21 Jahre in Indien. Zweiter Theil: Java.
Part 11
Wo Mosquitos sind, dort sind Sümpfe, und dort kommen Malariafälle vor; aber es giebt auch in den Tropen Landstriche, welche frei von Mosquitos sind und doch vom Fieber heimgesucht werden. +Grassi+ konnte in allen jenen Gegenden, wo Malaria vorkommt, eine eigenartige grosse Mückenspecies nachweisen. Bei der Untersuchung dieser Insecten, nachdem sie das Blut von Malariakranken gesogen hatten, fand er die Gegenwart von geisseltragenden Elementen im Thierleibe.[45] Ohne geradezu des Köhlerglaubens mich schuldig zu machen, glaube ich gerne, dass Prof. +Koch’s+ Beobachtungen richtig seien -- sie sind ja im Ganzen und Grossen dieselben als die von +Grassi+, wie wir sahen -- aber ich glaube nicht, dass es die einzige Ursache sei, und dass Luft und Wasser gleichfalls eine grosse Rolle spielen in der Aetiologie der Malaria.
Auch im Gebirge entstehen ja oft verheerende Fieber-Epidemien, ohne dass Mosquitos oder andere Insecten die Vermittler derselben sind. Um nur ein Beispiel von hundert anderen zu bringen: in den Achtziger Jahren wurde in Magelang ein neues Campament gebaut, d. h. Casernen mit Officierswohnungen, und zahlreiche Fieberfälle kamen unter den Arbeitern vor. Ueberall und +ohne Ausnahme+ tritt in Java eine Fieberepidemie auf, sobald der Boden aufgelockert wird, und dieses stimmt auch mit der Behauptung von +Pulvirenti+, dass die Malaria dort entstehen kann, wo organische Materien in Fäulniss gerathen -- Magelang hat keine Mosquitos.
Auf Borneo, wo ich an der Grenze des Diluviums sass, hatten wir keine Mosquitos, zu gewissen Zeiten aber heftige Fieberfälle, ja noch mehr. Die indische Regierung sorgt für eine zweckmässige Irrigation des Landes, um dem Reisbau in allen Theilen des Landes eine ergiebige Ernte zu ermöglichen, und wo der Boden zu diesem Zwecke aufgewühlt wird, entsteht eine Fieberepidemie, ohne dass damit eine Einwanderung von Mosquitos stattfände. Ueberall giebt es auf Java Plätze und Gegenden, welche eine Zeitlang ob ihrer »Gesundheit« berühmt sind, um nach einigen Jahren wieder von Fieberepidemien heimgesucht zu werden. Wenn auch in vielen Fällen dafür eine Ursache gefunden wird, z. B. das Anlegen von neuen Reisfeldern oder ausgedehnten Bauten, so fehlen uns dafür oft genug nachweisbare Ursachen -- Mosquitos waren im Gebirge nicht eingewandert. -- Es könnten vielleicht (nach +Grassi+) andere Insecten die Vermittler sein; aber welche? Die Hunde haben in Indien Flöhe, aber nicht die Menschen; Wanzen kommen nur in Spitälern und Gefängnissen vor. Auch Fliegen findet man; sie stechen aber nicht, und es muss erst der Nachweis gebracht werden, dass eine intacte Haut den Zutritt der Mikroorganismen gestattet, abgesehen davon, dass a priori diese Annahme beinahe unmöglich ist.
Professor +Koch+ weilt momentan (December 1899) in Batavia, um die Entstehungsursachen der Malaria zu studiren. Das Uebertragen des Giftes (der Plasmodien) dieser Krankheit durch Mosquitos scheint, nach den spärlichen Berichten zu urtheilen, welche mir darüber bis jetzt zugänglich waren, die Hauptfrage zu sein, welche diesen Bacteriologen bei seinen Untersuchungen beschäftigt. Ich will gerne jurare in verba magistri und das Resultat seiner Arbeiten selbst kritiklos annehmen, weil er der Meister auf diesem Gebiete ist. Aber trotzdem muss ich wiederholen, was ich im ersten Bande, Seite 20 behauptet habe, dass +auch+ das Wasser ein Vermittler der Malaria ist, und dass die indische Regierung eine grosse Unterlassungssünde begehen würde, wenn sie in der Sorge, das Land von den verheerenden Verwüstungen der Malaria zu befreien, sich auf die Vernichtung des schädlichen Einflusses der Mosquitos[46] beschränken würde.
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Die Provinz Bantam ist schwach bevölkert. Nach der letzten Volkszählung von 1893 hatte sie nicht mehr als 638,567 Einwohner bei einer Grösse von 140,664 ☐Meilen, d. h. 4520 auf die geogr. ☐Meile. Darunter befanden sich 275 Europäer, 1657 Chinesen, 36 Araber, 32 Orientalen und 636,567 Eingeborene (worunter die zahlreichen eingewanderten Javaner, Sumatraner, Malayen und Bewohner von West-Borneo, der Insel Banda u. s. w. inbegriffen sind).
Zahlreiche Gebirgszüge durchziehen das Land, und nur die Nordküste ist flach; nur die Vulcane Karang (1600 Meter hoch) und Pulusari (1200 Meter), der Trachytkegel Pajung (133 Meter) und die Berge Endut (120 Meter) und Tukung (700 Meter) sind aus der grossen Zahl der Berge dieser Provinz erwähnenswerth.[47]
Grosse Ströme oder Flüsse besitzt Bantam ganz und gar nicht; nur wenige Meilen weit in’s Innere des Landes sind der Tjikandi und der Pontangfluss befahrbar; die kleinen Flüsse Pandan, Tjimanok, Tji-Panimbang und Tji-Barenoh sind kaum nennenswerthe Verkehrswege des übrigens sehr unbedeutenden Handels mit den Naturproducten des Landes.[48]
Eine grosse Zahl Inseln liegt in der Nähe der nördlichen, westlichen und südlichen Küste dieser Provinz (die Ostgrenze formt die Provinz Preanger); die wichtigsten darunter sind in der Sundastrasse die Insel Krakatau und im indischen Ocean die Prinzen-Inseln (= Pulu Panaïtan). Im Jahre 1883 (27. [?] August) erfolgte eine so heftige und mächtige Eruption des seit Jahrhunderten ruhenden Vulcanes auf der Insel Krakatau, dass die ganze Westküste Bantams mit der Hafenstadt Anjer und die Südküste von Sumatra fürchterlich heimgesucht wurden; beinahe 20,000 Menschen fielen ihr zum Opfer. Als ich zum letzten Male (im Jahre 1897) die Sundastrasse passirte, zeigte die Insel Krakatau nur das unschuldige und liebliche Bild eines kleinen, dicht bewachsenen Hügels von vielleicht 80 Meter Höhe, und nichts verrieth mehr die ungeheure Verwüstung und Verheerung, welche vor 14 Jahren dieser kleine Berg oder diese kleine Insel über das unglückliche Land Bantam gebracht hatte. Auch die Insel Panaïtan, auf welcher schönes Bauholz gefunden wurde, verlor im Jahre 1883 alle ihre Bewohner theils durch die glühende Lavamasse, theils durch den Hunger. Eine solche ungeheure Bimssteinmasse hatte die ganze Sundastrasse bedeckt, dass nur unter den grössten Anstrengungen der indischen Regierung die Schifffahrt-Verbindung mit der Provinz Lampong (Süden von Sumatra) am 29. August wieder eröffnet werden konnte. Die Insel Panaïtan jedoch verlor alle Einwohner, weil die Feuermassen alle Lebensvorräthe -- pflanzlicher und thierischer Herkunft -- verbrannt hatten, und erst nach vielen Wochen ein Verkehr mit dem festen Lande ermöglicht wurde. Heute ist diese Insel wieder gut bevölkert, weil sich dahin alle Bewohner des südlichen Bantams flüchten, welche durch die Tiger in ihrem Leben sich bedroht sehen.[49]
Keine Provinz Javas hat im Laufe dieses Jahrhunderts von allen möglichen Unbilden so viel als diese Provinz gelitten. Fieber-Epidemien, Viehpest, Hungersnoth, Ausbruch der Vulcane, Ueberschwemmungen, und nicht am wenigsten Krieg haben in den letzten Jahrzehnten zu wiederholten Malen diese unglückliche Provinz heimgesucht. Wie wir im letzten Capitel sehen werden, war der Sultan von Bantam ein mächtiger Despot. Der Letzte, Namens Mohammed Tsafiu ’d-din, regierte vom Jahre 1815-1832 und wurde wegen Theilnahme an Seeraub von der indischen Regierung abgesetzt und nach Surabaya verbannt. Natürlich erhoben sich darauf zahlreiche Prätendenten, und nur zu häufig musste Gewalt diese Aufstände unterdrücken. Die bedeutendsten darunter waren die von den Jahren 1834, 1836, 1839, 1850 und 1888. Seit dieser Zeit ist der willkürliche Despotismus der einheimischen Fürsten gebrochen, und nur einzelne fanatische -- meistens arabische -- Priester nähren die schwache Gluth der Unzufriedenheit unter entthronten kleinen Despoten. Die holländische Regierung steht hier vor einer schönen Aufgabe: Eine durch zahlreiche Unglücksfälle in Verfall gerathene Provinz zur alten Wohlfahrt zu erheben. Wenn früher Bantam durch seine Ausfuhr von Pfeffer, Reis, Indigo, Kaffee u. s. w. blühte, so kann es ja durch eine weise Regierung seine frühere Blüthe wieder erreichen. Zucker, Catechu, Thee, Chinabaum, Muskatbäume u. s. w., kurz, alle Producte der Tropenwelt finden in Bantam einen üppigen Boden, und in der Tiefe der Gebirge sind noch viele Schätze verborgen, welche von unternehmenden Männern gehoben werden können.
6. Capitel.[50]
Nach Buitenzorg -- Der Berg Salak -- Das Schloss des Gouverneur-General -- Ein weltberühmter botanischer Garten -- Batu-tulis = beschriebener Stein -- Ein gefährlicher Kutscher -- Die Preanger-Provinz -- Warme Quellen -- Sanatorien -- Indische Gewürze -- Ein reicher Beamter -- Das Tanzen (Tandak) der Javanen -- Wâjang orang = Theater -- Wâjang tjina = chinesisches Theater -- Wâjang Kulit = Schattenbilder -- Spiele der Javanen -- Eine Theeplantage -- Bambus-Wunden -- Eine langweilige aber einträgliche Garnison -- Einfluss der „reinen Bergluft“ -- Europäische Gemüse auf Java -- Ein javanischer Fürst verheiratet mit einer europäischen Dame -- Malayische Gedichte (Panton) -- Mischrassen -- Ein ausgestorbener Krater.
Am 19. August 1888 verliess ich Atjeh (Nordküste von Sumatra), kam am 23. in Padang an und erfuhr dort, dass ich in »Ngawie« eingetheilt sei, dass ich also von dem »heissen Atjeh« in die »Hölle Javas« versetzt wurde. Wir beide jedoch, ich und meine Frau, hatten das Bedürfniss, uns »eine kalte Nase zu holen«,[51] d. h. durch die kühle und frische Luft im Gebirge unsern durch die Wärme erschlafften Organismus ein wenig aufzufrischen, und ich beschloss also, bevor ich nach meinem neuen Standplatze abging, einen 14tägigen Urlaub anzusuchen. Da ich zwei volle Jahre den beschwerlichen Dienst in Atjeh ununterbrochen versehen hatte, und zwar, trotzdem die Beri-Beri mich heimgesucht hatte, ohne auch nur einen einzigen Tag mich krank gemeldet zu haben, wurde mir dieser Urlaub bewilligt, und ich unternahm eine Reise in die viel gepriesene und viel gerühmte Provinz Preanger. Zunächst ging die Reise per Eisenbahn nach Buitenzorg (= ohne Sorge = bogor M.). Da ich im Jahre 1881 in dieser Residenzstadt des Gouverneur-General in Garnison lag, so war mir die Stadt gut bekannt, und ich konnte meiner Frau sofort alle Sehenswürdigkeiten beschreiben und zeigen. Zunächst muss ich jedem Touristen anrathen, mit der Regenzeit zu rechnen. So viel wie in Buitenzorg, regnet es in ganz Indien nicht. Zwischen 4 und 5 Uhr Nachmittags beginnt während des ganzen Jahres beinahe täglich ein intensiver Tropenregen, und die beiden Monsune unterscheiden sich nur dadurch, dass es zur Regenzeit oft auch Vormittags regnet, während im Ostmonsun den ganzen Vormittag und oft bis zur ersten Abendstunde schönes Wetter ist. Der August ist der trockenste Monat mit 273 Mm., während im Januar 534 Mm. Regen fällt. Unter 44 Plätzen im indischen Archipel, in welchen die täglich gefallene Regenmenge gemessen wird, hat diese Stadt den ersten Rang, und zwar 5208 Mm.,[52] während die niedrigste (in Probolingo) nur 1213 Mm. per Jahr aufzuweisen hat. Wenn also das Regenwasser in Buitenzorg während eines Jahres nicht ablaufen könnte, würde es eine Wassersäule von mehr als 5 Metern bilden und somit eine wahre Sündfluth darstellen. Dies ist in Buitenzorg nicht zu befürchten; es ist hinreichender Abfall der Wege vorhanden, und ausserdem ist der Boden so weich, dass schon wenige Minuten nach dem stärksten Regengusse ein Spaziergang möglich ist.
Wenn ich auch während meines Aufenthaltes in dieser Garnisonsstadt (im Jahre 1881) von den drei Hotels: Chemin de fer, Bellevue und Buitenzorg immer das erstere benutzt hatte, weil es ein grosses, schönes Hotel war, dessen Küche mit Recht gerühmt wurde, ging ich diesmal doch in’s Hotel Bellevue, welches mitten in der Stadt liegt und seinen Besuchern von der hinteren Veranda aus ein prachtvolles Panorama des Berges Salak bietet.
Von der Station führt eine breite Strasse links nach dem Palaste des Gouverneur-General mit dem botanischen Garten, und bei diesem vorbei rechts nach dem chinesischen Quartier und links nach dem »Campament«. Neben dem Palaste befindet sich ein kleiner Platz mit dem Postgebäude und im Hintergrunde das genannte Hotel. Es war 6 Uhr Abends, als wir ankamen, der Regen hatte aufgehört, und nachdem wir ein erfrischendes Bad genommen und Kleider und Wäsche gewechselt hatten, machten wir zunächst einen Spaziergang. Beim Postgebäude vorbei kamen wir auf die grosse Strasse, welche in das chinesische Quartier und nach Garut führt, von wo ein kleiner Weg rechts ab nach Batu-tulis geht (5 Kilometer). Im scharfen Bogen krümmt sich der Weg in die Hauptstrasse des chinesischen Kleinhandels. (Fig. 3.) An der rechten Ecke steht das »Spukhaus«, welches ich im Jahre 1881 bewohnt hatte. Es war ein grosses Haus, welches früher ein Clubgebäude gewesen war und viele Jahre lang unbenutzt stand, weil -- jeder frühere Bewohner darin gestorben war. Ihm gegenüber war der südliche Eingang zum weltberühmten botanischen Garten und zum Palast des Gouverneur-General.
Der kundige und brave Hortulanus S. +Binnendyk+ war seitdem gestorben; jedoch Professor +Treub+, ein Pflanzenphysiologe von europäischer Berühmtheit, schaltete und waltete noch immer mit demselben Eifer und Tüchtigkeit, mit welcher er die Botaniker der ganzen Welt auf dieses Kleinod des Gartenbaues aufmerksam gemacht hat. Es ist jetzt mit einem physiologischen Laboratorium verbunden, wohin jährlich europäische Pflanzenphysiologen aus allen Theilen der Welt ziehen, um ihren Forschungen und Studien unter Leitung und Mithülfe des Prof. +Treub+ obzuliegen. Im Jahre 1819 von dem damaligen Director des Departements »für Landbau, Kunst und Wissenschaft«, dem Prof. +Reinwardt+, errichtet, um ganz praktische Zwecke zu verfolgen, und zwar den Nutzen der grossen und üppigen Flora der inländischen Colonien zu erforschen, trat dieses Ziel bald in den Hintergrund, und die Botaniker +Hasskarl+, +Teysmann+ und +Treub+ schufen einen botanischen Garten, welcher seines Gleichen in der ganzen Welt nicht findet. Er wurde nicht nur der Sammelplatz aller tropischen Gewächse, welche systematisch gepflanzt sind und dennoch den strengsten Anforderungen der Aesthetik Rechnung tragen, sondern auch aller subtropischen Gewächse und zahlreicher Bäume des kalten Klimas. Es wurden nämlich vor 30 Jahren fünf Berge als Adnexe dieses Gartens erwählt, welche mit europäischen Gewächsen bepflanzt wurden, um ein ganzes Bild der Weltflora bieten zu können. Diese Berggärten heissen: Tji[53] Panas (1050 Meter hoch), Tji[53] Bodas (1290 Meter), Tji[53] Berem (1460 Meter), Kandang Badak (2370 Meter) und der Berg Pangerango (3020 Meter).
Wie gewöhnlich des Morgens fanden wir am andern Tage den Salak wolkenfrei. Unsere Zimmer mündeten in die hintere Veranda, und die kühle Morgenluft entlockte uns, die wir dieser Temperatur zwei Jahre lang entwöhnt waren, ein leichtes Frösteln; nachdem wir uns durch Unterkleider gegen diese kühle, feuchte Luft geschützt hatten, gaben wir uns bei einer Schale heissem Kaffee ganz dem Genusse dieses wunderschönen Panoramas hin. An seinem Fuss sieht man das tief gefurchte Thal von dem Tji Dani = Danifluss, mit einer hölzernen Brücke. Das braune Wasser ist von allen Seiten von grünen Laubwänden eingeschlossen; vor uns eine kleine Landzunge, wo Hütten der Eingeborenen im Gebüsch verborgen sind; zu unserer Rechten ein Hügel mit einer Gruppe von Palmen gekrönt, und links eine Reihe von mächtigen Cocospalmen. Der Hintergrund wird eingenommen von der ungeheuren Masse des dreiköpfigen, bis in die Tiefe seines Inneren zerklüfteten Salak, dessen Abhänge, seit seine Gluth erloschen ist, in schöner Abwechslung mit Wald und Gartenanlagen geschmückt sind. Neben der höchsten Spitze, dem Elephantenberg,[54] zeigt sich im Westen der eigentliche Salak und der Berg Tji Apus im Osten; thatsächlich gehören diese drei höchsten Punkte zu einem Bergrücken, welcher nichts anderes als der alte Kraterrand eines Vulcanes ist. Der Krater läuft gegen Norden hin in einer tiefen Schlucht aus, welche durch das Flüsschen Tji Apus dem angesammelten Wasser einen Ausweg schafft. Brausend und schäumend bahnt sich sein Wasser über Felsenblöcke einen Weg nach der Ebene und vereinigt sich bei Tjampea mit dem Danifluss. Reisfelder und Kaffeegärten bedecken bis zu einer Höhe von 1000 Metern den tief gelegenen Abhang, während die üppigste Vegetation von Palmen und anderen stolzen Bäumen von hier aus bis zur höchsten Spitze sich erhebt. Links vom Salak sieht man in einiger Entfernung den schlanken Kegel des Pangerango sich in die Lüfte erheben. Er ist die höchste Spitze[55] des Gebirges Gedéh, welcher Name jedoch im engeren Sinne jener weniger hohen, kahlen Felsenwand gegeben wird, die eine leichte Rauchwolke zum Himmel sendet, und im Hintergrunde das liebliche Panorama schliesst.[56]
Um ½8 Uhr nahmen wir unser Schiffsbad, um 8 Uhr unser copiöses Frühstück und um 9 Uhr gingen wir, um zunächst den botanischen Garten und das Aeussere des Palastes[57] zu besichtigen. Ich wählte zum Eintritte das südliche Thor, und eine schöne, breite Strasse mit einer Allee von Kastanienbäumen, an denen zahlreiche Orchideen in allen Farben und Grössen prangten, führte uns zur Südseite des Palastes. Prof. +Treub+ war nicht anwesend, und so musste ich darauf verzichten, das Trockenhaus, das Glashaus und andere Schuppen, welche sich bei diesem Eingange befinden, besichtigen zu können. Auch die Wohnungen des Directors und Hortulanus befinden sich hier an der Südwestseite des Gartens. Diese Allee ist ungefähr einen Kilometer lang und hat an ihrem nördlichen Ende einen schönen Teich mit Victoria regia und Lotusblumen, und in seiner Mitte eine kleine Insel, welche dicht mit Pandaneae, Palmen u. s. w. bepflanzt ist. Die Front des Schlosses (Fig. 4) ist ein schönes Rondeau mit zahlreichen Säulen; hier befinden sich auch die Zimmer der Adjutanten und der Intendanten. Im Jahre 1881 hatte ich zwei Mal Gelegenheit, das Innere des Schlosses zu sehen. Das erste Mal war es ein gewöhnlicher Empfangsabend, bei welchem der General-Gouverneur, umgeben von seinen Adjutanten, Cercle hielt. Der Empfangssaal ist gross und schön; in den kleinen Sälen hängen die Porträts aller Gouverneur-Generäle, welche bis jetzt in Indien im Namen des holländischen Königs regiert hatten. Das zweite Mal gab folgender Anlass dem Gouverneur-General s. Jacob Gelegenheit, mich in Privataudienz zu empfangen. Im Jahre 1880 herrschte im Süden der Provinz Bantam eine schwere Malaria-Epidemie, und ich wurde, wie früher erzählt wurde, mit noch drei anderen Aerzten dahin gesendet, dieser armen Bevölkerung Hülfe zu leisten. Nachdem unsere Mission vollbracht war, sollte eine regelmässige Hülfe durch Zusendung von entsprechenden Medicamenten u. s. w. stattfinden.
Die Regierung fand sich hierbei im Widerspruch mit dem Sanitätschef, und zwar was die Frage betrifft, ob die Eingeborenen überhaupt andere Arzneien als das Chinin, welches damals noch sehr theuer[58] war, einnehmen würden. Vom Intendanten wurde »Seine Excellenz« auf mich aufmerksam gemacht, welcher in dieser Streitfrage aus Erfahrung gewiss einiges mittheilen könnte. Eines Tages erhielt ich also die Mittheilung, dass Seine Excellenz mich nach der Visite im Spitale zu sprechen wünsche, und dass ich zu diesem Zwecke ohne Veränderung meiner täglichen Toilette im Palast mich einfinden sollte. Um 11 Uhr kam ich in das Schloss und fand die drei Adjutanten bei der l’hombretafel. Der Marinelieutenant C. meldete mich an, und sofort befand ich mich im Arbeitszimmer Seiner Excellenz. Es war ein hohes, jedoch nicht besonders grosses Zimmer, einfach möblirt, und der grosse Bücherschrank beherrschte den Totaleindruck. Der Empfang war ein sehr liebenswürdiger, und wenn mich meine Erinnerung darin nicht trügt, bekam ich selbst beim Kommen und Weggehen einen Händedruck. Meine Erfahrung über oben erwähnte Streitfrage ist seit dieser Zeit dieselbe geblieben. Der Kampongbewohner wird bei jeder Erkrankung mit seinen einheimischen Kräutern beginnen, bei langdauernder erfolgloser Behandlung wird er das Chinin, Santonin oder das Ricinusöl der Europäer sich zu verschaffen bemühen, aber andere europäische Arzneien wird er nur unter dem Hochdruck eines europäischen Arztes oder vielleicht eines Doctor-djawas[59] nehmen.
Die anderen inneren Räumlichkeiten des Palastes habe ich niemals besichtigen können. Wenn ein Gouverneur-General seinen Posten verlässt, werden seine Möbel unter den Hammer gebracht, und bei dieser Gelegenheit strömen die kauflustigen Menschen durch das ganze Haus. Während meines Aufenthaltes in Buitenzorg hatte dieser Wechsel des Unter-Königs nicht stattgefunden; zu einem Diner wurde ich niemals eingeladen, ich kenne also von diesem Hause nur den Empfangssaal und das Arbeitszimmer. In diesem Palaste befinden sich auch die höchsten Aemter der Regierung, obzwar der eigentliche Sitz der Regierung Weltevreden ist. Der streng centralistischen Regierungsform Indiens entsprechend, ruhen alle Entscheidungen in letzter Instanz in der Hand des Gouverneur-General, und er besitzt darum ein grosses und zahlreiches Bureaupersonal, welches unter dem Namen »Allgemeines Secretariat« thatsächlich die Spindel ist, um die sich alles dreht. Es besteht aus einem General-Secretär mit zwei Gouvernements-Secretären, zwei Referendaren, einem Archivar, einem Expediteur, sechs »Hauptcommis« und 22 »Commis« und anderen Beamten für specielle Dienste, z. B. für die Statistik und für die Redaction des »Staatsblattes«.[60]
An der Ostfront des Palastes liegt ein Blumengarten mit einem schönen Vogelhause, welcher für den Privatgebrauch des Gouverneur-General und seiner Familie abgeschlossen ist. In einem Teiche steht ein kleiner Tempel mit den Gebeinen der im Jahre 1813 verstorbenen Frau des Lieutenant-Gouverneurs von Java, Th. +Stamford Raffles+, und auf der Westseite des Teiches und des angrenzenden Weges ist der Begräbnissplatz der jetzigen Bewohner des Palastes. Auch befindet sich in diesem Garten das Denkmal des Hortulanus +Teysman+, welcher zur Zeit meines Aufenthaltes in Buitenzorg (1881) noch lebte, kurz darauf starb und einen bedeutenden Antheil an der jetzigen Bedeutung dieses botanischen Gartens hatte. Die systematische Anordnung nach Familien und Unterfamilien der Tropenflora war in erster Reihe im Auge behalten; schon dadurch allein ist es ein reizendes Bild. Hier ist eine Gruppe von Palmen aus allen Ländern des Tropengürtels; was für einen prachtvollen Anblick giebt uns die Allee von Fächerpalmen! Dort ist eine zierliche Gruppe von allen bekannten Sorten des Bambusrohres; über dem Teiche mit der Lotusblume und der Victoria regia neigen mächtige Waringinbäume (Ficus religiosa) ihre Wipfel, und wie ein Wald in den Lüften schweben ihre Luftwurzeln über die Fläche des Wassers. Hier sind Alleen, deren Bäume ein grünes lebendes Dach mit ihrem Laube bilden, das kein Sonnenstrahl durchdringen kann, und dort sind mächtige Waldriesen, zwischen denen sich Lianen nach allen Seiten kreuzen und uns das Bild eines Urwaldes vorzaubern. Leider bin ich kein Botaniker und muss es mir versagen, von den 300 Pflanzenfamilien mit ihren 2500 Geschlechtern und mit ihren 10,000 Arten auch nur die wichtigsten Vertreter anzuführen, und muss mich auf die wenigen Andeutungen beschränken, um jedem Botanicus zuzurufen: Gehe hin und sieh selbst!
Der grosse Weg, welcher auch befahren werden darf, führte uns auf der Westseite des Palastes vorbei zum nördlichen Hauptthor und durch dieses in die grosse, schöne Strasse, welche an dem neuen Campament, Militärspitale, dem Officiers-Club und dem Hause des Assistent-Residenten vorbei nach Tjilawar führt; am Ende der Stadt steht ein Obelisk, und an diesem vorbei führt östlich ein Weg nach Tanah Sáreal, wo jährlich bedeutende Wettrennen abgehalten werden.