Eingeschneit: Eine Studentengeschichte
Chapter 2
Der alte Führer stand nämlich plötzlich still, schaute nach allen Seiten hin und witterte wie ein Gemsbock in die Luft hinaus. Er beobachtete genau den Zug der Wolken, den Schnee unter den Füßen und die einzelnen Bergspitzen. Der Landgerichtsassessor spitzte auch die Ohren so hoch wie sein spitziger Tyrolerhut, aber er merkte trotz allen Spitzens[11-2] nichts. Endlich brach der Alte das Schweigen und sagte: »Gnädiger[11-3] Herr! Können's Ihnen nit a bissel anstrengen? Es ist so a Schneetreiben im Anzug und gut wär's schon, wenn m'r unterkimmet!« Das fuhr dem Assessor in die Glieder, denn er hatte in Geschichten schauriges vom Schneetreiben gelesen. »'s ist doch[11-4] nicht gefährlich?« sagte er halblaut.
»Ha, g'fährlich is[11-5] rechtschaffen schon, wenn wir noch auf'm Eis sind. Aber so schnell kommt's grad nit.«
Der Assessor vergaß seine Blasen und seine nassen Füße und trieb zur Eile. Der Alte verbiß sich das Lachen über seinen Trabanten. Sie stiegen rüstig zu. Ringsumher ward es immer finsterer, die Bergspitzen gingen in leichtes Grau über, und dem Assessor jagten schon einzelne spitzige, eisharte Körner ins Gesicht. »Das ist der Anfang vom Schneetreiben,« sagte er vor sich hin,[11-6] und vor seinem Geiste stand die behagliche Amtsstube in Buchau, wo im Winter der Buchklotz knallte und der Amtsdiener fragte: »'s wird[11-7] dem Herrn Assessor doch nicht zu kalt sein?«--Nach stundenlangem Marsche, auf welchem jeder so seine eigenen Gedanken hatte, während der Schnee immer dichter fiel, zeigte sich in der Ferne ein Haus.
»Dös ist das Tauernhaus, gnädiger Herr, do können's Ihna ausruhen.«
»Wie weit ist's noch bis hin?«[12-1] fragte der Assessor.
»Ha, so a zwanzig Büchsenschuß[12-2] werden's[12-3] völlig sein,« meinte der Alte. Der Assessor wußte jetzt gerade so viel wie vorher. Denn er hatte mit Büchsenschüssen nur bei Gelegenheit von Forstfreveln zu thun und wußte über die Tragweite des Geschosses keinen weitern Bescheid.
Endlich erreichten sie im dicksten Gestöber das Haus. Der Alte schob den Riegel an der Thür zurück, schüttelte den Schnee vom Lodenrock und vom Ranzen, den er abwarf, und schritt mit seinem Herrn der Thüre zu. Als sie dieselbe öffneten, drang ihnen ein warmer Duft entgegen, der dem Assessor die Hitze in die vom[12-4] Schneetreiben gehörig verarbeiteten Wangen jagte.
Eine bunte Gesellschaft saß schon an den Tischen[12-5] und wandte sich neugierig nach dem Ankömmling um, der sofort auch vom Kopf bis zur Fußsohle gemustert ward. Der Assessor grüßte verlegen zuerst nach den Damen hinüber, deren[12-6] vier auf einem Klümplein bei einander saßen, eine ältere und drei jüngere. Neben ihnen saß ein junges Paar. Alle hatten sich's bequem gemacht. Um den großen Ofen hingen die nassen Kleider und dampften aus, und zwölf Schuhe standen unten und warteten aufs Trocknen. Es ist so etwas eigenes, wenn Leute sich's schon heimisch gemacht haben in einem Gasthause, als ob sie da zu Hause wären,[13-1] und dann einem Wildfremden, der noch dazukommt, zuschauen, bis dieser sich auch langsam häuslich niederläßt. Die ersteren haben das Gefühl der Sicherheit und schauen von ihrem festen Sitze herunter auf den, der sich erst seine Unterkunft gründen muß. Der Assessor suchte sich[13-2] eine Ecke aus, dicht unter dem grobgeschnitzten Kruzifix,[13-3] das aus den verdorrten Palmsonntags-Birkenzweigen hervorschaute, in die sich die Fliegen als ihr Nachtquartier verzogen, und bestellte sich einen roten Tyroler.[13-4] Lang saß er nicht allein, denn draußen hörte man[13-5] Stimmen, und drei junge Leute traten dicht beschneit herein. Die drei jungen Damen schauten auf und steckten die Köpfe zusammen und kicherten, als sie dieselben hereinkommen sahen. »Da sind sie wieder,« sagte die kluge Elsa, »ganz gewiß sie sind's.«[13-6] Ja, sie waren's, die Studenten vom Werfener Stellwagen her.
»Was tausend![13-7] Bei diesem Wetter kommen Sie hier herauf, meine Damen,« sagte der erste Tenor. »Wir wären[13-8] fast verunglückt; das ist Ihnen[13-9] ein schauderhaftes Wetter, da sollte man keinen Hund, geschweige denn eine Dame, herausjagen.«
»Hatten Sie keinen Führer?« fragte die Dame, über die letzte Artigkeit[13-10] etwas lächelnd.
»Führer? {{Jamais!}}[13-11] Wir gehören zum Verein »Selbsthilfe«. 'Als[13-12] der Nase nach,'[13-13] hatte der letzte Senne gesagt, 'da können's nit fehlen.' Und da sind wir endlich mit unsern verfrorenen Nasen hier aufgestoßen, als wir das Licht flimmern sahen, denn von Nasen war rein nichts mehr zu sehen, so[14-1] rot sie auch funkelten.«
Die drei standen immer noch, der Assessor verwunderte sich und gedachte der schönen Zeit, wo auch er sich einst die Freiheit genommen,[14-2] ohne weiteres mit wildfremden Mägdlein anzubinden. Das Pärchen aber begriff bald den Zusammenhang der Sache und freute sich des Wiedersehens der Fremden, denn in aller Eile hatten die geschwätzigen drei Elstern[14-3] den jungen Eheleuten von ihrer Begegnung mit den Studenten und von den Gedichten erzählt.
Dem dicken Tauernwirt dauerte die Sache mit der Vorstellung etwas zu lange, und er fragte darum die drei: »Schaffen's auch einen roten Tyroler--?«
»Ja freilich, teurer Onkel,«[14-4] rief der Baß, »roten und weißen und grauen, wie's kommt, nur etwas nasses bei dem nassen Wetter.«
Der Assessor lachte wieder in seiner Ecke und rückte etwas näher. So war er auch einst in eine Herberge gefallen und hatte gefragt: »Herr Wirt! Was kostet das Mondviertel in Essig und Öl, ich zahl's.« Die drei setzten sich zu ihm, er stellte sich vor, und bald waren sie im tiefsten Gespräch. Der Assessor war froh, daß eine goldene Brücke von ihm zu den Damen hinüber geschlagen war, denn er fühlte sich längst zu irgend einer passenden Rede verpflichtet und hatte nur nicht gewußt, wie sie anbringen. Jetzt wurde auch er durch die Studenten vorgestellt, und die Tische rückten zusammen. Man erzählte sich,[14-5] woher man kam. Das Pärchen, das[15-1] wir von früher kennen und in die Hochzeitskutsche geleitet haben, kam von Italien herauf, die Damen von Gastein kamen ebenfalls daher, die Studios hatten sich im Pinzgau herumgetrieben und kamen den Weg des Assessors.
»Ich muß mir nur[15-2] einmal die Wirtschaft hier ansehen, Ihr Leute,« sagte der zweite Tenor, »denn das ist immer das erste,«[15-3] und fort war er. Nach einer starken Viertelstunde kam er von seiner Entdeckungsreise zurück.
»Nun, wie schaut's[15-4] aus?« riefen die zwei andern Studenten.
»Wie's ausschaut? Gar nicht ausschauen thut's.[15-5] Draußen heult's und stürmt's, und wenn's so fortmacht, so sind wir morgen alle hier eingeschneit, daß an ein Fortkommen nicht zu denken ist. Das ist das erste. Zum[15-6] andern: mit dem Schlafen ist's alle[15-7] für diese Nacht. Der bessere und schönere Teil der menschlichen Gesellschaft, diese Damen hier, werden auf Stroh schlafen. Für Mannspersonen aber ist kein Raum in dieser Hütte. Das einzige Bett hat ein natureller Engländer inne, und zu seinen Füßen wird sein Sancho Pansa[15-8] schlafen, ein Rotkopf, sage ich Euch, so brennend, daß man die Pfeife an ihm anzünden kann. Der Engländer kocht sich eben seinen Thee auf höchsteigner Maschine, und der Rotkopf hilft ihm. Er fragte mich, da die Thür offen stand, etwas auf englisch, und ich sagte ihm mein einziges englisches Wort, aber fein,[15-9] {{'Yes'}} sagte ich, und damit war's gut.[15-10]--Aber das beste habt Ihr nicht gesehen: Da hinten[15-11] sitzt Euch[15-12] in einem Mordsqualm eine Stube voll biedrer[15-13] Leute bei einander, alte und junge, Kerls[16-1] wie die Gemsböcke und wie die alten Tannen mit weißem Flechtenmoos behaftet, und dazwischen am Spinnrocken sitzt ein Mägdlein mit treuherzigen blauen Augen. Die erzählen sich[16-2] Geschichten, aber zu verstehen ist[16-3] kein Wort. Aber in der Küche da prasselt's,[16-4] da giebt's Kaiserschmarren und Krapfen. Zu essen giebt's genug, das ist immerhin anerkennenswert. Wir bleiben hier unten[16-5] und richten uns häuslich ein für diese Nacht. So, nun wißt Ihr Bescheid, und die Verhandlung kann beginnen. Herr Assessor--{{comment[16-6] trouvez-vous cela?}}--sagt der Franzose, und der Deutsche fragt: »Um Vergebung, was ist Ihre geneigte Ansicht hierüber?«
Der zweite Tenor sprach das alles in _einem_ Atemzug und so drollig, daß alle lachten. Der Assessor war verblüfft; er hatte sich im stillen schon auf sein Zimmer gefreut, um dort allerhand chirurgische Operationen vorzunehmen, mit denen sein Ranzen in genauer Verbindung stand.
Bald dampften die Schüsseln auf dem Tische, denn alle[16-7] hatten sich zu einem einzigen vereint, und der Assessor saß mitten unter den jungen Mädchen, zu seiner Rechten das ältere Fräulein. Die Studenten teilten sich mit dem jungen Eheherrn in die anderen. Das Gespräch war lebendig, jeder wußte von Abenteuern, von Gemsjägern und Sennerinnen zu erzählen, und am[16-8] aufgeräumtesten war der Assessor.
Nach dem Imbiß baten die Damen, es[16-9] möchten doch die Studenten wieder ein Lied singen, wie damals im Stellwagen. Schnell waren diese bei der Hand, und fröhlich klangen die Terzette durch den warmen Raum. Unvermerkt hatte sich[17-1] die Thür aufgethan, und aus der hintern Stube waren die Insassen hergewandert, als sie vorne singen hörten. Der alte Führer des Assessors vorndran, und zwischendrin die flachsköpfige Spinnerin.
»Dös sollt' mi doch rechtschaffen Wunder nehma, wenn mein Herr[17-2] singen könnt',« sagte der Alte. »Der giebt sonst koan Laut[17-3] von sich«--und wirklich, er sang zu seinem eigenen und des Führers Erstaunen. Er hatte ja eine herrliche Baritonstimme, aber seit Jahren hatte er kein Lied mehr gesungen, wie er behauptete. Aber hier bei den fröhlichen Stimmen gingen ihm Herz und Lippen auf. Zur Vorsorge hatten die Studios noch Noten für eine vierte Stimme mit, wenn je einmal sich noch ein Musikant unterwegs zum Quartett fände.[17-4] Es[17-5] waren ja alte, liebe Lieder, die sie sangen, die er einst auch in jüngeren Tagen bei Ständchen und Morgengrüßen gesungen. Fröhlich klang das alte Quartett:
Mir ist auf der Welt nichts lieber[17-6] Als das Stübchen, wo ich bin, Denn da wohnt mir gegenüber Eine schöne Nachbarin!
»Herr Assessor, Ihre schöne Nachbarin in Buchau soll[17-7] leben!« rief der muntere zweite Tenor, »die Tochter des Landgerichtspräsidenten.«
»Der[17-8] ist leider selbst noch ledig,« antwortete trocken der Assessor. »Mir wohnt nichts[17-9] gegenüber als ein Schmied, dessen Gesellen mich morgens um vier Uhr aus dem süßen Schlummer jagen, das ist eine grausame Nachbarschaft.«
Er war eben daran, seinen Jammer näher zu beschreiben, als durch die Hauptthüre der hochaufgeschossene Engländer mit seinem Rotkopf im Gefolge eintrat.
»Sankt Florian[18-1] Zünd't[18-2] Häuser an!«
sagte leise der zweite Tenor, auf den Rotkopf schauend. Die Mädchen hielten sich die Taschentücher vor den Mund, der Eheherr griff nach seinem roten Tyroler und steckte tief das Gesicht in das Glas. Nur die »Institutsvorsteherin« und der Assessor hielten Balance[18-3] mit sicherm Takte. Der Engländer aber sagte in etwas englisiertem, aber sonst anständigem Deutsch:
»Ich haben[18-4] gehabt sehr großes Vergnügen in meinem Zimmer, zu hören solch schönes Gesang. Ich komme zu bitten, daß ich noch mehr höre.«
Er sagte das mit solch edlem Anstand, daß einer der Studios aufstand, ihm seinen Stuhl anzubieten und ihn einzuladen, wenn ihm die Gesellschaft behagte,[18-5] sich niederzulassen. Er stellte ihm alle vor und bat ihn dann ebenfalls zu sagen, »woher[18-6] des Landes, woher der Männer er sei.«[18-7]--»Sie sehen, ich bin Engländer, und James ist es auch, der gute alte Junge. Der Name ist nicht notwendig--nennen Sie mich Mr. Brown, und ich bin's zufrieden,« sagte er lächelnd. »Wir sind heute Mittag gekommen durch Salzkammergut--{{beautiful indeed}}--und konnten[18-8] nicht mehr weiter. Aber singen Sie, meine Herren, singen Sie, ich bitte.«--Schnell waren die Sänger zusammen, sprachen zuerst leise mit einander und setzten plötzlich kräftig ein in die Weise:
Treu[19-1] und herzinniglich, Robin Adair! Tausendmal grüß ich dich! Robin Adair! Hab' ich doch[19-2] manche Nacht Schlummerlos zugebracht, Immer an dich gedacht, Robin Adair!
Die Verse verklangen. Der Engländer war außer sich vor Freude, als er die heimische Weise klingen hörte. »Das ist {{beautiful}}--, aber wo haben Sie ein ähnliches deutsches Lied?«--Die Studios besannen sich.
»Nun, singen Sie: 'Ännchen von Tharau'!«,[19-3][E-1] sagte die »Institutsvorsteherin.«
»Richtig, los! eins, zwei, drei, 'Ännchen von Tharau' ist's die mir gefällt!« rief der zweite Tenor. Sie sangen frisch herunter:
Ännchen von Tharau ist's, die mir gefällt, Sie ist mein Leben, mein Gut und mein Geld.
Ännchen von Tharau hat wieder ihr Herz Auf mich gerichtet in Freud' und in Schmerz.
Ännchen von Tharau, mein Reichtum, mein Gut! Du, meine Seele, mein Fleisch und mein Blut.
Käm' alles Wetter gleich auf uns zu schlahn,[19-4] Wir sind gesinnt, bei einander zu stahn:
Krankheit, Verfolgung, Betrübnis und Pein Soll unsrer Liebe Verknotigung sein ...
»Das ist ein schönes Volkslied, das müssen Sie mir geben. Aber was ist das »Verknotigung?««[20-1][E-2]
»Ja, wissen Sie, das ist etwas besonderes. Zum Exempel, wenn ein Jüngling und eine Jungfrau sich so ein bißchen stark lieb haben, so ist das »Verknotigung«. Das kommt von dem Liebesband her, und wenn die zwei Bänder zusammenkommen und geknüpft werden, giebt's allemal dort eine »Verknotigung«. 'Der Ausdruck ist obsolet,' sagt der Herr Professor auf seiner Hitsche[20-2]--aber er[20-3] ist gut, sehr gut,« sagte der zweite Tenor.
»{{O, well, Sir}}--sehr gut! ich verstehen jetzt »Verknotigung«. Ich lieben sehr das Volkslied[20-4] der Deutschen.«
»Holla!« rief der zweite Tenor, »das können Sie hier[20-5] haben, Mr. Brown, aus bester Quelle. Heda, ihr Mannsleut', singt's[20-6] einmal einen Steirer![20-7] Meint Ihr denn, wir singen umsonst hier? Jeder, wer zuhört, zahlt[20-8] einen Zwanziger Münz.[20-9] Wenn Ihr aber selber singt, braucht's nix zu zahlen!«
Die Leute schauten sich verdutzt an, und keiner sagte ein Wort. Endlich brach der alte Führer das Schweigen:
»Wär'[20-10] schon völlig recht, junger Herr, aber wir Leut' singen halt anders als d' Stadtleut' und könnet's nit gar schön. Für uns is schon völlig schön genug, draußen auf der Almen--aber für Euch nit!«
»Ach was--Ihr singt wie's[20-11] Euch ums Herz ist.«
»Habt Ihr denn keine Zither?« fragte der Assessor.
»Freilich, freilich, a Zithern is schon da bein'n Tauernwirt. Johann, der gnädige Herr will dein Zithern haben,« rief der Alte.
Der Tauernwirt brachte sie herbei, der Assessor stimmte mit kundiger Hand schnell das gute Instrument und spielte mit ungemeiner Fertigkeit einen »Herzog-Maxländler«[21-1] und dann einen »Steierischen« in {{optima forma}}.[21-2]
Im Hintergrunde bewegten sich schon die Füße; die Leute waren elektrisiert, und vorab der Alte mit dem Gemsbarte[21-3] zog bald das eine, bald das andere Bein hinauf und zuckte mit[21-4] den Armen wie ein Hampelmann, den man[21-5] an der Schnur zieht. Plötzlich klang's[21-6] aus dem Hintergrund:
Und zwoa Blattln[21-7] und zwoa Bleamle Und a Reb'n um an Stamm, Und was[21-8] oanonda b'stimmt is, Dös find't sich a[21-9] z'samm!
Eine helle Stimme sang's; es war die Spinnerin. Der Assessor begleitete sie, und bald darauf schallte es:[21-10]
B'hüat'[21-11] dich Gott, mein kleans Dioandl, Es muß a so sein, Mein Leb'n gehört in Koasa, Mein Herz'l g'hört dein!
Und mein Herzerl, dös laß ich Dahoam in dein Haus, Sonst traf's leicht a Kugel, Run d' Liab alli r'aus!«
Es[21-12] sang's ein stämmiger Bursche. Aber der Alte warnte gleich darauf mit dem Verse:
»Gescheit[22-1] sein, gescheit sein, Nit in Oalles glei n'ein! Es sitzt oft a Fux In 'ren Pelzkappen d'rein!«
Der Engländer war außer sich vor Freude; das hatte er ja[22-2] schon längst gewünscht zu hören, aber niemand hatte ihm den Gefallen gethan, trotzdem er oft den Leuten Geld geboten hatte. Aber fürs[22-3] Geld sangen sie wohl[22-4] drunten im Flachland, die nachgemachten Tyroler in Glacéehandschuhen, aber da oben nicht. Aber jetzt waren die Leute guter Dinge.[22-5] Die Studenten holten die Sängerin vor. Der Engländer nahm sich[22-6] den Tauernwirt auf die Seite und redete mit ihm. Der Rotkopf verschwand und kehrte mit etlichen Flaschen zurück. Bald brodelte es[22-7] aufs neue in der Küche von Kaiserschmarren, auf dem Tische aber dampfte eine prächtige Bowle. Verschämt setzten sich die Leute aus der Hinterstube herein in die Herrenstube und bekamen vollauf zu essen und frischen Tyroler zu trinken, während die Studenten kunstgerecht den Punsch mit Hilfe des Engländers zurecht machten. Alles war ein Geschenk von Mr. Brown, das er anzunehmen bat, als Beitrag dafür,[22-8] daß er nicht singen könne.
Der Assessor spielte,[22-9] die drei Studenten sangen, die Bauern hörten zu, und der Tauernwirt schmunzelte in der Ofenecke und freute sich, daß heute Abend was[22-10] draufging, und segnete das Schneetreiben, das ihm die Gäste in seine Klause gejagt.--Draußen stürmte es noch lustig zu--aber was thut's,[22-11] wenn
Im Ofen hell der Kienspan blitzt, Und jeder warm beim andern sitzt-- Da thut das Herz im schnellen Lauf Sich fröhlicher dem Herzen auf!
So war's auch hier, die Fremden waren durchs Unwetter _eine_ Familie geworden. Die Studenten hatten sich schnell unter die Eingebornen gemacht,[23-1] und die kluge Elsa war ihnen nachgefolgt. Der Rotkopf hatte sich[23-2] den Alten mit dem Gemsbart ausgewählt, den er trotz allen Anschreiens nicht verstand. Der Engländer unterhielt sich mit der »Vorsteherin« im feinsten Englisch. Der Assessor aber rückte zu dem jungen Ehepaare. Die zwei andern Mädchen zog's[23-3] auch hinüber zu der Else[E-3] und langsam rutschten sie an der Wand bis hinüber zu ihr.
»Wie wär's,[23-4] meine Herrschaften, wenn jeder von uns eine Geschichte aus seinem Leben erzählte?[23-5] Mit dem Schlaf wird's[23-6] doch nicht viel werden heute Nacht, nicht wahr, Mr. Brown, trotz Ihres hohen[23-7] Bettes, und das Stroh für Sie, mein Fräulein,[23-8] kann warten, bis Sie sich darin verkriechen--« sagte plötzlich der unermüdliche zweite Tenor.
»Ach ja--das wäre[23-9] schön,« meinten die Fräuleins;[23-10] denn sie wußten sich geborgen, daß sie nichts zu erzählen brauchten, weil sie noch nichts erlebt hatten.
»Wer fängt an?« riefen sie alle.
»Wir werden den Halm ziehen?« Sie zogen und den kürzesten zog der junge Eheherr. Alle lachten, denn er war bis jetzt der schweigsamste gewesen, und hatte sich nur an dem süßen Geplauder seiner Frau erfreut.
»Nun denn, wenn es sein muß, werde ich Ihnen unsere Hochzeitsgeschichte erzählen. Annlieschen, erschrick nicht, wenn du dabei etliche Male vorkommst, denn sonst ist's keine Hochzeitsgeschichte,« sagte er zu seiner Frau, »denn dazu gehören immer zwei.«
»Ja, mach's aber nur nicht zu arg, Hans.«
»Wes Zeichens[24-1] und Standes ich bin, brauchen Sie nicht zu wissen, noch wie wir heißen. Wo wir her[24-2] sind, merken Sie vielleicht an unsrer Sprache, die so etwas niederrheinisch[24-3] klingt. Aber wir sind ehrlicher Leute Kind[24-4] und haben noch keine silbernen Löffel gestohlen.--Also so war's: Ich lebte mit einer Schwester auf einem Dorfe und war nahe daran, ein Einsiedler zu werden. Die Schwester wußte so gut, was _mir_ lieb war, und ich wußte, was _sie_ gerne hatte, und so gedachte ich mein Leben still zu beschließen als Einsiedler. Aber es[24-5] kam anders. Plötzlich kam es[24-6] wie das Schneetreiben heute und jagte mich in den Ehestand hinein. Meine Schwester hatte just ihr Kaffeekränzchen mit ihren Gespielinnen, in welchem nebenbei auch gestrickt[24-7] wurde. Die Strickkörbchen wanderten[24-8] von Kränzchen zu Kränzchen. Die Nächstfolgende nahm die Körbchen immer mit nach Hause. Es[24-9] war die Reihe an einem muntern, rotwangigen Mädchen. Sie nahm die Körbchen am Schluß des Kränzchens. Es war schon spät, und ich mußte sie ehrenhalber begleiten. Da fiel mir plötzlich ein, daß sie sich mit den Körbchen schleppte, und ich bat: »Ach bitte, geben Sie mir doch[24-10] die Körbchen.«[24-11] »Nein,« sagte sie, »kein einziges.« Da fuhr mir's[25-1] durch den Sinn: Jetzt oder nie!--»Ha,« sagte ich--»Fräulein, wirklich, Sie geben mir kein Körbchen? Dann bin ich der glücklichste Mensch, dann geben Sie mir einen Kuß.« Und ehe sie sich's versah, hatte ich ihr um die Straßenecke herum einen Kuß gegeben. Sie weinte und lachte zugleich, und ich sagte: »Komm,[25-2] wir wollen gleich umkehren und es der Schwester sagen.« Wir kehrten Arm in Arm um und stellten uns als Braut und Bräutigam vor. Die Schwester zog mich auf die Seite und sagte: »Sieh, Hans, die[25-3] habe ich immer gemeint. Sie hat dich auch lieb, das weiß ich.«--Und nun sehen Sie: das ist das Annlieschen hier, meine liebwerte, herzallerliebste Frau.«--
Alle schauten sie lachend an; aber in ihr halbverlegenes und in ihrer Verlegenheit um[25-4] so hübscheres Angesicht brannte[25-5] plötzlich zum Erstaunen aller--ein kräftiger Kuß. Der kam von der »Institutsvorsteherin,« welche die junge Frau warm umschlang. »Sie glückliches Menschenkind!« sagte sie. Die Studenten waren ob[25-6] Kuß und Rede höchst verwundert. In dem zweiten Tenor stieg ein leises Ahnen und Zweifeln auf, es[25-7] möge doch am Ende mit der »Institutsvorsteherin« nicht völlig seine Richtigkeit[25-8] haben, denn das sei doch nicht nach Knigges[25-9] 'Umgang mit Menschen' gehandelt und geredet. Als er ihr tief ins Angesicht schaute, ward's ihm noch klarer. Sie deuchte ihm wirklich schön zu sein, zu schön für eine Pensionsmutter.[25-10]
Am meisten hatte aber der Assessor mit seiner Konfusion zu kämpfen. Die ganze Hochzeitsgeschichte kam ihm so wunderbar vor. Auch er blickte hinüber zu der »Institutsvorsteherin« und konnte sich[26-1] das[26-2] nicht mit der gehaltenen Würde eines »Pensionsdrachen« vereinigen.