Abaellino der große Bandit

Part 2

Chapter 23,595 wordsPublic domain

Eines Tages rief er den Abaellino zu sich. »Höre, sagte er: Du wirst ein braver Kerl werden, das seh ich voraus. Fange nun auch an, das Brod, was wir dir geben, selber zu verdienen. -- Hier hast du einen Dolch vom feinsten Stahl; du läßt dir jeden Zoll daran bezahlen. Stichst du nur _einen_ Zoll tief in das Fleisch deines Gegners, so foderst du von dem, der dich besoldete, eine Guinee. Zwei Zoll, zehn Guineen; drei Zoll zwanzig, der ganze Dolch so viel du selber willst -- das ist so die Taxe. Hier hast du einen gläsernen Dolch; an ihn hängt der unfehlbare Tod dessen, dem er ins Fleisch gestossen wird -- kaum ist der Stich geschehn, so brichst du ihn in der Wunde ab, das Fleisch schließt sich über die abgebrochne Spizze zusammen, die bis zum Auferstehungstage darin ihr Quartier behält. -- Hier dieser metallne Dolch bewahrt in seiner Höhlung ein subtiles Gift; stoß ihn, wem du willst, in den Leib, drükke hart an diese Feder, und du sprüzzest in eben den Augenblik den Tod in die Adern des Verwundeten. -- Nimm die Dolche, ich gebe sie dir zum Geschenk, ein Kapital, das goldne, schwere Zinsen trägt!«

_Abaellino_ nahm die Mordinstrumente mit einem leisen Schauer in die Hand. --

»Ihr müßt euch doch schon ein großes Vermögen zusammengestohlen haben!«

»»Schurke, entgegnete Matteo beleidigt: wer stiehlt unter uns. Hältst du uns für Straßenräuber, Beutelschneider, oder für Verwandte dieses Lumpengesindels?««

»Vielmehr für noch etwas ärgers; denn offenherzig gesprochen, Matteo, jene plündern doch nur die Schränke und Geldbörsen, die sich immer wieder füllen lassen, aber wir nehmen dem Menschen ein Kleinod, das er nur einmahl hat und einmal nur verlieren kann. Sind wir nicht noch tausendmahl ärgere Räuber?«

»Beim heiligen Klas, Abaellino, ich glaube, du willst moralisiren?«

»»Ha, ha, ha, ha!««

»»Nun was schwazzest du da?««

»Höre, Matteo, noch eine Frage: wie finden wir uns dereinst mit dem Weltrichter ab?«

»»Ha, ha, ha!««

»Glaube nicht, daß es dem Abaellino am Muth fehlt; sieh, ich will auf deinen Befehl das halbe Venedig erwürgen, aber -- --«

»»Närrchen, als Bandit mußt du dich über die Fabel von Tugend und Sünde hinweg sezzen. Was ist Tugend, was ist Laster? nichts, als ein Etwas, welches die Landesverfassung, Gewohnheit, Sitte, Erziehung geheiligt hat; und was _Menschen_ heiligen, können auch Menschen _entheiligen_; hätte der Senat die freimüthigen Urtheile über die venetianische Polizei nicht verboten: so wäre die Aeusserung solcher Urtheile keine Sünde. Gott frägt nicht nach Menschensazzungen, sondern nach seinem Willen. Wen er von uns zur Seligkeit bestimmt hat, der wird einmal selig, und wen er verdammt hat, der bleibt verdammt in alle Ewigkeit, und wenn er gleich nach menschlicher Meinung ein Heiliger wäre. Also über die Sorgen sezz' dich hinweg. Wir sind Menschen, so gut wie der Doge und seine Senatoren; wir können so gut, wie sie Gesezze geben, und aufheben, und bestimmen, was Sünde und Tugend sein soll.««

_Abaellino_ lächelte.

»»Sagst du, wir treiben ein ehrloses Gewerbe? was ist Ehre? ein Wort, ein leerer Schall und ein leeres Hirngespinnst. Der Knikker sagt: Ehre ist es reich zu sein, und die Goldstükke zu Tausenden zählen zu können. Ehre, sagt der Wollüstling, ist es von jedem Mädchen angebetet zu werden und jedes schöne Weib zu besiegen. Nein, sagt der Feldherr, Städte zu erobern, Armeen zu schlagen, Dörfer zu verheeren, das bringt Ehre. Der Gelehrte sezt seinen Ruhm in die Menge der Folianten die er geschrieben, oder gelesen hat; der Kesselflikker in die Kunst Scherben wieder genau zusammen zu kitten; die Nonne in der großen Zahl ihrer Andachtsübungen; die Weltdame in die Menge ihrer Vergötterer; die Republik in die Größe ihrer Provinzen und so, Freundchen, sezt jeder seine Ehren in etwas anders. Warum ist es ehrlos, wenn wir uns in unsrer Kunst Glanz und Vollkommenheit erringen.««

»Schade, an dir verliert der Lehrstuhl einen braven Philosophen.«

»»Meinst du? sieh nur Abaellino, ich bin im Kloster erzogen; mein Vater war ein Prälat in Lukka, meine Mutter eine keusche Nonne vom Orden der Urselinerinnen. Da hab ich studieren sollen, mein Vater wollte mich zu einem Kirchenlicht machen, aber ich fühlte mich zu einer Mordbrennerfakkel tauglicher. Als ich bei dem alten Pater _Hieronimus_ die Moral studierte, sagte er mir oft, _Selbstliebe_ sei das große Triebrad aller menschlichen Handlungen, das Urprincip jeder Sittenlehre. Hieronimus hatte Recht. Gott schuf aus Selbstliebe das unermeßliche Universum, um sich selber zu verherrlichen, und verherrlicht zu sehn; jedes Thier handelt den Naturgesezzen gemäs, nach dem ehrwürdigen Grundsaz der Selbstliebe -- jeder Mensch ordnet seine Thaten diesem großen Gesez unter, und wer hat nun wider die Sittlichkeit unsers Geschäfts etwas einzuwenden, da wir eben dem Gesez gehorchen, dem das Universum Gehorsam leistet? -- Mit einem Worte, zittre nicht vor den Selbstgespinnsten deiner Einbildungskraft!««

Fünftes Kapitel. Die Einsamkeit.

Schon über sechs Wochen war _Abaellino_ in Venedig, aber noch hatte er von seinen Dolchen keinen Gebrauch machen können oder wollen. Denn theils war er in den Straßen, Schlupfwinkeln, Pallästen und Kajütten Venedigs zu unbekannt, theils fehlten ihm auch noch Kunden, deren mörderische Aufträge er hätte executiren können.

Diese Geschäftlosigkeit ekelte ihm, er wollte handeln und konnte nicht.

Melancholisch schlich er umher, und seufzte. Er besuchte die öffentlichen Pläzze Venedigs, die Wirthshäuser, Garten- und Lustpläzze, aber nirgends fand er, was er suchte -- Ruhe.

An einem Abend hatte er sich in einem Garten verspätet, der auf einer niedlichen Insel Venedigs gelegen war. Er schlich von Laube zu Laube, sezte sich am Ufer des Meeres nieder und sah dem Spiel der Wellen im Schein des Mondes zu.

»So ein schöner Abend wars vor zwei Jahren, da ich Emmoinen den ersten Kuß raubte, und Emmoine mir Liebe schwor!« seufzte er, und schwieg und wehmüthige Empfindungen stiegen in ihm auf.

Es war so stille. Kein Lüftchen bog die Hälmchen des Grases; aber in _Abaellinos_ Busen stürmte es.

»Hätt' ich es vor zwei Jahren träumen können, daß ich einmahl in Venedig als Bandit meine Rolle spielen würde? O wo sind die goldnen Hofnungen, die lieblichen Pläne, welche meine Jugend umgaukelten? -- Ich bin ein Bandit, noch weniger, als ein Bettler! --«

»Wenn mein grauer Vater oft im Enthusiasmus mich umschlang und rief: Sohn, du wirst den Namen Obizzo glänzend machen! Gott, wie bebte ich da, was dacht ich, was empfand ich, was wollt' da nicht alles! und der Vater ist tod, und sein Sohn -- -- ein venetianischer Bandit! -- wenn meine Lehrer mich bewunderten und liebkoseten, und sie entzükt mir zuriefen: Graf, ihr verewiget einst das alte Geschlecht von Obizzo! ha, was versprach ich mir da nicht in seliger Trunkenheit von der Zukunft! -- Als mich Emmoinna von einer schönen That zu sich heimkehren sah, und sie die Arme mir entgegenstrekte und mich an ihren Busen schlos und mir ins Ohr lispelte: wer sollte den großen Obizzo nicht lieben, -- -- oh, oh! hinweg ihr Bilder der Vergangenheit, euer Erscheinen führt zum Wahnsinn!«

Er schwieg, bis die Lippen zusammen, hielt die flache Hand vor die Stirn und krallte die andre zusammen.

»Ein Meuchelmörder, ein Diener der Niederträchtigkeit und Büberei, einer der größten Schurken, den die venetianische Sonne bescheint ist -- der _große Obizzo_! -- pfui! -- und doch hat mich das Schiksal selber zu diesem unseligen Loose verdammt. --«

Plözlich sprang er nach einem langen Stillschweigen auf, sein Auge funkelte, seine Miene verwandelte sich, sein Odem flog lauter.

»Ja, beim Himmel, ja, gros konnt' ich als Graf Obizzo nicht sein, aber wer wehrt mirs, gros, als Bandit, zu werden? -- Vater, mein Vater!« rief er und sank von ungewöhnlichen Gefühlen bestürmt nieder auf die Kniee, und strekte die Finger empor zum Himmel, als zu einem Eide:

»Geist meines Vaters, Geist meiner Emmoina, ich will eurer nicht unwerth sein! hört mich, wenn ihr mich umschweben dürfet, hört mich, ich will auch als Bandit meinen Ursprung nicht verläugnen, eure Hofnungen, mit denen ihr aus dieser Welt schiedet, nicht vernichten -- o, so wahr ich lebe, ich will der _einzige_ meiner elenden Zunft sein und werden, und die Nachwelt soll den Namen verehren, den ich verherrlichen kann. --«

Er berührte mit seiner Stirn den Erdboden und weinte. Die Zweige lispelten leise im Abendwinde um ihn her, leise lispelten die Gebüsche und das dunkle Schilf am Gestade.

Länger als eine Viertelstunde verharrte er in dieser Situazion. Große Gedanken flogen vor seinem Geiste vorüber; über ungeheuern Plänen schwindelte er und er sprang auf sie zu realisiren.

»Mit fünf erbärmlichen Gaunern mach ich kein Complot wider die Menschheit. Ich allein muß die Republik zittern machen, und jene meuchelmörderischen Buben sollen in acht Tagen hängen. Fünf Banditen soll Venedig nicht füttern, aber einen, _einen einzigen_, und dieser soll dem Dogen die Spizze bieten, soll über Recht und Unrecht in der Republik wachen. Ehe acht Tage verfliegen, soll der Staat gereinigt sein von dem Auswurf des menschlichen Geschlechts, und dann steh ich noch allein da. An mich allein müssen sich alle jene Schurken von Venedig wenden, welche meine Spiesgesellen vormahls zum Morde der Rechtschaffnen gedungen haben. Ich lerne nun die feigen Mörder, die vornehmen Buben kennen, die den Matteo sonst und seine Knechte bezahlten -- ha, Abaellino! Abaellino! -- --«

Er taumelte, trunken von seinen Hofnungen durch den Garten, rief einen Gondelier herbei, sezte sich in die Gondel und eilte zu der Wohnung der kleinen _Molla_, wo alles schon im Arm des Traumgotts hingestorben lag.

Sechstes Kapitel. Rosamunde, die schöne Nichte des Dogen.

»Hör Bursche!« sprach _Matteo_ am folgenden Morgen zum Abaellino: »heute sollst du dein Probestük in der Kunst machen!«

»»Heute?«« murmelte _Abaellino_ durch die Zähne: »Wem gilts?«

»Es ist freilich nur ein Weib, allein man muß jedem den Anfang erleichtern. Ich will dich selber begleiten, und sehn, wie du dich bei dieser Probearbeit benehmen wirst!«

»»Hm!«« sagte _Abaellino_, und maß den Matteo vom Wirbel bis zu den Sohlen.

»Heut Nachmittag um die vierte Stunde gehn wir mit einander, gut gekleidet in den Garten von Dolabella, auf der Südseite von Venedig. Hier pflegt die Nichte des Dogen Andreas Gritti, die schöne Rosamunde von Corfu zu baden, und nach dem Bade allein zu lustwandeln. Und dann -- nun weißt du's.«

»»Und du begleitest mich?««

»Ich will von deiner ersten That ein Zuschauer sein; so pfleg ichs zu halten bei jedem! --«

»»Wie tief der Stos?««

»Bis aufs Leben! die Bezahlung ist fürstlich; ich empfange sie nach Rosamundens Tode.«

Es wurde alles übrige verabredet. Der Nachmittag erschien. Es schlug in der benachbarten Benediktinerkirche vier Uhr, und Matteo und Abaellino machten sich auf den Weg.

Sie kamen in den Dolabellischen Garten, der heut ungewöhnlich volkreich war; Menschen beiderlei Geschlechts durchirrten die umbüschten Gänge; in allen Lauben sassen die Edlen von Venedig; in allen Winkeln seufzten liebende Paare der angenehmern Dämmerung des Abends entgegen; und von jeder Seite scholl Vokal- und Instrumentalmusik um das schwelgende Ohr.

_Abaellino_ mischte sich unter die Spaziergänger; er hatte seinen Kopf in eine ehrwürdige Perükke verstekt, die Attitüde eines podagrischen Alten angenommen und schlich so an einem Krükkenstok durch die Versammlung. Seine goldreiche Kleidung verschaffte ihm allenthalben Zutritt, jeder lies sich mit ihm in Gespräche über Witterung, Kommerz der Republik und die Kriege der Ausländer ein, und Abaellino wußte angenehm zu unterhalten.

So erfuhr er nun auch, daß Rosamunde im Garten sei, wie sie sich heut gekleidet, und in welcher Gegend sie wandele.

Sogleich schlich er dahin. _Matteo_ verfolgte ihn auf den Fus.

In einer entlegnen Laube sas die größte Schönheit Venedigs, _Rosamunde von Corfu_.

_Abaellino_ näherte sich der Laube; er wankte vor dem Eingang derselben, als ein Ohnmächtiger umher, und erregte Rosamundens Aufmerksamkeit. »Ach!« seufzte er: »ist denn niemand, der sich eines schwachen Greises erbarmet?«

Die schöne Nichte des Dogen sprang eilig hervor aus der Laube, dem alten Mann zu helfen. »Was ist Euch, lieber Vater?« fragte sie mit einer süßen Stimme, und besorgtem Blik.

Abaellino winkte mit der Hand zur Laube hin; Rosamunde führte ihn hinein und sezte ihn auf ein Rasenbänkchen.

»Gottes Lohn!« stammelte Abaellino mit schwacher Stimme, und sah Rosamunden ins Auge und erröthete.

_Rosamunde_ stand schweigend vor dem verlarvten Banditen und zitterte in zärtlicher Sorge -- und diese Bekümmernis macht das schöne weibliche Geschöpf noch schöner. -- Bebend bog sie sich mit dem halben, schlanken Leibe über ihren gedungnen Mörder und fragte nach einer Weile: »ists Euch besser?«

»Besser!« stammelte der Betrüger mit matten Lippen. -- »Ihr seid die edle Rosamunde von Corfu, des Dogen Nichte?«

»Wohl bin ichs, lieber Alter!«

»»O, Fräulein, da hab ich Euch etwas wichtiges zu entdekken -- ach, du lieber Gott, wie können die Menschen so grausam sein -- seht nur, man steht Euch nach Euerm Leben.««

Das Mädchen bebte erblassend zurük.

»Wollt ihr Euern Mörder kennen lernen? -- Ihr sollt nicht sterben, aber thut mir den Gefallen und verhaltet euch ganz still!«

_Rosamunde_ wußte nicht, was sie zu den Worten des Greises denken sollte; es wurd ihr bange in der Gesellschaft dieses alten Mannes.

»Fürchtet nichts, Fräulein, fürchtet nichts, seid unbesorgt. -- Der Mörder soll vor euern Augen sterben.«

_Rosamunde_ machte eine Bewegung, als wollte sie entfliehn. Aber plözlich verwandelte sich der schwache Greis vor ihren Augen. Er der vor einer Minute ohnmächtig nur lallen konnte, und zitternd da sas, sprang auf wie ein Riese und hielt sie zurük in seinen Arm.

»Um Gotteswillen, laßt mich!« rief sie.

»»Fräulein, seid sorglos, ich beschüzze euch!«« entgegnete Abaellino nahm ein kleines Blech in den Mund und pfiff.

Plözlich sprang der lauernde Matteo aus einem Gesträuch hervor und in die Laube hinein. Abaellino zog den Dolch, schleuderte Rosamunden hinter sich, gieng dem Matteo einen Schritt entgegen und stieß ihm das Messer ins Herz.

Ohne einen Laut von sich zu geben, stürzte der Banditenhauptmann zu Abaellinos Füßen nieder und röchelte und gab nach vielen gräslichen Verzukkungen den Geist auf.

Jezt sah der Mörder Matteo's hinter sich, und erblikte Rosamunden halbohnmächtig auf der Rasenbank.

»Nun ist dein Leben gerettet, schöne Rosamunde, sagte er: da liegt der Schurke, der mich zu deiner Ermordung hieher führte. Sei ruhig, geh hin zu deinem Oheim Andreas Gritti, und sage, Abaellino habe dein Leben erhalten!«

_Rosamunde_ konnte nicht sprechen. Bebend strekte sie ihre Arme aus, ergrif Abaellinos Hand und küßte sie mit stummer Dankbarkeit.

_Abaellino_ sah die schöne Leidende an, und wer konnte hier gefühllos bleiben? Man denke sich ein Mädchen, das kaum neunzehn Sommer dieses Lebens gesehen hatte; den schlanken Gliederbau verstekt in ein weises, tausendfaltiges leichtes Gewand, mit einem großen, blauen Augenpaar, aus welchem die reinste Unschuld sprach, einer Stirn, weis wie Elfenbein, über welcher das schwarze lokkigte Haar sanftgeringelt herabquoll, Wangen, die der Schrek izt gebleicht hatte, Lippen, die nie ein Verführer mit seinem Kusse vergiftet, einen Busen, den der keusche Flornebel vergebens verbergen wollte. Man denke sich dieses Geschöpf, woran die liebende Natur nichts vergas, um es zum Ideal weiblicher Schönheit zu erheben -- und man wirds dem ungestümen Abaellino nicht verargen, wenn er einige Minuten entgeistert dastand und sich um die Ruhe seines Herzens betrog. --

»O, bei Gott! rief er: Rosamunde, du bist schön, schön wie Emmoina! --« Er bog sich über sie hin und drükte einen brennenden Kuß auf ihre blasse Wange.

»»Geh, schreklicher Mensch!«« lispelte sie.

»Ach, Rosamunde, warum bist du so schön, und warum bin ich -- weißt du wer dich küßte, geh, und sage dem Dogen laut: _der Bandit Abaellino_!«

Er sprachs und verschwand aus der Laube.

Siebentes Kapitel. Fortsezzung.

Und in der That hatte _Abaellino_ Ursach zu eilen; denn wenige Minuten, nachdem er die Laube verlassen hatte, verirrten sich mehrere Spaziergänger in dieser Gegend her, die bald den ermordeten Matteo, und die todtenblasse Rosamunde erblikten.

Man versammelte sich um die Laube: es strömten immer mehrere Personen herbei und _Rosamunde_ mußte fast jedem die Begebenheit der vergangnen Augenblicke erzählen.

Es befanden sich unter den Herbeieilenden verschiedne Hofleute des Andreas Gritti; man rief ihre Gesellschaftsdamen und Zofen herbei, rief ihrer Gondel und so begab sich das arme Mädchen in den Pallast ihres Oheims zurük.

Vergebens hielt man alle andern Gondeln an, vergebens untersuchte man alle Gäste des Dolabellischen Gartens, der sogenannte Bandit Abaellino war verschwunden. --

Der Ruf dieser Geschichte flog durch ganz Venedig; jedermann bewunderte Abaellinos That, bedauerte die arme Rosamunde, verfluchte denjenigen, der den Matteo zu ihrem Morde besoldet hatte, und suchte alle diese unzusammenhängenden Fragmente mit dem Kitt der Hypothesen, so gut, wie gewisse deutsche Philosophen ihre Systeme, zusammenzuflikken.

Am Ende entspann sich hieraus der schönste Stoff zu einem abentheuerlichen Roman, oder Trauerspiel, betitelt: _Die Gewalt der Schönheit_. Denn Abaellino hätte wahrscheinlich Rosamunden den Dolch ins Herz gestossen, meinten die venetianischen Damen und Herrn, wäre Rosamunde minder schön gewesen.

Zulezt beneideten die Venetianerinnen Rosamunden sogar um das Abentheuer; man fieng schon an über den Kus des Banditen zu medisiren. Hm! sagten einige: was kann die schöne Rosamunde ihrem Erretter nicht in der Angst erlaubt haben! -- Und wird, riefen andere: und wird der Kerl mit einem schönen Mädchen, dem er das Leben erhielt, allein sich mit einem einzigen Kusse begnügt haben? -- Freilich! entgegnete man: Banditen pflegen sonst so sehr galant nicht zu sein und in der Liebe zu platonisiren! --

Mit einem Worte, Rosamunde und der häsliche Abaellino waren so lange der Gegenstand müßiger Schwäzzer und Schwäzzerinnen, bis man endlich die Nichte des Andreas Gritti die _Banditenbraut_ betitelte.

Keiner aber war aufgebrachter, als der Doge. Er gab sogleich Befehl, man solle wachsamer als je auf alle und jede verdächtige Personen sein; die Nachtwachen wurden verstärkt, es wurden alltäglich Spione ausgesandt, aber vergebens, man entdekte keine Spur von den Banditen.

Achtes Kapitel. Entdekkungen.

»Verdammt!« rief am andern Tage der wilde _Parozzi_, ein venetianischer Nobile erstern Ranges, und ging mit großen Schritten durch sein Gemach: »Verdammt sei die Ungeschiklichkeit des Schurken! aber in der That, ich begreif es noch gar nicht, wie sich das alles zugetragen hat! -- Weis man von meinen Plänen? hat Bembi Rosamundens Liebe? Wer hat den Abaellino wider den Matteo ausgeschikt? -- Bembi vielleicht? -- gewis! -- Und wird der Doge nun nicht fragen: wer hat Mörder wider meine Nichte ausgesandt? wer kann es anders gewesen sein, als _Parozzi_, der unglükliche Liebhaber, dem die schöne Rosamunde einen Korb gab, und Andreas Gritti unhold ist? wird man sagen. -- Pfui! -- Parozzi -- Parozzi! und wenn der schlaue Gritti all deine Pläne entdekte, wenn er wüßte, daß du an der Spizze mehrerer Leichtsinnigen -- Leichtsinnigen? ja doch, was sind die Knaben anders, die um der Ruthe zu entgehn, den Eltern das Haus übern Kopf anzünden wollen? -- Parozzi, wenn das alles dem Gritti verrathen würde!«

Er wurde in seinen Betrachtungen gestört. _Memmo_, _Falieri_ und _Contarino_ traten herein, drei junge Venetianer vom besten Adel, Parozzis tägliche Gesellschafter, am Geist und Körper verdorbne Menschen, Springinsfelde, Bonvivants, die allen Wucherern in Venedig mehr schuldig waren, als sie jemals mit ihrem väterlichen Erbe bezahlen konnten.

»Aber, Brüderchen, rief Memmo, dem das Laster in der grauen Gesichtsfarbe, dem trüben Blik und den rothblauen Ringen um den Augen verrieth; um des Himmels Willen, ich bin ausser mir, hast du den Matteo wider die Nichte des Andreas Gritti ausgeschikt?«

»»Ich?«« sagte Parozzi, und drehte sich um, um die Todtenblässe zu verstekken, die ihm über das Gesicht flog: »»kein Gedanke -- ich glaube, du schwärmst!««

Memmo. Wahrhaftig, ich spreche im ganzen Ernst; frag nur den Falieri, der kann dir mehr erzählen.

Falieri. Höre, Parozzi, der Procurator _Sylvio_ hats dem Dogen als eine heilige Wahrheit beschworen, daß kein andrer, als du, den Matteo zu Rosamundens Ermordung bestellt habest.

Parozzi. Nun, und ich sage euch, der Kerl raset.

Contarino. Aber nimm du dich in Acht. Gritti ist fürchterlich.

Falieri. Der Doge ist der elendeste Gauch von der Welt; er kann ein ganz guter Soldat sein, aber Kopf hat er nicht.

Contarino. Und ich schwöre dirs, Gritti ist wild wie ein Löwe und schlau wie ein Fuchs.

Falieri. Durch das verdammte Kleeblat, davon er der Stiel ist, der es um sich zusammen hält. Man nehme ihm den Sylvio, Conari, und Dandoli, so wird er dastehn, wie ein Schulknabe im Examen, dem mans Concept gestohlen hat.

Parozzi. Falieri hat Recht.

Memmo. Ja, wahrhaftig.

Falieri. Und stolz ist der Gritti, wie ein Bauer, dem man ein Purpurkleid angezogen hat. Bei Gott, er ist unleidlich. Bemerkt ihr denn gar nicht, wie er täglich seinen Hofstaat vermehrt?

Memmo. So wahr ich lebe, du hast Recht.

Contarino. Und welche Gewalt er sich allenthalben anmaßt? Die Signoria, die Quaranti, die Procuratoren di St. Marco, die Avogadori wollen und wünschen nichts anders, als was dem Gritti gefällt. Alle hängen sie an dem Faden seiner Launen wie Marionetten, die ihre Holzköpfe schütteln oder verneigen, nachdem sie gezogen werden.

Parozzi. Und das Volk vergöttert diesen Gritti.

Memmo. Ja, das ist eben das schlimmste.

Falieri. Aber ich will verdammt sein, wenn sich das Spiel nicht bald dreht.

Contarino. Ja, nur angefangen, Leute. Aber was thun wir? da liegen wir in den Weinhäusern und Bordellen, saufen und spielen, stürzen uns in ein Meer von Schulden hinein, wo zulezt der beste Schwimmer ertrinken muß. Laßt uns den Anfang machen -- laßt uns werben, laßt uns angreifen, die Verhältnisse müssen sich ändern, oder es geht in dieser Welt mit uns nicht gut.

Memmo. (seufzend) Freilich, freilich, die Gläubiger zerklopfen mir schon seit einem halben Jahr die Thüren, wekken mich des Morgens aus dem Schlaf und lullen mich des Abends mit ihren Klagen wieder ein.

Parozzi. Ha, ha, ha! nun ihr wißt ja, wie mirs geht! --

Falieri. Hätten wir minder flott gelebt: so würden wir izt ruhig sizzen können in unsern Pallästen, und -- Aber izt --

Parozzi. Nun, wahrhaftig, ich glaube Falieri hält uns eine Buspredigt.

Contarino. So machens die alten Sünder sammt und sonders, wenn sie nicht mehr sündigen können, dann geloben sie hoch und theuer Reue und Besserung. Nein, ich bin zufrieden mit meinen Ausschweifungen; ich seh doch daraus, daß ich kein Alltagsmensch bin, der mit seinem Pflegma hinter dem Ofen zusammenschurrt, Federn spizt, Männerchen malt und vor ungewöhnlichen Einfällen schaudert. Die Natur hat mich einmal zum Wildfang geboren, und ich will meine Bestimmung erfüllen. -- Brächte der Himmel nicht zuweilen Geister wie die unsrigen hervor: so würden die Menschen endlich einschlafen. Aber wir treiben die alte Ordnung aus ihren Fugen, und die Menschen aus ihrem Schnekkengang, geben einer Million Müßiggänger Räthsel auf, jagen einige hundert neue Ideen durch die Köpfe der großen Menge, verursachen allgemeine Gährung und sind zulezt der Welt so nüzlich, wie ein Sturmwind der trägen, sich selbst vergiftenden Natur.