Part 5
In die Entstehungszeit des Krönungsbildes fällt der Anfang einer Reihe kostbarer Blätter, die Menzel nicht für die Öffentlichkeit, sondern als Festgabe im engsten Verwandtenkreise, als „Kinder-Album“, nach und nach -- im Verlauf von zwanzig Jahren -- malte. Menzel hat nie einen Mißbrauch seines reichen Könnens zu oberflächlicher, flüchtiger Darstellung gekannt. So ist auch jedes Blatt dieses „Kinder-Albums“ ein vollendetes Kunstwerk, sorgfältig durchgearbeitet in jener ihm eigentümlichen Wasserfarbentechnik. Der Mehrzahl nach sind es Tierbilder, in denen Bewegung, Bau, Ausdruck, sowie die Oberfläche von Fell oder Gefieder der in irgend einer bezeichnenden Situation dargestellten Tiere mit wunderbarer Charakteristik wiedergegeben sind. Den Anfang dieser Tierbilder machen ein paar Hirsche in ihrem Gehege im zoologischen Garten zu Berlin (Abb. 51) und ein in ländlichem Behagen zwischen Gänsen und Hühnern sich sonnendes Kalb. In anderen Blättern hat Menzel die Tiere, die er im zoologischen Garten studierte, in die Freiheit versetzt. So lagert der bengalische Tiger am Eingang seiner Felsenhöhle; eben richtet er den Kopf auf und schlägt mit dem Schweife, als ob die Aussicht auf eine Beute ihn aus seiner Ruhe locke; die Augen funkeln und es zeigt sich das drohende Gebiß (Abb. 52). Der Grunzochs durchbricht mit gesenktem Kopfe ein Bambusröhricht. Andere Blätter wieder haben sich zu reicheren Kompositionen gestaltet. So erscheint ein zahmes Rehkalb als die Hauptperson in einem Bilde, welches uns in den vielbesuchten Garten des Restaurants Moritzhof in Berlin versetzt (Abb. 53). Auch andersartige Darstellungen reihen sich ein, wie die Ansicht einer ganz gewöhnlichen Straßenecke in Berlin mit dem malerischen Reiz des abendlichen Dunkelwerdens, wo man in dem Eckhause im obersten Stock durch die geöffnete Balkonthür in eine lichtüberstrahlte große Gesellschaft zu sehen glaubt, während darunter im Hauptgeschoß nichts weiter sichtbar ist als das Durchschimmern einer Lampe durch die halbgeschlossenen Fenstervorhänge und ganz unten wieder ein Geschäftslokal in Gaslicht glänzt; es ist, als ob man von jedem Stockwerk eine Geschichte erzählen hörte.
Das letztgenannte Blatt ist eines von vielen, in denen Menzel bekundet hat, daß die Poesie malerischen Reizes sich ihm auch in den Straßen der Großstadt erschloß. Die Ritterstraße bei Mondschein, von seiner Wohnung aus gesehen, der neue Schiffahrtskanal, das Straßenleben zur Weihnachtszeit mit seinen glückstrahlenden Kindergesichtchen und andere ganz anspruchslose Erscheinungen gaben ihm Stoff zu feinen Stimmungsbildchen in Deckfarbenmalerei. Menzels Künstleraugen arbeiteten eben immer und überall, daheim und auf seinen meistens nur kurzen Reisen. In dem bewegten Getriebe eines hauptstädtischen Kaffeegartens, wie an der abgeschiedensten Stelle eines Landaufenthalts stellten sich ihm Bilder dar, die er wenigstens mit dem Zeichenstift festzuhalten für der Mühe wert erachtete. Auch in bloßen Architekturbildern, wie in dem Brunnen vor dem Rathaus zu Würzburg, entdeckte er einen seiner Eigenart zusagenden malerischen Reiz, der zu einem Bildchen die Anregung gab. Besonders waren es in dieser Beziehung die reichen, quellenden Formen des süddeutschen Barockstils mit ihrem prickelnden Spiel von Lichtern und Schatten, die ihm behagten. Unter den gemalten Reiseerinnerungen von mehr landschaftlichem Charakter glänzt das köstliche Sommeridyll (von 1865), das ein Stückchen der in dem Hügelland bei Kösen zwischen Gebüsch und Wiesen sich einherschlängelnden Saale mit badenden und an einem Floß sich belustigenden Knaben zeigt (Abb. 55).
Im Jahre 1864 schuf Menzel wieder eines jener künstlerisch ausgestatteten Schriftblätter, wie er deren in seiner Jugend manche gezeichnet hatte, in dem „Diplom Ihrer Königlichen Hoheit der Frau Kronprinzessin als Ehrenmitglied des Schießvereins der Offiziere der Potsdamer Garnison.“ Aber während bei den früheren Blättern verwandter Art der künstlerische Schmuck sich auf die Einfassung des geschriebenen Textes beschränkt hatte, bemächtigt sich hier der Stift des Künstlers der Schrift selbst, die auf einem aufgehängten Teppich, der einen Blick freiläßt auf den Schießstand, wo der Kronprinzessin Viktoria der Ehrensessel vom Vorstand dargeboten wird, angebracht ist. Der Wortlaut der Urkunde ist scherzhaft gehalten, und Menzel begleitet diesen Text mit scherzhaften Einfällen, die denselben in der Gestaltung der Buchstaben oder in deren Ausschmückung fast Wort für Wort illustrieren. So sitzt in dem ersten Buchstaben, dem D von „Diplom“, der von den Kugeln stark mitgenommene, aber trotzdem als lebendiges Wesen auftretende Zieladler, der mit seiner Klaue das Pünktchen auf das i setzt; der Anfangsbuchstabe von „Ehrenmitglied“ ruht auf einem Kissen und ist mit einem Lorbeerkranz geschmückt, die Buchstaben des Wortes „Offizier“ sind auf einen Degen gereiht, diejenigen von „Schießverein“ verschwinden in Pulverdampf, die Worte „1. Garde-Regiments zu Fuß“ sind mit Gardelitzen geschmückt und das G trägt außerdem noch den Gardehelm. Und so geht es weiter; mit sprühendem Mutwillen wird der scherzhafte Ton des Diploms hervorgehoben, indem zum Beispiel die Worte „hoher Vorstand“ sich stolz über die Zeile hinausrecken, oder indem bei den Worten „weitberühmten Schießvereins“ der erste Buchstabe mit Pfauenfedern geschmückt ist und vor und hinter diesen Worten die Schützen fremder Völker tiefe Verbeugungen machen. Die Worte „Frau Kronprinzessin“ treten durch die feine künstlerische Schönheit ihrer Ausschmückung hervor: das Wort „Frau“ ist von einem liebenswürdigen Völkchen reizender kleiner Puttchen umgaukelt, in dem K zeigen sich unter der Krone vereinigt der preußische Adler und der Löwe und das Einhorn des großbritannischen Wappens. Das künstlerische Spiel mit dem Sinn der Worte ist durchgeführt bis zum Schluß, wo im Datum das P von „Potsdam“ mit einer Ansicht des Neuen Palais geschmückt ist.
Diese ganz neue Art von Zierkunst, die im Scherz geboren war, wendete Menzel bald darauf auch in einem ernsthaften Blatte in meisterhafter, unvergleichlich geistreicher Weise an. Das war die Adresse, welche König Wilhelm vom Magistrat von Berlin zur Erinnerung an den Siegeseinzug im Jahr 1866 überreicht wurde. Menzel malte in diesem Blatt die Worte des Festgedichts von Scherenberg, mit welchem der sieggekrönte König am Brandenburger Thor begrüßt wurde:
„Willkommen König! Deine Metropole Grüßt jubelnd Dich und Deine Heldenschar! Durchflog Borussia doch beschwingter Sohle In sieben Tagen Friedrichs sieben Jahr’. Nun reicht herab von ihrem Kapitole Victoria den duft’gen Kranz Dir dar. Gott ging mit Dir und wird auch mit Dir gehen, Bis überm Lorbeerschatten Palmen wehen.“
Die beiden ersten Zeilen, als der eigentliche Gruß, nehmen den größten Teil des Blattes ein. Sie sind eingebaut in ein reichgeschmücktes Festgerüst von Kandelabern und Masten, die durch eine von der Königskrone oben in der Mitte ausgehende Draperie von Purpursammet und Hermelin miteinander verbunden sind, und zwischen denen auf luftigen Tribünen die begrüßenden Zuschauer stehen, während unten die siegreichen Truppen vorbeimarschieren. In diesem Rahmen bilden die drei ersten Worte die erste gemalte Zeile: hinter dem aus Blumen gebildeten „Willkommen“ treten die weißgekleideten Festjungfrauen an, die dann die Buchstaben des Wortes „König“, die in sich wiederum sinnreich gestaltet sind, mit Kranzgewinden schmücken, die Kränze schlingen sich wieder zusammen zu den Schriftzügen des Wortes „Deine,“ hinter dem eine Schar von Putten die Festmusik macht; der Putto _regens chori_ hat eine Maske mit den Zügen des General-Direktors der Militärmusik Wieprecht vorgebunden. Das Wort „Metropole“ zeigt sich darunter in einem schwebenden Bilde des in prächtigem Festschmuck prangenden, damals noch im Bau begriffenen Berliner Rathauses, dessen _status quo_ des Tages nach der Wirklichkeit gegeben ist. Die Zuschauer werfen Blumen, Kränze und Lorbeerzweige auf die einziehenden Soldaten herab, und aus diesen Begrüßungsspenden bilden sich in der Luft die Worte „grüßt jubelnd Dich und Deine“ --. Das Wort „Heldenschar“ steht in großen festen Buchstaben auf dem Bodenstreifen und hebt sich hell von der dunklen Truppenmasse ab, die es bezeichnet; an den einzelnen Buchstaben dieses Wortes sind die Bildnisse der Führer des Krieges angebracht. Dieser ganze obere Aufbau, der den Gruß an das siegreiche Preußenheer von 1866 darstellt, wird getragen von einem Unterbau aus Marmor und Erz, an dessen lorbeergeschmückten Pfeilern die Helden Friedrichs des Großen zu beiden Seiten von dessen Sarkophag stehen, -- ein sinnvoller Gedanke Menzels, der nicht aus dem Gedicht hervorging. Die Textzeilen sind so angeordnet, daß das Wort „Friedrichs“ für sich allein auf dem Sarkophag steht, und daß das Wort „Victoria“ unter das Bild der Siegesgöttin kommt, die auf dem Sockel dieses Sarkophags sitzt. Die beiden letzten Zeilen sind auf ein mit goldenen Sternen besätes Band geschrieben, das von einem Ziergebilde seinen Ausgang nimmt, in welchem sich eine segnende Hand herabstreckt, und das in einer Gruppe von Palmzweigen, worin Cherubim schweben, endet. Es würde unmöglich sein, mit Worten auf alles hinzuweisen, was das Blatt an sinnreichen Beziehungen und an künstlerischen Schönheiten enthält, von den Putten angefangen, welche sich auf der Draperie über dem Festgerüst herumtreiben, und von den Einzelheiten des Schmuckes bis zu dem Charakter der Schriftzüge hin, die in ihrer Verschiedenartigkeit die fliegende Eile des Siegeslaufs, das verzehrende Feuer der sieben heißen Tage und das sichere Mitgehen des göttlichen Segensausdrücken, die bei den Worten „Kapitole“ und „Victoria“ gleichsam unwillkürlich eine antik-klassische Gestalt annehmen, um bei dem Worte „Kranz“ wieder in fröhliche Bewegung überzugehen. -- Das in Wasserfarben mit Zuhilfenahme von Gold mit wunderbarer Feinheit ausgeführte Blatt verdunkelt im Hohenzollernmuseum des Schlosses Monbijou die sämtlichen künstlerisch ausgeführten Adressen, welche dort in so großer Zahl aufbewahrt werden.
Im Jahre 1867 unternahm Menzel eine Reise nach Paris, bei Gelegenheit der dortigen Weltausstellung. In den Pariser Kunstkreisen war sein Name wohlbekannt. Er war der erste deutsche Maler, dessen Bedeutung die Franzosen rückhaltlos anerkannten. Hier empfing Menzel eine Menge neuer Eindrücke und Anregungen, denen eine Anzahl kostbarer Bilder ihr Entstehen verdanken. Unmittelbar nach seiner Rückkehr nach Berlin malte er ein Ölbild von kleinem Maßstab, aber einer unermeßlichen Fülle des Inhalts, in welchem er den Eindruck, den ein Sonntag im Tuileriengarten in seinem Gedächtnis hinterlassen hatte, in einer Unzahl von Figuren schilderte; jede von diesen Figuren lebt, jede ist in ihrem Aussehen und ihrem Benehmen eine echt Pariser Erscheinung, man hört sie sprechen, man möchte, als ob man selbst in sonntagnachmittäglicher Ruhe dort säße, über jeden einzelnen seine müßigen Betrachtungen anstellen (Abb. 56). -- Ein ebenfalls schon 1867 gemaltes Ölbild, in dem die gleiche Schärfe der Beobachtung leuchtet, führt den Beschauer in das dichtbesetzte amerikanische Restaurant der Weltausstellung. -- Als Seitenstück zu dem „Sonntag im Tuileriengarten“ entstand zwei Jahre später das sozusagen von betäubendem Lärm erfüllte Bild „Wochentag in einer Straße von Paris“, das uns an den Kreuzungspunkt einer der verhältnismäßig stilleren Nebenstraßen mit einer der Hauptverkehrsadern der Weltstadt versetzt (Abb. 60). -- Auch der alte Elefant im _Jardin des Plantes_, ein verwöhnter Liebling des Publikums, reizte Menzel zu einem Bildchen, das er 1869 in Wasserfarben ausführte (Abb. 61). -- Nur in einer Federzeichnung, die aber nicht weniger sprechend und geistreich ist als die Gemälde, mit denen sie auch an malerischer Wirkung wetteifert, schrieb Menzel 1870 die Erinnerung nieder an einen Sommerabend auf dem Boulevard, wo man vor dem Café auf dem Bürgersteig sitzend das Auf und Ab der Menschenwogen an sich vorüberfluten läßt (Abb. 66).
Zwischen den Erinnerungen an Paris steht ebenbürtig das Ölgemälde von 1868, welches einem Aufenthalt in Kösen seine Entstehung verdankt und die Abhaltung eines Missionsgottesdienstes in der Buchenhalle bei Kösen schildert. Auch hier eine große Menschenmenge, aber alle -- einige wenige Kommende und Gehende abgerechnet -- in andächtige Ruhe gebannt von den Worten des Predigers. Durch das grüne Laub flimmern die Sonnenstrahlen und spielen mit zitterndem Reiz auf dem Boden und auf der Versammlung (Abb. 58).
Aus Eindrücken, welche Menzel während seines Aufenthaltes in dem Saal des königlichen Schlosses, wo er das Krönungsbild malte, empfing, ging eine Anzahl von Darstellungen hervor, welche er selbst als „Rüstkammerphantasien“ bezeichnete. Seine Einbildungskraft dachte sich in die Eisenharnische, welche dort standen, lebende Menschen hinein, die ihm zu Helden launiger Bildchen wurden. So entstand eine Zeichnung auf Stein, welche mit der Unterschrift: „Rate, wer es ist“ einen Ritter zeigt, der in voller Rüstung vor eine junge Dame hintritt, die ihn sicherlich, wie wir aus den lächelnden Mienen seiner Begleiter ersehen, sehr genau kennt, ihn jetzt aber nicht erkennt und darum von Neugier erfüllt ist, das Geheimnis des geschlossenen Visiers zu lüften. Augenscheinlich ist der Künstler durch die Form des Visiers, die den Eindruck eines verschmitzten Lächelns macht, zu dieser Phantasie angeregt worden. Ein prächtiges Wasserfarbenbild von 1868 zeigt einen Geharnischten als „Blindekuh“. Der in seinem schweren Eisenkleid steckende Ritter wird von einer bekränzten jungen Schönen geneckt, die von hinten an ihn herantritt und ihm schelmisch einen Blumenstrauß vor die Luftlöcher des Visiers hält; von dem Gesicht des Ritters sieht man fast nichts, als das durch die schmale Augenspalte des Helms schimmernde Glanzlicht des einen Auges, und dieses eine Lichtchen läßt uns in köstlicher Weise den ganzen Ausdruck des verborgenen Männergesichts erraten.
Dem „Kinder-Album“ gehört ein kostbares Blatt von 1868 an, dessen Hauptfiguren Gold- und Silberfasanen sind; den farbenprächtigen Vögeln hat der Künstler ein paar junge Chinesinnen zugesellt, von denen sie auf der Gartenveranda ihr Futter empfangen (Abb. 59). -- Aus dem nämlichen Vorstellungskreise ist zu derselben Zeit ein anderes kleines, launiges Deckfarbengemälde hervorgegangen, welches unter dem Titel: „_Confort chinois_“ einen Chinesen zeigt, der sich mit dem Ausdruck höchsten Behagens von einem Silberfasan in der Nase picken läßt, während ein Goldfasan, der wohl ebenso abgerichtet ist, auf seiner Schulter sitzt.
Unter den Schöpfungen des Jahres 1869 nimmt auch eines jener Schriftblätter einen bedeutsamen Platz ein, welche Menzel mit so reicher Phantasie zu gestalten wußte. Es ist das „Gedenkblatt an das fünfzigjährige Bestehen der Firma C. Heckmann in Berlin“. Dasselbe zeigt einen architektonischen Aufbau, dessen Träger Cyklopenhermen sind. Vor dem breiten Mittelpfeiler steht eine geflügelte Frauengestalt, welche auf das Bildnismedaillon Heckmanns hinweist. Auf dem oberen Abschluß der Architektur, der die Worte trägt: „Tausend Jahre sind ein Tag, 50 aber ein halbes Jahrhundert“, sind Putten damit beschäftigt, ein bekrönendes Gitter von reicher Schmiedearbeit mit Kränzen und Blumengewinden zu schmücken. Am Sockelstreifen halten Putten und Feuersalamander Ketten von ineinander gehakten, in Schmiedearbeit hergestellt gedachten Buchstaben, welche die Worte bilden: „Aller Anfang ist schwer.“ In den Zwischenräumen der Architektur aber, zwischen den Cyklopenfiguren, sieht man in die dampfgefüllten Kupferschmiedewerkstätten hinein, wo die rußigen Kraftgestalten der „modernen Cyklopen“ mit dem glühenden Metall hantieren.
Seit Menzel das Krönungsbild gemalt hatte, war er allezeit Gast bei den Hoffestlichkeiten im königlichen Schlosse. Da weidete sich sein Malerauge an dem Zusammenklange der prachtvoll ausgestatteten Barockräume mit dem Farbengewoge der Uniformen und der Damenroben, an dem Schein und Wiederschein der Kronleuchter und Girandolen, die ein vielfältiges Lichterspiel durch die Räume ergossen und sich glitzernd und funkelnd in Ordenssternen, Diamanten und Augen spiegelten. Einst hatte seine staunenswürdige Einbildungskraft die Feste Friedrichs des Großen lebendig zu machen gewußt; jetzt konnte er nach dem eigenen Augenscheine die Feste Wilhelms I schildern, und er hat in solchen Darstellungen unvergleichliche kulturgeschichtliche Bilder für die Nachwelt aufbewahrt. Nachdem er im Jahre 1867 mit einem kleinen Deckfarbengemälde „Ballgesellschaft“ dieses Gebiet zuerst betreten hatte, eröffnete er mit einem 1870 vollendeten größeren Bilde, „Tanzpause“ benannt, eine Reihe von prächtigen Ölgemälden solchen Inhalts. Da befinden wir uns in einem der an den Ballsaal anstoßenden Nebensäle. Eben ist ein Tanz beendet. Durch die Thüre des Ballsaals, in den wir wie in ein Meer von Licht hineinblicken, strömen die Paare in den zu einem behaglichen Augenblick zwangloser Plauderei einladenden Raum. Eine Gruppe von Damen hat bereits an einem kleinen runden Tisch Platz genommen, denen ein Diener in Galalivree mit Erfrischungen naht. Herren vom Militär und Civil, in bunter Mannigfaltigkeit der großen Galauniformen, treten zu den Damen heran oder erzählen sich untereinander schnell ein Geschichtchen. Man meint, jede Persönlichkeit müßte ein Porträt sein, so sprechend gibt sich eine jede Gestalt in ihrer Eigenart. Doch ist das Ganze, das den Eindruck einer Augenblicksaufnahme nach dem Leben macht, eine freie Komposition Menzels, und die Personen, die in ihrer Gesamtheit sowohl wie in der Erscheinung eines jeden Einzelnen ein so treffend lebenswahres Abbild der vornehmen Hofgesellschaft der Zeit geben, sind die Erzeugnisse seiner Künstlerphantasie (Abb. 68).
Als dann in dem nämlichen Jahre die französische Kriegserklärung jenen Sturm von vaterländischer Begeisterung hervorrief, den keiner, der ihn erlebt hat, je vergessen kann, da erfaßte Menzels scharfer Blick, der treffsicherer arbeitete, als es ein photographischer Momentapparat vermöchte, ein Augenblicksbild, in welchem er die ganze Stimmung jener Tage zusammengefaßt festgehalten hat. „Die Abreise des Königs Wilhelm zur Armee am 31. Juli 1870“ ist ein geschichtliches Denkmal aus der Zeit des großen Krieges, dem sich kein anderes aus den Ereignissen jener Jahre hervorgegangenes Erzeugnis der deutschen Kunst an die Seite stellen läßt, denn in ihm ist der Herzschlag der Nation zum Ausdruck gebracht (Abb. 69). Unter den Linden in Berlin steht Kopf an Kopf die Menschenmenge, jede Hausthür, jedes Fenster, jeder Balkon ist dicht besetzt. Der König fährt in der Richtung nach dem Brandenburger Thor die Straße entlang. Eine wogende Erregung geht durch die Massen, an denen der Wagen vorbeirollt; sie beginnt, wo man desselben eben erst ansichtig wird und noch Zeit zu einem flüchtigen Blick in das eben ausgegebene Extrablatt findet, und sie zittert noch lange weithin nach, wo der Wagen vorbei ist. In strammer militärischer Haltung grüßen die einen, mit Verneigungen andere, Hände, Tücher, Hüte bewegen sich in der Luft, -- in all diesen verschiedenen Menschen lebt +ein+ Gefühl. In dem Antlitz des greisen Königs, der die Grüße dankend erwidert, liegt tiefe Ergriffenheit, die Königin an seiner Seite verbirgt schluchzend ihr Gesicht im Taschentuch. Die Häuserreihe entlang wehen Fahnen aus den Fenstern und von den Balkonen, und wie sie so lustig im Sommerwinde flattern, ist es, als ob eine Siegesahnung sie bewegte. -- Das wunderbare Bild, so riesengroß an Inhalt und Gehalt, ist ein Ölgemälde von ganz geringem Umfang, dreiviertel Meter breit. Es befand sich zuerst, wie die meisten kleinen Bilder Menzels, in Privatbesitz; später aber wurde es vom Staate für die Nationalgalerie erworben, um als ein einzigartiges Geschichtsbild kommenden Geschlechtern das weltgeschichtliche Ereignis des deutsch-französischen Krieges eindringlicher, als es die Verbildlichung großer Thaten vermöchte, zu vergegenwärtigen durch die wahrheitsgetreue Schilderung von dem Eindruck eines bedeutungsvollen Augenblickes auf die deutsche Volksseele.