Part 6
Zum andern haben auch solche Traditionen Gottes Gebot verdunkelt: denn mann setzte diese Traditionen weit ueber Gottes Gebot. Dies hielt man allein fuer christliches Leben, wer die Feier also hielt, also betete, also fastete, also gekleidet war; das nannte man geistliches, christliches Leben. Daneben hielt man andere, noetige gute Werke fuer ein weltliches, ungeistliches Wesen, naemlich die, so jeder nach seinem Beruf zu tun schuldig ist, als dass der Hausvater arbeitet, Weib und Kind zu ernaehren und zu Gottesfurcht aufzuziehen, die Hausmutter Kinder gebiert und wartet ihrer, ein Fuerst und Obrigkeit Land und Leute regiert usw. Solche Werke, von Gott geboten, mussten ein weltliches und unvollkommenes Wesen sein, aber die Traditionen mussten den praechtigen Namen haben, dass sie allein heilige, vollkommene Werke hiessen. Derhalben war kein Mass noch Ende, solche Traditionen zu machen.
Zum dritten, solche Traditionen sind zu hoher Bescherung der Gewissen geraten. Denn es war nicht moeglich, alle Traditionen zu halten, und waren doch die Leute in der Meinung, als waere solches ein noetiger Gottesdienst, und schreibt Gerson, dass viele hiemit in Verzweiflung gefallen, etliche haben sich auch selbst umgebracht, derhalben, dass sie keinen Trost von der Gnade Christi gehoert haben. Denn man sieht bei den Summisten und Theologen, wie die Gewissen verwirrt, welche sich unterstanden haben, die Traditionen zusammenzuziehen, und "epieikeias" gesucht, dass sie den Gewissen huelfen, haben so viel damit zu tun gehabt, dass dieweil alle heilsame christliche Lehre von noetigeren Sachen, als vom Glauben, vom Trost in hohen Anfectungen und dergleichen, daniedergelegen ist. Darueber haben auch viel fromme Leute vor dieser Zeit sehr geklagt, dass solche Traditionen viel Zank in der Kirche anrichten, und dass fromme Leute, damit verhindert, zu rechter Erkenntnis Christi nicht kommen moechten. Gerson und etliche mehr haben heftig darueber geklagt. Ja, es hat auch Augustino missfallen, dass man die Gewissen mit so viel Traditionen beschert [hat]. Derhalben er dabei Unterricht gibt, dass man's nicht fuer noetige Dinge halten soll.
Darum haben die Unsern nicht aus Frevel oder Verachtung geistlicher Gewalt von diesen Sachen gelehrt, sondern es hat die hohe Not gefordert, Unterricht zu tun von obangezeigten Irrtuemern, welche aus Missverstand der Tradition gewachsen sind. Denn das Evangelium zwingt, dass man die Lehre vom Glauben solle und muesse in [den] Kirchen treiben, welche doch nicht mag verstanden werden, so mann vermeint, durch eigenerwaehlte Werke Gnade zu verdienen.
Und ist also davon gelehrt, dass mann durch Haltung gedachter menschlicher Traditionen nicht kann Gnade verdienen oder Gott versoehnen oder fuer die Suende genugtun. Und soll derhalben kein noetiger Gottesdienst daraus gemacht werden. Dazu wird Ursache aus der Schrift angezogen. Christus entschuldigt Matth. 15, 3.9 die Apostel, dass die gewoehnliche Traditionen nicht gehalten haben, und spricht dabei: "Sie ehren mich vergeblich mit Menschengeboten." So er nun dies einen vergeblichen Dienst nennt, muss er nicht noetig sein. Und bald hernach: "Was zum Munde eingehet, verunreiniget den Menschen nicht." Item Paulus sprict Roem. 14, 17: "Das Hiimmelreich stehet nicht in Speise oder Trank." Kol. 2, 16: "Niemand soll euch richten in Speise, Trank, Sabbat" usw. Act. 15, 10 spricht Petrus: "Warum versucht ihr Gott mit Auslegung des Jochs auf der Juenger Haelse, welches weder unsere Vaeter noch wir haben moegen tragen? Sondern wir glauben durch die Gnade unsers Herrn Jesu Christi selig zu werden." Da verbietet Petrus, dass man die Gewissen nicht beschweren soll mit mehr aeusserlichen Zeremonien, es sei Mosis oder andern. Und. 1 Tiim. 4, 1-3 werden solche Verbote, als Speise verbieten, Ehe verbieten usw., Teufelslehren genannt. [*Denn also lauten St. Paulus' Worte: "Der Geist aber sagt deutlich, dass in den letzten Zeiten werden etlich von dem Glauben abtreten und anhangen den verfuehrerischen Geistern und Lehren der Teufel durch die, so in Gleisnerei Luegenredner sind und Brandmal in ihrem Gewissen haben und verbieten, ehelich zu werden und zu meiden die Speise, die Gott geschaffen hat, zu nehmen mit Danksagung, den Glaeubigen und denen, die die Wahrheit erkannt haben."] Denn dies ist stracks dem Evangelio entgegen, solche Werke, einsetzen oder tun, dass man damit Vergebung der Suenden verdiene, oder als moege niemand [ein] christ sein ohne solche Dienste.
Dass man aber den Unsern hie schuld gibt, als verboeten sie Kasteiung und Zucht, wie Jovinianus, wird sich viel anders aus ihren Schriften befinden. Denn sie haben allezeit gelehrt vom heiligen Kreuz, dass Christen zu leiden schuldig sind; und dieses ist rechte, ernstliche und nicht erdictete Kasteiung.
Daneben wird auch gelehrt, dass ein jeglicher schuldig ist, sich mit leiblicher Uebung, als Fasten und anderer Uebung, also zu halten, dass er nicht Ursache zu Suenden gebe, nicht, dass er mit solchen Werken Gnade verdiene. Diese leiblich Uebung soll nicht allein etliche bestimmte Tage, sondern stetig getrieben werden. Davon redet Christus Luk. 21, 34: "Huetet euch, dass eure Herzen nicht bescheret werden mit Voellerei!" Item Matth. 17, 21: "Die Teufel werden nicht ausgeworfen denn durch Fasten und Gebet." Und Paulus spricht 1 Kor. 9, 27, er kasteie seinen Leib und bringe ihn zum Gehorsam, damit [womit] ere anzeigt, dass Kasteiung dienen soll, nicht damit Gnade zu verdienen, sondern den Leib geschickt zu halten, dass er nicht verhindere, was einem jeglichen nach seinem Veruf zu schaffen befohlen ist. Und wird also nicht das Fasten verworfen, sondern dass man einen noetigen Dienst daraus auf bestimmte Tage und Speisen zur Verwirrung der Gewissen gemacht hat.
Auch werden dieses Teils viele Zeremonien und Traditionen gehalten, als Ordnung der Messe und andere Gesaenge, Feste usw., welche dazu dienen, dass in der Kirche Ordnung gehalten werde. Daneben aber wird das Volk unterrichtet, dass solcher aeusserlich Gottesdienst nicht fromm macht vor Gott, und dass man's ohne Beschwerung des Gewissens halten soll, also dass, so man es nachlaesst ohne Aergernis, nicht daran gefuendigt wird. Diese Freiheit in aeusserlich Zeremonien haben auch die alten Vaeter gehalten. Denn im Orient hat man das Osterfest auf andere Zeit dann zu Rom gehalten. Und da etlich diese Ungeleichheit fuer eine Trennung in der Kirche halten wollten, sind sie vermahnt von andern, dass nicht not ist, in solchen Gewohnheiten Gleichheit zu halten. Und spricht Irenaeus also: "Ungleichheit im Fasten trennt nicht die Einigkeit des Glaubens." Wie auch distinct. 12. von solcher Ungleichheit in menschlichen Ordnungen geschrieben, dass sie der Enigkeit der Christenheit nicht zuwider sei. Und Tripartita Hist., lib. 9, zieht zusammen viel ungleiche Kirchengewohnheiten und setzt einen nuetzlichen christlichen Spruch: "Der Apostel Meinung ist nicht gewesen, Feiertage einzusetzen, sondern Glauben und Liebe zu lehren."
Der XXVII. Artikel. Von Klostergeluebden.
Von Klostergeluebden zu reden, ist not, erstlich zu bedenken, wie es bis anher damit gehalten, welch Wesen sie in Kloestern gehabt, und dass sehr viel darin taeglich nicht allein wider Gottes Wort, sondern auch paepstlichen Rechten zuentgegen [zuwider] gehandelt ist. Denn zu St. Augustine Zeiten sind Klosterstaende frei gewesen: folgend [hernach], da die rechte Zucht und Lehre zerruettet, hat man Klostergeluebde erdacht und damit eben als mit einem erdachten Gefaengnis die Zucht widerum aufrichten wollen.
Ueber das hat man neben den Klostergeluebden viel andere Stuecke mehr aufgebracht und mit folchen Banden und Beschwerden ihrer viele, auch vor gebuehrenden Jahren, beladen.
So sind auch viele Personen aus Unwissenheit zu solchem Klosterleben gekommen, welche, wiewohl sie sonst nicht zu jung gewesen, haben doch ihr Vermoegen nicht genugsam ermessen und verstanden. Dieselben alle, also verstickt und verwickelt, sind gezwungen und gedrungen, in solchen Banden zu bleiben, ungeachtet dessen, dass auch [das] paepstliche Recht ihrer viele freigibt. Und das ist beschwerlicher gewesen in Jungfrauenkloestern denn Moenchskloestern, so sich doch geziemt haette, der Weibsblider als der Schwachen zu verschonen. Dieselbe Strenge und Haertigkeit hat auch viel frommen Leuten in Vorzeiten missfallen; denn sie haben wohl gesehen, dass beide Knaben und Maidlein um Erhaltung willen des Leibes in die Kloester sind versteckt worden. Sie haben auch wohl gesehen, wie uebel daselbe Vornehmen geraten ist, was Aergernis, was Beschwerung der Gewissen es gebracht, und haben viele Leute geklagt, dass man in solcher gefaehrlichen Sache die Canones so gar nicht geachtet [hat]. Zudem, so hat man eine solche Meinung von den Klostergeluebden, die unverborgen [ist], die auch viel Moenchen uebel gefallen hat, die wenig ein [die ein wenig] Verstand gehabt [haben].
Denn sie gaben vor, dass Klostergeluebe der Taufe gleich waeren, und dass man mit dem Klosterleben Vergebung der Suenden und Rechtfertigung vor Gott verdiene. Ja, sie setzten noch mehr dazu, dass man mit dem Klosterleben verdiente nicht allein Gerechtigkeit und Frommigkeit, sondern auch, dass man damit hielte die Gebote und Raete, im Evangelio verfasst, und wurden also die Klostergeluebde hoeher gepriesen denn die Taufe; item, dass man mehr verdiente mit dem Klosterleben denn mit allen andern Staenden, so von Gott geordnet sind, als Pfarrherr= und Predigerstand, Obrigkeit=, Fuersten=, Herrenstand und dergleichen, die alle nach Gottes Gebot, Wort und Befehl in ihrem Beruf ohne erdichtete Geistlichkeit dienen, wie denn dieser Stuecke keines verneint werden mag, denn man findet's in ihren eigenen Buechern. Ueber das, wer also gefangen und ins Kloster gekommen [war], lernte wenig von Christo.
Etwa [vorzeiten] hat man Schulen der Heiligen Schrift und anderer Kuenste, so der chirstlichen Kirche dienstlich sind, in den Kloestern gehalten, dass man aus den Kloestern Pfarrherren und Bischoefe genommen hat; jetzt aber hat's viel eine andere Gestalt. Denn vorzeiten kamen sie der Meinung zusammen im Klosterleben, dass man die Schrift lerne. Jetzt geben sie vor, das Klosterleben sei ein solch Wesen, dass man Gottes Gnaden und Froemmigkeit vor Gott damit verdiene, ja, es sei ein Stand der Vollkommenheit, und setzten's den andern Staenden, so von Gott eingesetzt, weit vor. Das alles wird darum angezogen, ohne alle Verunglimpfung, damit man je desto dass [besser] vernehman und verstehen moege, was und wie die Unsern predigen und lehren.
Erstlich lehren sie bei uns von denen, die zur Ehe greifen, also, dass alle die, so zum ledigen Stand nicht geschickt sind, Macht, Fug und Recht haben, sich zu verehelichen. Denn die Geluebde vermoegen nicht Gottes Ordnung und Gebot aufzuheben. Nun lautet Gottes Gebot also 1 Kor. 7, 2: "Um der Heuerei willen habe ein jeglicher sein eigen Weib, und eine jegliche habe ihren eigenen Mann." Dazu dringt, zwingt und treibt nicht allein Gottes Gebot, sondern auch gottes Geschoepf und Ordnung alle die zum Ehestand, die ohne sonderes [besonderes] Gotteswerk mit der Gabe der Jungfrauschaft nicht begnadet sind, laut dieses Spruchs Gottes selbst Gen. 2, 18: "Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; wir wollen ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei."
Was mag man nun dawider aufbringen? Man ruehme das Geluebde und Pflicht, wie hoch man wolle, an mutze es auf, als [so] hoch man kann, so mag [kann] dennoch nicht erzwingen, dass Gottes Gebot dadurch aufgehoben werde. Die Doctores sagen, dass die Geluebde, auch wider des Papsts Recht, unbuendig [nicht verbindlich] sind, wieviel weniger sollen sie denn binden, Statt und Kraft haben wider Gottes Gebot!
Wo die Pflichten der Geluebde keine anderen Ursachen haetten, dass sie moechten aufgehoben werden, so haetten die Paepste auch nicht dawider dispensiert oder erlaubt. Denn es gebuehrt keinem Menschen die Pflicht, so aus goettlichen Rechten herwaechst, zu zerreissen. Darum haben die Paepste wohl bedacht, dass in dieser Pflicht eine Aequitaet soll gebraucht werden, und haben zum oesternmal dispensiert, als, mit einem Koenige von Aragonien und vielen andern. So man nun zur Erhaltung zeitlicher Dinge dispensiert hat, soll viel billiger dispensiert werden um Notdurft willen der Seelen.
Folgends [ferner], warum treibt der Gegenteil so hart, dass man die Geluebde halten muss, und sieht nicht zuvor an, ob das Geluebde seine Art habe? Denn das Geluebde soll in moeglichen Sachen willig und ungezwungen sein. Wie aber die ewige Keuschheit in des Menschen Gewalt und Vermoegen stehe, weiss man wohl; auch sind wenig, beide Manns= und Weibspersonen, die von ihnen selbst, willig und wohlbedacht, das Klostergeluebde getan haben. Ehe sie zum rechten Verstand kommen, so ueberredet man sie zum Klostergeluebde; zuweilen werden sie auch dazu gezwungen und gedrungen. Darum ist es je nicht billig, dass man so schwind [scharf] und hart von der Geluebdepflicht disputiere, angesehen, dass sie alle bekennen, dass solches wider die Natur und Art des Geluebdes ist, dass es nicht willig und mit gutem Rat und Bedacht gelobt wird.
Etliche Canones und paepstilche Rechte zerreissen die Geluebde, die unter fuenfzehn Jahren geschehen sind. Denn sie halten's dafuer, dass man vor derselben Zeit so viel Verstandes nicht hat, dass man die Ordnung des ganzen Lebens, wie dasselbe anzustellen, beschliessen koenne. Ein anderer Kanon gibt der menschlichen Schwachheit noch mehr Jahre zu; denn er verbietet, das Klostergeluebde unter achtzehn Jahren zu tun. Daraus hat der meiste Teil Entschuldigung und Ursachen, aus den Kloestern zu gehen; denn sie des mehreren Teils in der Kindheit vor diesen Jahren in Kloester gekommen sind.
Endlich, wenngleich die Verbrechung [das Brechen] des Klostergeluebdes moechte getadelt werden, so koennte aber dennoch nicht daraus folgen, dass man derselben Ehe zerreissen sollte. Denn St. Augustinus sagt 27.quaest., 1.cap., Nuptiarum, dass man solche Ehe nicht zerreissen soll. Nun ist je St. Augustin nicht in geringen Ansehen in der christlichen Kirche, obgleich etliche hernach anders gehalten [haben].
Wiewohl nun Gottes Gebot von dem Ehestande ihrer sehr viele vom Klostergeluebde frei und ledig gemacht [hat], so wenden doch die Unsern noch mehr Ursachen vor, dass Klostergeluebde nichtig und unbuendig seien. Denn aller Gottesdienst, von den Menschen ohne Gottes Gebot umnd Befehl eingesetzt und erwaehlt, Gerechtigkeit und Gottes Gnade zu erlangen, sei wider Gott und dem Evangelio und Gottes Befehl entgegen; wie denn Christus selbst sagt Matth. 15, 9: "Sie dienen mir vergebens mit Menschengeboten." So lehret's auch St. Paulus ueberall, dass man Gerechtigkeit nicht soll suchen aus unsern Geboten und Gottesdiensten, so von Menschen erdichtet sind, sondern dass Gerechtigkeit und Froemmigkeit vor Gott kommt aus dem Glauben und Vertrauen, dass wir glauben, dass uns Gott um seines einigen Sohnes Christus willen zu Gnaden annimmt.
Nun ist es je am Tage, dass die Moenche gelehrt und gepredigt haben, dass die erdachte Geistlichkeit genugtue fuer die Suende und Gottes Gnade und Gerechtigkeit erlange. Was ist nun dies anders, denn die Herrlichkeit und Preis det Gnade Christi vermindern und die Gerechtigkeit des Glaubens verleugnen? Darum folgt aus dem, dass solche gewoehnliche Geluebde unrechte, falsche Gottesdienste gewesen [sind]. Derhalben sind sie auch unbuendig. Denn ein gottlos Geluebde, und das wider Gottes Gebot geschehen, ist unbuendig und nichtig; wie auch die Canones lehren, dass der Eid nicht soll ein Band zur Suende sein.
St. Paulus sagt zu den Galatern am 5,4: "Ihr seid ab von Christ, die ihr durch das Gesetz rechtfertig werden wollt, und habt der Gnade gefehlt." Derhalben auch die, so durch Geluebde wollen rechtfertig werden, sind von Christo ab und fehlen der Gnade Gottes. Denn dieselben rauben Christo seine Ehre, der allein gerecht macht, und geben solche Ehre ihren Geluebden und Klosterleben.
Mann kann auch nicht leugnen, dass die Moenche gelehrt und gepredigt haben, dass sie durch ihre Geluebde und Klosterwesen und =weise gerecht werden und Vergebung der Suenden verdienen; ja, sie haben noch wohl ungeschicktere Dinge erdichtet und gesagt, dass sie ihre guten Werke den andern mitteilen. Wenn nun einer dies alles wollte unglimpflich treiben und aufmutzen, wie viele Stuecke koennte er zusammenbringen, deren sich die Moenche jetzt selbst schaemen und nicht wollen getan haben! Ueber das alles haben sie auch die Leute ueberredet, dass die erdichteten geistlichen Ordenstaende sind christliche Vollkommenheit [*dass die erdichteten geistlichen Orden Staende sind christlicher Vollkommenheit]. Dies ist ja die Werke ruehmen, dass man dadurch gerecht werde. Nun ist es nicht ein geringes Aergernis in der christlichen Kirche, dass man dem Volk einen solchen Gottesdienst vortraegt, den die Menschen ohne Gottes Gebot erdichtet haben, und lehren, dass ein solcher Gottesdienst die Menschen vor Gott frommm und gerecht macht. Denn Gerechtigkeit des Glaubens, die man am meisten in der Kirche treiben soll, wird verdunkelt, wenn den Leuten die Augen aufgesperrt werden mit dieser seltsamen Engelsgeistlichkeit und falschem Vorgeben der Armut, Demut und Keuschheit.
Ueberdas werden auch die Gebote Gottes und der rechte und wahre Gottesdienst dadurch verdunkelt, wenn die Leute hoeren, dass allein die Moenche im Stand der Vollkommenheit sein sollen. Denn die christliche Vollkommenheit ist, dass man Gott von Herzen und mit Ernst fuerchtet und doch auch eine herzliche Zuversicht und Glauben, auch Vertrauen fasst, dass wir um Christus' willen einen gnaedigen, barmherzigen Gott haben, dass wir moegen und sollen von Gott bitten und begehren, was uns not ist, und Hilfe von ihm in allen Truebsalen gewisslich nach eines jeden Beruf und Stand gewarten; dass wir auch indes sollen aeusserlich mit Fleiss gute Werke tun und unsers Berufs warten. Darin steht die rechte Vollkommenheit und der rechte Gottesdienst, nicht im Betteln oder in einer schwarzen oder grauen Kappe usw. Uber das gemeine Volk fasst viel schaedlich Meinungen aus falschem Lob des Klosterlebens. So sie es hoeren, dass man den ledigen Stand ohne alle Massen lobt, folgt, dass es mit beschwertem Gewissen im Ehestand ist. Denn daraus, so der gemeine Mann hoert, dass die Bettler allein sollen vollkommen sein, kann er nicht wissen, dass er ohne Suende Gueter haben und hantieren moege. So das Volk hoert, es sei nur ein Rat, nicht Rache ueben, folgt, dass etliche vermeinen, es sei nicht Suende, ausserhalb des Amtes Rache zu ueben. Etliche meinen, Rache gezieme den Christen gar nicht, auch nicht der Obrigkeit.
Man liest auch der Exempel viele, dass etlich Weib und Kind, auch ihr Regiment verlassen und sich in Kloester gesteckt haben. Dasselbe, haben sie gesagt, heisst aus der Welt fliehen und ein solch Leben suchen, das Gott bass [besser] gefiele denn der andern Leben. Sie haben auch nicht koennen wissen, dass man Gott dienen soll in den Geboten, die er gegeben hat, und nicht in den Geboten, die von Menschen erdichtet sind. Nun ist je das ein guter und vollkommener Stand des Lebens, welcher Gottes Gebot fuer sich hat; das aber ist ein gefaehrlicher Stand des Lebens, der Gottes Gebot nicht fuere sich hat. Von solchen Sachen ist vonnoeten gewesen, den Leuten guten Bericht zu tun.
Es hat auch Gerson in Vorzeiten den Irrtum der Moenche von der Vollkommmenheit gestraft und zieht an, dass bei seinen Zeiten dieses eine neue Rede gewesen sei, dass das Klosterleben ein Stand der Vollkommenheit sein solle.
So viel gottlose Meinungen und Irrtuemer kleben in den Klosterbeluebden: dass sie sollen rechtfertigen und fromm vor Gott machen, dass sie die christliche Vollkommenheit sein sollen, dass damit beide des Evangeliums Raete und Gebote halte, dass sie haben die uebermass der Werke [*dass sie haben die Uebermasswerke], die man Gott nicht schuldig sei. Dieweil denn solches alles falsch, eitel und erdictet ist, so macht es auch die Klostergeluebde nichtig und unbuendig.
Der XXVIII. Artikel. Von der Bischoefe Gewalt.
Von der Bischoefe Gewalt ist vorzeiten viel und mancherlei geschrieben und haben etliche ungeschicklich die Gewalt der Bischoefe und das weltlich Schwert untereinander gemengt, und sind aus diesem unordentlichen Gemenge sehr grosse Kriege, Aufruhre und Empoerungen erfolgt, aus dem, dass die Bischoefe im Schein ihrer Gewalt, die ihnen von Christo gegeben, nicht allein neue Gottes dienste angerichtet haben und mit Vorbehaltung etlicher Faelle und mit gewaltsamen Bann die Gewissen beschwert, sondern auch sich unterwunden [haben], Kaiser und Koenige zu setzen un [zu] entsetzen ihres Gefallens, welchen Frevel auch lange Zeit hiervor gelehrte und gottesfuerchtige Leute in der christenheit gestraft habent. Derhalben die Unsern zu[m] Trost der Gewissen gezwungen sind worden, den Unterschied der Geistlichen und weltlichten Gewalt, Schwerts und Regiments anzuzeigen, und haben gelehrt, dass man beide Regimente und Gewalten um Gottes Gebots willen mit aller Andacht ehren und wohl halten solle als zwei hoechste Gaben Gottes auf Erden.
Nun lehren die Unsern also, dass die Gewalt der Schluessel oder der Bischoefe sei laut des Evangeliums eine Gewalt und Befehl Gottes, das Evangelium zu predigen, die Suende zu vergeben und zu behalten und die Sakramente zu reichen und zu handeln. Denn Christus hat die Apostel mit dem Befehl ausgesandt Joh. 20, 21 ff.: "Gleichwie mich mein Vater gesandt hat, also sende ich euch auch. Nehmet hin den Heiligen Geist! Welchen ihr die Suenden erlassen werdet, denen sollen sie erlassen sein, und denen ihr sie vorbehalten werdet, denen sollen sie vorbehalten sein."
Dieselbe Gewalt der Schluessel oder Bischoefe uebt und treibt man allein mit der Lehre und Predigt Gottes Worts und mit Handreichung der Sakramente gegen viele oder einzelne Personen, danach der Beruf ist. Denn damit werden gegeben nicht leibliche, sondern ewige Dinge und Gueter, also naemlich ewige Gerechtigkeit, der Heilige Geist und das ewige Leben. Diese Gueter kann man anders nicht erlangen denn durch das Amt der Predigt und durch die Handreichung der heiligen Sakramente. Denn St. Paulus spricht Roemer. 1, 16: "Das Evangelium ist eine Kraft Gottes, selig zu machen alle, die daran glauben." Dieweil nun die Gewalt der Kirche oder Bischoefe ewige Gueter gibt und allein durch das Predigtamt geuebt und getrieben wird, so hindert sie die Polizei und das weltliche Regiment nichts ueberall. Denn das weltliche Regiment geht mit viel andern Sachen um denn das Evangelium; welche Gewalt schuetzt nicht die Seelen, sondern Leib und Gut wider aeusserliche Gewalt mit dem Schwert und leiblichen Poenen [Strafen].
Darum soll man die zwei Regimente, das geistliche und weltliche, nicht ineinandermengen und =werfern. Denn die geistliche Gewalt hat ihren Befehl, das Evangelium zu predigen und die Sakramente zu reichen, soll auch nicht in ein fremd Amt fallen, soll nicht Koenige setzen oder entsetzen, soll weltlich Gesetz und Gehorsam der Obrigkeit nicht aufheben oder zerruetten, soll weltlicher Gewalt nicht Gesetze machen und stellen von weltlichen Haendeln; wie denn auch Christus selbst gesagt hat Joh. 18, 36: "Mein Reich ist nicht von dieser Welt." Item Luk. 12, 14: "Wer hat mich zu einem Richter zwischen euch gesetzt?" Und St. Paulus zu den Philippern am 3, 20: "Unsere Buergerschaft ist im Himmel." Und in der zweiten zu den Korinthern, 10, 4: "Die Waffen unserer Ritterschaft sind nicht fleischlich, sondern maechtig vor Gott, zu verstoeren die Anchlaege und alle Hoehe, die sich erhebt wider die Erkenntis Gottes."
Diersergestalt unterscheiden die Unsern beider Regimente und Gewalten Amt und heissen sie beide als die hoechste Gabe gottes auf Erden in Ehren halten.