»1906«. Der Zusammenbruch der alten Welt

Part 8

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Der schnelle Vorstoß der deutschen ersten Armee richtete sich auf die französische Grenze, die geringen belgischen Truppen und die hastig nach Belgien hinübergeworfenen französischen Truppen vor sich aufrollend und zusammentreibend. Bis nach Namur war die Bahnlinie seltsamerweise völlig unversehrt. In Namur traf man auf die ersten gesprengten Brücken und zerstörten Schienenstränge. Da die Hauptlinie Lüttich--Namur--Charleroi schnell von den Deutschen besetzt wurde, fiel das gesamte rollende Material auch auf den Zweiglinien der belgischen Bahn in deutsche Hände. Das war das erste Versäumnis des Feindes. Die teilweise aufgerissenen Schienen und die ziemlich ungeschickt gesprengten Brücken wurden in wenigen Tagen wieder repariert, so daß der Verkehr bis Charleroi sofort funktionierte, ein erfreulicher Erfolg. Für die Niederhaltung der unruhigen belgischen Arbeiterbevölkerung, die von fanatischen Pfaffen zwar aufgereizt wurde, sich aber passiv verhielt, sorgten in allen Städten verstreute starke Truppenabteilungen, denen teilweise auch noch recht bedeutendes Kriegsmaterial in die Hände fiel.

Der sozialistische Aufstand in Charleroi.

Als sich der erste deutsche Truppentransport Charleroi näherte, brannte der dortige Bahnhof lichterloh. Die seitwärts der Bahn gegen die Stadt vorrückenden deutschen Truppen stießen zwischen den ersten Häusern bereits auf Widerstand. Fast sämtliche Straßen waren durch Barrikaden gesperrt, die sich innerhalb der Stadt zu einem Kreise zusammenfügten, der auch den Bahnhof mit einschloß. Ein von dem Bürgermeister der Stadt den Deutschen entgegengesandter Parlamentär klärte über die Sachlage auf. Die sozialistischen Arbeiterführer hatten, empört über das Verhalten des Königshauses, welches beim Einrücken der fremden Heere sein Heil in der Flucht gesucht hatte und das unglückliche Land in der furchtbaren Lage zurückließ, den Kampfplatz zwischen den beiden Gegnern abgeben zu müssen, den städtischen Magistrat abgesetzt und hatten dafür die rote Republik erklärt. Mit den Bergarbeitern des Bezirkes von Charleroi, die von allen Seiten in die Stadt hineinströmten, verfügten die Sozialisten über nicht unbeträchtliche Streitkräfte, die zudem alle militärisch geschult und gut bewaffnet waren. Man hatte in der Stadt die öffentlichen Gebäude angezündet, wüste Plünderungsszenen hatten bereits in den Bürgerhäusern stattgefunden und Mord und Brand und unerhörte Grausamkeiten bezeichneten den Anfang des roten Schreckens.

Die deutsche Armeeleitung führte die Truppentransporte um die Stadt herum und stellte hinter ihr die zerstörten Bahnlinien ziemlich schnell wieder her, so daß man nach vier Tagen an der französischen Grenze stand. Hinter der deutschen Front fiel drei Regimentern mit starker Artillerie die Aufgabe zu, den Widerstand der zum Äußersten entschlossenen sozialistischen Terroristen zu brechen. Die deutschen Truppen, die zunächst Charleroi zernierten, hatten sich das erste Zusammentreffen mit dem Feinde etwas anders vorgestellt. Anstatt in offener Feldschlacht dem Gegner entgegentreten zu können, hatte man sich hier zwischen brennenden Straßen mit allem möglichen Gesindel und einer zum blinden Fanatismus aufgehetzten Zivilbevölkerung herumzuschlagen. Langsam nur gelang es, eine Barrikade nach der anderen einzunehmen, sie waren aus den Trümmern zerstörter Häuser errichtet und gegen diese meterdicken Steinwälle erwies sich die Artillerie ziemlich wirkungslos, und für die Hunderte, die unter dem deutschen Schrapnellfeuer verendeten, traten immer neue Kämpfer in die Lücken. Die Hauptsache war, daß man den Bahnhof bald in die Hände bekam, damit die doch recht unzulängliche provisorische Bahn um die Stadt herum wieder ausgeschaltet werden konnte. Aber gerade über die Schienenstränge vor dem Bahnhof zogen sich die stärksten Barrikaden hin. Sie waren teilweise aus den meterhohen Papierrollen hergestellt, wie sie von Zeitungsrotationspressen verwendet werden, und dieses zähe, elastische Material war durch Granatfeuer kaum zu zerstören. Selbst gegen Haubitzgranaten erwiesen sich diese Papierrollen als eine außerordentlich widerstandsfähige Deckung, so daß man im weiteren Verlauf des Krieges auch auf deutscher Seite solche Zeitungspapierrollen beim Bau von Schanzen und Blindagen sehr gern verwendete.

Erst nach mehreren Tagen, nachdem eine Pionierabteilung regelrechte Minengänge an die Barrikaden herangeführt hatte, wurden diese Stellungen erobert. Aber auch dann noch erforderte die Einnahme der Stadt ungeheure Opfer, da die Bergleute in allen Straßen mit den ihnen in die Hände gefallenen Dynamit- und Pulvervorräten Flatterminen gelegt hatten, die, unter den vorstürmenden deutschen Truppen explodierend, ganze Abteilungen zerrissen. Als dann der Bahnhof in deutschen Händen war, wurde das Ende dieser Schreckensherrschaft dadurch beschleunigt, daß unter den sozialistischen Anführern selber Streitigkeiten ausbrachen. Am letzten Tage des Kampfes kehrten sich die Waffen der Empörer gegen einander, als die deutschen Regimenter bereits die Verteidigung der völlig in Trümmer liegenden und an allen Orten brennenden Stadt auf einen nur noch kleinen Kreis von Barrikaden beschränkt hatten. Die Blutorgie von Charleroi erlosch, als sich die Wut des Pöbels in seinem eigenen Blute kühlte.

Diese Ereignisse blieben nicht ohne Eindruck auf die sozialistische Partei in Deutschland, hatte man doch hier gesehen, welche Opfer auf die Schlachtbank geführt werden, wenn man der Bestie den Käfig öffnet.

Die ersten Gefechte an der französischen Grenze hatten mit der Zurückwerfung der drei französischen Armeen geendet. Die von Calais her erhofften englischen Hilfstruppen waren noch immer ausgeblieben, und mit der Besetzung von Calais durch deutsche Truppen war Antwerpen nach Süden isoliert und von dort den Engländern der Weg in den Norden Frankreichs abgeschnitten. Die englischen Transportdampfer führten Tag um Tag neue Truppen nach Antwerpen, aber dieser Strom wurde sehr bald dünner, nachdem die mobilen Truppen aus den englischen Häfen evakuiert waren und bis zur Mobilisierung der Miliz eine große Pause eintrat. Infolgedessen entschloß man sich erst spät zu einem Vorstoß auf die rechte deutsche Flanke, die hier unmittelbar nur durch ein Beobachtungskorps gedeckt war, das jedoch senkrecht auf der breiten Basis der deutschen Etappenlinie stand. Die unaufhörlich hier in der Richtung nach Südwest vorüberflutenden Truppenmassen brauchten gewissermaßen nur rechtsum zu machen und standen als eine riesenhafte Front Antwerpen gegenüber.

Schon lagen die französischen Grenzfestungen im Rücken der siegreich vordringenden deutschen Armeen, man begnügte sich damit, sie durch kleinere Detachements zu cernieren, die ausreichend waren, einen Ausfall zu verhindern und überließ es der Zeit und dem Hunger der eingeschlossenen Besatzung, sich selber den Tag der Übergabe zu wählen. Wenn diese Detachierung deutscher Beobachtungskorps immerhin auch die Feldarmee um eine große Anzahl von Streitern schwächte, so war dasselbe doch auch beim Gegner der Fall und die verhängnisvolle Bedeutung zwecklos gehaltener Festungen machte sich auf französischer Seite sehr bald geltend. In den französischen Festungen lagen Linientruppen, während man auf deutscher Seite diese vor den Festungen durch Landwehr sehr schnell ersetzte und dadurch die Feldarmee von einer mühseligen, zeitraubenden Aufgabe entlastete.

Der Krieg erzieht den Krieg. Die Erfahrungen, die man in den ersten Gefechten machte, führten zu einer Reihe von Änderungen an der Uniform und der Ausrüstung. So verschwanden schon nach wenigen Tagen die Fähnchen an den Lanzen der Kavallerie. Die Metallbeschläge und die Uniformknöpfe durften nicht mehr geputzt werden. Die glänzenden Säbelscheiden der Offiziere erhielten einen Farbanstrich und sehr bald gewöhnten sich die Offiziere daran, im Gefecht den ziemlich zwecklosen Säbel zurückzulassen, und griffen in der Feuerlinie lieber zum Karabiner, der dann überhaupt als Offizierswaffe eingeführt wurde. Im Gefechte wurden die Helmbezüge allgemein getragen und da die blinkende Helmspitze leicht den Platz liegender Schützen verriet, wurde sie abgeschraubt, wodurch freilich das Aussehen der Truppen dem von Feuerwehrleuten ähnelte. Aber mit kriegerischen Schmuckstücken gewinnt man keine Schlachten. Wenn auch der grundlose Schmutz ausgefahrener Landstraßen, das Biwakieren in Wind und Wetter allen Uniformen allmählich das gleiche »Kriegsgrau« verlieh, so fertigte man doch in der Heimat ein neues graues Militärtuch, dessen Farbenton ungefähr die Mitte hielt zwischen der Uniform der Maschinengewehrabteilungen und dem »Feldgrau«, welches bei einzelnen Truppenteilen 1905 versuchsweise eingeführt worden war, in großen Massen an, so daß bald die Feldarmee neu eingekleidet werden konnte. Es hatte sich nämlich herausgestellt, daß weniger die lebhaften Farben der Kavallerieuniform als vielmehr der dunklere Ton des Waffenrockes der Infanterie den Mann im Gelände auf weite Entfernungen erkennen ließ. Ebenso ließ man allem Lederzeug die Naturfarbe oder stellte sie nachträglich wieder her, da man in den ersten Gefechten besonders dem leuchtenden weißen Riemenzeug viele Verluste verdankte.

Die französischen Armeen hatten sich langsam rückwärts konzentriert. Die außerordentlich blutige Schlacht westlich von Lille und das gleichzeitige Gefecht bei Tournay hatten die französische Armee von der Küste und von Calais und somit von einer englischen Unterstützung an diesen Punkten abgeschnitten. Über 100000 Kämpfer deckten bereits das Schlachtfeld als die französische Armee auf der Linie Arras, Bapaume, St. Quentin, Laon und Châlons feste Stellungen einnahm, zwischen Laon und Châlons dann in Rheims einen gewaltigen Stützpunkt findend. Hier sollte zunächst die Entscheidung fallen. Auf französischer Seite standen hier etwa 600000 Mann, während die ihnen gegenüberstehende erste und zweite deutsche Armee etwa 400000 Mann zählen mochte. Über die Erfolge der dritten und vierten Armee, die bei Nancy und südlich davon standen, fehlten zur Zeit noch bestimmte Nachrichten, als der Kampf auf der langen Front hier im Norden begann. Die ersten Gefechte hatten sich hier in der Nähe der französischen Sperrforts entsponnen, von denen ein Teil nach wenigen Tagen bereits unter dem Steilfeuer der deutschen Belagerungsartillerie fiel und die somit ihren Ruf als eine absolut sichere Verteidigungslinie gegen Deutschland nicht rechtfertigten. Andere von diesen Sperrforts waren noch cerniert. Aus dem Süden, in der Nähe von Belfort, wurden zunächst die ersten in Deutschland sehr alarmierend wirkenden französischen Erfolge gemeldet, während auf dem südlichen Kriegsschauplatz die italienische und französische Armee sich unweit der Grenze ziemlich das Gleichgewicht hielten, ohne daß bisher ein entscheidender Schlag erfolgt war.

Das Ultimatum in Italien.

Die Nachricht von dem Gefecht auf der Reede von Apia war, ebenso wie in Berlin, am Nachmittag des 18. März in Rom eingetroffen und hatte dort große Erregung hervorgerufen. Handelte es sich doch, wenn es zu dem anscheinend unvermeidlichen Kriege zwischen England und Deutschland kam, um die Frage, welche Stellung Italien zu seinem Dreibundsgenossen einnehmen würde. Der erste Eindruck war lediglich der einer gewaltigen Bestürzung, und der Schrecken vor dem nahenden Unglück eines Krieges übte einen lähmenden Druck aus. Dazu kam, daß man dank des englischen Kabelmonopoles ja nicht einmal die volle Wahrheit kannte, man mußte also nach den vorliegenden Nachrichten Deutschland für den Staat halten, der durch seine schroffe Haltung den Zwischenfall von Samoa provoziert hatte. Daraus ergab sich auch, daß irgendwelche Begeisterung nicht aufkommen konnte; man fühlte sich wider seinen Willen von dem Verbündeten im Norden in eine Krisis hineingezerrt, deren Ausgang nicht abzusehen war.

Ebenso wie in Berlin, war die Nachricht aus Samoa während der Sitzung des Parlaments bekannt geworden. Der Ministerpräsident hatte schleunigst die Sitzung verlassen und war ins Königliche Palais gefahren. Als die Sitzung vorzeitig schloß, verließen die sozialdemokratischen Abgeordneten den Saal unter Hochrufen auf Frankreich. Da keine formulierten Abmachungen vorlagen über Italiens Verhältnis zu England, man sich aber an die Versprechungen, gelegentlich des Besuchs Eduards VII. im Quirinal bezüglich der Erwerbung von Tripolis erinnerte, so waren die Sympathien für beide in dem Drama von Samoa beteiligten Mächte geteilt. Man wußte, daß, sobald das Bündnis wirksam würde, das englische Mittelmeergeschwader mit dem Angriff auf italienische Häfen keinen Tag zögern würde.

Auf den Straßen wogten dichte Menschenmassen hin und her, und in den Kaffeehäusern wurde die politische Lage eifrig diskutiert. Erst spät ward der Platz vor dem Quirinal leer. Der Ministerpräsident, der abends um 8 Uhr vom König zurückkehrte, wurde auf der Straße Gegenstand lebhafter Ovationen, in die Hochrufe auf Deutschland mischten sich aber auch solche auf England und das dem Volksempfinden doch immerhin näher stehende Frankreich.

Auch der 19. März verlief ohne eine Entscheidung zu bringen. Man erfuhr nun allerdings aus Paris die ganze Wahrheit über das Gefecht vor Apia und über den schließlichen Sieg der deutschen Schiffe. Außerdem trafen Meldungen ein, die von einer Mobilisierung der englischen und französischen Flotte wissen wollten. Während man in London alle wichtigen Depeschen zurückhielt, hatte man eine wohl absichtlich passieren lassen, nämlich die Meldung der »Times«, daß guten Informationen zufolge, die englische Regierung es nicht dulden werde, daß Deutschland auf Bündnisverträge aus früherer Zeit zurückgreife, da es vor Apia nicht der Angegriffene, sondern der Angreifer gewesen sei. Das konnte nur als eine Warnung an Österreich und Italien aufgefaßt werden.

So verging der 19. März unter allgemeiner Unruhe. Der Ministerpräsident hatte erklärt, er sei vorläufig nicht in der Lage eine Interpellation in der Kammer zu beantworten, bevor nicht die Regierung nähere Nachrichten über die Vorgeschichte der Krisis erhalten habe. Ein anscheinend offiziös inspirierter Artikel der »Tribuna« aber erklärte, daß ein Konflikt mit irgend einer Macht Italiens Heer und Flotte vollauf gerüstet finden würde. Aus Spezzia und aus Neapel, wo das zweite Geschwader der Manöverflotte im Hafen lag, erfuhren die Zeitungen, daß dort alle Vorbereitungen getroffen würden, um eine schleunige Mobilisierung der Flotte vorzubereiten. Wo sich Truppenabteilungen auf der Straße zeigten, wurden sie von der Menge mit begeisterten Ovationen empfangen, und besonders die Marineoffiziere wurden in den Cafés als politische Orakelspender eifrig umlagert und ausgeforscht.

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Ein herrlicher Frühlingstag ging in Neapel zu Ende. Glutrot verschwand die Sonne hinter dem Kimm des tiefblauen Meeres, mit ihrem Glanz alle Vorgebirge und Bergspitzen vergoldend und das weiße Häusermeer der Stadt mit ihren letzten Strahlen überschüttend. Die leichte Rauchwolke über dem Vesuv begann sich bereits an der inneren Glut des Berges rötlich zu färben. Wer dieses einzig schöne Schauspiel oben von der Höhe des Castel St. Elmo genoß, dem ward es schwer, sich angesichts dieses Bildes tiefsten Friedens in den Gedanken zu versetzen, daß vielleicht innerhalb weniger Tage die Fluten des Krieges wiederum gegen diese sonnigen Gestade heranbranden könnten. Von unten her aus der Stadt drang das Geräusch der Volksmenge, die auf den Straßen hin und her zog. Ab und zu verdichtete sich das leise Brausen zu explosiv wirkendem Geschrei, wenn hier und da sich dichtere Gruppen um einen Redner zusammenschlossen, der wie ein hüpfender Punkt über der dunklen Masse der Köpfe schwamm. Unten am Hafen wo die vier schweren Panzer still auf der blauen Flut lagen, und vor den Kasernen am Castel Nuovo sah man die Menschenmenge sich stauen.

Während der Abend herabsank auf die bella Napoli wurden drüben in der Meerenge, wo Capri in einem blauen Meere von Dunst und Sonnengold schwamm, einige Rauchwolken sichtbar und beim letzten Schimmer des Tages sah man am Horizonte eine Reihe massiver Schiffskörper auftauchen. Drunten in der Stadt konnte man sie nicht mehr bemerken, dort lag bereits alles im Dunkel. Es fiel allerdings auf, daß man am Hafen die Ankunft des fälligen Dampfers aus Messina vergebens erwartete. Dieser, der Postdampfer »Calabria«, war nämlich von einem Teil des englischen Mittelmeergeschwaders unterwegs angehalten worden, welches in der Stille der Nacht langsam bis auf die halbe Entfernung zwischen Capri und Neapel herandampfte.

Gegen 11 Uhr abends legte in Neapel am äußersten Molo eine kleine pustende Dampfpinasse des englischen Kreuzers »Dido« an. Ein Leutnant stieg an Land, meldete im Auftrage seines Kommandanten auf dem Hafenamte das Eintreffen des englischen Kreuzers auf der Reede und begab sich hierauf von der Menge, die englische und italienische Marineuniformen nicht unterscheidet, unbeachtet auf das Telegraphenamt. Hier gab er nach Rom an die Adresse des englischen Botschaftssekretärs Hopkins folgende Depesche auf:

»Bin um 5 Uhr 58 Neapel eingetroffen und hoffe morgen mittag 12 Uhr Bescheid, wann meine Braut in Rom eintrifft«.

Der Telegraphenbeamte beförderte diese Depesche unbeanstandet, ohne zu wissen, daß Admiral Beresford damit dem englischen Botschafter am Quirinal mitteilte, daß er mit dem Geschwader von fünf Panzern, fünf Kreuzern und acht Zerstörern auf der Reede liege und bis zum 20. März mittags 12 Uhr Bescheid darüber erwartete, ob er gegen die italienischen Schiffe die Feindseligkeiten beginnen sollte. Noch bevor auf dem Hafenamte eine Ordonnanz aus dem Marinekommando eingetroffen war um den Führer der englischen Pinasse dorthin zu bitten, war diese bereits wieder lautlos im Dunkel der Nacht verschwunden.

Trotzdem die Ankunft des englischen Kreuzers, wie sie ihm das Hafenamt gemeldet hatte, den kommandierenden Admiral der zweiten Division des Manövergeschwaders stutzig gemacht hatte, nahm er, im Vertrauen darauf, daß ein einzelnes Schiff, gegenüber einer so starken Verteidigungsflotte, dem Hafen keine Gefahr bringen konnte, an dem Festmahl im Marinekasino teil, welches bis tief in die Nacht hinein dauerte, weil die widerstreitenden Ansichten der Offiziere über den Ausgang der politischen Krisis dem Gespräch immer neue Nahrung gaben.

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Während ein fahles Dämmerlicht den heranbrechenden Morgen in der römischen Hauptstadt ankündigte, fuhr ein schlichter Wagen vor dem Ministerium des Auswärtigen in Rom vor. Der englische Botschafter ließ den italienischen Minister um eine dringende Unterredung im Auftrage seiner Regierung ersuchen. Eine Viertelstunde später standen sich beide Männer gegenüber. Der Engländer griff kurz zurück auf die Vorgänge in Samoa und erinnerte daran, daß der deutsche Kreuzer die englischen Schiffe angegriffen habe. »Es ist uns bekannt,« fuhr er fort, »daß gewisse Bündnisverträge aus früherer Zeit bestehen, die Italien verpflichten könnten, Deutschland seinen militärischen Beistand zu leihen. Soweit wir diese Verträge kennen, kommt der Bündnisfall jetzt nicht in Frage, da Deutschland der Angreifer gewesen ist. Da um diese Stunde aber vielleicht (^I suppose^) die Feindseligkeiten in der Nordsee schon ausgebrochen sind, ist es für uns von Wert, zu wissen, welche Haltung die italienische Regierung einzunehmen beliebt. Wir können leider (^I regret sincerely^) nicht darauf warten, ob sich Italien auf die eine oder die andere Seite schlagen, oder neutral bleiben wird. Wir müssen daher darauf bestehen, eine klare Antwort zu erhalten und zwar bis heute mittag um 12 Uhr, da bereits die nächsten Stunden schwere Entscheidungen für uns enthalten können. Ich bin daher beauftragt von meiner Regierung,« der Botschafter erhob sich und stützte die rechte Hand auf den Schreibtisch des Ministers, »dem italienischen Ministerium des Auswärtigen folgendes zu unterbreiten:

In der verflossenen Nacht hat unser Mittelmeergeschwader Aufstellung genommen auf der Reede von Neapel und vor dem Kriegshafen von Tarent; gleichzeitig wird ein Teil der mit uns verbündeten französischen Flotte vor Spezzia erscheinen und ist beauftragt, Maddalena zu observieren. Wir sind gezwungen, diese Maßregeln zu ergreifen, um zu verhüten, daß die italienische Regierung, von Berlin aus beeinflußt, eine feindselige Haltung gegen uns einnimmt. Ich bin beauftragt, folgende Forderungen zu stellen: Die italienische Regierung erklärt, daß sie in dem jetzt ausgebrochenen Kriege völlig neutral bleiben will. Als Pfand für diese Versicherung fordern wir, daß uns für die Dauer des Krieges die Benutzung des Kriegshafens von Venedig als einer eventuellen Operationsbasis für unsere Flotte gegen die österreichischen Kriegshäfen von Pola und Triest eingeräumt wird. Diese Benutzung hat nur soweit zu gehen, als unseren Schiffen erlaubt wird, in Venedig Kohlen zu nehmen und kleinere Reparaturen auszuführen. Ich bin beauftragt, die zustimmende Antwort der italienischen Regierung bis 12 Uhr mittags entgegenzunehmen, anderenfalls würden wir gezwungen sein, unsererseits mit dem Angriff auf Neapel und andere Küstenpunkte zu beginnen, während gleichzeitig die französische Flotte gegen Spezzia und Maddalena vorgeht. Ich bitte zu bedenken, daß nach den Mitteilungen, die sich in unserem Besitz befinden, die italienische Flotte dem gegen sie detachierten Teil unserer Marine, sowie dem französischen Geschwader vor Spezzia nicht gewachsen ist. Die Abweisung unserer Bedingungen würde im Laufe des heutigen Tages demzufolge _die Vernichtung der italienischen Marine_ bedeuten und uns wahrscheinlich in Besitz der betreffenden Kriegshäfen setzen.«

Tiefes Schweigen herrschte in dem dämmerigen Gemach. Auf den Zügen des italienischen Ministers malte sich eine schlecht verhohlene Bestürzung. Der Engländer stand, die rechte Hand auf der Lehne des Stuhles, wie eine aus Erz gegossene Statue mitten im Zimmer. Der summende Schlag einer Uhr teilte die lastende Stille in kleine Stücke, es war 7 Uhr. Draußen auf der Straße hörte man den hallenden Schrei eines Ausrufers. Der Minister erhob sich und verabschiedete sich von dem Engländer mit den Worten: »Ich werde Sr. Majestät dem König die Vorschläge Eurer Exzellenz übermitteln und bedaure, daß das englische Kabinett uns in die Zwangslage versetzt, unsere Stellung in dem ausgebrochenen Konflikte so schnell zu wählen.«

Mit dem Bemerken: »Die Ereignisse sind stärker als wir«, verabschiedete sich der englische Botschafter.

Als Rom erwachte und seine Bewohner voll Erwartung nach den Zeitungen griffen, um aus ihnen zu erfahren, welche Entscheidung die letzten Stunden gebracht haben könnten, ahnte niemand, daß diese nicht draußen auf dem nordischen Meer, sondern im Königlichen Palais, wo eine ernste Beratung des Monarchen mit dem Gesamtministerium stattfand, bis um die Mittagsstunde fallen mußte. Erst um 10 Uhr wurde in Rom die Nachricht durch Extrablätter bekannt, daß auf der Reede von Neapel am Abend vorher ein englischer Kreuzer eingetroffen sei, und eine Stunde später erfuhr man, daß fünf große englische Panzerschiffe und eine Anzahl kleinerer Fahrzeuge auf der Reede Aufstellung genommen hatten.

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