21 Jahre in Indien. Dritter Theil: Sumatra.
Part 18
Eine grosse Inselreihe beschützt die Westküste Sumatras wie ein mächtiger Wall vor den stürmenden und brausenden Wogen der Südsee, und nur diesen Inseln ist es zu danken, dass an zahlreichen Punkten schöne und gute Häfen angelegt werden konnten. Leider gehört keine dieser Inseln zu dem gewinntragenden Besitze Hollands. Selbst die Insel Nias hat bis jetzt der Insel Sumatra und indirect dem holländischen Reiche keinen anderen Nutzen gebracht als den Export seiner schönen Frauen. Schon vor 200 Jahren schloss die ostindische Compagnie mit einigen der zahlreichen Fürsten dieser Insel einen Handelscontract, welcher im Jahre 1756 erneuert wurde, ohne dass die Errichtung einer Factory auch nur die Kosten derselben gedeckt hätte. Die Engländer errichteten (während ihres Interregnums auf Sumatra) auf dem Hügel Sitoli ein kleines Fort, um mit bewaffneter Hand dem Sklavenhandel entgegentreten zu können. Es gelang ihnen ebensowenig als den Holländern, welche im Jahre 1836 dieses Fort aufhoben und einen atjeeischen Häuptling zum politischen Agent von Nias einsetzten. Der »Bock erwies sich als schlechter Gärtner«, und 1840 wurde wieder auf demselben Hügel ein kleines Fort gebaut. Als aber 1846 der Lieutenant Donleben bei der topographischen Aufnahme dieser Insel von den Niassern überfallen wurde, sah sich die holländische Regierung veranlasst, ernste Maassregeln zu treffen, um dem Räuberwesen auf Nias ein Ende zu machen. Aber erst der Expedition, welche den 29. December 1855 Padang verliess, und jener vom Jahre 1863 gelang es, die ganze Insel zu unterwerfen und sie dem »Gouvernement der Westküste von Sumatra« einzuverleiben.[87]
Die Niasser sind Heiden und stehen oder sagen wir standen vor 50 Jahren noch auf derselben Stufe der Civilisation als die Dajaker auf Borneo.[88] Thatsächlich sollen sie in ihrer Hautfarbe, in ihrem Körperbau, in ihren Sitten und Gebräuchen, in ihren Wohnungen und in ihrem Gottesdienste so verwandt mit den Dajakern sich zeigen, dass viele Ethnographen sie von Borneo abstammen lassen, während andere in ihnen Abkömmlinge von den Battakern des östlichen Sumatra sehen wollen. Gegen beide Theorien sind die Einwände so zahlreich, dass man wirklich am besten sie über Bord wirft und die genannten drei Volksstämme als Urbewohner ihres Landes betrachtet, welche durch die grosse Völkerwanderung im vierten Jahrhundert mehr oder weniger in ihren Sitten und Gebräuchen beeinflusst wurden. Durch diese Theorie lässt sich viel leichter die Aehnlichkeit der Niasser und Dajaker erklären, als dass Nias von Borneo oder umgekehrt Borneo von Nias bevölkert worden wäre.
Nias, die grösste Insel der miocenen Inselreiche, hat einen Flächenraum von 4500 ☐km, hat keine Vulcane, zahlreiche kleine Flüsse, drei Gebirgsketten mit zahlreichen kleinen Bergen, worunter der Hili Matjua mit 600 Metern die grösste Höhe besitzt, hat keine Seen, einige gepflasterte Wege, sonst zahlreiche Fusspfade, birgt Eisen, Kupfer und Gold in seinen Bergen, den sumatranischen Hirsch, Wildschweine, Rehe (Kidang), den Kees, den fliegenden Maki, den fliegenden Hund, das Schuppenthier, den Musang, die Otter und das Stachelschwein[89] in seinen Wäldern, und seine Flora unterscheidet sich ebenfalls nur wenig von der der Insel Sumatra.
Die Niasser sind im Durchschnitt 160 cm gross, haben eine gelbweisse bis lichtbraune Hautfarbe, schwarze Haare, keine breiten Nasenflügel (wie z. B. der Malaie), und zahlreich sollen unter ihnen die Albinos sein. Die tägliche Kleidung besteht aus einem Gürtel (wie der Djawat bei den Dajakern), Weste und einem Kopftuch bei den Männern; die Frauen tragen einen kurzen Sarong, Armringe, blaue Korallenschnüre, Armringe und Ohrringe aus Kupfer, welche die Ohrläppchen, wie bei den Frauen auf Borneo, bis auf die Schultern ausdehnen. Die Galakleidung der Häuptlinge ist allerdings sehr reich und soll oft einen Werth von 3-4000 fl. haben; die Krone mit einer hornförmigen, ungefähr einen Meter langen Spitze, der Fächer, ein goldener Halskragen und ein Dolch mit goldenem Griffe sind die theueren Kleidungsstücke eines Häuptlings, welcher sich in seinem ganzen Schmucke den Fremden zeigen will.
Die einzelnen Gebräuche, welche auch bei den Dajakern üblich sind und geradezu herausfordern, einen Vergleich mit diesen beiden räumlich so weit entfernten Volksstämmen zu ziehen, sind folgende:
Bewaffnet sind beide immer und zwar mit Lanze, Schild und Kopfmesser (Fig. 22). Beide tättowiren sich, die Niasser feiern ebenso zahlreiche, viele Tage dauernde Feste wie die Dajaker; beide kennen Kriegstänze der Männer, und der Tanz der Frauen im Reigen ist auf Borneo beinahe ganz derselbe wie auf der Insel Nias. Die Religion beider Stämme ist im Principe nichts anderes als ein Beschwören jener Geister, welche die Menschen mit Unheil und Krankheiten bedrohen. Der gute Geist »Lubu langi« wird von den Niassern ziemlich vernachlässigt, während den Adjus Opfer gebracht werden müssen, um sie für die Menschen günstig zu stimmen. (Der gefährlichste dieser übelwollenden Geister heisst Nadaaja.)
Soweit beide Stämme bereits mit den Europäern in Berührung gekommen sind, gebrauchen sie im Handelsverkehr Münzen; im Uebrigen herrscht der Tauschhandel -- mit Gold; für europäisches Papiergeld haben sie noch kein Verständniss.
Warum Nias im indischen Archipel öfters und häufiger genannt wird, als alle übrigen Inseln jener grossen Schutzmauer, welche die Westküste Sumatras gegen die brausenden und stürmenden Wogen der Südsee beschützen, ist mir nicht bekannt; vielleicht ist sie ethnographisch interessanter; vielleicht hat der Sklavenhandel auf dieser Insel die holländische Regierung gezwungen, mit dieser Insel sich stark zu beschäftigen; oder sollten seine schönen Frauen die Ursache ihres Ruhmes sein?
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Ohne auch nur die Mentawei-Inseln[90] zu sehen, welche mit Padang auf derselben geographischen Breite (1° S. B.) liegen, kam also unser Boot den 23. August zwischen den Walfischklippen und den Pisanginseln um 9 Uhr Morgens vor Anker. Der Emmahafen, welcher jetzt südlich von dem damaligen Hafen angelegt und mit modernen Einrichtungen für den Transport von Waaren und besonders der Kohlen aus den Ombilienfeldern versehen ist, war im Jahre 1888 erst projectirt. Wer nur einmal in dem alten Hafen landen musste, versteht nicht, dass es erst der jüngsten Zeit vorbehalten bleiben musste, die grosse Handelsstadt Padang auf bequeme und ungefährliche Weise erreichen zu können. Obwohl die vorliegenden Inseln die Gewalt der Wogen des südlichen Oceans brachen, geschah es nur zu oft, dass ein Landen unmöglich war, und dass die blaue Fahne auf dem Walle zum Zeichen wehte, dass wegen schweren Wellenganges der Verkehr mit der Rhede verboten war. Als wir am 23. August 1888 ankamen, bestand officiell kein Hinderniss, sofort an Land zu gehen; der Kahn jedoch, welcher mit der Dampfbarcasse das Ufer verliess, um die Passagiere abzuholen, tanzte auf den Wogen schwindelerregend und schaukelnd auf und ab. Wir standen am Deck, um dem komischen Treiben der Affen (Cercopithecus) zuzusehen, welche bei unserer Ankunft von dem Affenberge herabeilten, um in den durch die Schiffsschraube aufgepeitschten Wellen zu spielen. Meine Frau wandte plötzlich den Blick gegen den Landungsplatz und sah die Dampfbarcasse hinter einer hohen Welle in die Tiefe der See verschwinden. Mit einem Schrei des Entsetzens wies sie nach der Unglücksstätte. Lächelnd beruhigte ich sie mit der Versicherung, im nächsten Momente das kleine Schiff auf der Spitze des Wellenberges erscheinen zu sehen. So geschah es auch; aber meine Frau verweigerte, bei diesem »hohen Stand der See« an’s Land zu gehen. Es war wirklich ein gefährlicher Moment, als die Dampfbarcasse vor der Falltreppe lag, um die Passagiere aufzunehmen. Bald hoben die Wogen das kleine Schiff hoch über die Treppe, bald wurde es mit grosser Kraft gegen den Schiffsrumpf geschleudert, bald sank es einen Meter tief unter die Treppe. Mit Stangen und Haken und Tauen in den Händen gelang es den Matrosen, diesen kleinen Dampfer in der Nähe der Treppe zu halten und das Einsteigen der Passagiere zu ermöglichen. Nur eine viertel Stunde dauerte die Fahrt nach der Küste, und auch wir stürzten von einem Wellenberg in’s Wellenthal, um im nächsten Augenblicke wie eine Nussschale auf dem folgenden Wellenberg zu schaukeln und zu schwanken.
Schon seit vielen Jahrhunderten ist es bekannt, dass die Wellen des stürmenden Meeres durch etwas auf die Oberfläche gegossenes Oel geglättet werden; bereits Aristoteles, Plutarch und Plinius erwähnen diese Eigenschaft des Oeles[91], und im Jahre 1881 hatte Shields mit gutem Erfolge im Hafen von Peterhead (Schottland) das Oel zur Beruhigung der See angewendet. Ich selbst hatte Gelegenheit, mich von der Richtigkeit dieser Beobachtungen zu überzeugen. Es ist daher unverständlich, dass die holländische Regierung niemals daran gedacht hat, in diesem Hafen und auch auf Java eine ausgedehnte Anwendung des Oeles zur Beruhigung einer grossen Brandung einzuführen.
Der neue Emmahafen bei Padang hat bei ruhiger See allerdings jetzt kein Bedürfniss dafür; die Schiffe ankern direct an dem Wall, und nur für den Fall, dass sie auf eine Landung warten müssen, werfen sie einige hundert Meter vom Lande entfernt die Anker in die See.
Gegen 11 Uhr kamen wir in’s Hôtel, und da ich in Uniform gekleidet war, benützte ich diese Gelegenheit mich zu melden und gleichzeitig mit meiner Frau eine Spazierfahrt durch die Stadt zu machen. Die Miethwagen sind in Padang um nichts weniger schmutzig und sehen ebenso verfallen aus als in Batavia, Samarang u. s. w. Die Wagenvermiether kaufen auf Auctionen die ältesten, schmutzigsten und verwahrlostesten Mylords, Landauer u. s. w. und bringen sie sofort in Gebrauch, ohne auch nur einen Cent auf ihre Renovirung zu verwenden.
Speciell in Padang waren diese Ruinen alter Herrlichkeit damals im Localverkehr geradezu eine Sammlung von gefährlichen und antihygienischen Antiquitäten.
Drei bis vier mal im Monate brachte nämlich ein Dampfer von Atjeh jene unglücklichen Patienten, welche in den militärischen Gesundheitsetablissements der »Padangschen Oberländer« Erholung suchten und fanden. Diejenigen Patienten, welche nicht marschiren konnten, wurden in diesen Miethwagen nach dem Spitale gebracht, welches zwei km weit (neben der Caserne) vom Hafen entfernt war. Natürlich befanden sich darunter auch viele Dysenterie-, Malaria- und selbst Cholerapatienten, ohne dass (wenigstens damals) sich jemand mit der Desinfection dieser Wagen bemüht hätte. Seitdem der Emmahafen im Gebrauch ist, haben sich diese Verhältnisse bedeutend gebessert. Die Eisenbahn, welche in’s Innere des Landes führt, giebt eine Seitenlinie für das Spital ab, und alle Patienten werden per Waggon bis zum Thore des Spitals gebracht.
Wir hatten keine Wahl und fuhren also ebenfalls mit einem solchen hässlichen und schmutzigen Fiaker (?) vom Hôtel aus zunächst zum Spitalchef, um meine Ankunft bei meinem Chef und darnach bei dem Platzcommandanten zu melden. (Meine Frau blieb natürlich im Wagen, auf mich wartend.) Letzterer hatte jedoch »keine Zeit« mich zu empfangen; ja noch mehr; um gewiss nicht mit mir zusammenkommen zu müssen, gab er dem Adjutanten den Befehl, meinen Marschbefehl nicht nur für die Ankunft, sondern auch für die Abreise am 26. August sofort zu visiren. Der Anlass zu diesem gespannten Verhältnisse zwischen mir und dem Obersten ist interessant und so charakteristisch für den Haudegen, der »einen einmal gegebenen Befehl nicht zurücknimmt«, dass ich nicht umhin kann, ihn ausführlich mitzutheilen.
Im November 1886 befand ich mich in Kuta-radja in Garnison und bekam den Auftrag, einen Krankentransport nach Padang zu begleiten und mit dem Dampfer, welcher auf seiner Fahrt von Batavia nach Atjeh in Padang anlegen wird, meine Rückreise anzutreten. Als dieser Dampfer in dem Hafen anlegte, hatte er die gelbe Flagge auf dem Topp des grossen Mastbaumes als Signal, dass ansteckende Kranke sich an Bord befanden. Der Platzcommandant gab den Garnisonsbefehl aus, dass niemand an Bord dieses Schiffes gehen und dass überhaupt kein Verkehr mit diesem Schiffe stattfinden dürfe. Da ich und ein Oberarzt, welcher ebenfalls auf diese Gelegenheit wartete, nach Atjeh zurückzukehren, keine Ursache hatten, wegen der Cholera auf dem Schiffe unsere Abreise aufzuschieben, meldeten wir uns den Tag vor der Abreise des Schiffes reglementair bei diesem Platzcommandanten für die Abreise, und ich frug vorsichtshalber, ob das Verbot, mit diesem Schiffe zu reisen, auch auf mich und meinen Collegen Anwendung fände.
»Nein, Sie beide sind als Aerzte natürlich davon ausgeschlossen; es wird ja Ihre Anwesenheit auf dem Schiffe sehr erwünscht, wenn nicht geradezu nöthig sein.«
»Natürlich,« erwiderte ich, »gehen auch die Krankenwärter mit, welchen ebenfalls in ihrem Marschbefehle angeordnet wurde, mit dieser Gelegenheit zurückzukehren.«
»Nein, die Krankenwärter bleiben hier.«
»Aber ich bitte, Herr Oberst! Wir können die Krankenwärter nicht entbehren; wir können die an Bord befindlichen Cholerapatienten wohl behandeln, aber wir können sie nicht verpflegen. Dazu gehören ja die darin geübten Krankenwärter.«
»Nun, dann werden die Kameraden den Patienten die nöthige Pflege zukommen lassen, wenn Sie es nicht thun können oder nicht wollen.«
»Aber Herr Oberst! Wir können uns ja bei einer ansteckenden Krankheit nicht auf die Pflege der Kameraden verlassen.«
»Nun ist es genug, Herr Doctor! Die Krankenwärter bleiben hier, Sie beide reisen morgen ab; einen einmal gegebenen Befehl nehme ich nicht zurück. Guten Morgen!« --
Mit einem militärischen Grusse empfahlen wir uns, und kaum waren wir bei der Thür, als der Oberst X. mich allein zurückrief und mir verwies, dass die Masche der Feldbinde nicht an ihrem Orte, d. h. hinter dem Griffe des Säbels sass. Als wir beide den nächsten Morgen auf’s Schiff kamen, waren alle Krankenwärter anwesend, welche mit uns die Reise gemacht hatten. Offenbar hat sich dieser Haudegen genirt, vor mir eingestehen zu müssen, dass jedermann in die Lage kommen könnte, »einen einmal gegebenen Befehl« widerrufen zu müssen.
Nach diesen obligaten Vorstellungen fuhren wir durch die Stadt, um die Zeit vor der »Rysttafel« durchzubringen und gleichzeitig einen Totaleindruck von dieser Stadt zu bekommen.
Padang hatte schon im Jahre 1666 eine holländische Niederlassung; als im Anfange des 19. Jahrhunderts die Insel Sumatra in den Besitz von England kam, übersiedelten viele englische Familien von Singapore, von der Insel Pinang und von Malacca dahin und brachten ein neues Element in diese übrigens gut malaiische Stadt. Das englische Interregnum dauerte nur bis zum Jahre 1824, und die eingewanderten Engländer blieben im Lande, vermehrten sich, ohne jedoch den Charakter der Stadt zu beeinflussen. Im Allgemeinen ist ja der Unterschied der englischen und holländischen Städte in den Colonien geradezu auffallend. Der Engländer behält auch in den Tropen seine heimathlichen Sitten und Gebräuche bei; der Holländer jedoch fügt sich so viel als möglich in die Sitten des Landes.[92] In Padang ist heute von der Anwesenheit dieses englischen Elementes absolut gar nichts zu merken: es ist eine holländisch-indische Stadt wie jede andere auf Java oder Borneo oder Sumatra. (Medan auf der Ostküste dieser Insel ist eine Ausnahme.)
Die Häuser selbst tragen ausgesprochen den indischen Charakter (Fig. 2 u. Fig. 23). Sie bestehen aus Holz, ruhen auf Pfählen und sind mit Atap gedeckt. Auch steinerne Häuser sah ich in Padang; sie fallen aber geradezu durch ihre Einfachheit und ich möchte sagen auch durch ihre Stillosigkeit auf. Dazu gehören vier Privathäuser, der Justizpalast (?), das Haus des Gouverneurs, das Hauptgebäude des Militär-Spitales, die Wohnungen der Officiere, die Bureaux und Magazine der grossen europäischen Firmen und die meisten chinesischen Wohnungen.
Wir besuchten einen alten Collegen und hatten also gute Gelegenheit, ein malaiisches Haus in allen seinen Theilen besichtigen zu können. Seine Vortheile gegenüber dem steinernen Hause oder dem der Javaner überwiegen die Nachtheile.
Es stand auf ungefähr einen Meter hohen Pfählen, hatte Wände aus Holz, und eine hölzerne Treppe mit Geländer führte in die vordere Veranda. Das Dach war mit Atap, d. i. den getrockneten Blättern der Nipahpalme, gedeckt und überragte das Haus um ungefähr 2 Meter, d. i. die ganze Breite der Veranda. Kaum hatten wir unsern alten Bekannten begrüsst, konnte ich mich der Bemerkung nicht enthalten, wie sie denn in einem solchen einfachen Hause wohnen könnten. Schon der erste Schritt, den wir in der Veranda machten, erschütterte das ganze Haus. Lachend erwiderte er: »Sehen Sie, Herr College: Die Vortheile dieses Schüttelns kennen Sie ja gar nicht. Wenn irgend ein Dieb oder sagen wir ein Liebhaber meiner 56-jährigen Frau in der Nacht das Haus betreten wollte, würde das Schütteln mich sofort aus dem Schlafe wecken. Auch die Elefanten, die sich glücklicherweise nicht in unsere Nähe wagen, können sich unmöglich an den Pfeilern dieses Hauses reiben, ohne dass wir es merken. Ein Tiger wagt es nicht einmal, aus einem solchen Hause seine Beute sich zu holen. Kommt aber ein Erdbeben, so werden wir ganz gut durchgeschüttelt, aber wir fürchten uns nicht im geringsten, unter seinen Trümmern getödtet zu werden. Auf Java stehen die meisten Kamponghäuser ohne Pfähle auf dem Boden; Schlangen, Frösche und alles mögliche Ungeziefer kommen leicht in ein javanisches Bauernhaus. Hier werden wir von diesen ungeladenen Gästen nicht heimgesucht. Sehen Sie sich unsere Wohnung näher an. Hier in diesem Zimmer steht mein Pianino und daneben mein Bücherkasten. Das Pianino hat seinen schönen hellen Klang beibehalten, den es bei seiner Ankunft hatte, und kein einziges Buch in meinem Bücherkasten ist mit Schimmel bedeckt. Gehen Sie hin zum Oberstabsarzt X., welcher in einem steinernen Hause wohnt; er wohnt allerdings standesgemäss, während ich als pensionirter alter Regimentsarzt +nur+ in einem Kamponghause, in einem malaiischen Wohnhaus wohne. Aber schauen Sie sich sein Pianino an; Sie spielen doch Klavier; wenn Sie die Tasten anschlagen, brummen Ihnen die verrosteten Saiten ein Lied vor, dass Sie aus den Nebentönen und von falschen Tönen ein Studium machen können. Uebrigens ist es gar nicht wahr, dass ich, wie die Leute mir vorwerfen, in einem Kamponghause wohne. Die Eingeborenen haben ja gar kein Geld, sie sind zu arm dazu, um ein solch elegantes Haus sich zu bauen. Ihre Häuser haben nur Wände aus Bambusmatten und der Boden ist ebenfalls nur ein Flechtwerk aus Bambus oder aus dünnen Aesten aus weichem Holz. In einem solchen Hause haben es die Herren Mörder und die etwaigen Liebhaber der Hausfrau sehr leicht, den Eigenthümer aus dem Wege zu räumen; sie stecken ganz einfach die Lanze durch die Lücken des Bodens, und der Eigenthümer ist eine Leiche. Dies habe ich natürlich nicht zu fürchten, weil dieses Haus von einem reichen Malaien und zwar einem Nachkommen des Radja von Menangkabau gebaut wurde; es besteht also ganz aus Brettern und nur das Dach verräth den nationalen Ursprung. Dieses primitive Dach hat auch einige Vortheile und nur wenige Nachtheile. Die versengenden Strahlen der Tropensonne sind nicht im Stande, durch dieses Dach ins Haus zu dringen; also zu jener Stunde des Tages, in welcher durch die senkrecht herabfallenden Strahlen die Luft geradezu heiss zu nennen ist, ist das Innere meines Hauses am wenigsten von der Tropenwärme belästigt. Aber auch niemals dringt der Regen in die Wohnung; die ersten Regentropfen befeuchten die Blätter hinreichend, um die ganze Bedeckung zu einer compacten Masse umzuwandeln, welche selbst durch den stärksten Wind nicht gelockert wird. Wenn Sie heute Abend beim Oberstabsarzt X. eine Visite machen werden, wird es keine 10 Minuten dauern, bis seine Frau, eine echte Nonna, das Gespräch auf uns, resp. auf unser Haus leiten wird; sie wird es als eine Schande bezeichnen, dass ich als Arzt in einem »malaiischen Hause« wohne. Wenn dies geschieht, schauen Sie sich sofort die Mauern ihrer Veranda an. Wenn nicht zufällig heute früh der Kebóng (= Gartenknecht) die Mauern mit der Kalkquaste übertüncht hat, werden Sie bis zur Höhe des Tisches die braunen Streifen der Feuchtigkeit sehen, welche aus dem Boden in die Mauern dringt. Noch besser können Sie sich davon überzeugen, wenn in der Frühe des Morgens die Thüren des Hauses geöffnet werden und man aus der frischen Luft in’s Haus tritt. Sie haben keine Idee, wie dumpfig die Luft in einem solchen steinernen Hause während der Nacht wird. Schauen Sie sich übrigens meinen Plafond an und den im Hause des Oberstabsarztes. Hier sehen Sie zwischen den Wänden und dem Dache einen freien Raum von ungefähr 20 cm; durch diesen dringt die im Hause durch unsere Ausdünstungen mit Kohlensäure geschwängerte Luft hinaus in’s Freie. Dort bleibt sie am Plafond hängen, weil die Fenster weit vom Plafond entfernt sind. Allerdings hat »Mutter die Frau« in meinem Hause grosse Scherereien mit dem Staub, welcher bei Windschlägen vom Plafond in’s Innere fällt, und manchmal ist es thatsächlich hier so warm, dass sie bedauert, nicht in einem steinernen Hause zu wohnen. Wenn sie aber dann wiederum hört, mit wie vieler Mühe die Frau Oberstabsarzt den Schimmel von ihren Schuhen und von ihren Kleidern fernhalten kann, dann ist sie wiederum mit ihrem Schicksal versöhnt, in einem »malaiischen Hause« wohnen zu müssen. Beinahe hätte ich noch den bedeutendsten Vortheil eines hölzernen Hauses anzuführen vergessen. Mein Haus steht, wie Sie sehen, auf Pfählen von 1 Meter Höhe; steinerne Häuser müssen auf dem Grunde stehen. Der Boden ist reiner Alluvialboden und geschwängert von pflanzlichen und thierischen Organismen; Korallenkalk mit seinen todten Korallenthieren wurde verwendet, um dem Grunde, auf welchem die Häuser gebaut werden, eine grössere Härte zu geben. Die aus diesem verpesteten Grunde aufsteigenden Miasmen werden in meinem Hause mit jedem Zugwinde in die freie Luft getrieben; bei einem Hause ohne Pfähle bleiben sie in dem Boden, dringen in die Mauern und gelangen von diesen in die Wohnräume. Nein; ich bleibe in meinem Kamponghause wohnen und habe gar kein Verlangen nach einem noblen, steinernen Hause.«
Im Ganzen und Grossen konnte ich diesem Herzensergusse meines alten Collegen meine Zustimmung aus Ueberzeugung geben; ich hatte ja schon damals Gelegenheit gehabt, in allen möglichen Sorten von Häusern zu wohnen, und noch heute würde ich aus denselben Ursachen einem hölzernen Hause unbedingt den Vorzug einräumen.
Es war keine officielle Visitenzeit, da diese in Indien um 7 Uhr beginnt. Wir entfernten uns, nachdem wir noch versprochen hatten, vor unserer Weiterreise noch einmal vorzusprechen und uns für den guten Willen bedankt hatten, als er uns zur »Rysttafel« einladen oder eine Contrevisite machen wollte. Wir fuhren noch eine halbe Stunde in der Stadt herum, sahen zwei Mühlen zur Entpolsterung des Reises, zwei Eisfabriken, zwei Buchdruckereien, eine Mineralwasserfabrik, vierzehn chinesische Mühlen zur Entpolsterung des Reises, fünf chinesische Brodbäckereien, vierzig malaiische Schmiede, fünf chinesische Oelmühlen, einige Ziegelfabriken und zahlreiche Werkstätten von Silber- und Goldschmieden, und zuletzt fuhren wir durch einen Kampong, an dessen Ausgang eine Gruppe malaiischer Frauen (Fig. 24) stand, welche ich, nach ihren Haartrachten zu urtheilen, für Bewohner des nordöstlichen Atjehs gehalten hätte.