als er dir auflog. Ich will einen Besuch ablegen; die Gondel erwartet mich.
Iduella verlor sich in den Gängen des Gartens und Rosamunde schlich langsam umher und träumte und dachte, wünschte und verdammte, sehnte sich wonach und wollte sich nicht das Ziel ihrer Sehnsucht gestehn.
Es war ein heißer Sommernachmittag, und Rosamunde sah sich um nach einem schattigten Pläzchen. Sie suchte die Fontaine auf, neben welcher eine kleine Rasenbank angelegt war, worüber die zauberischen Hände der Kunst und Natur ein Nez von Jasmin und Epheu gewebt hatten. Dieß Pläzchen suchte sie auf; sie kam zur Fontaine, drehte sich um die Hekken und -- ach! erröthend flog sie zurük, denn _Flodoard_ sas auf dem Rasenbänkchen unter dem Jasmin- und Epheunez neben der Fontaine und las in einem Bündel Schriften.
Rosamunde wußte nicht ob sie fliehn, oder stehn bleiben müsse. -- _Flodoard_ sprang auf, so bestürzt er auch war, und rettete sie aus der Verlegenheit, indem er ihr die Hand küßte.
Jezt, wenn sie nicht wider allen guten Ton sündigen wollte, _mußte_ sie stehn bleiben.
Flodoard behielt ihre Hand in der seinen -- was konnte sie davor, daß er auf den sehr natürlichen Einfall kam? die Hand zurükzuziehn? -- je nun, er that ja der Hand nichts zu leide, und schien in ihrem Besiz so glüklich zu sein -- und wie konnte Rosamunde die namenlose Grausamkeit begehn, und jemanden ein Glük rauben, das ihrem Glükke nicht widersprach?
»Fräulein, sagte Flodoard, um doch etwas zu sagen; der schöne Nachmittag ists werth, daß man ihn im Freien verlebt!«
»»Aber ich störe Euch im Studieren, Herr Graf.««
»Wird man gestört in seiner Pflicht, wenn sich uns eine angenehmre aufdringet?«
Nun war das Gespräch zu Ende. Sie sahn sich beide an, schlugen beide die Augen nieder, sahn beide umher nach Luft, Beeten, Himmel, Bäumen und Blumen, suchten Stoff für ein Gespräch und je ämsiger sie suchten, je weniger fanden sie, und in der peinlichsten Verlegenheit verflogen zwei kostbare Minuten.
»Ach ein niedliches Veilchen!« rief plözlich Rosamunde, um doch etwas vorzunehmen, und sprang hin, bükte sich und pflükte das Blümchen, welches sie gewiß zu jeher andern Zeit nicht gepflükt haben würde.
»»Eine schöne Blume!«« sagte _Flodoard_ und ärgerte sich über diese leeren Worte.
»Eine herrliche Farbe!« fuhr _Rosamunde_ fort: »_Violet_, roth und blau so schön unter einander gemischt, wie kein Maler die Farben mischen kann.«