Eingeschneit: Eine Studentengeschichte
Chapter 3
Der Eheherr aber fuhr fort: »Nun hatten wir kurze Verlobungszeit,[26-3] denn bei mir[26-4] waren, von den Eltern her, Kasten und Schränke voll von selbstgesponnenem Flachs und Leinen. Meine Schwester räumte bald das Feld, denn sie selber hatte eine alte Liebe, der sie aber nicht eher nachhängen wollte, als bis sie mich versorgt wußte. Die Hochzeit war bald, und die Hochzeitsreise ist es, auf der wir uns befinden. Wir wußten zuerst nicht wohin[26-5] und kamen mit der Kutsche an einen Knotenpunkt der Eisenbahn gefahren.[26-6] »Annlieschen,« sag' ich, »wo[26-7] der erste Zug jetzt hinfährt, ob nach Norden oder Süden, da fahren wir hin.« Annlieschen war's zufrieden, wie sie überhaupt mit allem zufrieden ist. Also der Zug geht nach Süden. Wir fahren nach Kassel.[26-8] Ich sage: »Hast[26-9] du Kassel gesehen, dann siehst du auch Frankfurt[26-10] am Main, wo die deutschen Kaiser einst gehaust.« Sagt[26-11] Annlieschen: »Ja wohl--dahin laß mich mit dir, mein Geliebter, ziehen.«[26-12] Dort regnet's in Strömen. Wir sitzen im Westend-Hotel und sehen uns[26-13] den Regen an. »Anneliese,« sag' ich, »das ist langweilig--wir gehen[26-14] nach dem schönen Heidelberg,[26-15] da ist's sonnig und wonnig.« Aber in Heidelberg, dem Wetterloch,[26-16] war's noch schlimmer. Sitzt[26-17] im »Ritter«[26-18] dort ein Herr, der sagt: »Freiburg[27-1] im Breisgau--da ist's schön, herrlich!«--und Anneliese sagt wieder: »Dahin, dahin u.s.w.«[27-2] Ich gehe mit ihr nach Freiburg, auf den Blauen[27-3]--»da schimmert was,«[27-4] sag' ich. »Anneliese--guck[27-5] mal[27-6]--weißt du, was das ist?« »Nein,« sagt die Anneliese. »Siehste[27-7]--das[27-8] sind die Alpen.« Anneliese sagt wieder: »Dahin laß uns ziehen.« Wir ziehen durch die Schweiz nach dem Sankt Gotthard,[27-9] wo wir eingeregnet werden. Da sitzen zwei Brautpaare in gleicher Nässe, die wollten[27-10] nach Italien. Italien! das stach[27-11] mich wie ein Skorpion. »Annlieschen--Italien!--Land,[27-12] wo die Citronen blühen[27-13]--dahin laß uns ziehen!« Wir hatten zwar nichts bei uns als einen kleinen Reisesack in der Hand zu[27-14] tragen, aber ich sage: »Es[27-15] kennt uns niemand.« Also nach Italien! Wir waren in Mailand [27-16] und Genua.[27-17] Ich sage: »Annlieschen--weißt du, was da hinten liegt am blauen Meere?« »Nein,« sagt sie, »wat[27-18] soll da liegen?« »Da liegt Rom--! Rom! Neapel--'s ist ein Katzensprung--also »Annliese {{avanti}}!«,[27-19] womit der Italiener so viel meint, als wenn der Deutsche »Vorwärts« sagt. Und schließlich standen wir auf dem Vesuv.[27-20] Von dort ging's[27-21] rasch zurück über Venedig[27-22] und nun hier herauf nach den Tauern, und da wurden wir festgeschneestöbert.[27-23]--So, meine Herrschaften, nun wissen Sie Bescheid, wen Sie vor sich haben.«
»{{Beautiful indeed}},« sagte der Engländer. »Sie haben großes[27-24] Mut. Ich sehr lieben Italien.«
Die drei jungen Mädchen waren vor Vergnügen außer sich, also die[28-1] hatten Italien gesehen, während sie selbst in Venedig umkehren mußten! Die Frau kam ihnen nun doppelt interessant vor. Sie meinten zwar, man müßte es den Leuten immer am Gesicht ansehen, wenn sie in Italien gewesen,[28-2] aber Anneliese sah so rotbackig drein, und ließ es sich so vortrefflich schmecken, und sie merkten nicht das geringste Absonderliche. Nur daß der junge Eheherr ein Spaßvogel war, der in trockenster[28-3] Art mit dem fettesten Pinsel malte, das leuchtete ihnen ein.
Die Studenten aber ließen die Köpfe hängen. »Ach,« sagte der zweite Tenor, »wenn unsereinem so etwas mal[28-4] in dem Garten[28-5] wüchse! Da lernt man seinen Horatius[28-6] und Virgil im finstern Loch[28-7] und sieht sein Leben[28-8] nichts davon,[28-9] nicht einmal einen Italiener, von nahem! {{Beatus ille!«}}[28-10]
Derweilen der Studio so klagte, stimmte der Assessor die Saiten und fing plötzlich mit schöner, tiefer Stimme das Lied zu singen an:
Kennst[28-11] du das Land, wo die Citronen blüh'n, Im dunkeln Laub die Goldorangen glüh'n, Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht, Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht? Kennst du es wohl?[28-12] Dahin! Dahin Möcht' ich mit dir, o mein Geliebter zieh'n!
Er sang so schön und herzergreifend, daß alles[28-13] stille ward.
»Waren Sie schon in Italien?« fragte der Engländer.
»Ja, ich war schon da, vor[29-1] Jahren,« sagte leise und ernst der Assessor. Er schnitt damit[29-2] aber jedes weitere Gespräch ab. Man merkte es ihm am Tone an, daß dort etwas von Bedeutung in seinem Leben geschehen sein mußte, womit er nicht herausrücken wollte.
»Sie haben das Lied so schön gesungen,« sagte die »Vorsteherin«--»so schön wie ich es nur einstens von einer Freundin gehört. Aber merkwürdig ganz mit demselben Klange und derselben Auffassung. Es ist doch eigen, wie plötzlich Erinnerungen auftauchen, die sich an irgend ein Lied oder Wort oder einen Klang so unzerreißbar heften!«
»Und Ihre Freundin war auch in Italien?« fragte der Assessor.
»Ja--sie ist ganz dort,« entgegnete die Dame wehmütig. »Sie schläft unter den Cypressen an der Cestiuspyramide,[29-3] auf dem Kirchhofe der Protestanten zu Rom.«
Den Assessor durchzuckte es.[29-4] Es[29-5] kämpfte in ihm, ob er weiter fragen sollte. Endlich fragte er doch: »In welchem Jahre war es?«
»Es war im[29-6] Jahre 18.., am 20. Mai, daß sie entschlafen.«
Der Assessor stützte den Kopf in beide Hände und sprach kein Wort. Alle schauten still und stumm auf ihn,--am meisten betroffen aber war die »Vorsteherin.« »Ich habe Ihnen doch[29-7] nicht wehe gethan?« sagte sie in weichem, mildem Tone.
Der Assessor schaute sie klar und tief mit feuchten Augen an. »Wohl und wehe zugleich, Fräulein Milla!--denn keine andere sind Sie, wiewohl ich Sie nie gesehen, die treueste Freundin meiner unvergeßlichen Elsa.«--Er reichte ihr die Hand und hielt sie lange fest.
Nun aber war das Erstaunen an ihr. Ihr Auge leuchtete und eine durchsichtige Röte flammte über die schönen Züge. »Sie sind es, Robert?--Und so sehen wir uns[30-1] zum ersten Mal in diesem Leben?«
Die andern im Kreise schwiegen. Jeder ehrte den Schmerz, den er doch nicht völlig verstand.
»Sehr merkwürdig,« sagte der Engländer leise zu den andern. »Bitte, singen Sie ein Lied, das ist das beste für die Wunden.« Schnell waren die drei Studenten beisammen und sangen mit heller Stimme:
Es[30-2] ist bestimmt in Gottes Rat, Daß man vom liebsten, das man hat, Muß scheiden; Wiewohl doch nichts im Lauf der Welt Dem Herzen, ach! so sauer fällt Als scheiden.
Als sie geschlossen, stand der Assessor auf, drückte jedem die Hand und sagte: »Ich danke Ihnen von Herzen. Vergeben Sie mir den Augenblick, wo ich mich verloren habe und Ihnen vielleicht schwach erschienen bin.« Die »Vorsteherin« war noch immer still in sich versunken. Endlich brach der Assessor wieder das Schweigen.
»Da Sie so unvermutet Zeugen einer gemeinsamen Erinnerung geworden, so lassen Sie mich Ihnen auch mitteilen, was wir erlebt. Ich darf wohl kurz sein: Es war in meinen Universitätsjahren. Ich war wie Sie, meine Herren, ein fröhlicher Bursche, dem der Himmel voll Baßgeigen[31-1] hing. Wir sangen auch, wie Sie, Quartette und weckten die Leute des Morgens[31-2] in der Ruhe und des Abends im Schlaf mit unserm Gesang. Da wurden wir eines Tages gebeten, auf einer Hochzeit zu erscheinen und dem jungen Paare zu singen, dafür[31-3] sollten wir dann auch mitfeiern. Was thut man nicht als Student, um ein gut Glas Wein zu erjagen? Wir sangen und mischten uns unter die Gäste, die aus allen Himmelsgegenden zusammengeflogen waren. Wir Studenten kamen unter die Brautjungfern zu sitzen. Ich ahnte nicht, daß das die Wendung meines ganzen Lebens werden sollte.[31-4] Wir scherzten und sangen; aber mit meiner Nachbarin geriet ich sehr bald ins tiefste Gespräch. Ich hörte und sah nichts mehr als nur sie. Noch nie hatte ein Mensch im[31-5] Leben so schnell mich verstanden, und so seelenvoll mit mir verkehrt. Ich war ja[31-6] ein Waisenkind, bei fremden Leuten auferzogen, ohne Geschwister, und hatte nie gewußt, was eigentlich ein fühlendes Herz sei. Die Kameraden hatten mich wohl[31-7] aus meiner Philisterhaftigkeit und Menschenscheu herausgejagt, aber Zutrauen zu Menschen hatte ich nicht gefaßt. Aber dies Mädchen mit ihrer weichen Stimme, ihren seelenvollen Augen und den geistvollen, blitzenden und doch so warm leuchtenden Gedanken hatte mir eine Welt aufgeschlossen, die ich nicht kannte. Ich wagte es,[32-1] ihr von meinem traurigen Leben zu erzählen. Ich weiß nicht, was ich noch alles sagte, mir brannte der Kopf und der Boden unter den Füßen. »Wenn sie nur meine Schwester wäre,«[32-2] so dachte ich und sprach es ihr auch aus. Sie schaute mich dabei mit einem wunderbaren Blicke an. Da begann eben der Tanz, ihre Mutter holte sie weg, und sie verlor sich[32-3] in den Reihen der Tanzenden. Ich konnte nicht tanzen, aber das Bild verlor sich nicht, ich mußte sie immer mit den Augen verfolgen. Mit einem Male war sie fort,[32-4] verschwunden mit ihrer Mutter. Ich hörte, daß sie plötzlich erkrankt sei. Nach dem Tanze mußten wir noch singen; aber ich sang verkehrt, und wir warfen beinahe um. Als die Sache zu Ende war, schlich ich still unter das Fenster des Gasthofes, in welchem sie wohnte; es[32-5] war noch Licht oben. Sie war krank, und ich dachte mir gleich das schlimmste. Am folgenden Tage hörte ich, daß sie wirklich schwer vom Typhus erfaßt sei, der wohl in ihr gelegen und den die Aufregung der Hochzeit beschleunigt hatte. Wochen kamen und gingen. Endlich durfte[32-6] sie wieder ins Freie. Wir Studenten benutzten den ersten Abend ihrer Genesung, ihr ein Ständchen zu bringen. Stille öffneten sich die Fenster in der lauen Nacht, und unser Gesang tönte hinauf. Die Mutter lud uns mit der Familie, die damals Hochzeit feierte, bald darauf ein. Ich sah Elsa wieder, die Züge waren unverändert, nur die leichte Röte ihrer Wangen erschreckte mich und der starke Glanz in den Augen. Sie reichte mir die Hand und sagte: »Sie haben gewiß das Ständchen mir gebracht.« Ich wurde rot bis über die Ohren und gestand. Ich sagte noch mehr; ich sagte, wie ich um sie gelitten während dieser Zeit und jeden[33-1] Abend stundenlang unten an der Ecke gestanden, um zu sehen, ob das Licht noch brenne.«
»Ja, ja,« sagte sie, »ich war selbst ein brennend[33-2] Licht, das hin-[33-3] und herflackerte zwischen Leben und Tod. Merkwürdig! Ihre Lebensgeschichte hat mich oft in den[33-4] Fieberphantasieen verfolgt; ich sprach immer von einem Waisenknaben, der mich gebeten hätte,[33-5] seine Schwester zu sein. Mutter fragte mich manchmal, wer es denn sei,[33-6] aber ich kannte Ihren Namen nicht. Ich habe aber von einer Freundin gehört, die mir erzählte, wie einer von den Sängern jeden Tag da unten gestanden und hinaufgeschaut. Ich dachte, das ist gewiß der »Bruder.«
»Es[33-7] flocht sich seit jener Zeit ein inniges Freundschaftsband zwischen uns. Nach ihrer Genesung zog sie mit der Mutter weit weg, aber ich durfte mit ihr korrespondieren. Ich lernte nun mit eisernem Fleiß, um meine Studien[33-8] zu vollenden. Ich war nicht unbemittelt, und wenn alles gut ging, so konnte ich ihr nach drei Jahren ein Heim bieten. So arbeitete ich fast über meine Kräfte bei Tag und Nacht. Mein Trost waren Elsas Briefe. Plötzlich blieben diese aus. Ich bekam keine Antwort mehr. Auf meine dringenden Bitten an die Mutter schrieb diese endlich, »der Gesundheitszustand Elsas sei derart,[34-1] daß sie jede Aufregung vermeiden müsse.« Das[34-2] warf mich vollends nieder. Ich war ohnehin schon durch übernächtige Arbeiten erschüttert, aber das gab mir den letzten Stoß. Wochenlang lag ich zwischen Leben und Tod. Als ein alter Mensch bin ich vom Bette aufgestanden, da fand ich zwei Briefe--von der Hand dieses Fräuleins hier, einer nahen Freundin Elsas, die[34-3] mir Aufschluß gaben. Die Mutter hatte nämlich ihr und ihres Kindes Vermögen bei einem Bankhause verloren. In ihrer Not wandte sie sich an einen Onkel Elsas, der eben so alt wie reich war. Er half auch, aber ließ allmählich seine Absicht auf die Hand Elsas merken. Als er deutlicher damit hervortrat, wehrte sie sich aufs[34-4] entschiedenste. Die Mutter sah mit gramvollem[34-5] Herzen der Sache zu. Vor Elsa stand die Möglichkeit, durch die reiche Heirat der Mutter zu helfen. Sie liebte mich--aber es deuchte ihr zu lange, bis ich ihr ein Heim bieten könnte, und überhaupt--ich hatte ja doch bisher nur wie ein Bruder zu ihr gestanden. Die Mutter hatte dem Onkel das Geheimnis unserer Liebe unbedacht verraten, und er verbot, als Bedingung seiner weiteren Hilfe, jedes weitere Korrespondieren mit dem jungen Manne. Elsa hatte mir dies durch ihre Freundin schreiben lassen und wartete auf Antwort. Da eben erkrankte ich, und alle meine Briefe blieben uneröffnet bis zu meiner Genesung. Ich öffnete den zweiten Brief, dessen kurzer Inhalt war: Elsa konnte mein Schweigen nicht anders auslegen, als daß ich sie vergessen. Aber sie blieb dennoch fest und standhaft und wollte lieber alle Mittel des Onkels ausschlagen, als einem Manne die Hand geben, den sie nicht liebte. So arbeitete sie denn die Nächte durch,[35-1] um ihre Mutter und sich zu erhalten. Aber die zarte Gesundheit fing an zu wanken: der Typhus hatte damals doch eine krankhafte Reizbarkeit der Lunge[35-2] zurückgelassen, die[35-3] jetzt wieder aufs neue sich Bahn brach. Nach dem Lesen der Briefe wäre[35-4] ich fast wieder in Krankheit gesunken, aber es galt ein anderes Leben als das meinige. Ich schrieb der Freundin, mein Vermögen stehe zur Verfügung und schickte sofort eine Summe, um Elsa und ihre Mutter zum Aufenthalte im Süden zu bewegen. Meine Staatsprüfung machte ich halb krank und begehrte nach meiner Anstellung sofort Urlaub, der mir aber verweigert wurde. Ich hielt bei der Mutter um die Hand Elsas an, die derweilen nach Nizza[35-5] gegangen. Elsa schrieb die glücklichsten Briefe, ihre Gesundheit stärkte sich von Tag zu Tage. Ich hatte mir endlich Urlaub beim Minister erwirkt. Elsa war nach Florenz[35-6] gegangen, in Rom wollten wir uns treffen. Ich eilte über die Alpen, kam in Rom an und flog zum »Hotel Minerva«. Das Stubenmädchen, das[35-7] mich melden sollte, schaute mich groß[35-8] an und sagte: »Sind Sie ein Doktor? Signora[35-9] ist sehr krank, o sehr krank!« Ich öffnete bebenden Herzens[35-10] die Thüre. Ein Nachtlicht brannte durch die dämmerige Stube. »Ist Robert noch nicht da?«[35-11] hörte ich eine weiche, sanfte Stimme fragen. Ich fühlte mein Herz hörbar schlagen und winkte der Mutter. »O er ist gewiß da, ich fühl' es,« sagte die Kranke. So trat ich ans Bett. Ja, da lag sie, eine sterbende Blume. Tags zuvor hatte sie einen heftigen Blutsturz gehabt, der ihr die letzte Kraft nahm.--Erlassen Sie mir, das Wiedersehen zu beschreiben. Elsas Leben flammte noch einmal auf. Sie hatte sich soweit erholt, daß sie mit uns vor die Thore Roms fahren konnte. Wir kamen an der Cestiuspyramide am {{Monte Testaccio}}[36-1] vorbei. »Eine Pyramide,« rief sie leuchtend,[36-2] »laß uns zur Pyramide fahren!« Wir bogen ein. Es war schon Abend. »Ach da ist ja ein Kirchhof,« sagte sie leise. »Wer wird da begraben unter diesen schönen Cypressen?«--»Die deutschen[36-3] Ketzer,« sagte unser Vetturin, »die nicht an Madonna glauben.« Elsa war still geworden. Ich wickelte sie fester in den Plaid, da es sehr kalt wurde. Wir fuhren nach dem Gasthof. In der Nacht überfiel sie ein zweiter Blutsturz, sie schaute mich mit einem großen, langen Blick an, dann umschlang sie meinen Hals und sagte: »Leb wohl, mein guter Bruder, mein--« da stockte ihr Atem, das Leben war entflohen.«
Nach einer Weile fuhr der Assessor fort: »Zwei Tage darauf haben wir sie unter den Cypressen dort begraben, sie--und mein Leben mit ihr. Achtzehn Jahre sind darüber hin.[36-4]--Ich habe mich fern vom Treiben der Menschen still in den bayrischen Wald geflüchtet und über der Arbeit wohl[36-5] mich, aber nicht meine Elsa vergessen. Der Aktenstaub hat sich mir übers Herz gelagert, und ich bin nachgerade beim philisterhaften Junggesellen angelangt. Mir[37-1] ist aber, als wäre ich heute von einem langen Schlafe und schweren Traume erwacht. Fräulein Milla, Sie sind schuld, und Sie, meine Herren, mit ihren Liedern. Wissen Sie, wohin ich möchte?[37-2] Nach Rom zur Cestiuspyramide; nur eine[37-3] Stunde will ich dort unter den Cypressen ruhen und dann wieder heim[37-4] zum Landgericht in meine Klause und zu der alten Lena, die so oft die Pyramide im Bilde beschaut und mich fragt, ob das auch eine Kirche sei.«--
Der Assessor schwieg. Der treuherzige, zweite Tenor schlang den Arm um ihn und sagte ihm als Trost ins Ohr: »Ich bin auch ein Waisenkind!«
Fräulein Milla, die »Vorsteherin«, war noch ganz in ihre Gedanken verloren, die Vergangenheit zog an ihr vorüber. Sie hatte die Todesnachricht ihrer Freundin von Roberts Hand empfangen, dann aber nichts mehr gehört, da die Mutter Elsas aus Gram ihre Tochter nicht lange überlebte.
Das Reden wurde ihr[37-5] offenbar schwer. Zuletzt aber faßte sie sich und sagte: »Finden Sie keine Ähnlichkeit unter diesen Mädchen mit Ihrer Elsa? Schauen Sie sie[37-6] einmal[37-7] recht[37-8] an!«
Der Assessor sagte: »Ja, die eine fiel mir schon lange auf, aber ich traute doch nicht ganz meinem Urteil.«
»Nun ja, sie sind nicht aus der Art geschlagen. Sie wissen, daß Elsa einen Bruder hatte, der nach dem Tode der Mutter in unserm Hause erzogen wurde. Er heiratete später meine jüngste Schwester, und das [37-9] sind ihre Kinder. Sie hielten mich wohl[38-1] alle, meine Herren, für eine gestrenge Institutsdame! Ich bin es nicht, wir haben uns nur fremden Leuten gegenüber die Maske auferlegt, um unbelästigt durchzukommen. Ich bin die Tante der Kinder.«
Jetzt ging auch den Studios ein Licht[38-2] auf, und sie begriffen die heitere[38-3] »Vorsteherin«. Es war derweilen Mitternacht geworden. Der Engländer saß tief versunken da. Die Geschichte hatte ihn wunderbar getroffen, er redete kein Wort mehr, sondern stand auf und verbeugte sich artig gegen die Damen, schüttelte aber dem Assessor warm die Hand, als wäre er sein bester Freund. Den Studenten dankte er für den Gesang und rief seinen James.
»James--du räumst[38-4] unsere Stube aus, daß die Damen da schlafen können. Wir werden das Stroh suchen.«
Trotz aller Gegenvorstellungen von Seiten Fräulein Millas blieb's[38-5] dabei.
Die Eingeborenen hatten schon längst ihr Lager gesucht.
Draußen war's stille geworden, das Schneetreiben hatte sich gelegt.
Die Studenten schliefen bald den gesunden Jugendschlaf, aber der Assessor blickte noch lange hinaus in die mondhelle, glänzende Nacht und über das große Leichentuch, das der Schnee über die Matten und Bergspitzen geworfen.
* * * * *
Der Tag graute. Die Führer waren früh auf, um dem Wetter nachzuspüren und den Schnee zu prüfen. Mit einiger Vorsicht konnte man es schon wagen, weiter zu ziehen. Der Assessor war schon munter und wartete auf Fräulein Milla, sie hatten sich[39-1] ja noch so viel zu sagen! Milla erschloß ihr Herz dem vereinsamten Freunde ihrer Elsa, und ihm war[39-2] es, wie wenn ein lang verhaltener Strom endlich sich Bahn brechen durfte.
Die Studenten zählten indessen »die Häupter[39-3] ihrer Lieben,« d. h.[39-4] ihre Gulden und Kreuzer und addierten und subtrahierten die Zeche. Da trat auch der Engländer herein. Die drei grüßten ihn freundlich.
»Nun wohin?«[39-5]--fragte er.
»Wohin?--heim, wo wir hergekommen. Wir werden noch ein Konzert veranstalten, ehe wir diesen Platz verlassen.«
»O nein,« sagte der Engländer, »Sie sollen nicht heim, Sie sollen sehen Italien mit mir, wenn Sie wollen, und mir dann und wann ein Lied singen.«
Die Studenten wußten nicht, wie ihnen geschah.
»Mr. Brown,« sagte der zweite Tenor, »das ist sehr edel von Ihnen, aber zu teuer für Sie, denn wir sind allesamt mit einem guten Magen behaftet.«
»Das ist gerade sehr schön, das liebt Mr. Brown sehr. Ich gehe nach Oberitalien,[39-6] und Sie begleiten mich, und James und wir werden viele Freude haben. Topp--eingeschlagen!«[39-7]
Die drei schlugen herzhaft ein. Über das schöne Gesicht des Engländers zog ein Schimmer der Verklärung. So hatten sie ihn noch nicht gesehen.
Die Führer mahnten zum Aufbruch. Der alte Gemsbart[40-1] nahm das Ränzel des Assessors.
Der junge Eheherr zog mit seiner Frau und den Damen abwärts der Ebene zu,[40-2] die andern hinab nach Italien. Man hatte sich gegenseitig die Namen und Adressen mitgeteilt, und alle schieden, indem[40-3] sie das Schneetreiben segneten, das sie zusammengeweht. Der Tauernwirt sandte allen noch einen hellen Juchzer nach, denn Mr. Brown hatte ihm seinen[40-4] guten Kaiser Franz Joseph[40-5] in Gold als Extrageschenk zurückgelassen. -- -- --
* * * * *
Der Verfasser könnte nun hier schließen, aber die geneigte Leserin ist neugierig, und möchte für ihr Leben[40-6] gern wissen, wie das schließlich noch geendet hat. Darum will er noch ein paar Worte hinzufügen:
An einem schönen Tag, das Jahr darauf, klopft's[40-7] am Niederrhein bei[40-8] dem jungen Eheherrn, als er gerade seinen kleinen Schreihals herumtrug. »Annlies! {{avanti!}}« riefen draußen zwei Stimmen. Dem Eheherrn wird's[40-9] ganz italienisch zu Mut, und er ruft: »{{Entrate pure!}}«[40-10]--d. h. »als[40-11] herein!« Da stehen zwei vor ihm und schauen ihn an. »Nun--wer sind wir?« fragen sie.
Der Eheherr aber rief in die Küche: »Annlies! {{avanti!}}«--ein Hochzeitspaar!« »Milla!« rief die junge Frau--»seid[41-1] Ihr's?« Ja, da standen sie, der Assessor und seine Frau. Sie waren auf der Hochzeitsreise und wollten[41-2] zur Cestiuspyramide.
Der Assessor war damals bald umgekehrt, denn ihn trieb ein anderer Gedanke nach Hause. Er war durch jenen Abend dem Leben zurückgegeben und hatte Milla seine Hand gereicht. Alles wanderte[41-3] fort, Blasenpflaster, Opodeldoc und Storchfetttopf, und Milla sah aus, wie[41-4] wenn sie eben in die Zwanzig gekommen. Was die alte Lena dazu gesagt, wird billig verschwiegen.--
Der zweite Tenor ist[41-5] schon lange ein würdiger Pfarrherr. In seinem Hause ist's[41-6] behaglich englisch[41-7] eingerichtet. Am Abend brummt der Theekessel, und der Pfarrherr raucht vom feinsten[41-8] dazu.[41-9] Zu seiner Seite sitzt ein munteres Weibchen immer vergnügt und heiter;--sie heißt Elsa mit Vornamen, die kluge unter den drei Schwestern. Bei ihrer Hochzeit war Mr. Brown der Brautführer und Milla die Brautmutter. Die andern zwei Studenten waren die Ehrgesellen dabei, und der Assessor, der längst schon ein angesehener Landgerichtsrat ist, gab ihnen den Rat, seinem[41-10] Beispiele baldigst zu folgen. An der Hochzeitstafel klang[41-11] »Ännchen von Tharau« noch einmal; aber Mr. Brown wußte jetzt, was »Verknotigung« war.
NOTES
=Page 1.=--1-1. {da =einen,[E-4]=} used as accusative of the indeclinable indefinite personal pronoun {man}, _one_, _them_; trans. idiomatically by changing to passive construction, _when they_ (i.e. university-students) are overburdened neither by learning nor by the contents of their pocketbooks.
1-2. {=Er´langen=}, town and university of Bavaria, far-famed for its divinity school. Note the difference of accentuation between {Er´langen} and {erla´ngen} (to get, to obtain).
1-3. {=ob ... sei=}, subjunctive of dependent question, narrated indirectly, the tense remaining the same as would be used when stated directly: {»Ist die Welt wirklich so rund?«} being the direct question.
1-4. {der =Herr= Professor}. {Herr} (and {Frau}) added to titles are not translated.
1-5. {=es=} (introductory), _there_.
1-6. {=ihrer=} (partitive genitive), _of them_.
1-7. {=so= verschieden sie =auch= waren ...}, _however much_ they differed from one another ...
1-8. {in =einem=} (numeral, therefore with emphasis) = {in _einem_ Punkte}, _in one respect_.
1-9. {=des Basses Grundgewalt=}, _the full_ (fundamental) _power of the bass_, a quotation from Goethe's »Faust,« I, 2085-86:
{Wenn das Gewölbe widerschallt, Fühlt man erst recht _des Basses Grundgewalt_.}