21 Jahre in Indien. Dritter Theil: Sumatra.

Part 10

Chapter 103,435 wordsPublic domain

In der Regel brachten meine monatlichen Reisen nach Pankalan Siatas mir eine willkommene Abwechslung in der Gesellschaft. Wenn man täglich nur vier Menschen sieht und spricht, tritt das Verlangen, andere Menschen zu sehen, andere Stimmen zu hören und andere Anschauungen austauschen zu können, fühlbar auf. Es mag in Europa Landherren oder Beamte geben, welche in kleinen Städten, Dörfern u. s. w. in ähnlichen Verhältnissen leben; aber diese Uebelstände machen sich in Indien fühlbarer, weil man keine Möglichkeit kennt, sie zu verändern.

Zwei Mal hatte ich auf diesen Fahrten eine kleine Abwechslung. Das erste Mal begleitete mich ein Geistlicher, welcher acht Tage vorher nach Seruway gekommen war, um den katholischen Soldaten für einige Tage religiösen Zuspruch zu gewähren, etwaige neugeborene Soldatenkinder zu taufen und Gelegenheit zur Beichte zu geben. »Pastor« X. fuhr mit mir nach Pankalan Siatas, von wo er mit dem nächsten Dampfer seinen zeitlichen Standplatz Medan aufsuchen wollte.

Wir waren kaum drei Kilometer hinter Seruway, als die Schraube mit einem einem Kanonenschusse ähnlichen Knall brach. Unwillkürlich entschlüpfte mir das in Indien übliche Scherzwort: »Nun ja, wir haben einen Pfarrer an Bord, also müssen wir ein Unglück bekommen«, und dieser brave Mann bekam eine Röthe wie ein Backfischchen. Als ich ihn versicherte, dass ich dieses Sprichwort nicht als Vorwurf gebraucht habe, theilte er mir mit, dass ihm diese Legende bekannt sei, dass sein Erröthen mehr die Erschütterung der kleinen Dampfbarcasse als meinen Scherz zur Ursache habe und dass er mir gewiss nicht zürne. --

Der Bruch der Schraube hatte weiter keine unangenehmen Folgen. Wir fuhren ja stromabwärts; die Strömung des Flusses -- zur Zeit der Ebbe des Meeres -- brachte uns vorwärts; das Steuerruder war intact, wir konnten also trotz der zahlreichen Krümmungen des Tamiangstromes ungefährdet allen Ecken und vorspringenden Ufertheilen ausweichen, und als wir die Mündung des Stromes erreichten, war die Reserveschraube eingesetzt.

Die beiderseitigen Ufer boten nach keiner Richtung etwas Sehenswerthes. Der Wasserstand war niedrig, die hohen Ufer waren mit undurchdringbarem Gebüsch bedeckt, aus welchem die Nipahpalmen, die Brutstätte der Mosquitos, hervorragten, und gegen das Ende des Stromes verflachten sich die Ufer allmählich so weit, bis sie das Niveau des Meeres erreicht hatten.[52] Dennoch besitzt das linke Ufer ein geologisches Curiosum, auf welches mich der Steuermann der Barcasse aufmerksam machte, und zwar gerade gegenüber dem Haupteingange des Forts.

Bei meiner Ankunft in Seruway borgte ich mir einen Kahn aus und fuhr mit vier Sträflingen dahin, welche Hacke und Schaufeln mitnahmen. Ich fand, wie mir jener mitgetheilt hat, einen kleinen Hügel, welcher aus kleinen Muschelschalen, etwa von der Grösse eines halben Pfennigs, bestand. Der Boden rings um diesen kleinen Hügel bestand aus Lehm mit Humus gemischt. Mir ist bekannt, dass der Kiel von Dampfern und Schiffen sehr oft Gebilde des Meeres bis tief in’s Innere des Landes verschleppen könne; aber dieser ganz isolirte Haufen von tausenden und tausenden kleiner Muscheln, mitten im Alluvialboden und noch dazu vier bis fünf Stunden von der Küste entfernt, war nicht nur mir ein Räthsel, sondern war auch von jeher den Eingeborenen eine unverständliche Erscheinung. W. Splieth beschreibt uns im Archiv für Anthropologie von Schleswig-Holstein im Jahre 1888 (?) solche Muschelhaufen oder, wie er sie nennt, solche Kjokkenmodding als wichtige Documente der Steinzeit. Leider hatte ich damals keine Ahnung von der Bedeutung dieser »Faciesbildung« für die Paläontologie und unterliess es darum, sie auf Ueberreste von Thieren oder Menschen oder Geräthen zu untersuchen. Vielleicht genügt diese Mittheilung, jemand Andern, welcher sich in dieser Gegend aufhält, zur Untersuchung dieser »Facies« anzuregen.

Das zweite Abenteuer, welches ich bei dieser Fahrt auf der Dampfbarcasse erlebte, lief ebenfalls gut ab, hatte aber eine kleine Expedition zur Folge.

Schon durch einige Wochen kamen bei dem Controleur Berichte ein, dass die Atjeer beabsichtigen, die »Ostküste von Sumatra« zu überfallen und selbst die Hauptstadt Medan anzugreifen; zu diesem Zwecke sollten zunächst einige atjeische Aufwiegler in dem Bezirke Langkat die Eingeborenen zum Kampfe gegen die Holländer aufreizen und die benachbarten Stämme der Batakker zum Einfallen in die Tabakplantagen veranlassen. Da schon einen Monat lang diese Spionenberichte einliefen, ohne dass thatsächlich irgend etwas geschah, glaubte ich im Januar 1884 meine gewöhnliche Inspectionsreise nach Pankalan Siatas machen zu können, umsomehr als der Controleur keine Ursache hatte, mich davon zurück zu halten. Kaum hatte ich jedoch ein paar hundert Meter zurückgelegt, als wir fünf Atjeer mit Gewehren bewaffnet am linken Ufer mit uns gleichen Schritt halten sahen. Sofort liess ich umkehren, und als ich im Fort ankam, erfuhr ich, dass der Controleur von der Anwesenheit dieser Feinde bereits Nachricht erhalten habe, und dass der Officierstellvertreter sofort mit zehn Mann ausrücken müsse, um sich dieser Aufwiegler -- todt oder lebend -- zu bemächtigen. Durch meine Zurückkehr sei dieser nun in der angenehmen Lage, mit der Dampfbarcasse die kleine Expedition ausführen zu können, während er im andern Falle ein gewöhnliches Boot hätte benützen müssen. Einer von diesen fünf Feinden wurde getödtet, die andern vier gefangen und nach Medan gesendet.[53]

Meine Inspectionsreisen haben in den Plantagen selbst nichts Besonderes oder Interessantes aufzuweisen. Bei meiner Ankunft untersuchte ich die fünfundzwanzig Mann auf geheime Hautkrankheiten und nahm dann bei dem Militär-Commandanten oder bei dem Pflanzer mein Mittagsmahl ein. Die beiden Herren erfreuten sich mit ihren Frauen und ihren Kindern einer besonders guten Gesundheit, so dass ich nur einmal und zwar bei meiner Abreise aus dieser Provinz Anlass hatte, auch mit ihnen ärztlich mich zu beschäftigen.

Auch im Marodenzimmer in Seruway hatte ich im Allgemeinen wenig schwere Krankheitsfälle in Behandlung. Die für die Topographie des Ortes unvermeidlichen Fälle von Wechselfieber, einige kleine Verwundungen und einige Hautkrankheiten[54] -- das sind alle Krankheiten, welche ich von Seiten der Compagnie in Behandlung bekam. Die ersten Wochen meines Aufenthaltes brachten mir jedoch viele Sorgen mit der Behandlung kleiner Wunden. Das Marodenzimmer bestand nämlich aus Matten von gespaltenem Bambus. Darin lagen zwei Patienten mit kleinen Wunden, welche plötzlich eines Tages ein sehr übles Aussehen bekamen; es war Hospitalbrand hinzugetreten (Gangraena nosocomialis). Ich erfuhr von dem Krankenwärter, dass einige Wochen vor meiner Ankunft ein Patient an Spitalbrand in diesem Zimmer gestorben war. Ich liess sofort das Zimmer räumen, diese zwei Patienten in den »Cholerasaal« bringen, welcher sich ausserhalb des Forts befand und noch niemals gebraucht worden war, und sandte an den militärischen Commandanten einen wohl motivirten Vorschlag, dieses Marodenzimmer niederreissen und verbrennen zu lassen. Das Verlassen dieses Marodenzimmers und eine energische Behandlung reichte hin, das Fortschreiten des Brandes bei diesen zwei Patienten aufzuhalten, und so blieben sie nicht nur dem Leben erhalten, sondern ich war auch nicht bemüssigt, grössere Körpertheile zu entfernen.

Auch ein atjeischer Patient meldete sich an; er hatte Elephantiasis, und ich erfreute mich eines sehr schönen Resultates; er war beinahe ganz geheilt, als ihn eines Tages ein eigenthümlicher Zufall veranlasste, um sofortigen Abschied aus der Spitalbehandlung zu bitten. Der militärische Commandant liess nämlich eines Tages exercitii causa Alarm blasen. Die Soldaten eilten zu den ihnen angewiesenen Schiessöffnungen und feuerten mit blinden Patronen. Mein atjeischer Patient glaubte hierin ein Vorspiel für einen Ernstfall zu sehen, vertraute der Zukunft nicht und liess sich um keinen Preis im Spitale zurückhalten. Bei seiner Aufnahme war nicht nur der ganze linke Unterschenkel zu einer beinahe brettharten dicken Säule erstarrt, sondern auch das Fussgelenk und das Knie waren durch die starre Haut unbeweglich geworden. Bei seinem übereilten Abschied waren Fuss und Kniegelenke beweglich geworden, und der Unterschenkel hatte beinahe normale Form. Allerdings war die Haut desselben noch theilweise infiltrirt.

Am 17. Januar hatte ungefähr eine Stunde vom Fort entfernt ein »Amok«-Fall stattgefunden. Der Rasende hatte vier Menschen verwundet, bevor es gelang, ihn unschädlich zu machen; ein Atjeer und ein Chinese wurden getödtet; ein zweiter Eingeborener erhielt fünf Wunden und das vierte Schlachtopfer nur einen Stich am linken Vorderarm. Diesen einen Unglücklichen sandte mir der Controleur zur ärztlichen Behandlung und zwar in Begleitung der Frau des »Amokläufers«. Ich hatte darum ersucht, um mich so gründlich als möglich mit dieser Frage beschäftigen zu können. Da die Eingeborenen der Suggestion ausserordentlich leicht zugänglich sind, so bemühte ich mich, jeden »Hineinexaminirens« mich zu enthalten und sorgte auch dafür, dass der Dolmetsch auf die Antworten dieses Atjeers keinen Einfluss nahm. Schon die erste Frage, die ich stellte, brachte eine befriedigende Antwort. Ich liess mir einfach mittheilen, was der Bösewicht (?) kurz vor dem »Amoklaufen« gethan hatte. »Nichts,« erhielt ich zur Antwort, »denn er hatte ja das Fieber; sein Körper war heiss und er delirirte (bitjâra gîla), plötzlich sprang er auf, ergriff den Dolch (rêuntjong) und schwang ihn nach allen Seiten und stiess ihn in die Brust des Nachbarn, welcher nur geholfen hatte, dem Kranken die abkühlende Salbe auf die Stirne zu reiben. Ich lief auf die Strasse um Hülfe zu rufen; unterdessen war er hinter mir nachgelaufen und verwundete noch drei Männer, welche auf meinen Hülferuf herbeigeeilt waren.«

So oft und so nachdrücklich ich mich erkundigte, ob diese Schlachtopfer in irgend einer Weise als persönliche Feinde direct oder indirect Anlass zu einer erbitterten oder gehässigen Stimmung gegeben hätten oder vielleicht vor längerer Zeit seinen Hass oder Neid oder Missgunst oder Eifersucht erregt hätten, die der Mörder nur zeitweilig nicht gezeigt habe -- auch diesem wurde auf das Bestimmteste widersprochen.

Es war also der typische Fall des »Amoklaufens«,[55] bei welchem der Rasende ohne Unterschied der Person, des Geschlechtes und des Alters jeden Menschen verwundet, der ihm entgegentritt. Dieser Fall bestreitet jedoch alle bisherigen Theorien, welche über die malaiische Sitte des Amoklaufens aufgestellt wurden. Dieser Mann rauchte kein Opium, er war von keinem religiösen Wahnsinn ergriffen, er wollte sich nicht auf diese ungewöhnliche Weise das Leben nehmen, um trotz des Verbotes des Selbstmordes der Freuden des Himmels theilhaft zu werden; es war ein Kranker, welcher im Fieber delirirte.

* * * * *

Auch einen Krebsfall bekam ich zur Behandlung; es war ein Mann, welcher am rechten Oberschenkel eine Geschwulst von der Grösse einer Faust hatte; die Schmerzhaftigkeit der Geschwulst, das rasche Wachsen derselben, das schlechte Aussehen des Patienten liessen mich an einen Krebs denken, ohne dass ich mir darüber Gewissheit verschaffen konnte; der Patient verweigerte nämlich jeden chirurgischen Eingriff.

Wenn in letzter Zeit Professor Löffler in Greifswald eine neue Therapie der Krebskranken auf eine Thatsache gründen will, welche ihm von einem Arzt auf Borneo mitgetheilt wurde, dass nämlich in den Tropen Krebsfälle selten oder gar nicht vorkommen sollten, dann muss ich seiner Theorie den Boden entreissen. Diese Thatsache ist unrichtig. In den Tropen kommen Krebsfälle ebenso häufig oder ebenso selten als in Europa vor. Ich kann diese Behauptung natürlich unmöglich durch »grosse Ziffern« beweisen; wenn aber der einzelne Arzt, wie ich z. B., schon von zehn Fällen zu berichten weiss,[56] ohne dass ich mein statistisches Material durchforscht habe, dann darf ich mir diese Behauptung erlauben. Wie viele Krebsfälle haben dann die hunderte und tausende übrigen Aerzte gesehen? Wie viel Krebsfälle kamen in den tausend und tausenden Quadratmeilen der Insel vor, welche ich nicht gesehen habe. Wie viel tausend und tausende Krebskranke sind ihren Leiden erlegen, ohne dass ein europäischer Arzt sie gesehen, ich will nicht sagen obducirt hat? Unter den erwähnten zehn Fällen sind vier, welche ich dem Jahresberichte 1895 der indischen Armee entnommen habe; die übrigen habe ich entweder selbst gesehen oder selbst behandelt.

1. Im Jahre 1884 litt Regimentsarzt Dr. A. an Magenkrebs und ging nach Wien, um von Billroth sich operiren zu lassen.

2. Im Jahre 1891 starb mein Chef, ein Oberstabsarzt, an einem Lippenkrebs.

3. Den 13. April 1892 operirte ich im Militärspitale zu Ngawi einen Javanen, welcher einen Krebs im rechten Augapfel hatte.

4.? behandelte ich einen europäischen Soldaten, welcher einen Nierentumor hatte; bei der Section war die ganze rechte Niere zu einem Krebstumor umgewandelt und nur ein schmaler Saum der Rindensubstanz von ungefähr 2 mm Breite war erhalten.

5. Den 23. October 1893 kam ein ambonesischer Soldat -- aus den Molukken -- in meine Behandlung, der, so unglaublich es auch zu sein scheint, seinen Dienst bis zu diesem Tage als Soldat verrichtet hat, obzwar er in der Bauchhöhle einen grossen Tumor hatte. Der Apotheker Wetselaar war so freundlich, ihn in vivo zu photographiren; die Photographie ist noch in meinem Besitze; man sieht in der Magengrube eine Geschwulst hoch über das Niveau der Umgebung hervorragen. Seine Frau theilte mir die Vermuthung mit, dass er das Opfer einer eifersüchtigen Nebenbuhlerin, d. h. vergiftet worden sei. Dadurch wurde mir die Gelegenheit geboten, eine Section vornehmen zu können, als er 5 Wochen später seiner Krankheit erlag.

In der holländisch-indischen Armee, welche zur Hälfte aus mohamedanischen Soldaten besteht, darf nämlich -- abgesehen von gerichtlichen Fällen -- an eingeborenen Soldaten aus religiösen Motiven keine Section gehalten werden, es sei denn, dass von der Familie oder von seinen Kameraden »ausdrücklich dazu Erlaubniss gegeben wird«. Ich liess also nach dem Tode dieses Patienten seine Frau kommen und theilte ihr mit, dass ich für meine Person nicht glaube, dass ihr Mann durch eine Vergiftung gestorben sei, dass ich aber die +wahre+ Todesursache nur dann angeben könnte, wenn ich wenigstens die Bauchhöhle öffnen und auf diese Weise den Bauchinhalt untersuchen könnte. Sofort ersuchte sie mich, dies zu thun, und die Autopsie bestätigte die Diagnose in vivo: Scirrhus-Krebs des Netzes.

6. Den am 16. Januar 1884 in Seruway beobachteten Fall kann ich ebenfalls als Carcinoma anführen -- er ist ja in meiner Notiz als »Epitheliom der Glutaei« genannt --, obzwar ich ihn nicht operiren durfte. Die klinischen Erscheinungen, wie ich sie oben mitgetheilt habe, rechtfertigen ja die Wahrscheinlichkeits-Diagnose: Krebs.

Ich muss es wiederholen, dass diese Zahl der Krebskranken, welche ich hier mittheile, nicht gross ist; ich habe aber mein statistisches Material nicht zu Rathe gezogen; vielleicht würde ich noch einige Fälle finden; aber dessen ungeachtet fühle ich mich zur Behauptung berechtigt, dass in den Tropen, also in ausgesprochenen Malarialändern, der Krebs vorkomme und dass Professor Löffler in seiner Therapie dieser unglücklichen Patienten von einer falschen Prämisse ausgeht.[57]

* * * * *

Sehr Weniges hat während meines Aufenthaltes in Seruway meinen Geist beschäftigt; der Verkehr mit den übrigen fünf Europäern beschränkte sich auf wenige Minuten des Tages und, als ich krank wurde, nur auf wenige Augenblicke in der Woche; die Eingeborenen bekam ich aus mir heute noch unbekannter Ursache niemals zu Gesicht; von den Unterofficieren war keiner so gebildet, dass ich den besonders in kleinen Forts unvermeidlichen Abstand zwischen Unterofficier und Hauptmann (diesem Rang war ich »assimilirt«) ausser Acht lassen konnte; mein Bedienter war der Typus eines stillen, wortkargen und gelassenen Malaien; seine Frau, welche das Amt einer Köchin versah, war eine sehr schöne Frau, welche aus naheliegenden Ursachen alle Befehle nur durch den Mund ihres Mannes erhielt; die Praxis im Marodenzimmer beschäftigte mich täglich im Durchschnitt nicht mehr als eine viertel Stunde; also Bücher, Bücher und wiederum Bücher mussten mir Ersatz für Alles bieten, was die menschliche Civilisation zur Befriedigung des Geistes, des Herzens und des Gemüthes seit Jahrhunderten geschaffen hat.

Ich wurde auch krank. Mein Rheumatismus stellte sich in heftigem Grade ein; ich konnte nur mit Mühe den Weg zum Marodenhaus zurücklegen, der nicht länger als 15 Schritt war. Ich bekam auch ein Recidiv eines schmerzhaften Ohrenleidens (Otitis media), welches im Jahre 1877 auf Borneo mich überfallen hatte und seit dieser Zeit hin und wieder mir rasende Schmerzen verursachte. Aber noch eine dritte Krankheit trat gleichzeitig mit diesen zwei schmerzhaften Erkrankungen auf. Ich bekam Blutungen aus der Blase! Ohne häusliche Pflege und ohne ärztliche Hülfe eines Collegen lag ich der Verzweiflung nahe und wartete auf meinen Nachfolger, um den ich bei dem ersten Anfall des Ohrenleidens nach Batavia geschrieben hatte. Den 23. Februar konnte dieser eintreffen. Es waren traurige Tage; durch Morphium wollte ich die Schmerzen nicht stillen, weil ich den Morphinismus fürchtete, welcher in den meisten Fällen durch chronische langdauernde Krankheiten veranlasst wird; zum Genever oder zur Weinflasche als Betäubungsmittel hatte ich niemals meine Zuflucht genommen, weil ich den Alcoholismus als Schreckgespenst im Hintergrunde sah; nur Eines hielt mich in diesen traurigen Tagen aufrecht: Am 23. Februar kommt ein College, welcher mich durch locale Behandlung radical von meinem Ohrenleiden und von meiner Blasenblutung befreien wird.

Der 23. Februar kam, die Post kam, aber mein Nachfolger kam nicht; und es kam ein Privatschreiben des Landessanitätschefs von Medan, in welchem er mir mittheilte, dass ein officieller Brief von Batavia von ihm Aufklärung verlange, was denn dem Regimentsarzte Dr. Breitenstein fehle, dass er sofortige Ablösung verlange, und dass das Vermuthen nahe liege, dass dieser nur darum um Ablösung ersucht habe, weil es ihm in diesem »abgelegenen Posten« nicht mehr gefalle. Dr. X. ersuchte mich also, ihm die nähern Details meiner Krankheit mittheilen zu wollen.

Es war der traurigste Tag meines Lebens: von Schmerzen in den beiden Kniegelenken und im linken Ohr gepeinigt, bedroht durch die Blutungen aus der Blase und jeder Aussicht beraubt, vor vier Wochen ärztliche Hülfe erlangen zu können. Psychisch und physisch das Opfer der traurigsten Verhältnisse griff ich in derselben Nacht -- zum Revolver. Doch die Lebenslust behielt die Oberhand -- ich sollte ja in wenigen Wochen erst 36 Jahre alt werden. Ich warf den Revolver in die Ecke des Zimmers, schleppte mich zum Schreibtische und schrieb ein Telegramm an den Sanitätschef in Batavia und einen Brief an den »Militär-Commandanten zu Seruway«. In dem Telegramme theilte ich einfach mit, dass ich wegen Krankheit mit der nächsten Gelegenheit Seruway verlasse, und in dem Briefe an meinen Nachbar bat ich, die Dampfbarcasse, welche die Post gebracht hatte, einige Stunden auf mich warten zu lassen, weil ich sofortige Hülfe für mein Leiden unerlässlich erachte und mich evacuiren müsse, und verständigte ihn davon, dass gleichzeitig ein Telegramm nach Batavia geschickt werde, mit der Bitte, sofort einen Nachfolger zu senden.

Früh um 6 Uhr bat ich den Agenten des Garnisonlieferanten, meine Möbel in Commission zu nehmen, liess meinen Bedienten die Koffer packen und um 10 Uhr sass ich in der Dampfbarcasse, die mich nach Pankalan Siatas brachte, und Abends um 8 Uhr bestieg ich den Dampfer der »indischen Dampfschifffahrtsgesellschaft«, welcher zwischen der »Ostküste Sumatras«[58] und Batavia einen 14tägigen Verkehr unterhielt. In Riouw, der damaligen Residenzstadt der Provinz »Riouw und Vasallenstaaten«, traf ich Dr. X., der vielleicht (?) schon vor Erhalt meines Telegramms[59] angewiesen war, mich abzulösen.

Der Herr Gideonse besorgte mir den Verkauf meiner Möbel, welcher nicht mehr als fl. 295.25 erzielte, während zwei Monate später die Auction des Militär-Commandanten fl. 1900 aufbrachte. Es ist ja eine alte Erfahrung, dass die Freundschaft mit den Verwaltungsbeamten in den holländischen Colonien buchstäblich viel Geld werth ist. Wie ich schon früher[60] mittheilte, bedingt die flottende europäische Bevölkerung die Existenz eines Auctionsamtes, in welchem von der Regierung entre autre der Verkauf der Einrichtungen der transferirten Beamten und Officiere besorgt wird. Die Versteigerung wird gerne von den Eingeborenen besucht, welche sich auf bequeme und billige Weise mit europäischen Möbeln und Schmuckgegenständen versehen und zugleich »ein Andenken an ihre europäischen Freunde« für ihr gutes Geld verschaffen können; es liegt im Charakter des Eingeborenen, in erster Reihe in allen Männern von Einfluss »ihre Freunde« zu suchen und dem neu auftretenden Würdenträger zu zeigen, wie hoch und wie theuer sie das Andenken an »ihren Freund« zu erwerben bereit sind. So erklärt es sich, dass alle Beamten und Officiere, welche mit den Eingeborenen bei Lieferungen und Arbeiten für die Regierung in Verkehr stehen, trotz zahlreicher Transferirungen keinen geldlichen Schaden erleiden, während die dii minorum gentium »drei Transferirungen für einen Brand« erklären. Auch die guten Freunde der Verwaltungsbeamten participiren an diesen Vortheilen, weil die Eingeborenen und auch die Chinesen schon aus der Art und Weise, wie eine Auction von den Verwaltungsbeamten poussirt wird, einen Maassstab für die Bedeutung und Einfluss des abtretenden »Freundes des Beamten« sich schaffen. Ich wiederhole aber gerne, was ich schon im zweiten Bande mitgetheilt habe: Das Auctionsamt in Indien entspricht geradezu einem dringenden Bedürfnisse der herrschenden Verhältnisse, und die damit verbundenen Missbräuche vermindern sich von Jahr zu Jahr.

Ende Februar kam ich in Batavia an und wurde vom Sanitätschef etwas unfreundlich empfangen, weil ich mich einer bessern Gesundheit erfreute, als er erwartet hatte. Die Blutungen hatten aufgehört, die Attaque des Rheumatismus war abgelaufen und die Otitis hatte sich so weit gebessert, dass die Schmerzen mir nicht mehr die Nachtruhe raubten. Ich wurde zur weiteren Behandlung im Spitale aufgenommen, und erst am 3. Mai konnte ich einen 2jährigen Urlaub nach Europa antreten, wo ich radicale Heilung meiner Krankheiten suchen und finden sollte.

Den 20. Mai 1886 heirathete ich in Rotterdam die Tochter eines Buchdruckers und trat sofort die Rückreise nach Indien an; die Hochzeitsreise führte mich nach Wien, wo ich zwei Wochen bei meiner Familie mich aufhielt, und schiffte mich den 19. Juni in Marseille ein. Den 20. Juli kamen wir wohlbehalten in Batavia an, und schon den 25. Juli las ich in der Zeitung, dass ich nach Atjeh in Nord-Sumatra gehen müsste, wo seit 1873 ein Guerillakrieg mit abwechselndem Kriegsglücke für beide Seiten geführt wurde. Am 30. Juli schiffte ich mich mit meiner Frau auf der »Tambora« ein, nachdem mir telegraphisch vom Gouverneur von Atjeh die Erlaubniss mitgetheilt wurde, meine Frau mitzunehmen.