»1906«. Der Zusammenbruch der alten Welt
Part 12
Das beginnende Wundfieber muß während der nächsten Stunden meine Sinne betäubt haben. Als ich wieder erwachte, war es Abend. Wie ich später erfuhr, hatte die Schlacht folgende Wendung genommen: Vor der übermächtigen englischen Artillerie, die ungefähr über das Doppelte an Geschützen verfügte wie unsere Artillerie hier auf dem rechten Flügel, hatten wir zunächst zurückweichen müssen. Nachmittags hatte nach Heranziehung von Reserven unsere Vorwärtsbewegung dann von neuem begonnen, und am Abend waren die verlassenen Positionen wieder in unseren Händen, der Feind trat den Rückzug über die Dyle in der Richtung auf Antwerpen an. Der Tag war unser, aber unter welchen Opfern. Es war, wie gesagt, Abend, als ich erwachte. Rings um mich tiefe Stille, die Schlacht hatte sich weit hinüber über die Dyle gezogen. Neben mir stand noch das englische Geschütz, über der Lafette lagen zwei tote Kanoniere, den Kopf in der Todesstarre krampfhaft nach oben gebogen. Selbst meine durch die Schrecknisse der letzten Wochen gestählten Nerven vertrugen diesen Anblick nicht. Wie vier feurige Kohlen glotzten mich die gebrochenen Augen der Toten, in denen sich die brandrote Farbe des Abendhimmels widerspiegelte, an. Um das nicht sehen zu müssen, kroch ich unter fürchterlichen Schmerzen ein paar Schritte fort. Mitten auf der Chaussee stand ein zweites englisches Geschütz. Auch verlassen, auch von einer stummen Totenwache umlagert; jener Leutnant, der am Mittag das umgeworfene Geschütz ins Feuer geführt hatte, lehnte am Rade der Lafette. Die rechte Hand hielt noch den Krimstecher, den Kopf hatte eine Granate fortgerissen. Die Protze dahinter auf der Chaussee war in den Graben geschleudert, ihre Deichsel starrte wie ein Galgen in die Luft, den Kopf des einen Pferdes wie mit dem Strick eines Henkers in die Luft zerrend. Das Dämmerlicht leuchtete gerade genug, um mit all dies Gräßliche noch einmal zu zeigen; dann ward das Licht schwächer, die Sonne sank. Über den leise verschwimmenden Konturen des Hügels schauten nur die langen Schutzschilde zu beiden Seiten eines dritten Geschützrohres, welches mitten im Ackerfelde stand, starr empor. Ich erkannte daran, daß es Ehrhardtsche Geschütze, Geschütze deutscher Herkunft aus der Zeit des Burenkrieges gewesen waren, mit denen der Feind von hier aus in die Kolonnen unserer braven Truppen hineingepfeffert hatte.
Und die Nacht senkte sich hernieder. Ganz von fern dröhnte der Geschützkampf nach, langsam abflauend und dann wieder anschwellend. Stunde um Stunde verrann. Zuweilen muß ich wieder in Fieberphantasien verfallen sein. Ich weiß noch, daß ich träumte, ich wäre auf einer nächtlichen Wanderung, ich wanderte auf der Landstraße drunten in Württemberg, mitten durch den schweigenden Wald, durch die Stille der Nacht, die keine Stille ist, in der hundert Stimmen lebendig werden, die uns das Geräusch des Tages überhören läßt. Und ich wanderte und wanderte, und wunderte mich darüber, daß mein rechtes Bein schmerzte und ich trat hinaus aus dem Wald und sah hinüber auf das Dorf unten im Talgrund. Es lag eine Stimmung über dem Ganzen wie in dem alten, frommen Lied von Paul Gerhardt: »Nun ruhen alle Wälder«, und in diese Elegie hinein platzte plötzlich eine Stimme von ganz fern her, ein Hund schlug an bau--a, bau--a, bau--a, so klang es plötzlich ganz weit von fern irgendwo her bau--a, bau--a, bau--a, und immer wieder nur der eine Hund und er bellte unablässig und immer lauter. Er schrie und rasselte an der Kette, da fingen noch andere Hunde an, das ganze Dorf war voller Hunde, wütend bellten und kläfften sie und die Stille der Nacht verschwand, und es schrie irgend jemand nach Wasser und die Hunde bellten lauter und sie wuchsen und wurden größer, wurden zu riesengroßen Ungeheuern und sie zerrten an ihren Ketten. Dazwischen immer wieder der eine Ruf »Wasser«. Da erwachte ich. Von fern her dröhnten die Geschütze noch immer, bau--a, bau--a, bau--a bellten sie und schrien wie die Kriegshunde, mit denen der Donnergott über den Wald dahin fährt, während die sturmgepeitschten Wipfel unter ihm rauschend aneinander schlagen.
»Wasser«. Der Kamerad konnte nicht weit von mir liegen. Ein paar Schritte nur, aber ich Krüppel konnte ihn nicht erreichen. Ich griff nach meiner Feldflasche, sie war bei meinem Sturze heil geblieben. Ich trank gierig ein paar Züge, dann, meine ganze Willenskraft zusammennehmend, schloß ich den Stöpsel wieder. »Kamerad,« rief ich, »hier meine Flasche, ein kleiner Rest ist noch darin«; und ich warf sie nach der Richtung, von wo gerufen wurde. Ein leise gehauchter Dank wurde verschlungen von dem Splittern des Gefäßes auf einem Chausseestein. Das karge Labsal erreichte die dürstende Zunge nicht. Meine Gedanken wanderten wieder in die Ferne. Ich war zu Hause und sah eine schön geschliffene Flasche mitten auf einem gedeckten Tisch stehen, Wasser so viel man wollte, und hier die Besten des Volkes im Straßengraben verkommend, weil ein neidischer Zufall das letzte Labsal in den Sand rinnen läßt. Bau--a, bau--a, bau--a bellten die Geschütze weiter und die Nacht wurde lebendig rings um mich her. Sie erwachten die Stimmen des Schlachtfeldes, das Klagen und Stöhnen der Verwundeten, der Jammerschrei der Sterbenden. Flüche und Verwünschungen, englische Worte, flehentliche Bitten: Wasser, Wasser, und drüben über der Talmulde rotbrauner Brandrauch über der Stadt, da die Kriegsfurie friedliches Leben mitleidslos zerstampft hatte. Das Herz erstarrte mir und krampfte sich zusammen unter dem Gefühl eigner Hilflosigkeit so entsetzlichem Unglück gegenüber. An seinem Mitleiden ist Gott zu Grunde gegangen, so sagt wohl jener Philosoph, jener Herrenmensch. Er hat nie verwundet unter Todwunden auf einem Felde gelegen, wo der unerbittliche Schnitter Tod die Garben gemäht hat.
Es war eine furchtbare Nacht, einsam unter den Einsamen, allein unter den Verlassenen. Hin und wieder blickte ein Mondstrahl zwischen den Wolken hindurch, das schauerliche Bild des Todes mit seinem fahlen Scheine übergießend. Dann ward es stiller. Rastlos jagten, lautlosen Reitergeschwadern gleich, zerfetzte Wolken über den Nachthimmel, es ward kälter, der Morgen nahte. Blasses Dämmerlicht ließ die Umrisse des Geschützes vor mir auf der Chaussee wieder deutlicher hervortreten. Da flatterte neben mir aus der Hecke etwas auf. Eine Amsel setzte sich auf das Korn des Geschützrohres, putzte sich die Flügel und begann ihr schrilles Morgenliedchen zu pfeifen ....
Als ich wieder zur Besinnung kam, befand ich mich in einem Saal voll weißer Betten; ich war im vierten Lazarett von Löwen. Was soll ich Dir schreiben über den Verlauf der Heilung, die mein Freund, der Oberstabsarzt Gebhardt für ein Wunder seiner Kunst erklärt. Ich bin ein Krüppel. Ich sitze hier in der Fliederlaube des Gartens, um mich blühender Frühling; in vier Wochen darf ich meine Krücke nehmen und heimkehren, heimkehren zu was? Bescheidene Gemüter werden sagen, ich darf mich beglückwünschen, daß ich noch so davon gekommen bin, wo die Blüte unseres Volkes auf dem Schlachtfelde modert. Beglückwünschen dazu, daß das dankbare Vaterland soweit für mich sorgen wird, daß es mich in den Stand setzt, eine Drehorgel zu kaufen, mit der ich als dekorierter Kriegsinvalid hinfort auf der Straße mir mein Brot suchen darf?
Dein Sohn Otto.
Der Union Jack im Kieler Hafen.
Von dem Verbleiben der englischen Truppentransportdampfer hatte man nichts wieder gehört, seitdem der »Friedrich Karl« einen von ihnen zerstört hatte. Es hieß -- so wurde wenigstens von der dänischen Küste gemeldet -- die Mehrzahl der Schiffe liege irgendwo auf hoher See. Da man nach dem Schicksal Hollands und Belgiens nicht sicher war, ob England nicht etwa über die Neutralität Dänemarks ebenfalls einfach zur Tagesordnung übergehen werde, blieb das 9. Armeekorps verstärkt durch Teile des 10., einstweilen in Schleswig-Holstein stehen und übernahm zusammen mit dem 2. Korps den Schutz der Ostseeküste, während die Strecke zwischen Cuxhaven und der Emsmündung durch die 19. Division (Hannover) verteidigt wurde. Überall an der Küstenlinie waren Beobachtungsposten verteilt, die durch Telegraphenleitungen untereinander in Verbindung standen; dazu trat der Dienst auf den Funkspruchsstationen. So glaubte man sich gegen eine Überraschung gesichert, zumal auf allen Bahnhöfen Vorbereitungen getroffen waren, um die hinter der Seefront konzentrierten Truppen sofort nach einem bedrohten Punkte in Bewegung setzen zu können.
Die englischen Kreuzer, die flinken »Scouts« und zahlreiche Hochseeboote patrouillierten an den deutschen Küsten, mußten demzufolge von den vorhandenen Sicherheitsmaßregeln unterrichtet sein, und so durfte man sich in England kaum der Illusion hingeben, jetzt noch etwas durch eine Überraschung erreichen zu können. Die jütische Halbinsel war durch einen starken Truppenriegel von deutscher Seite abgeschlossen und außerdem verständigte der russische Gesandte in Kopenhagen seinen englischen Kollegen vertraulich davon, daß Rußland eine Verletzung der Neutralität Dänemarks als eine unfreundliche Handlung ansehen werde. Nach dieser Richtung hatte sich der Einfluß der Zarin-Mutter geltend gemacht. Im Hinblick auf die indische Grenze galt es also für die Londoner Regierung, hier politisch zu verfahren, um Rußland nicht an den Dreibund heranzudrängen.
Der monotone Küstenwachtdienst wirkte bald ermüdend auf die Truppen, die vor Begierde brannten, sich mit dem Feinde zu messen, und hier nichts weiter zu tun hatten, als Tag für Tag mit dem Teleskop die leere See zu beobachten und den Horizont nach Rauchwolken ferner Dampfer abzusuchen. Man wirkte dieser gedrückten Stimmung dadurch entgegen, daß man einen strammen Garnisonsdienst unterhielt und durch Felddienstübungen und scharfes Exerzieren den Leuten Beschäftigung gab. Man lag also auf der Lauer gegenüber einem Feinde, den man kaum sah und von dessen Anwesenheit nur die Silhouetten der vor Kiel kreuzenden englischen Flotte und die hier und da auftauchenden englischen Kreuzer Zeugnis gaben. Gelegentlich bei rauhem Wetter oder wenn Frühjahrsnebel die Fernsicht hinderte, kamen die englischen Schiffe auch näher heran und sandten einige Granaten nach den Beobachtungsstationen oder übten ihre Artilleristen im Schießen nach diesem oder jenem Seebad.
Am Abend des 13. April, es war Karfreitag, schob der auf dem Bungsberge nordöstlich von Eutin stationierte Posten mißmutig sein Fernrohr zusammen und gab auf seinem Morseapparat die telegraphische Meldung nach Kiel: »Vom Feinde nichts sichtbar, die Fernsicht durch Dunst behindert. Die Meldungen von den beiden Stationen auf Fehmarn lauten ebenso, seitdem ein großer Kreuzer mit drei Schornsteinen, von Osten kommend, nachmittags den Fehmarn-Belt in der Richtung auf Kiel passiert hat«.
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Als am Morgen des 14. April die Uhr auf dem Lütjenburger Kirchturme die fünfte Stunde verkündete, raste auf der von Lütjenburg nach Kiel führenden Chaussee ein blauer Husar im schärfsten Galopp dahin. Die Hufe seines schweißbedeckten Pferdes schlugen hart auf der Chaussee auf und in Windeseile wollte der Reiter gerade eine Kurve des Weges nehmen, als das Pferd sich plötzlich hoch aufbäumte, sich dann überschlug, und den Reiter in hohem Bogen in den Graben warf, wo er mit gebrochenem Genick neben einem weißen Kilometerstein regungslos liegen blieb. Das Pferd kugelte ebenfalls in den Graben und zerhieb mit den zappelnden Beinen das Buschwerk der Hecke. Rasch sprangen aus dem Knick zwei grau gekleidete Gestalten, schleiften den toten Reiter durch das Haselgestrüpp ins Ackerfeld und warfen ihm seine Lanze nach, die zitternd im weichen Erdreich stecken blieb. Der Husar war durch einen in Manneshöhe über die Chaussee gespannten Draht zu Fall gebracht worden.
Wenige Minuten darauf trabte von fern her auf schwerfälligem Ackergaul ein zweiter Reiter heran, ein Bauernbursche. Kaum hatte er das Versteck der beiden erreicht, so fielen sie ihm in die Zügel. Ein ihm auf die Brust gesetztes Bajonett brachten den Mann zum Schweigen, er ward gebunden, der Mund wurde ihm mit einem Tuch verstopft, und, ehe er sich besann, war er von kräftigen Armen hinter den Knick geschleppt und lag nun hilflos neben den beiden Leuten, die auch sein Pferd rasch einfingen und aufs Feld trieben, wo es ruhig zu fressen begann. Wieder war alles ruhig. Leise unterhielten sich die beiden Grauen in englischer Sprache, da sauste auf der Chaussee ein Automobil heran, blitzschnell passierte es den Standpunkt der beiden Posten, die die acht Insassen der Maschine mit leisem Pfiff begrüßten. Aus der Richtung von Kiel dröhnte bald darauf ein dumpfer Ton, andere folgten, und nach einer Pause brummte es von drüben her wie ferner Donner, der den Boden leise erzittern ließ. Die englische Flotte hatte das Bombardement der Kieler Hafenforts eröffnet.
Jetzt begann sich der dicke Dunst der Morgenfrühe in einen feinen rieselnden Regen aufzulösen. Zu gleicher Zeit liefen in Kiel von der Beobachtungsstation Hessenstein und Bungsberg die Meldungen ein: Verbindung nach den Küstenstationen unterbrochen, Regenwetter.
Die Verbindungen nach der Küste waren in der Tat unterbrochen worden; nicht durch einen Zufall, sondern durch feindliche Hände. Die englischen Transportdampfer hatten am Abend des 13. April noch außer Sicht der deutschen Küste im Großen Belt gelegen und hatten sobald die Sonne gesunken war, von dänischen Lotsen geführt, die Fahrt durch den Langelandbelt zwischen Laaland und Langeland auf die Hohwachter Bucht angetreten. Sie waren im nächtlichen Dunkel unbemerkt geblieben. Etwa um 11 Uhr abends waren am Strande unweit Hohwacht ungefähr ein Dutzend Boote gelandet. Die Mannschaften hatten sich lautlos an die beiden hier am Strand befindlichen kleinen Detachements herangeschlichen -- deren Stellungen ein paar Tage zuvor ein englischer Zerstörer ausgemacht hatte -- und hatten zunächst deren rückwärtige telegraphische Verbindung, die etwa um Mitternacht aufgefunden wurde, zerschnitten und deren Enden an ihre eigenen mitgeführten Morseapparate angeschlossen. Zwei Patrouillen am Strande und mehrere einzelne Posten wurden -- ohne daß ein Schuß fiel -- überwältigt. Um 12 Uhr befanden sich etwa 300 Engländer am Lande, umstellten die beiden schwachen deutschen Feldwachen und machten die schlafenden Leute, die nicht mehr zu ihren Gewehren gelangen konnten mit dem Bajonett nieder. Die Engländer hatten nun eine Strecke von rund 10 km am Strande frei zur Verfügung, wo sich kein deutscher Soldat mehr befand.
Um durch die Dampfmaschinen an den Ladekrähnen auf den Transportschiffen keinen Lärm zu verursachen, der in der stillen Nachtluft weit vernehmbar werden mußte, hatte man die Entladung der Transportdampfer weiter draußen vollzogen, was bei dem schwachen Seegang keine Schwierigkeiten machte. Hierbei kamen den Engländern die mächtigen Holzflöße, die Torpedoboote aus dem Großen Belt hierher geschleppt hatten -- sie entstammten der Ladung mehrerer gekaperter Holzdampfer -- sehr zu statten. Draußen auf der See wurden die Truppen auf diesen Flößen verladen und diese dann durch Torpedoboote in die Nähe der Küste geschleppt, wo sie durch Ruderboote und durch lange Stangen dem Strande näher geschoben wurden. Diese Flöße durch die Pinassen der Kriegsschiffe heranschleppen zu lassen vermied man, um die Landung nicht durch die heftig ratternden Maschinen der kleinen Dampfboote zu verraten. Um 2 Uhr nachts standen etwa 2000 Engländer am Strande, und als im Osten das erste Dämmerlicht des 14. April sichtbar wurde, war ihre Zahl bereits auf 5000 Mann angewachsen. Gleichzeitig entluden zwei Transportdampfer ebenfalls auf Flößen die Pferde der Kavallerie und, was das wichtigste war, zwei Dutzend großer Automobile, die imstande waren je einen leichten für 30 Mann Raum bietenden Wagen zu ziehen.
Von den Pferden erwies sich allerdings die Mehrzahl, infolge des langen Aufenthaltes auf hoher See, als wenig brauchbar. Immerhin konnte die erste Kavalleriepatrouille von 20 Mann bereits um 1 Uhr abrücken, um zunächst die nach Kiel führende Chaussee zu gewinnen. Vier Automobile folgten ihnen und um die Zeit des Sonnenaufganges hatten die englischen Aufklärungstruppen den halben Weg nach Kiel zurückgelegt.
Zwar war die Landung nicht völlig unbemerkt geblieben, in mehreren Dörfern hatten die Hunde angeschlagen. Jedoch maßen die Dorfbewohner dem Gebell keine Bedeutung bei, da man an Truppendurchzüge gewöhnt war. Auch die auf der Chaussee auftauchenden Reiter waren für die an die Feldarbeit gehenden Bauern keine auffallende Erscheinung. Der wogende Nebel verhinderte jede Fernsicht und entzog die Vorgänge am Lande den Blicken der höher gelegenen Beobachtungsstationen auf dem Hessenstein und auf dem Bungsberge. Zudem hatten die Engländer die Vorsicht benutzt, den Bauernhöfen und den Dörfern gewissermaßen zunächst die Windseite abzugewinnen und durch Radfahrerposten zu sichern. Die sich immer weiter auf Kiel zuschiebenden englischen Vortruppen zerstörten überall sofort die Telegraphenverbindungen und unterbanden so jede Nachrichtenübermittelung. Als dann die Automobile mit ihrer Truppenbesatzung die Fahrt nach Kiel begannen, hatte man dort keine Ahnung, was sich in der Nacht am Strande ereignet hatte.
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Die zweite Abteilung des englischen Landungskorps hatte ihre Landung etwas weiter nordwestlich bewerkstelligt. Hier hatte man auch drei Batterien schwerer Haubitzen ausgeschifft. Diese trafen von den neukonstruierten Automobilprotzen gezogen, gegen 5 Uhr vor der kleinen Bahnstation Schönberg ein, wo sich rasch ein Gefecht zwischen der die Besatzung des Dorfes bildenden Kompagnie und der englischen Infanterie entsponnen hatte. Das waren die ersten Schüsse, die überhaupt fielen. Die Kompagnie verbarrikadierte sich in den Häusern zu beiden Seiten der Dorfstraße, ihre Streitkräfte um die Bahnstation konzentrierend. Wollten die Engländer überhaupt etwas erreichen, so konnte das nur durch ein überraschendes Auftreten geschehen; von dieser Erwägung geleitet ließen sie Schönberg rechts liegen und verzichteten überhaupt auf die ursprünglich geplante Benutzung der Eisenbahnlinie, da das geringe vorhandene rollende Material auf dem Bahnhofe durch die tapfere kleine deutsche Truppe verteidigt wurde.
Zwar wurde das Schießen in der Morgenfrühe von Fort Stosch aus gehört. Man fragte durch Funkspruch hinüber, erhielt jedoch von der bereits in englischen Händen befindlichen Station in Schönberg keine Antwort und meldete nun seine Beobachtungen nach Kiel, wo alsbald konstatiert werden konnte, daß auch die Telegraphenverbindung nach Schönberg zerstört sei. Der Morseapparat des Bahntelegraphen klapperte seltsame Zeichen herunter, was man zunächst darauf zurückführte, daß infolge des Regenwetters irgend eine Nebenleitung auf der Linie entstanden sei. Jene Antworten aus Schönberg kamen jedoch nicht aus dem Orte selber, sondern von der durch britische Truppen bereits besetzten Station Probsteierhagen, wo sich englische Telegraphisten des deutschen Morsealphabets zu bedienen suchten. Als kurz darauf dann das Bombardement der Kieler Hafenforts durch die englischen Schiffe einsetzte, wandte sich die ganze Aufmerksamkeit diesem Kampfe zu.
Der Beginn des Kanonendonners von der See her, der die Fensterscheiben in der Stadt erklirren ließ, hatte die Bevölkerung Kiels aus dem Schlafe aufgeschreckt. Gleichzeitig hörten die Bewohner der Kaiserstraße in Gaarden, dem Stadtteil auf der östlichen Seite des Hafens, die schmetternden Morgensignale aus der Kaserne der I. Werftdivision herüberschallen. Als sie an die Fenster eilten, konnten sie nur konstatieren, daß in der stillen Straße noch nichts zu sehen war, und außer den Kommandos auf dem Kasernenhofe drüben und dem fernen Kanonendonner war auch nichts Außergewöhnliches zu hören. Da bogen von der Preetzer Chaussee her kommend zwei Automobile im raschen Tempo in die Straße ein, zwischen den Häusern mit ihrem rasselnden Mechanismus ein hallendes Echo weckend. Auf den beiden Fahrzeugen und den ihnen angehängten Transportwagen sah man Leute in grauer Uniform, mit Mützen, die, ähnlich den für die deutschen Automobilabteilungen gebrauchten, vorn die Zahl 10 zeigten; es war also anscheinend eine Automobilabteilung des 10. Korps. Unter den verschiedenartigen Uniformen, die tagtäglich auf den Straßen der Stadt auftauchten, war es für den Zivilisten ohnehin schwer sich zurecht zu finden und auch die Marinetruppen hatten oft Mühe, sich alle Farbennuancen der Landtruppen zu merken.
Die beiden Automobile passierten die Marinekasernen, und der Offizier auf dem ersten Fahrzeuge grüßte mit lässiger Handbewegung den strammstehenden Posten vor dem Kasernentor. Etwas verwundert über die fremdartige Erscheinung auf der Straße verfolgte dieser den Weg der Automobile, die jetzt in die Norddeutsche Straße einbogen und seinen Blicken entschwanden. Auch der etwas verschlafene Posten am Eingang der Werft salutierte und ließ die Fahrzeuge passieren. Diese fuhren in den Werftbezirk ein und machten seitwärts vor den vier großen Trockendocks Halt; ihre Insassen sprangen herunter und schleppten einige kofferähnliche Gegenstände nach der Richtung der Docks, wo ihnen einige Werftarbeiter ahnungslos Platz machten. Einzelne von den Automobilfahrern gingen entlang der Kaimauer des Baubassins, wo der Kreuzer »Amazone« in Reparatur lag und gingen langsam auf das Ende des Uferdammes zu, wo sich der gewaltige, turmartige Eisentank zur Aufbewahrung der Masutfeuerung erhebt.
Aus dem Tore der Marinekaserne trat inzwischen eine Abteilung Marineinfanterie gerade auf die Straße, um nach dem Hafen zur Landungsbrücke hinunter zu marschieren. Die regennasse Straße lag noch im tiefsten Frieden, und auf dem blanken Pflaster hallten die Schritte der Leute, als sie nach Verlassen des Tores Tritt faßten, laut wider. Die trübe Stimmung des Regenmorgens teilte sich auch den Mannschaften mit, und verdrossen schoben sie sich vorwärts. Als sie gerade in die Augustenstraße einbiegen wollten, klapperte von links her ein neues Automobil mit seinem Anhängewagen heran und wollte vor der Abteilung noch vorübersteuern. Der führende Leutnant der Marineinfanterie rief dem Offizier auf dem Automobil zu: »Herr Kamerad, lassen Sie uns erst vorüber, es geht nach Friedrichsort«. In der Aufregung dieses kritischen Momentes vergaß sich aber der »Herr Kamerad« und fiel aus der Rolle, indem er den Maschinisten zurief: »^Go on^«. Ein fragender Blick des deutschen Offiziers. »Wo wollen Sie hin?« rief er dem Fremden zu. Es erfolgte keine Antwort. Alles dies entschied sich mit Gedankenschnelle.
Das Automobil brauste heran und einzelne von den Mannschaften auf dem Anhängewagen nahmen instinktiv die Gewehre hoch. Da ertönte auf deutscher Seite der Ruf: »Es sind Engländer«. Die Ordnung der Kompagnie löste sich auf, ein paar Schüsse erklangen, deutsche und englische Flüche, ein rasches Handgemenge. Das Automobil lag mit zerschossenen Radreifen seitwärts auf dem Pflaster, mit seinem schnaubenden und klappernden Mechanismus einen fürchterlichen Lärm machend. Der Anhängewagen stand quer über die Straße, die Engländer wurden heruntergezerrt. Einige lagen blutend auf der Straße.
Von den wenigen Überlebenden der Szene wurde dann berichtet: Plötzlich sei vor ihnen eine weiße Feuergarbe aus dem Straßenpflaster aufgeschlagen, und als sie wieder zur Besinnung gekommen, hätten sie, während der Knall der Explosion ihnen noch in den Ohren gellte, vor sich einen schwarzen trichterförmigen Krater gesehen, die Straße besäet mit Leichen und zerfetzten Körperteilen. Die nächsten Häuser völlig demoliert, kein Fenster mehr heil, soweit das Auge reichte. Die Explosion war dadurch entstanden, daß entweder absichtlich oder unabsichtlich -- genaues ließ sich nicht mehr feststellen -- die auf dem Automobil mitgeführte kolossale Ladung von Schießbaumwolle zur Entzündung gebracht worden war.