A Book of German Lyrics

Chapter 4

Chapter 43,150 wordsPublic domain

Heimlich nur das Bächlein schlich, Denn der Blüten Träume Dufteten gar wonniglich 15 Durch die stillen Räume.

Rauher war mein Postillion, Ließ die Geißel knallen, Uber Berg und Tal davon Frisch sein Horn erschallen. 20

Und von flinken Rossen vier Scholl der Hufe Schlagen, Die durchs blühende Revier Trabten mit Behagen.

Wald und Flur im schnellen Zug 25 Kaum gegrüßt--gemieden; Und vorbei, wie Traumesflug, Schwand der Dörfer Frieden.

Mitten in dem Maienglück Lag ein Kirchhof innen, 30 Der den raschen Wanderblick Hielt zu ernstem Sinnen.

Hingelehnt an Bergesrand War die bleiche Mauer, Und das Kreuzbild Gottes stand 35 Hoch, in stummer Trauer.

Schwager ritt aus seiner Bahn Stiller jetzt und trüber; Und die Rosse hielt er an, Sah zum Kreuz hinüber: 40

"Halten muß hier Roß und Rad, Mag's Euch nicht gefährden; Drüben liegt mein Kamerad In der kühlen Erden!

"Ein gar herzlieber Gesell! 45 Herr, 's ist ewig schade! Keiner blies das Horn so hell, Wie mein Kamerade!

"Hier ich immer halten muß, Dem dort unterm Rasen 50 Zum getreuen Brudergruß Sein Leiblied zu blasen!"

Und dem Kirchhof sandt' er zu Frohe Wandersänge, Daß es in die Grabesruh' 55 Seinem Bruder dränge.

Und des Hornes heller Ton Klang vom Berge wieder, Ob der tote Postillion Stimmt' in seine Lieder.-- 60

Weiter ging's durch Feld und Hag Mit verhängtem Zügel; Lang mir noch im Ohre lag Jener Klang vom Hügel.

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74. DIE DREI

Drei Reiter nach verlorner Schlacht, Wie reiten sie so sacht, so sacht!

Aus tiefen Wunden quillt das Blut, Es spürt das Roß die warme Flut.

Vom Sattel tropft das Blut, vom Zaum, 5 Und spült hinunter Staub und Schaum.

Die Rosse schreiten sanft und weich, Sonst flöß' das Blut zu rasch, zu reich.

Die Reiter reiten dicht gesellt, Und einer sich am andern hält. 10

Sie sehn sich traurig ins Gesicht, Und einer um den andern spricht:

"Mir blüht daheim die schönste Maid, Drum tut mein früher Tod mir leid."

"Hab' Haus und Hof und grünen Wald, 15 Und sterben muß ich hier so bald!"

"Den Blick hab' ich in Gottes Welt, Sonst nichts, doch schwer mir's Sterben fällt."

Und lauernd auf den Todesritt Ziehn durch die Luft drei Geier mit. 20

Sie teilen kreischend unter sich: "Den speisest du, den du, den ich".

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75. DER OFFENE SCHRANK

Mein liebes Mütterlein war verreist, Und kehrte nicht heim, und lag in der Grube; Da war ich allein und recht verwaist. Und traurig trat ich in ihre Stube.

Ihr Schrank stand offen, ich fand ihn noch heut', 5 Wie sie, abreisend, ihn eilig gelassen. Wie alles man durcheinander streut Wenn vor der Tür die Pferde schon passen.

Ein aufgeschlagnes Gebetbuch lag Bei mancher Rechnung, von ihr geschrieben; 10 Von ihrem Frühstück am Scheidetag War noch ein Stücklein Kuchen geblieben.

Ich las das aufgeschlagne Gebet, Es war: wie eine Mutter um Segen Für ihre Kinder zum Himmel fleht; 15 Mir pochte das Herz in bangen Schlägen.

Ich las ihre Schrift, und ich verbiß Nicht länger meine gerechten Schmerzen, Ich las die Zahlen, und ich zerriß Die Freudenrechnung in meinem Herzen. 20

Zusammen sucht' ich den Speiserest, Das kleinste Krümlein, den letzten Splitter, Und hätt' es mir auch den Hals gepreßt, Ich aß vom Kuchen und weinte bitter.

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76. AUF EINE HOLLÄNDISCHE LANDSCHAFT

Müde schleichen hier die Bäche, Nicht ein Lüftchen hörst du wallen, Die entfärbten Blätter fallen Still zu Grund', vor Altersschwäche.

Krähen, kaum die Schwingen regend, 5 Streichen langsam; dort am Hügel Läßt die Windmühl' ruhn die Flügel; Ach, wie schläfrig ist die Gegend!

Lenz und Sommer sind verflogen; Dort das Hüttlein, ob es trutze, 10 Blickt nicht aus, die Strohkapuze Tief ins Aug' herabgezogen.

Schlummernd, oder träge sinnend, Ruht der Hirt bei seinen Schafen, Die Natur, Herbstnebel spinnend, 15 Scheint am Rocken eingeschlafen.

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77. STIMME DES REGENS

Die Lüfte rasten auf der weiten Heide, Die Disteln sind so regungslos zu schauen, So starr, als wären sie aus Stein gehauen, Bis sie der Wandrer streift mit seinem Kleide.

Und Erd' und Himmel haben keine Scheide, 5 In eins gefallen sind die nebelgrauen, Zwei Freunden gleich, die sich ihr Leid vertrauen, Und mein und dein vergessen traurig beide.

Nun plötzlich wankt die Distel hin und wieder, Und heftig rauschend bricht der Regen nieder, 10 Wie laute Antwort auf ein stummes Fragen.

Der Wandrer hört den Regen niederbrausen, Er hört die windgepeitschte Distel sausen, Und eine Wehmut fühlt er, nicht zu sagen.

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78. HERBST

Rings ein Verstummen, ein Entfärben: Wie sanft den Wald die Lüfte streicheln, Sein welkes Laub ihm abzuschmeicheln; Ich liebe dieses milde Sterben.

Von hinnen geht die stille Reise, 5 Die Zeit der Liebe ist verklungen, Die Vögel haben ausgesungen, Und dürre Blätter sinken leise.

Die Vögel zogen nach dem Süden, Aus dem Verfall des Laubes tauchen 10 Die Nester, die nicht Schutz mehr brauchen, Die Blätter fallen stets, die müden.

In dieses Waldes leisem Rauschen Ist mir, als hör' ich Kunde wehen, Daß alles Sterben und Vergehen 15 Nur heimlich still vergnügtes Tauschen.

EDUARD MÖRIKE

79. UM MITTERNACHT

Gelassen stieg die Nacht ans Land, Lehnt träumend an der Berge Wand; Ihr Auge sieht die goldne Wage nun Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn. Und kecker rauschen die Quellen hervor, 5 Sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr Vom Tage, Vom heute gewesenen Tage.

Das uralt alte Schlummerlied-- Sie achtet's nicht, sie ist es müd'; 10 Ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch, Der flücht'gen Stunden gleichgeschwung'nes Joch. Doch immer behalten die Quellen das Wort, Es singen die Wasser im Schlafe noch fort Vom Tage, 15 Vom heute gewesenen Tage.

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80. SEPTEMBERMORGEN

Im Nebel ruhet noch die Welt, Noch träumen Wald und Wiesen: Bald siehst du, wenn der Schleier fällt, Den blauen Himmel unverstellt, Herbstkräftig die gedämpfte Welt 5 In warmem Golde fließen.

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81. ER IST'S

Frühling läßt sein blaues Band Wieder flattern durch die Lüfte; Süße, wohlbekannte Düfte Streifen ahnungsvoll das Land. Veilchen träumen schon, 5 Wollen balde kommen.-- Horch, von fern ein leiser Harfenton! Frühling, ja du bist's! Dich hab' ich vernommen!

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82. IN DER FRÜHE

Kein Schlaf noch kühlt das Auge mir, Dort gehet schon der Tag herfür An meinem Kammerfenster. Es wühlet mein verstörter Sinn Noch zwischen Zweifeln her und hin 5 Und schaffet Nachtgespenster.-- Ängste, quäle Dich nicht länger, meine Seele! Freu dich! schon sind da und dorten Morgenglocken wach geworden. 10

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83. DER FEUERREITER

Sehet ihr am Fensterlein Dort die rote Mütze wieder? Nicht geheuer muß es sein, Denn er geht schon auf und nieder. Und auf einmal welch Gewühle 5 Bei der Brücke, nach dem Feld! Horch! das Feuerglöcklein gellt: Hinterm Berg, Hinterm Berg Brennt es in der Mühle. 10

Schaut! da sprengt er wütend schier Durch das Tor, der Feuerreiter, Auf dem rippendürren Tier, Als auf einer Feuerleiter. Querfeldein! Durch Qualm und Schwüle 15 Rennt er schon und ist am Ort! Drüben schallt es fort und fort: Hinterm Berg, Hinterm Berg Brennt es in der Mühle. 20

Der so oft den roten Hahn Meilenweit von fern gerochen Mit des heil'gen Kreuzes Span Freventlich die Glut besprochen-- Weh! dir grinst vom Dachgestühle 25 Dort der Feind im Höllenschein. Gnade Gott der Seele dein! Hinterm Berg, Hinterm Berg Rast er in der Mühle. 30

Keine Stunde hielt es an, Bis die Mühle borst in Trümmer; Doch den kecken Reitersmann Sah man von der Stunde nimmer. Volk und Wagen im Gewühle 35 Kehren heim von all dem Graus Auch das Glöcklein klinget aus: Hinterm Berg, Hinterm Berg Brennt's-- 40

Nach der Zeit ein Müller fand Ein Gerippe samt der Mützen Aufrecht an der Kellerwand Auf der beinern Mähre sitzen. Feuerreiter, wie so kühle 45 Reitest du in deinem Grab! Husch! da fällt's in Asche ab. Ruhe wohl, Ruhe wohl Drunten in der Mühle! 50

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84. DAS VERLASSENE MÄGDLEIN

Früh, wann die Hähne krähn, Eh' die Sternlein verschwinden, Muß ich am Herde stehn, Muß Feuer zünden.

Schön ist der Flammen Schein, 5 Es springen die Funken; Ich schaue so drein, In Leid versunken.

Plötzlich da kommt es mir, Treuloser Knabe, 10 Daß ich die Nacht von dir Geträumet habe.

Träne auf Träne dann Stürzet hernieder: So kommt der Tag heran-- 15 O ging' er wieder!

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85. LEBEWOHL

"Lebe wohl!"--Du fühlest nicht, Was es heißt, dies Wort der Schmerzen; Mit getrostem Angesicht Sagtest du's und leichtem Herzen.

Lebe wohl!--Ach, tausendmal 5 Hab' ich mir es vorgesprochen, Und in nimmersatter Qual Mir das Herz damit gebrochen!

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86. SCHÖN-ROHTRAUT

Wie heißt König Ringangs Töchterlein? Rohtraut, Schön-Rohtraut. Was tut sie denn den ganzen Tag, Da sie wohl nicht spinnen und nähen mag? Tut fischen und jagen. 5 O daß ich doch ihr Jäger wär'! Fischen und Jagen freute mich sehr.-- Schweig stille, mein Herze!

Und über eine kleine Weil', Rohtraut, Schön-Rohtraut, 10 So dient der Knab' auf Ringangs Schloß In Jägertracht und hat ein Roß, Mit Rohtraut zu jagen. O daß ich doch ein Königssohn wär'! Rohtraut, Schön-Rohtraut lieb' ich so sehr.-- 15 Schweig stille, mein Herze!

Einstmals sie ruhten am Eichenbaum, Da lacht Schön-Rohtraut: "Was siehst mich an so wunniglich? Wenn du das Herz hast, küsse mich!" 20 Ach, erschrak der Knabe! Doch denket er: Mir ist's vergunnt, Und küsset Schön-Rohtraut auf den Mund.-- Schweig stille, mein Herze!

Darauf sie ritten schweigend heim, 25 Rohtraut, Schön-Rohtraut; Es jauchzt der Knab' in seinem Sinn: Und würdst du heute Kaiserin, Mich sollt's nicht kränken! Ihr tausend Blätter im Walde, wißt! 30 Ich hab' Schön-Rohtrauts Mund geküßt-- Schweig stille, mein Herze!

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87. AUF EINE LAMPE

Noch unverrückt, o schöne Lampe, schmückest du, An leichten Ketten zierlich aufgehangen hier, Die Decke des nun fast vergeßnen Lustgemachs. Auf deiner weißen Marmorschale, deren Rand Der Efeukranz von goldengrünem Erz umflicht, 5 Schlingt fröhlich eine Kinderschar den Ringelreihn. Wie reizend alles! lachend und ein sanfter Geist Des Ernstes doch ergossen um die ganze Form: Ein Kunstgebild der echten Art. Wer achtet sein? Was aber schön ist, selig scheint es in ihm selbst. 10

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88. GEBET

Herr, schicke, was du willt, Ein Liebes oder Leides! Ich bin vergnügt, daß beides Aus deinen Händen quillt.

Wollest mit Freuden 5 Und wollest mit Leiden Mich nicht überschütten! Doch in der Mitten Liegt holdes Bescheiden.

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89. DENK' ES, O SEELE

Ein Tännlein grünet wo, Wer weiß? im Walde, Ein Rosenstrauch, wer sagt, In welchem Garten? Sie sind erlesen schon-- 5 Denk' es, o Seele!-- Auf deinem Grab zu wurzeln Und zu wachsen.

Zwei schwarze Rößlein weiden Auf der Wiese, 10 Sie kehren heim zur Stadt In muntern Sprüngen. Sie werden schrittweis gehn Mit deiner Leiche, Vielleicht, vielleicht noch eh' 15 An ihren Hufen Das Eisen los wird, Das ich blitzen sehe.

FRIEDRICH HEBBEL

90. NACHTLIED

Quellende, schwellende Nacht, Voll von Lichtern und Sternen In den ewigen Fernen, Sage, was ist da erwacht?

Herz in der Brust wird beengt, 5 Steigendes, neigendes Leben, Riesenhaft fühle ich's weben, Welches das meine verdrängt.

Schlaf, da nahst du dich leis, Wie dem Kinde die Amme, 10 Und um die dürftige Flamme Ziehst du den schützenden Kreis.

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91. DAS KIND

Die Mutter lag im Totenschrein, Zum letztenmal geschmückt; Da spielt das kleine Kind herein, Das staunend sie erblickt.

Die Blumenkron' im blonden Haar 5 Gefällt ihm gar zu sehr, Die Busenblumen, bunt und klar, Zum Strauß gereiht, noch mehr.

Und sanft und schmeichelnd ruft es aus: "Du liebe Mutter, gib 10 Mir eine Blum' aus deinem Strauß, Ich hab' dich auch so lieb."

Und als die Mntter es nicht tut, Da denkt das Kind für sich: "Sie schläft, doch wenn sie ausgeruht, 15 So tut sie's sicherlich."

Schleicht fort, so leis' es immer kann, Und schließt die Türe sacht Und lauscht von Zeit zu Zeit daran, Ob Mutter noch nicht wacht. 20

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92. NACHTGEFÜHL

Wenn ich mich abends entkleide, Gemachsam, Stück für Stück, So tragen die müden Gedanken Mich vorwärts oder zurück.

Ich denke der alten Tage, 5 Da zog die Mutter mich aus; Sie legte mich still in die Wiege, Die Winde brausten ums Haus.

Ich denke der letzten Stunde, Da werden's die Nachbarn tun; 10 Sie senken mich still in die Erde, Da werd' ich lange ruhn.

Schließt nun der Schlaf mein Auge, Wie träum' ich oftmals das: Es wäre eins von beidem, 15 Nur wüßt' ich selber nicht, was.

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93. GEBET

Die du, über die Sterne weg, Mit der geleerten Schale Ausschwebst, um sie am ew'gen Born Eilig wieder zu füllen: Einmal schwenke sie noch, o Glück, 5 Einmal, lächelnde Göttin! Sieh, ein einziger Tropfen hängt Noch verloren am Rande, Und der einzige Tropfen genügt, Eine himmlische Seele, 10 Die hier unten in Schmerz erstarrt, Wieder in Wonne zu lösen. Ach! sie weint dir süßeren Dank, Als die anderen alle, Die du glücklich und reich gemacht; 15 Laß ihn fallen, den Tropfen!

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94. ABENDGEFÜHL

Friedlich bekämpfen Nacht sich und Tag. Wie das zu dämpfen, Wie das zu lösen vermag!

Der mich bedrückte, 5 Schläfst du schon, Schmerz? Was mich beglückte, Sage, was war's doch, mein Herz?

Freude wie Kummer, Fühl' ich, zerrann, 10 Aber den Schlummer Führten sie leise heran.

Und im Entschweben, Immer empor, Kommt mir das Leben 15 Ganz wie ein Schlummerlied vor.

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95. ICH UND DU

Wir träumten von einander Und sind davon erwacht, Wir leben, um uns zu lieben, Und sinken zurück in Nacht.

Du tratst aus meinem Traume, 5 Aus deinem trat ich hervor, Wir sterben, wenn sich eines Im andern ganz verlor.

Auf einer Lilie zittern Zwei Tropfen, rein und rund, 10 Zerfließen in eins und rollen Hinab in des Kelches Grund.

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96. SOMMERBILD

Ich sah des Sommers letzte Rose stehn, Sie war, als ob sie bluten könne, rot; Da sprach ich schauernd im Vorübergehn: "So weit im Leben ist zu nah' am Tod."

Es regte sich kein Hauch am heißen Tag, 5 Nur leise strich ein weißer Schmetterling; Doch ob auch kaum die Luft sein Flügelschlag Bewegte, sie empfand es und verging.

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97. HERBSTBILD

Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah! Die Luft ist still, als atmete man kaum. Und dennoch fallen, raschelnd, fern und nah, Die schönsten Früchte ab von jedem Banm.

O stört sie nicht, die Feier der Natur! 5 Dies ist die Lese, die sie selber hält, Denn heute löst sich von den Zweigen nur, Was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.

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98. DER LETZTE BAUM

So wie die Sonne untergeht, Gibt's einen letzten Baum, Der wie in Morgenflammen steht Am fernsten Himmelsraum.

Es ist ein Baum und weiter nichts,^ 5 Doch denkt man in der Nacht Des letzten wunderbaren Lichts, So wird auch sein gedacht.

Auf gleiche Weise denk' ich dein, Nun mich die Jugend läßt, 10 Du hältst mir ihren letzten Schein Für alle Zeiten fest.

GOTTFRIED KELLER

99. AN DAS VATERLAND

O mein Heimatland! O mein Vaterland! Wie so innig, feurig lieb' ich dich! Schönste Ros', ob jede mir verblich, Duftest noch an meinem öden Strand!

Als ich arm, doch froh, fremdes Land durchstrich, 5 Königsglanz mit deinen Bergen maß, Thronenflitter bald ob dir vergaß, Wie war da der Bettler stolz auf dich!

Als ich fern dir war, o Helvetia! Faßte manchmal mich ein tiefes Leid; 10 Doch wie kehrte schnell es sich in Freud', Wenn ich einen deiner Söhne sah!

O mein Schweizerland, all mein Gut und Hab' Wann dereinst die letzte Stunde kommt, Ob ich Schwacher dir auch nichts gefrommt, 15 Nicht versage mir ein stilles Grab!

Werf' ich von mir einst dies mein Staubgewand, Beten will ich dann zu Gott dem Herrn: "Lasse strahlen deinen schönsten Stern Nieder auf mein irdisch Vaterland!" 20

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100. WINTERNACHT

Nicht ein Flügelschlag ging durch die Welt, Still und blendend lag der weiße Schnee. Nicht ein Wölklein hing am Sternenzelt, Keine Welle schlug im starren See.

Aus der Tiefe stieg der Seebaum auf, 5 Bis sein Wipfel in dem Eis gefror; An den Ästen klomm die Nix' herauf, Schaute durch das grüne Eis empor.

Auf dem dünnen Glase stand ich da, Das die schwarze Tiefe von mir schied; 10 Dicht ich unter meinen Füßen sah Ihre weiße Schönheit, Glied um Glied.

Mit ersticktem Jammer tastet sie An der harten Decke her und hin, Ich vergess' das dunkle Antlitz nie, 15 Immer, immer liegt es mir im Sinn.

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101. ABENDLIED

Augen, meine lieben Fensterlein, Gebt mir schon so lange holden Schein, Lasset freundlich Bild um Bild herein: Einmal werdet ihr verdunkelt sein!

Fallen einst die müden Lider zu, 5 Löscht ihr aus, dann hat die Seele Ruh'; Tastend streift sie ab die Wanderschuh', Legt sich auch in ihre finstre Truh'.

Noch zwei Fünklein sieht sie glimmend stehn Wie zwei Sternlein, innerlich zu sehn, 10 Bis sie schwanken und dann auch vergehn, Wie von eines Falters Flügelwehn.

Doch noch wandl' ich auf dem Abendfeld, Nur dem finkenden Gestirn gesellt; Trinkt, o Augen, was die Wimper hält, 15 Von dem goldnen Überfluß der Welt!

THEODOR STORM

102. OKTOBERLIED

Der Nebel steigt, es fällt das Laub; Schenk ein den Wein, den holden! Wir wollen uns den grauen Tag Vergolden, ja vergolden!

Und geht es draußen noch so toll, 5 Unchristlich oder christlich, Ist doch die Welt, die schöne Welt, So gänzlich unverwüstlich!

Und wimmert auch einmal das Herz,-- Stoß an und laß es klingen! 10 Wir wissen's doch, ein rechtes Herz Ist gar nicht umzubringen.

Der Nebel steigt, es fällt das Laub; Schenk ein den Wein, den holden! Wir wollen uns den grauen Tag 15 Vergolden, ja vergolden!

Wohl ist es Herbst; doch warte nur, Doch warte nur ein Weilchen! Der Frühling kommt, der Himmel lacht, Es steht die Welt in Veilchen. 20

Die blauen Tage brechen an, Und ehe sie verfließen, Wir wollen sie, mein wackrer Freund, Genießen, ja genießen!

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103. WEIHNACHTSLIED

Vom Himmel in die tiefsten Klüfte Ein milder Stern herniederlacht; Vom Tannenwalde steigen Düfte Und hauchen durch die Winterlüfte, Und kerzenhelle wird die Nacht. 5

Mir ist das Herz so froh erschrocken, Das ist die liebe Weihnachtszeit! Ich höre fernher Kirchenglocken Mich lieblich heimatlich verlocken In märchenstille Heimlichkeit. 10

Ein frommer Zauber hält mich wieder, Anbetend, staunend muß ich stehn; Es sinkt auf meine Augenlider Ein goldner Kindertraum hernieder, Ich fühl's: ein Wunder ist geschehn. 15

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104. SOMMERMITTAG

Nun ist es still um Hof und Scheuer Und in der Mühle ruht der Stein; Der Birnenbaum mit blanken Blättern Steht regungslos im Sonnenschein.

Die Bienen summen so verschlafen; 5 Und in der offnen Bodenluk', Benebelt von dem Duft des Heues, Im grauen Röcklein nickt der Puk.

Der Müller schnarcht und das Gesinde, Und nur die Tochter wacht im Haus; 10 Die lachet still und zieht sich heimlich Fürsichtig die Pantoffeln aus.

Sie geht und weckt den Müllerburschen, Der kaum den schweren Augen traut: "Nun küsse mich, verliebter Junge; 15 Doch sauber, sauber, nicht zu laut."

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105. DIE STADT

Am grauen Strand, am grauen Meer Und seitab liegt die Stadt; Der Nebel drückt die Dächer schwer, Und durch die Stille braust das Meer Eintönig um die Stadt. 5

Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai Kein Vogel ohn' Unterlaß; Die Wandergans mit hartem Schrei Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei, Am Strande weht das Gras. 10