21 Jahre in Indien. Dritter Theil: Sumatra.

Part 8

Chapter 83,426 wordsPublic domain

Diese, d. h. die heutigen Menangkabauern Sumatras pflanzen Ladangs (= trockene Reisfelder), Tabak, Kaffee, Zuckerrohr, Catechu, Indigo (Marsdenia tinctoria oder Indigoferasorten), Kapok (= Pflanzendune), Mais, Obi (= Baumknollen), Palmen und andere Fruchtbäume; sie treiben Handel mit den Producten des Urwaldes, Getáh, Sago, Wachs, Holz, rothe Erde; sie backen Töpfe und besitzen einige Goldschmiede. Im Ganzen und Grossen sind die »unabhängigen Länder« an der Westgrenze der Provinz »Riouw und Vasallenstaaten« ein armes Volk. Genug häufig ziehen sie in die benachbarten holländischen Besitzungen, um als Kuli ihr Brod zu verdienen, oder nehmen gegen Bezahlung die Robottdienste auf sich, welche der reiche Nachbar, zu stolz, sie in Persona zu leisten, gerne einem andern überlässt. Trotz ihrer Armuth haben sie sich eine relativ hohe Sittenreinheit aus jener Zeit erhalten, in welcher (im Anfange des 19. Jahrhunderts), wie wir später sehen werden, die »Padri« ihrer neuen mohamedanischen Lehre vom Padangschen Oberlande aus mit Feuer und Schwert in die benachbarten Stämme Eingang zu verschaffen und sie über ganz Mittel-Sumatra zu verbreiten suchten. Ihr Gebiet ist reines Hochland und fällt sanft in das Gebiet ab, welches die Residentie »Riouw und Vasallenstaaten« bildet.

Die Hauptstadt dieser Provinz liegt auf der Insel Bintang oder Riouw und zeigt in jeder Hinsicht den Typus einer kleinen Hauptstadt, und wenn wir von der Topographie der Stadt absehen, könnte man sie ein zweites Telók Betóng nennen. Die Zahl der Beamten und Soldaten war in beiden Städten dieselbe; höchstens lebten in Riouw mehr Europäer, welche in dem intensiven Schifffahrtsverkehr in diesem Hafen Beschäftigung und Broderwerb fanden.

Ich selbst hatte Gelegenheit, mich einige Stunden in dieser Hafenstadt aufzuhalten und zwar am 25. Februar 1884, als ich aus der Garnison Seruway desertirte, d. h. mich Krankheits halber evacuirte, bevor mein Nachfolger angelangt war. Ich musste auf die Fortsetzung der Reise des Dampfers nach Batavia warten, weil eine grosse Schiffsladung ausgeladen werden musste. Ich ging auf das Land, besuchte den dortigen Platzcommandanten und den »Eerstaanwezenden Officier van Gezondheid« Dr. X. und kehrte dann in’s Hôtel zurück, um das Signal des Dampfers nicht zu überhören. Es dauerte aber noch zwei Stunden, bis die schrille Dampfpfeife mich wieder an Bord rief. Unterdessen that ich nichts anderes als -- niesen.

Dies ist eine echte Tropenkrankheit, welche nur die Veteranen im Tropenleben überfällt und von der die Orang baru (= Neulinge) verschont bleiben. Sie besteht nur in einem Nieskrampf (Ptarmus = Stermutatio convulsiva), welcher in den Tropen einen heftigen Schnupfen einleitet und viel häufiger als in Europa den Eingewanderten befällt, welcher schon viele Jahre den nervenschwächenden Einfluss des Tropenklimas erfahren hat.[38]

5. Capitel.

Die Provinz „Ostküste von Sumatra“ -- Zinninseln -- Ein misslungener Freihafen -- Ein englischer Abenteurer -- Petroleum auf Sumatra -- Menschenfresser -- Die Hauptstadt Medan -- Im Urwalde -- Entwaldung -- Die Commandeuse -- Ein schlechter Garnisonsplatz -- Ein Vorurtheil -- Eine Faciesbildung -- Hospitalbrand -- Amok-Laufen -- Krebsfälle.

Während meiner 21jährigen Dienstzeit in der holländisch-indischen Armee wurde ich 20 Mal transferirt und machte im Ganzen 20 grössere oder kleinere Seereisen und bin 6 Mal in der Strasse von Malacca gefahren.

Das erste Mal begleitete ich im Mai 1883 das 10. Bataillon nach Atjeh, blieb nur einige Tage in der Hauptstadt Kuta radja und kehrte längs der Ostküste von Sumatra, also zum zweiten Male in der Strasse von Malacca nach Java zurück.

Den 22. Juni 1883 musste ich wiederum, also zum dritten Male, in dieser Strasse eine Fahrt machen, weil ich bei meiner Ankunft in Batavia den Befehl erhielt, sofort nach »Polonia«[39] zu gehen, wo der Sitz der militärischen Behörden der vierten Provinz, der »Ostküste Sumatras« sich befand, in welcher ich mich 8½ Monate aufhielt. Traurige Tage, Wochen und Monate habe ich, wie wir sofort sehen werden, in dieser Provinz verlebt, und als ich auf meiner Rückreise nach Batavia im Februar des Jahres 1884 zum vierten Male den Weg durch die Malaccastrasse nahm, hielt mich nur die Hoffnung auf ein baldiges Ende meines körperlichen und seelischen Leidens am Leben.

Zum fünften Male sah ich diese Meeresstrasse im Jahre 1896, als die holländische Regierung den Abfall ihres Bundesgenossen Tuku Umar durch einen grossen Feldzug in sein Gebiet in Atjeh bestrafen musste. Zu diesem Zwecke liess sie vier Bataillone Infanterie, Cavallerie, Artillerie und Genietruppen von der Insel Java zur Ergänzung ihrer Truppenmacht nach Atjeh kommen. Da die einzelnen Truppenkörper reglementär keine Militärärzte besitzen, welche nur den »Garnisonsplätzen« zugetheilt werden, mussten diese Truppen von Aerzten »begleitet« werden, welche aus andern Garnisonsorten genommen wurden. Ich selbst bekam den Befehl, »das 6. Infanteriebataillon« von Magelang, wo ich mich in Garnison befand, nach Semarang zu »bringen«. Hier wurde ich jenem Schiffe zugetheilt, welches die »Artillerie«, die »Genie« und die »Maulesel« nach Atjeh transportiren sollte. Der Stand der Militärärzte in der Garnison »Atjeh und Vasallenstaaten« war bei meiner Ankunft complet; ich wurde also nicht zurückgehalten, sondern bekam den Befehl, mit erster Gelegenheit nach meiner Garnison zurückzukehren. Diesmal ging die Reise nach Java längs der Westküste Sumatras.

Die sechste Fahrt in der Malaccastrasse schloss, wie wir früher sahen, meine Carrière in der holländisch-indischen Armee.

* * * * *

Als ich im Juni 1883 nach Polonia transferirt wurde, benutzte ich einen Dampfer der damaligen indischen Dampfschifffahrt-Gesellschaft, welche nach Riouw, Singapore und nach der Ostküste Sumatras jeden Monat sechs Dampfer sandte. Den 22. Juni schiffte ich mich in Batavia ein, und bei schönem Wetter und bei ruhiger See nahmen wir den Curs nach N. W. Die Fahrt ging zwischen den beiden zinnreichen Inseln Banka[40] und Billiton, liess die Gruppe der Lingga-Insel zur Backbordseite liegen, und wir dampften dann direct nach Riouw und Singapore. Hierauf bestiegen wir einen kleinen Dampfer, welcher einen geregelten Verkehr zwischen Riouw und den Hafenplätzen auf der Ostküste Sumatras unterhielt. Von Riouw ging die Fahrt zwischen den Inseln Padang und Bengkalis, und wir sahen die Tebing-Tinggi-, Rangsang- und Merbouw und die übrigen kleinen Inseln auf der Backbordseite in weiter Ferne liegen. Vor der Hauptstadt der »Residentie« fiel der Anker in die Tiefe der »Brouwerstrasse«, welche die drei erstgenannten Inseln von dem Festlande scheidet. Ich wusste damals nicht, dass der Plan bestand, in Bengkalis einen Concurrenzhafen des Welthafens Singapore zu schaffen; ich schenkte also diesem Theil der Stadt keine Aufmerksamkeit, und ich weiss nur aus den spätern Mittheilungen der Tagesjournale, dass zur Ausführung dieses stolzen Planes nichts geschehen ist, d. h. keine modernen Lagerhäuser, Werften und Docks gebaut wurden, sondern man sich begnügt hatte, Bengkalis zu einem Freihafen zu erklären und im übrigen der Zukunft ihre allmähliche Entwicklung zu einem Welthafen überliess. Der Welthandel kennt diesen Freihafen kaum dem Namen nach und die »Sparsamkeit hat wieder die Weisheit betrogen« (holländisches Sprichwort). Das Princip: »10×10 Gulden lieber auszugeben, als 100 Fl. auf einmal« hat wieder Schiffbruch gelitten. Auch die Stadt selbst zeigte nur wenig den Stempel einer Residenzstadt; im Ganzen lag eine Compagnie Soldaten in Garnison.

Der Militärarzt, den ich während meines zweistündigen Aufenthaltes aufsuchte, war ein Däne und bewohnte mit Frau und Kind ein kleines hübsches hölzernes Haus. Da er mir mittheilte, dass ausser dem Gebäude des Residenten und einer Tapiocafabrik[41] Bengkalis überhaupt keine Sehenswürdigkeiten besitze, so machte ich gern von seiner Einladung Gebrauch, bei einem Glase abgekühlten Apollinariswasser in seinem Hause die Abreise des Dampfers abzuwarten.

Von seinem Hause aus sah man in weiter Ferne (± 4 km) die Küste Sumatras, welche ein sanft aufsteigendes Ufer hatte, das aber doch noch so niedrig war, dass es zur Zeit der Fluth ganz mit Wasser bedeckt war. Tiefer ins Innere des Landes erstrecken sich zahlreiche Sümpfe; zahlreiche Seen und zwei grosse Ströme durchziehen von Westen nach Osten diesen südlichen Theil der Provinz, welche noch einen eigenen Sultan besitzt und den Namen Siak führt. Die zwei Ströme, welche dem Centralgebirge Sumatras entspringen, heissen der Kampar, dessen Quellengebiet zum Theil in der »Residentie Riouw« und zum Theil im Padangschen Hochlande liegt, und der Fluss Siak, dessen südlicher Quellenarm am Berge Suligi (536 Meter hoch) und dessen nördlicher Quellenarm an der Grenze der unabhängigen Battakländer entspringen.

Das gegenwärtige Sultanat von Siak[42] stand im 14. und 15. Jahrhundert unter dem Radja von Gasip, welches an dem gleichnamigen Nebenflusse des Siakstromes zu jener Zeit ein mächtiger Staat gewesen sein soll. Es kam durch Verrath eines gewissen Pandan in die Gewalt der Atjeers und von diesen unter die Botmässigkeit von Djohor, und erst im Jahre 1717 wurde das Sultanat Siak von Radja Ketjil gegründet. Die zahlreichen Thronstreitigkeiten, welche hierauf entstanden, nahmen erst im Jahre 1858 ein Ende, als Wilson, ein englischer Abenteurer, dem Tongku Ismail versprach, die aufständischen Stämme zu unterwerfen. Aber auch zwischen diesen Beiden kam es bald zum Streite, und der eingeborene Häuptling wandte sich an die holländische Regierung, welche Wilson aus Siak vertrieb, während mit einem Contract das Sultanat Siak ein Vasallenstaat Hollands wurde. Ismail blieb nur bis zum Jahre 1864 Sultan, in welchem Jahre er wegen Wahnsinns abgesetzt wurde. Sein jüngster Bruder Tongko Sjarif Kasim wurde Sultan und sein ältester Bruder Tongku Putra Mangkubumi Reichsverweser des Landes. Den 23. Juni 1884 trat der Sultan die nördlichen Besitzungen seines Reiches: Deli, Serdang, Tamiang, Assahan u. s. w. an den holländischen Staat ab und zwar gegen eine jährliche Subvention von 40000 Fl. Die Bezahlung einer Schuld von 50000 Fl. wurde ihm nebstdem erlassen.

Die Bevölkerung dieses Sultanats theilt sich in zwei Theile; die Einen nennen sich die directen Unterthanen des Sultans von Siak; es sind die ehemaligen Menangkabauer, welche in den vier Sukus (= Bezirken) Tanah datar, Kampar u. s. w. einer bedeutenden Autonomie sich erfreuten, während die Bewohner der nördlichen Districte Tanah putih, Bangka und Kubu und die der Inseln Rupat bis Pengailan nur ungern den Sultan von Siak als ihren Herrn anerkennen. Das staatsrechtliche Verhältniss dieser einzelnen Staaten zum Sultan ist so verwickelt, dass es eine unerschöpfliche Quelle von Streitigkeiten ist und bleibt. Auch das Verhältniss zur indischen Regierung (die Insel Bengkalis ist schon seit 25 Jahren in vollem Eigenthum Hollands, ebenso theilweise die Insel Rupat) ist jetzt in ein Stadium der Veränderung gekommen, dessen Beendigung mir noch nicht bekannt ist.

* * * * *

Nur zwei Stunden blieb ich in Bengkalis. Die Dampfpfeife rief mich bald aufs Schiff; an der Insel Rupat, welche durch die gleichnamige Strasse von Sumatras Küste ungefähr 5 km weit geschieden ist, zogen wir vorbei, landeten wieder nur für ungefähr zwei Stunden bei der Mündung des Assahan, wo ein Kahn für die gleichnamige Stadt die Briefe holte und brachte.

Auch dieser District der Residentie »Ostküste von Sumatra« besteht zur Hälfte aus angespültem und sumpfigem Lande. Von hier aus liegt die ganze Küste dieser Provinz grösstentheils im Diluvium. Endlich erreichte ich das Ziel meiner Reise, Labuan Deli, welches bereits damals durch eine Eisenbahn (Fig. 6) mit der Hauptstadt des gleichnamigen Bezirkes Medan verbunden war. Seitdem sind bedeutende Veränderungen vorgefallen. Diese Stadt wurde zur Hauptstadt der ganzen Provinz »Ostküste von Sumatra« ernannt, welche schon im Jahre 1897 von 103 km Eisenbahnen durchzogen wurde (Bengkalis wurde als Freihafen und als zukünftiger Welthafen aufgelassen); Belawan wurde an Stelle von Labuan Deli der bedeutendste Hafen dieser »Residentie«, von dem jährlich tausende und tausende Ballen Tabaks nach Europa und tausende und tausende Büchsen mit Petroleum[43] nach Java, China und Japan versandt werden.

Von den vier Bezirken, in welche der District Deli eingetheilt wird, Serdang, Deli, Langkat und Tamiang, ist der bedeutendste Deli; aber auch in Langkat bestehen seit ungefähr zehn Jahren Plantagen, und nur Tamiang hat sich kaum über die ersten Anfänge einer systematischen und rationellen Plantagenwirthschaft erhoben. Bis nun hat der »Delitabak« allein aus dem gleichnamigen District eine blühende Provinz gemacht und die »Deli Maatschappy« hat ihren Gründern und Actionären Millionen und Millionen bereits als Dividenden bezahlt, während die Tabaksunternehmungen in dem Bezirke Tamiang noch nicht mit Gewinn arbeiten. Ein Blick auf die Karte zeigt uns, dass die ganze Provinz, von Assahan angefangen, Diluvialland ist, welches im Westen vom Hochgebirge begrenzt wird; der Sebajak mit 2172 Meter, der Baros mit 1950 Meter, der Tenaro mit 1850, der Semilir mit 1813, der Temangu mit 1816, der Seraga mit 1490 und der Dolok (= Berg) mit 1440 Meter Höhe sind die bedeutendsten Bergspitzen, auf welchen zahlreiche aber unbedeutende Flüsse entspringen und ihren Lauf nach Osten nehmen und welche mit ihren reizenden Gebirgspanoramen (Fig. 7) das Gebiet der »unabhängigen Battaker« begrenzen.

Ich glaube mich hier jeder Mittheilung über die Gebräuche und Sitten dieser nicht ganz primitiven Menschen -- sie besitzen ja ein eigenes und selbständiges Alphabet --, welche fälschlich für die Urbewohner Sumatras gehalten werden, mit Recht enthalten zu müssen. Es hat ja in jüngster Zeit ein Oesterreicher und zwar Freiherr Joachim von Brenner ein interessantes und lehrreiches Bild von seinen Reisen durch die Battakländer (Fig. 8) beinahe in erschöpfender Weise entworfen. Freilich ist das Capitel über seine Gefangennahme in Lontong am Tobasee und über die Gefahr, geschlachtet und von den Battakern verzehrt zu werden, interessant und romantisch geschrieben, aber eine erhitzte Phantasie +scheint+ dabei Pathenstelle versehen zu haben. Wie mir nämlich ein Resident dieser Provinz voriges Jahr mitgetheilt hat, befinden sich die Anthropophagen +gegenwärtig nur+ im Gebiete der Pak-Pak, welche ungefähr 50 km vom Tobasee entfernt wohnen. (Auch Frau Ida Pfeiffer, welche im Jahre 1852 die südlichen Battakländer durchzogen hat, wurde von einer unbegründeten Furcht beherrscht, wenn sie entre autre mittheilt, dass sie es nur ihrem zähen Fleische als alte Frau verdankt hätte, von den Eingeborenen nicht verspeist worden zu sein.)

Die Battaker sind ja schon seit Anfang des vorigen Jahrhunderts von zwei mächtigen civilisatorischen Nachbarn in ihrer ursprünglichen rohen Sitte -- der Menschenfresserei -- beeinflusst. In den Jahren 1820 bis 1830 ist die mohamedanische Secte der Padri bis an’s Ufer des Tobasees vorgedrungen, während im Osten die holländische Regierung ihre civilisatorischen Arbeiten bis tief in’s Innere des Landes ausgebreitet hat und noch ausbreitet. Wenn wir also von jenen wenigen Battakstämmen absehen, welche im Nordosten unter dem Namen der Pak-Pak die alte Sitte der Anthropophagie noch heute üben, so steht der übrige Theil auf einer ziemlich hohen Stufe der Civilisation, und gerade das Buch des Herrn J. von Brenner bringt uns davon hunderte und hunderte Beweise.

Bei meiner Ankunft in Labuan Deli erfuhr ich eine grosse Enttäuschung. Kaum hatte der Anker sich in den Grund des Meeresbodens gebohrt, erschien der Adjutant des Landescommandanten an Bord und theilte mir mit, dass ich nicht in Medan, der Hauptstadt des Bezirkes Deli, stationirt, sondern zum »Eerstaanwezend« Officier in dem Bezirke Tamiang ernannt worden sei; ja noch mehr, der in diesem Bezirke momentan anwesende Militärarzt müsse so bald als möglich seinen Standplatz Seruway verlassen, weil er sich mit den übrigen Officieren nicht vertrage. Daher sei es nothwendig, dass ich sofort meine Reise fortsetze, und dass die üblichen Vorstellungen bei dem Landessanitätschef und bei dem Landescommandirenden u. s. w. meinerseits aufgeschoben werden.

Zu meinem grössten Bedauern habe ich dadurch die Gelegenheit verloren, die interessanteste Stadt »der Residentie Ostküste von Sumatra« zu sehen und mit jenen zahlreichen interessanten Eingeborenen in Contact zu kommen, welche von der Peripherie der Provinz bei verschiedenen Anlässen nach Medan gehen, um mit den Vertretern der diversen Tabak- und Petroleum-Unternehmungen in geschäftlichen Verkehr zu treten. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, in dem Bezirke Tamiang vielleicht mit einzelnen Bewohnern der Gaju- oder Alasländer in Berührung zu kommen, welche das Innere von Gross-Atjeh bewohnen und selbst bis heute noch wenig bekannt sind, oder dass ich Ruinen der alten Modjopahit finden würde, oder dass ich an dieser Grenze der menschlichen Civilisation ein reiches Feld zu zoologischen Studien würde beobachten können; nichts ist in Erfüllung gegangen; die traurigsten Tage meines Lebens habe ich dort, an der Grenze des Atjeischen Reiches, verlebt.

Der Adjutant Wiersma verliess mich nach der Mittheilung dieser Hiobspost, der Schiffscapitän hatte unterdessen die Postsäcke an’s Land bringen lassen, und ¼ Stunde später erschien der Major P., um sich mit seinem Adjutanten ebenfalls zur Reise nach Seruway einzuschiffen.

Dieser Major war einer jener wenigen Officiere, welche trotz ihrer Tapferkeit und ihres persönlichen Muthes nicht nur Bonhommes sind, sondern dies auch in all ihrem Thun und Lassen zeigen. Ich habe ja viele Officiere in der holländisch-indischen Armee gekannt, welche mit ihren militärischen Tugenden eine hohe Bildung des Geistes und des +Herzens+ vereinigten; sie glaubten jedoch, diese ja nicht zeigen zu dürfen, um so viel als möglich durch Strenge, ja selbst durch Härte den Untergebenen imponiren zu können. Major P. hatte den Muth, die wohlthuende Güte seines Herzens immer und jedem zu zeigen. Ich habe auch im Jahre 1891 direct unter ihm gedient; er war unterdessen Colonel geworden; sein Wunsch war für alle Officiere und für alle Soldaten mehr als ein Befehl, und niemals wurde ein Officier von ihm bestraft; eine Unterlassungssünde der jungen Leutnants wurde mit academischer Ruhe dem Missethäter (?) auseinandergesetzt und dieser Mann verliess »belehrt« den Rapport. Aber auch der Soldat, welcher sich grobe Verstösse gegen die Disciplin zu Schulden hatte kommen lassen, ging beschämt und gebessert vom Rapporte weg und war überzeugt, für sein Vergehen als ein abschreckendes Beispiel seiner Kameraden gestraft worden zu sein.

Als das Schiff Labuan Deli verliess, theilte mir Major P. mit, dass er nach Seruway gehe, um die Streitigkeiten zweier Officiere zu schlichten, und zeigte mir die darüber geführte Correspondenz. Nachdem ich sie gelesen hatte, konnte ich mich nicht enthalten, dem Major P. sie mit den Worten Heine’s zurückzugeben: Es will mir schier bedünken -- dass sie beide thäten stinken. Es war das alte Lied: Die Einförmigkeit des Lebens von wenigen Menschen, welche auf einem engen Raume beisammen leben müssen, machte die Fehler jedes Einzelnen in hohem Grade fühlbar. Wenn auch ich, der ich im Grunde meines Herzens nichts so als den Frieden liebte, späterhin in Streitigkeiten verwickelt wurde, wie leicht musste es mit Dr. X. geschehen, der leicht erregbar war und neben seinem Chef wohnen musste, dessen Frau geradezu die Langeweile des täglichen Lebens durch Kampf und Streit zu tödten suchte.

Der Dampfer brachte uns zunächst in den Aroëbusen, wo sich eine Holzunternehmung befand, welche von 25 Mann mit dem Commando eines Lieutenants beschützt wurde. (Hier in Pangkalan Siatas war die Endstation der Route, welche die Orte der Ostküste Sumatras miteinander verbindet.) Der Eigenthümer der Unternehmung war verheirathet und ebenso Lieutenant X., dessen Frau s. Z. eine Claviervirtuosin gewesen war. Er hatte sie in Batavia kennen gelernt und geheirathet. Nach der Hochzeit soll er an die Regierung ein Gesuch eingereicht haben -- so erzählt wenigstens die böse Fama -- mit der Bitte, dass seine Frau auch weiterhin Unterricht im Clavierspiele möge geben, weil einerseits es Schade wäre, dass ein solches künstlerisches Talent durch Mangel an Uebung für die Mitwelt verloren gehe und verkümmern sollte, und anderseits der ehrliche und redliche Gelderwerb auch die Frau eines Officieres nicht schände. Die Regierung gab ihm sofort die Erlaubniss; wenige Tage später jedoch las er in den Zeitungen seine Transferirung nach Pankalan Siatas. Diese erinnert mich an einen analogen Fall, welchen ich im Haag erlebt habe und der ebenfalls die holländische Regierungsweise charakterisirt. Im Jahre 1876 wollten im Haag die Socialisten im Abgeordnetenhause in corpore erscheinen, um dort demonstrativ ein Misstrauensvotum gegen die Abgeordneten abzugeben. Die Regierung wurde davon rechtzeitig in Kenntniss gesetzt. Die Polizei und die Truppen wurden zwar consignirt, aber sie waren nirgends zu sehen. Unbehindert zogen die tausende Socialisten vor das Abgeordnetenhaus, und unbehindert kamen die vordersten Reihen vor die Thüren der Galerien des Hauses; aber -- Waisenmädchen nahmen alle Plätze ein.

Lieutenant X. lebte im besten Einvernehmen mit der Familie des Pflanzers; es fehlte ja -- der Dritte oder besser gesagt -- die Dritte.

Man muss sich das Leben auf einem so abgelegenen Platze vergegenwärtigen, um diese Menschen zu bewundern. Am rechten Ufer des Salahadjiflusses lag zunächst das Haus des Officiers und hinter diesem die Caserne der 25 Mann. Beide waren von einer 3 Meter hohen Palissade eingeschlossen. Zehn Schritte davon entfernt lag das Haus des Pflanzers, welches ebenfalls mit einer Palissade umgeben war. Um 6 Uhr Abends wurden die Thore geschlossen und einige Bediente, mit Gewehren bewaffnet, wurden auf Bastions zur Wache aufgestellt. Herr X. machte jede Nacht zweimal die Runde, um sich von der Wachsamkeit dieser seiner Wachleute zu überzeugen; denn die benachbarten Atjeers bedrohten täglich und stündlich ihr Leben und ihr Hab und Gut; diese hatten ja noch vor kurzer Zeit einen exponirten Posten von 7 Mann, welche unter dem Commando eines Feldwebels standen, in der Nacht bei Bukit (= Hügel oder Berg) Kramat überfallen und getödtet, d. h. ungefähr 6 km entfernt.

Wie viel Kämpfe, Sorge und Wachsamkeit erforderte die See zu ihren Füssen und der Urwald hinter ihrem Rücken. Das stürmische Element und das Krokodil auf der einen Seite und der Tiger (Fig. 9) und der Leguan und der Orang-Utan und die Schlangen auf der andern Seite (Elephanten kommen in diesem Bezirk nicht vor). (Von einem Rhinozeros wusste mir der Herr X. nichts zu erzählen.) Trotz dieser unheimlichen Nachbarschaft hatte er an dem linken Ufer der Bisitan-Bucht, welche sich von der Aroëbucht nach Süden abzweigt, eine Holzsägerei errichtet und sie mit transportablen Schienen mit seiner Wohnung verbunden. Auf kleinen Lowris besorgte er den Transport der Bretter und Schindeln, mit welchen er einen ausgebreiteten Handel trieb.