21 Jahre in Indien. Zweiter Theil: Java.
Part 1
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1900 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.
Im Text werden Passagen aus mehreren Fremdsprachen eingebracht, z. B. Niederländisch, Französisch oder Latein. Diese wurden unkorrigiert übernommen. Eigen- und Ortsnamen erhalten oft verschiedene Schreibweisen, mitunter auch innerhalb eines Absatzes. Dies wurde nicht korrigiert, sofern beide Schreibweisen im Text mehr als einmal vorkommen.
Die im Abschnitt ‚Corrigenda‘ aufgeführten, verbesserten Druckfehler wurden bereits in den Text eingearbeitet.
Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) werden als deren Umschreibung (Ae, Oe, Ue) wiedergegeben.
Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+
Das Caret-Symbol (^) steht für ein nachfolgendes hochgestelltes Zeichen; mehrere hochgestellte Zeichen werden durch geschweifte Klammern zusammengefasst.
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Dr. H. Breitenstein,
21 Jahre in Indien.
2. Theil: Java.
21 Jahre in Indien.
Aus dem Tagebuche eines Militärarztes.
Zweiter Theil: Java.
Von Dr. H. Breitenstein.
Mit 1 Titelbild und 29 Abbildungen.
Leipzig.
Th. Grieben’s Verlag (L. Fernau).
1900.
Druck von H. +Klöppel+, Gernrode (Harz).
Vorwort.
Der erste Theil dieses Werkes „Borneo“ hat sehr viele Freunde gefunden; nur von +wenigen+ wurde es getadelt, +einige+ haben es gepriesen, und von +sehr vielen+ wurde es gelobt.
„Theuer ist mir der Freund, doch auch den Feind kann ich nützen, Zeigt mir der Freund, was ich kann, lehrt mich der Feind, was ich soll.“
Der Tadel galt hauptsächlich der Form, und ich bemühte mich im Geiste dieser goldenen Worte Schillers, dem zweiten Theile eine gefällige Form zu geben. Ich wählte bessere Abbildungen und mied so viel als möglich die Hollandismen im Satzbau.
Die zahlreichen Freunde des ersten Theiles bitte ich inständigst, mit gleicher Nachsicht und gleichem Wohlwollen auch an die Lectüre des zweiten Theiles heranzutreten. Ich stand ja vor einer schwierigen Aufgabe. Die Arbeit wuchs mir mit jedem Tage unter den Händen; die Fülle des Interessanten, das ich erlebt, gesehen und beobachtet habe, musste ich in den engen Rahmen +eines+ Buches zwängen. Ich war von dem Wunsche geleitet, nur das Interessanteste zu bringen. Möge ich bei der Wahl, die ich deshalb zu treffen genöthigt war, auch glücklich gewesen sein!
Vor einigen Monaten erhielt ich von dem Kriegsministerium der Vereinigten Staaten von Amerika zu Puerto-Rico das Ansuchen, das Wichtigste über die Organisation des ärztlichen Dienstes für die Eingeborenen auf Java mitzutheilen. So ehrend dieses Ansuchen für mich persönlich war, so erfreulich war mir dieser Brief von einem andern allgemeinern Gesichtspunkte aus. Er war mir Bürgschaft, dass Amerika den Bewohnern seiner neuen Colonien das Schicksal der Rothhäute ersparen wolle. Es will ihnen die Wohlthaten der Civilisation geben und erholt sich dazu Rath bei den erfahrenen Holländern. Diesen ist es ja gelungen, aus den halbwilden Urbewohnern Javas friedliche und gesittete Bürger zu schaffen. +Heilig ist auf Java das Eigenthum; das Gesetz schützt den kleinen Mann; in hundert Jahren ist die Bevölkerung von 3 auf 23 Millionen gewachsen; das Land ernährt seine Kinder, und der Reichthum seines Bodens lockt tausende Jünger Mercurs aus dem fernen Europa in seine schönen Gefilde; Eintracht herrscht unter seinen Fürsten, und Friede und Lebenslust kennt der Bauer.+
Slamat tânah Djawa! Heil dir, du liebliches Java!
+Karlsbad+, im April 1900. =Dr. H. Breitenstein.=
Inhaltsverzeichniss.
Seite
Vorwort V
Corrigenda X
=1. Capitel.= Meine erste Seereise -- Meeresleuchten -- Seekrankheit -- Amor auf dem Schiffe -- Gepäcktag -- Serenade auf dem Schiffe -- Deckpassagiere -- Die „tausend Inseln“ -- Ankunft im alten Batavia -- „Mutter“ Spandermann -- Indische Hotels 1
=2. Capitel.= Weltevreden -- Empfang beim Armee-Commandanten -- Ein Corso auf dem Waterlooplatze -- Gigerl und Modedame in Weltevreden -- Der grösste Platz der Welt(?) -- Malayisches Winken -- Ein Handkuss -- Ein Abenteuer auf hoher See -- Dos-à-dos und Deeleman -- Altstadt -- Kunst und Wissenschaft in Indien -- Wissenschaftliche Vereine in Batavia -- Indische Hausirer -- Jagd auf Rhinocerosse -- Indische Masseuse 14
=3. Capitel.= Häufige Transferirungen -- Die Vorstadt Simpang -- Die ersten eingeborenen Patienten -- Ein Danaergeschenk -- Die „Stadt“ Surabaya -- Das Mittagsschläfchen -- Eine Nonna -- Eine Abendunterhaltung -- Die Beri-Beri-Krankheit -- Indische Militärärzte -- Die Insel Bavean und Madura -- Residenties Madura und Surabaya 33
=4. Capitel.= Reise nach Bantam -- Malayischer Kutscher -- Max Havelaar -- Fieberepidemie in der Provinz Bantam -- Krankenwärter mit einem Taggeld von 20 fl. (!) -- Eine Stute als Reitpferd -- Der Königstiger -- Javanische Pferde -- Elend während einer Fieberepidemie -- Auf dem Kreuzwege -- Heiden auf Java -- Begegnung mit einem Königstiger -- Behandlung der Fussgeschwüre durch die Eingeborenen -- Drohende Hungersnoth in Bantam -- Aussterben der Büffel -- Dreimal in Lebensgefahr -- Ein ungefährlicher Spaziergang im Regen 58
=5. Capitel.= Fleischspeisen auf Java -- Deng-deng -- Vergiftungsfälle --Bediente -- Malaria -- Geographie von Bantam 89
=6. Capitel.= Nach Buitenzorg -- Der Berg Salak -- Das Schloss des Gouverneur-General -- Ein weltberühmter botanischer Garten -- Batu-tulis = beschriebener Stein -- Ein gefährlicher Kutscher -- Die Preanger-Provinz -- Warme Quellen -- Sanatorien -- Indische Gewürze -- Ein reicher Beamter -- Das Tanzen (Tandak) der Javanen -- Wâjang orang = Theater -- Wâjang tjina = Chinesisches Theater -- Wâgang Kulit = Schattenbilder -- Spiele der Javanen -- Eine Theeplantage -- Bambus-Wunden -- Eine langweilige, aber einträgliche Garnison -- Einfluss der „reinen Bergluft“ -- Europäische Gemüse auf Java -- Ein javanischer Fürst verheiratet mit einer europäischen Dame -- Malayische Gedichte (Panton) -- Mischrassen -- Ein ausgestorbener Krater 99
=7. Capitel.= Museum und botanischer Garten in Batavia -- Reise nach Ngawie -- Sandhose -- „Kykdag“ einer Auction -- Auction -- Venduaccepte -- Geographie der Provinz Madiun -- Vier Chefs -- Stockschläge in der Armee -- Lepra auf den Inseln des indischen Archipels -- Prophylaxis der Lepra -- Eine Sylvesternacht auf Java -- Eine unangenehme Fahrt -- Ein Neujahrstag in Solo Eine Deputation am Hofe zu Djocja -- Die Stadt Solo -- Der Aufschwung der Insel Java -- Das Militärspital in Ngawie -- Ein Spital ohne Apotheker -- Choleraphobie -- Meine Conduiteliste -- Cholera in Indien -- Entstehungsursache der Cholera in Indien -- Prophylaxis der Cholera in Indien -- Reisfelder 137
=8. Capitel.= Die Schiefertafel („Leitje“) -- Die Wege der Fama -- Lesegesellschaft -- Ein humoristischer Landesgerichtsrath -- Abreise von Ngawie -- Ambarawa -- Nepotismus in der Armee -- In drei Tagen zweimal transferirt -- Vorschuss auf den Gehalt -- Die Provinz Bageléen -- Essbare Vogelnester -- In Tjilatjap -- Polizeisoldaten -- Beamte -- Sehenswürdigkeiten von Tjilatjap -- Officiere in Civilkleidung -- Eingeborene Beamte -- Gehalt eines Regimentsarztes -- An Malaria erkrankt -- Djocja -- Der Tempel Brambánan -- Die „Tausend Tempel“ -- Wieder nach Ngawie -- Spitalbehandlung der Officiere -- Reibereien in kleinen Städten -- Die Provinz Surakarta -- Der Kaffeebaum -- Ein Roman auf dem Vulcane „Lawu“ 205
=9. Capitel.= Die Provinz Kedú -- Der Berg Tidar -- In Magelang -- Auf dem Pâsar (=Markt) -- Javanische Schönheitsmittel -- Haustoilette der europäischen Damen -- Mein „Haus“ -- Empfangsabende -- Magelang -- Opiumrauchen -- Die Chinesen auf Java -- Die gerichtliche Medicin der Chinesen -- Ein zu grosses Militärspital -- Die Königin von Siam in Magelang -- Ein Oberstabsarzt „gestellt“ -- Nachtheile der Pavillons aus Bambus -- Organisation des Rechtswesens -- Zum Theaterdirector gewählt -- Die Journalistik Indiens 273
=10. Capitel.= Der Buru Budur -- Magelang während des Krieges mit Lombok -- Soldatenfreunde -- Die Religionen auf Java -- Schulen für die Javanen -- Die Dysenterie -- Leberabscesse -- Eine Expedition in den Tropen -- Nochmals von Dienstboten -- „Der Garten von Java“ 324
=Schluss.= Abreise von Magelang -- Semárang -- „Schuttery“ -- Die chinesische Behandlung der Diphtheritis -- Das ewige Feuer -- Salatiga -- Abschied von Semárang 364
=Anhang.= Die Ansiedelungen der Europäer auf der Insel Java 377
=Sach- und Namen-Register.= 395
Corrigenda.
Seite 59, 7. Zeile von unten: für Daendel lies: Daendels. „ 91, 6. „ „ „ „ Labuan „ Laban. „ 92, 8. „ „ „ „ Naturaltugend „ Nationaltugend. „ 104, 12. „ „ oben: „ Jacobs „ s. Jacob. „ 105, 9. „ „ unten: „ welches „ welcher. „ 123, 10. „ „ oben: „ Last „ Beschwerden. „ 126, Note: „ Berelot „ Bernelot. „ 128, 6. „ „ unten: „ Njawi „ Ngawie. „ 140, 2. „ „ „ „ Pasagrahan „ Pesanggrâhan. „ 146, Note: „ Nordwest „ Nord-, West-. „ 148, 5. „ „ oben: „ Bagelen „ Bageléen. „ 157, Note: „ Vett „ Veth. „ 160, 9. „ „ „ „ Armauer, Hansen „ Armauer Hansen. „ 162, 11. „ „ unten: „ der burgerlyken civil lies: de burgerlyke civiel. „ 162, 12. „ „ oben: „ Stipendien lies: Subsidien. „ 163, 14. „ „ „ „ Sonntag „ Samstag. „ 164, 4. „ „ „ „ Brandy, Soda „ Brandy-Soda. „ 165, 3. „ „ unten: „ Garebek lies: Gárebeg (so heissen die drei grossen Festtage, welche den 12. Mulud, den 30. Puwása und den 10. Besár gefeiert werden). „ 175, Note: Der Buchstabe å des mittleren und östlichen Javas wird +ungefähr+ wie das deutsche o ausgesprochen. „ 177, 10. Zeile von oben: für Gundiks lies: Gundiks = Beiweiber. „ 187, 15. „ „ unten: „ Semelink „ Semmelink. „ 199, Note: „ Aehren „ Reis noch in der Hülse. „ 200, 10. „ „ unten: „ djajong lies: Djagong. „ 202, 18. „ „ „ „ Djioruk „ Djerug. „ 202, 18. „ „ „ „ Lanjksat „ Langsat. „ 213, 15. „ „ oben: „ Marbabu „ Merbabu. „ 215, 15. „ „ unten: „ Zaunspfahl „ Zaunpfahl. „ 217, 4. „ „ oben: „ Bavean „ Baven. „ 218, 3. „ „ „ „ Rechenkamer „ Rekenkamer. „ 219, 11. „ „ unten: „ Prairiebrände „ grosse Lauffeuer selten. „ 221, 19. „ „ oben: „ Pagelén „ Pageléen. „ 225, 3. „ „ unten: „ Officiersclub „ Club. „ 225, 3. „ „ „ „ Insel Nussa „ Nussa (= Insel). „ 226, 8. Zeile von oben: für: Along Along lies: Alang âlang. „ 230, 6. „ „ „ „ Tragen Civilkleider „ Tragen von Civilkleidern. „ 263, 10. „ „ „ „ Landgericht „ Landesgericht. „ 264, 8. „ „ unten: „ Alan Alan „ Alang âlang. „ 265, 3. „ „ „ „ Cäsarinen-Grotten „ Cäsarinen, Grotten. „ 265, Note. Gegenwärtig ist neben der europäischen Zeitrechnung auch noch die arabische, und in Mitteljava manchmal auch die mohamedanisch-javanische (= Saka) Zeitrechnung in Gebrauch. Die letztere beginnt am 8. Juli 1633 mit dem Jahre 1555. „ 278, 19. Zeile von oben: für pâssar lies: pâsar. „ 293, 9. „ „ „ „ zu vergleichen „ verglichen. „ 305, 19. „ „ „ „ Java-Chinese „ Halbchinese. „ 310, 10. „ „ „ „ keinen Arm „ nicht den Arm. „ 324, 3. „ „ unten: „ Pesanggrahan „ Pesanggrâhan. „ 327. Ein interessanter Aberglaube ist die Sage von dem Wehrtieger = Matjan gadungan. „ 332, 17. „ „ unten: „ Sabbathisten „ Sabbatarier.
Verzeichniss der Abbildungen.
Seite des Textes
Umschlagbild: Ein Regent = der höchste eingeborene Beamte.
Titelbild: Häusliche Idylle einer malayischen Familie.
Fig. 1: Ein malayisches Mädchen mit dem silbernen Feigenblatt 17
„ 2: Zwei sundanesische Frauen bei der Bearbeitung der Cacaofrüchte 84
„ 3: Die Hauptstrasse im chinesischen Viertel zu Buitenzorg 101
„ 4: Der Palast des Gouverneur-General in Buitenzorg (Südseite) 104
„ 5: Ein Kampong (= Dorf) bei Buitenzorg 110
„ 6: Zwei sundanesische Prinzessinnen mit 2 Bedajas 115
„ 7: Ein Wâjang Kulit (Schattenbilder) mit der Gamelang und Regisseur hinter dem Schirm 120
„ 8: Eine malayische öffentliche Tänzerin 120
„ 9: Eine malayische Njai (= Haushälterin) in einfacher Haustoilette 133
„ 10: Eine sundanesische Frau in ihrer Haustoilette 136
„ 11: Sundanesische Früchtehändlerin 136
„ 12: Das Wohnhaus eines reichen Chinesen in Batavia 138
„ 13: Ein javanischer Häuptling mit seiner Frau in Galakleidung 169
„ 14: Reichsinsignien, getragen von den Serimpis zu Djocja (nach Dr. Gronemann) 168
„ 15: Eine Compagnie der „Legionen“ des Sultans von Djocja 176
„ 16: Eine Hängebrücke aus Bambus bei Bandjar im Serajothal 241
„ 17: Der Tempel bei Prambánan 249
„ 18: Eine Scene aus einem Wâjang orang am Hofe zu Djocja (nach Dr. Gronemann) 265
„ 19: Tempel bei Mendút (Provinz Kedú) 274
„ 20: Ein malayisches Mädchen mit Sirihdose und Spucknapf aus Messing 282
„ 21: In Sarong und Kabaya 283
„ 22: Am Ziehbrunnen 284
„ 23: Mein „Haus“ 284
„ 24: Grundriss des Militär-Spitals zu Magelang 306
„ 25: Buddha-Statue im Innern des Tempels bei Mendút 325
„ 26: Ein Feld aus dem grossen Fries in den Mauern des Buru Budur 326
„ 27: Totalansicht des Buru Budur 327
„ 28: Ein Javane bei der Hausarbeit 355
„ 29: Ein Garduhäuschen = Eine Polizeiwachstube 365
Legenda. J = Javanisch. M = Malayisch. S = Sundanesisch.
1. Capitel.
Meine erste Seereise -- Meeresleuchten -- Seekrankheit -- Amor auf dem Schiffe -- Gepäcktag -- Serenade auf dem Schiffe -- Deckpassagiere -- Die „tausend Inseln“ -- Ankunft im alten Batavia -- „Mutter“ Spandermann -- Indische Hôtels.
Am 27. September 1876 schiffte ich mich als Oberarzt der holländisch-indischen Armee in Rotterdam ein. Gegenüber dem Yachtclub, in welchem sich heute das kleine, aber interessante coloniale Museum befindet, lag die »Friesland«,[1] welche mir, der echten Landratte, die vorher noch niemals das Meer gesehen hatte, durch ihre Grösse und als »Ostindienfahrer« gewaltig imponirte. Vor der Abfahrt wollte ein betrunkener Matrose nicht zu Schiff; als aber die Dampfpfeife ihren schrillen Ton pfiff, eilte er auf die Brücke, welche den Dampfer mit dem Lande verband. Aus hundert Kehlen der an Bord befindlichen Soldaten drang ein lautes Hurrah in die Lüfte, das letzte Tau fiel, und mit ihm fielen alle Hoffnungen, welche mich bis nun an Europa geknüpft hatten.
Eine gemischtere Gesellschaft als diejenige auf einem grossen Dampfer findet man am Continent gewiss selten oder niemals beisammen. Ein Oberlieutenant mit seiner jungen Frau (einer Berlinerin), 2 Ungarn, 1 Oesterreicher, 10 echte und ebensoviel unechte Malayinnen, Holländer, Franzosen, Engländer, 100 Soldaten aus aller Herren Ländern, ein Mädchen mit chinesischem Typus, ein hoher Beamter, dessen Frau eine echte Dajakerin (aus Borneo) war, waren die einzelnen Steine des kaleidoskopischen, ethnographischen Bildes auf der »Friesland«; und als ich mich den andern Tag an einen der Officiere mit der Bitte um eine Ordonnanz wandte, frug er mich: »Was wollen Sie? Einen Holländer, Franzosen, Italiener, Deutschen, Türken, Afrikaner oder Aegypter?«
Um 9½ Uhr Abends verliessen wir die Mündung der Maas und kamen in die Nordsee; das Schiff schaukelte so, dass wir mit ausgespreizten Füssen stehen mussten, und beim Gehen schwankte ich wie ein Trunkener; die Stösse des Schiffes fühlte ich manchmal wie einen directen Stoss auf den Magen, und das Schreckbild der Seekrankheit stand, vorläufig nur in der Phantasie, in seiner ganzen Grösse vor mir; ich flüchtete in die Cajüte und warf mich in die Arme Morpheus, um am andern Morgen frisch und munter aufzustehen und mit gesundem Appetit das Frühstück, bestehend aus Eiern, Fleisch, Butterbrot und Kaffee, zu mir zu nehmen. Zum ersten Mal sah ich das Meeresleuchten, jenen hellblauen, glänzenden Krystall, der, umsäumt von einem klaren, silbernen und kreideweissen Saume, in einer Länge von vielleicht 2000-3000 Metern dem Hintertheile des Schiffes sich anschloss.