»1906«. Der Zusammenbruch der alten Welt

Part 13

Chapter 133,306 wordsPublic domain

Langsam rieselte der feine Aprilregen auf diese Szene der Verwüstung hernieder, das verspritzte Blut in breiten Bächen in den Straßengossen mit fortwaschend. Als die 2. Kompagnie im Laufschritt und ohne Ordnung aus der Kaserne auf die Straße eilte, schlug es vom Uhrturm der Kaiserlichen Werft gerade 6 Uhr und gleichzeitig tönten von der Werft her mehrere rasch aufeinanderfolgende Detonationen und hinter ihrem Gebäudekomplex stiegen an mehreren Stellen schwarze Rauchwolken auf, in denen dunkle Körper mit in die Luft gerissen wurden. Wüstes Geschrei und scharfe Kommandoworte folgten. Alles eilte nach der Werft. Dort standen unweit des Einganges zwischen den langgestreckten Gebäuden die beiden englischen Automobile, zwischen den Schienengleisen völlig verlassen da.

Die Mannschaften der Automobile hatten die auf den Maschinen mitgeführten Sprengkörper an und zwischen den Toren zweier Trockendocks zur Explosion gebracht. Zwischen der Kaimauer des Baubassins und dem Kreuzer »Amazone« war eine weitere Mine explodiert. Die »Amazone« lag mit ihren Masten und Schornsteinen schräg auf dem Dache des Schuppens am Kai, und Zoll um Zoll sank der Schiffskörper, sich langsam von der Ufermauer abdrängend, ins Wasser ein. Dieses war von einer braunen opalisierenden Flüssigkeit bedeckt, dem aus dem riesigen Tank ins Wasser strömenden Masut. In den beiden beschädigten Trockendocks lagen die Küstenpanzer »Hagen« und »Siegfried«. Beide Fahrzeuge wurden durch den ins Dock einbrechenden Wasserschwall hin und her und gegen die Docksmauern gestoßen. Von allen Seiten strömten jetzt die Werftarbeiter nach der Unglücksstätte zusammen und standen in schwarzen Scharen auf den Uferkais. Vergebens versuchten einige Werftpolizisten und Marinebaumeister die Menge zurückzutreiben, ihre Warnung vor der drohenden Gefahr war umsonst, da nur die ersten Reihen der Arbeiter sie verstanden, diese aber von den von hinten nachdrängenden immer weiter vorwärts geschoben wurden.

Wie es gekommen, blieb rätselhaft; plötzlich war die breite Wasserfläche des Baubassins und das daranstoßende Ausrüstungsbassin ein gelbes zum Himmel aufwallendes Flammenmeer. Der ausgeflossene Masut war in Brand geraten. Nur mit Mühe gelang es, einige im Ausrüstungsbassin liegende Schiffe in den Hafen hinauszubringen. Die »Amazone«, die beiden Kreuzer »Blitz« und »Pfeil«, sowie zwei größere Torpedoboote lagen in dem lodernden Feuermeer und waren für jede Hilfe unerreichbar. Nur mit Mühe bahnte sich an der Stelle, wo die vor Wut fast rasenden Arbeiter und Soldaten die wenigen überlebenden Engländer buchstäblich in Stücke traten, die Werftfeuerwehr mit ihren Dampfspritzen den Weg zum Kai, um unter größter Lebensgefahr die Schuppen und Ausrüstungsgebäude zu retten. Das Masutbassin, aus dem der Feuerungsstoff durch das von der Explosion gerissene Loch einem sprudelnden Lavabach gleich hervorquoll, brannte knatternd und rauschend wie eine qualmende Riesenfackel am Kopfende der Kaimauern.

In der Stadt Kiel hatte der Kanonendonner und die ungeheueren Explosionen auf der Werft, die keine Fensterscheibe in Gaarden heil ließen, alles auf die Straßen gejagt. Von allen Seiten steuerten kleine Fahrzeuge und Schleppdampfer über den Hafen nach der Gaardener Seite hinüber. Der ganze Hafen hallte wider von dem gellenden Schreien der Sirenen und dem dumpfen Heulen der Dampfpfeifen, während von der See her der Kanonendonner wie ein fernes Gewitter grollte. Daß es sich hier um einen englischen Angriff handelte, war klar, nur der Feind war den Augen noch verborgen. Eine fieberhafte Erregung und eine dumpfe Wut machte sich überall geltend, und die durch den Erfolg des Feindes geschärften Augen wachten mißtrauisch über jeder fremdartigen Erscheinung.

Der kleine weiße Werftdampfer »Schneewittchen«, der von der Holtenauer Kanalmündung in voller Fahrt schräg über die Föhrde der brennenden Werft zueilte, traf mitten im Fahrwasser gegenüber von Bellevue auf einen kleinen Kieler Vergnügungsdampfer, der allein von allen Fahrzeugen auf der Wasserfläche in der Richtung nach dem westlichen Ufer fuhr.

An Bord sah man nur ein paar Leute in grauer Uniform, mit großen breitrandigen Mützen, ähnlich der Uniform der deutschen Automobiltruppen. Dem Führer des »Schneewittchen« fiel dies auf. Ohne daß er sich Rechenschaft über die Richtung seiner Gedanken geben konnte, änderte er den Kurs und steuerte direkt auf den verdächtigen Dampfer zu. Auf etwa 50 m Entfernung rief er ihn an, erhielt keine Antwort, rief nochmals hinüber, wieder keine Antwort. Die finsteren Mienen der grauen Männer am Bord des Dampfers und ihre abweisende Haltung gegenüber dem Anruf mußten Argwohn erwecken. Kurz entschlossen hielt der Führer des »Schneewittchen« direkt auf das andere Fahrzeug zu. Lautlos aber setzte dieses seinen Weg fort. Es konnte nicht anders sein, das war der Feind.

Da das »Schneewittchen« kein Geschütz an Bord hatte und ihr Führer nicht über ein einziges Gewehr verfügte, so blieb nur eine Möglichkeit: er rannte das geheimnisvolle Fahrzeug einfach an. Weit bohrte sich der scharfe Bug des »Schneewittchen« in den schwarzen Körper des kleinen Hafendampfers, zwei Minuten und er war mit dem größten Teil seiner Besatzung unter den Wellen verschwunden. Zwei Engländer wurden in den Wellen aufgefischt und an Bord des »Schneewittchen« genommen, das jetzt mit seinem zerdrückten Bug Not hatte, noch die Landungsbrücke von Bellevue zu erreichen. Die Aussagen der Engländer rechtfertigten die Vernichtung des verdächtigen Dampfers vollkommen.

Eine englische Automobilabteilung hatte nämlich Neumühlen erreicht und den dort liegenden kleinen Hafendampfer, der bereits Dampf auf hatte, um kurz nach 6 Uhr nach Kiel hinüberzufahren, weggenommen. Sie hatte ihre für die Zerstörung der Holtenauer Kanalschleusen bestimmten Sprengminen an Bord untergebracht und befand sich bereits auf dem Wege nach der Kanalmündung, als das Schicksal sie ereilte. Nur durch das entschlossene Vorgehen des Führers des »Schneewittchen« war eine Katastrophe verhindert worden, eine Tat, die mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse belohnt wurde.

Es dauerte mehrere Stunden bis die brennenden Gebäude der Werft gelöscht waren -- der Materialschaden war, da der Ausrüstungsbestand in den drei verbrannten Schuppen nicht mehr sehr groß war, nur gering -- und der auf der Wasserfläche schwimmende Masut sich langsam verzehrt hatte.

Da nunmehr die Kieler Garnison alarmiert war und ein unablässiger Strom von Truppen über Neumühlen und um die Kieler Föhrde herum über Gaarden und ferner auf der Bahnlinie nach Rasdorf geführt wurde, war jedem englischen Angriff nach dieser Richtung vorläufig ein Ziel gesetzt. Ein solcher war auch gar nicht beabsichtigt gewesen. Der Zweck des außerordentlich kühnen und mit großem Geschick durchgeführten Handstreichs der englischen Landungstruppen war mit der Inbrandsetzung der Werft leider nur zu gut erreicht worden. Die Absichten auf die Holtenauer Kanalschleusen und auf die Germaniawerft waren durch das schnelle Eingreifen des »Schneewittchen« und durch die vorzeitige Explosion des Automobils vor der Marinekaserne glücklicherweise vereitelt worden.

Aber die Lage war dennoch ernst. Während die englische Panzerflotte, unter dem Schutz des Regenwetters, näher an die Küste herandampfend, die Hafenforts mit ihren schweren Geschützen bombardierte, wurde ihr Vorgehen durch die Operation der Landungsarmee wirksam unterstützt.

Bei dem unsichtigen Wetter hatten die Forts Korügen und Heikendorf bisher nicht in das Gefecht eingreifen können. Die englischen Schiffe waren von ihnen aus nur verschwommen erkennbar und wollte man nicht seine Munition aufs Geratewohl verschwenden, so war einstweilen eine Zurückhaltung des Feuers geboten. Des Kommandos harrend, standen die Kanoniere im Fort Korügen an ihren Geschützen, nach dem grauen Durcheinander am Eingang der Föhrde hinter dem Leuchtturm von Friedrichsort scharf auslugend, wo das Aufflammen gelber Blitze die ungefähre Lage des Angreifers erkennen ließ. Die weißen Kasernen von Friedrichsort brannten seit 7 Uhr, mit ihrem schwälenden Rauch die ganze Uferlinie verhüllend. Auf der Föhrde lagen die fünf Panzer der »Braunschweig«-Klasse, sowie die »Deutschland«, gegenwärtig des Momentes, da ein Vorstoß auf den Feind Erfolg versprach. Leise rieselte der unablässig fallende Regen herab.

Da platzte plötzlich auf der Traverse zwischen zwei Geschützen im Fort Korügen ein feindliches Geschoß, die Artilleristen mit Sand und Grasstücken überschüttend. Dann noch eins und noch mehrere, im inneren Hofe des Forts. Da die feindlichen Granaten von der See her nicht bis hierher reichten, mußten diese Schüsse von anderwärts kommen. Eine auf dem Podest einer Lafette explodierende Granate warf das Geschütz aus ihr heraus und gegen die Traverse. In die allgemeine Bestürzung über solche Feuerwirkung eines unsichtbaren Gegners wandten sich alle Blicke nach rückwärts. Im gleichen Moment erscholl hinter dem Fort kräftiges Kleingewehrfeuer. In raschem Laufe kamen einige Artilleristen in das Fort gerannt und riefen: »Die Engländer!« und schon wurden die ersten in Khaki gekleideten Feinde sichtbar. Schnell entschlossen begegnete der Kommandant des Forts dieser neuen Gefahr. Er ließ die zur Sicherung nach der Landseite aufgestellten wenigen Revolvergeschütze und Maschinengewehre bemannen und in wenigen Minuten setzte deren Feuer ein. Doch der Kampf war aussichtslos. Die geringe Besatzung des Forts sah sich einem ungefähr zehnfach überlegenen Feinde gegenüber, der außerdem durch das Feuer seiner Haubitzbatterien und durch zahlreiche Maschinengeschütze unterstützt wurde, während die deutsche Festungsartillerie nach dieser Seite überhaupt nicht gebraucht werden konnte. Nichtsdestoweniger fand der Feind energischen Widerstand.

Daß man es auf englischer Seite mit einer Elitetruppe zu tun hatte, zeigte sich, als der Feind von drei Seiten zum Sturme überging und im Laufschritte das freie Terrain vor dem Fort, das von dem deutschen Maschinenfeuer mit Geschossen übersät wurde, passierte. Die Sturmkolonne mochte an 3000 Mann zählen und sie erzwang sich, nachdem mehr als die Hälfte von ihr gefallen, tatsächlich den Eingang in das Fort, in dem nur wenige Überlebende noch angetroffen wurden.

Die Engländer schafften sofort ihre Maschinengeschütze und ihre Haubitzbatterien auf die Wälle und nahmen von hier aus auch die Heikendorfer Batterie unter Steilfeuer. Es war wirklich der letzte Moment, daß die Engländer Fort Korügen nehmen konnten. Denn kaum hatten sie sich darin eingerichtet, so wurden die deutschen Schützenlinien landwärts sichtbar, die die nach Süden vorgeschobenen englischen Truppen vor sich hertrieben. Hier jedoch kam die deutsche Verfolgung zum Stehen, da die in den Erdwällen des Forts eingegrabenen englischen Schnellfeuergeschütze und Maschinengewehre, die ein rasendes Feuer begannen, vorläufig Halt geboten. Von Schönberg her, wo die deutsche Abteilung endlich in einem erbitterten Dorfgefecht überwältigt worden war, rückten jetzt weitere englische Streitkräfte heran und verstärkten von Fort Korügen die Stellung nach Osten hin unter Anlehnung an die kleine Bahnlinie, so daß der Ort Probsteierhagen allmählich zum Zentrum der englischen Front wurde. Da aber von Süden her immer mehr deutsche Truppen in das Gefecht eingriffen, wurde der anfängliche Zahlenunterschied auf beiden Seiten allmählich ausgeglichen.

Es befand sich also der ganze Abschnitt zwischen Fort Korügen, Probsteierhagen und Lütjenburg, mit Ausnahme des Forts Stosch und anderer Küstenbatterien in englischem Besitz. Doch war der Feind gezwungen, nach einem Gefecht westlich des Selenter Sees und einem zweiten um Lütjenburg, wohin mit der Bahn von Eutin mehrere Bataillone geworfen worden waren, dort seine Streitkräfte zurückzunehmen und sich nach Norden zu konzentrieren. Wenn jetzt das Bombardement der Engländer einen Erfolg auch an anderer Stelle am Eingang des Kieler Hafens gehabt hätte, so war Kiel durch einen Vorstoß der englischen Flotte zu nehmen.

Die von englischen Artilleristen bedienten Geschütze im Fort Korügen und die dort installierten englischen Haubitzen begannen alsbald mit dem Feuer auf die Hafenforts und die deutschen Linienschiffe, diese konnten nur schwach erwidern, da man Gefahr lief, in die hinter Korügen liegenden Schützenlinien der deutschen Infanterie hineinzutreffen, was auch mehrfach geschah. Nur mit dem Steilfeuer der Mörserbatterien war unter diesen Umständen Fort Korügen beizukommen. Und dieses wurde denn auch wirksam eröffnet. Gleichzeitig verließen die fünf Schiffe der »Braunschweig«-Klasse, geführt von der »Deutschland«, ihren Liegeplatz und dampften, rechts an der Ruine des Friedrichsorter-Leuchtturms vorübergehend, auf die Reede hinaus dem Feinde entgegen.

Die Artilleristen in den Hafenforts hatten mit Anspannung aller Kräfte bisher das feindliche Bombardement erwidert, man war sich jedoch darüber klar, daß man infolge des unsichtigen Wetters dem Gegner nicht viel Schaden zugefügt hatte. Selber hatte man freilich auch nicht sehr gelitten. Noch einmal schwoll der Geschützkampf zu voller Wut an, die Erde erdröhnte unter dem Gebrüll von Hunderten der schwersten Kaliber. Seewärts hinter der grauen Regenwand lauerte der übermächtige Feind, dessen Schiffe jeden Moment aus dem Dunstschleier hervortauchen konnten. Rechts auf Korügen standen englische Schiffsartilleristen hinter deutschen Geschützen und die grünen Erdwälle der deutschen Trutzfeste, über der der Union Jack wie ein nasser Lappen in der feuchten Luft hing, wurden von deutschen Granaten zerrissen. Eine furchtbare Krisis, die Männer von Stahl und Herzen von Eisen erforderte.

Jetzt lenkte die »Deutschland«, in den Toppen die Flagge des Reiches, durch die Lücke in der äußeren Minensperre und in Kiellinie folgten ihr die fünf Schiffe der »Braunschweig«-Klasse, diesen wieder zwei Küstenverteidiger. Es waren die einzigen Streitkräfte, über die man in Kiel verfügte. Denn die von Cuxhaven herbeigerufenen Linienschiffe der »Kaiser«- und »Wittelsbach«-Klasse konnten erst nach Stunden durch den Kanal eintreffen. Jetzt maskierte die »Deutschland« das Feuer der Forts und langsam verstummte ein Geschütz nach dem anderen hinter den deutschen Bastionen. Eine furchtbare Stille trat auf Minuten ein und nur von rechts her klapperte taktmäßig das Infanteriefeuer weiter. Nun dröhnten die Geschütze der deutschen Schiffe und alles verschwand hinter dem grauen Regenschleier des Aprilmorgens. Es war vom Lande aus unmöglich dem Gange des Gefechtes zu folgen, unablässig brüllte der Donner von der See her, und in den Lärm der schweren Geschütze mischte sich das hellklingende, bellende Schnarren der Maschinengeschütze.

Die Ufer der Kieler Föhrde waren von den Einwohnern der Stadt in schwarzen Massen umsäumt. Aller Augen starrten nach der Seeseite, wo die Entscheidung über das Schicksal von Kiel fallen sollte. Langsam sanken die Flammen der brennenden Werft in sich zusammen. Hier war die Gefahr gedämpft, aber die aus den Dörfern der Probstei von der Front im Hauptquartier des IX. Armeekorps einlaufenden telegraphischen und telephonischen Meldungen, wußten noch von keinen durchschlagenden Erfolgen. Im Gegenteil, es schien, als ob der Kampf nach anfänglichen Vorteilen auf deutscher Seite zum Stehen gekommen war, und als ob die Stärke der englischen Truppen von Viertelstunde zu Viertelstunde wuchs. Um 11 Uhr ließ der Regen nach, zuweilen brach die Sonne durch und nur vor der Hafenmündung lagerte eine dicke Dunstwolke. Jetzt löste sich von diesem grauen Hintergrund ein hellerer breiter Schiffskörper, an der Mastspitze flatterte träge die Flagge mit dem schwarzen Kreuz. Also ein deutsches Schiff, noch kein Engländer.

Es war der Küstenpanzer »Odin«, zu einem fast unkenntlichen Wrack zerschossen, das aus den Stümpfen der über Bord gegangenen Schornsteine Rauch und Flammen spie. Beim Friedrichsorter Leuchtturm wurde der »Odin« von einem Seeschlepper ins Tau genommen und durch die Lücke in der Minensperre hineinbugsiert. Als es diese passierte erschien an dem vorderen, den einzigen noch stehenden Mast ein Signal; schnell entziffert, enthielt es die Meldung: »Angriff des Feindes abgeschlagen«. Weiter nichts. Draußen auf der See erfolgten jetzt ein paar krachende Explosionen, dann setzte wieder das regelmäßige Gebrüll der schweren Geschütze ein, das aber jetzt größere Pausen zu machen begann. Einhalb 12 Uhr kroch aus dem wallenden Nebelmassen draußen wiederum ein zerschossenes Wrack hervor, ohne Masten und Schornstein, es war schwer, in ihm das einst so stolze Flaggschiff »Deutschland« zu erkennen. Ihm folgten, mit Schlagseite nach Backbord, der Panzer »Elsaß« und die verhältnismäßig intakte »Braunschweig«, die drei anderen »Lothringen«, »Preußen« und »Hessen«, sowie der Küstenpanzer »Aegir« waren vom Feinde vernichtet worden. Man erwartete mit Bestimmtheit einen neuen Vorstoß der feindlichen Flotte, doch man wartete vergebens. Als gegen ½1 Uhr der Dunst sich verzog und die Luft wieder sichtig wurde, lag das britische Geschwader weit draußen. Es hatte durch das deutsche Feuer so sehr gelitten, daß es darauf verzichtete, das Bombardement zu erneuern, da auch inzwischen Fort Korügen von den Deutschen zurückerobert worden war.

Genaueres über die englischen Verluste erfuhr man erst später aus dänischer Quelle. Zwei englische Panzerschiffe waren gesunken, ferner war die schwer beschädigte »Remarquable« unweit des Bülker Leuchtturms auf den Strand gesetzt, um die Überlebenden der Besatzung zu retten. Die Beschädigungen an anderen Schiffen waren außerdem derart, daß der englische Admiral es nicht wagte, mit ihnen die Kieler Hafeneinfahrt zu forzieren, zumal die Zerstörung der Kieler Werft leider zu gut gelungen und weitere Aufgaben entscheidender Art für die englische Flotte in Kiel nicht vorhanden waren, die gelöst werden konnten, bevor weitere deutsche Verstärkungen durch den Kanal eintreffen mußten.

Die englischen Kreuzer, die auf der Höhe der Colberger Heide die englische Landung beschützt hatten, erhielten nunmehr, nachdem Fort Korügen wieder in deutschem Besitz war, und es ein Wahnsinn gewesen wäre, gegen die rapid anwachsenden deutschen Truppenmassen die schwachen Landpositionen und die paar Dörfer zu halten, die Anweisung, die Wiedereinschiffung der Truppen zu decken. Doch auch das gelang nicht vollständig. Von den gelandeten 7000 Engländern lagen 1500 auf dem Felde vor Fort Korügen. Weitere 2000 waren in den Gefechten am Selenter See, bei Lütjenburg und in dem erbitterten Straßenkampfe in Probsteierhagen gefallen, so daß -- da alle Verwundeten selbstverständlich zurückgelassen werden mußten -- nur 3500 Engländer ihre Transportschiffe wieder hätten erreichen können. Doch machte ein Vorstoß der deutschen Truppen von Labö aus an der Küste entlang auch dieses Unternehmern illusorisch. Mitten unter die englischen Boote und Transportflöße pfefferte plötzlich die deutsche Artillerie von den Strandhöhen bei Schönberg hinein, so daß nur etwa 1000 Engländer an Bord ihrer Transportschiffe, von denen zwei noch durch die Granaten einer deutschen Haubitzbatterie zum Sinken gebracht wurden, gelangten. 1000 Briten gerieten in deutsche Gefangenschaft.

Das war das Ergebnis, als am Abend des 4. April die Sonne sank, und sich die hellgrauen Leiber der fünf Schiffe der »Kaiser«-Klasse, die am Nachmittag durch den Kanal auf der Kieler Föhrde eingetroffen waren, bei Friedrichsort in der grünen Meeresflut spiegelten.

Der Angriff auf Kiel war abgeschlagen und nur die Silhouetten von sechs englischen Panzerkreuzern zeigten draußen weit auf der Reede, daß der Feind die Blockade aufrecht erhielt. Mit ungeheueren Opfern war der Erfolg auf deutscher Seite erkauft worden. Die englische Landung und die teilweise Zerstörung der Kieler Werftanlagen bewies aber schlagend, wie recht diejenigen gehabt hatten, die immer eine Befestigung des Kieler Hafens nach der Landseite für eine unumgänglich notwendige Forderung gehalten hatten. Unter der Hypnose, der Feind werde auch stets dort angreifen, wo man zur Verteidigung gerüstet sei, hatte man geglaubt, die Küste sei durch Signalstationen und schwache Truppenabteilungen genügend geschützt. Die Konzentrierung größerer Streitkräfte, die man glaubte schnell nach einem bedrohten Punkte hinwerfen zu können, erwies sich als nicht ausreichend gegenüber einem feindlichen Handstreich, wie er jetzt erfolgt war. Die Durchführung dieser englischen Unternehmung verdiente volle Anerkennung, wenn sie andererseits auch nur das bewiesen hatte, daß eine Landung und ein rückwärtiger Angriff auf die ungeschützte Landseite der Kieler Forts nur dann sein Ziel wirklich vollständig erreicht haben würde, wenn man auf englischer Seite einen ununterbrochenen Strom von Truppen in die gewonnenen Positionen hätte lenken können. Dazu reichte aber die Stärke des englischen Landungskorps nicht aus. Auch haperte es bald mit dem Munitionsersatz.

Nur die unerhörte Tapferkeit auf deutscher Seite und die Entschlossenheit, selbst unter gänzlicher Aufopferung der eigenen Flotte die Wucht des feindlichen Angriffes zu brechen, hatte die englische Offensive rechtzeitig zum Stehen gebracht. Wie man später erfuhr, war die Offensive des deutschen Panzergeschwaders nur um eine Viertelstunde einer allgemeinen Angriffsbewegung der Blockadeflotte zuvorgekommen.

Bekanntlich wurden nachher die Versäumnisse in der Verteidigung des Kieler Hafens sehr bald nachgeholt, und heute ist die gesamte Halbinsel der Probstei mit in die Befestigung hineinbezogen worden. Die Höhen bei Schönberg werden jetzt von den grünen Bastionen eines deutschen Forts gekrönt, das zum Andenken an den braven Verteidiger des Ortes den Namen Fort Gerstenhauer trägt.

Die Seeschlacht von Helgoland.

Seit dem Bombardement von Cuxhaven beschränkte sich die Tätigkeit der beiden Flotten in der Nordsee auf ein gegenseitiges Beobachten. Hin und wieder kam es zu kleinen, ziemlich harmlosen Schießereien zwischen den auf Vorposten befindlichen Kreuzern, aber etwas Ernstliches schien der Feind nicht zu beabsichtigen, bis die Hauptmacht der französischen Panzerflotte und der größte Teil ihrer Panzerkreuzer in der Nordsee sich mit dem übrigen Geschwader vereinigt hatte. Dieser Zeitpunkt wurde aber immer weiter hinausgeschoben, da die Werften und Arsenale in Brest und Cherbourg zu der Ausrüstung der dort liegenden Schiffe sehr viel mehr Zeit gebrauchten, als man ursprünglich in dem gemeinsamen Angriffsplan vorgesehen hatte. So mußte die Nordseeflotte darauf verzichten, gleichzeitig mit dem Angriff auf den Kieler Hafen gegen die Elbmündung und gegen Wilhelmshaven eine kraftvolle Offensive zu entwickeln, und beschränkte sich daher auf einen Scheinangriff, der von deutscher Seite energisch abgewiesen wurde. Das nur zwei Stunden dauernde Feuergefecht kostete den Franzosen einen größeren Panzerkreuzer. Ein früher unternommener nächtlicher Versuch, ^à la^ Port Arthur, die Elbmündung durch Versenkung mehrerer mit Zement beladener alter ausrangierter englischer Panzerschiffe zu sperren, scheiterte an der Wachsamkeit der deutschen Kreuzer, die den schwerfälligen Transport der Sperrschiffe in flaches Wasser trieben, wo sie dann strandeten.