A. von Menzel

Part 8

Chapter 83,026 wordsPublic domain

Bei seiner sommerlichen Erholungsreise im Jahre 1881 verweilte Menzel ein paar Tage in Verona, wohin er auch das Jahr zuvor einen kurzen Ausflug gemacht hatte. Was ihn nach der italienischen Stadt wieder hinzog, war das bunte lärmende Volksleben, das gerade hier seine nationale Eigenart und unverfälschte Natürlichkeit so treu bewahrt hat. Wie treffend er diese Eigenart erfaßte, bekunden schon die ersten Studienzeichnungen, die er von dort heimbrachte (s. Abb. 103). Das wogende Getriebe auf dem Gemüsemarkt von Verona, das den vom Norden kommenden Wanderer so fremdartig und betäubend umfängt, setzte sich als Bildgedanke in seinem Kopfe fest.

Mit der Jahreszahl 1883 sind mehrere zu dem „Kinder-Album“ gehörige Blätter bezeichnet. Diese Sammlung kostbarster Wasserfarbenbildchen schloß Menzel in diesem Jahre ab. Manches ältere Blatt unterzog er dabei einer Überarbeitung. Das Ganze war zu einer Reihe von 43 Bildern angewachsen, die nachmals sämtlich in den Besitz der Nationalgalerie übergegangen sind. Es befinden sich Werke darunter, die neben allen anderen Eigenschaften einen wunderbaren Farbenreiz besitzen, der sie in die Vorderreihe der glücklichsten malerischen Schöpfungen Menzels stellt. Da ist vielleicht an erster Stelle ein Bild vom Hühnerhof zu nennen, wo eine Truthenne mit ihren dunklen Farben sich von der breiten Lichtmasse abhebt, die durch einen weißen Pfau und einen gelben Cochinchinahahn gebildet wird (Abb. 104). Oder die beiden als Gegenstücke gedachten Papageienbilder, von denen das eine die „süße Freiheit“ eines blauen Ara, der im Baumwipfel sitzt, das andere die „versüßte Knechtschaft“ eines Kakadu schildert, der unter den Liebkosungen einer feinen Damenhand seinem Behagen durch Aufblähen der Federn und possierliche Verdrehungen Ausdruck gibt; hier klingen das Weiß und Schwefelgelb des Gefieders, der zarte Fleischton, die Metalltöne des goldenen Armbandes und der Messingstäbe und Kette, das Grün von Blattpflanzen und die prächtigen Farben eines Teppichs zu einer bezaubernden Melodie zusammen (Abb. 105).

Im Sommer 1883 ging Menzel zum drittenmal nach Verona. Wiederum bemaß er seinen Aufenthalt nur auf drei Tage. Aber mit seinem unglaublichen Auffassungsvermögen hatte er jetzt Eindrücke genug sich dort eingeprägt, um in einem figurenreichen Ölgemälde, das im folgenden Jahre fertig wurde, die Piazza d’erbe mit einer Beredsamkeit und Wahrheit zu schildern, wie sie kaum jemals ein berufsmäßiger Schilderer italienischen Volkslebens erreicht hat. Jeder Beschreibung in Worten entzieht sich dieses bunte, farbige Gewühl, auf das die alten Steinhäuser des Marktplatzes und das marmorne Brunnenbild der Stadtgöttin herabschauen; in das Stimmengewirr der Feilschenden an den von großen Sonnenschirmen beschatteten Ständen der Marktfrauen mischen sich die schrillen Rufe der wandelnden Verkäufer; ein Maultierkarren, Hunde, Gassenbuben, die einer in dem Lärm und der Bewegung ganz außer Fassung geratenden nordländischen Familie durch Vorführung von Purzelbäumen ein paar Kupferstücke abzulocken suchen, vermehren das Gedränge, das den daran Gewöhnten doch so kalt läßt, wie die Straßenarbeiter, die im Vordergrund mit der Ausbesserung des Trottoirs beschäftigt sind. -- In einem mit Wasserfarben ausgeführten kleinen Bild brachte Menzel in dem nämlichen Jahr noch eine Erinnerung an den Veroneser Gemüsemarkt: zwei junge Bäuerinnen, die an ihrem Obststand mit einer in den landesüblichen schwarzen Spitzenschleier gehüllten Bürgersfrau handeln, -- drei Halbfiguren von sprechendster Lebenswahrheit und örtlicher Eigenart.

Daneben entstanden im Jahre 1884 noch eine Menge Deckfarbenbildchen verschiedenen Inhalts. Die meisten derselben enthalten Reiseerinnerungen aus Süddeutschland. Da steht an der Spitze die köstliche Darstellung des Wärmkessels zu Kissingen, um den sich in früher Morgenstunde zahlreiche des heilkräftigen Wassers Bedürftige -- mannigfaltige Typen -- versammeln (Abb. 109). In der Burgruine Aura bei Kissingen läßt der Künstler uns dem Treiben einer munteren Schar von Touristen, Herren und Damen, zuschauen. Und ein anderes Mal erblickt er in dem Spiel der einfallenden und zurückgeworfenen Lichtstrahlen auf einem Stück Wendeltreppe im Gemäuer dieser Ruine die Anregung zu einem malerisch in sich abgeschlossenen Bildchen (Abb. 110). Nach Beendigung der Badezeit im Gebirge verweilend, wird der Meister in Garmisch bei Partenkirchen durch den Anblick fremdartig aufgeputzten fahrenden Volkes gefesselt, das durch die Vorführung von Kamelen und Affen die Schaulust der Eingebornen sowohl wie diejenige der dort Sommerfrische genießenden Großstädter reizt und bei diesen wie jenen die Kinder in freudige Erregung versetzt; und es entsteht daraus ein lebensprühendes Bild von prächtigster malerischer Wirkung (Abb. 111). Welcher Gegensatz zwischen einer solchen Schilderung ländlichen Daseins und dem gleichzeitig gemalten Ausschnitt aus einem Hoffest! „Causerie“ betitelt Menzel dieses prächtige kleine Meisterwerk. Nicht in die großen glanzgefüllten Säle führt er uns dieses Mal, sondern in einen Nebenraum, der aus der Reihe der eigentlichen Festräume heraustritt. Da haben ein Kammerherr und ein Provinziallandstand eine stille Ecke zu einem vertraulichen Gespräch gefunden; in dem anstoßenden Ballsaal hebt eben die Musik wieder an, mehrere Paare durchschreiten, dorthin eilend, das Nebenzimmer; die beiden Excellenzen aber werden wohl noch eine geraume Weile durch das Thema ihrer mit gedämpfter Stimme geführten Unterhaltung in den Polsterstühlen festgehalten werden (Abb. 115). -- Und wieder ein Bild im Gewande der Vorzeit dazwischen. Ein schriftgelehrter Mann in holländischer Tracht des 17. Jahrhunderts sitzt in seinem Gemach an einem runden Tisch und hat sich in einen alten Pergamentkodex so sehr vertieft, daß er über dem Entziffern der Handschrift sogar seine kurze Thonpfeife hat kalt werden lassen; es erscheint fraglich, ob es dem verlockend aussehenden Frühstück, mit dem eine Dienerin in der Thür erscheint, gelingen wird, ihn zum Unterbrechen des Studiums zu veranlassen.

Auch unter den Gemälden des Jahres 1885, die sämtlich in Deckfarbenmalerei und in kleinem Format ausgeführt sind, finden wir eines, das uns in das 17. Jahrhundert versetzt; und zwar dieses Mal in die schwere Zeit des dreißigjährigen Krieges. Bei einem Kaufmann ist ein Feldhauptmann mit seinem Gefolge von Arkebusieren erschienen, um die auferlegte Kriegssteuer einzukassieren. Der Kaufmann streicht aus einem Lederbeutel die Gold- und Silbermünzen auf den Tisch; mit spannender Angst und Sorge blickt er auf die Mienen des Hauptmanns, der, vom Lehnstuhl sich erhebend, eines der Goldstücke prüfend auf seine Vollgültigkeit hin betrachtet. Des Kaufmanns Magd bringt in zinnernen Kannen einen Labetrunk herein, um die Brandschatzer milde zu stimmen; sie erbebt unter dem glühenden Blick, den ein Arkebusier auf sie heftet, während er den Deckel einer der Kannen aufklappt. In den rohen Gesichtern der anderen Kriegsknechte glitzern Raubtieraugen unter den Schirmen der Eisenhauben (Abb. 116). -- In einen vornehmen Berliner Salon führt uns die „Matinee“, wo alles regungslos dem Gesange eines Herrn lauscht, den die Tochter des Hauses auf dem Piano begleitet. Den trüben Nachklang froher Feste schildert launig der in der Nationalgalerie befindliche „Aschermittwochmorgen im Tiergarten“. -- Dann wieder Reiseerinnerungen. Von einem Fenster zu Kissingen aus gemalt ein Blick in den sonnigen Garten hinab. Eine japanische Näherin während der Ausstellung zu München. Ein prickelndes Architekturstück -- dieses Mal aus dem von Menzel seltener aufgesuchten Westen Deutschlands --, ein Seitenaltar in einer Trierer Kirche: der nicht sehr große, aber in den üppigsten Barockformen sich bewegende, mit einer Darstellung des Sieges Christi über den Tod in lebensgroßen Figuren ausgestattete Altaraufbau wird eben für einen bevorstehenden Feiertag geschmückt; unter der Aufsicht des Sakristans besorgen ein Meßjunge und ein Kleriker das Anbringen des Schmuckes über dem Altartisch; die silbernen Leuchter stehen blank geputzt in Bereitschaft, und ein junges Mädchen ordnet frische Blumen zu Sträußen in die Vasen (Abb. 117).

Die siebenzigste Geburtstagsfeier Menzels gestaltete sich zu einem großen Fest, zu dem von fern und nah die Freunde und Verehrer des Meisters zusammenströmten. Den ersten Glückwunsch erhielt der Gefeierte von Kaiser Wilhelm I in einem Handschreiben voll höchster Anerkennung seiner von Vaterlandsliebe getragenen Kunst. „Mit Ihrem Namen verknüpft bleiben dem Volke die Erinnerungen an die Thaten der erlauchten Ahnen Meines Hauses; Sie haben durch Trübsal und Herrlichkeit den Weg der Vorsehung im Bilde anschaulich gemacht, welcher dasselbe aus kleinen Anfängen zu großen Endzielen geführt hat“, heißt es in diesem königlichen Geburtstagsgruß. Eine weitere hohe Auszeichnung empfing Menzel von seinem König durch die Ernennung zum Kanzler der Friedensklasse des Ordens _pour le mérite_. Von der Berliner Universität erhielt er den Doktortitel, von seiner Vaterstadt Breslau das Diplom als Ehrenbürger.

Unter den Erzeugnissen des Jahres 1886 befinden sich zwei prächtige kleine Deckfarbenbilder, von denen das eine einen würdevollen Perückenträger aus der Endzeit des 17. Jahrhunderts darstellt, der ungeachtet seines Selbstbewußtseins dem „häuslichen Einfluß“ seiner Gattin untersteht; das andere zeigt drei Köpfe aus einem Konzertpublikum, die der Meister seinem Gedächtnis in dem Augenblick einverleibt hat, wo sie sich neugierig nach einer Dame umsehen. Daneben ist eine größere Tuschzeichnung hervorzuheben, in welcher er die Erinnerung an die Piazza d’erbe zu Verona nochmals aufleben ließ. Da sehen wir das ganze bunte Stillleben vor uns, das sich unter dem Riesensonnenschirm eines dortigen Marktstandes aufbaut: Obst und andere Gartenerzeugnisse, lebendes und totes Geflügel; ein zahmer Rabe hockt als Freund der Verkäuferin, vielleicht als Wächter, dabei. Es scheint noch früh am Vormittag zu sein, das wogende Marktgewühl hat noch nicht begonnen. Eine Dame ist auf dem Weg von der Kirche an den Stand herangetreten, um sich bei der Bäuerin nach den Preisen der Eier oder der Früchte zu erkundigen. Der Bauersmann, eine prächtig charakteristische Figur, mit der beißenden Regiecigarre zwischen den Zähnen, schneidet von den im Schirmgestell aufgehängten Schnüren eine Zwiebel herunter für eine hübsche junge Frau aus dem Volk, die ihre dürftige Morgenkleidung unter einem fest umgezogenen schwarzen Tuch verhüllt. Im Vordergrunde hat ein Bauer sich zu einem Schläfchen ausgestreckt, wobei er ein paar Wassermelonen als Kopfkissen benutzt (Abb. 122). -- Auch eine Radierung, eine Zeitungsleserin darstellend, befindet sich unter den Schöpfungen dieses Jahres. Es hatte sich in Berlin ein Verein für Originalradierung gebildet, und Menzel führte das Blatt, in dem er zum erstenmal seit Jahrzehnten dieses auch in der Jugend nur selten von ihm geübte Kunstverfahren wieder aufnahm, zur Anspornung für jüngere Künstlerkräfte für die Mappe dieses Vereins aus. Auch in den folgenden Jahren lieferte er Beiträge zu dessen Veröffentlichungen.

Im Jahre 1887, das ein Bildchen von eigenartigem Reiz in der Darstellung einer Scene aus der japanischen Ausstellung in Berlin brachte, arbeitete Menzel an zwei Schriftblättern, in denen der Reichtum seiner Erfindungsgabe für derartige Sachen sich ebenso frisch offenbarte, wie je in jüngeren Jahren. Das eine dieser Blätter war das Ehrenmitgliedsdiplom der königlichen Akademie der Künste zu Berlin für den Minister _Dr._ von Goßler. Der künstlerische Schmuck ist hier in zwei Seitenstreifen verteilt. Links steht unter einem Architekturbogen, der die Namen Chodowiecki, Schlüter, Schadow und auf seinem Scheitel den preußischen Adler trägt, eine majestätische Frau mit klassischen Zügen, die Verbildlichung der Akademie, welche die Hand zur Begrüßungsansprache erhebt. Zu ihren Füßen befinden sich Knaben, welche Geräte des Malers, des Bildhauers und des Musikers führen; am Grunde des konsolenartigen Sockels der Architektur sitzt der vierte Genosse, den ein Säulenkapitell auf dem Kopfe als den Genius der Baukunst kennzeichnet. Dieser letztere hält die Enden des Spruchbandes zusammen, das, an den Seiten von Putten geleitet, den Sockel umschließt und das den Sinnspruch trägt: „All’ Kunst himmlisch Ding, irdisch Fundament; sonder Erz und Stein kein Gebild, kein Gebäud.“ Dieser Spruch wird ergänzt durch die Worte, welche in dem Sockel zu den Seiten des Pegasus, der denselben als Reliefbild schmückt, eingegraben sind: „Ohn’ das kein Malen“ steht unter den Füßen des Knaben, der in der einen Hand die Palette trägt, mit der anderen die Pinsel ausdrucksvoll emporhält; „ohn’ die kein Musizieren“ unter dem anderen, der eine Geige gefaßt hat. Und in launiger Weiterführung des Gedankens, daß es ohne Technik keine Kunst gibt, stehen neben dem beschwingten Pegasus die nützlichen Tiere, welche dem Maler die Borsten für die Pinsel und dem Musiker die Saiten liefern, ein Eber und ein Widder. Sinnig wird der Gedanke, daß zum Genie die fleißige Arbeit gehört, wiederholt durch die Figuren eines Wappens, das als Gegenstück zu dem herkömmlichen, von der alten Schilderzunft auf die Künstlerschaft übergegangenen Wappen oben in der umrahmenden Architektur angebracht ist: im gespaltenen Schild rechts eine Biene, links ein Fittich. Oberhalb der Schilde sitzen auf dem Gesimse zwei Putten, die mit angestrengter Emsigkeit die Arbeit der vervielfältigenden Künste üben. Der rechtsseitige Schmuckstreifen der Urkunde enthält ein munteres Puttenspiel, das die Einstimmigkeit der Wahl des Ehrenmitglieds andeutet; die Wahlurne, an der die mit Würdenabzeichen geschmückten schelmischen Kinder beschäftigt sind, steht am Fuß einer Säule, und oben hoch auf dem Kapitell dieser Säule thront ein würdevoll gekleideter Genius mit einer Schreibfeder in der Rechten und einer hochgehaltenen Lampe in der Linken. -- Die andere Urkunde war der Ehrenbürgerbrief, durch welchen die Stadt Hamburg dem in London lebenden Hamburger G. C. Schwabe ihren Dank aussprach für die Schenkung einer Gemäldesammlung an seine Heimat. In gleichem Gedanken- und Formenreichtum entworfen und ausgeführt wie jenes, enthält dieses Blatt in der Hauptgruppe eine thronende Gestalt der Hammonia und vor ihr einen Ratsherrn in seiner altertümlichen Amtstracht, der, von Flügelknaben mit dem Schreibgerät bedient, die beschlossene Auszeichnung in das Goldene Bürgerbuch der freien Stadt einträgt.

Die Vollendung dieser beiden Blätter, die Menzel mit all der auf jede Kleinigkeit sich erstreckenden Feinheit durchbildete, welche er von jeher auf derartige Arbeiten verwendete, zog sich in das Jahr 1888 hinein. In dem nämlichen Jahr entstand ein Deckfarbenbildchen, welches unter dem Titel „_Beati possidentes_“, eingekleidet in niederländische Tracht des 17. Jahrhunderts, ein Ehepaar zeigt, das in vollem Behagen an der Ausnutzung seiner Wohlhabenheit Künstler, Handwerker, Gärtner bei der Herrichtung eines schmucken Landsitzes beschäftigt und dabei auch auf deren reichliche Verpflegung sorglich bedacht ist. Daneben wurde wieder eines jener kleinen Ölgemälde fertig, in welchen Eindrücke von großen Hoffesten sich so köstlich wiederspiegeln. „Ballepisode“ heißt das Bild (Abb. 126). Wir befinden uns auf einer Galerie, wie sie ähnlich -- nicht gerade so, denn auch in den Architekturen dieser Art von Darstellungen gibt der Meister so wenig bestimmte Abbilder von in der Wirklichkeit Vorhandenem wie in den Persönlichkeiten -- im Weißen Saale des königlichen Schlosses vorhanden ist. Dahin hat sich ein Teil der Gesellschaft, Damen und Herren der höchsten Aristokratie, zurückgezogen, um mehr als Zuschauer wie als Teilnehmer dem Feste beizuwohnen. Welche unglaubliche Charakteristik wieder in jeder dieser Gestalten! Man kann es kaum für möglich halten, daß der Künstler diese sprechenden Persönlichkeiten aus seiner Einbildungskraft geschaffen, daß er die Studien dazu nach gewöhnlichen Modellen gezeichnet hat. Dieser ältliche Herr in Marineuniform, der, die Hand mit dem Hut auf den Rücken haltend, sich über die Brüstung beugt und in den Saal hinabblickt; die schöne junge Dame, die mit dem Fächer ihre Augen beschattet, um die unten wogende Menge besser mustern zu können; die stattliche Dame, welche, der Aussicht den Rücken kehrend, mit dem Fächer ihre große Schleppe ein wenig beiseite schiebt, um dem mit verbindlichster Miene auf sie zutretenden Minister den Schritt freizugeben; der vornehm kühle blondbärtige Husarenoffizier und der freundliche General, die in so verschiedenartiger Weise sich mit ihren Nachbarinnen unterhalten, und alle die anderen, die in weiterer Entfernung noch deutlich erkennbar sind: man meint, man müßte ihnen schon einmal in der Wirklichkeit begegnet und müßte sie genau so sich benehmen gesehen haben. Und welcher ebenso naturgetreue flimmernde Glanz des vielfältig hereinstrahlenden, die Schatten durchkreuzenden Lichtes über dem Ganzen!

Ein Ölgemälde von 1889, „nach Schluß des Festes“, reiht sich ebenbürtig den glänzenden Schilderungen aus der Mitte des bei Hofbällen sich entfaltenden Lebens an.

Ein prächtiges Blatt schuf der Meister in der Radierung, welche er in diesem Jahre zu dem Heft des Vereins für Originalradierung beisteuerte: „Italienisch lernen!“ (Abb. 132; vgl. die Studien Abb. 114, 121, 130 und 131.) Ein deutscher Wanderer, der die Alpen überschritten hat, ein untersetzter, vollbärtiger, schon etwas ältlicher Herr, hat in einer ländlichen Osteria Halt gemacht; er sitzt im Freien an dem langen Holztisch beim Wein, und in dem Bedürfnis, seine Kenntnis von italienischer Sprache und Art zu vervollkommnen, ladet er einen armen Mann, einen malerischen Greis, zur Teilnahme an dem erfrischenden Trunk ein: „_favorisca!_“ Der Alte öffnet sein Taschenmesser, um von den Zwiebeln, die er aus der Tasche geholt hat, eine zu zerschneiden, da es gegen die Grundsätze seines langen Lebens geht, in den leeren Magen hinein zu trinken; auch er wird mit höflichem Anbieten sagen: „_favorisca_“, und die italienische Unterhaltung ist eröffnet. Die Sprechübung kann eine Weile fortgesetzt werden; denn die Wirtin bringt einen zweiten Fiaschetto herbei. -- Wenn man ein solches Blatt betrachtet, wo die Radiernadel mit einer Sicherheit und Leichtigkeit gehandhabt ist, die nur mit Rembrandt zu vergleichen ist, wo Köpfe, Hände und Gestalten, Charakter von Haut und Haar und verschiedenen Stoffen in einer scheinbar ganz mühelosen, skizzierenden Behandlung so treffend gekennzeichnet sind, so erscheint es unbegreiflich, daß das Werk aus den Händen eines in hohem Greisenalter stehenden Mannes hervorgegangen ist. Auge und Hand sind der geistigen Frische des Meisters treu geblieben.

So hat Menzel auch in den folgenden Jahren mit unverwüstlicher Kraft immer weitergeschaffen. Überall ist das Skizzenbuch sein treuer Begleiter geblieben. Jüngstgeschautes und im Gewahrsam des erstaunlichen Gedächtnisses Aufgehobenes hat er in Bildern, mit Öl- oder mit Wasserfarben gemalt, niedergelegt, und auch freie Erfindungen hat er dazwischen wieder gestaltet. Sein Schaffensvermögen und seine Schaffenslust erscheinen unerschöpflich. Nichts in seinen spätesten Arbeiten erinnert an seine hohen Jahre. Einen wichtigen Bestandteil von Menzels Lebenswerk bilden seine nach der Natur gezeichneten Studien. Seine Studienblätter sind Kunstwerke; auch solche, bei denen er selbst durch unwilliges Durchstreichen sich für nicht befriedigt erklärt oder in denen er eine einzelne Stelle mit solchen Strichen durchfahren hat, um sie als ungenau zu bezeichnen (s. Abb. 128 und 129, 101 und 120). Ein Fleiß und eine Gewissenhaftigkeit ohnegleichen haben ihn nie verlassen, und namentlich im Anblick von manchen bildnismäßig ausgeführten Studienköpfen aus den letzten Jahren (s. Abb. 136) möchte man fast sagen, daß sein Können immer noch gewachsen sei. Es ist, als ob das stete Schöpfen aus dem Quell der ewig jungen Natur ihn selber dauernd jung erhalten habe.

Dem im achtzigsten Lebensjahre mit straffer Rüstigkeit und ungetrübter Arbeitsfreude wirkenden Künstler hat Seine Majestät Kaiser Wilhelm II im Frühjahr 1895 ein einzigartiges Fest bereitet, um den Schilderer des Zeitalters Friedrichs des Großen, den Schöpfer unserer Vorstellungen von dieser Zeit, zu ehren. Der Schauplatz des Festes war Sanssouci. Alle Geladenen trugen die Kleidung jener Zeit, in so gewissenhafter Durchführung, als ob Menzel jedes Kostüm vorgezeichnet hätte. Nur Menzel, vor dem die ihm zugedachte Überraschung streng geheim gehalten worden war, kam im heutigen Frack. Da trat vor dem Ahnungslosen eine Wache Fridericianischer Grenadiere ins Gewehr; Kommandos und Bewegungen waren genau nach den Reglements von damals einstudiert. So leitete das Fest sich ein, dessen Höhepunkt eine Musikaufführung im Konzertsaal des Schlosses war, und das dem Künstler die Gestalten und Vorgänge leibhaftig vor Augen führte, mit denen vor einem halben Jahrhundert seine Einbildungskraft diese Räume bevölkert hatte. Es ist erwähnenswert, daß dieses Fest dem Meister die erste Gelegenheit gab, den Saal in jener Kerzenbeleuchtung zu sehen, die er damals aus seinem Vorstellungsvermögen heraus so prächtig gemalt hatte.