»1906«. Der Zusammenbruch der alten Welt
Part 21
In diesem Moment dröhnte vom Strom her ein Kanonenschuß. Die angreifenden Engländer waren ebenso erstaunt wie ihre Feinde, als die Lehmmauer eines Hauses unter dem Pulverblitz einer berstenden Granate in sich zusammensank und alsbald mehrere schwere Geschosse durch die dichten Reihen der Mongolen blutige Furchen zogen. Gleichzeitig ließ der dumpfe Ton zweier Dampfpfeifen auf dem Flusse die fast verzweifelte Besatzung des Yamens erkennen, daß hier Hilfe herankam. Mitten auf der breiten Fläche des Jangtse dampften die beiden deutschen Kanonenboote heran, und nahmen mit ihren Schnellfeuergeschützen und Maschinengewehren die Chinesenstadt unter ein sehr wirksames Feuer. Unter dem Eindruck der nahenden Hilfe machten jetzt alle Europäer aus dem Yamen einen Ausfall und es gelang ihnen, da die Chinesen in wilder Flucht davonjagten, die Gefangenen zu befreien. Ergreifende Szenen spielten sich dann am Uferkai ab, als eine kleine Abteilung deutscher Matrosen an Land stieg und in das Yamen einrückte. Um die überlebenden Europäer an Bord zu nehmen und nach Schanghai zurückzubringen, dazu fehlte es leider den Kanonenbooten an dem nötigen Raum und vor allem an den erforderlichen Kohlen und so entschloß man sich, einstweilen hier zu bleiben, bis von Schanghai aus neuer Entsatz heranrücken konnte.
Die den Jangtse aufwärts dampfenden russischen Kanonenboote und Transportschiffe versahen Hankau, Nanking und einige andere Jangtseplätze mit ausreichenden Garnisonen, so daß man der weiteren Entwicklung der Dinge jetzt ruhiger entgegensehen konnte. Die deutschen Marinetruppen hatten zwei Wochen lang in Hankau, wo die Chinesen leider nur zu gut dafür gesorgt hatten, daß keine Lebensmittel mehr in erreichbarer Nähe waren, noch einen harten Dienst gehabt. Als dann der in Manila zu Beginn des Krieges aufgelegte havarierte Kreuzer »Condor« von dort in Schanghai eintraf, wurde die Besatzung von »Tsingtau« und »Vaterland« abgelöst, worauf sie mit einem englischen Dampfer in die Heimat geschickt wurde. Ihr schneidiges Vorgehen hatte in England so lauten Enthusiasmus erregt, daß die englische Regierung in Berlin das Ansuchen stellte, die Besatzung der beiden Kanonenboote möchte, wenn sie auf der Heimfahrt in Portsmouth einträfe, einige Tage lang Gast der Londoner Bevölkerung sein, eine Bitte, der man in Berlin selbstverständlich bereitwilligst entsprach.
Japan.
Eine große Enttäuschung bereitete Japans Haltung während des Krieges allen denen, die da geglaubt hatten, die politische Entwicklung werde allein durch Bündnisverträge und papierne Urkunden bestimmt. Die englische Regierung hatte sich durch das Bündnis mit Japan auf der gegen Rußland gerichteten Front eine gewisse Rückendeckung geschaffen. Da dieses Bündnis sich nur auf Ostasien bezog, war es klar, daß seine Paragraphen für den europäischen Krieg zunächst nicht in Betracht kamen. Immerhin hatte man gehofft, daß Japan sich nach englischem Muster »wohlwollend neutral« verhalten würde. Ausschließlich in dem Gedankengang europäischer Politik sich bewegend, hatte man den japanischen Egoismus und den Rasseninstinkt der Vormacht der mongolischen Völker zu niedrig eingeschätzt. Stellte man diesen in Rechnung, so bot Japans Verhalten allerdings keinen Grund, irgendwie erstaunt zu sein. Einzelne deutsche Schiffe hatten japanische Häfen aufgesucht und diesen wurde von der japanischen Regierung verboten, während der Dauer des Krieges die betreffenden Häfen wieder zu verlassen. Ob sie hier lagen oder draußen von englischen Kreuzern vernichtet oder abgefangen wurden, blieb sich in seiner Wirkung vollkommen gleich, es waren kaltgestellte Figuren auf dem Schachbrett des Welthandels.
Ein japanisches Geschwader kreuzte während der ersten Wochen des Krieges an der chinesischen Küste und der japanische Kreuzer »Naniwa« beobachtete auf der Reede von Tsingtau die Vernichtung des kleinen deutschen Geschwaders, um dann nach Sasebo heimzukehren und dem Tenno schadenfroh zu melden, daß Kiautschou aufgehört habe eine deutsche Pachtung zu sein und daß ein unbequemer Konkurrent in Ostasien von der Bildfläche verschwunden sei. Dann kamen die ersten Nachrichten über die Tätigkeit japanischer Agenten in Indien, dem französischen Hinterindien, in Singapore und an der ganzen chinesischen Küste. Die Bewegung unter den Eingeborenen und vor allem ein Aufstand in Französisch-Indochina zwang die kriegführenden Mächte ihre Seestreitkräfte, soweit sie nicht nach der Heimat zurückbeordert wurden, in den kolonialen Häfen stationiert zu halten. Auf französischer Seite erinnerte man sich jetzt zu spät, daß man einst die Gefahr unterschätzt hatte, als während des russisch-japanischen Krieges japanische Agenten ganz Indochina bereisten und dort Millionen von Flugschriften und Bilderbogen verteilt hatten, auf denen in phantastischer Form dargestellt war, daß wie jetzt die Japaner die Moskowiter geschlagen, so in Zukunft die Heere des Tenno auch mit allen europäischen Eindringlingen aufräumen würden. Diese damals ausgestreute Saat stand jetzt in den Halmen. Das englisch-japanische Bündnis war wie ein Klang aus längst verschollenen Zeiten.
Durch die Festhaltung der europäischen Seestreitkräfte in den Kolonien war man außerstande, die Tätigkeit japanischer Emissäre auf dem Kontinent verhindern zu können. Wohl kamen aus Schanghai, aus Tientsin, Peking und anderen Städten Meldungen, die die Schuld an der immer stärker anschwellenden Bewegung unter den Chinesen fast ausschließlich der japanischen Wühlarbeit zuwiesen, doch hatte man keine direkten Beweise in Händen, und in London hütete man sich, unbequeme Anfragen nach Tokio zu richten. Man beobachtete nur und schwieg. Wohl aber dämmerte in England die Erkenntnis auf, daß das englisch-japanische Bündnis ein Verrat an der Zukunft der weißen Rasse gewesen sei. Als dann die von europäischen und japanischen Offizieren gedrillten chinesischen Regimenter, mit europäischen Waffen ausgerüstet, heranrückten und die ersten Gefechte auf chinesischem Boden stattfanden, wurden unter den Toten auf der Walstatt Dutzende von japanischen Offizieren aufgelesen.
Dann erst wurde der englische Gesandte in Tokio beauftragt, der japanischen Regierung ernste Vorstellungen zu machen. Drohen konnte man nach den Verlusten der Flotte vor Helgoland nicht mehr, wollte man sich von den Gelben nicht auslachen lassen. Es war natürlich kein Zweifel, daß die Erhebung der mongolischen Rasse das Werk der Japaner war, die sich jedoch vorsichtig im Hintergrund hielten. Die Antwort in Tokio zeugte davon, daß man sich dort in die europäische Diplomatie gut eingelebt hatte, sie lautete: Gewiß, es befänden sich wohl einzelne japanische Offiziere im chinesischen Heere, doch seien sie aus der japanischen Armee vorher ausgeschieden. Für jedes japanische Offizierspatent, welches bei einem gefallenen Japaner auf chinesischem Boden gefunden werde, mache sich die japanische Regierung anheischig eine Million Pfund als Entschädigung zu zahlen. -- Es wurde selbstverständlich nie ein solches Offizierspatent gefunden, was bei der mongolischen Schlauheit kein Wunder war. Weiter hieß es in der japanischen Erklärung: Die Regierung sei außerstande, Leute, die nicht mehr dem japanischen Heere angehörten, und aus Sympathie für ein befreundetes und stammverwandtes Volk sich an einigen Kämpfen beteiligten, zur Rechenschaft zu ziehen. Oder habe England etwa Deutschland den Krieg erklärt, als es auf den südafrikanischen Schlachtfeldern deutsche Offiziere gefangen genommen hätte. Man hatte viel gelernt in Tokio.
Noch stehen unsere Truppen in China, noch sucht eine große internationale Armee von den Küstenstädten aus, langsam ins Innere ihre Posten vorschiebend, den verlorenen Boden wieder zu gewinnen und das an europäischer Kulturarbeit wieder aufzurichten, was die Schuttlawine des chinesischen Aufstandes erdrückt und vernichtet hat.
Im englischen Parlament.
Es fielen zwei große Tage für die Londoner Bevölkerung zusammen. Am Morgen war die heldenmütige Besatzung der beiden deutschen Kanonenboote »Tsingtau« und »Vaterland« an Bord des englischen Dampfers »Colombo« in Portsmouth eingetroffen; mittags rüstete sich die englische Hauptstadt zum Empfang der deutschen Gäste. Und an demselben Tage hatte im englischen Unterhause der Hauptredner der Opposition eine Interpellation der Regierung, wegen der Besetzung des Hafens von Bender-Abbas an der persischen Küste durch die russische Flotte angekündigt. Die Nachricht von der russischen Flaggenhissung war zwei Tage zuvor in London eingetroffen und hatte dort große Erregung hervorgerufen.
Der Sitzungssaal des Unterhauses war bis auf den letzten Platz besetzt. Selbst hinter den Sitzreihen standen noch Abgeordnete, andere säumten die Galerien. Lautes Stimmengewirr durchschwirrte den hohen Raum, das noch mehr anschwoll, als der Staatssekretär des auswärtigen Amtes, der sich zur Beantwortung der Interpellation bereit erklärt hatte, seinen gewohnten Platz einnahm und vor sich auf den Tisch des Hauses eine Aktenmappe niederlegte. Es lag etwas wie Krisenstimmung in der Luft. Der Lärm verstummte, als sich nunmehr der Redner des Tages erhob.
Er gab zunächst einen kurzen Überblick über die Kriegsereignisse des letzten Jahres. Noch einmal entrollte sich das gewaltige Drama des Riesenkampfes vor seinen Zuhörern, dann zog er, unter Beifallsrufen seiner Parteigenossen, in kurzen, knappen Sätzen die Bilanz dieser Ereignisse: »Die Regierung hat dies Land, sagte er, mit allzugroßer Leichtherzigkeit in einen Krieg hineingeführt, dessen Folgen sie nicht übersah, die sie aber bei vorsichtiger Einschätzung der politischen Lage und der Kräfte unserer Gegner hätte voraussehen müssen. Doch an der Vergangenheit ist nichts mehr zu ändern. Fassen wir das Ergebnis des Krieges zusammen, so ist es das folgende: Die Vernichtung des größten Teiles der deutschen Flotte hat unserer Marine schwerere Verluste gekostet, als wir bei Beginn der Feindseligkeiten erwarten durften. Wir sind stolz auf unsere Erfolge zur See. Aber die Marine Kaiser Wilhelms hat mehr geleistet als wir glaubten. Ein Drittel unserer Schlachtflotte liegt am Grunde des Meeres, ein Drittel unserer Panzerschiffe befindet sich im Dock zur Reparatur, und die schwere Artillerie der noch gefechtsfähigen Schiffe ist so sehr durch den Kampf mitgenommen, daß sie kein Seegefecht mehr riskieren kann. (Lebhafte Unruhe im Hause.) Ich verrate keine Geheimnisse. Es ist allgemein bekannt, daß die Lebensdauer der schweren Geschütze auf unseren Linienschiffen sich nur auf eine beschränkte Anzahl von Schüssen erstreckt, und diese ist überall fast erreicht. Sehen wir ab von den Neubauten, die auf unsern Werften ihrer Vollendung entgegengehen, so ist unsere Schlachtflotte, die aus dem Kriege zurückgekehrt ist, _wehrlos_, sie kommt für einen Kampf zur See nicht mehr in Betracht, bis sie neue Geschütze erhalten hat.
Also ist es das Ergebnis des Krieges, daß dieses Land die Seeherrschaft auf dem Ozean verloren hat auf kürzere oder längere Zeit. (Unruhe im ganzen Hause.) Wir müssen ehrlich sein gegen uns selber und das nicht übersehen, was andere auch sehen. Daß die französische Flotte noch mehr gelitten hat als unsere, ist kein Trost für uns, und auch die Vernichtung der deutschen Marine kann uns für den Verlust der britischen Seeherrschaft nicht entschädigen. _Es gibt heute nur noch eine große Flotte auf dem Ozean_, das ist die _Flotte der Vereinigten Staaten_. (Der Redner wird mehrfach unterbrochen und macht eine längere Pause.) Was dieser Erfolg des Krieges für England bedeutet, will ich nicht weiter erörtern, es genügt, die Tatsache festzustellen.
Deutschland befindet sich in ähnlicher Lage wie wir. Ehemals die größte Militärmacht in Europa, hat es diesen Rang für eine Zeit wenigstens an Rußland abtreten müssen. Diese beiden Tatsachen bedeuten nichts mehr und nichts weniger, als _daß die Entscheidung über die Geschicke der Welt nicht mehr in der Hand der beiden Seemächte der germanischen Völker liegt, nicht mehr bei England und Deutschland steht_, sondern zu Lande Rußland zugefallen ist und zur See von der amerikanischen Union abhängt. Petersburg und Washington sind an die Stelle von Berlin und London getreten. _Darum_ haben wir dreiviertel Jahr gekämpft. _Darum_ haben wir Hunderttausend Soldaten auf französischer Erde begraben, _darum_ sind unsere Flotten in den Wogen der See versunken. Ich klage die Regierung nicht an; ich folge dem alten Wahlspruch unseres Volkes ^Right or wrong, my country!^ (Vereinzelte Cheers.) Dieser Krieg hat der Vormacht des Slaventums und der anspruchsvollen uns nicht freundlich gesinnten Regierung der Vereinigten Staaten, ohne daß sie einen Finger zu rühren brauchten, zu einer Weltmachtstellung verholfen, die wir zurückerobern müssen (laute Cheers), in der Zukunft zurückerobern müssen, denn heute ist unsere Flotte zu schwach.
Was kann uns die Vermehrung und Konzentrierung unseres afrikanischen Kolonialbesitzes für solche Verluste entschädigen? Wir müssen unsere Kolonien in Afrika von neuem erobern. Ebenso Deutschland und Frankreich. Ich spreche nicht von Riesenverlusten unseres Handels, von den finanziellen Einbußen durch die Belastung unseres Budgets mit den unerhörten Ausgaben für diesen Krieg. Und sind wir unseres Besitzes sicher? Ich erinnere das Haus an das, was sich in Südafrika, in Canada, in der ^Commonwealth^ von Australien vorbereitet. Ich erinnere daran, daß Kolonien nicht dankbar sondern anspruchsvoll sind. Was soll daraus werden? (Lebhafte Bewegung im ganzen Hause.)
Das Gespenst der Sorge um Indien ist der Hausgeist der englischen Politik. Verlieren wir Indien, so wankt uns der Boden unter den Füßen. Jetzt weht die russische Flagge über den Strandbatterien von Bender-Abbas. Unsere indische Bastion wird durch die russische Erwerbung flankiert. Sollen wir das dulden? Verträgt das die Ehre dieses Landes? (Rufe: Nein, nein!) _Wir dürfen nicht mehr Nein sagen._ Wir müssen Ja sagen (Lebhafter Widerspruch). Wir müssen Ja sagen, weil wir dieses Land nicht um einen persischen Hafen in einen neuen Krieg stürzen dürfen, in dem wir ohne Verbündete dastehen. Oder ist das Bündnis mit Japan mehr als ein wertloses Stück Papier. Wir müssen uns abfinden mit der Tatsache, daß Bender-Abbas Rußland gehört, daß Persien eine russische Interessensphäre ist. Wir dürfen nicht in denselben Fehler verfallen wie im Winter vorigen Jahres, als wir glaubten, die Welt sei zu klein, als daß große Völker nebeneinander existieren könnten. Für Deutschland war neben England Raum genug, jetzt hat Amerika uns _beiden_ den Platz eingeengt. Für Rußland ist auch neben England Raum genug in Asien. Wir erwarten, daß die Regierung in Petersburg die Verhandlungen in diesem Sinne führt. Wir dürfen dann hoffen, daß Bender-Abbas ein Ventil für das russische Expansionsbedürfnis wird, daß hier das Streben Rußlands nach dem Meere ein Endziel findet und daß dadurch die afghanisch-indische Grenze von einem unerträglichen Druck entlastet wird. Wenn Englands Ehre angetastet wird, steht die Bevölkerung dieses Landes zusammen wie ein Mann, wir sind gewohnt für die Macht und Herrlichkeit des Vaterlandes das Letzte zu opfern. Hier handelt es sich aber nicht um unsere Ehre, sondern um unseren Ehrgeiz, um den Verzicht auf ein Phantom, um den Verzicht auf einen Besitz, der uns nie gehört hat. Und wir sind heute nicht mehr reich und mächtig genug, um einen Krieg zu führen, der nur unsere nationale Eitelkeit befriedigen kann«.
Donnernder Beifall folgte diesen Worten auf _beiden_ Seiten des Hauses. Die Abgeordneten drängten sich an den Redner heran, schüttelten ihm die Hände und sprachen eifrig auf ihn ein. Es war kein Zweifel, er hatte allen aus dem Herzen gesprochen, die bitteren Wahrheiten, die man in so klaren Sätzen eben gehört, hatten ihren Eindruck nicht verfehlt. Von dem lauten Stimmengewirr wurde die Ankündigung des Sprechers des Hauses, daß der Staatssekretär des Äußeren nach fünf Minuten die Interpellation beantworten werde, völlig übertäubt. Überall standen Gruppen der Abgeordneten in lebhaftem Gespräch zusammen. Durch die hohen Fenster des Sitzungssaales tönte von draußen her das dumpfe Brausen des Straßenverkehrs herein, wie der ewig gleiche Tonfall der Meeresbrandung. Jetzt schwoll diese einförmige Melodie auf dem Resonanzboden der Riesenstadt zu größerer Stärke an, laute Cheers erschollen draußen und dann setzten in der Ferne die schmetternden Klänge einer Militärkapelle ein. Geleitet von den stürmischen Willkommengruß der Londoner Bevölkerung zogen die deutschen Marinesoldaten in London ein. Noch lauschte man im Sitzungssaale diesen ungewohnten Tönen, da erhob sich der Staatssekretär des Äußeren von seinem Platze:
»Das sehr ehrenwerte Mitglied des Hauses hat die Meinung seiner politischen Freunde in einer Weise zum Ausdruck gebracht, die sich, wenn auch in weniger schroffer Form, mit den Anschauungen des Ministeriums, welches ich zu vertreten die Ehre habe, deckt. Die Regierung dieses Landes weiß die bedauerlichen Folgen des Krieges vollauf zu würdigen, sie gibt sich über den Zustand unserer Seemacht keinen Täuschungen hin und ist ebenfalls der Ansicht, daß es gefährlich wäre, sich auf irgendwelche politische Experimente einzulassen, die das Land in neue unabsehbare Verwicklungen stürzen könnten. Die Besetzung von Bender-Abbas durch das russische Geschwader bedeutet an sich keine Bedrohung unserer indischen Machtstellung. Wenn die Richtung der russischen Expansionspolitik durch die Einnahme von Bender-Abbas eine andere wird, so wird England keinen Einspruch dagegen erheben, unter der Voraussetzung, daß Englands Interessen in Persien -- die keine politischen sind und es nie gewesen sind -- nicht beeinträchtigt werden. Unser Botschafter in Petersburg ist in diesem Sinne beauftragt, eine Erklärung der russischen Regierung zu fordern. Sobald diese erfolgt, werde ich dem Hause weitere Mitteilungen machen. Vorläufig bitte ich, diesen Gegenstand verlassen zu dürfen«.
Der Staatssekretär machte eine Pause und suchte zwischen den Papierblättern in seiner Mappe. Draußen erklangen jetzt die vollen kräftigen Akkorde der deutschen Militärmusik. Der Staatssekretär begann von neuem.
»Das sehr ehrenwerte Mitglied des Hauses hat erwähnt, daß nach den bedauerlichen Verlusten des Krieges die amerikanische Flotte gegenwärtig die stärkste Seemacht der Welt darstellt. Ich bitte das hohe Haus, sich dieses Umstandes zu erinnern, wenn ich jetzt zu meinem Bedauern eine sehr ernste Mitteilung zu machen habe. (Der Staatssekretär räusperte sich und rückte an seinem Halskragen, als sei ihm dieser plötzlich zu eng geworden.) Unser Botschafter in Washington teilt uns soeben mit, daß ihm die Regierung der Vereinigten Staaten eine diplomatische Note zugestellt habe des Inhalts: _Die Regierung der Vereinigten Staaten fordert die Regierung Großbritanniens auf, aus ihren kolonialen Besitzungen in Westindien, aus Jamaica, den Bahama-Inseln, Britisch-Honduras und Britisch-Guyana die englischen Garnisonen zurückzuziehen._
Das gleiche Ersuchen werde in Paris, in Kopenhagen und im Haag überreicht. Der Bau des Panamakanales lege der Regierung der Vereinigten Staaten die Notwendigkeit nahe dafür zu sorgen, daß diese wichtige Schiffahrtsstraße nicht durch irgendwelche Macht im Kriege gesperrt werden könne, und Amerika könne es nicht mehr dulden, daß der Schiffahrtsweg an den Bastionen europäischer Festungswerke vorüberführe. Da die europäischen Kolonien in Westindien nur noch geringe wirtschaftliche Bedeutung hätten, sie aber als Militärstationen aufhören müßten zu bestehen, verlange die amerikanische Regierung die Räumung dieser Besitzungen, die nunmehr unter amerikanischen Schutze selbständig werden sollten. Zum Schlusse der Note heißt es: die Regierung in Washington habe diesen Zeitpunkt für ihre Maßnahme gewählt, da er die größte Garantie biete für eine friedliche Erledigung der Angelegenheit. Nach den großen Verlusten im Kriege und bei dem gegenwärtigen Zustande der europäischen Flotten sei selbst eine europäische Koalition nicht imstande, mit Aussicht auf Erfolg der amerikanischen Flotte entgegenzutreten. Die Vereinigten Staaten und _Japan_ seien zur Zeit die einzigen wirklichen Seemächte. Die europäischen Regierungen müßten daher jetzt endlich auch praktisch der Monroedoktrin die Stellung zubilligen, die Deutschland wenigstens theoretisch bereits freiwillig anerkannt habe.«
Da ward es totenstill im Hause. Alle fühlten es: Es fuhr ein Schlag hernieder, den man nicht mehr parieren konnte. Durch die hohen Fenster strich die laue Frühlingsluft. In der Ferne verklang der Pariser Einzugsmarsch.
Dieterich'sche Verlagsbuchhandlung, Theodor Weicher, Leipzig
Otto Julius Bierbaums
Goethe-Kalender auf das Jahr 1906
herausgegeben von Otto Julius Bierbaum, mit Buchschmuck von E. R. Weiß, einem Dreifarbendruck nach einem Gemälde M. A. Stremels sowie mehreren Holzschnitten, Ätzungen nach alten Vorlagen.
Volksausgabe im Stile der Goethezeit. 2. Aufl. Preis 1 Mark.
Der Grundgedanke dieser Veröffentlichung ist: Einführung d. Nationalschatzes an Lebensweisheit, Lebensschönheit, Lebenskunst, der dem deutschen Volke aus dem Leben und Schaffen Goethes geworden ist, in das tägliche Leben jedes einzelnen. Daher die Kalenderform.
Lichtenbergs Briefe.
Herausgegeben von Albert Leitzmann und Carl Schüddekopf. Drei Bände m. zahlr. Abbildg. nach Handzeichnungen. (Die drei Bände sind auch einzeln käuflich.) Broschiert 30 Mark, gebunden 37 Mark 50 Pf.
Otto Julius Bierbaum sagt über Lichtenbergs Briefe: Diese drei Bände gehören zu den Büchern, die sich der Erfahrene in seiner Schlafstube aufstellt, damit sie ihn abends leicht hinüberleiten in diese wunderliche, dunkle Lebenszeit, wo zuweilen das Unbewußte wach wird, während das Bewußtsein schläft, und damit sie ihn beim Erwachen mit als erste wieder begrüßen, wenn es gilt, sich für das helle Gebrause eines neuen Tages zu rüsten, der wer weiß was für Schönheiten oder Scheußlichkeiten auf uns loszulassen bereit ist. Sie sind nicht soviel wert wie das freundliche Lächeln einer freundlichen Frau, die mit diesem Lächeln sagt: Was kommen mag, ich bin bei dir. So viel kann kein Buch. Aber Bücher wie dieses und ähnliche Bücher, die nicht Kunst, sondern das Leben selber sind, und zwar das Leben von Menschen der »schenkenden Tugend«, will sagen von Menschen, die so voll von Geist und Gemütskraft sind, daß jede, auch die unbedeutendste Äußerung voll ist vom Hauche innersten Lebens, der sich mitteilt wie der Duft von Blumen -- solche Bücher sagen einem, wo immer man sie aufschlagen mag, auch einen wirklich schönen »Guten Morgen!«
Druck von G. Kreysing in Leipzig.
Anmerkungen zur Transkription
Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t oder kursiv sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet. Textstellen, die in Antiqua gesetzt waren, wurden ^so^ markiert.
Offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
[S. 4]: ... Vortop des weißen Kreuzers draußen auf der Reede über der weiten ... ... Vortopp des weißen Kreuzers draußen auf der Reede über der weiten ...
[S. 14]: ... dem Wasser, am Großtop weht noch weiß und stolz die Flagge des ... ... dem Wasser, am Großtopp weht noch weiß und stolz die Flagge des ...
[S. 25]: ... bevor aus der pantomimischen Vorstellung, die der lebhafte gestikulierende ... ... bevor aus der pantomimischen Vorstellung, die der lebhaft gestikulierende ...
[S. 50]: ... Elbmündung herein. Unter dem dicken braunen Rauchfahnen, die ihren ... ... Elbmündung herein. Unter den dicken braunen Rauchfahnen, die ihren ...