21 Jahre in Indien. Dritter Theil: Sumatra.
Part 6
Einer andern Dame, welche ich damals in Behandlung hatte, möchte ich gerne an dieser Stelle ein Denkmal der Dankbarkeit setzen. Es ist die Frau des damaligen Residenten Altheer. Sie ist eine Dame von seltener Herzensgüte, welche nur ein Ziel, nur eine Lebensaufgabe kannte -- Gutes zu thun, und wirklich schnöden Undank erntete. Ich meine nicht die zahlreichen kleinen Aufmerksamkeiten, mit welchen sie mich, den ledigen Mann, in meiner Hauswirthschaft überhäufte. Keine Torte wurde in ihrer Küche bereitet, ohne dass auch mir ein Stück gesandt wurde; die ersten Ananas, Rambutan, Mangistan, Manggafrüchte ihres grossen Gartens kamen nicht nur auf ihren Tisch, sondern wurden auch mir gesandt. Als ich meine Haushälterin verabschiedete, weil sie nicht nur ihrem Liebhaber auf meine Kosten volle Verpflegung gab, sondern mir auch meine Cigarren durch ihren Liebhaber zum zweiten Male zum Kaufe anbieten liess, war es wiederum diese brave Dame, welche mir so lange täglich eine ganze »Rysttafel« schickte, bis ich wieder meine eigene Menage führen konnte. Von mir hat allerdings Frau Altheer keinen Undank erfahren; ich bewahre noch heute eine dankbare Erinnerung an die zahlreichen Beweise ihres guten Herzens. Als aber ein Jahr später beim Ausbruch des Krakatau die wüthende See ihre haushohen Wellen über die Stadt Telók Betóng stürzte, flüchteten alle Bewohner hinauf auf den Hügel, auf welchem das Haus des Residenten und das Fort standen. Europäer, Chinesen und Eingeborene fanden ein Asyl bei dem Residenten, und die Herzensgüte seiner Frau feierte Orgien von Wohlthun und Hülfeleistung. Schwere Rauch- und Aschenwolken hingen über dem Hügel, aus denen beinahe ununterbrochen feuerglühende Blitze die dichte unheilschwangere Luft durchzuckten. Zwei lange Tage war ihr Haus von klagenden und weinenden Kindern und Frauen der Europäer und einigen Chinesen bewohnt, während in den Gärten und in allen Nebengebäuden die Eingeborenen ihr lautes Gebet um Erbarmen zum Himmel sandten. Wie ein schützender Engel eilte sie von Zimmer zu Zimmer, vom Garten in’s Haus, vom Haus in den Stall und brachte den hungrigen Männern, Frauen und Kindern Essen und Trinken aus ihrer Vorrathskammer, ohne zu bedenken, dass sie selbst morgen nichts mehr zu essen haben würde. Als die Wuth der schäumenden, brausenden und stürmenden See gebrochen war, als der Krakatau in seinem Ergusse der brennenden Feuermasse sich erschöpft hatte und die lebenspendende Sonne ihre hellen Strahlen wieder über Telók Betóng ausbreitete, fassten diese Unglücklichen wieder neue Lebenslust und stiegen hinab in die Stadt, um nach ihrem Vorrath an Reis und Mehl, Hühnern, Kühen und Ziegen zu suchen; alles war verschwunden; die wüthenden Elemente hatten die Stadt rasirt; alles war verschwunden in dem unersättlichen Abgrund des grossen Meeres. Weinend und klagend kehrten sie zurück in ihr Asyl, und der gute Engel des Hauses fand für jeden ein tröstendes Wort, einen Teller Reis oder ein paar Erdäpfel oder ein Stück Fleisch aus Conserven, und das letzte Huhn wurde geschlachtet, um einer jungen Wöchnerin eine kräftige Suppe geben zu können. Den dritten Tag gelang es einem Dampfer, trotz der ungeheueren Masse von schwimmender Lava und Schlamm, von 20 bis 40 Meter!! Tiefe, von Batavia aus dem schwer heimgesuchten Telók Betóng Hülfe zu bringen. Der Resident Altheer nahm die mitgebrachten Lebensmittel in Empfang und vertheilte sie unter die Aermsten der Armen gratis. Die vermögenden Chinesen und Europäer liess er jedoch den gewöhnlichen Marktpreis bezahlen, um den Erlös wiederum dem kleinen Mann, dem armen Bauer, dem kleinen Beamten zukommen zu lassen. Dies gefiel jedoch keineswegs dem langzöpfigen Mongolen; er wollte auch für sein Leiden eine Entschädigung haben, und als ein zweiter Dampfer, welcher ebenfalls Lebensmittel angebracht hatte, nach Batavia zurückkehrte, gingen zwei Chinesen mit, um bei der Regierung ihre Klage über den Resident Altheer und seine Frau einzureichen, dass diese beiden die unglücklichen, armen, ihres Vermögens beraubten Chinesen zwangen, des Hungertodes zu sterben, weil sie die Lebensmittel nicht bezahlen konnten. Von Augenzeugen wurde mitgetheilt, dass einer dieser armen?? Chinesen am Schiffe eine Tausend-Gulden-Banknote wechseln liess. Auf diese Anklage ging ein Sturm der Entrüstung durch die Zeitungen und eine Commission, wozu der Adjutant des Gouverneur-General, Leutnant zur See X., gehörte, ging nach Telók Betóng und hörte von den dortigen Chinesen dieselben Klagen. Der Resident Altheer -- wurde pensionirt. Keiner der europäischen Zeugen hatte nämlich gesehen, dass irgend ein Chinese Geld besessen haben sollte!! Ehre diesem Mann und seiner Frau!
Ende September kam mein Nachfolger[22] an, und da ich vorher davon telegraphisch verständigt worden war, konnte ich rechtzeitig alle Maassregeln nehmen, um sofort nach seiner Ankunft Auction halten zu können und von der Gastfreundschaft Gebrauch machen, welche der militärische Commandant mir anbot. Die Hoffnungen, welche ich auf meinen Nachfolger baute, eine »gute Auction« halten zu können, wurden nur theilweise erfüllt. Er brachte sich nämlich die grossen Möbel, als Tisch und Kasten, mit und sah davon ab, meine Equipage und Pferde zu erstehen, weil Telók Betóng zu klein sei, um sich diesen Luxus zu gestatten. Für die Pferde fand sich ein Käufer; aber der Wagen blieb unverkauft. Meine Equipage war in gutem Zustande; der Transport nach Batavia hätte aber 40 fl. gekostet; ich konnte mit einer gewissen Sicherheit wissen, dass ich nach meinem Examen nicht in Batavia bleiben würde, weil die dortigen Regimentsärzte sich einer gewissen Stabilität erfreuten; sie waren nämlich an der »Doctor-Djawa Schule«[23] als Docenten angestellt, und es war aus pädagogischen Ursachen ein häufiger Wechsel derselben nicht erwünscht. Doch der Resident half mir aus meiner Verlegenheit: Er legte mir nahe, meine Equipage zu verloosen. Zu diesem Zwecke sollte ich an ihn ein diesbezügliches Gesuch einreichen und 6 pCt. der Totalsumme als Verloosungsgebühr erlegen. So geschah es auch, und eine Stunde vor Ankunft des Dampfers aus Padang geschah im Club die Verloosung; ein Chinese erstand meinen Wagen.
Nur fünf Monate war ich in dieser kleinen Garnisonstadt, und mit Vergnügen erinnere ich mich noch heute an die gemüthlichen und geselligen Stunden, die ich dort verbracht habe. Der militärische Commandant und seine Frau, der Resident und seine Frau und die meisten übrigen Familien hatten »indisches Blut« in sich, und doch waren sie Ehrenmänner, tüchtige Männer, brave Männer, und ihre Frauen waren liebenswürdige, herzensgute und schöne Damen.
* * * * *
Die »Lampongsche Distrikten« war die erste Residentie Sumatras,[24] welche ich aus Autopsie kennen gelernt habe; aus naheliegenden Gründen will ich in meinen weiteren Mittheilungen die chronologische Reihe verlassen und mich mehr an die Topographie der Insel halten.
An diese Provinz grenzt im Norden die »Residentie Palembang«, welche durch ihre neuen Goldbergwerke in der Gegenwart viel die holländischen Capitalisten beschäftigt.
3. Capitel.
Provinz Palembang -- Fauna von Sumatra -- Ein Orang-Utan-Riese -- Farbenpracht der Fische -- Gold auf Sumatra -- Urbewohner des Landes -- Die Hauptstadt Palembang -- Schwimmende Häuser.
Die Provinz Palembang kann geologisch und klimatologisch als ein Paradigma des Tropenlebens angesehen werden; während ihre östliche Küste reines angespültes Land ist, das zur Zeit der Fluth mit Salzwasser bedeckt ist, so dass dieser Bezirk Banju assin = Salzwasser genannt wird, sind seine Grenzen im Westen die Berge des Barisangebirges mit italienischem Klima. Hier der Sumpf mit seinen fieberbringenden Miasmen, dort das Gebirge mit seinem sanften milden Klima und mit seinem azurblauen Himmel.
Im Allgemeinen ist ja die »Natur« auch auf dieser Insel keine liebevolle Lebensgefährtin des eingewanderten oder dort geborenen Europäers; sie ist eine strenge Herrin, welche ihre Uebermacht den winzigen unbedeutenden Unterthan immer und immer, täglich und stündlich fühlen lässt. Die Majestät der Tropennatur drückt nieder; sie erhebt nicht, weil das Massige, das Ungeheure oft zum Schreckenerregenden wird.
Hier im Sumpfe strömt der Fluss Musi, an dessen Ufer, mehr als 90 km von der Küste entfernt, die Hauptstadt Palembang liegt, welche gewiss zur Zeit ihrer Gründung nur wenige Schritte vom Ufer entfernt war. Hier hausen -- um an dieser Stelle nur von der Fauna zu sprechen -- die Krokodile und auf den Nipahpalmen Tausende und abermal Tausende Mosquitos; dort auf den sumpfigen Reisfeldern nisten Tausende und Tausende Walang sangit, welche durch ihren intensiven Gestank beinahe ebensoviel berüchtigt sind als durch die Verheerung, welche sie an der reifen Frucht bewerkstelligen. Aber auch tausende Leuchtkäfer schweben nach der Ernte des Reises über dem zeitlich trockenen Felde und feiern ihre Hochzeit im zierlich schwebenden Tanze, und ein reizend beleuchtetes Bild fällt und steigt ununterbrochen beim hellen Funkeln der Sterne auf dem Tropenhimmel. Im Gebirge zieht in grossen Herden der Elephant und im Urwald der Orang-Utan und der wilde Büffel; das Rhinozeros und der feige mörderische Tiger bergen sich in dem hohen Grase der Alang-Alangfelder. In welchen Mengen und Schaaren stellen sich die kriechenden, fliegenden und springenden Insecten ein? Zahlreicher als die erwähnten Walang sangit, Mosquitos und Leuchtkäfer erscheinen die Termiten, die schwarzen und die rothen Ameisen in unseren Wohnungen. Wohl selten sieht man in Europa so grosse Schwärme der Eintagsfliegen durch die Luft ziehen, und wenn die »Larongs« ihre Hochzeit in den Lüften feiern, lässt sich ihre Zahl kaum annäherungsweise beziffern. In der Regel ziehen diese fliegenden Termiten nach dem Regen in einer warmen Tropennacht durch die Luft und umschwärmen jede Lampe; zu Hunderten führen sie ihren Hexentanz um die Lampe herum auf, bis jede einzelne entweder ihre Flügel oder ihren Kopf an dem heissen Lampenglase verbrannt hat. Man stellt unter der Lampe ein weisses Lavoir mit Wasser auf, und in wenigen Minuten ist die Oberfläche des Wassers mit einer 3-4 cm hohen Schicht dieser Leichen bedeckt. Wird dieses nicht gethan, versehen den Gräberdienst die Ameisen, Eidechsen und Frösche. Freilich ist die Zahl der letzteren nicht so gross, um diese Haufen von Larongs zu verzehren -- die Flügel bleiben unbenutzt; aber auch die grosse Zahl der Ameisen ist nicht hinreichend, um in einer Nacht den Tisch oder den Boden unter der Lampe von diesen Leichen zu befreien.
Wie viel Sorge und Arbeit schafft die Ameise übrigens der Hausfrau, welche ihre Speisevorräthe vor dem diebischen Ueberfalle dieser kleinen Insecten schützen will; wenn nur einen einzigen Tag oder nur eine einzige Nacht die Zuckerschale oder die Fleischschüssel nicht durch einen Wasserwall beschützt wird, ist sie nach 24 Stunden mit einer Schicht von Ameisen bedeckt, und von dem Rande der Schüssel bis zum Boden zieht sich ein doppelter Heereszug von Ameisen, welche die Beute zu ihrem Neste tragen, oder von welchem sie ausziehen, um die leicht erbeutete Nahrung zu holen.
Auch von den Termiten ist es bekannt, dass sie in ungeheurer Zahl sich ansiedeln und alles Organische bedrohen; hölzerne Schiffe wie Kästen oder auch Möbel wurden nur zu oft eine Beute dieser vielfressenden Horde. Wie oft stand ich voll Bewunderung vor 2-3 Meter hohen Hügeln, welche in ihrem Innern das Labyrinth eines Termitenhauses bargen, wenn ich die Grösse dieses Thieres berücksichtigte; es ist ja nicht grösser als 1-2 cm.
Wie gross ist die Verheerung, welche die kleinsten Lebewesen, die Pilze und die Bacterien in den Tropen anrichten, und wie gross ist die Zahl der Opfer ihrer zerstörenden Thätigkeit! Auch hierunter leidet die sparsame Hausfrau; wenn sie z. B. keinen Eisschrank hat, kann sie das ganze Jahr hindurch keine einzige Fleischspeise länger als zwei Tage bewahren!
Wenn wir zu den Wirbelthieren zurückkehren, so erwähnt, um mit den Vögeln zu beginnen, Salvadori allein 179 Arten und zwar nur aus Mittel-Sumatra. Darunter sind vielleicht nicht an Zahl, jedoch an Bedeutung für den Haushalt in erster Reihe zu nennen: die Hühner. Sie sind in ganz Sumatra stark verbreitet; jeder Europäer und jeder Eingeborene hält sich eine grössere oder kleinere Zahl Hühner, welche 2-3 mal des Jahres 12-14 Eier legen. Die Zahl der Sorten ist jedoch nicht gross.[25] Auch von den Enten sind im Allgemeinen nur zwei Sorten auf dieser Insel zu finden: die Bergente und die Manilaente. Die »Bebek« werden am liebsten wegen ihrer Eier gezogen, welche als sogenannte »gesalzene Eier« kaum jemals auf einer »Rysttafel«[26] fehlen. Einige Vögel kommen nur in grossen Schwärmen vor; dazu gehört z. B. der Reisdieb und der Spatz, welcher im Anfange des 19. Jahrhunderts von dem Autokraten Daendels auf Java eingeführt wurde. Ein interessanter Vogel ist der Beo, dessen ich schon in Band I erwähnt habe. Seine Sprache ist viel deutlicher als die des Papagei und als die des Burung Kaléng, welcher ebenfalls in den Wohnungen der Eingeborenen gern gehalten wird. Die Zahl der Singvögel ist jedoch auf Sumatra sehr klein; sie pfeifen und rufen sehr laut; so z. B. kann man den Piet van Vliet oder den Kuckuk oft auf hunderte von Metern weit hören; aber den Gesang einer Nachtigall oder Lerche wird man kaum jemals auf allen Inseln des indischen Archipels hören. Noch muss ich von dem Pfau mittheilen, dass man -- Eingeborene und Europäer -- ihn in eine gewisse Verbindung mit dem Tiger bringt. Wo ein Pfau sich aufhält, befindet sich auch der Tiger; er soll sich von den Entleerungen des Tigers nähren; ich war nicht in der Lage, die etwaige Richtigkeit dieser Mittheilungen constatiren zu können.
Von den übrigen Wirbelthieren sind für die Insel Sumatra der Elephant, der Siamang und theilweise auch der Orang-Utan charakteristisch. Wie nämlich schon wiederholt von mir mitgetheilt wurde, befindet sich der Elephant und der Siamang (Hylobates syndactylus) nur auf Sumatra, während der Orang auch auf Borneo gefunden wird. Im vorigen Jahr erhielt ich von einem meiner Karlsbader Patienten die Haut eines Orang, welchen er in der Provinz Deli (Sumatra) geschossen hatte. Die Leiche liess er hierauf mit den Händen des Orang an eine Stange befestigen und die Stange so hoch halten, dass die eingeschlagenen Füsse den Boden berührten. Der Jäger war ein grosser Mann (178 cm gross), und liess sich zusammen mit dem Orang photographiren. Mein Patient reicht mit seinem Kopfhaar bis zur Schulter des Affen!! Ich besitze noch heute diese Photographie (die Haut und der Schädel dieses Orang ist im Besitze des Wiener Museums), und auf Grund dieser Photographie kann ich mir ein Urtheil erlauben. Ich habe während meines 3½jährigen Aufenthaltes auf Borneo mehr als 20 Leichen von Orang-Utans unter den Händen gehabt; keine war grösser als 150 cm; ich muss entweder also annehmen, dass der eben beschriebene Orang von Sumatra ausnahmsweise so gross, also unter den Orangs ein Riese war, oder dass im Allgemeinen die Insel Sumatra eine grössere Sorte als Borneo beherberge. Andererseits aber ist diese Frage schwer zu beantworten, weil, wenigstens nach meiner Erfahrung, die Zahl dieser Affen in Sumatra viel kleiner als in Borneo zu sein scheint. Warum jedoch nur die Insel Sumatra Elephanten besitzt, während die Insel Java, welche wahrscheinlich noch in historischen Zeiten mit ihr zusammenhing, diese Bewohner nicht kennt, und warum die Insel Borneo den Orang besitzt, obwohl sie räumlich viel weiter von Sumatra als Java entfernt ist, werden vielleicht die Geologen und die Paläontologen zu beantworten wissen.
Auch das Reich der Fische ist auf Sumatra sehr gross. Schon vor vielen Jahrzehnten theilte Dr. Bleeker mit, dass 380 Sorten Fische auf den Inseln des indischen Archipels gegessen werden. Dazu gehören auch die Haifische, deren Fleisch die Chinesen trocknen, räuchern, und deren Flossen, in der Sonne getrocknet, in keiner chinesischen Suppe fehlen; obwohl diese Fische die hohe See bewohnen, schwimmen sie oft genug die grossen Flüsse landeinwärts, so z. B. der Hundhai (Scyllium maculatum), der Hammerfisch (Zygaena malleus) und der Riesenhaifisch (Carcharyas macrorhynchus), welcher oft länger als 6 m wird. Wie gross die Zahl der Fische speciell auf dieser Insel sei, weiss ich nicht; aber ich erinnere mich sehr gut, dass der Fischmarkt durch den Formenreichthum und durch die Farbenpracht der ausgestellten Fische immer meine Aufmerksamkeit erregte. Der Kugelfisch (Tetrodon), dessen Halshaut getrocknet den Resonanzkasten der indischen Violine (rebáb) bedeckt, der Roche, Sterlett, das Seepferd, welches als Aphrodisiacum gebraucht wird, der Riemenfisch, der Schlammbeisser, die Makrele, der Haifisch, der Karpfen (gurámi), der fliegende Fisch, sie alle geben wirklich ein reiches Bild der verschiedensten Formen, welche Fische haben können, und was die Farbe betrifft, so glaube ich, dass die Fische Sumatras an Farbenpracht[27] mit der seiner Orchideen wetteifern können. Ich will sofort bemerken, dass ich die Prachtfische Sumatras gewöhnlich nur an den Strandplätzen sah, und dass es nicht nur möglich, sondern auch sehr wahrscheinlich ist, dass sie meistens in der See ihre Heimath besassen; aber ebensogut ist es möglich, dass ein Theil dieser farbenreichen Fische auch Flussfische waren.
So reich das von mir beobachtete Terrain der Fauna an interessanten Erscheinungen ist, und so ungern ich dieses Thema verlasse, so nothwendig ist es, befugten Männern die ausführliche Bearbeitung der Fauna Sumatras[28] zu überlassen, weil ich doch nur Lückenhaftes bieten kann, und weil auch in diesem III. Theile meines Werkes nur die Causerie und nicht die trockene Form irgend einer Wissenschaft zur Geltung kommen soll.
* * * * *
Finder, Gründer, Schinder, Rinder habe das neue Gesetz des Bergbaues geschaffen, theilte mir einer meiner Karlsbader Patienten mit; es wird nämlich erzählt, dass von 5 Millionen Gulden, welche die Goldminen auf Celebes bis nun gekostet haben, 3 Millionen in die Taschen der Gründer geflossen seien; im Ganzen sollen die Syndicate der diversen Goldminen von N.-Indien 18 Millionen verdient haben, und wie viel haben davon erhalten -- die Rinder -- nein, ich wollte sagen die Actionäre? Sollte die holländische Regierung nicht bald, ja sehr bald ein Gesetz schaffen, welches Jedermann verbietet, Actien von einem Unternehmen auf den Markt zu bringen, welches noch nicht im Betriebe ist und noch keinen Beweis von Lebensfähigkeit gegeben hat?
In Palembang ist sehr viel Gold, wenn auch Carthaus behauptet, dass die Eingeborenen kaum 15 Ct. (= 25 Pfennig) per Tag durch die Goldwäscherei verdienen. Das mächtige Urgebirge der Insel Sumatra hat, wie die übrigen Inseln des malaiischen Archipels, wie dieser Arzt in seinem Buche »Aus dem Reiche von Insulinde« mittheilt, Granite, Syenite und Phyllite zum Kern. Während der Tertiärperiode hob sich und noch heute hebt sich das ganze Gebiet durch den Vulcanismus, welcher sich von Kamtschatka bis zum Meerbusen von Bengalen durch eine Reihe von thätigen und erloschenen Feuerbergen und durch colossale Anhäufungen von vulcanischen Materialien äussert und ungeheuere andesitische Massen auf die Erdoberfläche schleudert. Im Bereiche des Urgebirges trat auch Gold auf, welches schon seit Jahrhunderten von den Eingeborenen in primitiver Weise gesammelt wird. Es ist darum auch kein Zufall, dass die ganze Industrie von der Provinz Palembang (Palembangsche Möbel und Holzschnitzereien), die Sarong von Atjeh und die Kleider der Häuptlinge in dieser Provinz so reichlichen Goldschmuck zeigen.
Carthaus behauptet, dass die Augite und Hornblenden Sumatras nicht arm an Silber und Gold seien; dass aber die vorhandene Menge gerade wie die des Bleis, Quecksilbers und Eisens zu »ungünstig gelegen sei, um zu erfolgreichem Bergbaubetriebe Hoffnung zu geben«. Eine schöne Zukunft verspricht er jedoch der Gewinnung des Zinnes und der Kohlen, welche Prognose sich heute schon bewahrheitet hat.
Dennoch möchte ich bezweifeln, ob denn ein europäisches Unternehmen[29] auf solider Basis nicht z. B. in dem nördlichen Districte der Residentie Palembang zum Segen des Landes die Schätze des Bodens und zwar in erster Reihe das Gold heben könnte.
Dieser District -- Djambi genannt -- steht unter dem Sultan von Djambi, und de facto hat die holländische Regierung nicht nur an der Peripherie, sondern selbst auch in der Hauptstadt des Sultanats nur geringen Einfluss. Noch vor wenigen Jahren fand ein Ueberfall in der nächsten Nähe des Forts statt, dem ein Infanterieofficier und ein Militärarzt zum Opfer fielen; und doch sind es beinahe schon 300 Jahre, seitdem in Djambi die erste Factory (im Jahre 1616) und in Muára Kómpeh (im Jahre 1707) zum ersten Male eine europäische Garnison errichtet wurde. Beide liegen im Alluvium ungefähr 90 km und 45 km von der Mündung des Djambiflusses entfernt, welcher in seinem Oberlaufe Harifluss (= Batang Hari) heisst und mit drei mächtigen Armen in die Berhalastrasse sich ergiesst.
Vom Cap Bon, dem östlichsten Punkt der Küste, bis zum Pik von Indrapura (3690 m hoch) an der Westgrenze des Sultanats beträgt die Luftlinie 360 km, und vom Berge Bempatasan im Norden bis zum entferntesten Punkte der Südgrenze ungefähr 200 km. Diese Provinz hat die höchste[30] Bergspitze Sumatras, die grössten Ströme und die grössten Landstrassen dieser Insel.
Unter den zahlreichen Bergspitzen des Barisangebirges[31] ragt im westlichen Theile Palembangs und zwar in dem Sultanat Djambi der Berg Korintji oder der Berg Indrapura als zweithöchster Berg von Sumatra mit seiner 3690 m hohen Spitze als Grenzmauer zwischen dieser Provinz und der Residentie »Padangsche Oberländer« hoch in die Lüfte, ohne dass man immer unterscheiden kann, ob die umgebenden Wolken Dämpfe aus dem Innern eines Vulcanes oder Gebilde der feuchten Luft seien. (Aehnliche Zweifel hatte ich ja auch in den Jahren 1891-1896, als ich zu Magelang auf Java am Fusse des Vulcans Merapi in Garnison war. Von ihm wusste ich, dass er ein feuerspeiender Berg war; dennoch geschah es sehr oft, dass Wolkenmassen seinen Scheitel umgaben, ohne dass ich bestimmt behaupten konnte, dass nur Feuchtigkeit der Luft die Quelle dieser Wolkenbildung war.) Die übrigen zahlreichen Bergspitzen, so hoch oder so klein sie sein mögen, anzuführen, würde das Ziel dieses Buches überschreiten. Auch die Namen der übrigen Flüsse mitzutheilen -- ausser jenen bereits genannten Djambi- und Musistrom -- hätte keinen Zweck.
Die erwähnte grosse Landstrasse beginnt bei der Hauptstadt Palembang und zieht in südwestlicher Richtung nach Muara Enim; hier theilt sich die Strasse in zwei Zweige, wovon der nördliche über Tebing-Tinggi und Kepahiang quer durch die Residentie Benkulen bis an die gleichnamige Hauptstadt an der Küste des Indischen Oceans sich zieht; sie dürfte ungefähr 350 km lang sein. Der südliche Ast strebt der Grenze der Residentie »Lampongsche Districte« zu, zieht durch die »Pasumahländer« und geht noch auf Palembangs Gebiet in einen kleinen Fussweg über und ist ungefähr 102 km lang.
Die Hauptstadt Palembang ist eine sehr interessante Stadt; der Ethnograph, der Tourist wie der Künstler finden dort ein pittoreskes Bild, welches sie selten auf ihren Reisen in andern Colonien oder in Hafenplätzen sehen können; es ist eine echte malaiische Handelsstadt mit zahlreichen »Râkits« (= Flösse, auf welchen Häuser stehen). Ich selbst habe dieselben, wenn auch nicht in so grosser Zahl, nur noch in Bandjermasing beobachten können. Dort sind allerdings dieselben Bedingungen vorhanden, welche den Gebrauch dieser schwimmenden Häuser rechtfertigen.