Abaellino der große Bandit

Part 3

Chapter 33,690 wordsPublic domain

Falieri. Prächtige Floskeln, so wahr ich Falieri heiße; Contarino; das alte Rom vermißt dich. -- Allein Jammer und Schade, daß an dem Geklimper deiner Worte so wenig Realitäten hängen! -- siehst du, inzwischen du vielleicht mit deinem Rednertalent barmherzigen Ohren ermüdet hast, hat Falieri gehandelt. Der Kardinal Grimaldi ist mit der Regierung unzufrieden, Gott weis es, wodurch ihn Gritti wider sich aufgehezt hat -- kurz Grimaldi ist von unsrer Parthei.

Parozzi. (erstaunt und froh) Falieri, bist du toll -- der Kardinal Grimaldi?

Falieri. Und er hängt an uns mit Leib und Seele. Freilich, ich habe ihm viel von unsern edeln Absichten, von unserm Patriotismus, von unsrer Freiheitsliebe vorneindbeuteln müssen, aber Grimaldi -- ist ein Pfaffe, das heißt, ein Gauner! und so taugt er für uns.

Contarino. (reicht dem Falieri die Hand) Bravo, -- Herr Bruder, wir spielen den Katilina zu Venedig! -- Was mich betrifft, so hab auch ich gehandelt. Zwar hab ich für uns noch keinen großen Fang gethan, aber doch besizze ich ein großes allmächtiges Nez, womit ich den besten Theil Venedigs zu unsern Plänen zusammenfischen werde. -- Ihr kennt doch die Markise Almeria?

Parozzi. Hält nicht jeder von uns eine Liste der Venetianerinnen, und wir sollten ^No. I^ vergessen haben?

Falieri. Almeria und Rosamunde, die Losung aller Venetianer.

Contarino. Almeria ist mein.

Falieri. Was?

Memmo. (durch die Zähne) Pest!

Parozzi. Almeria?

Contarino. Nun, gafft ihr mich nicht an, als weissagt ich euch den Einsturz des Himmels? -- Kurz, ich bin Almeriens Favorit, und mit ihr aufs innigste vertraut. Aber unsre Liebschaft wird verdekt gehalten; was ich will, will auch sie, und wie sie pfeift, so tanzt Venedigs halber Adel.

Parozzi. Contarino, du bist unser Meister.

Contarino. Und nun ahndet ihr doch nicht, welche Macht ich in den Händen habe?

Parozzi. Ich schäme mich vor euch, denn noch hab ich nichts gethan. Wär' Rosamunde ermordet: so würd' ich, wenigstens euch vorlügen können, daß ich sie für mein Geld habe in den Himmel bringen lassen, damit Gritti den Hamen verlöre, womit er Venedigs erste Männer an sich gefangen hält. Lebt Rosamunde nicht mehr: so verliert Gritti allen Reiz; die glänzendsten Häuser werden von ihm ablassen, wenn ihre Hofnung zu Grabe geht, sich mit dem Gritti durch Rosamundens Verheurathung zu verbinden. Sie erbt einmahl vom Dogen.

Memmo. Und damit ich eurer würdig sei, will ich -- Geld schaffen. Mein alter, grämlicher Oheim hinterläßt mir dem Universalerben volle Kisten -- und der alte Filz, kann ja sterben, wenns mir gefällt.

Falieri. Er hätte längst sterben können.

Memmo. Ich war nur zu ängstlich -- wahrhaftig Leutchen, ihr glaubts nicht, ich bin zuweilen so hypochondrisch, daß es mir ist, als hätt' ich Gewissensbisse.

Contarino. Freund, nimm einen guten Rath an. -- Geh ins Kloster!

Memmo. He, he, he, he!

Falieri. Wir müssen die alten Freunde, -- Matteo's Gesellschaft aufsuchen; die Gauner lassen sich jezt nirgends wittern.

Parozzi. Und vor allen Dingen muß das Kleeblatt des Dogen verdorren oder abgerissen werden.

Contarino. Vortrefliche Vorsäzze! wahrhaftig, wenn sie nur so schnell erreicht, als geträumt wären. -- Kurz, Freunde, wir begraben entweder unser Elend unter den Ruinen der alten Staatsverfassung, oder wir befestigen dieselbe noch mehr durch unsere Todtenschädel. -- In beiden Fällen erlangen wir Ruhe. Die Noth hat uns mit ihrer Geissel nun hinaufgepeitscht auf den lezten Gipfel ihres Felsen, wo wir entweder uns durch einen Geniestreich erretten, oder von der andern Seite in den Abgrund ewiger Vergessenheit und Schande hinunterschwindeln müssen. -- Laßt uns izt nur raffiniren: woher Geld zu den nöthigsten Unkosten und woher Theilnehmer an unsern Plänen? Geht hin, und erobert die berühmtesten Mezzen Venedigs, auf deren Altären der Staatsmann, Mönch und Bürger opfert. Was wir mit aller Beredsamkeit, Banditen mit ihren Dolchen, Prinzen mit ihren Geldbörsen nicht vermögen, kann solch eine Phryne mit einem einzigen Blik. Wo der Wiz des Pfaffen scheitert und die Gewalt des Kriminalrichters ohnmächtig wird, kann noch ein Kus, ein süsses Versprechen Wunder thun. An dem wollüstigen Busen solcher Weiber schläft endlich die wachsamste Treue ein: ein Kus von solchem Weibe thaut der stummen Verschwiegenheit die Lippen auf und eine Schäferstunde kann die heiligsten Grundsäzze zu Grabe läuten.

Oder will euch das Glük bei den Weibern nicht wohl, oder fürchtet ihr euch selber in den Nezzen verwirren zu können, die ihr für andere ausspannt: so versuchts mit den Pfaffen. Schmeichelt den Stolz dieser Hochmüthigen, malt ihnen auf das leere Blatt der Zukunft Kardinalshüte, Patriarcheninsuln, Bischofsstäbe und Pontificalien. Ich schwör es euch, sie haschen zu, und ihr habt sie in eurer Gewalt. Sie, die Gewissensräthe der bigotten Venetianer, lenken Mann und Weib, Edelmann und Bettler, Gondolier und Dogen, Gelehrte und Laien am Zaum des Aberglaubens. Habt ihr die Pfaffen für euch: so könnt ihr Tonnen Goldes ersparen, um die Gewissen zu bestechen, denn sie handeln mit dem lieben Gott in Compagnie, und verschenken nach ihrem Gefallen bald die ewige Seligkeit bald die höllische Verdammnis.

Neuntes Kapitel. Mollas Häuschen.

Kaum hatte _Abaellino_ die berüchtigte That vollbracht, die nun allen Venetianern Stoff zum Plaudern gab: so entwischte er so glüklich, daß man auch nicht den geringsten Umstand vorfinden konnte, der ihn, als dem Thäter verrathen, oder die Spuren seiner Flucht entdekken konnte.

Er kam an Molla's Häuschen -- es war schon gegen Abend. Molla öffnete die Thür und er begab sich ins Zimmer. »Wo sind die andern?« fragte er in einem wilden Ton. _Molla_ erschrak:

»Sie schlafen schon seit dem Mittag. Wahrscheinlich wollen sie in der Nacht auf die Jagd gehn.« --

_Abaellino_ warf sich gedankenvoll auf einen Sessel.

»Aber du bist ja so düster, Abaellino? sieh nur, du wirst dadurch so häslich. Weg mit den Falten von der Stirn, sie entstellen dich noch mehr.«

_Abaellino_ antwortete ihr nicht.

»Aber ich fürchte mich endlich vor dir. Sei doch freundlich du Riese! ich fange wirklich schon an dir gut zu werden, und deinen Anblik zu ertragen und« -- -- --

»»Wekke die Schläfer!«« brummte der Bandit.

»Ei, laß sie doch schlafen, die trägen Kerls, fürchtest du dich denn mit mir allein zu sein? Seh ich denn so schreklich aus, wie du? -- sieh mich doch einmal an.«

Sie stellte sich in ihrer kleinen, runden Figur vor ihm hin, und schielte lächelnd mit lüsternen Augen zu ihm hinüber. -- Molla war in der That nicht häslich; ihr Stumpfnäschen, ihr brennendes Auge, ihr blondes Haar, das hinter der Haube wild über den vollen Busen herabstürzte, der in diesen Augenblikken ohnedies nur sehr leicht bedekt war, machte sie niedlich. Allein Molla wußte auch, daß sie ein Stumpfnäschen, einen sprechenden Blik, ein blondes Haar, und einen vollen Busen hatte. Und ihr Karakter war daher -- wie der Karakter der meisten Mädchen und Weiber in einem gewissen Alter, in allen Ständen. Ein Mädchen, die es ihrem Spiegel und ihren Schmeichlern glaubt, es sei schön, ist auf dem halben Wege, ihre Unschuld zu verlieren. -- Molla übrigens war weder Mädchen noch Weib, sondern -- -- -- was viele ihres Alters und Geschlechts sind.

»Aber sei doch nicht so tükkisch, lieber Abaellino!« sagte sie und sezte sich dicht neben ihn nieder und strich ihm mit ihrer runden Hand die schwarzen Lokken von der Stirn.

»»Wekke die Schläfer!«« rief _Abaellino_, und stierte sie verdrüslich an.

»Ei, ich glaube gar, der Schelm will trozzen!« sagte sie und stand auf, warf sich auf seinen Schoos, sah ihn in die Augen -- und das Halstuch fiel ab.

»Bösewicht! rief sie, was machst du?«

_Abaellino_ konnte sich des Lächelns nicht erwehren.

»Lache nur noch!« sagte sie lächelnd und faltete die Stirn, um zornig zu scheinen, vergab ihm aber bald die nicht begangne Sünde, schlang ihre Arme um ihn und drükte ihn an sich.

»»Du bist ein gutes Mädgen, Molla!«« entgegnete er, sties sie sanft zurük und stand auf: »»in einer halben Stunde wollen wir uns beide mehr erzählen, jezt rufe die Schnarcher herbei, ich muß sie sprechen!««

_Molla_ entfernte sich schweigend und drohte ihm im Zurüksehn mit dem Zeigefinger.

_Abaellino_ gieng mit starken Schritten durchs Zimmer, den Kopf auf die Brust gesenkt, die Arme untereinander geschlagen. »Der erste Schritt,« dachte er bei sich! »der erste Schritt ist gethan; ein moralisches Ungeheuer weniger in der Welt. Ich habe in diesem Morde nicht gesündigt, sondern mich geheiliget. -- Gott, steh mir bei, ich habe ein großes Werk vor mir. -- Ach, und dann soll Rosamunde der Lohn meiner Mühseligkeiten -- Rosamunde? die Nichte des Dogen dem verworfnen Abaellino -- o, in Ewigkeit geht es hier nicht gut zu Ende. Aber welch ein toller Einfall, ein Mädchen beim ersten Anblik -- -- Aber auch nur eine Rosamunde kann durch ihr erstes Erscheinen fesseln. -- Rosamunde und Emmoina! -- -- Doch es ist schön nach Unmöglichkeiten zu haschen, es belustigen Träume wenigstens, und der arme Abaellino bedarf Belustigung. O wüßte die Welt, was Abaellino vollführen wird, ach sie würde ihn gewis lieben und bemitleiden! --«

_Molla_ trat herein. Ihr nach folgten schlaftrunken, gähnend und schlaff Thomas, Baluzzo, Petrini und Struzza.

»Reibt euch den Schlaf von den Augen, und überzeugt euch, daß ihr wachend seid, denn ihr sollt etwas hören, was ihr kaum im Traume glauben würdet.«

Alle sahn ihn gleichgültig an. »Nun was ists denn?« fragte _Thomas_ und dehnte sich schläfrig.

»Nichts mehr und nichts weniger, als daß unser braver, schlauer, tapfrer Matteo -- _ermordet_ ist.«

»»Wie? -- ermordet!«« lallte jeder und starrte den Hiobsboten mit erschroknen Blikken an, und Molla schlug die Hände über den Kopf zusammen und sank kreischend auf den Sessel nieder, auf welchem sie vor wenigen Minuten noch um Abaellinos Zärtlichkeit buhlte.

Es herrschte eine allgemeine Stille.

»Donner und Wetter!« rief endlich Struzza und trat ein paar Schritt zurük.

Thomas. Von wem?

Baluzzo. Wo?

Petrini. Diesen Nachmittag?

Abaellino. Vor einigen Stunden im Dolabellischen Garten, wo er die Nichte des Dogen aufgesucht hatte -- wer ihn ermordet, das weis der Himmel.

Molla. (heulend) Der arme Matteo.

Abaellino. Morgen um diese Zeit findet ihr seinen Leichnam auf dem Rabenstein.

Petrini. Hat man ihn denn erkannt?

Abaellino. Freilich.

Molla. Der arme Matteo!

Thomas. Ein verdammter Streich!

Baluzzo. Verflucht, das hat ihn nicht geahndet, da er von uns ging, und uns allen nicht.

Abaellino. Nun, ihr scheint darüber bestürzt zu sein? --

Struzza. Ich kann mich noch nicht erhohlen -- Der Schrek hätte mich fast zu Boden geschlagen.

Abaellino. Ei, beileibe, ich lachte, als ich die Botschaft erfuhr. So früh schon am Ziele! dacht ich.

Thomas. Was?

Baluzzo. Ich sähe darinn nichts lächerliches wahrhaftig!

Abaellino. Ihr fürchtet euch doch nicht davor, eine Gabe zu empfangen, die ihr selber so gern austheilt? -- Wohin strebt ihr? was dürfen wir am Ende unsrer Arbeiten zum Dank fodern, als Galgen und Rad und Scheiterhaufen? welche Monumente dürfen wir für unsre Thaten fodern: als Schandsäulen und Rabensteine? Wem es gelüstet auf dem großen Welttheater die Rolle des Banditen zuspielen, der muß vor dem Tode nicht schaudern, er komme in Gesellschaft des Arztes, oder des Henkers. Also lustig!

Thomas. Das sei hier der Gottseibeiuns, ich kanns nicht sein.

Struzza. Mir klappern die Zähne.

Petrini. Hör', Abaellino, laß uns ein vernünftiges Wort mit einander sprechen. Dein Wiz wird hier fürchterlich.

Abaellino. Ha, ha, ha, ha!

Molla. Ach du armer, unglükseliger Matteo!

Abaellino. Nicht doch, Molla, mein Schäzchen, wer wollte so sehr verrathen, daß man ein Weib sei. Komm und laß uns das Gespräch fortsezzen, das ich vorhin zerriß. Sez dich zu mir und gieb mir ein Mäulchen. --

Molla. Geh, Ungeheuer.

Abaellino. Hat Liebchen die Laune verloren? Nun wohl, sie wird schon zurükkehren, und wer weis, wie es dann um die meinige steht.

Baluzzo. Daß dich der Geier fasse, Abaellino, du bist unausstehlich!

Abaellino. Bist du eifersüchtig? Ho, ho, befürchte nichts!

Baluzzo. Verdammt seist du mit deinem hirnlosen Gewäsch; saalbadre ein andermahl. Jezt laß uns überlegen, was zu thun sei?

Petrini. Freilich, es ist hier nicht die Zeit zum Spassen.

Thomas. Abaellino, ich halte dich für einen gewizten Kerl, gieb Rath, was sollen wir thun?

Abaellino. (nach einer Pause) Nichts oder vieles. Entweder wir bleiben, _was_ wir sind, und wo wir sind, morden für Geld und gute Worte einem Schurken zum Gefallen jeden ehrlichen Mann, lassen uns zulezt hängen, rädern, braten, an die Galeeren schmieden, kreuzigen und köpfen, je nachdem es der blinden Justiz behagt, oder -- --

Einige. Oder?

Abaellino. Oder wir theilen unsern Raub, verlassen die Republik, beginnen ein ehrliches Leben, und söhnen den Himmel wieder mit uns aus. Seht, ihr habt izt soviel, daß ihr zeitlebens nicht in die verlegne Frage gerathen dürfet: woher nehmen wir Brod? -- Ihr kauft euch in einem fernen Lande eine Villa, oder ein Wirthshaus, oder treibt Handel, oder ein Gewerbe, welches euch besser gefällt, als die Meuchelmörderei. Ihr mustert die Schönen, wählt euch ein Weibchen, zeugt Söhne und Töchter, eßt und trinkt und wezt die Scharten aus, durch eure Ehrlichkeit, die ihr durch Büberei schluget.

Thomas. Ha, ha, ha!

Abaellino. Was ihr thut, will auch ich thun, in eurer Gesellschaft laß ich mich entweder hängen und rädern, oder zum ehrlichen Kerl machen. -- Nun wählt!

Thomas. Ein alberner Rath!

Baluzzo. Die Wahl hält nicht schwer.

Abaellino. Ich sollt' es auch glauben.

Thomas. Wir bleiben beisammen, und treiben nach wie vor unser altes Gewerbe. Das bringt Geld und ein flottes Leben.

Petrini. Mein Seel, Kerl, du sprichst mir aus dem Herzen.

Thomas. Wir sind zwar Banditen, aber doch ehrliche Kerls, und der Donner über den, der dies läugnet. Vor allen Dingen aber müssen wir uns einige Tage eingezogen halten, damit wir nicht etwa verrathen werden, denn der Doge hat gewis izt seine Spione allenthalben. Dann aber schleichen wir uns, erkundigen uns nach dem Mörder Matteo's und erdrosseln ihn zum warnenden Beispiel ^gratis^.

Alle. Bravo! bravissimo!

Petrini. Und du, Thomas, bist dafür von heut an unser Meister.

Baluzzo. Ja, an Matteo's Stelle.

Alle. Ja, ja!

Abaellino. Und ich sage, als ein braver Gesell hierzu mein herzliches _Amen_.

Zweites Buch.

Erstes Kapitel. Der Geburtstag.

In ängstlicher Einsamkeit, eingeriegelt in ihren dumpfen Kammern, betrauerten die Banditen den Tod ihres Matteo; jeder Schlag an ihre Thüren machte sie zittern; jedes Geräusch auf der Straße machte sie grausen.

Fröhlicher aber und herrlicher gings im herzoglichen Pallast einher. Der _Doge_ feierte den Geburtstag seiner schönen Nichte Rosamunde, und Venedigs Adel, die Gesandten und hohen Fremden machten mit ihrer Gegenwart dieses Fest zum glänzendsten in seiner Art.

Keine Herrlichkeit war hier gespart, keine Quelle der Freude verschlossen geblieben. Ueppig buhlten alle Künste um den Vorrang; Venedigs erste Dichter besangen diesen Tag schöner, als je, denn sie sangen Rosamunden; die Tonkünstler und Virtuosen verschwendeten hier die Allmacht der Musik, denn es galt Rosamunden; alle athmeten Seligkeit, alles schwelgte in der seltnen Verbindung jeder Freude; der Geist des Vergnügens umschwebte den Greis und den Jüngling, die Matrone und das Mädchen.

Selten hatte man den alten Dogen heiterer erblikt, als an diesem Tage. Er war ganz Leben, die fröhlichste Laune schwebte um seinen Lippen; gnädig und herablassend lies er niemanden seine Hoheit beahnden. Er scherzte bald mit den Damen, schwärmte bald unter den Masken umher, die den Ball glänzend machten, spielte bald mit den Feldherrn und Admiralen der Republik im Schach, überwand und lies sich überwinden, bald nekte er Rosamunden, und warnte sie, ihr Herz zu bewahren.

_Dandoli_, _Sylvio_ und _Canari_, seine treuen Freunde und Räthe vergaßen ihr graues Alter; mischten sich unter die jungen Venetianerinnen und trugen scherzend jeder ihre Liebe an, nekten und ließen sich nekken.

»Als wir vor _Scardona_ lagen, Canari, und die Türken uns dort den Sieg so schwer machten, da waren wir nicht so vergnügt, als an diesem Abend. Nicht so?« rief _Andreas Gritti_ dem alten Canari zu, der in eben dem Augenblik in das Seitenzimmer hinein trat, worin sich der Doge mit seiner Nichte allein befand.

»Warlich nicht, gnädigster Herr aber es ruht sich nach solchen Arbeiten schön! -- Ich denke noch immer mit frohem Schauder an den neblichten Novemberabend, da wir Scardona eroberten und den halben Mond von den Stadtmauern hinunterstürzten! Bei Gott, unsre Venetianer fochten wie die Löwen!«

Gritti. Nun, alter Kriegsgefährte, trinkt; wir haben uns Ruhe erstritten.

Canari. Ruh und Lorbeern. -- O, bei Gott, ich bin glüklich und glüklich ist jeder der unter euern Fahnen gefochten. Ihr, gnädigster Herr, habt mich verewigt; wer hätte in der Welt an Canari gedacht, wenn Canari nicht mit dem großen Gritti gefochten hätte, und in Sicilien und Dalmatien die ewigen Trophäen der Republik Venedig aufgepflanzt hätte mit dem großen Gritti.

Gritti. (sanftlächelnd) Der Cyprier besticht eure Fantasie, braver Canari.

Canari. Freilich sollt ich euch nun wohl nicht gradezu den Großen nennen, und in eurem Beisein loben, aber ich bin alt, und mag mich nicht verstellen; mögen das unsre jungen Hofschranzen thun, die noch nicht im Pulverdampf da standen und für Venedig und Andreas Gritti fochten. --

Gritti. Alter Schwärmer! -- wird der deutsche Kaiser auch so denken?

Canari. Wenn Karl der fünfte nicht betrogen wird, oder sein Stolz noch die Größe eines andern ertragen kann: so muß er bekennen: Ich fürchte den Gritti von Venedig, aber auch er nur allein ist mir auf Erden überlegen! bei Gott, das muß Karl.

Gritti. Sollte ihn die Antwort beleidigen, die ich seinem Gesandten gab, da er mir die Gefangennehmung des Königs von Frankreichs notifizirte? --

Canari. O, gewiß, gnädigster Herr, gewiß. Aber sei es auch. Venedig zittert, so lange Gritti lebt, nicht. -- Aber gnädigster Herr, wenn ihr einmal werdet heimgegangen sein zur ewigen Ruhe und eure Helden mit euch! O, Venedig, Venedig, ich fürchte deine goldne Zeit neiget sich zum Untergange!

Gritti. Lassen nicht unsre jungen Offiziere vieles hoffen?

Canari. Ach was sind die meisten? Helden in den Feldern der Liebe; Helden hinter den Pokalen; entnervte Jünglinge, schlaff an Körper und Geist. Doch halt, -- nein! o, wenn man alt wird, oder neben einen Andreas Gritti steht, da vergißt man doch so leicht das wichtigste. -- Ich habe eine Bitte an euch, mein Doge, eine große Bitte.

Gritti. Ich bin neugierig.

Canari. Seit acht Tagen befindet sich hier ein junger florentinischer Edelmann, Flodoard heißt er, ein herrlicher, vielversprechender Mann.

Gritti. Nun?

Canari. Sein verstorbner Vater war mein sehr guter Freund, er ist nun gestorben, der alte ehrliche Graf. Er diente in seiner Jugend mit mir auf einem Schiffe, hat manchen Türkenkopf hinweggesäbelt. -- Es war ein braver Soldat!

Gritti. Ihr vergeßt seinen Sohn.

Canari. Sein Sohn hält sich jezt in Venedig auf und will in Dienste der Republik gehn. Ich bitte bei euch für ihn, stellt den jungen Mann irgend wo an; er wird einmal Venedigs Stolz sein, wenn unsre Asche vom Winde verweht ist. Ja, bei Gott, das wird er!

Gritti. Hat er Kopf?

Canari. Kopf und Herz, wie sein Vater. Wollt ihr ihn sehn, ihn sprechen? er ist unter den Masken dort im großen Saale. -- Noch eins -- er hat von den Banditen gehört, die in Venedig umherspuken, das erste Probestük seiner Schlauheit will er euch dadurch ablegen, daß er dieß unsichtbare Gesindel, dem unsre Polizei vergebens nachspürt, dem Criminalgericht in die Hände spielt.

Gritti. (verwundert) Wie ist das möglich? Graf Flodoard heißt er? sagt diesem Flodoard, ich verlange ihn zu sprechen.

Canari. O, nun hab ich schon die Hälfte oder alles gewonnen. Denn Flodoarden sehn, und nicht lieben, hält so schwer, als einen Blik ins Paradies thun und ohne Lüsternheit zu verbleiben. Flodoarden sehn und ihn hassen ist so unmöglich, wie den Blindgebohrnen das Tagslicht zu hassen, das er zum erstenmahl erblikt, da ihm der Staar vom Auge gezogen, wird.

Gritti. (lächelnd) Ich habe meinen alten Canari nie so schwärmerisch gefunden, als diesen Abend.

Canari. O, bei Gott, gnädigster Herr, die Flodoarde waren seit den frühsten Zeiten gros. Ihres Geschlechts Stamm trug schon damals herrliche Zweige, als das Geschlecht der Gritti, Canari, Dandoli und Falieris noch unter den wilden Gesträuchen keimte. Und ich glaube, jede Ceder grünt noch und giebt berühmte Zweige von sich, wenn unsre Familien rings umher ausgestorben sind, wie dürres, schwaches Pflanzwerk.

Gritti. Zeiget mir doch den Wundermann!

Canari. (im Aufstehn.) Ich werd ihn herbeirufen. Ach, es thut mir wohl meinen alten verstorbnen Waffenbruder Flodoard in seinem Sohn wieder lieben zu können. -- Und, ihr edle Donna, hütet euch! hütet euch! (geht ab)

Rosamunde. Führt nur euern Helden vor, ihr habt meine Neugierde gespannt.

Gritti. Warum sonderst du dich so lange von den Tänzern ab, Rosamunde?

Rosamunde. Ich bin ermüdet, und jezt fesselt mich noch die Neugier, den hochgepriesenen Flodoard zu sehn. -- Ach, lieber Oheim, mir deucht, ich kenne ihn schon. Unter allen Masken zeichnet sich vorzüglich eine griechische aus, und zeichnet sich so aus, daß man sie mit dem flüchtigsten Blik unter tausenden erkennt. Eine schlanke, große Gestalt, in jeder Bewegung so angenehm, -- und tanzt so treflich.

Gritti. (lächelnd mit dem Finger drohend) Nichte! Nichte!

Rosamunde. O, fürwahr, lieber Oheim ich lüge nicht -- aber doch kann es sein, daß der florentinische Flodoard und der Grieche zwei Personen -- -- seht, Oheim, seht dort hinunter, da, da steht der Grieche!

Gritti. Und Canari neben ihm. -- Sie kommen! Nun, du bist im Errathen glüklich -- --

Der Doge hatte kaum seine Worte vollendet, als der alte _Canari_ hereintrath, einen schlanken Griechen an seiner Hand führend.

»Seht hier den Grafen Flodoard, der um eure Gnade bittet!« sagte Canari, und _Flodoard_ entblößte ehrerbietig sein Haupte, zog die Larve vom Gesicht und verneigte sich tief vor Venedigs großen Dogen.

Gritti. Ihr wollet in die Dienste unsrer Republik treten?

Flodoard. Wenn. Ew. Durchlaucht mich für dieselben würdig finden.

Gritti. Canari versprach mir viel Gutes von euch. Warum hat euch euer Vaterland nicht behalten?

Flodoard. Weil dort kein Gritti lebt.

Gritti. Bestätigt es sich, daß ihr die Banditen in Venedig aufgespürt habt?

Flodoard. Ich zweifle nicht daran sie aufspüren, und sie euren Gerichten überliefern zu können.

Gritti. Das wäre in der That von einem Fremdling viel. Ich bin begierig zu wissen ob ihr Wort halten könnet.

Flodoard. Morgen oder Uebermorgen Durchlauchtigster Herr, hab ich mein Versprechen erfüllt.

Gritti. Und das verspreche ihr so fest? Wißt ihr was es heißt, Banditen zu fangen? dies Gesindel ist unsichtbar und allgegenwärtig, man sieht es allenthalben, und nirgends, und noch ist es den Polizeibedienten der Republik nicht möglich gewesen diese Brut zu erhaschen, wiewohl kein Winkel in Venedig existirt, den unsre Spione nicht kennen, nicht durchstöbern.

Flodoard. Ich schäzze mich glüklich dem großen Dogen von Venedig mich durch solches Probestük empfehlen zu können.

Gritti. Wenn ihrs vollbracht habt, dann kommt zu mir. Jezt wollen wir uns der Freude überlassen, der dieser Tag geheiligt ist. -- Führt meine Nichte zum Tanz, wenn ihr wollet.

Flodoard. Ein angenehmer Befehl. --

Rosamunde stand an den Sessel ihres ehrwürdigen Oheims gelehnt, und musterte den Grafen, und dachte an Canari's Worte: ihn sehn und ihn nicht lieben hält so schwer, als einen Blik ins Paradies werfen, ohne lüstern zu werden. Und Rosamunde gab dem alten Canari recht. Ein helles Roth überflog sie, da der Oheim den Befehl gab, sie war verlegen, und wußte nicht, ob sie vor oder zurüktreten müßte.