21 Jahre in Indien. Zweiter Theil: Java.
Part 9
Es war in Magelang, wo ich jeden Nachmittag um 6 Uhr einen Spaziergang machte. Eines Tages überfiel mich auf meinem Spaziergange ein heftiger Sturzregen, wie er auch in den Tropen nicht täglich vorkommt. Ich konnte mich flüchten, und zwar in die Wohnung eines mir bekannten Hauptmanns. Wie erwähnt, der Regen goss in fürchterlichen Strömen vom Himmel, als ich plötzlich meinen Kutscher vor der Veranda stehen sah; überrascht frug ich ihn, was er von mir wolle. »Das eine Pferd ist krank, und ich suchte Sie, also, tuwan = mein Herr, denn ich weiss ja, dass Sie jedesmal in dieser Strasse Ihren Spaziergang machen.« Der Capitän konnte nicht weniger als ich seinem Erstaunen Worte verleihen, dass ein Eingeborener in einem solchen Wetter 1½ Kilometer weit von Haus zu Haus seinen Herrn suchen geht, weil das Pferd unwohl geworden war! (Es hatte Retentio urinae.) Ein europäischer Kutscher hätte dieses nicht gethan!
Eine gerne und viel gebrauchte Rasse sind die von Makassar (von Celebes). Sie sind nicht hoch (höchstens 1,25 Meter), aber ausdauernd und kräftig. In dem letzten Jahrzehnt wurden vielfach australische Pferde unter dem Namen Sydneyer in Java eingeführt; es sind hoch und kräftig aber nicht elegant gebaute Pferde und laufen nicht schnell; sie haben bis jetzt nur als Luxuspferde bei den Reichen Eingang gefunden. Was ein europäisches Pferd leisten kann, weiss ich nicht aus eigener Erfahrung, meine »Keduer Pferde« jedoch, welche ich fünf Jahre lang in Magelang hatte, wurden täglich gebraucht: wenigstens zweimal des Tages hatten sie mich ins Spital, welches 1½ Kilometer von meinem Hause entfernt war, zu bringen, von dort zu holen und unterwegs meine Privatpatienten zu besuchen; häufig jedoch wurde ich ins chinesische Viertel gerufen, welches jenseits des Weges nach dem Spital lag; dadurch kam es, dass ich oft zehn bis zwölf Kilometer im Tag zurücklegte; so haben also meine Pferde fünf Jahre lang +täglich+ ohne Ausnahme im Durchschnitt zehn Kilometer zurückgelegt, obwohl sie nur 1,20 Meter hoch waren und einen grossen Mylord zu ziehen hatten. Ihr Futter war täglich für beide 120 Kilo Gras und 3-4 Kilo Reis.
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Im Jahre 1873 wurde ich von der ungarischen Regierung als Cholera-Arzt in den Karpathen angestellt, und ich sah damals das schaurige Bild eines Landes, welches von der stärksten Choleraepidemie heimgesucht war, welche jemals in Europa gewüthet hat. Aber grässlicher und ekelhafter war das Bild der durch Malaria und Hungertyphus und Viehpest heimgesuchten Provinz Bantam. Dort (in Ungarn) lagen einzelne Kranke, welche auf ihrem Marsche von der Cholera ergriffen wurden, auf dem Wege cyanotisch sich krümmend und windend unter den Krämpfen des Bauches. Zahlreich waren die Opfer, aber kurz war ihr Leiden, in wenigen Stunden hatte der Tod ihren Schmerzen ein Ende gemacht. Die unglücklichen Bantamer jedoch litten Wochen und Monate, die Kräfte erschöpften sich, sie magerten zum Skelet ab; durch die mangelnde Hautpflege, vielleicht auch durch die Dyskrasie des Blutes entstanden kleine Eiterbläschen (impetiginöser Hautausschlag), welche durch Kratzen und durch ihre eigenthümliche Wundbehandlung zu grossen Geschwüren sich entwickelten, die oft mehr als die Hälfte der Oberfläche des Körpers angegriffen hatten; solche von Noth und Elend, vom Hunger und Fieber erschöpften, abgemagerte, schmutzige, mit grossen Geschwüren und Eczemen bedeckte Skelete in hunderten und tausenden täglich sehen und behandeln zu müssen -- war ein ekelerregender Anblick, während die unglücklichen Opfer der Cholera-Epidemie nur kurze Zeit unsere Theilnahme und Mitgefühl erregten. --
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Es war ein Missgriff der indischen Regierung, den Krankenwärtern ein so hohes Taggeld (20 fl.) zu geben; dadurch wagten es gerade jene Männer nicht, um diese Stelle sich zu bewerben, welche, wie z. B. abgedankte Militär-Krankenwärter und ähnliche Schicksalsgenossen, die dazu am meisten geeigneten Personen waren. Meine ersten drei Krankenwärter waren ein pensionirter Hauptmann der Infanterie, ein pensionirter Intendant (mit dem Range eines Hauptmanns) und ein abgesetzter Notar. Von diesen drei »hohen Herren« erfasste nur der erste richtig seinen Beruf, ging in die entlegensten Kampongs, besuchte alle Patienten, gab nach seinem Urtheil Chininpillen, wenn er Zweifel hegte, rief er mich zu den Patienten, und vertheilte die erhaltenen Lebensmittel unter die dürftigsten und ärmsten der Armen. Der Zweite jedoch, der pensionirte Intendant, blieb auf seinem Standplatz, liess die Häuptlinge der benachbarten Kampongs zu sich kommen und gab diesen auf Grund ihrer Berichte die etwa nöthige Menge an Chininpillen und Lebensmitteln, sein Standplatz war in M...., und wie überrascht war ich, als ich eines Tages seinen Bezirk inspicirte und von allen Patienten, die ich untersuchte und frug, zu hören bekam, dass der tuwan (Herr) nicht in das Dorf käme; noch mehr war ich überrascht, als dieser gute Mann mir auf meine diesbezügliche Frage das stolze Wort zur Antwort gab: »Ich kann doch als pensionirter Intendant nicht in die Kampongs gehen und den Kulis Essen ins Haus bringen!!« Obwohl es ihm gelang, gegenüber dem Dr. J., meinem Chef, meine diesbezügliche Mittheilung zu entkräften durch Hinweis auf eine nicht existirende Intrigue, so verschwand er bald danach vom Schauplatze, weil die Regierung bald das Taggeld auf 5 fl. herabsetzte und dann Männer erhielt, welche für diesen Dienst die geeigneten Personen waren. Was die Intrigue betrifft, welche in der Phantasie dieses Mannes existirte, war sie nur eine faule Ausrede; für den administrativen Theil der ganzen Hülfsaction wurde nämlich ein Controlor angestellt, welcher der Bruder der geschiedenen Frau dieses Krankenwärters war. Dieser Controlor wohnte bei mir, also sei meine Anklage eine Intrigue gegen ihn gewesen. Mein Chef hatte aber bald Gelegenheit, sich zu überzeugen, dass ich nichts als Thatsachen mitgetheilt hatte, welche sein weiteres Verbleiben in dieser Dienstsphäre unmöglich machten. Der dritte meiner Krankenwärter war ein pensionirter Notar, welcher zwar genug Pflichtgefühl besass, um sich in richtiger Weise seiner Mission zu entledigen, aber seine Kräfte waren zu schwach, denn bald nach seiner Ankunft ergriff ihn die Malaria, so dass er, vom Fieber erschöpft, nach Batavia zurückkehren musste, wollte und sollte er nicht selbst das Opfer des Fiebers werden.
In einem seiner Fieberanfälle um 1 Uhr Nachmittags liess er mich holen; zwischen Tjileles und seinem Standplatze befand sich ein kleiner Wald, und ich musste darum genau berechnen, ob ich vor Sonnenuntergang zu Hause sein konnte; am helllichten Tage hatte ja kurz vorher auf dieser Strasse ein Tiger eine Frau gepackt und war mit ihr davongeeilt. Die Entfernung war ungefähr eine Stunde; der Polizist, welcher mich auf meinen Streifzügen stets begleitete, war auch der Ansicht, dass wir vor Einbruch der Dämmerung in Tjileles zurück sein konnten, und so zögerte ich keinen Augenblick, Hülfe zu bringen. Sein Kampong Tjiboga (?) lag ungefähr 500 Meter jenseits des grossen Weges. Ich beeilte mich mit meiner Ordination und stieg wieder zu Pferde. Als ich jedoch wieder auf dem grossen Wege war, sah ich, dass ich keine Cigarren hatte, liess den Polizisten warten, ritt im Galopp zurück, erhielt, ohne vom Pferde abzusteigen, die Cigarren und eilte wieder im Galopp auf den grossen Weg, um den Polizisten einzuholen. Wohin ich blickte, nirgends eine menschliche Seele, und nirgends war er zu sehen; ich zog weiter und kam endlich auch in den Wald, der den Weg kreuzte. Noch immer war kein Polizist zu sehen, auch als ich auf einen Kreuzweg stiess, ohne dass ich wusste, welcher Weg mich nach Hause führe. Rathlos stand ich da und rief Oppas,[38] Oppas, aber Niemand antwortete mir. Im Dickicht des Waldes war die Sonne nicht mehr zu sehen, und die Dämmerung trat ein (welche auf Java nicht länger als eine Viertelstunde dauert).[39] Rathlos stand ich da und blickte fragend nach allen Seiten, um einen Ausweg aus diesem Labyrinth zu finden; endlich unterwarf ich mich dem Fatum, liess die Zügel des Pferdes fallen und befahl Gott meine Seele. Der Gaul kannte den Weg, er »roch den Stall« und brachte mich auf die richtige Strasse.
Einmal sollte ich doch einem Tiger begegnen, ohne dass ich ihn jedoch auch gesehen hätte.
Am 24. Januar schrieb mir der Controlor v. d. P., welcher in Malimping in der Nähe der Südküste Javas wohnte, dass sein Söhnchen durch eine Wunde am Fusse heftiges Fieber bekommen habe, und ersuchte mich, sofort zu ihm zu kommen. Es war 10 Uhr Vormittags, als ich den Brief erhielt. Ich bestieg mein Pferd und zog zunächst nach Gunung Kentjana (276 Meter[40] hoch gelegen), welches 10 Paal = 15,06 Kilometer von meiner Wohnung entfernt war. Hier gab mir der Wedono[41] auf Rechnung des Herrn v. d. P. ein Mittagsmahl (de rysttafel), und unterdessen machten seine Bedienten aus ein paar Bambusstöcken und einem indischen Lehnstuhl eine Tragbahre. Gegen 3 Uhr erschien eine Truppe Kulis mit einem Mandur (= Aufseher), und abwechselnd trugen mich vier Kulis auf ihren Schultern.
Noch kaum eine halbe Stunde hinter Gunung Kentjana zeigte mir der Mandur den Berg Bongkok (925 Meter[40] hoch), an dessen Fusse die Baduwies einige Kampongs bewohnten.
Wenn wir von ungefähr 3000 eingeborenen Christen[42] absehen, ist das Gross der Eingeborenen auf Java dem mohamedanischen Glauben zugethan.
Im Jahre 1382 hatten sich die Araber Malik Ibrahim, Sideh Mohammad und Saidi Rakidin in der Nähe des Goldflusses (Kali = Fluss, Mas = Gold) bei Tandes (dem heutigen Grissé) in der Nähe Surabayas als Kaufleute niedergelassen und als Missionare für die mohamedanische Religion eifrig Propaganda, und zwar mit grossem Erfolg, gemacht. Die ersten Fortschritte erzielten sie an der Küste bis Damak, von hier aus begann die gewaltthätige Unterwerfung der Eingeborenen, besonders, nachdem im Jahre 1483 das grosse mächtige Reich von Modjopahit von ihnen erobert worden war und der grösste Theil seiner Bewohner den mohamedanischen Glauben angenommen hatte. Seit dieser Zeit hat nach und nach der Islamismus sich über ganz Java bis auf zwei Colonien ausgebreitet, welche noch heute abgeschieden von den übrigen Kampongs, die eine im Westen und die andere im Osten Javas, sich befinden.
Da ich niemals im Tengergebirge, welches sich auf der Grenze der beiden Provinzen Pasaruan und Probolingo befindet, geweilt habe, ich also keinen Anlass haben werde, mich mit dieser Gegend zu beschäftigen, so will ich hier auch einiges über die »Heiden« im östlichen Java mittheilen. Wie gesagt, sie leben im Tengergebirge (2724 Meter hoch), und alle ihre Wohnungen haben die Thüren gegenüber dem Vulcane Bromo (2290 Meter). Sie sind die Nachkommen der Flüchtlinge des Reiches von Madjopahit, welche unter Anführung von Kiai Dadop putti sich dahin zurückgezogen hatten, um ihrem Glauben treu bleiben zu können und nicht der Beschneidung sich unterwerfen zu müssen. Ihre Zahl beläuft sich heute auf 3-4000 friedsame Bürger, welche zurückgezogen von der übrigen Bevölkerung von den Erträgnissen des Bodens leben, gute Unterthanen sind und jährlich im Sandmeer dem »Gunung Bromo« ihre Opfer bringen.
Der Mandur wollte mir eben auch etwas Näheres über das Leben dieser Heiden von Lebak mittheilen, als die Träger der Tragbahre sich plötzlich auf den Boden setzten; ich fiel zwar nicht vom Sessel, aber ein gehöriger Stoss schüttelte mir die Eingeweide gut durch, und überrascht frug ich den Mandur, was dieses bedeute. Gleichzeitig zeigten alle Kulis mit der Hand nach der rechten Seite des Weges und riefen: Dia (= Er), Dia, Dia. Es war ein Tiger, der unsern Weg gekreuzt hatte. Leider hatte ich es nicht gesehen, so dass ich auch diesmal, wie überhaupt niemals einen Königstiger im Freien gesehen habe. Ich habe zwar späterhin zwei kleine Tiger von einem Assistent-Residenten zum Geschenk erhalten; es waren jedoch keine Königstiger, sondern zwei mâtjan tutul = Panther. Bald hatten sich die Kulis von ihrem Schrecken erholt, hoben mich wieder in die Höhe und weiter ging es in ruhigen gemessenen Schritten über Berg und Thal. Die Sonne ging unter, die Finsterniss trat ein, und die Kulis zündeten ihre Fackeln an. Diese ôbors sind bei einer Wanderung im Gebirge Bantams unentbehrlich, weil sie dem Tiger Furcht einjagen; natürlich erreicht eine einzelne Fackel niemals ihr Ziel, aber in grossen Mengen imponiren sie doch dem Tiger, der geradezu feige genannt werden muss. Es war eine theatralisch-romantische Expedition, die ich damals unternahm. Dazu kam noch, dass ein eigenthümliches Hinderniss unseren Zug erschwerte.
Zur Bekämpfung der Viehpest, welche gleichzeitig das unglückliche Bantam heimgesucht hatte, hatte die Regierung einen Cordon um die pestfreien und inficirten Gegenden gezogen, so dass die Büffel von der einen Region in die andere nicht gelangen konnten. Dieser Cordon bestand aus einem Gehege von Bambus, welches von Truppen bewacht wurde.
Gerade auf dem Wege nach Malimping stiessen diese zwei Gehege zusammen und waren nur durch die Strasse von einander getrennt; wenn also auch durch Fackeln der Weg beleuchtet war, so geschah es doch oft genug bei den zahlreichen Krümmungen des Weges, dass die Träger vorsichtig zwischen den beiden Gehegen laviren mussten, um mich nicht zu Fall zu bringen.
Wenn wir nämlich von der grossen breiten Strasse absehen, welche, wie schon erwähnt, im Anfange dieses Jahrhunderts durch schwere Robottdienste angelegt wurde, sind alle übrigen Landwege Javas nur eine Vergrösserung und Verbreiterung der früher bestandenen Pfade. Die Eingeborenen gehen immer hinter einander und haben also kein Bedürfniss für breite Strassen; zum Transport der Lasten werden besonders im Gebirge Saumpferde gebraucht. So hat also in früheren Zeiten nur der Pfad oder eine schmale Strasse, welche für einen Grobak (Lastwagen der Eingeborenen auf zwei Rädern, der von einem oder zwei Büffeln gezogen wird) hinreichend Raum bietet, die Verbindung der einzelnen Kampongs besorgt.
Endlich um acht Uhr Abends kam ich in Malimping an und fand bei dem Söhnchen des Herrn v. d. P.. ein Erysipel auf dem rechten Unterschenkel in Folge eines vernachlässigten Fussgeschwüres. Ob da nicht wieder die Babu (das Dienstmädchen) die Behandlungsweise der Eingeborenen der Frau des Controlors aufgedrungen hat, weiss ich nicht; wahrscheinlich war dies der Fall, denn diese Dame war in Indien geboren und darum geneigt, der Behandlungsweise der Dukun einen hohen Werth beizulegen. Die Bewohner Bantams behandeln die Geschwüre auf gewiss einfache Weise. Eine (meistens alte, schmutzige) Kupfermünze wird glatt geschlagen, mit feinen Löchern siebartig versehen und mit einer Schnur auf dem Geschwüre befestigt. Nicht allein europäische Laien, sondern auch Aerzte habe ich ein Loblied auf diese Therapie der Geschwüre singen hören!! Die Kupfermünze oxydire und cauterisire durch das entstandene Kupferoxyd die Granulationen der Geschwüre!! Unserem kleinen Patienten war es dadurch übel ergangen; durch die Oeffnungen in der kupfernen Platte ist zwar der Eiter abgeflossen, aber nicht immer geschah dies; pathogene Bacterien fanden durch diese kleinen Löcher ihren Weg und Zutritt zum Geschwüre, und ein Erysipel = Rothlauf entstand, welches nicht allein das Bein, sondern auch das Leben des kleinen Mannes bedrohte. Es gelang mir, beides unserm Patienten zu erhalten.
Nachdem ich die nöthigen ärztlichen Vorschriften gegeben hatte, gingen wir zum Nachtmahle. In der »Achtergalerie« sassen wir und hatten vor uns den Garten, über welchen ein sanfter Südwind von der nahen Küste strich und uns den Duft der Kaffeeblüthe und der Orangen, gemengt mit dem Stallgeruche der Reitpferde, in die Veranda brachte. Das Zirpen des Heimchen (djangkrig M.), der Grille (andjing tanah M.), der Singcicaden mengte sich mit dem Qua-Qua der Frösche, und hin und wieder dröhnte die Brandung der nahen See und das Brüllen der wilden Büffel dazwischen; vereinzelt hörten wir die Klagelaute des Wau Wau (Hylobates leuciscus) oder das Bellen der halbwilden Hunde und das Schnattern unruhiger Gänse. Der sternenreiche Himmel strahlte in seiner Pracht und wetteiferte mit den tausenden und tausenden Leuchtkäfern, welche über dem nahen Sawahfeld in hochgehenden Wellen auf und ab schwebten.
Das Nachtmahl gab mir Zeit und Gelegenheit, mich bei dem Controleur über das Leben und Treiben der Baduwies zu erkundigen, weil mir die Mittheilungen des Mandur nicht zuverlässig waren. Dieser hatte von ihnen als Orang Kâpir gesprochen, was offenbar eine Verdrehung des arabischen Kafir war. Ob es nun ein Schimpfwort bedeuten sollte, oder ob damit diese Menschen für Heiden erklärt wurden, war mir nicht deutlich. »Ja, das sind Heiden,« erwiderte Herr v. d. P., »eigentlich kümmern sie mich gar nicht, obwohl sie in meinem Bezirk wohnen, denn sie erkennen nur in dem Regenten von Pandeglang ihren Herrn, aber glücklicherweise sind es friedliebende Menschen, welche sich niemals etwas zu Schulden kommen lassen, so dass meine Amtsthätigkeit in diesen Kampongs eine sehr beschränkte ist.«
»Ist es wahr, dass die Portugiesen die Ansiedlung dieser Baduwies im District Lebak veranlassten?« »Ja und nein. Im Jahre 1521 kamen zwei javanische Fürsten Aling-Aling und Kakaling nach Malakka und baten die Portugiesen um Hülfe gegen die Mohamedaner von Bantam; diese wurde ihnen gewährt, wofür die Portugiesen eine Factorij errichteten, aber Tatelehan vertrieb diese beiden Fürsten und die Portugiesen. Die Hindus verliessen den Norden der Provinz, zogen nach Gunung Kentjana, wo sie sich noch heute befinden.«
»Ist es wahr, dass nur 60 in einem Kampong wohnen dürfen, und wenn die Zahl überschritten wird, muss der 61. sich anderswo ansiedeln?«
»Auch das ist nur theilweise richtig; in Tji[44]beo, Tji[44]kanekes und Tji[44]samodor leben 60 Personen, wahrscheinlich eine Sorte Heilige, ganz abgeschieden von der Aussenwelt. Sobald ein Fremder ihre Wohnung betreten hat, suchen sie ein neues Heim. Darum darf auch Niemand ohne meine Bewilligung dahin gehen. Sie heissen Djelma dalem, im Gegensatze zu den Djelma luwar, welche Handelsleute sind und sich in jeder Hinsicht mit den Eingeborenen verbinden. (Das Wort dalem heisst inwendig (M.), und das Wort luwar äussere.)
In jedem Kampong führen drei Männer einen besonderen Titel, und zwar Giran pohon, welcher wahrscheinlich der Häuptling und höchste Priester ist, und zugleich mit dem Pangasuh kokolot für Jeden unsichtbar bleibt, während der Giran serat der Minister des Aeusseren ist und als solcher die Gemeinde nach aussen vertritt.«
»Wie viel Djelmas existiren in Ihrem Bezirke, und kommen auch einige auf den benachbarten Inseln Pulu Tjindjil und P. Kelupa vor?« »Das erstere kann ich weniger bestimmt als das zweite beantworten. Sie wohnen nur in den drei genannten Kampongs und kein Einziger auf diesen beiden Inseln. Da ich nur von den Mittheilungen des Giran serat die Stärke ihrer Mitglieder kenne -- ungefähr 2000 alles in allem --, so kann ich nur annähernd diese Ziffer angeben, obwohl ich keine Ursache habe, diese Angabe zu bezweifeln.«
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Am andern Morgen borgte mir Herr v. d. P. ein Reitpferd, und begleitet von einem Oppas kehrte ich auf demselben Wege zurück, auf dem ich gekommen war, und erreichte noch denselben Abend meine Wohnung in Tjileles. Beinahe den ganzen Tag war ich auf dem Pferde gesessen, die Tropensonne hatte mich nicht geschont, und so begnügte ich mich, einen kleinen Imbiss zu nehmen und dann sofort schlafen zu gehen.
Es mochte ungefähr zehn Uhr gewesen sein, als der Häuptling mich aus dem Schlafe weckte mit dem Rufe: tuwan Regent ada = Der Herr Regent ist angekommen.
Der Anlass dazu war folgender: Zu meinen Obliegenheiten gehörte auch der Rapport den ich alle zehn Tage über meine Leistungen und Beobachtungen einreichen musste. In einem derselben erwähnte ich auch, dass ich auf allen meinen Wanderungen nur unbebautes Land sah, dass ich nur selten einem Büffel begegnete, und dass Hungersnoth die unvermeidliche Folge sein müsse; der grösste Theil der Bevölkerung sei ja von der Fieber-Epidemie ergriffen, könne also das Feld nicht bebauen. Die Büffel seien entweder der Viehpest erlegen oder dem tödlichen Blei der »Committirten«, welche auf Avis des Thierarztes X. alle Büffel todtschiessen mussten, welche sich im Bannkreise von einem Paal = 1½ Kilometer von einem erkrankten Büffel befanden!! Ich musste also mein Videant consules, ne quid detrimenti capiat res publica der Regierung zurufen.
Ich stand rasch auf, kleidete mich an und empfing den Regenten, der mich interpellirte, wieso ich das graue Gespenst der Hungersnoth entrollen konnte und durfte, da ich doch nicht wusste, wie gross der Vorrath an Reis sei, welcher von der vorjährigen Ernte aufgespeichert läge.
Der Eingeborene ist immer ruhig und höflich, noch mehr aber ein Regent, welcher in seiner Würde zu kurz kommen würde, wenn er nicht in gemessenen höflichen Worten seine Ansichten ausspräche. Dies that auch der Regent von Lebak, als er mich über die Gefahren einer Hungersnoth interpellirte. Nachdem er mir mitgetheilt hatte, dass der Zweck seiner Reise sei, von Kampong zu Kampong zu gehen, um persönlich die Menge des Vorrathes an Reis zu constatiren, lud er mich zu einer Partie Whist ein.
Es wurde ungefähr zwei Uhr Nachts, bis ich mich wieder den Armen Morpheus anvertrauen konnte; ich schlief am andern Morgen um neun Uhr noch den Schlaf des Gerechten, als wiederum eine Visite angekündigt wurde. Es war einer der Männer, welche bei der Viehpest-Commission angestellt waren, um, wie oben schon erwähnt wurde, nicht nur jeden kranken Büffel zu erschiessen, sondern auch jedes gesunde Thier, welches in der Nähe bis auf einen Paal = 1,5 Kilometer von einem kranken Büffel gelebt hatte. Ich muss gestehen, dass dieses Gutachten des Thierarztes X. eine radicale Cur zur Bekämpfung dieser Epidemie vorschrieb; aber es wurde mit dem Bade auch das Kind ausgegossen, und der ganze Viehstand dieser unglücklichen Provinz war in seiner Existenz bedroht.
Einstimmig erhob auch die indische Presse einen lauten Protest gegen diese unpraktische und gefährliche Procedur.
Zu meiner Ueberraschung war mein neuer Besuch ein alter Bekannter, ein Pole, den ich früher in Batavia gesprochen hatte. Der Herr D..., welcher gegenwärtig ein gut situirter Reispflanzer bei Batavia ist, theilte mir so manches über das Gebahren dieser »Committirten« mit, das geradezu haarsträubend war. Auf seinen Inspectionsreisen hat der Thierarzt in der ganzen Provinz jeden »Committirten« belobt, der den Beweis bringen konnte, +gesunde+ Büffel erschossen zu haben. Ob es gerade ein Paal war, in dem sich ein kranker Büffel befunden hatte, oder ob es zwei oder drei Kilometer waren, kümmerte so manchen dieser Herren nicht. Sobald sie einen Büffel krank sahen, tödteten sie nicht nur diesen, sondern zogen in ihrem Rayon durch alle Kampongs und schossen alle Büffel nieder; natürlich musste die Regierung jeden erschossenen Büffel bezahlen. In wenigen Tagen war der erhaltene Preis aus den Händen des armen Bauern verschwunden, und jetzt stand er ohne Büffel da, geschwächt durch das Fieber konnte er in persona das Feld nicht bebauen -- und der Herr Regent bezweifelte, dass Hungersnoth dem unglücklichen Lebak bevorstehe! Wie sein Gegenbericht abgefasst war, weiss ich nicht, aber bald nachher wurde ich nach Tjicandi versetzt.