An anthology of German literature
Chapter 1
FROM THE EARLIEST TIMES TO THE SIXTEENTH CENTURY
In Modern German Translations
+I. THE LAY OF HILDEBRAND+
The only surviving remnant, in the German language, of the ancient heroic poetry cultivated by the Germanic tribes prior to their Christianization. The precious fragment consists of 69 alliterating verses, which are preserved in a Kassel manuscript of the 8th or 9th century. The language shows a mixture of Low and High German, there are gaps in the text, the meaning of several words is doubtful, and the versification is here and there defective. All this, which some account for by supposing that the manuscript was copied from a version which had been written down from memory and not perfectly recalled, makes translation difficult and uncertain. The poetic version here given is that found in Bötticher and Kinzel’s _Denkmäler der älteren deutschen Literatur_, 9th edition, 1905, which in the main follows Müllenhoff’s text and theories with regard to gaps, transpositions, etc. For a careful prose version by a very competent scholar see Kögel’s _Geschichte der deutschen Literatur_, I, i, 212.
Das hört’ ich sagen ... Dass zwei Kämpfer allein sich kamen entgegen, Hildebrand und Hadubrand, zwischen zwei Heeren. Sohn und Vater besorgten ihre Rüstung, Bereiteten ihr Schlachtkleid, die Schwerter fest sie gürteten, 5 Die Recken über die Ringe;[1] dann ritten sie zum Kampfe. Hildebrand erhob das Wort; er war der hehrere[2] Mann, In der Welt erfahrener. Zu fragen begann er Mit wenigen Worten, wer sein Vater wäre Von den Helden im Volke ... 10 ... “oder welcher Herkunft bist du? So du mir einen nennst, die andern weiss ich mir, Kind, im Königreiche: kund sind mir alle Geschlechter.” Hadubrand erhob das Wort, Hildebrands Sohn: “Das sagten längst mir unsere Leute, 15 Alte und weise, die früher waren, Dass Hildebrand hiess mein Vater; ich heisse Hadubrand ...[3] Vorlängst zog er ostwärts, Otakers Zorn floh er, Hin mit Dietrich und seiner Degen vielen. Er liess elend im Lande sitzen 20 Das Weib in der Wohnung, unerwachsen den Knaben, Des Erbes beraubt, da ostwärts er hinritt. Dem mächtigen Otaker war er masslos erzürnt, Der beste der Degen war er bei Dietrich; Seitdem entbehrte Dietrich den Beistand 25 --Er war so freundlos[4]-- meines Vaters: Der war dem Volke voran stets; fechten war immer ihm lieb. Kund war er manchen kühnen Mannen. Nicht wähne ich mehr, dass er wandelt auf Erden.” Hildebrand erhob das Wort, Heribrands Sohn: 30 “Das wisse Allvater oben im Himmel, Dass nimmer du Worte bis heute gewechselt Mit so nah gesipptem Mann.” ... Da wand er vom Arme gewundene Ringe, Aus Kaisermünzen[5] gemacht, wie der König sie ihm gab, 35 Der Herrscher der Hunnen: “Dass ich um Huld dir’s gebe!” Hadubrand erhob das Wort, Hildebrands Sohn: “Mit dem Ger soll man Gabe empfahen,[6] Spitze wider Spitze. Ein Späher bist du, Alter Hunne, (heimlich)[7] lockst du mich 40 Mit deinen Worten, willst mit dem Speer mich werfen, Bist worden so alt nur immer Trug sinnend. Das sagten mir Leute, die zur See gefahren Westwärts über den Wendelsee:[8] Hinweg nahm der Krieg ihn, Tot ist Hildebrand, Heribrands Sohn.” 45 Hildebrand erhob das Wort, Heribrands Sohn: ...[9] “Wohl hör’ ich’s und seh’ es an deinem Harnisch, Dass du daheim hast einen Herrn so gut, Dass unter diesem Fürsten du flüchtig nie wurdest.” ... “Weh nun, waltender Gott, Wehgeschick erfüllt sich! 50 Ich wallte der Sommer und Winter sechzig, Da stets man mich scharte zu der Schiessenden Volk: Vor keiner der Städte zu sterben doch kam ich; Nun soll mit dem Schwerte mich schlagen mein Kind, Mich strecken mit der Mordaxt, oder ich zum Mörder ihm werden! 55 Magst du nun leichtlich, wenn langt dir die Kraft, An so altem Recken die Rüstung gewinnen, Den Raub erbeuten, wenn du Recht dazu hast! Der wäre der ärgste aller Ostleute,[10] Der den Kampf dir weigerte, nun dich so wohl lüstet 60 Handgemeiner Schlacht! Es entscheide das Treffen, Wer heute sich dürfe der Harnische rühmen Oder der Brünnen beider walten!” Da sprengten zuerst mit den Speeren sie an In scharfen Schauern; dem wehrten die Schilde. 65 Dann schritten zusammen sie (zum bittern Schwertkampf),[11] Hieben harmlich die hellen Schilde, Bis leicht ihnen wurde das Lindenholz, Zermalmt mit den Waffen....
[Notes: 1: ‘The rings’ of their corselets. 2: Instead of _ältere_, for the sake of the alliteration. 3: The translator here assumes (unnecessarily) that there is a gap in the text, with loss of a speech by Hildebrand. 4: ‘Friendless,’ i.e. separated from his kin. Hadubrand is giving reasons for thinking that his father is dead. 5: ‘Imperial gold’ from Constantinople. 6: Hadubrand suspects treachery and poises his spear. 7: Inserted by the translator for the alliteration’s sake. 8: The earth-encircling sea--_oceanus_; here the Mediterranean. 9: The supposition is that Hildebrand’s speech is missing, and that lines 47-50 form part of a reply by Hadubrand, ending with a taunt so bitter that the old warrior could not brook it even from his own son. He sees that he must fight. 10: East Goths. 11: A guess of the translator; the meaning of the original being quite uncertain.]
+II. THE MERSEBURG CHARMS+
Two incantations that date back to pagan times, albeit the manuscript, discovered at Merseburg in 1841, is of the 10th century. The dialect is Frankish. No. 1 is for loosening a prisoner’s fetters, the other for curing the sprained leg of a horse. The translation is Bötticher’s.
1
Einst sassen Idise,[1] sassen nieder hier und dort. Die hefteten Hafte, die hemmten das Heer, Die klaubten an den Kniefesseln:[2] Entspring den Banden, entfleuch den Feinden!
[Notes: 1: ‘Idise’ means ‘women’; here battle-maids similar in character to the Northern valkyries. 2: ‘Knee-fetters’ for the sake of the alliteration; the original means simply ‘fetters.’]
2
Phol[3] und Wodan ritten zu Walde. Da ward Balders Pferd der Fuss verrenket. Da besprach ihn Sinthgunt, (dann) Sonne, ihre Schwester; Da besprach ihn Frija, (dann) Volla, ihre Schwester; Da besprach ihn Wodan, wie er es wohl konnte, Sei’s Beinverrenkung, sei’s Blutverrenkung, Sei’s Gliedverrenkung: Bein zu Beine, Blut zu Blute, Gelenk zu Gelenken, als ob geleimt sie seien!
[Notes: 3: Phol is probably the same as Balder.]
+III. THE WESSOBRUNN PRAYER+
A Christian prayer in prose, preceded by nine defective verses which probably preserve old epic turns of expression. The dialect is Bavarian, the theme that of Psalm XC, 2. The manuscript dates from the year 814. Wessobrunn was the seat of a Bavarian monastery.
Das erfuhr ich unter dem Volke als das vornehmste Wunder, Dass Erde nicht war, noch Überhimmel, Noch Baum (noch Stein?) noch Gebirge war; Dass (Stern?) gar keiner noch Sonne schien, Noch der Mond leuchtete, noch das Meer so herrlich. Und als da nichts war von Enden noch Wenden, Da war der eine allmächtige Gott, Der Männer mildester, und manche waren mit ihm Glorreiche Geister. Und Gott der heilige....
Allmächtiger Gott, der du Himmel und Erde geschaffen, und der du den Menschen so vieles Gute verliehen hast, gib mir in deiner Gnade rechten Glauben und guten Willen, Weisheit und Klugheit und Kraft, den Teufeln zu widerstehen und Böses zu vermeiden und deinen Willen zu wirken.
+IV. THE MUSPILLI+
A fragment of 103 alliterating verses written in the Bavarian dialect and dating from the 9th century. The beginning and end of the poem are lost. The extant verses describe the fate of the soul after death and the terrors of the final judgment. The title, which means ‘destruction of the earth,’ was given to the fragment by Schmeller, its first editor (1832). The translation is Bötticher’s.
_Lines 31-56: The battle of Elias and Antichrist and the ensuing world-fire._
So hört’ ich künden Kund’ge des Weltrechts, Dass der Antichrist wird mit Elias streiten.[1] Der Würger ist gewaffnet, Streit wird erhoben: Die Streiter so gewaltig, so wichtig die Sache. Elias streitet um das ewige Leben, 35 Will den Rechtliebenden das Reich stärken; Dabei wird ihm helfen, der des Himmels waltet. Der Antichrist steht bei dem Altfeinde, Steht beim Satan; er[2] wird ihn[2] versenken: Auf der Walstatt wird er wund hinsinken 40 Und in dem Streite sieglos werden. Doch glauben viele Gottesgelehrte, Dass Elias auf der Walstatt Wunden erwerbe. Wenn Elias’ Blut auf die Erde dann träufelt, So entbrennen die Berge, kein Baum mehr stehet, 45 Nicht einer auf Erden, all Wasser vertrocknet, Meer verschlingt sich, es schwelt in Lohe der Himmel, Mond fällt, Mittelgart[3] brennt, Kein Stein mehr steht. Fährt Straftag ins Land, Fährt mit Feuer, die Frevler zu richten: 50 Da kann kein Verwandter vor dem Weltbrand[4] helfen. Wenn der Erdflur Breite ganz nun verbrennt, Und Feuer und Luft ganz leer gefegt sind, Wo ist die Mark, wo der Mann stritt mit den Magen? Die Stätte ist verbrannt, die Seele steht bedrängt, 55 Nicht weiss sie, wie büssen: so wandert sie zur Pein.
[Notes: 1: The idea that the last judgment would be preceded by a great battle between Elijah and Antichrist rests upon extra-biblical tradition; but see Mal. iv, 5. 2: Der des Himmels waltet, wird den Satan zum Falle bringen. 3: The earth; Norse _midgard_. 4: The original has _muspille_; whence the title.]
_Lines 73-84: The summons to the last judgment._
Wenn laut erhallet das himmlische Horn, Und sich der Richter anschickt zur Reise, Dann erhebt sich mit ihm gewaltige Heerschar, 75 Da ist alles so kampflich, kein Mann kann ihm trotzen. So fährt er zur Richtstatt, wo errichtet der Markstein, Da ergeht das Gericht, das dorthin man berufen, Dann fahren die Engel hin über die Marken, Wecket die Toten, weisen zum Thinge. 80 Dann wird erstehen vom Staube männiglich, Sich lösen von Grabes Last; dann wird das Leben ihm kommen, Dass all seine Sache er sagen müsse, Und nach seinen Werken ihm werde das Urteil.
+V. THE HELIAND+
An Old Saxon Messiad written in the first half of the 9th century (between 814 and 840) for the purpose of familiarizing the lately converted Saxons with the life of Christ. Nothing is known of the author except that he was a learned cleric who had some skill in handling the old alliterative verse, which had now nearly run its course. A few verses are lacking at the end of the poem, which breaks off, with the story nearly all told, at line 5983. The name ‘Heliand,’ Old Saxon for ‘Savior,’ was given to the poem by Schmeller, who edited it in 1830. The selections are from Edmund Behringer’s _Heleand_, 1898.
_Lines 1189-1202: The calling of Matthew to discipleship._
Da wanderte des Waltenden Sohn Mit den vieren vorwärts; sich den fünften dann erkor 1190 Kristus an einer Kaufstätte, eines Königes Jünger, Einen mutigen, klugen Mann, Mattheus geheissen, Er war beamteter edler Männer. Er sollte zu Händen seines Herrn hier annehmen Zins und Zoll. Treue zeichnete ihn aus, 1195 Den angesehenen Adeligen; alles zusammen verliess er, Gold und Geld, die Gaben in Menge, Hochwerte Schätze, und er ward unseres Herrn Dienstmann. Es erkor sich des Königs Degen Kristus als Herrn, Der milderen Gemütes gab, als der, dessen Mann er war, 1200 Ihn, der waltet über diese Welt; wonnigere Gaben gewährt dieser, Lange währende Lebensfreude.
_Lines 2006-2048: The turning of water into wine at Cana._
Voll Lust waren beisammen die Landessöhne, Die Helden heiteren Herzens, hin und her eilten Diener, Schenken mit Schalen trugen schimmernden Wein In Krügen und Kannen. Gross war der Kühnen Jubel, Beseliget in dem Saale. Da dort unter sich auf seinen Sitzen 2010 Am fröhlichsten das Volk sein Freudengetön erhob; Als der Wonne voll sie waren, da gebrach es ihnen an Wein, Den Landeskindern an Lautertrank,[1] nichts war übrig gelassen Irgendwo in dem Hause, was vor die Heerschar fürder Die Schenken trügen, sondern die Schäffer[2] waren 2015 Des Lautertrankes leer. Da war es nicht lange hernach, Dass dieses sofort erfuhr der Frauen schönste, Kristi Mutter; sie kam, mit ihrem Kinde zu sprechen, Mit ihrem Sohne selbst, sie sagte ihm sogleich, Dass da die Wehrhaften nicht mehr des Weines hätten 2020 Für die Gäste beim Gastmahle; bittend begehrte sie, Dass hiefür der heilige Krist Hilfe schüfe Den Wehrhaften zu Willen. Da hatte hinwieder sein Wort bereit Der mächtige Gottessohn, und zu seiner Mutter sprach er: “Was liegt dir und mir an dieser Mannen Trank, 2025 An dieses Festvolkes Wein? Warum sprichst du, Frau, hierüber so viel, Mahnst mich vor dieser Menge? Noch sind meine Zeiten nicht gekommen!” Dann hegte doch sicheres Zutraun In ihres Herzens Tiefe die heilige Jungfrau, Dass nach diesen Worten des Waltenden Sohn, 2030 Der Heilande bester, helfen wollte. Es trug da auf den Amtleuten der Edelfrauen schönste, Den Schenken und Schöpfwarten, die dort den Scharen aufwarten sollten, Nicht von Wort noch Werk irgendwas zu unterlassen, Was sie der heilige Krist heissen würde 2035 Zu leisten vor den Landessöhnen. Leer standen dort Der Steinfässer sechse; da gebot so stille Der mächtige Gottessohn, so es der Männer viele In Wahrheit nicht wussten, wie er es mit seinen Worten gesprochen; Er hiess die Schenken da mit schimmerndem Wasser 2040 Füllen die Gefässe und hat dies da mit seinen Fingern dort Selber gesegnet; mit seinen Händen Verwandelt’ er Wasser in Wein. Er liess aus den weiten Gefässen Schöpfen mit einer Schale; und zu den Schenken sprach er da, Hiess sie von den Gästen, die bei dem Gastmahle waren, 2045 Dem Hehrsten in die Hand geben Ein volles Gefäss, dem, der über das Volk dort Dem Wirte zunächst gewaltet.
[Notes: 1: M.H.G. _lûtertranc_, a sort of spiced claret. 2: The ‘vessels’ from which wine was poured into the cups.]
_Lines 2235-2264: The stilling of the storm on the sea of Galilee._
Da hiess er die anderen Wehrmänner 2235 Weiter wandern; und mit wenigen nur bestieg Einen Kahn Kristus, der Heiland, Schlummermüde zu schlafen. Die Segel liessen schwellen Die wetterweisen Wehrmänner, leiteten den Wind hinein, Trieben auf dem Meerstrom, bis in die Mitte kam 2240 Der Waltende mit seinen Wehrhaften. Da begann des Wetters Gewalt, Stürme stiegen auf, die Stromfluten wuchsen, Her schwang sich Wolkengeschwirr, es schäumte der See, Es wütete Wind und Wogen; die Wehrmänner bangten, Das Meer war wildmutig, nicht wähnte der Männer einer 2245 Länger zu leben. Da eilten sie, den Landeswart Zu wecken mit ihren Worten und wiesen ihm des Wetters Wut, Baten, dass ihnen hilfreich würde Kristus, der Heiland, Wider die Wasser, oder “wir werden hier in Weh und Angst Versinken in diesem See.” Selbst erhob sich 2250 Der gute Gottessohn, gnädig sprach er zu seinen Getreuen, Forderte sie auf bei der Wellen Aufruhr die Angst zu besiegen: “Warum seid ihr so in Furcht? Noch nicht ist gefestigt euer Herz, Euer Glaube zu gering; vergehen wird kurze Zeit, Und stille wird werden die Sturmflut, 2255 Wonnesam der Lüfte Wehen.” Da sprach zu dem Winde er Und zu dem See ebenso und hiess sie sanfter sich Beide gebaren. Seinem Gebote gehorchten sie, Dem Worte des Waltenden; die Wellen wurden stille, Friedlich die Flut. Da fing das Volk unter sich an, 2260 Die Wehrhaften, sich zu wundern; manche fragten mit Worten, Was das für ein so mächtiger unter den Männern wäre, Dass ihm so der Wind und die Woge auf sein Wort gehorchten, Beide seinem Gebote.
_Lines 4858-4931: The smiting of Malchus by Simon Peter._
Die weisen Männer standen In tiefem Kummer, Kristi Jünger, Vor dem Frevel der Frechheit und zu ihrem Fürsten riefen sie: 4860 “Wäre es dein Wille,” sagten sie, “waltender Herr, Dass durch des Speeres Spitze wir sterben sollten, Wund durch die Waffen, dann wäre für uns nichts so wertvoll, Als dass wir hier für unsern Herrn hinsinken müssten, Erbleicht im Kampfbegier.” Erbost wurde da 4865 Der schnelle Schwertdegen, Simon Petrus, Mächtig wallte ihm innen sein Mut, dass er nicht vermochte ein Wort zu sprechen; So harmvoll war ihm um das Herz, dass man seinen Herrn da Binden wollte. Erbost schritt er dahin, Der treugemute Degen, zu treten vor seinen Fürsten, 4870 Hart vor seinen Herrn; nicht war sein Herz in Zweifel, Nicht blöde in seiner Brust, sondern sein Beil zog er, Das scharfe, an seiner Seite, schlug es entgegen Dem vordersten der Feinde mit der Fäuste Kraft. Da ward Malchus durch des Beiles Macht 4875 An der rechten Seite gerötet durch die Waffe, Das Gehör ward ihm verhauen, an dem Haupte wurde er wund, Dass die Todeswunde traf Kinn und Ohr, Das Bein zerbarst. Blut sprang nach, Wallend aus der Wunde. Da war schartig an seinen Wangen 4880 Der vorderste der Feinde; da schaffte das Volk Raum, Des Beiles Biss fürchtend. Da sprach aber der Gottgeborene, Selber zu Simon Petrus, hiess sein Schwert ihn stecken, Das scharfe, in die Scheide: “Wenn ich gegen diese Schar,” sprach er, “Gegen dieser Männer Ansturm Kampfweise wollte üben, 4885 Dann mahnte ich den erlauchten, mächtigen Gott, Den heiligen Vater im Himmelreiche, Dass er mir zahlreiche Engel von oben sendete, Kampfeskundige; ihrer Waffen Kraft würden nimmer Diese Männer ertragen. Keine Macht stünde je, selbstgeeint, 4890 So fest unter den Völkern, dass ihm das Leben gefristet Werden möchte; aber es hat der waltende Gott, Der allmächtige Vater, es anders geordnet, Dass wir mit Milde ertragen alles, was uns diese Männerschar Bitteres bringet. Nimmer sollen erbost 4895 Wir uns wehren wider den Angriff, weil jeder, der Waffenhass, Grimmen Gerkampf, gerne üben will, Oft hinschwindet durch des Schwertes Schärfe, Blutigen Todes stirbt; durch unsere Taten Soll nichts verwüstet werden.” Hinschritt er da zu dem wunden Manne, 4900 Fügte mit Vorsicht das Fleisch zusammen, Die Wunde am Haupte, dass sofort geheilet ward Des Beiles Biss, und es sprach der Gottgeborene Zu der wütenden Wehrschar: “Wunder dünket mich mächtig,” sprach er, “Wenn ihr meinem Leben was Leides wolltet tun, 4905 Warum ihr mich nicht fasstet, da ich unter eurem Volke stand, In dem Weihtume innen und Worte so zahlreich, Wahrhaftige, sagte. Da war Sonnenschein, Trauliches Tageslicht, da wolltet ihr mir nichts tun Leides in diesem Lichte, und nun leitet ihr mir eure Leute zu 4910 In düsterer Nacht, so man Dieben tuet, Wenn man sie fahen will, die Frevler, die da haben Verwirket ihr Leben.” Das Wehrtum der Juden Ergriff nun den Gottessohn, das grimme Volk, Der Hassenden Haufe, die Heerschar umdrängte ihn 4915 Der übermütigen Männer, nicht achteten sie die Missetat, Hefteten mit eisenharten Banden seine Hände zusammen, Seine Arme mit Fesseln. Nicht war ihm so furchtbare Pein Zu ertragen Not, Todesqual Zu erdulden, solche Marter; aber für die Menschheit tat er es, 4920 Weil die Erdgeborenen er wollte erlösen, Heil entnehmen der Hölle für das Himmelreich, Für die weite Welt des Wohlseins; deshalb widersprach er auch nicht Dem, was mit trotzigem Willen sie ihm wollten antun. Da wurde darüber frech das übermütige Volk der Juden, 4925 Die Heerschar wurde hochmütig, weil sie Kristus den Heiligen, In leidigen Banden hinleiten konnte, Führen in Fesseln. Die Feinde schritten wieder Von dem Berge zu der Burg, es ging der Gottgeborene Unter dem Haufen, an den Händen gebunden, 4930 Trauernd zu Tale.
+VI. THE OLD SAXON GENESIS+
A fragment, or rather several fragments, of a poetic version of Genesis, contemporary with the _Heliand_ and possibly by the same author. They were discovered at the Vatican Library in 1894 and comprise in all 337 lines. The translation is by Vetter, _Die neuentdeckte deutsche Bibeldichtung_, 1895.
_Lines 27-79; The punishment of Cain._
Er wandelte zur Wohnung, gewirkt war die Sünde, Die bittre am Bruder; er liess ihn am Boden liegen In einem tiefen Tale betäubt im Blute, Des Lebens ledig; zur Lagerstatt hatte 30 Den Sand der Geselle. Da sprach Gott selbst jenen an, Der Waltende, mit seinen Worten-- ihm wallte sein Herz Unmilde dem Mörder-- er fragte ihn, wo er den Mann hätte, Den blutjungen Bruder. Der Böse drauf sprach-- Er hatte mit seinen Händen grosse Harmtat 35 Frevelnd gewirkt; die Welt war so sehr Mit Sünden besudelt:-- “Zu sorgen nicht brauch’ ich, Zu wachen, wohin er wandle, noch wies mich Gott an, Dass ich sein hätte irgend zu hüten, Zu warten in der Welt.” Er wähnte fürwahr, 40 Dass er verhehlen könne seinem Herren Die Untat und bergen. Ihm gab Antwort unser Herr: “Ein Werk vollführtest du, des fürder dein Herz Mag trauern dein Lebtag, das du tatst mit deinen Händen; Des Bruders Mörder bist du; nun liegt er blutig da, 45 Von Wunden weggerafft, der doch kein einig Werk dir, Kein schlechtes, beschloss; aber erschlagen hast du ihn, Hast getan ihm den Tod; zur Erde trieft sein Blut; Die Säfte entsickern ihm, die Seele entwandelt, Der Geist, wehklagend, nach Gottes Willen. 50 Es schreit das Blut zum Schöpfer und sagt, wer die Schandtat getan, Das Meinwerk in diesem Mittelkreis; nicht mag ein Mann freveln, Mehr unter den Menschen in der Männerwelt Mit bittren Bosheitswerken, als du an deinem Bruder hast Untat geübt.” Da ängstete sich 55 Kain nach des Herrn Worten; er bekannte wohl zu wissen, Nie möge vor dem Allmächtigen ein Mann, solang die Welt steht, Eine Tat vertuschen: “So muss ich darob nun betrübten Sinn Bergen in meiner Brust, dass ich meinen Bruder schlug Durch meiner Hände Kraft. Nun weiss ich, dass ich muss unter deinem Hasse leben 60 Fürder, unter deiner Feindschaft, da ich diesen Frevel getan. Nun mich meine Schandtat schwerer dünkt, Die Missetat mächtiger als die Milde deines Herzens: So bin ich des nicht würdig, allwaltender Gott, Dass du die schreckliche Schuld mir vergebest, 65 Von dem Frevel mich befreiest. Der Frommheit und Treue Vergass mein Herz gegen deine Heiligkeit; nun weiss ich, dass ich keinen Tag mehr leben kann; Erschlagen wird mich, wer auf meinem Weg mich findet, Austilgen ob meiner Untat.” Da gab ihm Antwort selber Des Himmels Herrscher: “Hier sollst du fürder 70 Noch leben in diesem Lande. So leid du allen bist, So befleckt mit Freveln, doch will ich dir Frieden schaffen, Ein Zeichen an dir setzen, dass du sicher magst Weilen in dieser Welt, ob du des auch nicht würdig seist: Flüchtig doch sollst du friedlos für und für 75 Leben in diesem Lande, solang du dieses Licht schaust; Verfluchen sollen dich die Frommen, du sollst nicht fürder vor deines Herrn Antlitz treten, Noch Worte mit ihm wechseln; wallend wird Die Strafe für den Bruder dich brennen in der Hölle.”
+VII. OTFRIED’S BOOK OF THE GOSPELS+
A Messiad written in the dialect of the southern Rhenish Franks and comprising some 15,000 lines in five books. It was completed after years of toil about 870. Its author, a monk of Weissenburg in Alsatia, is the earliest German author whose name is known and the first to employ rime or assonance in place of alliteration. The selections are from the translation in Bötticher and Kinzel’s _Denkmäler, II, 3_, in which the crude assonances of the pioneer are replaced by regular modern rimes.
[Transcriber’s Note: In this chapter, all lines have been split at the caesura. Line numbering in the first passage is unchanged. There are 36 numbered lines.]
_Book I, section 1, lines 1-34: Otfried tells why he wrote in German._
Es hat viel Leute schon gegeben, die waren stark in dem Bestreben, Durch Bücherschreiben zu bereiten sich gut Gerücht für alle Zeiten; Und darauf auch gerichtet war ihr starkes Sehnen immerdar, Dass man in Büchern es erzählte, wie ihnen Tatenlust nicht fehlte. Dazu verlangte ihre Ehre, dass auch ihr Scharfsinn sichtbar wäre, 5 So wie der Anmut schöne Feinheit in ihres Dichtens klarer Reinheit. Sie haben alles, wie’s sich schickt, sorgsam und kunstvoll ausgedrückt, Und haben’s gut herausgefunden-- zwar dunkel scheint’s, doch wohl verbunden-- Wodurch es dann auch dazu kam, dass jedermann sie gern vernahm, Und wer daran Gefallen fand, des Witz sich übte und Verstand. 10 Wie leicht wohl könnte man dafür gar vieler Leute Namen hier Aufzählen und besonders nennen, von denen wir die Bücher kennen. Griechen und Römer, hochberühmt, die machen’s, wie es sich geziemt, Und haben’s also hergestellt, wie es dir immer wohlgefällt. Sie machen’s nach dem rechten Mass und schlecht und recht ohn’ Unterlass; 15 So muss es denn ein Ganzes sein, grad’ so, als wär’s aus Elfenbein. Wenn man die Taten so erzählt, die Lust zum Leben keinem fehlt. Und willst du dich zur Dichtung kehren, so wirst du deine Einsicht mehren. So wohl der Prosa schlichtes Wesen wirst mit Genuss du immer lesen, Als auch des Metrums feine Zier ist eine reine Freude dir. 20 Sie machen es mit vieler Süsse und messen gut der Verse Füsse, Ob kurz, ob lang sie müssen sein, auf dass es würde glatt und fein. Auch darauf stets ihr Trachten geht, dass jede Silbe sicher steht, Und dass ein jeder Vers so klingt, wie jeder Versfuss es bedingt. Sie zählen mit Genauigkeit die Läng’ und Kürze jeder Zeit, 25 Und sichre Grenzen sind gezogen, wonach das Silbenmass gewogen. Auch säubern sie’s mit rechter Reinheit und auch mit ausgesuchter Feinheit, So wie ein Mann mit Fleiss und Treu’ die Körner sondert von der Spreu. Ja, selbst den heil’gen Büchern geben sie eine Versform rein und eben, Kein Fehler findet sich darin, so liest du es mit frohem Sinn.-- 30 Nun, da so viele es betreiben, dass sie in eigner Zunge schreiben, Und da sie eifrig danach streben, sich selber rühmend zu erheben, Wie sollten da die Franken zagen, auch selber den Versuch zu wagen, Dass sie’s mit Eifer dahin bringen, auf Fränkisch Gottes Lob zu singen? Zwar ist der Sprache nicht bekannt der Regeln festgefügtes Band, 35 Doch fehlt der grade Ausdruck nicht, noch auch die Einfalt schön und schlicht.
_I, 1, lines 59-90: The same theme continued; Otfried praises the Franks._
Sie sind genau so unverzagt, wie man es von den Römern sagt. Auch darf man nicht zu sagen wagen, dass kühnern Mut die Griechen tragen. 60 Ganz ebenso ist es bewandt mit ihrem Wissen und Verstand. Sie sind voll Mut und Tapferkeit an jedem Ort, zu jeder Zeit, Viel Macht und Ansehn haben sie, und Kühnheit fehlet ihnen nie. Zum Schwerte greifen sie verwegen, das ist die Art der wackern Degen. Vollauf versehn und wohl im Stande, so wohnen sie in reichem Lande. 65 Von alters her ihr Gut sich mehrt, derhalben sind sie hochgeehrt. Gar schön und fruchtbar ist ihr Land; wem wäre dies nicht wohlbekannt? Es gibt dort vielerlei Gewinnst-- es ist nicht eigenes Verdienst-- Dort kann man Erz und Kupfer haben, das zum Gebrauche wird gegraben. Und denket nur, wie wunderbar! Eissteine[1] gibt es dort sogar. 70 Und von Metallen man noch füge dazu das Silber zur Genüge; Auch lesen sie daselbst im Land Gold, das sie finden in dem Sand. Es ist ihr Sinnen fest und stet, das immer nur aufs Gute geht, Und ist zum Nutzen hingewandt, so wie sie’s lehret ihr Verstand. Sie sind zu jeder Zeit bereit, zu schützen sich vor Feindes Neid; 75 Der mag nichts gegen diese wagen, zu Boden wird er stets geschlagen. Kein Volk gibt’s, das ihr Land berührt, das ihre Gegenwart nicht spürt; Sie dienen ihnen notgedrungen, von ihrer Tüchtigkeit bezwungen. Sie haben alles Volk besiegt, wo nicht die See dazwischen liegt. Nach Gottes Willen und Gedanken hat jedermann Furcht vor den Franken, 80 Da nirgendwo ein Volk wohl lebt, das da nach Kampf mit jenen strebt. Den Feinden haben sie mit Waffen Beweise oft genug geschaffen Und haben gründlich sie belehrt nicht mit dem Wort, nein, mit dem Schwert, Mit Speeren scharf und spitz geschliffen, deshalb hat alle Furcht ergriffen. Kein Volk gibt’s, das nicht deutlich wüsste: trägt es nach Frankenkrieg Gelüste, 85 Dann sinken sie dahin geschwind, wenn’s Meder auch und Perser sind! Ich las dereinst in einem Buch und weiss es drum genau genug: Ganz eng verwandt sind mit einander das Frankenvolk und Alexander, Der aller Welt ein Schrecknis war, die er besiegte ganz und gar, Die er darnieder zwang und band mit seiner allgewalt’gen Hand. 90
[Notes: 1: ‘Crystals,’ or perhaps ‘iron ore.’]
_I, 17, lines 9-62: The Magi and the star of Bethlehem._
Da kamen Leute in das Land von Osten, denen war bekannt Der Sonne und der Sterne Lauf; denn all ihr Sinnen ging darauf. 10 Nun fragten diese nach dem Kind bei der Gelegenheit geschwind Und kündeten zugleich die Märe, dass dieses Kind der König wäre, Und forschten eifrig immerfort nach dieses Knaben Heimatort Mit stetem Bitten und mit Fragen, man möcht’ es ihnen doch ja sagen Und auch die Wegfahrt zeigen an, auf der zum Kind man kommen kann. 15 Nun sprachen sie auch von dem Zeichen, das seltsam war und ohnegleichen, Dass hier von einer Jungfrau zart jemals ein Mensch geboren ward, Und dass ein Zeichen schön und klar im Himmelsraum erschienen war. Sie sagten, dass sie hoch und fern plötzlich erblickten einen Stern, Und machten ruchbar laut und frei, dass dies der Stern des Herren sei: 20 “Sein Stern sich uns gezeiget hat, wenn wir auch irrten[2] in der Stadt, Wir sind gekommen anzubeten, dass seine Gnade wir anflehten. So ist uns denn im Osten fern daheim erschienen dieser Stern. Lebt nun wohl einer hier im Land, dem davon etwas ist bekannt? So viel wir Sterne auch gezählt, der hat bis jetzt uns stets gefehlt; 25 Derhalben glauben alle wir, ein neuer König zeigt sich hier. Das haben Greise uns gelehrt zu Hause, klug und hochgeehrt; Nun bitten wir euch vorzutragen, was eure Bücher davon sagen.” Als nun zum König selbst sofort die Kunde drang von diesem Wort, Ward durch die Nachricht er sogleich von Angst erfüllt und schreckensbleich, 30 Und auch so mancher andre Mann daraus viel Traurigkeit gewann. Die hörten ungern und mit Schmerzen, was uns mit Freude füllt die Herzen. Die weisen Schriftgelehrten dort versammelten sich dann sofort Und forschten, wo auf dieser Erde wohl Christ der Herr geboren werde, Und wandten sich in diesen Tagen auch an die Priester mit den Fragen. 35 Doch mocht’ er arm sein oder reich, stets lautete die Antwort gleich. Sie nannten ihm sogleich die Stadt, wie’s früher schon bezeuget hat Vom alten Bunde manch Prophet, so wie es aufgeschrieben steht. Als es ihm so ward offenbar, wo Christ der Herr geboren war, Ersann er schnell und fürchterlich nun eine grosse Bosheit sich. 40 Er liess die Weisen zu sich kommen von denen ihr durch mich vernommen, Die fing er heimlich an zu fragen und ohne andern es zu sagen Und forschte dann mit Emsigkeit nach dieses Sternes Ankunftszeit Und bat sie selber zu ergründen, wo wohl das Kindlein sei zu finden: “Vergesst nicht, mir zu offenbaren den Weg, den dieser Stern wird fahren, 45 Und reiset dann an jenen Ort und fraget nach dem Kindlein dort. Wenn ihr dort angekommen seid, dann forscht nach ihm mit Emsigkeit Und tut es schleunig mir zu wissen, der Arbeit seid nur recht beflissen; Ich bete ihn dann selber an, dazu riet mir gar mancher Mann, Auf dass ich selber danach strebe, dass ich dem Kind Geschenke gebe.” 50 Wie kläglich jener Mann da log und gegen Recht und Wahrheit trog! Er wünschte, dass der Heiland stürbe, dass unser Segen so verdürbe! Als sie gehört des Königs Wort und nach dem Ziele eilten fort, Da zeigte ihnen sich von fern sogleich der wunderbare Stern! Wie waren sie da hochentzückt, als sie ihn alsobald erblickt! 55 Erfreut versäumten sie es nicht, ihn zu behalten im Gesicht, Er führte sie auch dorthin klar, wo Gottes Kind zu finden war. Und da, wo ging des Sternes Bogen, sind sie ihm willig nachgezogen; Da haben sie das Haus gesehn und nicht gezögert hinzugehn. Da fanden sie denn auch geschwind die Mutter mit dem guten Kind 60 Und fielen eilig vor ihm nieder, die guten Männer, treu und bieder; Sie beteten das Kindlein an und baten es um Gnade dann.
[Notes: 2: They had assumed that the promised king would be born in Jerusalem instead of Bethlehem.]
_I, 18, lines 1-34: Symbolical meaning of the return of the Magi._
Daran ermahnt uns diese Reise, dass auch wir selbst in gleicher Weise Mit Eifer dafür Sorge tragen, das Land der Heimat zu erfragen. Doch ist dies, glaub’ ich, nicht bekannt: das Paradies wird es genannt. Hoch rühmen ich es kann und muss, doch fehlet mir der Rede Fluss. Und wenn auch jedes meiner Glieder Rede und Sprache gäbe wieder, 5 So hätt’ ich’s niemals unternommen, mit seinem Lob zu End’ zu kommen. Doch siehst du’s nicht mit eignen Augen, was können meine Worte taugen? Und selbst dann wird sehr viel dran fehlen, dass du es könntest her erzählen. Dort gibt es Leben ohne Tod, Licht ohne Finsternis und Not, Dazu der Engel schöne Schar und sel’ge Minne immerdar. 10 Das haben selbst wir aufgegeben, des müssen wir in Trauer leben, Und innen muss uns heimatwärts sich klagend sehnen unser Herz. Sind wir doch selbst herausgegangen, in unserm Übermut befangen, Denn uns verlockte leis’ und stille des Herzens eigner böser Wille. Wir haben Schuld auf uns geladen, das ist jetzt klar zu unserm Schaden. 15 Nun weinen wir im fremden Land, von Gott verstossen und verbannt. Ja, unbenutzt liegt und verloren das Erbgut, das für uns erkoren. Nichts nützt uns dieses grosse Gut, das macht nur unser Übermut. So wird denn, ach! von uns entbehrt das Schöne, das uns war beschert, Wir müssen bittre Zeiten dulden von nun an nur durch unsre Schulden. 20 Viel Leid ist uns und Not bekannt mit Schmerzen hier in diesem Land, Voll Wunden sind wir und voll Pein um unsre Missetat allein, Viel Elend und Mühseligkeit, das ist hier stets für uns bereit. Zur Heimat können wir nicht reisen, wir jammervollen, armen Waisen. O weh, du fremdes Schreckensland, wie hab’ ich dich als hart erkannt! 25 Ach, wie so schwer ertrag’ ich dich, das sage ich dir sicherlich! Nur Müh’ und Not wird dem gegeben, der nicht kann in der Heimat leben. Ich hab’s erfahren ja an mir, nichts Liebes fand ich je an dir. Ich fand an dir kein ander Gut als Jammer und betrübten Mut, Ein tief verwundet, wehes Herz und mannigfaches Leid und Schmerz! 30 Doch kommt uns einmal in den Sinn, dass uns verlangt zur Heimat hin, Und hat sich unser Herz gewandt voll Sehnsucht nach dem Vaterland, Dann fahren wir, wie jene Mannen, auf andrer Strasse gleich von dannen, Auf dem Weg, welcher führt allein in unser Vaterland hinein.
+VIII. THE LAY OF LUDWIG+
A riming (assonating) song in the dialect of the Rhenish Franks, composed in glorification of a victory won by Ludwig III over the Normans at Saucourt (between Abbeville and Eu). The battle was fought Aug. 3, 881, and the song must have originated soon afterwards; for it speaks of the king as living, and he died in 882. The translation is a literal line-for-line version, the rimes and assonances being disregarded.
Einen König weiss ich, er heisst Herr Ludwig, Er dient Gott gerne; ich weiss, er lohnt es ihm. Als Kind ward er vaterlos; dafür ward ihm bald Ersatz: Der Herr berief ihn, sein Erzieher ward er. Er gab ihm Tüchtigkeit, herrliche Degenschaft, 5 Den Thron hier in Franken; so brauch’ er ihn lange! Das teilte er dann sofort mit Karlmann, Seinem Bruder, die Fülle der Wonnen. Als das alles geendet ward, wollte Gott ihn prüfen, Ob er Mühsal so jung dulden könnte. 10 Er liess heidnische Männer über See kommen, Das Volk der Franken ihrer Sünden zu mahnen. Einige würden bald verloren, einige erkoren. Züchtigung duldete, wer früher misgelebet. Wer dann ein Dieb war, und von dannen sich rettete, 15 Nahm seine Fasten; danach ward er ein guter Mann. Mancher war Lügner, mancher Raubmörder, Mancher voll Zuchtlosigkeit, und er befreite sich davon. Der König war entfernt, das Reich ganz zerrüttet, Christus war erzürnt: leider, des entgalt es.[1] 20 Doch Gott erbarmte sich dessen, er wusste all die Not. Er hiess Ludwig sofort dahin reiten: “Ludwig, mein König, hilf meinen Leuten! Die Normannen haben sie hart bedrängt.” Da sprach Ludwig: “Herr, so tue ich, 25 Wenn mich der Tod nicht hindert, alles, was du gebietest.” Da nahm er Gottes Urlaub, er hob die Kriegsfahne auf, Er ritt dahin in Frankreich gegen die Normannen. Gott sagten Dank, die seiner harrten, Sie sagten alle: “Mein Herr, wie lange harren wir dein!” 30 Da sprach laut Ludwig der gute: “Tröstet euch, Gesellen, meine Notgefährten, Her sandte mich Gott und mir selber gebot, Ob es euch Rat dünkte, dass ich hier föchte, Mich selber nicht schonte, bis ich euch rettete. 35 Nun will ich, dass mir folgen alle Gottes Holden. Beschert ist das Hiersein, so lange Christus will. Will er unsere Hinfahrt, deren hat er Gewalt. Wer hier mit Kraft Gottes Willen tut, Kommt er gesund davon, ich lohne es ihm; 40 Bleibt er darin, seinem Geschlechte.” Da nahm er Schild und Speer, kraftvoll ritt er, Er wollte die Wahrheit darlegen seinen Widersachern; Da war es nicht sehr lang, er fand die Normannen, Gott sagte er Lob, er sieht, dessen er begehrte. 45 Der König ritt kühn, sang ein heilig Lied, Und alle sangen zusammen: “Kyrie eleison!”[2] Der Sang war gesungen, der Kampf war begonnen. Blut schien auf den Wangen, froh kämpften da die Franken, Da focht der Degen jeglicher, keiner so wie Ludwig, 50 Hurtig und kühn; das war ihm angeboren. Manchen durchschlug er, manchen durchstach er. Er schenkte zu Handen seinen Feinden Bitteres Trankes; so weh ihnen stets des Lebens! Gelobt sei Gottes Kraft! Ludwig ward sieghaft. 55 Und allen Heiligen Dank! Sein ward der Siegkampf. Heil aber Ludwig, König kampfselig! So bereit wie er stets war, wo irgend des Not war, Erhalte ihn der Herr bei seiner Herrlichkeit!
[Notes: 1: ‘It’ (the kingdom) atoned for ‘that’ (the wrath of Christ). 2: Κύριε ἔλεισον [Greek: Kyrie eleison], Lord have mercy.]
+IX. WALTHARIUS MANU FORTIS+
A Latin poem in Vergilian hexameters, composed about 930 by Ekkehard, a pupil in the monastic school at St. Gall, and afterwards revised by another monk of the same name. It is based on a lost German poem and preserves, with but little admixture of Christian and Latin elements, a highly interesting saga of the Hunnish-Burgundian cycle. The selections are from the translation by H. Althof, in the _Sammlung Göschen_.
_Lines 215-286: Walter and Hildegund plot to escape from Etzel’s court._
Siehe, da eilte herab von der Burg des Palastes Gesinde, 215 Freute sich sehr, ihn wiederzusehn, und hielt ihm das Streitross, Bis der preisliche Held dem hohen Sattel entstiegen, Richtet die Frage an ihn,[1] ob günstig die Sache verlaufen. Wenig erzählte er nur, denn müde war er, und trat dann Ein in die Burg und eilte darauf zum Gemache des Königs. 220 Aber er fand auf dem Wege die einsam sitzende Hildgund Und er sagte zu ihr nach süssem Kuss und Umarmung: “Bringe mir schnell zu trinken, denn müde bin ich und durstig.” Eilig füllte mit Wein sie drauf den köstlichen Becher, Reichte dem Helden ihn dar, der fromm ihn bekreuzte und annahm 225 Und mit der Hand darauf die Rechte der Jungfrau umfasste. Schweigend stand sie dabei und sah dem Manne ins Antlitz. Und es reichte ihr Walter sodann das geleerte Gefäss hin; Wohl war beiden bekannt, dass einst sie verlobt mit einander. Und er sprach zu der teueren Maid mit folgenden Worten: 230 “Lange erdulden zusammen wir schon das Los der Verbannung Und sind dessen bewusst, was einstmals unsere Eltern Über unser zukünft’ges Geschick mit einander bestimmten. Was verhehlen wir dies so lange mit schweigendem Munde?” Aber die Maid, die wähnte, es rede im Scherz der Verlobte, 235 Schwieg ein Weilchen und sagte darauf als Erwiderung dieses: “Warum heuchelt die Zunge, was tief in der Brust du verdammest, Und überredet der Mund zu dem, was im Herzen du abweist? Gleich als wäre es Schmach, dir solche Verlobte zu freien!” Drauf antwortete ihr der verständige Jüngling und sagte: 240 “Fern sei, was du geredet! O wolle nicht falsch mich verstehen! Kund ist dir, dass ich nie mit verstelltem Herzen gesprochen; Glaube mir nur, es steckt nicht Trug noch Falsches dahinter. Niemand ist in der Näh’, wir sind hier beide alleine. Wenn ich wüsste, du wärst mir geneigt mit ergebenem Herzen, 245 Und du würdest verschweigen die klug ersonnenen Pläne, Wollte ich dir entdecken ein jedes Geheimnis des Herzens.” Da nun begann das Mädchen, die Kniee des Jünglings umfassend: “Alles, wozu du mich rufst, will ich gern, mein Gebieter, erfüllen Und will nichts in der Welt vorziehn den wilkommnen Befehlen.” 250 Jener darauf: “Mit Verdruss ertrage ich unsre Verbannung Und gedenke gar oft der verlassenen Marken der Heimat. Drum begehre ich, bald zu heimlicher Flucht mich zu rüsten. Lange zuvor schon wäre dazu ich imstande gewesen, Doch es schmerzte mich tief, dass allein Hildgunde zurückblieb.” 255 Also redete drauf aus innerstem Herzen das Mägdlein: “Was du begehrst, will ich, das ist mein einzig Verlangen. Drum befiehl nur, o Herr; ob Glück uns werde, ob Unglück, Gerne bin ich bereit, es dir zu Liebe zu tragen.” Walter raunte der Maid in das Ohr nun folgende Worte: 260 “Siehe, es trug der Herrscher dir auf, der Schätze zu hüten; Drum behalte es wohl und merke es dir, was ich sage: Nimm vor allem den Helm und das Eisengewand des Gebieters, Aus drei Drähten gewirkt, mit dem Zeichen der Schmiede versehen, Wähle auch zwei von den Schreinen dir aus von mässigem Umfang, 265 Fülle in diese sodann so viel der pannonischen[2] Spangen, Dass du einen zur Not bis zum Busen zu heben vermögest. Dann verfertige mir noch vier Paar Schuhe, wie bräuchlich, Dir die nämliche Zahl und lege sie auch in die Truhen, Und so werden dieselben vielleicht bis zum Rande gefüllt sein. 270 Heimlich bestelle dir auch bei Schmieden gebogene Angeln: Fische müssen uns Zehrung sein auf dem Wege und Vögel; Vogelsteller und Fischer zu sein, bin ich selber genötigt. Alles dieses besorge du klug im Verlaufe der Woche. Nunmehr hast du gehört, was uns auf der Reise vonnöten. 275 Jetzt verkünde ich dir, wie die Flucht wir mögen bereiten: Wenn zum siebenten Mal den Kreislauf Phöbus vollendet, Werd’ ich dem König, der Königin auch und den Fürsten und Dienern Rüsten ein fröhliches Mal mit aussergewöhnlichem Aufwand Und mich mit Eifer bemühn, durch Getränk sie in Schlaf zu versenken, 280 Bis nicht einer imstande zu merken, was ferner noch vorgeht. Du magst aber indes nur mässig des Weines geniessen, Und nur eben bei Tische den Durst zu vertreiben bestrebt sein. Stehen die anderen auf,[3] so eile zum Werk, dem bewussten. Aber sobald des Trankes Gewalt dann alle bezwungen, 285 Eilen wir beide zugleich, die westlichen Lande zu suchen.”
[Notes: 1: Walter of Aquitaine, who is returning from a battle in which he has put down a rebellion for King Etzel. Walter and Hildegund have lived since childhood as hostages at Etzel’s court. 2: Ekkehard conceives the Huns as a ttribe of Pannonia. 3: The ‘rising’ of the men would be the signal for the women to retire that the drinking-bout might begin.]
_Lines 315-357: The escape._
Glühender Rausch führt bald in der ganzen Halle die Herrschaft, 315 Und es stammelt das breite Geschwätz mit triefendem Munde; Stämmige Recken konnte man schaun auf wankenden Füssen. Also verlängert bis spät in die Nacht das Opfer des Bacchus Walter und zieht zurück, die nach Hause zu gehen begehren, Bis, von der Macht des Trankes besiegt und vom Schlafe bezwungen, 320 In den Gängen zerstreut, sie alle zu Boden gesunken. Hätte er preisgegeben das Haus den verzehrenden Flammen, Wäre nicht einer den Brand zu entdecken imstande gewesen. Endlich rief er das Mädchen herbei, das teure, und hiess es, Eilig herbeizutragen die längst bereiteten Sachen, 325 Selber zog aus dem Stall er hervor das beste der Rosse, Welches er “Löwe” genannt um seiner Vorzüglichkeit willen; Stampfend stand es und nagte voll Mut an den schäumenden Zügeln. Als er darauf mit dem Schmuck es umhüllt in üblicher Weise, Hängt er die Schreine, mit Schätzen gefüllt, dem Ross an die Seiten, 330 Fügt auch Speisen hinzu, nicht viel für die Länge des Weges. Und die wallenden Zügel vertraut er der Rechten der Jungfrau, Selber jedoch, von dem Panzer umhüllt nach der Weise der Recken, Setzt er den Helm sich aufs Haupt, den rot umwallte der Helmbusch, Schnallt die goldenen Schienen sich drauf um die mächtigen Waden, 335 Gürtet sodann an die Linke das Schwert mit der doppelten Schneide, An die Rechte ein zweites dazu nach pannonischer Sitte, Welches mit einer der Seiten allein die Wunden verursacht, Rafft sodann mit der Rechten den Speer, mit der Linken den Schildrand, Und entflieht dem verhassten Land, von Sorge befangen. 340 Aber es führte das Ross, beladen mit Schätzen, die Jungfrau, Die in den Händen zugleich die haselne Gerte dahertrug, Der sich der Fischer bedient, die Angel ins Wasser zu tauchen, Dass der Fisch voll Gier nach dem Köder den Haken verschlinge; Denn der gewaltige Held war selbst mit gewichtigen Waffen 345 Rings beschwert und zu jeglicher Zeit des Kampfes gewärtig. Alle Nächte verfolgten den Weg sie in Eile; doch zeigte Frühe den Ländern das Licht der rötlich erstrahlende Phöbus, Suchten sie sich zu verbergen im Wald und erstrebten das Dunkel, Und es jagte sie Furcht sogar durch die sicheren Orte. 350 Und es pochte die Angst so sehr in dem Busen der Jungfrau, Dass sie bei jedem Gesäusel der Luft und des Windes erbebte, Dass sie vor Vögeln erschrak und dem Knarren bewegten Gezweiges. Hass der Verbannung erfüllte ihr Herz und Liebe zur Heimat. Dörfern wichen sie aus und mieden das weite Gefilde; 355 Folgend auf dichtbewachs’nem Gebirg dem gewundenen Umweg, Irren mit zagendem Fuss sie durch pfadelose Gebiete.
_Lines 1285-1395: The great fight at the Wasgenstein._[4]
Als sich massen die drei um die zweite[5] Stunde des Tages, 1285 Wandten sich gegen den einen zugleich die Waffen der beiden. Hagen bricht den Frieden zuerst; er sammelt die Kräfte Und versendet alsbald die verderbliche Lanze, doch diese, Wie sie in sausendem Wirbel entsetzenerregend heranschwirrt, Lenkt jetzt Alphars[6] Sprosse, der nimmer sie weiss zu ertragen, 1290 Klug beiseit mit der Decke des seitwärts gehaltenen Schildes, Denn wie den Schild sie berührt, da gleitet sie ab wie von glattem Marmel, und schwer verletzt sie den Berg, denn bis zu den Nägeln Bohrt sie sich ein in die Erde. Dann warf mit kühnlichem Herzen Aber mit mässiger Kraft die eschene Lanze der stolze 1295 Gunter. Sie flog und sass in dem untersten Teile von Walters Schilde, und wie er alsbald ihn schüttelt, da fiel aus des Holzes Wunde zur Erde herab das Eisen, das wenig vermochte. Ob des Zeichens betrübt, ergreifen das Schwert die bestürzten Franken; in Zorn verwandelt der Schmerz sich, sie stürmen voll Eifer, 1300 Von den Schilden gedeckt, auf den aquitanischen Helden. Dieser jedoch vertrieb sie entschlossen mit wuchtiger Lanze Und erschreckte den stürmenden Feind durch Mienen und Waffen. Gunter, der König, ersann deswegen ein törichtes Wagnis: Seinen Speer, der vergebens versandt und zur Erde gefallen-- 1305 Denn er lag, aus dem Schilde geschüttelt, zu Füssen des Helden,-- Leise heran sich schleichend, in heimlicher Weise zu holen, Da ja die Kämpfer, versehn mit kürzeren Waffen, mit Schwertern, Nicht bis nah an den Feind heranzugelangen vermochten; Denn der schwang zum Stosse die vorgehaltene Lanze. 1310 Darum hiess er durch Augenwink den Vasallen vorangehn, Dass er, von ihm verteidigt, das Werk zu vollbringen vermöge. Ohne Verzug geht Hagen voran, den Gegner zu reizen, Während der Fürst in der Scheide das edelsteinblitzende Schwert birgt Und die Rechte befreit, um sicher den Streich zu vollführen. 1315 Doch was weiter? Er langte gebückt mit der Hand nach der Lanze Und schon fasste er sie und zerrte sie heimlich und mählich, Allzuviel verlangend vom Glück. Doch der herrliche Recke, Wie er ja stets in dem Kampf der Vorsicht weise gedachte Und behutsam verfuhr (ein Augenblickchen versah er!), 1320 Wurde gewahr, wie jener sich bückt, und merkte das Treiben. Aber er duldet es nicht, denn schnell vertreibt er den Hagen, Welcher zurück sich zieht vor der hoch erhobenen Waffe, Springt dann hinzu und presst mit dem Fuss die entrissene Lanze, Und dem König, ertappt bei dem Raub, schreit so er entgegen, 1325 Dass dem wanken die Kniee, als wär’ er durchbohrt von dem Speere. Und er hätte ihn flugs zum hungrigen Orkus gesendet, Wäre nicht schnell zur Hilfe geeilt der waffengewalt’ge Hagen, den Herrn mit dem Schild beschützend und wider des Gegners Haupt die entblösste Schärfe des schrecklichen Schwertes erhebend. 1330 Während Walter dem Hieb ausweicht, erhebt sich der andre; Kaum entronnen dem Tod, steht dort er betroffen und zitternd. Doch nicht Rast noch Verzug; es erneut sich die bittere Fehde. Bald bestürmen den Mann sie vereinzelt, bald in Gemeinschaft, Und indes er voll Eifer zum einen sich wendet, der anstürmt, 1335 Springt der andere ihm in die Quere, die Streiche vereitelnd. So steht, wenn man ihn hetzt, der numidische Bär, von den Hunden Rings im Kreise umstellt, mit drohend erhobenen Pranken, Duckt mit Gebrumme das Haupt und zwingt die umbrische Meute, Wenn sie sich naht, zu klagen und winseln in seiner Umarmung; 1340 Dann umbellen ihn rings aus der Nähe die wilden Molosser,[7] Und es schreckt sie die Furcht, zu nahen dem grausigen Untier. Also wogte der Kampf bis zur neunten Stunde des Tages. Dreifach war die Not, die sie alle zusammen erlitten: Furcht vor dem Tode, Beschwerde des Kampfs und glühende Sonne. 1345 Aber indessen beschlich ein Gedanke die Seele des Helden, Welcher im schweigenden Busen jedoch die Worte zurückhielt: Zeigt nicht andere Wege das Glück, so werden die Gegner Mich, den Ermüdeten, noch durch eitele Listen berücken. Also sprach er daher mit erhobener Stimme zu Hagen: 1350 “Hagedorn,[8] grün zwar stehst du im Laub und vermöchtest zu stechen, Doch du versuchst mich zu täuschen voll List mit possierlichen Sprüngen. Aber ich gebe dir Raum, dass du näher zu kommen nicht zauderst, Und dann zeig’ die gewaltige Kraft, die so wohl mir bekannt ist; Mich verdriesst’s, so gewalt’ge Beschwer vergeblich zu tragen.” 1355 Sprach’s und im Sprunge sich hebend, entsandt’ er auf jenen die Lanze, Welche den Schild durchschlägt, ein wenig vom Panzer mit fortreisst, Doch den gewaltigen Leib des Gegners nur mässig verwundet, Denn er strahlte, bewehrt mit auserlesenen Waffen. Doch als Walter, der Held, die Lanze versendet, da stürmt er 1360 Mit dem gezogenen Schwerte in ungestümerem Andrang Los auf den König, und als er den Schild ihm zur Seite gedrängt hat, Trifft er also gewaltig und staunenerregend den Gegner, Dass er das ganze Bein mit dem Knie bis zum Schenkel ihm abschlägt; Über den Schildrand stürzt er alsbald zu den Füssen ihm nieder. 1365 Da erblasst der entsetzte Vasall bei dem Fall des Gebieters. Alphars Sprosse erhebt nun aufs neue die blutige Klinge Und begehrt, dem Gefall’nen die tödliche Wunde zu spenden. Hagen, der Recke, jedoch, des eignen Schmerzes vergessend, Beugt schnell nieder das Haupt und hält es dem Hiebe entgegen, 1370 Und es vermag der Held die geschwungene Faust nicht zu hemmen. Aber der Helm, geschmiedet mit Fleiss und trefflich bereitet, Trotzt dem Hieb, und es sprühen alsbald in die Höhe die Funken. Über die Härte betroffen, zerspringt, o Jammer! die Klinge, Und in der Luft und im Grase erglänzen die klirrenden Teile. 1375 Aber sobald der Krieger die Stücke des Schwertes erblickte, Zürnte er sehr und tobte in allzugewaltigem Zorne, Schleudert, seiner nicht Herr, das Heft, dem entfallen die Klinge, War es auch ausgezeichnet durch Gold und künstliche Arbeit, Weit in die Ferne sogleich, die traurigen Trümmer verachtend. 1380 Doch indes er gerade die Hand so weit in die Luft streckt, Schlägt sie Hagen vom Arm, des gelegenen Hiebes sich freuend. Mitten im Wurf fiel jetzt zu Boden die tapfere Rechte, Welche dereinst gefürchtet von vielen Völkern und Fürsten Und vordem erglänzte durch ungezählte Trophäen. 1385 Aber der herrliche Held, der Weichen im Unglück nicht kannte, Wusste mit starkem Mute die Schmerzen des Fleisches zu tragen Und verzweifelte nicht, und keine Miene verzog er, Schob den verstümmelten Arm sogleich hinein in den Schildrand, Griff mit dem unverletzten sodann alsbald zu dem Halbschwert, 1390 Das er, wie ich erwähnt, sich rechts an die Seite gegürtet, Bittere Rache sogleich an dem grimmigen Feinde zu üben. Hagens rechtes Auge zerstört sein Hieb, und die Schläfe Schneidet er auf und zugleich die beiden Lippen zerspaltend, Schmettert er zweimal drei der Zähne dem Feind aus dem Munde. 1395
[Notes: 4: A rocky pass in the Vosges Mountains. On his westward flight Walter is attacked by the Burgundians, whom Ekkehard identifies with the Franks. He slays eleven famous champions in succession and then fights King Gunter and Hagen together. 5: 8 A.M. 6: Walter is the son of Alp-har (from _Alp_, elf, and _hari_, army). 7: The medieval _canis molossus_ was a mastiff or bull-dog. 8: A pun on Hagen’s name, which means ‘thorn-bush.’]
_Lines 1421-1456: Having perforce made peace and had their wounds dressed by Hildegund, Walter and Hagen banter each other._
Hagen, der dornige, drauf und der aquitanische Recke, Unbesieglich an Mut, doch am ganzen Leibe ermattet, Scherzten nach manchem Getöse des Kampfs und entsetzlichen Schlägen Mit einander in lustigem Streit bei dem Becher. Der Franke Sagte zuerst: “Mein Freund, fortan wirst Hirsche du jagen, 1425 Handschuh’ dir aus den Fellen in grosser Zahl zu gewinnen. Fülle, das rate ich dir, den rechten mit feinem Gewölle, Dass mit dem Bilde der Hand du Fremde zu täuschen vermögest. Weh, was sagst du dazu, dass die Sitte des Volks du verletzest, Dass man sieht, wie das Schwert du rechts an der Hüfte befestigst, 1430 Und dein Ehegespons, wird einstens der Wunsch dich beschleichen, Mit der Linken, wie nett! umfängst in verkehrter Umarmung? Doch was rede ich mehr? Was immer du künftig auch tun musst, Wird die Linke verrichten.” Darauf entgegnete Walter: “Dass du so vorlaut bist, das wundert mich, scheeler Sigambrer![9] 1435 Jage ich Hirsche, so musst den Eberbraten du meiden, Blinzelnd wirst du hinfort auf deine Bedienten herabschaun Und mit querem Blicke die Schar der Helden begrüssen. Aber der alten Treue gedenk, will dies ich dir raten: Wenn nach Hause du kommst, und dem heimischen Herde genaht bist, 1440 Mache dir Brei aus Mehl und Milch und vergiss auch den Speck nicht; Das vermag dir zugleich zur Nahrung und Heilung zu dienen.” Also sprachen sie. Drauf erneuten sie wieder das Bündnis, Hoben beide zugleich den König, den Schmerzen verzehrten, Auf sein Ross; dann trennten sie sich: es zogen die Franken 1445 Wieder gen Worms, und es eilte der Aquitaner zur Heimat. Freudig ward er allda mit grossen Ehren empfangen, Feierte, wie es der Brauch, mit Hildgund festliche Hochzeit Und regierte, nachdem sein Erzeuger von hinnen geschieden, Allen teuer, das Volk noch dreissig glückliche Jahre. 1450 Welche Kriege er ferner geführt und Triumphe gefeiert, Das kann nimmer der Griffel, der stumpf mir geworden, beschreiben. Der du dies liest, verzeihe der zirpenden Grille, erwäge Nicht, wie rauh die Stimme noch ist, bedenke das Alter, Da sie, noch nicht entflogen dem Nest, das Hohe erstrebte. 1455 Dies ist das WALTERSLIED.-- Euch möge der Heiland behüten!
[Notes: 9: ‘Sigambrian’ or ‘Sicambrian’ was a name applied by the learned to the Franks.]
+X. RUDLIEB+
A Latin poem in leonine hexameters, composed about 1030 at Tegernsee, Bavaria. It is imperfectly preserved, but more than 2000 verses are extant, and these give interesting pictures of contemporary German life. It is a metrical novel with a knight for hero. The selection is from M. Heyne’s _Rudlieb_, 1897,--a translation in iambic pentameter.
_From the 14th fragment: The wedding of Rudlieb’s nephew._
Am Tag der Hochzeit Erscheint das Fräulein, ihre Anverwandten Umgeben sie. Nun nahen auch die andern, Bald ist der Hof von Gästen ganz gefüllt, Begrüsst von Rudlieb mit dem Wilkommskuss. 5 Ein Mahl erwartet sie; als es geendet, Begeben sich zunächst in ihre Zimmer Die Damen mit dem Fräulein; ein’ge Ritter Begleiten sie und tragen ihnen Kissen. Zum Dank wird ihnen Wein gereicht. Der erste 10 Ergreift den Becher, trinkt und gibt ihn weiter, Und so die Reihe um, bis dass ihn leer Der Schenk zurückempfängt. Sie grüssen neigend Und gehn zurück zu Rudlieb und den Herren. Nun spricht der Ritter: “Weil euch Gott allhier 15 Versammelt hat, so hört mich an und helft, Dass unter schon Verlobten eine Ehe Geschlossen werde. Das soll heut geschehen, Ihr aber seid bei dieser Handlung Zeugen. Es hat sich so gefügt, dass dieser Jüngling, 20 Mein Neffe, und das Fräulein gegenseitig In Liebe kamen, als sie Würfel spielten;[1] Sie wollen nun das Ehebündnis schliessen.” Die Herren sagen: “Alle müssen wir Dazu verhelfen, dass der junge Mann, 25 Der so vortrefflich sonst, nicht Schande leide Und ganz der Buhlerin[1] entrissen werde, Die da verdient, den Feuertod zu leiden, Und preisen Gott, dass in der Welt doch Eine Sich fand, die jener Hexe Macht zerbrach.” 30 Da steht der Jüngling auf, sagt allen Dank Für ihre Güte und bekennt in Reue, Wie sehr sein früh’res Leben ihn geschändet: “Ihr seht, wie nötig eine Frau mir ist; Und hätten wir auch eine hier gefunden, 35 So will ich dennoch mich mit diesem Fräulein, Verloben und verbinden; meine Bitte Ergeht an euch, uns Zeugen jetzt zu sein, Wenn wir, wie es der Brauch ist, Ehgeschenke, Uns geben.” “Alle tun hierin dir Beistand,” 40 Erwidern jene. Und nun sendet Rudlieb Nach den drei Frauen, die alsbald erscheinen; Das Fräulein geht voran, gesenkten Hauptes; Von seinem Sitz erhebt sich jeder höflich. Nach kurzer Zeit, als alle Platz genommen, 45 Steht Rudlieb auf und bittet sich Gehör: Den Freunden und den Stammgenossen kündet Er das geschloss’ne Bündnis und die Liebe, Die eins zum andern hat und fragt den Jüngling, Ob er zur Frau sie wolle. Der bejaht. 50 Nun fragt man sie, ob sie zum Mann ihn wolle. Sie lächelt: “Soll ich den zum Manne nehmen, Den ich im Spiel als Sklaven mir gewann, Den mir der Würfel brachte, der versprach Allein mir zu gehören, ob er siege, 55 Ob er verliere? Mög’ er treu mir dienen Zu jeder Zeit, in jedem Augenblick! Je treuer, desto lieber ist er mir.” Da lachen alle zu des Fräuleins Worten, Die so behutsam sind und doch so freundlich. 60 Und da sie sehen, dass auch die Mutter nicht Zuwider ist, und dass sich beider Gut Die Wage hält, so kommt man überein, Als Gattin ihm das Fräulein zu gewähren. Der Bräutigam zieht Schwert und wischt’s am Hute 65 Steckt an das Heft den goldnen Ehering Und beut ihn so zur Braut, indem er spricht: “Wie dieser Ring den Finger rund umschliesst, Verpflicht’ ich dich zu ewig fester Treue, Die du mir hältst bei Strafe deines Lebens.” 70 Doch sie versetzt sehr klug und angemessen: “Ein gleiches Recht für beide. Warum soll ich Dir bessre Treue wahren als du mir? Sag’, hätte es wohl Adam zugestanden, Der Eva ungetreu zu sein, da Gott doch 75 Aus seiner Rippe Eine Eva schuf Und Adam das verkündete? Liest man, Dass ihm zwei Even sind erlaubt gewesen? Du wolltest buhlen und verbeutst das mir? Nein, es fällt mir nicht bei, auf solchen Pakt 80 Mich zu verpflichten, geh mir immer hin Und buhl’, um wen du willst, doch ohne mich. Es gibt noch manchen, den ich freien kann.” So sprechend weist sie Schwert und Ring zurück. Der Jüngling spricht: “Geliebte, wie du willst, 85 Geschehe es. Vergehe ich mich jemals, Will ich das, was ich in die Ehe bringe, An dich verlieren, und du darfst mich töten.” Sie lächelt hold, sich wieder zu ihm wendend: “Auf das hin schliessen wir die Eh’ in Treuen.” 90 Dann küsst er sie, indem er “Amen” ruft.
[Notes: 1: As Rudlieb is returning to his mother after a long absence he falls in with a nephew who has gone wrong and been ‘bewitched’ by a lewd woman. Rudlieb rescues him and the two seek shelter for the night at the house of a rich widow with an only daughter. The young man and the girl play dice together and fall in love with each other. The subsequent wedding takes place at the house of Rudlieb’s mother.]
+XI. EZZO’S LAY OF THE MIRACLES OF CHRIST+
A _Leich_ (strophic poem with varying number of verses to the strophe), written, it would seem, in 1064. The dialect is Alemannic. Ezzo was dean of the Bamberg cathedral. The introduction states that Bishop Gunter ordered his clergy to ‘make a good song’; that ‘Ezzo began to write, will found the way (_i.e._ the meter), and when it was done, all hastened to become monks.’ The poem consists of 420 short lines in riming (assonating) couplets.
_Lines 193-262: The life and death of Christ._
Antiquus dierum, Er wuchs mit den Jahren: Der je über der Zeit war, 195 Vermehrte täglich seinen Wuchs; So gedieh das edle Kind, Gottes Geist war in ihm. Als er dreissig Jahr alt war, Von dem all diese Welt genas, 200 Da kam er zum Jordan; Getauft ward er da, Er wusch ab unsre Schuld, Er selbst hat keine. Den alten Namen legten wir da ab; 205 Von der Taufe wurden wir Gottes Kinder. Sodann nach der Taufe Zeigte sich die Gottheit. Dies war das erste Zeichen: Aus dem Wasser macht’ er Wein. 210 Dreien Toten gab er das Leben, Von dem Blute heilt’ er ein Weib, Die Krummen und die Lahmen, Die machte er gerade. Den Blinden gab er das Licht, 215 Für keine Belohnung sorgte er. Er erlöste manchen Besessenen, Den Teufel hiess er von dannen fahren. Mit fünf Broten speiste er Fünftausend und mehr, 220 Dass sie alle genug hatten; Zwölf Körbe trug man davon. Zu Fuss ging er über den Fluss, Zu den Winden rief er “ruhet.” Die gebundenen Zungen, 225 Die löste er den Stummen. Ein wahrer Gottes Born, Die heissen Fieber löschte er. Krankheit floh von ihm, Den Siechen hiess er aufstehn. 230 Mit seinem Bette fortgehn. Er war Mensch und Gott; Also süss ist sein Gebot. Er lehrt’ uns Demut und Sitte, Treue und Wahrheit dazu, 235 Dass wir uns treu benähmen, Unsre Not ihm klagten; Das lehrt’ uns der Gottessohn Mit Worten und mit Werken. Mit uns wandelte er 240 Dreiunddreissig Jahr Undeinhalb, unsrer Not wegen. Sehr gross ist seine Gewalt. Seine Worte waren uns das Leben; Für uns starb er seitdem, 245 Er ward nach eignem Willen An das Kreuz gehangen. Da hielten seine Hände Die harten Nagelbande, Galle und Essig war sein Trank; 250 Also erlöst’ uns der Heiland. Von seiner Seite floss das Blut, Von dem wir alle geheiligt. Zwischen zwei Verbrechern Hingen sie den Sohn Gottes. 255 Von Holz[1] entstand der Tod, Von Holz fiel er, gottlob! Der Teufel schnappte nach dem Fleisch, Die Angel[2] war die Gottheit; Nun ist es wohl ergangen, 260 Daran ward er gefangen.
[Notes: 1: The tree of knowledge in the Garden of Eden. 2: Christ’s body is conceived as the ‘bait,’ his divinity as the ‘hook,’ by which the devil is caught.]
+XII. HEINRICH VON MELK+
An Austrian nobleman of the 12th century who, after bitter experience of the world’s ways, retired to the monastery of Melk (a few miles west of Vienna), where he spent his closing years as lay brother. In his _Erinnerung an den Tod_, a satirical poem of 1042 short lines in riming (assonating) couplets, he inveighs against the worldly follies of the knights, and in his _Priesterleben_ against the vices of the clergy. The poems date from about 1160.
_From the ‘Remembrance of Death,’ lines 663-748: The rich youth at the grave of his father._
Reicher und edler Jüngling, Gewahre deine ängstliche Lage Und geh zu deines Vaters Grab; 665 Nimm den Deckstein davon ab Und schaue seine Gebeine, Seufze und weine. Du magst wohl sagen, wenn du willst,-- Es kostet deiner Herrlichkeit nicht viel:-- 670 “Lieber Vater und Herr, Nun sage mir, was dich plagt. Ich sehe dein Gebein verfaulen, Das hat die Erde ganz zersetzt; Es kriechet böser Würmer voll. 675 Diese stinkende Höhle Erzeigt meinem Sinne Einen furchtbaren Geruch darinne. Auch ist mir schwer zu Mute, Da du einst so schön warst, 680 Dass du so schnell verdorben. Das ist eine jämmerliche Ordnung: Was einst blühte wie die Lilie, Das wird wie ein Kleid, das der Meltau Benagt und zerfrisst. 685 Der ist unselig, der es vergisst.” So hättest du wohl reden können, Wenn der Jammer dich bewegt hätte Aus Liebe zu deinem Vater. Nun gedenke des Sinnes, 690 Wie er dir antworten würde, Wenn es naturgemäss wäre, Oder wenn Gott es erlaubte. Ich will die Rede nicht lang machen; Ich spreche für ihn und mit ihm, 695 Vernimm du es mit Aufmerksamkeit: “Ich will dir das, lieber Sohn, Wonach du fragtest, kund tun. Meine Sachen stehen in Unordnung; Von der Strafe Grimmigkeit, 700 Die ich täglich erleiden muss, Kann ich mich nicht loswinden. Ich habe Feuer und Finsternis Zur Rechten und zur Linken, Oben und auch unten. 705 Fände jemand meine Not beschrieben, Er hätte immer davon zu reden. Das, lieber Sohn, habe ich zu beklagen, Doch was bedarfst du langer Rede? Die Ketten der Rache Gottes 710 Halten mich fest gebunden; Ich habe herben Lohn gefunden Für alles, was ich beging Und leider ungebüsst liess. Alles Mass hatte ich vergessen 715 Im Trinken und im Essen, Jetzt werde ich bezwungen Von Durst und von Hunger. Ehemals brannte mein Fleisch Im Schweisse der Liederlichkeit; 720 Nun brennt mich der Fluch Gottes In dem Feuer, das keiner löschen kann. Ich leide Schmerz und Ungemach; Weh, dass ich diese Welt je gesehen! Begehrlichkeit und Hoffahrt, 725 Die beiden haben mir verschlossen Die Tore der inneren Hölle; Da sind die schwarzen Pechwellen Mit den heissen Feuerflammen. Ich höre da Zähneknirschen, 730 Weinen und Jammern, Sehr klägliches Rufen Derer, die keine Hoffnung haben, Dass sie jemals erlöst werden Aus dem Abgrunde. 735 Ach, dass ich je so handelte, Dass ich ihr Genoss werden musste! Gern möchte ich es ewig büssen, Würde die Wohltat mir zu Teil, Dass ich den Teufel nicht ansähe 740 Und sein Antlitz vermiede; Wie sollte mich das erfreuen! Jetzt mach’ ich meine Klage zu spät; Doch rat’ ich dir, mein lieber Sohn, Dass du an mir ein Beispiel nehmest 745 Und der Welt nicht so nachhangest, Dass du meine Not vergessest; Sonst muss es dir wie mir ergehen.”
+XIII. THE ARNSTEIN HYMN TO THE VIRGIN+
A _Marienleich_ dating from the end of the 12th century, during which the type was much cultivated. The manuscript, from the convent of St. Mary at Arnstein on the Lahn, contains 325 short lines in couplets (beginning and end missing), of which lines 78-261 are given below.
Hätt’ ich tausend Munde, Ich könnte nie berichten In vollem Mass das Wunder, 80 Das von dir geschrieben ist. Alle Zungen vermögen nicht Zu sagen noch zu singen, Fraue, deiner Ehren Noch deines Lobes volles Mass. 85 Der ganze Himmelshof Singet dein Lob: Es preisen dich die Cherubim, Es ehren dich die Seraphim. All das grosse Heer 90 Der heiligen Engel, Die vor Gottes Antlitz Stehen seit dem Anfang, Propheten und Apostel Und alle Gottes Heilige 95 Freun sich immer dein, Königliche Jungfrau. Wohl müssen sie dich ehren: Du bist die Mutter ihres Herrn, Der da Himmel und Erde 100 Im Anfang werden hiess; Der mit einem Worte Die ganze Welt erschuf, Dem alles ist untertan, Dem nichts kann widerstehn, 105 Dem alle Kraft weichet, Dem nichts gleichet, Den ehret und fürchtet All diese Welt. Es wäre mir lang zu sagen, 110 Wie hehr du bist im Himmel: Niemand hat davon Kunde Als die Seligen, die da sind. Des einen bin ich von dir gewiss: Dass, Fraue, du so geehret bist 115 Wegen deiner grossen Güte, Wegen deiner Demut Wegen deiner Reinheit, Wegen deiner grossen Milde. Deshalb ruf’ ich dich an; 120 Fraue, nun erhöre mich; Allerheiligstes Weib, Vernimm mich sündiges Weib! All mein Herze Fleht zu dir ernstlich, 125 Mir gnädig zu sein, Bei deinem Sohne zu helfen, Dass er in seiner Güte Meine Missetaten Vergesse gänzlich 130 Und mir gnädig sei. Leider, meine Schwachheit Hat mich oft verleitet, Dass ich durch meine Schuld Verwirkte seine Huld. 135 Fraue, das macht mir bange; Deswegen fürchte ich, Dass er seine Gnade Von mir kehren werde. Deshalb fleh’ ich zu dir. 140 Nun muss es an dir liegen, Mir, Jungfrau milde, Zu seiner Huld zu helfen. Hilf mir zu wahrer Reue, Dass ich meine Sünden 145 Möge beweinen Mit innigen Tränen. Hilf mir kräftiglich, Dass ich die Höllenstrafe Nimmer erleide; 150 Dass ich auch vermeide Hinfort alle Dinge, Die wider Gottes Huld sind. Und geruhe mich zu stärken In allen guten Werken, 155 Dass ich verbringe mein Leben Wie die heiligen Weiber, Die uns aller Tugenden Ein Vorbild gegeben: Sara, die demütige, 160 Anna, die geduldige, Esther, die milde, Judith, die verständige, Und die andern Frauen, Die in der Furcht Gottes 165 Sich hier so betrugen, Dass sie Gott wohl behagten. Auch ich nach deiner Güte, Nach deiner Demut, Möchte mein Leben gestalten: 170 Dazu hilf mir, heiliges Weib! In deine Hand begebe ich Mich und all mein Leben. Dir überlass’ ich all meine Not, Dass du hilfsbereit seiest, 175 In was für Drangsalen Ich dich immer anrufe. Fraue, deinen Händen Sei mein Ende befohlen! Und geruhe mich zu weisen 180 Und mich zu erlösen Aus der grossen Not, Wenn der leide Tod An mir soll scheiden Den Leib von der Seele. 185 In jener grossen Angst Komm du mir zum Troste! Und hilf, dass meine Seele Werde zu Teile Des lieben Gottes Engeln, 190 Nicht den leiden Teufeln; Dass sie mich dahin bringen, Wo ich soll finden Die ewige Freude, Die im Himmel haben 195 Die hochseligen Gotteskinder, Die dazu erwählt sind; Dass ich dort schaue Unsern lieben Herrn, Unsern Schöpfer, 200 Unsern Heiland, Der uns aus nichts erschuf, Der uns auch kaufte Mit seines Sohnes Blut Von dem ewigen Tode. 205 Wer soll mir dazu helfen, Wer soll mich so läutern, Dass ich es würdig wäre? Das sollst du, Jesus, mein Herr. Gib mir, Herr, deinen Geist, 210 Da du selbst wohl weisst All meine Krankheit Und all meine Unwissenheit; Auf dass ich schauen dürfe Mit meinen Augen 215 Dein unverlöschlich Licht: Das versage du mir nicht! Es ist das ewige Leben, Das ich, armes Weib, Mit deiner Hilfe suche: 220 Das lass mich, Herre, finden! Darum sei mein Bote zu dir Deine eigne Mutter: O, wie selig bin ich dann, Nimmt sie sich meiner an! 225 Maria, Gottes Traute, Maria, Trost der Armen, Maria, stella maris, Zuflucht des Sünders, Burg des Himmels, 230 Born des Paradieses! Der uns die Gnad’ entfloss, Die uns Elenden erschloss Das rechte Vaterland; Nun gib uns, Fraue, deine Hand, 235 Weise uns den Ausweg Aus jener grossen Tiefe: Das ist des Teufels Gewalt. Darein uns hat gebracht Eva, unsere Mutter; 240 Jetzt fliehen wir alle zu dir. Wir weinen und seufzen Zu deinen lieben Füssen. Lass dich nun erbarmen Der Not, die wir Armen 245 In diesem engen Tale Mannigfach erdulden! Stella maris, bist du genannt Nach dem Stern, der an das Land Das müde Schiff geleitet, 250 Wo es die Ruh’ erwartet. Geleite uns an Jesum, Deinen guten Sohn, Der uns begnaden soll. In ihm sollen wir ruhen, 255 Er soll uns erlösen Von allen unsern Nöten, Von allen schweren Sünden: Das sind des Meeres Wellen, Die uns nun, ach, umschwellen. 260 Nun hilf uns, heilige Jungfrau!
+XIV. LAMPRECHT’S LAY OF ALEXANDER+
A free translation, made about 1130 by a priest living in the Middle Rhine country, of a French poem by Alberic de Besançon. It consists of 7302 verses in short couplets. Except 105 verses at the beginning the French original is lost. It was itself a versification of a highly fabulous old saga current in Latin prose. As the 105 French verses correspond to 192 verses in the German, it is evident that Lamprecht did not follow Alberic slavishly and that he drew in part upon some other source, perhaps the Latin original. The selections below are from a letter which Alexander writes, toward the end of his career, to his mother Olympias and his teacher Aristotle. In this letter he recounts at length (1670 verses) the wonderful things that he has seen.
_Lines 4928-5037: Alexander’s army beset by terrible beasts._
Nachdem ich Darius besiegt Und das ganze Land Persien Und auch das berühmte Indien 4930 Mir untertan gemacht, Hob ich mich bald von dannen Mit meinen lieben Mannen Nach Caspen Porten.[1] Leid und Furcht wähnte ich 4935 Nicht mehr zu erdulden. Wir kamen zu einem Wasser, Da liess ich mein Heer ausruhen; Wir dachten den Durst zu stillen. Als wir zu dem Wasser kamen 4940 Und es in den Mund nahmen, War es bitter wie Galle; Unerquickt blieben wir alle. Nun brachen wir vom Lager auf Und sahen über ein Feld hin, 4945 Wo eine schöne Stadt war, Die war geheissen Barbaras, Eine Meile über das Wasser. Meine Ritter all die Weile Wollten schwimmen in dem Flusse. 4950 Da näherte sich der Schaden: Krokodile kamen, Die meiner Gesellen nahmen Siebenundzwanzig, Die verloren das Leben; 4955 Ich kann es wahrhaftig sagen, Da ich es selbst ansah, Wie sie sie hinunter frassen; Ich musste sie fahren lassen. Da brach mein Heer auf 4960 Nach reiflicher Überlegung Und kam wieder zu dem Wasser, Das früher bitter war; Jetzt war es süss und gut, Des freute sich unser Mut. 4965 Da schlugen wir unsre Zelte Auf dem Felde beim Flusse Und machten ein grosses Feuer. Die Ruhe ward uns sauer, Denn aus dem Walde kamen 4970 Manch fürchterliches Tier Und schreckliches Gewürme. Mit denen mussten wir kämpfen Beinah die ganze Nacht; Durst hatte sie dahin gebracht, 4975 Sie wollten sich im Wasser laben. Skorpionen taten uns viel Schaden, Die waren breit und lang Und hatten fürchterlichen Gang, Teils rote, teils auch weisse; 4980 Sie machten uns grosse Not, Sie erbissen uns manchen Mann. Da kamen auch Löwen, Die waren gross und stark. Grössere Furcht war nie 4985 Unter einem Heere; Den Löwen mussten wir uns wehren. Danach kam zu uns gelaufen Manch furchtbarer Eber, Grösser noch als die Löwen. 4990 Mit den Zähnen hieben sie Alles, was vor ihnen stand; Dass einer von uns am Leben blieb, Dafür Gott habe Dank! Ihre Zähne waren lang, 4995 Eine Klafter oder mehr; Die taten uns viel weh. Da kamen auch manche Elefanten gegangen, Um vom Fluss zu trinken; 5000 Wir litten Ungemach. Auch wurden wir heimgesucht Von masslos langen Schlangen Mit aufgerichteter Brust; Wir litten grosse Unlust. 5005 Es kamen auch Menschen, Die gleich Teufeln waren: Sie waren wie Affen Unter den Augen geschaffen, Sie hatten sechs Hände, 5010 Lang waren ihre Zähne; Hart plagten sie mein Heer. Den Leuten mussten wir uns wehren Mit Speeren und Geschossen; Sie starben ungesättigt. 5015 Unsre Not war mannigfach; Da brannten wir den Wald. Das ward deshalb getan, Dass wir Frieden haben könnten Vor den schrecklichen Tieren. 5020 Nicht lange danach Sah ich das grausamste Tier, Das früher oder später Jemand geschaut hat. Das sah ich mit meinen Augen; 5025 Schrecklicheres Tier gibt es nicht. Es hatte Geweih wie der Hirsch, Mit drei starken Stangen, Die gross und lang waren. Wär’ ich nicht dabei gewesen, 5030 Es hätte das Leben verloren Ein grosser Teil meines Heers. Es waren sechsunddreissig derer, Die es mit den Hörnern erschlug; Es war fürchterlich genug. 5035 Auch sag’ ich euch wahrhaftig, Dass derer fünfzig waren, Die es zertrat mit den Füssen.
[Notes: 1: In Latin _ad Portas Caspias_, the Caspian Gates.]
_Lines 5193-5358: The wonderful girl-flowers_
Der edle herrliche Wald War wunderbar schön; Das nahmen wir alles wahr. 5195 Hoch waren die Bäume, Die Zweige dicht und breit; In Wahrheit sei es gesagt, Das war eine grosse Wonne. Da konnte nie die Sonne 5200 Bis auf die Erde scheinen. Ich und die Meinen Liessen unsre Rosse stehen Und gingen stracks in den Wald, Nach dem wonniglichen Gesang; 5205 Die Zeit deuchte uns sehr lang, Bis wir dahin kamen, Wo wir vernahmen, Was das Wunder sein mochte. Manch schönes Mägdelein 5210 Haben wir da gefunden, Die da in diesen Stunden Spielten auf dem grünen Klee. Hunderttausend und mehr, Spielten sie und sprangen; 5215 Ei, wie schön sie sangen! So dass wir, klein und gross, Wegen des süssen Getöses, Das wir im Walde hörten, Ich und meine Helden kühn, 5220 Vergassen unser Herzeleid Und all die grosse Arbeit Und all das Ungemach, Und was uns Schweres geschehen war. Uns allen deuchte es, 5225 Wie es wohl mochte, Dass wir genug hätten Für unser ganzes Leben An Freude und Reichtum. Da vergass ich Angst und Leid, 5230 Ich und mein Gesinde, Und was uns von der Kindheit Je Leides zu teil geworden Bis auf diesen Tag. Mir deuchte sofort, 5235 Ich könnte nie krank werden, Und könnte ich immer da sein, Würde ich ganz genesen Von all der Angst und Not Und nicht mehr fürchten den Tod. 5240 Wollt ihr nun recht verstehen, Wie es war um die Frauen, Woher sie kamen, Und welch Ende sie nahmen, Das mag euch besonders 5245 Zum grossen Wunder gereichen. Als der Winter zu Ende war, Und der Sommer anfing, Und es begann zu grünen, Und die edlen Blumen 5250 Im Walde begannen aufzugehn, Da waren sie sehr lieblich. Hell war ihr Blumenglanz, In Rot und auch in Weiss Erglänzten sie weithin. 5255 Blumen hat es nie gegeben, Die schöner sein könnten. Sie waren, wie uns deuchte, Ganz rund wie ein Ball Und fest geschlossen überall. 5260 Sie waren wunderbar gross; Als die Blume sich oben erschloss, Das merket in eurem Sinne, So waren darinne Mägdelein ganz vollkommen; 5265 Ich sag’ es, wie ich’s vernommen. Sie gingen und lebten Und hatten menschlichen Sinn Und redeten und baten, Genau als hätten sie 5270 Ein Alter von zwölf Jahren. Sie waren, das ist wahr, Schön geschaffen am Leibe; Nie sah ich an einem Weibe Ein schöneres Antlitz 5275 Noch Augen so liebsam. Ihre Hände und ihre Arme Waren glänzend wie Hermelin, Auch ihre Füsse und Beine. Unter ihnen war keine, 5280 Die nicht schöner Hübschheit pflag. Sie waren züchtig heiter Und lachten und waren froh Und sangen auf solche Weise, Dass niemand früher oder später 5285 Eine so süsse Stimme vernahm. Wollt ihr es glauben, So mussten diese Frauen Immer im Schatten sein, Sonst könnten sie nicht gedeihn; 5290 Welche die Sonne beschien, Blieb nicht mehr am Leben. Das Wunder war mannigfach: Als der Wald tönend wurde, Von den süssen Stimmen, 5295 Die darinne sangen, Die Vögel und die Mägdelein, Wie konnt’ es wonniglicher sein, Früh oder spät? All ihre Leibeskleidung 5300 War fest angewachsen An der Haut und am Körper. Ihre Farbe war dieselbe, Die die Blumen hatte, Rot und auch weiss wie Schnee. 5305 Als wir sie zu uns kommen sahen, Zog uns der Leib zu ihnen. Solch begehrenswerte Weiber Sind der Welt unbekannt. Nach meinem Heere schickte ich sofort. 5310 Als sie zu mir kamen Und auch vernahmen Die herrlichen Stimmen, Da gingen sie verständnisvoll Und schlugen ihre Zelte 5315 Im Walde, nicht auf dem Felde. Da lagen wir nun im Schalle Und freuten uns alle Der seltsamen Bräute. Ich und meine Leute, 5320 Wir wollten da bleiben. Wir nahmen sie zu Frauen Und hatten mehr Wonne Als wir je gewonnen Seit unserer Geburt. 5325 Weh, dass wir sobald verloren Das grosse Vergnügen! Dies Wunder sah ich alles Selbst mit meinen Augen; Das möget ihr glauben. 5330 Dies währte, wie ich euch sage, Drei Monate und zwölf Tage, Dass ich und meine Helden kühn In dem grünen Walde waren Und auf den schönen Auen 5335 Bei den lieben Frauen Und Wonne mit ihnen hatten Und mit Freude lebten. Dann geschah uns grosses Leid, Das ich nicht genug beklagen kann. 5340 Als die Zeit zu Ende ging, Da war unsere Freude vorüber, Die Blumen verwelkten Und die schönen Frauen starben; Die Bäume verloren ihr Laub, 5345 Die Brunnen flossen nicht mehr, Die Vögel hörten auf zu singen. Dann begann Unfreude Mein Herz zu bedrücken Mit mannigfachem Schmerze. 5350 Furchtbar war das Ungemach, Das ich alle Tage sah An den schönen Frauen. O weh, wie bereute ich sie, Als ich sie sterben sah 5355 Und die Blumen verblühen! Da schied ich traurig von dannen Mit allen meinen Mannen.
+XV. KONRAD’S LAY OF ROLAND+
A translation, made about 1130 in the dialect of the Rhenish Franks, of the famous _Chanson de Roland_. It consists of 9094 verses. The author, who calls himself ‘der Pfaffe Kuonrat,’ says that he translated first into Latin, then into German, adding nothing and omitting nothing; but a comparison with the French text as known to us shows many additions, many omissions and a somewhat different spirit. Kaiser Karl and his men fight for the cross, for the glory of Christian martyrdom, not for ‘sweet France.’ --The situation at the beginning of the poem is this: The Christians have conquered all Spain except Saragossa, whose king, Marsilie, sends envoys to make a treacherous proposal of surrender; the object being to induce the emperor to withdraw the greater part of his army.
_Lines 675-708: Kaiser Karl._
Die Boten traten vor, 675 Sehr oft fielen sie nieder, In seidenem Gewande, Mit Palmen in der Hand. Immer wieder aufs neue Fielen sie zur Erde nieder. 680 Sie fanden den Kaiser fürwahr Über dem Schachbrette. Sein Antlitz war wonniglich. Es gefiel den Boten sehr, Dass sie ihn sehen durften. 685 Es glänzten ja seine Augen Wie der Morgenstern. Man erkannte ihn von weitem, Niemand brauchte zu fragen, Welcher der Kaiser wäre; 690 Keiner war ihm ähnlich. Sein Antlitz war herrlich. Mit ganz geöffneten Augen Konnten sie ihn nicht ansehn: Der Glanz blendete sie 695 Wie die Sonne zu Mittag. Den Feinden war er schrecklich, Den Armen war er vertraut, Im Unglück war er gnädig, Gott gegenüber war er treu. 700 Er war ein gerechter Richter, Er lehrte uns die Gesetze, Ein Engel schrieb sie ihm vor; Er verstand alle Rechte, Im Kampf ein guter Knecht, 705 In aller Tugend ausgezeichnet. Freigebigerer Herr ward nie geboren.
_Lines 2018-2110: The traitor Genelun delivers Karl’s message to Marsilie, the Saracen king._
Der Bote sprach zu Marsilie: “Der König aller Himmel, Der uns von der Hölle erlöste 2020 Und die Seinen tröstete, Der gebe dir Gnade, Dass du seinen Frieden habest, Und rette dich vom ewigen Tode. Der König von Rom entbietet dir, 2025 Dass du Gott ehrest, Dich zum Christentum bekehrest, Dich taufen lassest, An Einen Gott glaubest; Davon will er Gewissheit haben. 2030 Er lässt dir wahrlich sagen: Empfängst du das Christengesetz, Soll dein Land in Frieden bleiben. Er belehnt dich mit halb Spanien, Den andern Teil soll Roland haben; 2035 Und wirst du sein Mann, So behältst du grosse Ehre. Der Kaiser entbietet dir ferner: Greifst du etwa zur Gegenwehr, Sucht er dich mit einem Heere auf; 2040 Er zerstört alle deine Häuser Und vertreibt dich daraus. Weder auf Erden noch auf dem Meere Magst du dich seiner erwehren. Er lässt dich fangen, 2045 Auf einem Esel führen Vor seinen Thron zu Achen; Da nimmt er Rache an dir: Er lässt dir das Haupt abschlagen. Das soll ich dir vom Kaiser sagen.” 2050 Marsilie blickte umher, Er wurde sehr bleich, Er hatte ängstliche Gedanken, Er konnte kaum sitzen auf der Bank, Es ward ihm kalt und heiss, 2055 Hart plagte ihn der Schweiss, Er schüttelte den Kopf, Er sprang hin und her. Seinen Stab ergriff er, Mit Zorn hob er ihn empor, 2060 Nach Genelun schlug er. Genelun mit List Wich dem Schlage aus. Er trat vor dem König zurück, Das Schwert ergriff er, 2065 Er blickte auf ihn zurück, Er sagte zu dem Könige: “Du übst also Gewalt.” Halb zog er das Schwert, Er sprach: “Karl, meinem Herrn, 2070 Diente ich immer mit Ehren. In harten Volkskämpfen Erwirkte ich mit dem Schwert, Dass ich nie beschimpft ward. Ich brachte dich mit Ehren hierher, 2075 Ich habe dich lange geführt. Noch niemals bin ich gefangen. Und vollbringst du den Schlag, So ist es dein letzter Tag; Oder aber ich sende zum Tode 2080 Irgend welchen Heiden, Dessen Verlust du nie verschmerzest. Ich wähne, du tobst oder rasest. Jetzt muss ich bereuen, Dass ich deinen Ungetreuen 2085 Jemals folgte diesen Weg. Man hat mich im Stich gelassen, Ich stehe nun ganz allein. Was ist aus den Eiden geworden, Die sie mir schworen, 2090 Als wir fortkamen?” Die Fürsten sprangen auf, Sie drangen dazwischen, Sie verwiesen es dem König. Sie sagten: “Herr, du tust übel, 2095 Den Kaiser so zu beschimpfen. Wenn du zu ihm sendest, Wird deine Botschaft Ruhmvoll zu Ende geführt. Sie sprechen uns Treue ab; 2100 Nun müssen wir bereuen, Dass Friede je gemacht ward. Du liessest ja seine Mannen köpfen. Nun gebiete deinem Zorn! Wir wollen gern vermitteln, 2105 Und das noch mehr, O Herr, wegen deiner Ehre Als um seinetwillen. Stille nun deinen Unmut!”
_Lines 3394-3488: The preparations for the battle. (Deceived by Genelun, Kaiser Karl has returned to Germany, leaving Roland with a small force in Spain.)_
Als die Helden vernahmen, Dass die Heiden sich sammelten, 3395 Baten sie ihre Priester Sich fertig zu machen; Diese griffen ihr Amt an. Den Leib Gottes empfingen sie, Sie fielen zum Gebet nieder, 3400 Sie riefen zum Himmel Viele Stunden hindurch. Sie beschworen Gott bei den Wunden, Wodurch er die Seinen erlöste, Dass er sie tröste, 3405 Dass er ihnen ihre Sünden vergebe Und selbst ihr Zeuge sei. Mit Beichte machten sie sich fertig, Zum Tode rüsteten sie sich, Und waren jedoch gute Knechte, 3410 Zum Märtyrtum bereit Um ihrer Seelen willen. Sie waren Gottes Degen, Nicht wollten sie entfliehen, Sie wollten wieder gewinnen 3415 Unsere alte Erbschaft. Danach strebten die Helden, Ja führten die edlen Herren Ein christliches Leben. Alle hatten Eine Gesinnung, 3420 Ihre Herzen waren mit Gott. Sie hatten Zucht und Scham, Reinheit und Gehorsam, Geduld und Minne; Sie brannten wahrlich im Innern 3425 Nach der Süsse Gottes. Sie sollen uns helfen, Dieses arme Leben zu vergessen; Denn jetzt besitzen sie Gottes Reich. Als die Degen Gottes 3430 Mit Psalmen und Segen, Mit Beichte und Glaube, Mit tränenden Augen, Mit grosser Demut, Mit mancherlei Gutem, 3435 Sich zu Gott gewendet, Ihre Seelen gelabt Mit Himmelsbrote, Mit dem Blute des Herrn, Zum ewigen Leben, 3440 Da waffneten sie sich; Gott lobten sie jetzt, Sie waren allesamt froh, Wie zu einem Brautlauf. Sie heissen alle Gottes Kinder, 3445 Die Welt verschmähten sie, Sie brachten das reine Opfer. Mit dem Kreuze geschmückt Eilten sie gern zum Tode; Sie kauften das Reich Gottes. 3450 Sie waren einander treu; Was dem einen deuchte gut, Das war die Meinung aller. David der Psalmist Hat von ihnen geschrieben, 3455 Wie Gott, mein Herr, die belohnt, Die brüderlich zusammenhalten. Er gibt ihnen selbst seinen Segen; Sie sollen immer fröhlich leben. Eine Zuversicht und Eine Minne, 3460 Ein Glaube und Eine Hoffnung, Eine Treue war in ihnen allen. Keiner liess den andern im Stiche, Für alle war Eine Wahrheit; Des freut sich die Christenheit. 3465 Die verbrecherischen Heiden, Die Gott nicht fürchteten, Hoben ihre Abgötter empor, Mit grosser Hochfahrt kamen sie, Sie fielen vor Mahmet nieder; 3470 Es war ihr ganzes Gebet, Dass er ihnen erlaube, Roland zu enthaupten, Und, wenn sie ihn erschlagen, Sein Haupt vor sich zu tragen. 3475 Sie versprachen ihn zu ehren, Sein Lob immer zu mehren Mit Tanz und Saitenspiel; Des Übermuts war da viel. Sie vertrauten ihrer Kraft, 3480 Sie wussten nicht recht, Dass wer gegen Gott strebt, Der ohne Gott lebt. Sie verschmähten ihren Schöpfer, Unsern wahren Heiland, 3485 Den obersten Priester, Der keinen ohne Trost lässt, Wenn er mit Demut Suchet das Gute.
_Lines 6053-6113: Having fought a great fight and slain many heathen, Roland and his men are about to be overwhelmed by numbers; in desperate straits he blows his horn, and it is heard by the far-away emperor._
Roland fasste mit beiden Händen Den guten Olivant Und setzte ihn an den Mund. 6055 Er begann zu blasen; Der Schall ward so gross, Es lärmte so unter den Heiden, Dass keiner den andern hören konnte. Sie verstopften selbst die Ohren. 6060 Die Hirnschale barst ihm, Dem guten Weigande; Alles änderte sich an ihm, Er konnte kaum noch sitzen, Sein Herz zerbrach innen. 6065 Seine bekannte Stimme Vernahmen sie allesamt, Der Schall flog ins Land. Bald kam zu Hof das Märe, Dass des Kaisers Bläser 6070 Bliesen alle zugleich. Dann wusste man wahrlich, Dass die Helden in Not waren. Da gab es ein grosses Jammern. Der Kaiser schwitzte vor Angst, 6075 Er verlor zum Teil die Fassung, Er ward sehr ungeduldig. Das Haar riss er von der Haut; Da machte starke Vorstellungen Genelun der Verräter; 6080 Er sprach: “Dieses Ungestüm Geziemt nicht einem König. Du beträgst dich ungebührlich. Was hast du dir vorzuwerfen? Den Roland, wie er im Grase schlief. 6085 Hat wohl eine Bremse gebissen, Oder er jagt wohl einen Hasen; Dass das Blasen eines Hornes Dich so ausser Fassung bringt!” Der Kaiser sprach zu ihm: 6090 “Weh dass ich dich je gesehen, Oder Kenntnis von dir gewonnen! Das beklage ich immer vor Gott. Von dir allein Muss Frankreich immer weinen. 6095 Wegen des grossen Schatzes, Den Marsilie dir gab, Hast du den Mord vollbracht. Ich räche ihn, wenn ich’s vermag. Was trieb dich dazu?” 6100 Auf sprang der Herzog Naimes, Er sprach: “Du Teufels Mann, Du hast schlimmer als Judas getan, Der unsern Herrn verriet. Nie verwindest du diesen Tag. 6105 Dies hast du gebraut, Du sollst es wahrlich trinken.” Er hätte ihn gern erschlagen, Der Kaiser hiess ihn abstehen; Er sprach: “Eine andre sei seine Strafe. 6110 Ich will hernach über ihn richten; Und wenn das Urteil ergeht, Er stirbt wohl einen schlimmeren Tod.”
+XVI. KING ROTHER+
A poem of 5302 verses, written about 1150 in a mixture of Middle Frankish and Bavarian. It belongs to the order of _Spielmannspoesie_, or secular minstrelsy; but the author makes frequent reference to what ‘the books’ say, and evidently meant his work to be read. (The earlier gleemen, so far as known, could not read or write, got their material from oral tradition and composed their poems to be sung or recited to musical accompaniment.) Rother is a king of Italy who sends twelve envoys to Constantinople to win for him the hand of the emperor’s daughter. She favors her unknown suitor, but the irate Constantine throws the envoys into a dungeon. Rother takes the name of Dietrich and sails with many retainers to liberate them. By a waiting-maid he presents the princess with a gold and a silver shoe, both made for the same foot, and retains the mates. The princess, already interested in the distinguished stranger, sends for him to put on the impossible shoes.
_Lines 2177-2315: Rother, called Dietrich, woos the willing princess._
Am Fenster stand die Prinzessin, Bald kam der junge Held Über den Hof gegangen. Da ward er wohl empfangen 2180 Von zweien Rittern ehrlich. Dann ging der Recke Dietrich, Wo die Kemenate offen stand; Darein ging der wohlgestalte Held. Den hiess die junge Prinzessin 2185 Selber wilkommen sein Und sagte, was er da bitte, Das würde sie gerne tun Nach ihrer beider Ehre. “Ich habe dich gern, o Herr, 2190 Wegen deiner Tüchtigkeit gesehn; Aus anderm Grund ist’s nicht geschehn. Diese niedlichen Schuhe, Die sollst du mir anziehen.” “Sehr gerne,” sprach Dietrich, 2195 “Da du es von mir verlangst.” Der Herr setzte sich ihr zu Füssen, Sehr schön war sein Gebaren. Auf sein Bein setzte sie den Fuss, Nie wurde Frau besser geschuht. 2200 Da sprach der listige Mann: “Nun sage mir, schöne Herrin, Bescheid auf deine Treue, Wie du eine Christin bist,-- Es warb um dich mancher Mann,-- 2205 Hing’ es von deinem Willen ab, Welcher unter ihnen allen Hat dir am besten gefallen?” “Das sag’ ich dir,” sprach die Dame, “In allem Ernst und in Treue, 2210 O Herr, auf meiner Seele, Wie ich getaufte Christin bin: Kämen aus allen Landen Die teuren Weigande Mit einander zusammen, 2215 Da wäre kein Mann darunter, Der dein Genoss sein könnte. Das nehm’ ich auf meine Treue, Dass nie eine Mutter gebar Ein Kind so liebenswürdig, 2220 Dass es mit Fug, Dietrich, Neben dir stehen könnte. Du bist ein ausgezeichneter Mann. Sollte ich aber die Wahl haben, Nähme ich den Helden gut und kühn, 2225 Dessen Boten her ins Land kamen Und jetzt wahrlich liegen In meines Vaters Kerker. Er heisst mit Namen Rother Und sitzt im Westen übers Meer. 2230 Ich will immer Magd bleiben, Bekomm’ ich nicht den Helden schön.” Als Dietrich das vernahm, Da sprach der listige Mann: “Willst du Rother minnen, 2235 Den will ich dir bald bringen. Es lebt keiner auf Erden, Der mir mehr Gutes getan hätte; Des soll er noch geniessen. Ehe ihn der Hochmut meisterte, 2240 Half er mir oft in der Not; Wir genossen fröhlich das Land Und lebten glücklich zusammen. Der gute Held war mir stets gnädig, Wie wohl er mich jetzt vertrieben.” 2245 “In Treue,” sprach die Prinzessin, “Ich verstehe deine Rede; Ist der Rother dir so lieb, Hat er dich nicht vertrieben. Von wannen du fährst, kühner Held, 2250 Bist du als Bote her gesandt. Dir sind des Königs Mannen lieb. Nun verhehle es mit Worten nicht; Was mir heute gesagt wird, Das wird immer wohl verschwiegen 2255 Bis an den jüngsten Tag.” Der Herr sprach zu der Dame: “Jetzt überlass’ ich meine Sache Der Gnade Gottes und der deinen; Es stehen ja deine Füsse 2260 In König Rothers Schosse.” Die Dame erschrak sehr; Sie zog den Fuss weg Und sprach zu Dietrich Sehr bescheidentlich: 2265 “Nie ward ich so ungezogen; Mein Übermut hat mich betrogen, Dass ich meinen Fuss Setzte auf deinen Schoss. Und bist du der grosse Rother, 2270 Kannst du, König, nimmermehr Einen besseren Ruhm gewinnen. Der ausserordentlichen Dinge Bist du ein listiger Meister. Welches Geschlechts du auch seist, 2275 Mein Herz war unglücklich; Und hätte dich Gott hergesandt, Das wäre mir inniglich lieb. Ich mag doch nicht glauben, Dass du mir Unwahres sprichst. 2280 Und wär’s dann aller Welt leid, Ich räumte sicherlich Zusammen mit dir das Reich. So bleibt es aber ungetan. Doch lebt kein Mann so schön, 2285 Den ich vorziehen würde, Wärest du der König Rother.” Darauf sprach Dietrich (Sein Sinn war sehr listig): “Nun hab’ ich keine Freunde 2290 Als die armen Herren, Die in dem Kerker sind. Könnten mich diese sehen, Hättest du an ihnen den Beweis, Dass ich dir Wahres gesprochen.” 2295 “In Treue,” sprach die Prinzessin, “Dir werd’ ich beim Vater mein Irgendwie erwirken, Dass ich sie herauskriege. Aber er wird sie keinem geben, 2300 Er hafte denn mit seinem Leben, Dass niemand entkomme, Bis alle zurückgebracht In den Kerker würden, Wo sie in der Not waren.” 2305 Drauf antwortete Dietrich: “Ich will es auf mich nehmen Vor Constantin, dem reichen, Und morgen sicherlich Werde ich zu Hofe gehn.” 2310 Die Jungfrau so schön Küsste den Herrn. Da schied er mit Ehren Aus der Kemenate.
_Lines 2819-2942: Having become friendly with Constantine and won for him a great battle against the heathen invader Ymelot, Rother perpetrates a hoax._
Dietrich der Weigand Nahm Ymelot bei der Hand, 2820 Führte ihn zu Constantin, Und übergab ihn diesem. Dann sprach der listige Mann: “Wir sollten einen Boten haben, Der den Frauen sagte, 2825 Was wir hier vollbracht.” “In Treue,” sprach Constantin, “Der Bote sollst du selbst sein Um meiner Tochter willen; Und sage du der Königin 2830 Und den Frauen allesamt, Dass wir nach Hause reiten Mit sehr fröhlichen Herzen. Einen Teil deines Volkes Lass du mit mir bleiben.” 2835 Da sprach der listige Mann, Dass er gerne täte, Was der König verlange. Dietrich ging von dannen Mit seinen Heimatsmannen, 2840 Die andern schickte er zum König; Der bat sie grossen Dank haben. Zu sich nahm er seine Leute, Die übers Meer mitgefahren, Und erklärte den Kühnen, 2845 Was er beabsichtige; Die teuren Weigande Wollten gern nach Hause. Dietrich fuhr von dannen. Ein Märchen, das war herrlich, 2850 Brachte er zu Constantinopel, Der berühmten Burg: Er sagte, er sei entflohen Mit allen seinen Mannen. Da weinte die Frau Königin: 2855 “Ach weh, wo ist Constantin Und die Weigande Aus manchem Lande? Dietrich, lieber Herr, Sollen wir sie wiedersehen?” 2860 “Nimmermehr, das weiss Gott! Erschlagen hat sie Ymelot Und reitet her mit Heereskraft; Er will die Stadt zerstören, Ich kann mich ihm nicht wehren 2865 Und muss fliehen übers Meer. Die Weiber und die Kinder, So viel ihrer in der Burg sind, Denen wird zuteil der Tod: Es erschlägt sie Ymelot.” 2870 Da nahm Constantins Weib Ihre Tochter, die herrliche, Und sie baten Dietrich Beide sehr ernsthaft, Sie von den Heiden zu retten, 2875 Die mit einem Heere kämen. Da hiess der listige Mann Die schönen Zelter Der Königin fortziehen; Er führte sie zu den Schiffen. 2880 Da gab es, könnt ihr glauben, Von manchen schönen Frauen Weinen und Händeringen; Sie konnten sich nicht fassen. Es kam eine grosse Gesellschaft 2885 Zu Dietrich aus der Stadt. Sie wollten alle aufs Meer, Um sich vor Ymelot zu retten. Da tröstete sie der schlaue Mann; Er hatte es aus List getan. 2890 Dietrich hiess seine Mannen Sofort in die Schiffe gehen. Asprian, der gute Held, Trug den Kammerschatz darein, Sie eilten alle aufs Meer. 2895 Da hiess König Rother Die Mutter am Gestade bleiben, Die Tochter in ein Schiff gehn. Es gab ein grosses Weinen. Sie sprach: “Ach, Herr Dietrich, 2900 Wem willst du, tugendhafter Mann, Uns armen Weiber überlassen?” So sprach die gute Königin: “Nun nimm mich mit ins Schiff Zu meiner schönen Tochter.” 2905 Da sprach der listige Mann: “Ihr sollt Euch wohl gehaben; Constantin ist nicht geschlagen, Ymelot haben wir gefangen, Constantin ist’s wohl ergangen. 2910 Er reitet hierher ins Land Mit guten Nachrichten; Er kommt über drei Tage. Ihr könnt ihm wahrlich sagen, Seine Tochter sei mit Rother 2915 Westwärts gefahren übers Meer. Nun befehlt mir, herrliche Frau; Ich heisse ja nicht Dietrich.” “Wohl mir,” sprach die Königin, “Dass ich je ins Leben trat. 2920 Nun lasse Gott, der gute, In seiner grossen Gnade, Dich meine Tochter schön Recht lang in Freude haben! Es ist wahr, teurer Degen, 2925 Sie wäre dir leichter gegeben, Als du sie gewonnen hast, Hätte es in meinem Willen gestanden. Wie Constantin das Leben Des jungen Weibes quälte, 2930 Das ist mir das mindeste, Da du nun Rother bist. Nun fahre, teurer Degen, Und Sankt Gilge segne dich!” Da sprach das schöne Mägdlein: 2935 “Gehabt Euch wohl, Mutter mein!” Die Frauen so liebsam Gingen lachend von dannen Zu Constantins Saal Und gönnten es dem Rother wohl, 2940 Dass Gott ihn bringe Mit Ehren ins Heimatland.
+XVII. DUKE ERNST+
Another example of the secular minstrelsy brought into vogue by the crusading spirit. The poem originated in the 12th century, but the only complete versions known to us are of the 13th. It contains 6022 verses in the dialect of the Middle or Lower Rhine. The saga is of unusual psychological interest. Ernst is a brave and upright Bavarian whom a base calumny deprives of the favor of the emperor Otto. For a while he maintains himself in a bitter feud with the empire, but finally gives up the hopeless fight and sets out, with a few loyal followers, for Jerusalem. In the Orient he has many wonderful adventures, one of which is related below, and so deports himself that on his return the emperor receives him back into favor.
_Lines 3915-4199: The magnetic rock in the Curdled Sea._
Die Helden weilten da nicht mehr, 3915 Sie fuhren auf der wilden See Mit fröhlichem Gemüte. Jetzt meinten die guten Helden, Es müsse ihnen wohl gehen. Da stieg nun ein Schiffsmann 3920 Zu oberst auf den Mastbaum; Die Meeresströmung trieb sie Schnell nach jenem Hafen zu. Und nun erschrak er sehr darüber, Als er den Berg erkannte; 3925 Es ward ihm leid und bange. Hinunter in das Schiff Rief er also zu den Recken: “Ihr Helden so schmuck, Nun wendet euch geschwind 3930 Hin zu dem ewigen Wesen! Es kostet uns das Leben, Bleiben wir hier stecken. Der Berg, den wir gesehen, Der liegt auf dem Lebermeer![1] 3935 Es sei denn, dass Gott uns rettet, Wir sterben hier allzusammen. Wir fahren gegen den Stein zu, Von dem ihr mich reden hörtet. Jetzt sollt ihr euch hinkehren 3940 Zu Gott in wahrer Reue Und aus dem Herzen tilgen, Was ihr wider ihn getan. Ich will euch, Helden, wissen lassen Von der Kraft des Felsen 3945 Und von der Herrschaft, Die er in seiner Art hat: Treibt ein Schiff ihm entgegen Innerhalb dreissig Meilen, So hat er in kurzer Zeit 3950 Es an sich gezogen; Das ist wahr und nicht erlogen. Haben sie irgendwelches Eisen, Das darf niemand weisen; Sie müssen gegen ihren Willen dran. 3955 Wo ihr die Schiffe liegen seht, Vor dem dunkeln Berge dort Gleich an des Steines Kante, Da müssen wir auch sterben Und vor Hunger verenden-- 3960 Es ist nicht abzuwenden,-- Wie alle anderen getan haben, Die hierher segelten. Nun bittet Gott, dass er Uns helfe und gnädig sei. 3965 Wir sind nahe dem Felsen.” Als der Herzog das vernahm, Sprach der Fürst lobesam Zu den Herren sonderlich: “Jetzt sollt ihr inniglich, 3970 Meine lieben Notgesellen, Zu unserm Herrn flehen, Dass er uns gnädiglich In sein Reich empfange Wir gehn an diesem Stein zugrunde. 3975 Nun lobt ihn allzusammen Mit Herzen und mit Zungen. Es ist uns wohl gelungen, Sterben wir auf dieser wilden See: Wir sind geborgen auf immerdar 3980 Bei Gott in seinem Reich. Nun freut euch allzugleich, Dass wir ihm so nah gekommen.” Als sie das vernahmen, Behielten sie es im Herzen. 3985 Nun taten die guten Helden, Wie der Fürst ihnen geraten: Ordneten ihre Sachen schnell, Gaben alles Gott anheim, Und beherzigten sein Gebot 3990 Mit Beichte und mit Busse Mit sehr grossem Eifer, Wie man Gott gegenüber sollte. Also machten sie sich bereit. Als die unglücklichen Männer 3995 Ihre Gebete verrichteten Und ihre Sachen ordneten, Gab es ein jämmerlich Rufen, Das sie zu Gott erhoben. Ihren Schöpfer sie baten, 4000 Dass er ihre Seelen bewahre. Jetzt waren die Helden gefahren So nahe dem Felsen, Dass sie deutlich sehen konnten Die Schiffe mit hohen Masten. 4005 Der Fels zog die Helden So geschwinde zu sich, Seine Kraft brachte das Schiff So kräftiglich heran, Dass die andern Schiffe 4010 Diesem entweichen mussten. Es kam so gewaltsam Dem Steine zugefahren, Dass die Schiffe allesamt Auf einander stiessen. 4015 Auch gaben die Mastbäume Sich manchen harten Stoss. Die Stösse waren so stark, Dass manches Schiff zerbrach. So ward mancher Gast empfangen, 4020 Der seitdem verendete Und niemals wiederkehrte. Es ist auch wirklich ein Wunder, Dass diese nicht erschlagen wurden Durch die hohen Mastbäume, 4025 Die, alt und morsch geworden, Von andern Schiffen fielen Auf ihr Schiff mit Gewalt. Als diese herabstürzten, Konnte nichts mehr bestehn, 4030 Was um das Schiff lag. Dass das Schiff sich erhielt, War ein grosses Wunder; Es musste alles und jedes Fallen in das Meer. 4035 Der Herzog und seine Männer Mussten unerhörte Not leiden, Da sie einen schrecklichen Tod Öfters vor sich sahen. Doch kamen die kühnen Männer 4040 Mit dem Leben davon; Gottes Hilfe erschien ihnen. Als das Schiff stehen blieb, Taten sie, wie Leute noch tun, Die lange in einer Stätte gelegen 4045 Und etwas Neues sehen mögen: Die zieren Helden sprangen Schnell aus dem Schiffe Und gingen allesamt, Um das mannigfache Wunder 4050 In den Schiffen zu besehen. Sie standen dicht wie ein Wald Um den Berg auf dem Meer. Weder früher noch später Sah jemand so grossen Reichtum, 4055 Als die mutigen Helden In den Schiffen fanden, So dass sie in langen Stunden Ihn nicht überschauen konnten. Sie sahen den grössten Schatz, 4060 Den jemand haben könnte. Nie hat der weise Mann gelebt Der ihn je in Acht nehmen Oder vollauf beschreiben könnte. Silber, Gold und Edelsteine, 4065 Purpur, Sammet, glänzende Seide, Lag dort so mannigfaltig, Dass niemand es beachten könnte. Als sie das Wunder beschaut, Begannen sie weiter zu gehen. 4070 Der Herzog und seine Männer Stiegen auf den Felsen, Ob sie irgendwo Land sähen. Kein Auge konnte erspähen, Dass sie zu Lande kämen; 4075 Das war den Recken leid. Der Berg lag im weiten Meer; Da mussten die Helden hilflos Höchst jämmerlich ersterben Und am Hunger zugrunde gehen; 4080 Den Recken war schwer zu Mute. Da mussten die Helden Vor dem Steine Angst erleiden. Sie sagten allesamt, Sie würden es gütlich erdulden, 4085 Da ihnen der mächtige Gott Das harte Geschick verhängt, Wie auch den andern allen, Die vor ihnen gekommen waren Und das Leben verloren hatten. 4090 Da sie die Not nicht meiden wollten, Würden sie gerne den Tod Um seine Huld erleiden, Und würden die grosse Not Als Sündenbusse betrachten. 4095 Der Herzog und seine Männer Hatten Trost beim Kinde der Maid. Nun schwebte das Gesinde So lange Zeit auf dem Meer, Dass früher oder später im Leben 4100 Sie nie solches Weh ertrugen, Da es ihnen an Speise gebrach Und an der guten Nahrung, Die sie mitgebracht hatten Von dem Lande Grippia, 4105 Woselbst die Weigande Dieselbe tapfer erworben. Am Hunger starben sie, Die auf dem Schiffe waren, So dass keiner am Leben blieb 4110 Von der ganzen Mannschaft Ausser dem Herzog allein Und sieben Mann mit ihm. Die andern trug ein Greif fort, Wie sie nacheinander starben. 4115 Die Lebenden handelten so: Wen jeweilig der Tod nahm, Den trugen die Helden lobesam Bald aus dem Schiffsraume; Ihn legten die zieren Degen 4120 Oben aufs Verdeck. Das habt ihr nun öfters Als Wahrheit sagen hören: Die Greife kamen geflogen Und trugen sie ins Nest. 4125 Auf diese Weise ward zuletzt Dem Herzog und seinen Männern Von den Greifen geholfen; Also retteten sie sich. Die andern wurden zu Aase 4130 Den Greifen und ihren Jungen. Diesen war es schon gelungen, Menschen in grosser Anzahl Von dannen in ihre Neste Nach Gewohnheit zu tragen; 4135 Davon die mutigen Helden, Der Herzog und seine Mannen, Wieder ans Land kamen. Der Fürst litt Ungemach, Als er seine Gefährten sah 4140 Vor Hunger verbleichen Und so jämmerlich sterben, Und er ihnen nicht helfen konnte. Darum musst’ er manche Stunde Erleiden Jammersnot, 4145 Indem sie der Tod Vor seinen Augen hinwegnahm, Bis der Recke lobesam Nur sieben Mann übrig hatte. Auch diese behielten das Leben 4150 Kaum vor Hungersnot: Sie hatten nur ein halbes Brot, Das teilten die Helden unter sich. Es war jämmerlich genug, Da sie nichts mehr hatten. 4155 Da ergaben sie sich dem Herrn, Mit Leib und Seele Gottes Händen; Dann fielen die tapfern Helden Zum Gebet nieder und baten Vor allem inniglich den Herrn, 4160 Dass er ihnen gnädig sei Und helfe aus der grossen Not; Sie fürchteten sehr den Tod. Als diese Unglücklichen Ihr Gebet verrichtet hatten, 4165 Was später ihnen zu statten kam, Sprach der Graf Wetzel also: “Ich habe in diesen Stunden Uns eine List erfunden, Wie sie nicht besser sein könnte. 4170 Sollen wir je gerettet werden, Muss es gewiss davon kommen, Dass wir suchen und spähen Und gar nicht aufhören. Bis wir in den Schiffen finden 4175 Irgendwelche Art Häute; Dann schlüpfen wir armen Leute In unsre gute Rüstung. Hat man uns dann eingenäht In die Häute,” sprach der Degen, 4180 “So wollen wir uns legen Oben auf das Schiffsverdeck. So nehmen uns da die Greife Und tragen uns von dannen. Sie können uns nichts anhaben, 4185 Die Greife, wegen der Rüstung, Die uns oft beschirmt hat; Die mag uns noch einmal helfen. Und haben wir uns versichert, Dass die alten auf Beute fort sind, 4190 So schneiden wir uns aus Und steigen zur Erde nieder. Soll es aber anders werden, Will es Gott, dass wir nicht entkommen, So mag es uns doch lieber sein, 4195 Dass wir dort redlich tot liegen, Als dass wir hier diese starke Not So jämmerlich erleiden.”
[Notes: 1: The Liver Sea, called also _das geronnene Meer_, or the Curdled Sea; in Latin _mare pigrum et concretum_. For the literature of the curious saga see Bartsch, _Herzog Ernst_, Wien, 1869, p. cxlv.]
+XVIII. THE LAY OF THE NIBELUNGS+
The most important poetic production of medieval Germany. It embodies legends that date back, in part, to the 5th century and were handed down from age to age by oral tradition. The different versions known to us point back to a lost original which probably took shape toward the end of the 12th century and was the work of an Austrian poet of whom nothing is known. The form is a four-line strophe, with masculine rimes paired in the order _aa_ _bb_. Each line is divided into two parts by a cesura, which regularly falls after an unstressed syllable. The first seven half-lines usually have three accents each, the eighth four.
Reasoning from incongruities in the text, the famous scholar Lachmann concluded that the poem consists of twenty old songs, or ballads, pieced together with new matter in the shape of introductions, transitions, and amplifications. This theory gave rise to a great controversy which still divides scholarship to some extent, with opinion tending more and more to the confirmation of Lachmann’s general view, but to the rejection of his specific conclusions. That is to say: The poem is a working-over of old songs; but just how many of these there were, where the dividing lines come, and how much merit of originality may rightly be claimed for the nameless 12th century poet, cannot be definitely settled.
The most popular modernization is that of Simrock, 56th edition, 1902, from which the selections below are taken. It has its defects, but none of the many attempts to improve upon it has met with a generally recognized success.
_From Adventure 1:[1] Kriemhild and her dream._
Es wuchs in Burgunden solch edel Mägdelein, Dass in allen Landen nichts Schön’res mochte sein. Kriemhild war sie geheissen und ward ein schönes Weib, Um die viel Degen mussten verlieren Leben und Leib.
Es pflegten sie drei Könige, edel und reich, 5 Gunter und Gernot, die Recken ohnegleich, Und Geiselher der junge, ein auserwählter Degen; Sie war ihre Schwester, die Fürsten hatten sie zu pflegen.
Die Herren waren milde, dazu von hohem Stamm, Unmassen kühn von Kräften, die Recken lobesam. 10 Nach den Burgunden war ihr Land genannt: Sie schufen starke Wunder noch seitdem in Etzels Land.
Zu Worms am Rheine wohnten die Herren in ihrer Kraft. Von ihren Landen diente viel stolze Ritterschaft Mit rühmlichen Ehren all ihres Lebens Zeit, 15 Bis jämmerlich sie starben durch zweier edeln Frauen Streit.
In ihren hohen Ehren träumte Kriemhilden, Sie zög’ einen Falken, stark-, schön- und wilden, Den griffen ihr zwei Aare, dass sie es mochte sehn; Ihr konnt’ auf dieser Erde grösser Leid nicht geschehn. 20
Sie sagt’ ihrer Mutter den Traum, Frau Uten; Die wusst’ ihn nicht zu deuten als so der guten: “Der Falke, den du ziehest, das ist ein edler Mann; Ihn wolle Gott behüten, sonst ist es bald um ihn getan.”
“Was sagt Ihr mir vom Manne, vielliebe Mutter mein? 25 Ohne Reckenminne will ich immer sein; So schön will ich verbleiben bis an meinen Tod, Dass ich von Mannesminne nie gewinnen möge Not.”
“Verred’ es nicht so völlig,” die Mutter sprach da so, “Sollst du je auf Erden von Herzen werden froh, 30 Das geschieht von Mannesminne; du wirst ein schönes Weib, Will Gott dir noch vergönnen eines guten Ritters Leib.”[2]
“Die Rede lasst bleiben, vielliebe Mutter mein. Es hat an manchen Weiben[3] gelehrt der Augenschein, Wie Liebe mit Leide am Ende gerne lohnt; 35 Ich will sie meiden beide, so bleib’ ich sicher verschont.”
Kriemhild in ihrem Mute hielt sich von Minne frei. So lief noch der guten manch lieber Tag vorbei, Dass sie niemand wusste, der ihr gefiel zum Mann, Bis sie doch mit Ehren einen werten Recken gewann. 40
Das war derselbe Falke, den jener Traum ihr bot, Den ihr beschied die Mutter. Ob seinem frühen Tod Den nächsten Anverwandten wie gab sie blut’gen Lohn! Durch dieses Einen Sterben starb noch mancher Mutter Sohn.
[Notes: 1: Some of the manuscripts divide the poem into sections, each one of which is called an _aventiure_, or ‘adventure.’ 2: M.H.G. _lîp_, modern _Leib_, meant ‘body,’ ‘person,’ ‘self.’ With a genitive it is often pleonastic and untranslatable. _Eines guten Ritters Leib_ = _einen guten Ritter_. 3: Archaic for _Weibern_ for the sake of the medial rime with _bleiben_. Now and then a stanza has medial as well as final rimes.]
_From Adventure 5: Having lived a whole year at Worms as the guest-friend of King Gunter, Siegfried at last sees the maid he came to woo._
Da liess der reiche König mit seiner Schwester gehn Hundert seiner Recken, zu ihrem Dienst ersehn Und dem ihrer Mutter, die Schwerter in der Hand: Das war das Hofgesinde in der Burgunden Land.
Ute die reiche sah man mit ihr kommen, 5 Die hatte schöner Frauen sich zum Geleit genommen Hundert oder drüber, geschmückt mit reichem Kleid; Auch folgte Kriemhilden manche waidliche[4] Maid.
Aus einer Kemenate sah man sie alle gehn. Da musste heftig Drängen von Helden bald geschehn, 10 Die alle harrend standen, ob es möchte sein, Dass sie da fröhlich sähen dieses edle Mägdelein.
Da kam die Minnigliche, wie das Morgenrot Tritt aus trüben Wolken. Da schied von mancher Not, Der sie im Herzen hegte, was lange war geschehn. 15 Er sah die Minnigliche nun gar herrlich vor sich stehn.
Von ihrem Kleide leuchtete gar mancher edle Stein, Ihre rosenrote Farbe gab minniglichen Schein. Was jemand wünschen mochte, er musste doch gestehn, Dass er hier auf Erden noch nichts so Schönes gesehn. 20
Wie der lichte Vollmond vor den Sternen schwebt, Des Schein so hell und lauter sich aus den Wolken hebt, So glänzte sie in Wahrheit vor andern Frauen gut; Das mochte wohl erhöhen den zieren Helden den Mut.
Die reichen Kämmerlinge schritten vor ihr her, 25 Die hochgemuten Degen liessen es nicht mehr: Sie drängten, dass sie sähen die minnigliche Maid; Siegfried dem Degen war es lieb und wieder leid.
Er sann in seinem Sinne: “Wie dacht’ ich je daran, Dass ich dich minnen sollte? das ist ein eitler Wahn. 30 Soll ich dich aber meiden, so wär’ ich sanfter[5] tot.” Er ward von Gedanken oft bleich und oft wieder rot.
Da sah man den Sieglindensohn so minniglich da stehn, Als wär’ er entworfen auf einem Pergamen Von guten Meisters Händen; gern man ihm zugestand, 35 Dass man nie im Leben so schönen Helden noch fand.
Die mit Kriemhilden gingen, die hiessen aus den Wegen Allenthalben weichen; dem folgte mancher Degen. Die hochgetrag’nen Herzen freute man sich zu schaun; Man sah in hohen Züchten viel der herrlichen Fraun. 40
Da sprach von Burgunden der König Gernot: “Dem Helden, der so gütlich Euch seine Dienste bot, Gunter, lieber Bruder, dem bietet hier den Lohn Vor allen diesen Recken. Des Rates spricht man mir nicht Hohn.
Heisset Siegfrieden zu meiner Schwester kommen, 45 Dass ihn das Mägdlein grüsse; das bringt uns immer Frommen. Die niemals Recken grüsste, soll sein mit Grüssen pflegen, Dass wir uns so gewinnen diesen zierlichen Degen.”
Des Wirtes Freunde gingen, dahin wo man ihn fand; Sie sprachen zu dem Recken aus dem Niederland: 50 “Der König will erlauben, Ihr sollt zu Hofe gehn. Seine Schwester soll Euch grüssen; die Ehre soll Euch geschehn.”
Der Rede ward der Degen in seinem Mut erfreut; Er trug in seinem Herzen Freude sonder Leid, Dass er der schönen Ute Tochter sollte sehn. 55 In minniglichen Züchten empfing sie Siegfrieden schön.
Als sie den Hochgemuten vor sich stehen sah, Ihre Farbe ward entzündet. Die Schöne sagte da: “Willkommen, Herr Siegfried, ein edler Ritter gut.” Da ward ihm von dem Grusse gar wohl erhoben der Mut. 60
Er neigte sich ihr minniglich, als er den Dank ihr bot; Da zwang sie zu einander sehnender Minne Not. Mit liebem Blick der Augen sahn einander an Der Held und auch das Mägdlein; das ward verstohlen getan.
Ward da mit sanftem Drucke geliebkost weisse Hand 65 In herzlicher Minne, das ist mir unbekannt. Doch kann ich auch nicht glauben, sie hätten’s nicht getan. Liebebedürft’ge Herzen täten Unrecht daran.
[Notes: 4: M.H.G. _wætlîch_, ‘beautiful.’ 5: ‘Better.’]
_From Adventure 7: The strenuous games at Isenstein[6]; Brunhild is fraudulently vanquished for Gunter by the invisible Siegfried._
Brunhildens Stärke zeigte sich nicht klein, Man trug ihr zu dem Kreise einen schweren Stein, Gross und ungefüge, rund dabei und breit; Ihn trugen kaum zwölfe dieser Degen kühn im Streit.
Den warf sie allerwegen, wie sie den Speer verschoss; 5 Darüber war die Sorge der Burgunden gross. “Wen will der König werben?” sprach da Hagen laut; “Wär’ sie in der Hölle doch des übeln Teufels Braut!”
An ihre weissen Arme sie die Ärmel wand, Sie schickte sich und fasste den Schild an die Hand; 10 Sie schwang den Spiess zur Höhe: das war des Kampfs Beginn. Gunter und Siegfried bangten vor Brunhildens grimmem Sinn.
Und wär’ ihm da Siegfried zu Hilfe nicht gekommen, So hätte sie dem König das Leben wohl benommen. Er trat hinzu verstohlen[7] und rührte seine Hand; 15 Gunter seine Künste mit grossen Sorgen befand.
“Wer war’s, der mich berührte?” dachte der kühne Mann, Und wie er um sich blickte, da traf er niemand an. Er sprach: “Ich bin es, Siegfried, der Geselle dein; Du sollst gar ohne Sorge vor der Königin sein.” 20
Er sprach: “Gib aus den Händen den Schild, lass mich ihn tragen Und behalt’ im Sinne, was du mich hörest sagen: Du habe die Gebärde, ich will das Werk begehn.” Als er ihn erkannte, da war ihm Liebes geschehn.
“Verhehl’ auch meine Künste, das ist uns beiden gut; 25 So mag die Königstochter den hohen Übermut Nicht an dir vollbringen, wie sie gesonnen ist. Nun sieh doch, welcher Kühnheit sie wider dich sich vermisst.”
Da schoss mit ganzen Kräften die herrliche Maid Den Speer nach einem Schilde, mächtig und breit, 30 Den trug an der Linken Sieglindens Kind; Das Feuer sprang vom Stahle, als ob es wehte der Wind.
Des starken Spiesses Schneide den Schild ganz durchdrang, Dass das Feuer lohend aus den Ringen sprang. Von dem Schusse fielen die kraftvollen Degen; 35 War nicht die Tarnkappe, sie wären beide da erlegen.
Siegfried dem kühnen vom Munde brach das Blut. Bald sprang er auf die Füsse, da nahm der Degen gut Den Speer, den sie geschossen ihm hatte durch den Rand; Den warf ihr jetzt zurücke Siegfried mit kraftvoller Hand. 40
Er dacht’: “Ich will nicht schiessen das Mägdlein wonniglich.” Des Spiesses Schneide kehrt’ er hinter den Rücken sich; Mit der Speerstange schoss er auf ihr Gewand, Dass es laut erhallte von seiner kraftreichen Hand.
Das Feuer stob vom Panzer, als trieb’ es der Wind, 45 Es hatte wohl geschossen der Sieglinde Kind. Sie vermochte mit den Kräften dem Schusse nicht zu stehn; Das wär’ von König Guntern in Wahrheit nimmer geschehn.
Brunhild die schöne bald auf die Füsse sprang: “Gunter, edler Ritter, des Schusses habe Dank!” 50 Sie wähnt’, er hätt’ es selber mit seiner Kraft getan; Nein, zu Boden warf sie ein viel stärkerer Mann.
Da ging sie hin geschwinde, zornig war ihr Mut, Den Stein hoch erhub sie, die edle Jungfrau gut; Sie schwang ihn mit Kräften weithin von der Hand, 55 Dann sprang sie nach dem Wurfe, dass laut erklang ihr Gewand.
Der Stein fiel zu Boden von ihr zwölf Klafter weit, Den Wurf überholte im Sprung die edle Maid. Hin ging der schnelle Siegfried, wo der Stein nun lag; Gunter musst’ ihn wägen, des Wurfs der Verhohl’ne pflag. 60
Siegfried war kräftig, kühn und auch lang, Den Stein warf er ferner, dazu er weiter sprang; Ein grosses Wunder war es, und künstlich genug, Dass er in dem Sprunge den König Gunter noch trug.
Der Sprung war ergangen, am Boden lag der Stein, 65 Gunter war’s, der Degen, den man sah allein; Brunhild die schöne ward vor Zorne rot, Gewendet hatte Siegfried dem König Gunter den Tod.
Zu ihrem Ingesinde sprach die Königin da, Als sie gesund den Helden an des Kreises Ende sah: 70 “Ihr, meine Freund’ und Mannen, tretet gleich heran; Ihr sollt dem König Gunter alle werden untertan.”
[Notes: 6: The home of Brunhild, far out over the North Sea. She is an athletic maid who kills her suitors unless they vanquish her in certain sports. Gunter has come to woo her, Siegfried promising to help him. Siegfried’s reward is to be the hand of Kriemhild. 7: Siegfried has put on his _Tarnkappe_, or hiding-cloak, which makes him invisible.]
_From Adventure 16: Siegfried is treacherously slain by Hagen._[8]
Die höf’sche Zucht erwies da Siegfried daran: Den Schild legt’ er nieder, wo der Brunnen rann; Wie sehr ihn auch dürstete, der Held nicht eher trank, Bis der König getrunken; dafür gewann er übeln Dank.
Der Brunnen war lauter, kühl und auch gut, 5 Da neigte sich Gunter hernieder zu der Flut. Als er getrunken hatte, erhob er sich hindann; Also hätt’ auch gerne der kühne Siegfried getan.
Da entgalt er seiner höf’schen Zucht; den Bogen und das Schwert Trug beiseite Hagen von dem Degen wert, 10 Dann sprang er zurücke, wo er den Wurfspiess fand, Und sah nach einem Zeichen an des Kühnen Gewand.
Als der edle Siegfried aus dem Brunnen trank, Er schoss ihm durch das Kreuze,[9] dass aus der Wunde sprang Das Blut von seinem Herzen hoch an Hagens Gewand; 15 Kein Held begeht wohl wieder solche Untat nach der Hand.
Den Gerschaft im Herzen liess er ihm stecken tief. Wie im Fliehen Hagen da so grimmig lief, So lief er wohl auf Erden nie vor einem Mann! Als da Siegfried Kunde der schweren Wunde gewann, 20
Der Degen mit Toben von dem Brunnen sprang; Ihm ragte von der Achsel eine Gerstange lang. Nun wähnt’ er da zu finden Bogen oder Schwert, Gewiss, so hätt’ er Hagnen den verdienten Lohn gewährt.
Als der Todwunde da sein Schwert nicht fand, 25 Da blieb ihm nichts weiter als der Schildesrand, Den rafft’ er von dem Brunnen und rannte Hagen an; Da konnt’ ihm nicht entrinnen König Gunters Untertan.
Wie wund er war zum Tode, so kräftig doch er schlug, Dass von dem Schilde nieder wirbelte genug 30 Des edeln Gesteines; der Schild zerbrach auch fast, So gern gerochen hätte sich der herrliche Gast.
Da musste Hagen fallen von seiner Hand zu Tal, Der Anger von den Schlägen erscholl im Wiederhall. Hätt’ er sein Schwert in Händen, so wär’ es Hagens Tod. 35 Sehr zürnte der Wunde, es zwang ihn wahrhafte Not.
Seine Farbe war erblichen, er konnte nicht mehr stehn, Seines Leibes Stärke musste ganz zergehn, Da er des Todes Zeichen in lichter Farbe trug; Er ward hernach betrauert von schönen Frauen genug. 40
Da fiel in die Blumen der Kriemhilde Mann, Das Blut von seiner Wunde stromweis nieder rann; Da begann er die zu schelten, ihn zwang die grosse Not, Die da geraten hatten mit Untreue seinen Tod.
Da sprach der Todwunde: “Weh, ihr bösen Zagen, 45 Was helfen meine Dienste, da ihr mich habt erschlagen? Ich war euch stets gewogen, und sterbe nun daran; Ihr habt an euren Freunden leider übel getan.
Die sind davon bescholten, so viele noch geborn Werden nach diesem Tage. Ihr habt euern Zorn 50 Allzusehr gerochen an dem Leben mein; Mit Schanden geschieden sollt ihr von guten Recken sein.”
Hinliefen all die Ritter, wo er erschlagen lag, Es war ihrer vielen ein freudeloser Tag. Wer Treue kannt’ und Ehre, der hat ihn beklagt; 55 Das verdient’ auch wohl um alle dieser Degen unverzagt.
Der König der Burgunden klagt’ auch seinen Tod. Da sprach der Todwunde: “Das tut nimmer Not, Dass der um Schaden weine, von dem man ihn gewann; Er verdient gross Schelten, er hätt’ es besser nicht getan.” 60
Da sprach der grimme Hagen: “Ich weiss nicht, was euch reut; Nun hat doch gar ein Ende, was uns je gedräut. Es gibt nun nicht manchen, der uns darf bestehn; Wohl mir, dass seiner Herrschaft durch mich ein End’ ist geschehn.”
“Ihr mögt Euch leichtlich rühmen,” sprach der von Niederland; 65 “Hätt’ ich die mörderische Weis’ an Euch erkannt, Vor Euch behütet hätt’ ich Leben wohl und Leib. Mich dauert nichts auf Erden als Frau Kriemhild, mein Weib.
Nun mög’ es Gott erbarmen, dass ich gewann den Sohn, Der jetzt auf alle Zeiten den Vorwurf hat davon, 70 Dass seine Freunde jemand meuchlerisch erschlagen; Hätt’ ich Zeit und Weile, das müsst’ ich billig beklagen.”
“Wohl nimmer hat begangen so grossen Mord ein Mann,” Sprach er zu dem König, “als Ihr an mir getan; Ich erhielt Euch unbescholten in grosser Angst und Not; 75 Ihr habt mir schlimm vergolten, dass ich so wohl es Euch bot.”
Da sprach in Jammer weiter der todwunde Held: “Wollt ihr, edler König, noch auf dieser Welt An jemand Treue pflegen, so lasst befohlen sein Doch auf Eure Gnade Euch die liebe Traute mein. 80
Es komm’ ihr zu Gute, dass sie Eure Schwester ist; Bei aller Fürsten Tugend helft ihr zu jeder Frist. Mein mögen lange harren mein Vater und mein Lehn; Nie ist an liebem Freunde einem Weib so leid geschehn.”
Er krümmte sich in Schmerzen, wie ihm die Not gebot, 85 Und sprach aus jammerndem Herzen: “Mein mordlicher Tod Mag euch noch gereuen in der Zukunft Tagen; Glaubt mir in rechten Treuen, ihr euch selber habt erschlagen.”
Die Blumen allenthalben waren vom Blute nass. Da rang er mit dem Tode, nicht lange tat er das, 90 Denn des Todes Waffe schnitt ihn allzusehr. Da konnte nicht mehr reden dieser Degen kühn und hehr.
[Notes: 8: The two queens have quarreled, and Hagen, as the faithful liegeman of Brunhild, seeks the life of Siegfried, who is invulnerable except in one spot on his back. At the end of a day’s hunt in the Odenwald (across the Rhine from Worms) the thirsty Siegfried races with Gunter and Hagen to a spring. 9: The silken cross which the unsuspecting Kriemhild has sewn upon her husband’s corselet, in order that Hagen may protect him from the spears of the enemy.]
_From Adventure 39: The end of the Nibelungs._[10]
Den Schild liess er fallen, seine Stärke, die war gross; Hagnen von Tronje mit den Armen er umschloss. So ward von ihm bezwungen dieser kühne Mann; Gunter der edle darob zu trauern begann.
Hagnen band da Dietrich und führt’ ihn, wo er fand 5 Kriemhild die edle, und gab in ihre Hand Den allerkühnsten Recken, der je Gewaffen trug; Nach ihrem starken Leide ward sie da fröhlich genug.
Da neigte sich dem Degen vor Freuden Etzels Weib: “Nun sei dir immer selig das Herz und auch der Leib; 10 Du hast mich wohl entschädigt aller meiner Not, Ich will dir’s immer danken, es verwehr’ es denn der Tod.”
Da sprach der edle Dietrich: “Nun lasst ihn am Leben, Edle Königstochter; es mag sich wohl begeben, Dass Euch sein Dienst vergütet das Leid, das er Euch tat. 15 Er soll es nicht entgelten, dass Ihr ihn gebunden saht.”
Da liess sie Hagnen führen in ein Haftgemach, Wo niemand ihn erschaute, und er verschlossen lag. Gunter der edle hub da zu rufen an: “Wo blieb der Held von Berne? Er hat mir Leides getan.” 20
Da ging ihm hin entgegen von Bern Herr Dieterich. Gunters Kräfte waren stark und ritterlich; Da säumt’ er sich nicht länger, er rannte vor den Saal. Von ihrer beider Schwertern erhob sich mächtiger Schall.
So grossen Ruhm erstritten Dietrich seit alter Zeit, 25 In seinem Zorne tobte Gunter so im Streit, Er war nach seinem Leide von Herzen feind dem Mann; Ein Wunder musst’ es heissen, dass da Herr Dietrich entrann.
Sie waren alle beide so stark und mutesvoll, Dass von ihren Schlägen Palast und Turm erscholl, 30 Als sie mit Schwertern hieben auf die Helme gut. Da zeigte König Gunter einen herrlichen Mut.
Doch zwang ihn der von Berne, wie Hagnen war geschehn, Man mochte durch den Panzer das Blut ihm fliessen sehn Von einem scharfen Schwerte, das trug Herr Dieterich; 35 Doch hatte sich Herr Gunter gewehrt, der müde, ritterlich.
Der König ward gebunden von Dietrichens Hand, Wie nimmer Kön’ge sollten leiden solch ein Band. Er dachte, liess er ledig Guntern und seinen Mann, Wem sie begegnen möchten, die müssten all den Tod empfahn. 40
Dietrich von Berne nahm ihn bei der Hand, Er führt’ ihn hin gebunden, wo er Kriemhilden fand. Ihr war mit seinem Leide des Kummers viel benommen. Sie sprach: “König Gunter, nun seid mir höchlich willkommen.”
Er sprach: “Ich müsst’ Euch danken, vieledle Schwester mein, 45 Wenn Euer Gruss in Gnaden geschehen könnte sein; Ich weiss Euch aber, Königin, so zornig von Mut, Dass Ihr mir und Hagen solchen Gruss im Spotte tut.”
Da sprach der Held von Berne: “Königstochter hehr, So gute Helden sah man als Geisel nimmermehr, 50 Als ich, edle Königin, bracht’ in Eure Hut; Nun komme meine Freundschaft den Heimatlosen zu Gut.”
Sie sprach, sie tät’ es gerne. Da ging Herr Dieterich Mit weinenden Augen von den Helden tugendlich. Da rächte sich entsetzlich König Etzels Weib: 55 Den auserwählten Degen nahm sie Leben und Leib.
Sie liess sie gesondert in Gefängnis legen, Dass sich nie im Leben wiedersahn die Degen, Bis sie ihres Bruders Haupt hin vor Hagen trug. Kriemhildens Rache ward an beiden grimm genug. 60
Hin ging die Königstochter, wo sie Hagen sah. Wie feindselig sprach sie zu dem Recken da: “Wollt Ihr mir wiedergeben was Ihr mir habt genommen, So mögt Ihr wohl noch lebend heim zu den Burgunden kommen.”
Da sprach der grimme Hagen: “Die Red’ ist gar verloren, 65 Vieledle Königstochter. Den Eid hab’ ich geschworen, Dass ich den Hort nicht zeige; so lange noch am Leben Blieb’ einer meiner Herren, wird er niemand gegeben.”
“Ich bring’ es zu Ende,” sprach das edle Weib. Dem Bruder nehmen liess sie Leben da und Leib. 70 Man schlug das Haupt ihm nieder, bei den Haaren sie es trug Vor den Held von Tronje; da gewann er Leids genug.
Als der Unmutvolle seines Herrn Haupt ersah, Wider Kriemhilden sprach der Recke da: “Du hast’s nach deinem Willen zu Ende nun gebracht, 75 Es ist auch so ergangen, wie ich mir hatte gedacht.
Nun ist von Burgunden der edle König tot, Geiselher der junge, dazu Herr Gernot. Den Hort weiss nun niemand als Gott und ich allein; Der soll dir Teufelsweibe immer wohl verhohlen sein.” 80
Sie sprach: “So habt Ihr üble Vergeltung mir gewährt; So will ich doch behalten Siegfriedens Schwert. Das trug mein holder Friedel, als ich zuletzt ihn sah, An dem mir Herzensjammer vor allem Leide geschah.”
Sie zog es aus der Scheide, er konnt’ es nicht wehren, 85 Da dachte sie dem Recken, das Leben zu versehren. Sie schwang es mit den Händen, das Haupt schlug sie ihm ab; Das sah der König Etzel, dem es grossen Kummer gab.
“Weh!” rief der König: “wie ist hier gefällt Von eines Weibes Händen der allerbeste Held, 90 Der je im Kampf gefochten und seinen Schildrand trug! So feind ich ihm gewesen bin, mir ist leid um ihn genug.”
Da sprach Meister Hildebrand: “Es kommt ihr nicht zu Gut, Dass sie ihn schlagen durfte; was man halt mir tut, Ob er mich selber brachte in Angst und grosse Not, 95 Jedennoch will ich rächen dieses kühnen Tronjers Tod.”
Hildebrand im Zorne zu Kriemhilden sprang, Er schlug der Königstochter einen Schwertesschwang. Wohl schmerzten solche Dienste von dem Degen sie; Was konnt’ es aber helfen, dass sie so ängstlich schrie? 100
Die da sterben sollten, die lagen all umher, Zu Stücken lag verhauen die Königstochter hehr. Dietrich und Etzel huben zu weinen an Und jämmerlich zu klagen manchen Freund und Untertan.
Da war der Helden Herrlichkeit hingelegt im Tod; 105 Die Leute hatten alle Jammer und Not. Mit Leid war beendet des Königs Lustbarkeit, Wie immer Leid die Freude am letzten Ende verleiht.
Ich kann euch nicht bescheiden, was seither geschah, Als dass man immer weinen Christen und Heiden sah, 110 Die Ritter und die Frauen und manche schöne Maid; Sie hatten um die Freunde das allergrösseste Leid.
Ich sag’ euch nicht weiter von der grossen Not. Die da erschlagen waren, die lasst liegen tot. Wie es auch im Heunland hernach dem Volk geriet, 115 Hier hat die Mär’ ein Ende. Das ist DAS NIBELUNGENLIED.
[Notes: 10: The widowed Kriemhild has married Etzel and lived several years at the Hunnish court, always nursing plans of vengeance against Hagen, who has not only killed her husband but robbed her of her Nibelungen hoard. At last she invites her brothers to visit her. In the fierce fights that take place at Kriemhild’s instigation all the Burgundians have fallen except Gunter and Hagen. The death of his liegemen at the hands of the Burgundians constrains the mighty Dietrich of Bern to interfere.]
+XIX. GUDRUN+
A ballad epic of the Lowlands, in which ancient viking tales of bride-stealing and sea-fighting have been worked over under the influence of Christianity and chivalry. Although the only extant manuscript dates from the early years of the 16th century, the poem was probably composed about 1200,--not long after the Nibelungenlied, the style of which it to some extent imitates. There are in all 1705 four-line strophes. The strophe is like that of the Nibelungenlied save that the rimes _bb_ are feminine, and the final half-line has five accents. This last feature gives to the verse a dragging effect which is unpleasant to the modern ear.
The locus of the poem is the coast of the North Sea from Jutland to Normandy. The story consists of a Hilde-saga and a Gudrun-saga, the whole being preceded by an introductory account of Hilde’s lineage. She is the daughter of ‘wild Hagen,’ King of Ireland, and is abducted, not much against her will, by envoys of Hetel, King of the Hegelings. Gudrun is the daughter of Hetel and Hilde. She betroths herself to Herwig of Seeland, but is violently abducted, during the absence of her father’s fighting men, by Hartmut of Normandy. The Hegelings pursue, and a great fight takes place on the Wülpensand (near the mouth of the Scheldt). King Hetel and many of his men are killed, and the Normans sneak away in the night with the captured women. For fourteen years (while a new generation of Hegelings is growing up) Gudrun lives as exile in Normandy, faithful to her absent lover Herwig, and cruelly treated by the fiendish mother of Hartmut because she refuses to take the Norman for a husband. Then come rescue and revenge.
There are several translations, the most popular being, again, that of Simrock. To illustrate the meter the first of the selections below is given in Simrock’s rendering; the others are in the smoother translation of Löschhorn, who ruthlessly amputates the two extra feet in the last half-line.
_From Adventure 6: Horand the Dane, one of Hetel’s envoys, does some wonderful singing, which captivates the princess Hilde._
Als die Nacht ein Ende nahm und es begann zu tagen, Horand hub an zu singen, dass ringsum in den Hagen Alle Vögel schwiegen vor seinem süssen Sange. Die Leute, die da schliefen, lagen in den Betten nicht mehr lange.
Sein Lied erklang ihm schöner und lauter immerdar, 5 Herr Hagen hört’ es selber, der bei Frau Hilde war. Aus der Kemenate mussten sie zur Zinne, Der Gast war wohl beraten; die junge Königin ward des Sanges inne.
Des wilden Hagen Tochter und ihre Mägdelein Sassen da und lauschten, wie selbst die Vögelein 10 Auf dem Königshofe vergassen ihr Getöne; Wohl hörten auch die Helden, wie der von Dänenlanden sang so schöne.
Als er schon das dritte Lied zu Ende sang, Allen, die es hörten, währt’ es nicht zu lang. Es däuchte sie in Wahrheit nur spannenlange Weile, 15 Wenn er immer sänge, während einer ritte tausend Meilen.
Als er gesungen hatte und von der Stelle ging, Die Königstochter morgens wohl nie so froh empfing, Die ihr die Kleider brachten, die sie sollte tragen. Das edle Mägdlein schickte sie alsbald nach ihrem Vater Hagen. 20
Der König ging zur Stelle, wo er die Tochter fand. In traulicher Weise war da des Mägdleins Hand An ihres Vaters Kinne; sie wusst’ in ihn zu dringen. Sie sprach: “Liebes Väterlein, heiss ihn uns noch neue Lieder singen.”
Er sprach: “Liebe Tochter, wenn er zur Abendstund’ 25 Dir immer singen wollte, ich gäb’ ihm tausend Pfund. Doch sind so hochfährtig des fremden Landes Söhne, Dass uns hier am Hofe nicht so leicht erklingen seine Töne.”
Was sie bitten mochte, der König blieb nicht mehr. Nun fliss sich wieder Horand, dass er nie vorher 30 So wundersam gesungen; die Siechen und Gesunden Konnten nicht vom Platze, wo sie da wie angewurzelt stunden.
Die Tier’ im Walde liessen ihre Weide stehn; Die Würme, die da sollten in dem Grase gehn, Die Fische, die da sollten in dem Wasser fliessen, 35 Verliessen ihre Fährte; wohl durft’ ihn seiner Künste nicht verdriessen.
Was er da singen mochte, das däuchte niemand lang, Verleidet in den Chören war aller Pfaffen Sang. Auch die Glocken klangen nicht mehr so wohl als eh’; Allen, die ihn hörten, war nach Horanden weh. 40
Da liess ihn zu sich bringen das schöne Mägdelein; Ohn’ ihres Vaters Wissen, gar heimlich sollt’ es sein. So blieb es ihrer Mutter, Frau Hilden, auch verhohlen, Dass der Held so heimlich sich zu ihrem Kämmerlein gestohlen.
_From Adventure 15: The abduction of Gudrun by the Normans._
Ludwig und Hartmut drangen in das hohe Tor, Viel todeswunde Streiter liessen sie davor. Eine edle Jungfrau zu weinen drob begann; Viel Schaden ward von Feinden in Hetels Burg getan.
Von Ormanie der König gewann da frohen Mut. Seine Zeichen trugen er und die Helden gut 5 Bis an den Saal der Feste. Da liess man von den Zinnen Die lichten Fahnen flattern; Weh traf die Königinnen.
Hartmut, der schnelle Degen, zur schönen Kudrun geht. Er spricht: “Edle Jungfrau, Ihr habt mich stets verschmäht; 10 Drum werden wir’s verschmähen, ich und die Freunde mein, Dass wir Gefangene machen. Man hängt sie, gross und klein.”
Nichts mehr gab sie zur Antwort als: “Wehe, Vater mein! Könntest du es wissen, dass man die Tochter dein Gewaltsam wagt zu führen hinweg aus deinem Lande, 15 Du spartest der Verlass’nen den Schaden und die Schande.”
Gern wüsst’ ich, was wäre den Fremden wohl geschehn, Wenn der grimme Wate hätte zugesehn, Wie Hartmut der kühne durch den Saal geschritten kam, Und mit ihm König Ludwig Kudrun gefangen nahm. 20
Wate und auch Hetel hätten es ihm verwehrt Und manchen Helm zerhauen mit ihrem guten Schwert, Wär’s ihnen nur verraten! Man sähe nimmermehr Geführt die schöne Kudrun gefangen übers Meer.
Es standen alle Leute in trübem Sinn und Mut; 25 Nicht anders wär’ es heute. Man nahm da Hab’ und Gut Mit Raub den armen Bürgern und trug es fort zugleich. Glaubt mir, es wurde jeder von Hartmuts Recken reich.
Als sie genommen hatten Schätze und Gewand, Führte man Frau Hilde hinaus an ihrer Hand. 30 Gern hätte auf die Zinnen man roten Brand gesetzt; Dass einst die Rache folgte, wer dachte daran jetzt?
Hartmut befahl, es bleibe die Feste unversehrt. Schnell das Land zu räumen hat der Fürst begehrt, Eh’ man die üble Kunde hätt’ Hetel überbracht, 35 Der noch in Waleis kämpfte mit stolzer Heeresmacht.
“Auch sollt ihr Raub nicht nehmen,” sprach der Held Hartmut, “Sind wir daheim, so zahl’ ich mit meines Vaters Gut. Auch fahren wir um so leichter über die weite See.” Ludwigs grimmes Wüten tat Kudruns Herzen weh. 40
Die Burg, die war gebrochen; die Stadt, die war verbrannt. Da hatte man gefangen die besten, die man fand; Zweiundzwanzig Frauen, minnigliche Maide, Führten sie von dannen zu Hildes Herzeleide.
Wie traurig stand im Saale die edle Königin! 45 Sie schritt betrübten Herzens zu einem Fenster hin, Zu grüssen die Gefangenen mit einem letzten Blick; Es blieb manch edle Fraue klagend bei ihr zurück.
_From Adventure 17: The battle on the Wülpensand._
Es war ein breiter Werder, der Wülpensand genannt, Da hatten Ludwigs Recken aus Normannenland Für sich und ihre Rosse geschafft willkommne Rast. Wie bald bedrängt’ die Frohen der grimmen Sorge Last!
Man führte aus den Schiffen auf den öden Strand 5 Die minniglichen Mädchen aus Hegelingenland. Wie sie das Herz es lehrte, so klagten da die Frauen Und liessen ihre Tränen die Feinde reichlich schauen.
Da sah der Schiffer einer auf den Wogen nahn Ein Schiff mit vollen Segeln; dem König sagt’ er’s an. 10 Und als sie es erblickten, rief Hartmut und die Seinen: “Pilger sind es. Sehet das Kreuz im Segel scheinen!”
Bald erschaute jeder drei Kiele fest und gut, Dabei neun volle Kocken; die führten durch die Flut Manchen, der noch nimmer zu Gottes Ruhm und Ehr’ 15 Ein Kreuz getragen hatte![1] Der Normann griff zur Wehr.
Bald waren sie so nahe, dass man die Helme sah Auf dem Verdecke glänzen. Viel Not erhob sich da Und mancher arge Schaden für Ludwig und sein Heer. “Auf!” rief Hartmut, “uns suchen die Feinde über Meer.” 20
Nicht träge waren die Fremden, nah kamen sie dem Land, Dass man schon knarren hörte die Ruder an dem Strand. Dort standen zum Empfange in hellem Waffenkleid Die Alten und die Jungen am Ufer schon bereit.
Laut rief der König Ludwig, den Seinen zugewandt: 25 “Ein Kinderspiel nur war es, was je im Kampf ich fand! Heut gilt’s zum ersten Male mit guten Helden Streit. Wer meiner Fahne folget, dem lohn’ ich’s alle Zeit.”
Hartmuts Feldzeichen trug man auf den Sand. So nah schon waren die Schiffe, dass man mit der Hand 30 Die Speere konnte stossen zum Bord vom Ufer wild; Nur wenig Musse gönnte Herr Wate seinem Schild.
So grimmig ward verteidigt niemals zuvor ein Land. Die Hegelingenrecken drangen an den Strand, Sie schwangen ohn’ Ermüden die Speere und das Schwert, 35 Sie tauschten scharfe Hiebe,-- die keiner doch begehrt.
Da galt es Speere werfen! Es dauerte gar lang, Bis sie das Land gewannen. Der alte Wate sprang Voll Ingrimm auf die Feinde und griff sie hurtig an; Was er im Sinne hatte, bald ward es kund getan. 40
Es drang der König Ludwig auf Waten ein voll Wut. Mit einem scharfen Speere traf er den Recken gut, So dass die Stücke sprangen hoch auf in alle Winde. Stark war der König Ludwig. Da kam das Ingesinde.
Auf den Helm des Königs das Schwert Herr Wate schwang, 45 Dass die scharfe Schneide bis auf das Haupt ihm drang. Trüg’ er nicht unter der Brünne ein dichtes Hemd, geschnitten Aus Abalier Seide, den Tod hätt’ er erlitten.
Wider den Degen Irolt der kühne Hartmut sprang. Ihrer beider Waffe auf dem Helm erklang, 50 Es hallte das Schwertgetöse weit über die Schar dahin. Wacker hielt sich Irolt, Hartmut war stark und kühn.
Herwig von Sewen, ein Held berühmt und gut, Verfehlt’ im Sprung’ das Ufer; so sprang er in die Flut, Dass er bis an die Achsel tief in dem Wasser stand, 55 Ein harter Dienst um Minne ward Herwig da bekannt.
Den edlen Recken wollten ertränken in der Flut Seine grimmen Feinde. Viele Schäfte gut Mussten an ihm splittern, er eilte auf den Sand Entgegen seinen Feinden; nicht ruhte seine Hand. 60
Grössere Kampfesmühe ward niemals Helden kund. Nie hat man so viel Recken gedrängt zum tiefen Grund. Die ohne Wunden starben, versenkt ins wilde Meer, Ihrer war von beiden Seiten ein ganzes Kriegesheer.
Als sie den Strand gewannen, sah man die Wasserflut 65 Aus tiefen Todeswunden gefärbt ringsum wie Blut. Aus Freunden und aus Feinden ein purpurroter Fluss, So breit--sein End’ erreichte nicht eines Speeres Schuss.
[Notes: 1: Hetel and his men have taken possession of some ships belonging to a party of pilgrims. A _Kocke_ was a wide, blunt-pointed convoy.]
_From Adventure 21: The hard fate of Gudrun in Normandy._
Da bot man Hetels Tochter Burgen an und Land. Weil keines sie begehrte, musste sie Gewand Alle Tage waschen vom Morgen bis zur Nacht. Drum sah man später Ludwig sieglos vor Herwigs Macht.
Es ging der Degen Hartmut, wo er die Seinen fand, 5 Er befahl in ihre Obhut die Leute und das Land, Dann zog er in die Ferne. Er dacht’ in Sorgen schwer: “Mich drängen viele Feinde; drum setz’ ich mich zur Wehr.”
Da sprach mit Wolfessinne die böse Frau Gerlind: “Nun will ich, dass mir diene der stolzen Hilde Kind. 10 Weil sie in ihrer Bosheit sich dünkt so gut und treu, Soll sie als Magd mir dienen; leicht wär’ vom Schmach sie frei.”
Darauf die edle Jungfrau: “Was ich leisten kann, Das sei mit diesen Händen früh und spät getan; Mit Fleiss und gutem Willen tu’ ich es immerdar, 15 Da mich mein herbes Schicksal schuf aller Freude bar.”
Da sprach die böse Gerlind: “Du sollst mein Gewand Jeden Morgen tragen nieder an den Strand; Du sollst die Kleider waschen mir und dem Ingesinde. Und hüte dich, du Stolze, dass man dich müssig finde.” 20
Darauf die edle Jungfrau: “Fraue, hört mich an! Nun lasst mich unterweisen, dass ich lernen kann, Wie ich die Kleider wasche unten an dem Meer. Ich mag nicht Freude haben, ja, quält mich nur noch mehr!”
Da hiess sie eine Wäscherin nieder an den Strand, 25 Dass sie es Kudrun lehrte, tragen das Gewand. Die Fürstentochter diente in harter Pein und Not; Niemand konnt’ es wehren; es war Gerlinds Gebot.
_From Adventure 28: The Hegelings take revenge; King Ludwig’s end._
Laut rief der edle Herwig: “Wer ist der Alte da? Von seinen starken Händen schon vieles Leid geschah. Er schlägt so tiefe Wunden mit seiner grossen Kraft, Dass er daheim den Frauen viel Not und Wehe schafft.”
Das hörte König Ludwig, der Held von Normandie. 5 “Wer ist’s, der im Getümmel dort so gewaltig schrie? Ich heisse König Ludwig und Normandie mein Reich. Wer mich zum Kampfe fordert, dem achte ich mich gleich.”
Er sprach: “Ich heisse Herwig, und du stahlst mir mein Weib. Das sollst du wieder geben, oder tot liegt hier ein Leib-- 10 Der meine oder deine-- und dazu mancher Held.” Herr Ludwig drauf: “Mit Drohen hast du dich mir gestellt.
Doch sprachst du deine Beichte wahrhaftig ohne Not. Ich schlug schon manchem andern die Anverwandten tot Und nahm ihm seine Habe. Du, prahle nicht so sehr; 15 Die Gattin, die du forderst, küssest du nimmermehr.”
Kaum war das Wort gesprochen, da sprengten sie heran, Beide aneinander. Mancher kühne Mann Sprang an des Herren Seite aus des Getümmels Drang; Es musste heiss sich mühen, wer da den Sieg errang. 20
Wohl war Herr Herwig wacker und seiner Stärke froh, Doch schlug Herrn Hartmuts Vater den jungen König so, Dass er begann zu sinken vor Ludwigs rauher Hand; Gern hätt’ er ihn auf ewig getrennt vom Vaterland.
Wäre nicht so nah gewesen Herrn Herwigs gutes Heer, 25 Das vor dem Feind ihn schützte, er wäre nimmermehr Von Ludwig geschieden anders als im Tod; Den jungen Herren brachte der Held in grosse Not.
Sie halfen, dass das Fechten kein böses Ende nahm. Als er von seinem Falle nun wieder zu sich kam, 30 Da hat nach einer Zinne[2] er schnell emporgeschaut, Ob er darin erblickte wohl seines Herzens Traut.
Er dacht’ in seinem Herzen: “Ach, wie ist mir geschehn! Wenn meine Herrin Kudrun hat meinen Fall gesehn, Und wenn ich einst zum Weibe die Königin gewinne, 35 So wird sie mich drum schelten und weigern mir die Minne.
Dass mich der greise Recke hier hat zu Fall gebracht, Muss billig mich beschämen.” Da hiess zu neuer Schlacht Er seine Zeichen tragen dahin, wo Ludwig stand; Nach drängten seine Helden mit Speer und Schildesrand. 40
In Ludwigs Rücken tobte der Hegelinge Heer; Er kehrte sich zum Feinde und setzte sich zur Wehr. Da rasselten die Hiebe, da krachte mancher Schaft; Die in der Nähe standen, erprobten Ludwigs Kraft.
Es traf Kudruns Geliebter unterm Helm und überm Rand 45 Den alten König Ludwig mit heldenstarker Hand. Er schlug ihm eine Wunde, dass man nicht länger stritt; Da war’s, wo König Ludwig den grimmen Tod erlitt.
[Notes: 2: The fight takes place before the Norman castle.]
_From Adventure 29: The fate of Queen Gerlinde._
Da trat dahin auch eilend die böse Frau Gerlind; Demütig fiel zu Füssen sie Hildes schönem Kind. “Nun schütze uns, o Herrin, vor Wate,” war ihr Flehn; “Denn du nur kannst es wenden, sonst ist’s um uns geschehn.”
“Dass Ihr um Gnade bittet, erhabene Königin, 5 Das höre ich nicht ungern; doch steht nicht so mein Sinn. Wann durfte ich Euch bitten? Wann winktet Ihr Gewähr? Ihr waret mir nie gnädig. Drum trifft mein Zorn Euch schwer.”
Als nun der alte Wate Herrn Ludwigs Königin sah, Wie knirscht’ er mit den Zähnen! Näher trat er da, 10 Ihm funkelten die Augen, sein Bart war ellenbreit, Vor dem von Stürmen bebte im Saale Mann und Maid.
Er fasste ihre Hände und zog zur Tür sie hin, Da hub sie an zu jammern, die arge Königin. Er sprach in blindem Zorne: “Fürstin stolz und hehr! 15 Für Euch wäscht meine Herrin die Kleider nimmermehr.”
Als er hinaus die Fürstin zog aus dem Gemach, Da schaute manches Auge ihm voller Neugier nach. Er fasste ihre Haare, wer hatt’ ihm das erlaubt? Sein Zürnen war gewaltig, er schlug ihr ab das Haupt. 20
+XX. THE EARLIER MINNESINGERS+
‘Early’ means, roughly, from 1150 to 1190. The lyric poets of this period were for the most part Austrian and Bavarian knights who lived remote from the French border and were little influenced by the now well-developed art of the troubadours and trouvères. They got their impulse rather from the simple love-messages and dance-songs which had long been current in Latin, probably also in artless German verses. These trifles were now translated, so to speak, into the terms of chivalrous sentiment. The art of the minnesingers culminated in the fascinating songs of Walter von der Vogelweide, and then, as their numbers increased, it gradually degenerated toward conventional inanity.
Of the selections below, the first five are by unknown authors. No. 1 is preserved in a girl’s Latin letter to her lover; see _Des Minnesangs Frühling_, by Lachmann and Haupt, page 221. No. 2 is found at the end of a Latin poem; see Vogt and Koch’s _Geschichte der deutschen Literatur_, 2nd edition, page 87. The translations of Nos. 6, 8, and 9 are also from Vogt and Koch; the others are those of Kinzel as found in Bötticher and Kinzel’s _Denkmäler_.
+1+
+Mein.+
Du bist mein, ich bin dein: Des sollst du gewiss sein. Du bist beschlossen In meinem Herzen. Verloren ist das Schlüsselein, Du sollst immer drinnen sein.
+2+
+Tanzlust des Mädchens.+
Alles Trauern werf’ ich hin, Auf die Heide steht mein Sinn; Kommt, ihr Trautgespielen mein, Dort zu sehn der Blumen Schein. Ich sage dir, ich sage dir, Meine Freundin, komm mit mir.
Minne süss, Minne rein, Mache mir ein Kränzelein: Tragen soll’s ein stolzer Mann, Der wohl Frauen dienen kann. Ich sage dir, ich sage dir, Meine Freundin, komm mit mir.
+3+
+Frühlingswonne.+
Noch keinen Sommer sah ich je, Der so lieblich deuchte mich. Mit wie viel schönen Blumen hat Die Heide heut gezieret sich! Der Wald ist eitel Sanges voll, Die Zeit, die tut den kleinen Vögeln wohl.
+4+
+Gruss.+
Der aller Welten Meister ist, Der geb’ der Lieben guten Tag, Von der ich wohl getröstet bin. Sie hat mir all mein Ungemach Durch ihre Freundlichkeit genommen, Hat mich vor Untreu wohl bewahrt: In ihre Gunst bin ich gekommen.
+5+
+Zum Reihen!+
Lasst springen den Reihen Uns, Fraue mein, Uns freuen des Maien, Uns kommet sein Schein. Der vordem der Heide Bracht’ schmerzliche Not, Der Schnee ist zergangen, Und sie ist umfangen Von Blumen so rot.
+6+
+Herr von Kürenberg: Der Falke.+
Ich zog mir einen Falken länger denn ein Jahr. Da er nach meinem Wunsche nun gezähmet war, Und ich ihm sein Gefieder mit Golde schön umwand, Hoch stieg er in die Lüfte und flog dahin in fremdes Land.
Und nun hab’ ich ihn wieder in stolzem Flug erblickt, Es hält die seidne Fessel ihm noch den Fuss umstrickt, Ganz rot ihm das Gefieder vom goldnen Schmucke scheint: Gott sende die zusammen, die in Liebe wären gern vereint!
+7+
+Dietmar von Eist: Erinnerung.+
Oben auf der Linde Ein kleiner Vogel lieblich sang, Vor dem Wald es hell erklang. Da flog mein Herz geschwinde An einen wohlbekannten Ort; Viel Rosenblumen sah ich stehn. Die mahnen die Gedanken mein Dass sie zu einer Jungfrau gehn.
+8+
+Dietmar von Eist: Der Falke.+
Es stand eine Frau alleine Und blickte über die Heide, Blickt’ aus nach ihrem Lieben. Einen Falken sah sie fliegen: “Wie glücklich, Falke, du doch bist! Du fliegst, wohin dir’s lieb ist. Du erwählest in dem Walde Einen Baum dir nach Gefallen.
Also hab’ auch ich getan: Ich selbst erwählte mir den Mann, Der wohlgefiel den Augen; Das neiden andre Frauen. Ach, liessen sie mir doch mein Lieb, Da mich zu ihren Trauten nie Verlangen trieb!”
+9+
+Dietmar von Eist: Tagelied.+
“Schläfst du, holder Liebling du? Man weckt uns, ach, nach kurzer Ruh’: Schon hört’ ich, wie mit schönem Sang Ein Vöglein auf der Linde Zweig sich schwang.”
“Von Schlafes Hülle sanft bedeckt, Werd’ ich durch dein ‘Wach auf!’ geschreckt: So folgt auf Liebes stets das Leid; Doch, was du auch befiehlst, ich bin bereit.”
Aus ihrem Äug’ die Träne rann: “Du gehst, verlassen bin ich dann. Wann kehrst du wieder her zu mir? Ach, meine Freude führst du fort mit dir.”
+10+
+Heinrich von Veldeke: Vogelsang.+
So in den Aprillen Die Blumen entspringen, Sich lauben die Linden Und grünen die Buchen, So mögen nach Willen Die Vögelein singen. Denn Minne sie finden, Allda sie sie suchen, Bei ihrem Genoss. Ihr Frohsinn ist gross; Des nie mich verdross. Denn sie schwiegen all den Winter stille.
Da sie an dem Reise Die Blumen sahn prangen Und Blätter entspringen, Da hörte man schöne Oft wechselnde Weise, Wie vordem sie sangen. Sie hoben ihr Singen Mit lautem Getöne Niedrig und hoch. Mein Sinn steht also: Bin heiter und froh. Recht ist’s, dass ich laut mein Glück preise.
+11+
+Reinmar der Alte: Glücksverkündigung.+
Froh bin ich der Märe, Die ich hab’ vernommen, Dass des Winters Schwere Will zu Ende kommen. Kaum erwart’ ich noch die Zeit, Denn ich hatte nichts als Leid, Seit die Welt rings war verschneit.
Hassen wird mich keiner, Wenn ich fröhlich bin; Weiss Gott! tät’ es einer, Wär’s verkehrter Sinn. Niemand ich ja schaden kann. Wenn _sie_ Gutes mir tut an, Was geht’s einen andern an?
Sollt’ ich meine Liebe Bergen und verhehln, Müsst’ ich ja zum Diebe Werden und gar stehln. Nein, das kommt mir nicht zu Sinn, Weil ich gar zu fröhlich bin, Geh’ ich hier, geh’ dort ich hin.
Spielt sie mit dem Balle, In der Mägdlein Chor: Dass sie nur nicht falle, Da sei Gott davor! Mädchen, lasst eu’r Drängen sein! Stosset ihr mein Mägdelein, Halb dann ist der Schade mein.
+12+
+Friedrich von Hausen: Zwiespalt.+
Es will mein Herze und mein Leib sich scheiden; So lange waren innig sie gesellt! Mein Leib will einzig kämpfen mit den Heiden, Doch hat mein Herz ein andres sich erwählt Vor aller Welt. Wie quält es mich so sehr, Dass Herz und Leib sich nicht mehr folgen beide! Viel taten meine Augen mir zu Leide. Entscheiden kann den Streit allein der Herr.
Von solchen Nöten glaubt’ ich mich errettet, Da ich das Kreuz annahm zur Ehr’ des Herrn, Mein Herze enger nur mit mir verkettet; Doch bleibt beständig es in weiter Fern. Welch reiches Leben sollte mir erstehn, Liess fahren nur mein Herz sein töricht Streben. Doch fragt es, merk’ ich, nichts nach meinem Leben, Und wie es mir am Ende soll ergehn.
Doch, da ich, Herz, es nimmermehr kann wenden, Dass du mich traurig lässt und einsam hier, So bitt’ ich Gott, dass er dich wolle senden, Dahin, wo man sich freundlich neiget dir. O weh! Wie wird sich enden doch dein Wahn! Wie durftest du entfliehen meinen Händen? Wer soll dir deinen Kummer helfen enden So treulich, wie ich sonst es hab’ getan?
+13+
+Spervogel: Weibes Tugend.+
Ob auch ein reines Weib nicht reiche Kleidung trägt, Doch kleidet ihre Tugend sie, wer’s recht erwägt, Dass sie so schön geblümet geht, So wie die lichte Sonne steht An einem Tag mit vollem Glanz, Erstrahlend hell und reine.-- So viel die Falsche sich mit Kleidern schmückt, Ihre Ehre bleibt doch kleine.
+14+
+Spervogel: Priamel.+[1]
Wer einen Freund will suchen, Wo er niemand traut, Und spürt des Wildes Fährte, Wenn der Schnee schon taut, Kauft ungesehn der Ware viel, Und hält noch aufgegebenes Spiel, Und dient nur bei geringem Mann, Wo ohne Lohn er bleibet: Den wird es einmal noch gereun, Wenn er’s zu lange treibet. 10
[Notes: 1: From Latin _praeambulum_; a gleeman’s ‘prelude.’]
+XXI. WALTER VON DER VOGELWEIDE+
The greatest of medieval lyrists. He was an Austrian, of knightly rank but poor, and was born about 1170. He led a wandering life, visiting many courts, taking a deep interest in public affairs and distinguishing himself by his matchless songs and _Sprüche_. In 1215 Emperor Friedrich II gave him a small estate near Würzburg. He died about 1230.
There are many translations of Walter, the best being by Simrock (1832), Panier (1878), Kleber (1894), and Eigenbrodt (1898). The translations below are from the sumptuous work of J. Nickol, Düsseldorf, 1904, which is itself eclectic and aims to give, for each poem, the best translation that could be found. No. 1 is by Pfaff, No. 2 by Simrock, 3 by Eigenbrodt, 4, 5, 6, 10 by Nickol, 7, 9, 11 by Panier, 8, 12 by Kleber.
+1+
+Maienlust.+
Wollt ihr schauen, was dem Maien Wunders ist beschert? Seht die Pfaffen, seht die Laien, Wie das alles fährt! Gross ist sein’ Gewalt: 5 Hat er Zauber sich ersonnen? Wo er kommt mit seinen Wonnen, Da ist niemand alt.
Uns soll alles wohl gelingen, Fröhlich woll’n wir sein. 10 Lasst uns tanzen, lachen, singen, Doch in Züchten fein. Weh! Wer wär’ nicht froh, Seit die Vöglein also schöne Singen ihre besten Töne? 15 Tun wir auch also!
Wohl dir, Maie, dass du leidest Weder Hass noch Streit! Wie du schön die Bäume kleidest Und die Heide weit! 20 Die hat Farben viel. “Du bist kurzer, ich bin langer:” Also streiten auf dem Anger Blumen sich im Spiel.
Roter Mund, sollst dich bezähmen, 25 Lass dein Lachen sein! Ach, es kann dich nur beschämen, So zu spotten mein. Ist das wohl getan? Wehe der verlornen Stunde, 30 Soll von minniglichem Munde Unminn’ ich empfahn!
Was mir alle Freude störet, Seid Ihr, Frau, allein. Ihr nur habt mich ja betöret, 35 So erbarmt Euch mein. Wie steht Euch der Mut? Wollt Ihr mir zu allen Tagen Eure Gnade ganz versagen, So seid Ihr nicht gut. 40
Lasst die Sorgen von mir scheiden, Macht mir lieb die Zeit! Sonst muss ich die Freude meiden, Dass Ihr selig seid. Wollt Ihr um Euch sehn? 45 Alles freut sich im Vereine, Lasst von Euch auch eine kleine Freude mir geschehn!
+2+
+Frühling und Frauen.+
Wenn die Blumen aus dem Grase dringen, Gleich als lachten sie hinauf zur Sonne, Des Morgens früh an einem Maientag, Und die kleinen Vöglein lieblich singen Ihre schönsten Weisen: welche Wonne 5 Hat wohl die Welt, die so erfreuen mag? Man glaubt sich halb im Himmelreiche. Wollt ihr hören, was sich dem vergleiche, So sage ich, was wohler doch Schon öfter an den Augen tat 10 und immer tut, erschau’ ich’s noch.
Denkt, ein edles, schönes Fräulein schreite Wohlbekleidet, wohlbekränzt hernieder, Sich unter Leuten fröhlich zu ergehn, Hochgemut im fürstlichen Geleite, Etwas um sich blickend hin und wieder, 15 Wie Sonne neben Sternen anzusehn: Der Mai mit allen Wundergaben Kann doch nichts so Wonnigliches haben Als ihr viel minniglicher Leib; Wir lassen alle Blumen stehn 20 und blicken nach dem werten Weib.
Nun wohlan, wollt ihr Beweise schauen: Gehn wir zu des Maien Lustbereiche, Der ist mit seinem ganzen Heere da. Schauet ihn und schauet edle Frauen, Was dem andern wohl an Schönheit weiche. 25 Ob ich mir nicht das bessre Teil ersah. Ja, wenn mich einer wählen hiesse, Dass ich eines für das andre liesse, Ach, wie so bald entschied’ ich mich: Herr Mai, ihr müsstet Jänner sein, 30 eh’ ich von meiner Herrin wich’.
+3+
+Schönheit und Tugend.+
Heil sei der Stunde, da sie mir erschienen, Die mir den Leib und die Seele bezwungen! Alle Gedanken ihr einziglich dienen; Das ist mit Güte der Guten gelungen. Dass ich nicht lassen und meiden sie kann, Hat ihre Schönheit und Güte vollbracht Und ihr roter Mund, der so wonniglich lacht.
Seele und Sinne, die hab’ ich gewendet Auf die Vielreine, die Liebe, die Gute. Werde uns beiden noch lieblich vollendet, Was zu gewähren sie hold mir geruhte! Was ich an Freude auf Erden gewann, Hat ihre Schönheit und Güte vollbracht Und ihr roter Mund, der so wonniglich lacht.
+4+
+Das Tröstelein+
In einem zweifelvollen Wahn War ich gesessen und gedachte Zu lassen ihren Dienst fortan, Als mich ein Trost ihr wiederbrachte. Trost mag es wohl nicht heissen, denn zur Stund’ Ist es ja kaum ein kleines Tröstelein, So klein, wenn ich’s euch sag’, ihr spottet mein. Doch Freude ist erlaubt auch aus geringem Grund.
Mich hat ein Halm gemachet froh, Der sagt, ich solle Gnade finden. Ich mass dasselbe kleine Stroh, Wie ich zuvor es sah bei Kinden. Nun höret denn und merket wohl, ob sie es tu’: “Sie tut, tut’s nicht, sie tut, tut’s nicht, sie tut.” Wie oft ich mass, so war noch je das Ende gut. Das tröstet mich, doch da gehöret Glaube zu.
Wie lieb sie mir von Herzen sei, So kann ich es gar wohl noch leiden, Zählt sie mich nur den Besten bei; Ich darf ihr Werben ihr nicht neiden. Wie ich es kann erkennen, glaub’ ich nicht, Dass sie ein andrer wankend machen möge; Ich wollte, die Getäuschten sähn, dass Wahn sie tröge, Denn allzulange schon hört sie auf jeden Wicht.
+5+
+Wert der Minne.+
Was soll ein Mann, der nicht begehrt Zu werben um ein reines Weib? Bleibt er von ihr auch unerhört, Es hebt ihm Seele doch und Leib.
Er tu’ um Einer willen so, 5 Dass er den andern wohlbehagt, Dann macht ihn wohl die Eine froh, Wenn sich die Andre ihm versagt.
Des achte, wenn er liebt, der Mann, Viel Glück und Ehre liegt daran. 10 Wer guten Weibes Minne hat, Der schämt sich keiner Missetat.
+6+
+Doppelzüngigkeit.+[1]
Gott gibt zum König, wen er will; Darüber wundr’ ich mich nicht viel: Uns Laien wundert nur der Pfaffen Lehre, Was sie gelehrt vor wenig Tagen, Dass woll’n sie heut schon anders sagen. Nun denn, bei Gott und eurer eignen Ehre, So sagt uns denn in Treue, Mit welcher Red’ ihr uns betrogen. Erkläret uns die eine recht von Grunde, Die alte oder neue. Uns dünket, eines sei gelogen; Zwei Zungen stehen schlecht in einem Munde.
[Notes: 1: Pope Innocent III was at first a partisan of Otto the Saxon and consecrated him as emperor. But when Otto invaded Italy in 1210 the Pope turned against him and excommunicated him.]
+7+
+Glückes Ungunst.+
Frau Glück verteilet rings um mich Und kehret mir den Rücken zu. Sie will nicht mein erbarmen sich; Ich weiss nicht, was ich dazu tu’. Sie zeigt nicht gern ihr Antlitz mir, Lauf ich um sie herum, bin ich doch hinter ihr Denn ihr beliebt’s nicht mich zu sehn; Ich möcht’, dass ihr die Augen an den Nacken ständen, dann müsst’s ohn’ ihren Wunsch geschehn.
+8+
+Das Lehen.+
Ich hab’ ein Lehen, alle Welt, ich hab’ ein Lehen! Jetzt fürcht’ ich weder mehr den Hornung an den Zehen, Noch will die bösen Herrn um ihre Gunst ich flehen. Der edle Herr, der milde Herr hat mich beraten, Dass ich im Sommer Luft, im Winter Wärme haben kann. Die Nachbarn sehn mich jetzt mit andern Augen an, Sie sehn nicht mehr den Butzemann in mir, wie sie es taten. Zu lange war ich arm, das weiss ich keinem Dank; Ich war so voll des Scheltens, dass mein Atem stank. Den hat der König rein gemacht, dazu auch meinen Sang.
+9+
+Morgengebet.+
Mit Segen lass mich heut erstehn, Herr Gott, in deiner Obhut gehn Und reiten, wo hinaus mein Fuss sich kehre. Herr Christ, lass sichtbar an mir sein Die grosse Kraft der Güte dein 5 Und schütze mich um deiner Mutter Ehre. Wie ihrer Gottes Engel pflag Und dein, der in der Krippe lag, Jung als Mensch und alt als Gott, Demütig vor dem Esel und dem Rinde, 10 Und dennoch schon in fester Hut Hielt Joseph sie und dich so gut Wohl mit Treuen sonder Spott: So schütz’ auch mich, dass man gehorsam finde Mich deinem göttlichen Gebot. 15
+10+
+Die drei Dinge.+
Ich sass auf einem Steine Und deckte Bein mit Beine. Darauf setzt’ ich den Ellenbogen; Ich hatt’ in meine Hand gezogen Das Kinn und eine Wange. 5 Da dachte ich gar bange, Wie man auf Erden sollte leben; Doch keinen Rat konnt’ ich mir geben, Wie man drei Ding’ erwürbe, Dass keins davon verdürbe. 10 Die zwei sind Ehr’ und fahrend Gut, Das oft einander Schaden tut; Das dritt’ ist Gottes Segen, Daran ist mehr gelegen. Die wünscht’ ich gern in einen Schrein. 15 Ja, leider mag das nimmer sein, Dass Gut und weltlich’ Ehre Und Gottes Huld, die hehre, Je wieder in Ein Herze kommen. Ihnen ist Weg und Steg benommen: 20 Untreue liegt im Hinterhalt, Und auf der Strasse fährt Gewalt; Friede und Recht sind beide wund, Die dreie finden kein Geleit, die zwei denn werden erst gesund.
+11+
+Abschied von der Welt.+
Frau Welt, Ihr sollt dem Wirte sagen, Dass ich ihn ganz bezahlet habe; All meine Schuld sei abgetragen, Dass er mich aus dem Schuldbrief schabe. Wer ihm was soll, der mag wohl sorgen; Eh’ ich ihm lange schuldig blieb, eh’r wollt’ ich bei den Juden borgen. Er schweiget bis auf einen Tag, Dann aber nimmt er sich ein Pfand, wenn jener nicht bezahlen mag.
+12+
+Elegie.+
O weh, wohin entschwunden sind alle meine Jahr! Ist mir mein Leben geträumet, oder ist es wahr? Was ich je wirklich wähnte, war’s nur ein Traumgesicht? So hab’ ich denn geschlafen, und ich weiss es nicht! Jetzt bin ich erwacht, und ist mir unbekannt, 5 Was mir vordem war kundig, wie meine rechte Hand. Leut’ und Land, da ich von Kindheit an erzogen, Die sind mir fremd geworden, als ob es sei erlogen; Die mir Gespielen waren, die sind träg’ und alt, Geackert ist das Feld, gehauen ist der Wald. 10 Wenn nicht das Wasser flösse, wie es weiland floss, Fürwahr, ich wähnte, mein Unglück es wär’ gross. So kalt grüsst jetzt mich mancher, der einst mich wohl gekannt; Voll Not und Trübsal ist die Welt in Stadt und Land. So ich gedenk’ an manchen wonniglichen Tag, 15 Die sind mir entfallen, recht wie ins Meer ein Schlag. Immermehr o weh!
O weh, wie jämmerlich doch junges Volk jetzt tut, Dem ehmals nie verzagte in der Brust der Mut! Die tragen sich mit Sorgen, weh, was tun sie so! 20 Wohin ich immer blicke, keinen seh’ ich froh. Tanzen, Lachen, Singen, vergeht vor Sorgen gar; Nie sah man unter Christen so jämmerliche Schar. Seht nur der Frauen Schmuck, der einst so zierlich stand; Die stolzen Ritter tragen bäurisches Gewand. 25 Uns sind ungnädige Briefe[2] her von Rom gekommen; Uns ist erlaubt zu trauern, und Freude gar benommen. Das schmerzt mich tief im Herzen--wir lebten einst so wohl-- Dass ich nun für mein Lachen Weinen tauschen soll. Die Vöglein in dem Walde betrübet unsre Klage, 30 Was Wunder, wenn auch ich darüber schier verzage? Doch, ach, was sprech’ ich Tor in meinem sündigen Zorn? Wer dieser Wonne folget, der hat jene dort verlorn. Immermehr o weh!
O weh, wie ward uns Gift mit Süssigkeit gegeben! 35 Die Galle seh’ ich mitten in dem Honig schweben. Die Welt ist aussen lieblich, weiss und grün und rot, Doch innen schwarzer Farbe, finster wie der Tod. Wen sie verleitet habe, der suche Trost bei Zeit; Er wird mit leichter Busse von schwerer Schuld befreit. 40 Daran gedenket, Ritter, es ist euer Ding! Ihr tragt die lichten Helme und manchen harten Ring, Dazu die festen Schilde und das geweihte Schwert; Wollte Gott, ich wäre für ihn zu streiten wert! So wollt’ ich armer Mann verdienen reichen Sold; 45 Nicht mein’ ich Hufen Landes, noch der Herren Gold. Ich möchte jene ewigliche Krone tragen, Ein Söldner könnte sie wohl mit seinem Speer erjagen. Könnt’ ich die teure Reise fahren über See, So wollt’ ich wieder singen “wohl” und nimmermehr “o weh,” 50 Nimmermehr o weh!
[Notes: 2: The pope’s excommunication of Emperor Friedrich II, in September, 1228.]
+XXII. HEINRICH VON VELDEKE’S ENEID+
A Low German poem of 13,528 verses, completed between 1184 and 1190. Its author was a Netherlander of knightly rank who finished his poem in Thuringia and was regarded by his successors as the father of the riming love-romance. His chief source was an Old French _Roman d’Enéas_, but he dealt very freely with his French text, omitting much, adding much and making some use, possibly, of the Latin original.
_Lines 1450-1534: The love-smitten Dido confides in her sister Anna._
Sie ging in ihre Kemenate, 1450 Wo ihre Frauen lagen. Als die sie kommen sahen, Waren sie all’ in Sorgen: Es war doch früh am Morgen. Sie hatte grosses Ungemach; 1455 Bedeutungsvoll sie sprach Zu ihrer Schwester Annen; Die führte sie von dannen In ihre Kemenate wieder. Sie fiel am Bette nieder 1460 Und klagte ihr ihr Ungemach, Wie sie die ganze Nacht Schlaflos geblieben war. Sie seufzte tief fürwahr, Gar traurig war ihr Sinn, 1465 Sie sprach: “Mein’ Ehr’ ist hin.” “Fraue Schwester Dido,” Sprach Anna, “wie denn so? Sagt, was ist Eure Not?” “Schwester, ich bin fast tot.” 1470 “Erkranktet Ihr? Zu welcher Stund’?” “Schwester, ich bin ganz gesund, Doch kann ich nicht genesen.” “Schwester, wie mag das wesen? Ich meine, Frau, ‘s ist Minne.” 1475 “Ja, Schwester, zum Wahnsinne.” “Warum betragt Ihr Euch also, Liebe Fraue Dido? Was wollt Ihr so verderben? Ihr dürft nicht an Minne sterben. 1480 Ihr mögt sehr wohl genesen Und nachher glücklich wesen. Es ist kein Mann auf Erden, Der nicht Euer könnte werden, Der nicht froh wär’ Eurer Minnen; 1485 Ihr sollt Euch bass besinnen.” Da versetzte Frau Dido: “Es steht mir nicht also. Wahr ist es in der Tat, Ich sollte finden andern Rat; 1490 Ich tät’ es, wär’s in meiner Wahl. Ihr wisset, dass ich dem Gemahl Sicheus gelobte und verhiess, Der mir ein gross Gut hinterliess Und auch grosse Ehr’, 1495 Dass ich nun nimmermehr Einen Mann würde nehmen, Was für Freier immer kämen.” Da sprach aber Anna: “Ihr redet von dem Manne 1500 Allzuviel und ohne Not. Er ist seit vielen Tagen tot. Wo steht denn Euer Sinn? Wie hätte er Gewinn, Wenn Ihr jetzt verdürbet 1505 Und törichterweise stürbet? Ihr braucht nicht Euer Leben Seinetwegen zu vergeben. Er könnt’ es Euch nicht lohnen. Ihr sollt Euch selber schonen. 1510 Die Rede, die Ihr tut, Sie ist ja gar nicht gut. Lasst solche Rede sein Und folgt dem Rate mein; Das ist grössere Weisheit. 1515 Sagt mir nur die Wahrheit: Wer ist der selige Mann, Dem Gott es gönnen kann, Dass Ihr ihn wollt minnen? Das gebt mir zu besinnen. 1520 Ich will Euch raten dann So gut, wie ich es kann, Weil ich Euch Gutes gönne. Ob ich so raten könne, Dass Ihr damit gedienet seid? 1525 Nun sagt es mir, es ist ja Zeit.” Sie sprach: “Ich will’s nicht hehlen. Ich will Euch jetzt befehlen Ehre so wohl als Leben. Ihr sollt mir Rat drauf geben. 1530 Es ist,” sprach sie, “ein Mann, Dem keiner gleichen kann. Ich muss verraten seinen Nam’ Trotz meiner grossen Scham; Das Nennen tut mir weh. 1535 Er heisset,” sprach sie, “E”-- Und nach dem NE ward es gar lang, So sehr die Minne sie bezwang, Bevor sie deutlich sagte AS;-- Dann wusste Anna, wer er was. 1540
_Lines 9735-9820: Pending the fight between Eneas and Turnus, Lavinia hears of Minne from her mother._
Da nun zwischen beiden 9735 Der Zweikampf sollt’ entscheiden, Recht war es ihrer Tapferkeit. Sie machten sich bereit Mit mannlichem Sinn. Da ging die Königin 9740 Eines Abends spat In ihre Kemenat Und rief die Tochter zu sich, Eine Jungfrau minniglich. Zu reden sie begonnte, 9745 Wie sie es wohl konnte, Mit sehr klugem Sinn. Es sprach die Königin: “Lavine, schönes Mägdelein, Du liebe Tochter mein, 9750 Vielleicht es nun so endet, Dass der Vater dir entwendet Grosses Gut und grosse Ehr’: Turnus, der edle Herr, Der deine Minne stark begehrt, 9755 Ist deiner durchaus wert; Des hab’ ich sichere Kunde. Und wärest du zur Stunde Tausendmal so schön und gut, Du könntest billig deinen Mut 9760 Dem tapfern Mann zukehren; Ich gönne dir die Ehren. Ich will, dass du ihn minnest, Und dabei auch erkennest, Dass er ein edler Herr. 9765 Drum lob’ ich dir so sehr Den Helden wonnesam. Sei doch Eneas gram, Jenem Trojaner schlecht, Der ihn erschlagen möcht’, 9770 Der dich im Herzen trägt Dir ist’s ja auferlegt, Ihm Ungunst zu erzeigen Und stetiges Abneigen, Ihm keine Ehr’ zu zollen, 9775 Ihm Gutes nicht zu wollen. Du sollst ihm bleiben kalt, Weil er dich mit Gewalt Nun wähnet zu gewinnen. Er strebt nach deiner Minnen 9780 Nur wegen deines Gutes: Was er bestrebt, er tut es, Damit er dich erwerbe Und mit dir nun als Erbe Gewinne auch zugleich 9785 Deines Vaters Reich. Du tätest, wie ich wollt’, Würdest du Turnus hold.” “Womit soll ich ihn minnen?” “Mit Herzen und mit Sinnen.” 9790 “Soll ihm mein Herze geben? Wie könnte ich dann leben?” “Unwissend bist du, wie man sieht.” “Was, wenn es nicht geschieht?” “Was, wenn’s geschehen tut?” 9795 “Wie kann ich meinen Mut Einem Manne zukehren?” “Die Minne wird’s dich lehren.” “Um Gotteswillen, was ist Minne?” “Sie ist vom Urbeginne 9800 Der Erde Herrscherin Und bleibt’s auch fernerhin Bis zu dem jüngsten Tag. In keiner Weise mag Ein Mensch ihr widerstehen, 9805 Denn sie kann niemand sehen Noch betasten mit der Hand.” “Die hab’ ich, Fraue, nie gekannt.” “Du sollst sie kennen lernen noch.” “Wann erwartet Ihr es doch?” 9810 “Ich erwart’ es, wie ich mag. Vielleicht erleb’ ich noch den Tag, Da du ungebeten minnest. Und wenn du es beginnest, Wirst du empfinden Lust dazu.” 9815 “Ich weiss, dass ich’s nicht tu’.” “Es kommt, so sicher du auch bist.” “Dann sagt mir, was die Minne ist.” “Ich kann sie nicht beschreiben.” “Dann lasst es doch noch bleiben.” 9820
_Lines 10031-79: Lavinia’s first glimpse of Eneas._
Als der Held dahin kam, Und die Jungfrau wonnesam Ihre Augen kehrte dar Und sein da unten ward gewahr Von ihrer hohen Zinne, 10035 Durchschoss sie nun Frau Minne Mit einem scharfen Pfeil; Drum ward ihr Qual zuteil Auf manche lange Stunde. Sie empfing eine Wunde, 10040 In ihrem Herzen drinnen, So dass sie musste minnen Und konnte nichts dafür. Gram ward die Mutter ihr, Deren Huld sie ganz verlor, 10045 Denn sie brannte und sie fror Fast in derselben Stunde. Die Art und Weis’ der Wunde, Das Übel war ihr unbekannt. Sehr bald sie nun verstand 10050 Ihrer Mutter Geheiss. Sie ward unmässig heiss Und danach wieder kalt, Sie kam in Ungewalt, Unangenehm sie lebte, 10055 Sie schwitzte und sie bebte, Wurde bleich und wurde rot; Sehr gross war ihre Not Und ihres Leibes Ungemach, Da fand sie Kraft und sprach. 10060 Als das Herz ihr wiederkam, Sprach die Jungfrau wonnesam Jämmerlich sich selber zu: “Ich weiss nicht leider, was ich tu’; Ich weiss nicht, was mich schiert, 10065 Dass ich bin so verwirrt. Nie ward mir solches kund; Ich war bisher gesund Und bin nun jetzt fast tot. Wer hat in kurzen Stunden 10070 Das Herz mir festgebunden, Das früher ledig war und frei? Mir ahnt, es sei das Ungemach, Von dem vorher die Mutter sprach. Zu früh hat’s mir passiert! 10075 Wär’ ich doch ungeniert Von--Minne, wie ich sie verstand, Ja, Minne hat sie es genannt!”
+XXIII. HARTMANN VON AUE+
The first in order of the three great romancers who interpreted the French tales of chivalry for medieval Germany. They were adapters rather than translators, just as were the French poets themselves in relation to their Keltic sources. Hartmann was born in Swabia about 1165, took part in a crusade, probably that of 1197, and died before 1220. His chief works are the two Arthurian romances _Erec_ and _Iwein_, and the two pious ‘legends’ _Gregorius_ and _Der arme Heinrich_. The selection from _Der arme Heinrich_ is given in Bötticher’s translation, as found in Bötticher and Kinzel’s _Denkmäler_, II, 2.
I
_From ‘Iwein’, lines 2073-2338: The enterprising maid Lunete persuades her mistress to marry Iwein, who has just slain her husband._
Dass sie der Magd je Hartes sprach, Davon litt sie solch Ungemach, Dass sie es sehr bereute. 2075 Als sich der Tag erneute, War jene noch einmal gekommen Und wurde besser aufgenommen Als sie entlassen ward vorher. Die Frau ermunterte sie sehr 2080 Mit gütigem Empfange. Es dauerte nicht lange, Bevor sie nun also begann: “Du lieber Gott, wer ist der Mann, Den du mir gestern lobtest? 2085 Ich glaube nicht, du tobtest, Denn der war nicht von Herzen matt, Der meinen Herrn erschlagen hat. Hat er Geburt und Jugend Und sonst etwa ‘ne Tugend, 2090 So dass er mir zum Herren ziemt, Und dass die Welt, wenn sie’s vernimmt, Mir’s nicht zu sehr verdenken kann, Dass ich genommen hab’ den Mann, Der mir den Herrn erschlagen? 2095 Kannst du mir von ihm sagen, Was mir in seiner Tugend Licht Dem üblen Ruf die Spitze bricht? Und rätst du mir sodann, Ich nähme ihn zum Mann?” 2100 Sie sprach: “Es dünkt mich gut. Mich freut, dass Ihr den Mut So schnell habt umgekehret. In ihm seid Ihr geehret; Zu fürchten wäre keine Scham.” 2105 Sie sprach: “Was ist also sein Nam’?” “Er nennt sich Herr Iwein.” Gleich stimmten sie nun überein. Sie sprach: “Der Nam’ ist mir doch kund Seit mancher langen Stund’. 2110 Er ist gewiss vom hohen Stamm Des Königs Vriën lobesam. Nun ist die Sache klar zum Teil, Und krieg’ ich ihn, so hab’ ich Heil. Aber, Gesellin, weisst du recht, 2115 Ob er mich auch haben möcht’?” “Es wär’ ihm lieb, wär’s schon geschehn.” “Und sage mir, wie bald wird’s gehn?” “In ungefähr vier Tagen.” “Ach Gott, was willst du sagen! 2120 Zu lang machst du die Frist. Bedenke dich, ob’s möglich ist, Dass ich ihn morgen--heute--sehe.” “Wie wollt Ihr, Frau, dass das geschähe? Zu denken wäre nicht daran: 2125 Es lebt auf Erden nicht der Mann, Er habe denn Gefieder, Der käme hin und wieder In solcher kurzen Frist; Ihr wisst, wie fern es ist.” 2130 “So überlass es meinem Witz. Mein Garçon läuft ja wie der Blitz; Zwei Tag’ ein andrer reiten muss, Er macht’s in einem Tag zu Fuss. Der Mondschein ihm auch helfen mag: 2135 Er mache ja die Nacht zum Tag. Auch sind die Tag’ unmässig lang; Sag’ ihm, es lohnt sich hoch sein Gang, Und dass es ihm recht lange frommt, Wenn er schon morgen wiederkommt. 2140 Er rühre tüchtig nur die Bein’ Und mache die vier Tag’ zu zwein. Er soll sich sputen sehr Und ausruhen nachher, So lang er eben ruhen möcht’. 2145 Nun, Trautgesellin, mach’s ihm recht!” Sie sagte: “Frau, es soll geschehn; Doch eines sei nicht übersehn: Befragt doch Eure Leute Gleich morgen oder heute; 2150 Denn paart Ihr Euch ohn’ ihren Rat, Es wäre eine üble Tat. Wer sich berät in diesen Dingen, Dem kann es nimmermehr mislingen. Was man alleine tut, 2155 Wird es nachher nicht gut, Bringt böses Leid in Doppelmass: Den Schaden und der Freunde Hass.” Sie sprach: “O weh Gesellin traut, Wie mir vor diesem Schritte graut! 2160 Man wird vielleicht dagegen sein.” “Nur nichts vom Bangen, Fraue mein! Es ist gewiss kein andrer Held, Und sucht Ihr durch die ganze Welt, Der wahrte Euch wie er den Bronn; 2165 So wird die Meinung sein davon. Mit Freude, zweifelt nicht daran, Wird jederman in Eurem Bann Solch Landeshut begrüssen; Man wirft sich Euch zu Füssen 2170 Und bittet Euch, hat man’s erfahren, Geschwinde Euch mit ihm zu paaren.” Sie sprach: “Nun lass den Garçon ziehn! Indessen will ich mich bemühn, Botschaften auszusenden; 2175 Wir wollen die Rede enden.” Leicht hätte sie ihn fortgesandt, Denn er befand sich gleich zur Hand. Der Garçon auf den Wink der Maid Verbarg sich mit Geschwindigkeit; 2180 Schnell fasste ja der flinke Knapp, Was man ihm auszuführen gab. Er konnt ihr helfen bei dem Lügen Und ohne jede Bosheit trügen. Eh’ ihre Herrin hatte Zeit, 2185 Zu träumen von der Möglichkeit, Der Knabe sei schon auf dem Wege, Nahm sie den Ritter in die Pflege,[1] Wie Gott allein sie lohnen kann. Mit schönster Bitte ging sie dran. 2190 Es lagen Kleider da bereit In dreifacher Vortrefflichkeit, Grau, hermelin und bunt; Ging doch der Wirt zu jeder Stund’ Gekleidet wie ein Hofgalan, 2195 Der viel auf Leibespflege sann Und nie am Prunk es fehlen liess. Das schönste sie ihn wählen hiess Und kleidete ihn damit an. Am nächsten Abend ging sie dann, 2200 Wo sie die Frau alleine fand, Und machte sie gleich vor der Hand Von Freude bleich und rot. Sie sprach: “Gebt mir das Botenbrot! Der Garçon ist gekommen.” 2205 “Hast schon etwas vernommen? Ist’s gute Märe? Sprich doch! Wie? Also ist Herr Iwein hie? Wie ist es ihm so früh geglückt?” “Die Liebe hat ihn hergeschickt.” 2210 “Ach Gott! Doch sprich! Wer weiss davon?” “Es weiss bisher kein Muttersohn Als Euer Knab’ und wir.” “Wann führst du ihn zu mir? Geh stracks zu ihm, ich bitte dich.” 2215 Die flinke Magd entfernte sich Und machte mit verstellter Mien’, Als vor dem Ritter sie erschien, Als ob mit böser Märe Sie ihm gesendet wäre. 2220 Sie hing den Kopf und sah ihn an Und trauriglich also begann: “Ach, lieber Gott, mit mir ist’s aus! Die Herrin weiss, dass Ihr im Haus. Für mich hat sie nun nichts als Zorn; 2225 Ich habe ihre Huld verlorn, Weil ich Euch barg im Schlosse hier. Doch sagt sie, es beliebe ihr Euch einmal näher anzusehen.” “Und sollte das nun nicht geschehen, 2230 Ich liess ihr eher meinen Leib.” “Sie sollt’ Euch töten? Sie, ein Weib?” “Sie hat ja doch ein starkes Heer.” “Oh, Ihr genest wohl ohne Wehr. Ich hab’s von ihr mit Sicherheit, 2235 Dass Euch in keiner Weise leid Von ihren Händen soll geschehen; Sie wünscht Euch nur allein zu sehen. Ihr müsst Euch nur gefangen geben; Es geht Euch anders nicht ans Leben.” 2240 Er sagte: “Sie holdseliges Weib! Ich will es gern, dass dieser Leib Auf immer ihr Gefangener sei, Und dass mein Herz sei auch dabei.” Jetzt stand er auf und ging dahin, 2245 Ein seliger Mann mit frohem Sinn, Und ward kühl aufgenommen. Als er vor sie gekommen, Begrüsst’ ihn weder Wort noch Neigen. Ihr langes, langes Stilleschweigen 2250 Begann ihm endlich sauer zu werden; Er wusste nicht sich zu gebärden. Er blieb in weiter Fern’ zurück Und sah sie an mit scheuem Blick. Da beide schwiegen, sprach die Magd: 2255 “Herr Iwein, warum so verzagt? Lebt Ihr und habt Ihr einen Mund? Ihr redetet vor kurzer Stund’; Jetzt werdet Ihr ganz stumm. In Gottes Namen, sagt warum 2260 Ihr meidet ein so schönes Weib. Weh dessen unglücksel’gem Leib, Der ohne Dank je einen Mann, Der doch geläufig sprechen kann, Zu einer schönen Frau geleitet, 2265 Die er dann anzureden meidet! Rückt ihr nur näher ohne Scheu! Ich sage Euch bei meiner Treu, Sie wird Euch doch nicht beissen! Traun! Fügt man dem andern solches Graun, 2270 Wie ihr von Euch geschehen, Und will man Gnade sich versehen, Dazu gehört ein besserer Lohn. Ihr habt den König Askalon, Den ihr so lieben Herrn erschlagen: 2275 Könnt Ihr auf Gunst zu hoffen wagen? Ihr steht in grosser Schuld; Nun werbt um ihre Huld! Wir wollen sie beide bitten, Dass sie, was sie erlitten, 2280 Geruhe zu vergessen.” Jetzt ward nicht mehr gesessen. Er warf sich ihr zu Füssen Und bat um holdes Grüssen Als schuldbelad’ner Mann. 2285 Er sprach: “Ich mag und kann Euch Besseres nicht bezeigen An Ehr’ und treuem Neigen Als wenn ich sage: Richtet mich! Was Ihr mögt wollen, das will ich.” 2290 “Wollt Ihr denn alles, was ich will?” “Ja wohl; es dünkt mich nicht zu viel.” “So nehm’ ich Euch vielleicht den Leib.” “Wie Ihr gebietet, holdes Weib.” “Nun ja, was soll ich reden lang? 2295 Da Ihr Euch ohne jeden Zwang In meine Macht ergeben, Nähm’ ich nun Euch das Leben, Es ziemte nicht dem Weibe. Glaubt aber nicht bei Leibe, 2300 Dass es aus Wankelmut geschehe, Wenn ich Euch jetzt, wie ich gestehe, Nur allzu früh empfang’ in Gnade. Von Euch entstand mir solcher Schade, Dass, stünd’ es mir um Ehr’ und Gut, 2305 Wie es den meisten Frauen tut, Ich sicherlich nicht wollte, Wie ich es auch nicht sollte, So jäh Euch Gnad’ erteilen. Nun gilt es aber eilen; 2310 Denn da es zu erwarten steht, Dass mir mein Land verloren geht Gleich heute oder morgen, Muss ich mich schnell versorgen Mit einem Mann zur Landeswehr. 2315 Ihn find’ ich nicht in meinem Heer, Seit mein Gemahl erschlagen ist; Drum muss ich nun in kurzer Frist Mir einen Mann erküren Oder mein Land verlieren. 2320 Nun sollt Ihr mir aufrichtig sagen: Da Ihr den Herrn mir habt erschlagen, So seid Ihr wohl ein tüchtiger Mann; Und wenn ich Euch gewinnen kann, Bin ich mit Euch doch wohl bewahrt 2325 Vor fremdem Hochmut jeder Art. Und glaubt, was ich Euch nun erkläre: Eher als dass ich Euch entbehre, Gält’ ich sogar als ungesittet; Obwohl das Weib den Mann nicht bittet, 2330 Bitt’ ich zuerst und bitte sehr. Bedrängen will ich Euch nicht mehr, Ich will Euch gerne. Wollt Ihr mich?” Er sagte: “Frau, verneinte ich, So wär’ es um mein Glück geschehen. 2335 Der liebste Tag, den ich gesehen, Der ist mir heute widerfahren, Und möge Gott mein Heil bewahren!”
[Notes: 1: Iwein is in the castle, Lunete having saved him from the vassals of the slain Askalon by giving him a ring that made him invisible.]
II
_From ‘Der arme Heinrich’, lines 1004-1247: Poor Henry at Salerno with the maid who is eager to give her heart’s blood that he may be cured of his leprosy._
So fuhr denn nach der Stadt Salern Die treue Magd mit ihrem Herrn. 1005 Es trübt des Herzens Fröhlichkeit Nichts mehr, als dass der Weg so weit, Dass ihr so lang das Licht noch schien. Und als er sie gebracht dahin, Wo er den Meister wohlbekannt, 1010 Wie er gedachte, wiederfand, Ward’s dem gar fröhlich angesagt, Gefunden wäre jetzt die Magd, Die einst er ihn gewinnen hiess. Zugleich er ihn sie sehen liess. 1015 Den däuchte das unglaublich schier. Er sprach: “Mein Kind, und hast du dir Solch Willen wohl auch klar gemacht? Wie? Hat zu dem Entschluss gebracht Dich Wunsch und Drohung deines Herrn?” 1020 Die Jungfrau sprach, sie tu’ es gern Aus ihrem eignen Herzen sei Der Wunsch gekommen, frank und frei. Gross Wunder däucht’ ihn das, und fern Nahm er besonders sie vom Herrn 1025 Und fragt’ sie auf die Seligkeit, Ob nicht ihr Herr in seinem Leid Solch Reden hätt’ ihr aufgedroht. Dann sprach er: “Kind, es ist dir not, Dass du dich mehr noch kümmerst drum, 1030 Was dir bevorsteht--hör’, warum. Wenn du den Tod nun leiden musst Und nicht von Herzen gern es tust, So ist dein junges Leben hin Und bringt doch keinen Deut Gewinn. 1035 Verschliess’ vor mir nicht deinen Mund. Was dir geschieht, tu’ ich dir kund. Ich muss dich ausziehn, nackt und bloss; Da wird die Pein der Scham dir gross. Ich binde dich an Bein- und Armen; 1040 Fülst du mit deinem Leib Erbarmen, Bedenke, Mädchen, diese Schmerzen! Ich schneide dich bis tief zum Herzen Und reiss’ es lebend noch aus dir. Nun, Mädchen, sprich und sage mir, 1045 Wie es mit deinem Mute steh’; Geschah noch keinem Kind so weh, Als dir von mir nun muss geschehen. Dass ich es tun muss und es sehen, Das macht mir Angst und Not genug. 1050 Bedenk’ nun selber bei dir klug: Gereut dich’s auch nur um ein Haar, So hab’ ich meine Arbeit gar Und du den jungen Leib verloren.” So ward um alles sie beschworen, 1055 Dass fern sie bleibe solcher Pflicht, Wär’ felsenfest ihr Wille nicht. Die Jungfrau aber lachend sprach, Da sie erfuhr, dass an dem Tag Ihr helfen sollte noch der Tod 1060 Aus aller Welt- und Erdennot: “Gott lohn’ Euch, lieber Herr, dass Ihr So ganz und gar und treulich mir Die volle Wahrheit habt gesagt. Nun bin ich wahrlich doch verzagt: 1065 Ein Zweifel mir das Herz erregt; Euch sei’s geklagt, was mich bewegt. Mir bangt jetzt, unser Unternehmen Möcht’ Euer zager Mut noch lähmen, Dass es vielleicht gar unterbleibe! 1070 Eu’r Reden ziemte einem Weibe. Ihr seid des Hasen Spielgenoss, Und Eure Angst ist viel zu gross Um mich, dass ich nun sterben soll. Wahrhaftig, Herr, Ihr tut nicht wohl 1075 Bei Eurer grossen Meisterschaft. Ich bin ein Weib, doch hab’ ich Kraft. Wagt Ihr nur mich zu schneiden, Ich wag’ es wohl zu leiden. Die Angst und bittre Todesqual, 1080 Davon Ihr mir erzählt zumal, Die hab’ ich wohl von Euch vernommen; Doch wär’ ich wahrlich nicht gekommen, Wüsst’ ich so fest nicht meinen Mut, Dass ich vergiessen könnt’ mein Blut 1085 Und alle Leiden gern erdulden. Mir ist von Euren Hulden Die bleiche Farbe ganz genommen Und also fester Mut gekommen, Dass ich nicht ängstlicher hier steh’, 1090 Als wenn ich froh zum Tanze geh’; Die Not kann doch so gross nicht sein, Die einen Tag nur währt; ich mein’, Dass ich fürs ewige Leben Den einen Tag wohl könnte geben. 1095 Euch kann an meinem festen Willen Kein Zweifel mehr das Herz erfüllen. Könnt’ Ihr dem Herrn Gesundheit geben Und mir zugleich das ew’ge Leben, Um Gotteswillen, tut’s beizeit. 1100 Lasst sehn, ob Ihr ein Meister seid. Ihr sollt noch reizen mich dazu. Ich weiss es wohl, um wen ich’s tu’. In dessen Namen es geschieht, Der unsre guten Dienste sieht 1105 Und lässt sie ungelohnet nicht. Ich weiss wohl, dass er selber spricht, Wer grosse Dienste leiste, Des Lohn sei auch der meiste. Drum halt’ ich diesen grimmen Tod 1110 Auch nur für eine süsse Not Um solch gewissen Himmelslohn. Liess’ ich die reiche Himmelskron’, So wär’ zu töricht doch mein Sinn, Da ich so arm geboren bin.” 1115 Nun sah er, dass unwandelbar Und ohne Reu’ ihr Wille war. Noch einmal führt’ er sie sodann Hin zu dem armen, siechen Mann Und sprach zu ihrem Herren: 1120 “Dem Zweifel lasst uns wehren, Zum Werke sei die Magd nicht gut! Nun habt Vertraun und guten Mut, Ich mache bald Euch ganz gesund.” Hin führt’ der Meister sie zur Stund 1125 In sein geheimes Arbeitszimmer, Damit ihr Herr es sehe nimmer, Verschloss vor ihm sogleich die Tür Und warf noch einen Riegel für: Er wollte nicht, dass er es seh’, 1130 Wie’s nun mit ihr zu Ende geh’. In einer Kemenaten, Die er gar wohl beraten Mit Arzenein für jung und alt, Hiess er die Jungfrau alsobald 1135 Vom Leibe ziehn der Kleider Zier. Drob ward sie froh und fröhlich schier. Sie riss die Näte gleich entzwei Und war bald ihrer Kleider frei. Als sie der Meister nun ansah, 1140 In seinem Herzen fühlt’ er da, Wie sehr ihn dauerte die Maid, Dass Herz und Mut vor Traurigkeit Ihm beinah wären noch verzagt. Da sah die gute, reine Magd 1145 Gar einen hohen Tisch da stehn, Auf den hiess sie der Meister gehn. Alsbald er fest darauf sie band Und nahm ein Messer in die Hand, Das nahe lag, gar lang und scharf, 1150 Des man für solches Werk bedarf. So guten Stahl das Messer trug, Dem Meister war’s nicht scharf genug. Ihn jammerte die grosse Not, Er wollt’ ihr lindern noch den Tod. 1155 Nun lag ein guter Wetzstein auch Ganz nahe bei, wie noch der Brauch. Auf dem hub jetzt zu streichen an Gar langsam der bedrückte Mann. Das Wetzen aber hörte, 1160 Der ihre Freude störte, Der arme Heinrich vor der Tür. Und als das Wetzen drang herfür, Da klagt’ und trauert’ er gar sehr, Dass er das Mägdlein nimmermehr 1165 Lebendig sollte sehen. Er hub zu suchen an und spähen, Bis endlich in der dünnen Wand Sein Aug’ ein kleines Löchlein fand. Da sah er durch den schmalen Spalt 1170 Sie auf dem Tisch gebunden bald. Sie war so hold, so jung und schön, Da musst’ er reuig sich ansehn, Und anders ward ihm da zu Mut. Ihn deucht’, es sei wohl nimmer gut, 1175 Wie ihm bisher das Herz gesinnt. Und so verwandelt’ er geschwind Den alten eigensücht’gen Sinn Und gab sich neuem Fühlen hin. Er sprach: “Das war unklug Beginnen, 1180 Dass wider den in trotz’gen Sinnen Du leben wolltest einen Tag, Dem niemand doch entrinnen mag. Du weisst fürwahr nicht, was du tust, Da du doch einmal sterben musst, 1185 Dass du dies jammervolle Leben, Das Gott allein dir hat gegeben, Nicht willig willst zu Ende tragen, Zumal du sicher nicht kannst sagen, Ob dich erlöst des Kindes Tod. 1190 Was dir beschert der liebe Gott, Das lass dir alles auch geschehn. Ich will des Kindes Tod nicht sehn.” Sogleich war der Entschluss gefasst. Er pochte an die Wand mit Hast 1195 Und bat: “Lasst mich sogleich hinein!” Der Meister sprach: “Das kann nicht sein, Mir fehlt die Musse jetzt dazu, Dass ich Euch auf die Türe tu’.” “Nein, Meister, höret nur ein Wort!” 1200 “Wie kann ich, wartet ruhig dort, Bis es geschehn.” “Ach Meister, nein, Hört mich, es muss vor dem noch sein!” “Nun sagt mir’s denn durch diese Wand!” “Ach, nein, so ist es nicht bewandt” 1205 Da öffnet endlich er die Tür. Der arme Heinrich trat herfür, Wo sein Gemahl[2] gebunden lag. Zum Meister alsobald er sprach: “Dies Mägdlein ist so wonniglich, 1210 Wahrhaftig, nimmermehr kann ich Ihr jämmerliches Ende sehn. Des Ewigen Wille soll geschehn. Heisst sie vom Tische sich erheben; Das Silber will ich gern Euch geben, 1215 Das ich Euch bot für Eure Müh’. Nur lasst, ich bitt’, am Leben sie!”
[Notes: 2: Heinrich had playfully called her his ‘wife.’ The girl is but eight years old when the story begins.]
+XXIV. WOLFRAM VON ESCHENBACH+
The deepest of the three chief romancers and the most strongly marked in his individuality. His date is approximately 1170-1220. He was a Bavarian knight of humble estate, who spent some time at the court of Landgrave Hermann in Thuringia. He speaks of himself as ‘ignorant of what the books contain,’ which is usually taken to mean that he could not read or write. His great work is _Parzival_, a blend of Arthurian and Grail romance, which he says he got from a French poet Kyot. Nothing is known of any such poet, and some think him an invention. Certain it is, however, that Wolfram had some other source than Chrestien de Troyes’ _Conte del Graal_, though he was acquainted with that, and that he invented freely. Two other narrative poems, _Titurel_ and _Willehalm_, were left unfinished. The selections from _Parzival_ below are from the translation by W. Hertz, Stuttgart, 1898.
[Transcriber’s Note: In each excerpt, line numbering starts at the number given in the heading. Correspondence with the origina text or a line-for-line translation will only be approximate.]
_From ‘Parzival,’ Book 3, lines 293-500[1]: Parzival takes leave of his mother, who has tried in vain to prevent his hearing of knighthood; the young ‘fool’ follows her directions all too literally._
Heut mocht’ ein andrer birschen, Sein Sinn stand nicht nach Hirschen. Er rennt nach Haus zur Mutter wieder, 295 Erzählt--und sprachlos sinkt sie nieder. Doch als sie wieder kam zu Sinn, Sprach die entsetzte Königin: “Wer sagte dir von Rittertum? O sprich, mein Sohn! Du weisst darum?” 300 “Vier Männer sah ich, Mutter mein, Gott selbst hat nicht so lichten Schein; Die sagten mir von Ritterschaft. Artus in seiner Königskraft Verleiht die Rittersehren, 305 Soll sie auch mir gewähren.” Da ging ein neuer Jammer an. Sie wusste keinen Rat und sann: Was sollte sie erdenken, Sein Trachten abzulenken? 310 Das einzige, was er begehrt Und immer wieder, ist ein Pferd. Sie dacht’ in Herzensklagen: Ich will’s ihm nicht versagen; Doch soll es ein gar schlechtes sein, 315 Da doch die Menschen insgemein Schnell bereit zum Spotte sind, Und Narrenkleider soll mein Kind An seinem lichten Leibe tragen. Wird er gerauft dann und geschlagen, 320 So kehrt er mir wohl bald zurück. Aus Sacktuch schnitt in einem Stück Sie Hos’ und Hemd; das hüllt ihn ein Bis mitten auf sein blankes Bein, Mit einer Gugel obendran. 325 Zwei Bauernstiefel wurden dann Aus rauher Kalbshaut ihm gemacht. Sie bat ihn: “Bleib noch diese Nacht. Du sollst dich nicht von hinnen kehren, Eh’ du vernahmst der Mutter Lehren: 330 Ziehst pfadlos du durch Wald und Heiden, Sollst du die dunkeln Furten meiden; Sind sie aber seicht und rein. So reite nur getrost hinein. Du musst mit Anstand dich betragen 335 Und niemand deinen Gruss versagen. Wenn dich ein grauer weiser Mann Zucht will lehren, wie er’s kann, So folg’ ihm allerwegen Und murre nicht dagegen. 340 Eins achte ferner nicht gering: Wo eines guten Weibes Ring Du kannst erwerben und ihr Grüssen, So nimm’s; es wird dir Leid versüssen. Küsse keck das holde Weib 345 Und drück’ es fest an deinen Leib; Denn das gibt Glück und hohen Mut, Sofern sie züchtig ist und gut. Und endlich, Sohn, sollst du noch wissen: Zwei Lande wurden dir entrissen 350 Von Lähelins, des stolzen, Hand, Der deine Fürsten überrannt. Ein Fürst von ihm den Tod empfing, Indes dein Volk er schlug und fing.” “Das soll er wahrlich nicht geniessen; 355 Ich werd’ ihn mit dem Pfeile spiessen.” Dann in der frühsten Morgenzeit War schon der Knabe fahrtbereit, Der mir vom König Artus sprach. Sie küsst ihn noch und lief ihm nach. 360 O Welt von Leid, was da geschah! Als’ ihren Sohn sie nicht mehr sah’-- Dort ritt er hin, wann kehrt er wieder?-- Fiel Herzeloyd zur Erde nieder. Ihr schnitt ins Herz der Trennung Schlag, 365 Dass ihrem Jammer sie erlag. Doch seht, ihr vielgetreuer Tod, Er wehrt von ihr der Hölle Not. O wohl ihr, dass sie Mutter ward! Sie fuhr zum Lohn des Heiles Fahrt, 370 Sie, eine Wurzel aller Güte, Ein Stamm, auf dem die Demut blühte. Ach, dass die Welt uns nicht beschied Ihr Blut auch nur zum elften Glied! Drum ist so wenigen zu traun. 375 Doch sollen nun getreue Fraun Mit Segenswünschen ihn geleiten, Den wir dort sehn von dannen reiten. Es wandte sich der junge Fant Hin nach dem Wald von Breceliand.[2] 380 Er kam an einen Bach geritten, Den hätt’ ein Hahn wohl überschritten, Doch weil da Gras mit Blumen spross, So dass der Bach im Schatten floss, Gedacht’ er an der Mutter Wort 385 Und trabte diesseits an ihm fort Unverdrossen bis zur Nacht; Die ward, wie’s eben ging, verbracht. Am Morgen traf er eine Stelle, Da rann das Wasser seicht und helle; 390 Hier ritt er durch und sah ein Feld, Das schmückt’ ein grosses Prachtgezelt Aus reichem Samt dreifarbig bunt, Und alle Näte in der Rund’ Deckt feiner Borten Stickerei. 395 Die Lederhülse hing dabei, Die, wenn es regnen wollte, Man drüber ziehen sollte. Des stolzen Herzogs von Lalander Minnige Gemahlin fand er 400 Im Zelte, Frau Jeschute, Die noch im Schlafe ruhte, Zum Ritterslieb erschaffen: Sie trug der Minne Waffen, Einen Mund durchleuchtig rot, 405 Sehnenden Ritters Herzensnot. Wie wonnig sie entschlummert war! Halb offen stand ihr Lippenpaar, Das glüht von heissem Minnefeuer; So lag das holde Abenteuer. 410 Schneeweiss erglänzt’ in dichten Reihn Der kleinen Zähne Elfenbein. Leicht lernt’ ich küssen solchen Mund, Doch wurde mir das selten kund. Auf weichem Lager hingestreckt 415 Hat sie den Zobel, der sie deckt, Zurückgestreift bis an die Hüften, Im schwülen Sommer sich zu lüften, Seit einsam lag das schöne Weib. Gott selbst hat an den süssen Leib 420 Seine Meisterkunst gewandt. Lang war ihr Arm und blank die Hand. Doch als der wilde Knabe da An ihrer Hand ein Ringlein sah, Sprang er ans Bett, den Reif zu holen, 425 Wie’s ihm die Mutter anbefohlen. Das reine Weib in Scham erschrak, Als ihr der Knab’ im Arme lag. Sie, die man keusche Zucht gelehrt, Sprach: “Wer hat mein Gemach entehrt? 430 Jungherr, Ihr waget allzuviel. Geht, suchet Euch ein andres Ziel!” Doch er, wie laut die Schöne klagt, Ihn kümmert’s nicht, was sie auch sagt. Er drückt’ an sich die Herzogin, 435 Zwang ihren Mund an seinen hin Und nahm den Ring. Auch brach der Range Von ihrem Hemd die goldne Spange. Sie wehrt sich, doch mit Weibes Wehr; Ihr war sein Arm ein ganzes Heer. 440 “Mich hungert,” klagt er, “gib mir Essen!” Sie sprach: “Ihr wollt doch mich nicht fressen? Wärt Ihr zu Nutzen weise, Ihr nähmt Euch andre Speise. Seht, dort beiseit steht Brot und Wein 445 Und zwei Rebhühnchen obendrein. Das hat ein Mägdlein hergebracht, Die’s Euch doch wenig zugedacht.” Er liess von ihr, indem er sass Und einen guten Kropf sich ass, 450 Wonach er schwere Trünke schlang. Ihr währt sein Wesen hier zu lang; Sie deucht: dem Jungen fehlt’s im Hirne; Der Angstschweiss stand ihr auf der Stirne. Drum sprach sie: “Jungherr, lasset mir 455 Das Ringlein und die Spange hier Und hebt Euch fort! Denn kommt mein Mann, Und trifft Euch hier im Zelte an, So müsst Ihr Zorn erleiden, Den Ihr gern möchtet meiden.” 460 Er sprach mit trotzigem Gesicht: “Er komme nur! Ich fürcht’ ihn nicht. Doch schadet’s dir an Ehren, Will ich von hinnen kehren.” Aufs neu’ kam er ans Bett gegangen, 465 Die Schöne küssend zu umfangen; Ungerne litt’s die Herzogin. Dann ohne Abschied ritt er hin; Doch sprach er noch: “Gott hüte dein! So lehrte mich’s die Mutter mein.” 470
[Notes: 1: The numbers refer to the original text, Bartsch’s edition; the translation is not a line-for-line version. 2: A famous wood in Bretagne--la forêt de Bréchéliant. Wolfram’s spelling is Prizljan, Hartmann’s Brezilian.]
_From Book 5, lines 345-490: Parzival in the castle of the Grail._[3]
Dann kam die Königin herein; 345 Ihr Antlitz gab so lichten Schein, Sie meinten all’, es wolle tagen. Als Kleid sah man die Jungfrau tragen Arabiens schönste Weberei. Auf einem grünen Achmardei[4] 350 Trug sie des Paradieses Preis, Des Heiles Wurzel, Stamm und Reis. Das war ein Ding, das hiess der Gral, Ein Hort von Wundern ohne Zahl. Repanse de Schoye sie hiess, 355 Durch die der Gral sich tragen liess. Die hehre Art des Grales wollte, Dass, die sein würdig pflegen sollte, Die musste keuschen Herzens sein, Vor aller Falschheit frei und rein. 360 Die Jungfraun tragen vor dem Gral Sechs Glasgefässe lang und schmal, Aus denen Balsamfeuer flammt. Sie wandeln züchtig insgesamt Mit abgemess’nem Schritte 365 Bis in des Saales Mitte. Die Königin verneigte sich Mit ihren Jungfraun feierlich Und setzte vor den Herrn den Gral. Gedankenvoll sass Parzival 370 Und blickte nach ihr unverwandt, Die ihren Mantel ihm gesandt. Drauf teilt sich all das Gralgeleite; Zwölf Jungfraun stehn auf jeder Seite, Und in der Mitte steht allein 375 Die Magd in ihrer Krone Schein. Nun traten vor des Mahls Beginn Die Kämm’rer zu den Rittern hin, Ein jeder ihrer vier zu dienen Mit lauem Wasser, das er ihnen 380 In schwerem goldnem Becken bot, Dabei ein Jungherr wangenrot, Das weisse Handtuch darzureichen. Da sah man Reichtum ohnegleichen. Der Tafeln mussten’s hundert sein, 385 Die man zur Türe trug herein, Vor je vier Ritter eine; Darauf von edlem Leine Deckten sie mit Fleisse Tischtücher blendend weisse. 390 Der Wirt in seiner stummen Qual Nahm selber Wasser; Parzival Wusch sich mit ihm zugleich die Hände. Drauf bracht’ ein Grafensohn behende Ein seidnes Handtuch farbenklar 395 Und bot es ihnen knieend dar. Ein jeder Tisch, so viel da stehn, Ist von vier Knappen zu versehn: Die einen knien, um vorzuschneiden, Aufwärter sind die andern beiden. 400 Nun rollen durch den Saal vier Wagen, Die Goldgeschirr in Fülle tragen; Das wird von Rittern unverweilt An all die Tafeln ausgeteilt. Man zog im Ring sie Schritt für Schritt, 405 Und jedem ging ein Schaffner mit, Dem dieser Hort zur Hut befohlen, Ihn nach dem Mahl zurückzuholen. Hundert Knappen traten dann Mit Tüchern auf der Hand heran; 410 Voll Ehrfurcht kamen sie gegangen, Das Brot vom Grale zu empfangen. Denn wie ich selber sie vernommen, Soll auch zu euch die Märe kommen: Was einer je vom Gral begehrt, 415 Das ward ihm in die Hand gewährt, Speise warm und Speise kalt, Ob sie frisch sei oder alt, Ob sie wild sei oder zahm. Wer meint, dass dies zu wundersam 420 Und ohne Beispiel wäre, Der schelte nicht die Märe. Dem Gral entquoll ein Strom von Segen, Vom Glück der Welt ein vollster Regen. Er galt fast all dem Höchsten gleich, 425 Wie man’s erzählt vom Himmelreich. In kleinen goldnen Schalen kam, Was man zu jeder Speise nahm: Gewürze, Pfeffer, leckre Brühn. Ass einer zaghaft oder kühn, 430 Sie fanden insgesamt genug, Wie man’s mit Anstand vor sie trug. Wein, Maulbeertrank, Siropel rot, Wonach den Becher jeder bot, Und welchen Trank er mochte nennen, 435 Den konnt’ er gleich darin erkennen, Alles durch des Grales Kraft. Die ganze werte Ritterschaft War so zu Gaste bei dem Gral. Wohl sah mit Staunen Parzival 440 Die Pracht der Wunder sich bezeigen; Jedoch aus Anstand wollt’ er schweigen. Er dachte: der getreue Mann, Gurnemanz, befahl mir an, Vieles Fragen zu vermeiden. 445 Drum will ich höflich mich bescheiden Und warten, bis man ungefragt, Von diesem Haus mir alles sagt, Wie man bei Gurnemanz getan Drauf sah er einen Knappen nahn 450 Mit einem Schwerte schön und stark; Die Scheide galt wohl tausend Mark, Der Griff ein einziger Rubin. Das ward vom Wirt dem Gast verliehn: “Ich hab’ es oft im Kampf getragen, 455 Bis Gott am Leibe mich geschlagen. Herr, nehmt es als Ersatz entgegen, Sollt’ man Euch hier nicht wohl verpflegen.” Ach dass auch jetzt er nicht gefragt! Um seinetwillen sei’s geklagt, 460 Da mit dem Schwert, das er empfing, Die Mahnung doch an ihn erging. Auch jammert mich sein Wirt zumal; Denn von der ungenannten Qual Würd’ er durch seine Frage frei. 465 Damit war nun das Mahl vorbei.
[Notes: 3: The blundering Parzival has now been instructed in the ways of knighthood by the gray-haired Prince Gurnemanz, who has told him to avoid asking questions about what he sees. With this caution in mind Parzival fails to inquire into the malady of the mysterious sick man in the Grail castle--a fateful error which involves him in long wanderings during which he despairs of God. The sick man is his uncle Anfortas, whom he is destined after a lapse of years, to heal by a simple question and to succeed as king of the Grail. 4: Green silk from Arabia.]
_From Book 16, lines 332-458: Parzival, as purified king of the Grail and unswervingly faithful husband, is reunited to his wife Kondwiramur._
“Geheimnisreich ist Gottes Tat,” Sprach er,[5] “wer sass in seinem Rat? Wer kennt die Grenzen seiner Macht? Kein Engel hat sie ausgedacht, 335 Ja, Gott ist Mensch,” so fuhr er fort, “Ist seines Vaters ew’ges Wort, Ist Vater und ist Sohn zugleich, Sein Geist an Hilfe gross und reich. Ein Wunder seltsam rätselvoll 340 Ist hier geschehn; durch Euren Groll Rangt Ihr ab dem höchsten Willen, Eures Herzens Wunsch zu stillen. Mir tat einst Eure Mühsal leid; Denn unerhört zu aller Zeit 345 War’s, mit Gewalt der Waffen Den Gral sich zu erraffen. Ich hätt’ Euch gern den Wunsch benommen. Doch anders ist’s mit Euch gekommen: Euch ward der herrlichste Gewinn. 350 Nun kehrt an Demut Euren Sinn!” Drauf Parzival: “Mein Weib ist nah. Ich will sie sehn, die ich nicht sah Nun seit fünf langen Jahren. Da wir beisammen waren, 355 War sie mir lieb und ist es noch. Drum lass mich ziehn! Dein Rat jedoch Soll mir verbleiben bis zum Tod. Du rietest mir in grosser Not.” So schied er von dem heil’gen Mann, 360 Die Nacht durch ritt er fort im Tann; Der Weg war seinen Degen kund. Am Morgen fand er lieben Fund: Manch Zelt geschlagen auf dem Plane, Vom Lande Brobarz manche Fahne, 365 Der mancher Schild gefolgt von fern. Da lagen seines Landes Herrn. Er fragte nach der Fürstin Zelt; Das stand für sich abseits im Feld, Von kleinen Zelten rings umfangen. 370 Ihr Ohm, schon früh auf, kam gegangen; Noch war der Blick des Tages grau. Da sah er halten auf der Au Ein Volk’ von Rittern und von Knappen, Erkannte gleich des Grales Wappen 375 Und eilte Herrn und Degen Mit Willkommsgruss entgegen, Befahl auch, dass ein Jungherr lief Und rasch der Herrin Marschall rief, Die Gäste für den Morgen 380 Behaglich zu versorgen. Den König führt’ er an der Hand Hin, da die Kleiderkammer stand, Ein klein Gezelt von Buckeram, Wo man den Harnisch von ihm nahm. 385 Noch war der Herrin nichts bewusst. Da fand er seiner Augen Lust: Im weiten Zelte schlief die Schöne Und bei ihr seine kleinen Söhne, Loherangrin und Kardeis, 390 Und hier und dort umher im Kreis Lagen lichter Fraun genug. Der Oheim auf die Decke schlug Und rief: “Willst du erwachen, So wirst du fröhlich lachen!” 395 Aufblickend sah sie ihren Mann. Ihr Hemd nur hat die Herrin an, Die nun die Decke um sich schwang, Vom Bette auf den Teppich sprang, Und Parzival, er drückte 400 Ans Herz die Holdbeglückte. Man sagte mir, sie küssten sich. Sie sprach: “So hat das Glück mir dich Gesendet, Herzensfreude mein! Sollst Gott und mir willkommen sein! 405 Nun sollt’ ich zürnen, kann es nicht. Heil sei dem Tag und seinem Licht, Der dies Umfangen mir gebracht, Das all mein Leid zunichte macht! Des Herzens Wunsch, ich halt ihn hier, 410 Und Sorge hat kein Teil an mir.” Nun wachten auch die Kinderlein. Er beugt sich zärtlich zu den zwein Und küsste sie, die nackend lagen. Der Ohm hiess sie von dannen tragen, 415 Und auch die Frauen sandt’ er fort. Die grüssten erst mit freud’gem Wort Den Herren nach der langen Reise; Dann führt sie aus dem Zelte leise Der gute Ohm, der Parzival 420 Seinem holden Weib befahl. Noch war es früh; drum liessen wieder Die Kämm’rer rings die Zeltwand nieder. Hat ihn einst Blut und Schnee[6] verzückt, Im Liebesweh sich selbst entrückt, 425 Dafür--es war auf dieser Flur-- Gab ihm Ersatz Kondwiramur, Die rot wie Blut und weiss wie Schnee. An keinem Ort sonst nahm er je Minnetrost für Minnenot, 430 Den manches Weib ihm liebend bot.
[Notes: 5: The speaker is the wise old hermit Trevrizent, who has cleared up for Parzival the mystery of the Grail and led him to inward peace. 6: In Book 6 it is related that Parzival, riding away from the castle of the Grail, comes upon three drops of blood in the snow--the blood of a wild goose that had been attacked by a falcon. The red and white remind him of Kondwiramur and he sinks into a moody trance.]
+XXV. GOTTFRIED VON STRASSBURG+
Pre-eminent as a graceful and cunning psychologist of sensual passion. His great work--all that we have from him except some lyric poems--is the love-intoxicated romance of Tristan and Isold, which he began early in the 13th century and did not live to complete. For this his principal source was the French trouvère, Thomas of Brittany, who composed his _Tristan_ in England about 1180. Of this French poem only a few fragments are extant. The original Tristan-saga contained elements of revolting savagery, but in Gottfried’s poem, as in the fragments of Thomas, it is transformed into a courtly romance of love--an illicit love that defies conscience and the world and remains faithful unto death. The selections are from the translation by W. Hertz, 4th edition, Stuttgart, 1904.
_From ‘Tristan,’ Book I, lines 119-242: The goodness of love and love-stories._
Ich weiss es sicher wie den Tod Und hab’s erkannt in eigner Not: 120 Wer minnt mit edlem Sinne, Liebt Mären von der Minne. Drum wer nach solchen trägt Begier, Der hat nicht weiter als zu mir. Ich künd’ ihm süsse Schmerzen 125 Von zweien edlen Herzen, Die Liebe trugen echt und wahr, Ein sehnend junges Menschenpaar, Ein Mann, ein Weib, ein Weib, ein Mann, Tristan Isold, Isold Tristan. 130 Treu, wie ich las die Kunde Von ihrem Liebesbunde, So leg’ ich sie mit willigem Sinn Allen edlen Herzen hin, Dass sie durch Kurzweil dran genesen; 135 Das ist sehr gut für sie zu lesen. Gut? fraget ihr. Ja, innig gut, Macht lieb die Liebe, rein den Mut, Stählt die Treue, ziert das Leben; Wohl kann’s dem Leben Zierden geben. 140 Denn wo man höret oder liest, Wie Herz sich treu zum Herzen schliesst, Da lernen die Getreuen Sich recht der Treue freuen. Liebe, Treue, steter Mut, 145 Ehre und manch andres Gut Stehn nirgends so dem Herzen nah, Sind nirgends ihm so lieb wie da, Wo man von Herzeliebe sagt Und Herzeleid von Liebe klagt. 150 Lieb’ ist selig allezeit, Ein Ringen so voll Seligkeit, Dass ohne ihre Lehre Nicht Tugend ist noch Ehre. Da Liebe so das Leben weiht, 155 Da so viel Tugend sie verleiht, Ach, dass nicht alles, was da lebt, Nach rechter Herzensliebe strebt; Dass ich so wenig finde deren, Die lautres herzliches Begehren 160 Um Freundes willen mögen leiden, Nur um den armen Schmerz zu meiden, Der bei der Lieb’ zu mancher Stund’ Verborgen liegt im Herzensgrund. Wie litte nicht ein edler Mut 165 _Ein_ Weh für tausendfaches Gut, Für grosse Freude kleinen Gram? Wem niemals Leid von Liebe kam, Dem kam auch Lust von Liebe nie: Lust und Leid, wann liessen die 170 Im Lieben je sich scheiden? Man muss mit diesen beiden Lob und Ehre sich erwerben Oder ohne sie verderben. Von denen diese Märe kündet, 175 Hätten sie nicht treu verbündet Um Herzenswonne sehnend Klagen In einem Herzen einst getragen, Es war’ ihr Name im Gedicht So manchem edlen Herzen nicht 180 Zum Heil und lieben Trost gekommen. Nun wird noch heute gern vernommen Und rührt noch immer süss aufs neue Ihre innigliche Treue, Ihr Glück und Jammer, Wonn’ und Not. 185 Und liegen sie auch lange tot, Ihr süsser Name lebt uns doch; Auch soll der Welt zu gute noch Lang ihr Tod und ewig leben, Den Treubegier’gen Treue geben, 190 Den Ehrbegier’gen Ehre. Die ewig neue Märe Von ihrer Treue Lauterkeit, Von ihrer Herzen Lust und Leid, Ist aller edlen Herzen Brot: 195 So lebt in uns ihr beider Tod. Wer nun begehrt, dass man ihm sage Ihr Leben, Sterben, Freud’ und Klage, Der neige Herz und Ohren her: Er findet alles sein Begehr. 200
_From ‘Tristan,’ Book 16, lines 11711-11844: The fateful love-potion._[1]
Doch als die Jungfrau und der Mann, Als nun Isolde und Tristan Den Trank getrunken, was geschah? Gleich war der Welt Unruhe da, Minne, die Herzensjägerin, 11715 Und schlich zu ihren Herzen hin. Sie liess, eh’ beide sich’s versehn, Ihr Siegspanier darüber wehn Und unterwarf sie mit Gewalt. Eins und einig wurden bald, 11720 Die zwei gewesen und entzweit. Nun hatten sie nach langem Streit In raschem Frieden sich gefunden. Der Hass[2] Isoldens war entschwunden: Minne, die Versöhnerin, 11725 Die hatte ihrer beider Sinn Von Hasse so gereinigt, In Liebe so vereinigt, Dass eins dem andern hell und klar Und lauter wie ein Spiegel war. 11730 Sie hatten nur ein einz’ges Herz: Isoldens Leid war Tristans Schmerz, Und Tristans Schmerz Isoldens Leid. Sie einten sich für alle Zeit In Freude und in Leide 11735 Und hehlten sich’s doch beide. Das tat die Scham, dass sie nichts sagten, Der Zweifel tat’s, dass sie verzagten, Sie an ihm und er an ihr. Und riss auch ihre Herzensgier 11740 Nach Einem Ziel sie blindlings fort, Sie bangten vor dem ersten Wort. Drum blieb in Scheu’ und Sorgen Ihr Sehnen noch verborgen. Als Tristan fühlt der Minne Bann, 11745 Da rief er Treu’ und Ehre an, Und diese beiden mahnten ihn, Vor ihrer Lockung zu entfliehn. Nein, dacht’ er fort und fort bei sich, Sei standhaft, Tristan, hüte dich! 11750 Lass ab und schlag dir’s aus dem Sinn. Doch drängte stets sein Herz dahin. Mit seinem Willen kämpft’ er schwer, Begehrte wider sein Begehr: Es zog ihn ab, es zog ihn an. 11755 So wand sich der gefang’ne Mann Und suchte, aus den Schlingen Sich mühsam loszuringen, Und hielt sich tapfer lange Zeit. Es ging dabei ein zwiefach Leid 11760 Seinem treuen Herzen nah: Wenn er in ihre Augen sah, Und ihm die süsse Minne Verzehrte Herz und Sinne Mit ihrem holden Angesicht, 11765 So dacht’ er an der Ehre Pflicht, Und die entriss ihn ihrem Bann. Gleich griff ihn Minne wieder an, Seine Erbekönigin, Und trieb ihn wieder zu ihr hin. 11770 Bedrängt ihn Ehr’ und Treue schwer, Minne bedrängt ihn doch noch mehr; Sie tat ihm mehr zu leide Als Treu’ und Ehre beide. Schaute sein Herz sie lachend an, 11775 So blickte weg der treue Mann; Doch sollt’ er sie nicht sehen, Wollt’ ihm das Herz vergehen. Oft, wie Gefang’ne sinnen, Oft sann er zu entrinnen, 11780 Und dachte: Sieh nach andern, Lass dein Begehren wandern Und liebe, was sich lieben lässt! Da hielt ihn stets die Schlinge fest. Oft prüft’ er sorgsam Herz und Sinn, 11785 Als spürt’ er eine Wandlung drin; Doch fand er nur darinne Isolden und die Minne. Nicht anders war es mit Isot. Sie kämpfte mit derselben Not, 11790 Auch ihr war angst und weh zu Mut. Kaum fühlt sie in der weichen Flut Der zauberischen Minne Versinken ihre Sinne, Da--in jähem Schreck und Graus 11795 Spähte sie nach Rettung aus Und wollte schnell auf und davon; Jedoch verloren war sie schon Und haltlos sank sie nieder. Sie sträubte sich dawider, 11800 Suchte nach allen Enden Mit Füssen und mit Händen Und wandte sich bald hin, bald her; Doch so versenkte sie nur mehr Die Hände und die Füsse 11805 Tief in die blinde Süsse Des Mannes und der Minne. Wie die gefang’nen Sinne Sich mochten drehn und regen, Auf allen ihren Wegen, 11810 Auf jedem Schritt, auf jedem Tritt, Ging Minne, ihre Herrin mit, Und alles, was sie dacht’ und sann, War Minne nur und nur Tristan. Doch all das blieb verschwiegen; 11815 Entzweit in stetem Kriegen War hier das Herz, die Augen dort, Scham trieb die Augen von ihm fort; Doch Minne bracht’ ihr Herz ihm dar. Und diese widerspenst’ge Schar, 11820 Scham und Minne, Mann und Magd, Die war teils mutig, teils verzagt: Die Magd begehrte nach dem Mann Und sah ihn nicht mit Augen an; Die Scham, die wollte Minne, 11825 Doch ward es niemand inne. Was mocht’ es helfen? Scham und Magd Kommt leicht zu Falle, wie man sagt; Sie haben gar ein kurzes Leben Und können nicht lang widerstreben. 11830 Isot auch unterwarf sich bald, Und sieglos weichend der Gewalt Ergab sie Leib und Sinne Dem Manne und der Minne.
[Notes: 1: Tristan, a young embodiment of all knightly virtues, has been sent to Ireland to win the hand of the peerless Isold for his old uncle Marke, King of Cornwall. He succeeds in his mission. On the voyage to Cornwall, however, it befalls by accident that he partakes with Isold of a philter prepared by her mother and intended for her and King Marke. 2: Tristan had slain Morold, a kinsman of Isold’s, wherefore she had tried, with small success, to ‘hate’ him.]
_From ‘Tristan,’ Book 24, lines 15522-15748: The ordeal of God._[3]
Der König sprach: “Frau Königin, Ich lass’ es dabei gern beruhn. Wollt Ihr uns so Genüge tun, Wie’s Eure Rede zugestand, 15525 So gebt uns sich’res Unterpfand: Kommt her, gelobt mit Wort und Eid Zum Gottesurteil Euch bereit Mit dem glühenden Eisen, Wie wir’s Euch werden weisen.” 15530 Die Herrin weigerte sich nicht; Sie schwur, die Probe vor Gericht Zu leisten nach sechs Wochen, Wie’s ihr ward zugesprochen, In der Stadt zu Karliun. 15535 Der Herr entliess die Fürsten nun; Sie kehrten heimwärts insgemein. Isolde aber blieb allein Mit Ängsten und mit Leide, Und es bedrückten beide 15540 Ihr Herz mit gleicher Schwere: Angst um ihre Ehre Und heimlich Leid, nicht minder schwer, Dass ihre Lüge sie nunmehr Zur Wahrheit sollte bringen, 15545 In diesem heissen Ringen Wusste sie nicht aus noch ein, Und darum beides, Angst und Pein, Vertraute sie dem gnäd’gen Christ, Der hilfreich in den Nöten ist; 15550 Der möchte sie entlasten. Ihm mit Gebet und Fasten Befahl sie all die Angst und Not, Und eine List erfand Isot: Im stillen Herzen hoffte sie 15555 Getrost auf Gottes Courtoisie Und schrieb an Tristan einen Brief, Der ihn nach Karliun berief, Wie er’s auch möglich mache, Dass, wenn der Tag erwache, 15560 An dem das Schiff dort lande, Er frühe sei am Strande Und da im Hafen ihrer warte. Nun, so geschah’s: er kam und harrte Im Pilgermantel arm und schlicht; 15565 Er hatte sich das Angesicht Überschminkt und aufgeschwellt Und Leib und Kleidung ganz entstellt. Als dann Isot und Marke Anhielten mit der Barke, 15570 Ersah ihn gleich die Herrin dort, Und sie erkannt’ ihn auch sofort. Und als das Schiff zu Strande stiess, Isot den Waller bitten liess, Wenn er nicht fürchte zu erlahmen, 15575 So möcht’ er doch in Gottes Namen Sie tragen von des Schiffes Rand Hinüber auf das trockne Land; Sie wollte sich in diesen Tagen Von keinem Ritter lassen tragen. 15580 Da riefen sie den Pilger an: “He, kommet näher, guter Mann, Und tragt die Herrin ans Gestad!” Der Pilger tat, wie man ihn bat: Er ging zu seiner Herrin hin 15585 Und trug Isot, die Königin, Auf seinen Armen nach dem Port. Sie raunt ihm zu mit raschem Wort, Dass, was ihm auch draus würde, Er unter seiner Bürde 15590 Mit ihr am nahen Ziele Zur Erde niederfiele. So tat er: kaum dass am Gestad Der Waller aus dem Wasser trat Aufs trockne Land, so strauchelt’ er 15595 Und fiel, als wär’s von ungefähr, Und bracht’ im Fallen es dahin, Dass er der schönen Königin Im Arme lag an ihrer Seite. Da ward ein Aufruhr im Geleite: 15600 Sie kamen gleich in Haufen Mit Stecken hergelaufen, Um ihm mit blauen Malen Den Trägerlohn zu zahlen. “Nein, nein, lasst ab!” so rief Isot, 15605 “Denn es geschah ihm nur aus Not. Der Pilger ist so matt und krank, Dass er vor Schwäche niedersank.” Dafür erscholl ihr in der Runde Ehr’ und Dank aus jedem Munde. 15610 Sie lobten’s im Gemüte, Dass sie mit solcher Güte Verteidigte den armen Wicht. Sie sprach mit lächelndem Gesicht: “Welch Wunder wäre nun daran, 15615 Wenn dieser fremde Pilgersmann Mit mir zur Kurzweil wollte scherzen?” So gewann sie alle Herzen, Da sie so milde sich erwiesen, Und Frau Isolde ward gepriesen 15620 Und hochgerühmt von manchem Mann. Doch Marke sah das alles an Und hörte schweigend jedes Wort. Sie aber fuhr zu scherzen fort: “Nun weiss ich nicht, was draus entsteht, 15625 Dass ich doch, wie ihr selber seht, Von heut an nicht mehr schwören kann, Dass ausser Marke nie ein Mann Mir in den Arm gekommen, Noch einer je genommen 15630 Sein Lager mir zur Seiten.” So scherzten sie im Reiten, Und war der arme Waller Fortan im Munde aller, Bis sie zum Stadttor zogen ein. 15635 Da waren Pfaffen viel und Lai’n, Barone, Ritterschaft in Menge, Gemeinen Volks ein gross Gedränge, Bischöfe und Prälaten auch, Die hielten da nach heil’gem Brauch 15640 Das Amt und weihten das Gericht. Gewärtig ihrer strengen Pflicht Harrten schon die Weisen; Im Feuer lag das Eisen. Die gute Königin Isold, 15645 Die hatt’ ihr Silber und ihr Gold Und was vom Schmuck ihr war zuhanden, Samt ihren Rossen und Gewanden Dahingeschenkt um Gottes Huld, Dass Gott an ihre wahre Schuld 15650 Zur Stunde nicht gedächte Und, sie zu Ehren brächte. So war zum Münster sie gekommen Und hatte Messe da vernommen Mit inniglichem Mute. 15655 Andächtig sah die Gute Zu Gott auf, dem sie sich vertraut. Sie hatte auf der blossen Haut Ein rauhes härnes Hemd und dann Ein wollnes Röcklein drüber an, 15660 Das ihr, wenn’s an ihr niederhing, Nicht auf die zarten Knöchel ging. Die Ärmel waren aufgezogen Bis nahe an den Ellenbogen, Arm’ und Füsse waren bloss. 15665 Da rührt ihr Anblick und ihr Los Manch Herz und Auge mit Erbarmen; Wie dürftig war das Kleid der Armen, Wie bleich, wie trübe sah sie drein! Hiemit kam auch der Heiligenschrein, 15670 Darauf den Schwur, sie sollte tun, Und man gebot Isolden nun, Ihre Schuld an diesen Sünden Vor Gott und vor der Welt zu künden. Sie hatte Ehr’ und Leben 15675 An Gottes Huld ergeben Und bot ihr Herz und ihre Hand Furchtsam, wie es um sie stand, Dem Schreine und dem Eide. Hand und Herz im Leide 15680 Befahl sie Gottes Segen Zu hüten und zu pflegen. Doch war auch mancher in der Schar, Der hätte, alles Hochsinns bar, Der Königin den Eidschwur gern 15685 Vorgesagt im Kreis der Herrn Ihr zu Schaden und zu Falle. Ihr alter Feind voll Gift und Galle, Des Königs Truchsess Marjodo, Versuchte es bald so, bald so, 15690 Und trug es ihr zum Schaden an. Doch war auch wieder mancher Mann, Der sich selbst an ihr ehrte Und ihr’s zu Gute kehrte. So stritten sie sich her und hin 15695 Um den Eid der Königin; Der war ihr gut, der bös gesinnt, Wie’s immer geht, wo Menschen sind. “Herr König,” fiel die Herrin ein, “Was sie auch reden insgemein, 15700 Der Eid muss doch vor allen Euch und nur Euch gefallen; Und darum seht nun selber zu, Was ich hier spreche oder tu’. Ob ich den Eid Euch sage, 15705 So dass er Euch behage. Der wirre Hader schweige still; Vernehmt, was ich Euch schwören will: Dass ausser Euch kein andrer Mann Kunde meines Leibs gewann, 15710 Und dass wahrhaftig, wenn nicht Ihr, Kein Lebender auf Erden mir Im Arm und an der Seite lag Als der, den ich nicht leugnen mag-- Was würd’ es mir auch taugen, 15715 Da Ihr mit eignen Augen Ihn saht in meinem Arme-- Der Pilgersmann, der arme: So helfe mir denn, red’ ich wahr, Mein Gott und aller Heiligen Schar, 15720 So dass ich ohne Wehe Das Urteil hier bestehe. Herr, wollt Ihr mehr, gebietet nur, Und ich verbess’re Euch den Schwur In jeder Weise, wie Ihr wollt.” 15725 “Nein,” sprach der König, “Frau Isold, Soweit ich das erwägen kann, Bedünkt es mich genug hieran. Nun nehmt das Eisen auf die Hand, Und wie die Wahrheit Ihr bekannt, 15730 So helf’ Euch Gott in dieser Not!” “Amen,” sprach die Frau Isot. Sie griff es an auf Gottes Gnaden-- Und trug das Eisen ohne Schaden. Da wurde deutlich wohl und klar 15735 Vor aller Augen offenbar, Dass unsern lieben Herrgott man Wie einen Ärmel wenden kann: Er schmiegt sich an und fügt sich glatt, Wie man es nur im Sinne hat, 15740 So weich, so handsam und bequem, Wie’s artig ist und angenehm, Ist allen Herzen gleich bereit Zum Trug wie zur Wahrhaftigkeit, Zum Ernste wie zur Spielerei, 15745 Wie man’s begehrt, er ist dabei.
[Notes: 3: Having become justly suspicious of his wife’s fidelity, King Marke requires her to prove her innocence by the ordeal of the hot iron. She complies--in a way.]
+XXVI. KONRAD VON WÜRZBURG+
The most gifted of the romancers after the famous trio. He was born at Würzburg about 1230, wrote some of his earliest poems there, lived afterwards at Basel, then at Strassburg, and died at Basel in 1287. He loved the good old times of knighthood and wrote of them in facile verse whose popularity is attested by several notices. His works are rather numerous. The most important of the longer romances is _Engelhart_; of the shorter tales, _The World’s Reward_, _Otto with the Beard_, _Silvester_, and the _Story of a Heart_. This last is given below in condensed form.
+Story of a Heart.+
Ein Ritter und ein gutes Weib, Die hatten einmal Seel’ und Leib So fest verwebt in Minneglut, Dass beider Leben, beider Mut War eins geworden ganz und gar. 5 Was je der Frau zuwider war, Das war es auch dem Ritter. Davon zuletzt ward bitter Ihr Lebensende, leider. Es war die Minne beider 10 Nun worden so gewaltig, Dass sie sehr mannigfaltig Die Herzen machte schmerzen. Gross Schmerz ward ihren Herzen Von süsser Minne kund. 15 Die hatte sie bis auf den Grund Mit ihrer Flamm’ entzündet Und dergestalt ergründet In heisser Leidenschaft, Dass Worte machtlos bleiben 20 Dieselbe zu beschreiben. Doch konnten sie nun leider nicht Zusammenkommen, um die Pflicht Der Minne nach Begehr zu üben. Denn jenes Weib, gemacht zum Lieben, 25 Hatt’ einen werten Ehgemal, Der brachte beiden grosse Qual, Weil dieser, immer auf der Hut, Bewachte jenen Ritter gut, So dass er niemals konnte stillen 30 An ihr des wunden Herzens Willen, Das blutete im Busen sein. Deswegen litt er eine Pein, Die grausam war und fürchterlich. Nach ihrem Leibe minniglich 35 Begann er sich gar sehr zu quälen Und konnte seine Not verhehlen Nicht mehr vor ihrem Mann. Zur Frau begab er sich sodann Bei günstiger Gelegenheit 40 Und klagte ihr sein Herzensleid. Daraus entstand erst lang danach Für ihn ein schweres Ungemach. Der Gatte, in verdächt’gem Mut, Bewachte sie mit strenger Hut 45 So lange, bis ihm leider klar An ihrem Tun geworden war, Dass süsse Minne beider Glück Umwickelt hielt in ihrem Strick. Das tat dem guten Herrn leid; 50 Er dachte bei sich sehr gescheit: Lass ich mein Weib also gebaren, Werd’ ich an ihr nun bald erfahren, Was all mein Glück vergiftet, Wenn sie mir Schaden stiftet 55 Mit diesem werten Mann. Also, wenn ich es fügen kann, Entrück’ ich sie seinem Begehr: Über das grosse wilde Meer Will ich nun mit ihr fahren 60 Und sie auf solche Art bewahren Vor ihm, bis er dann ganz von ihr Wegwendet seines Herzens Gier. Und bald denkt sie an ihn nicht mehr: Dem, hört’ ich sagen von je her, 65 Wird nach und nach sein Lieb zu Leid, Der lebt beständig lange Zeit Von ihm getrennt. So steht mein Sinn: Ich fahre bald mit ihr dahin Und bleibe in der heil’gen Stadt, 70 Bis meine Frau vergessen hat Die Liebe, die sie überkam Von diesem Ritter lobesam. Als es dem ward bekannt, Der nach der Dame war entbrannt, 75 Beschloss der Liebende bei sich, Ihr nachzufolgen schleuniglich. Die strenge Kraft der Minne Bezwang so seine Sinne, Dass er ja um das schöne Weib 80 Hätte willig seinen Leib In den grimmen Tod gebracht. Drum wollt’ er, wie er’s ausgedacht, Nicht lang verziehen mit der Fahrt. Als nun die Dame inne ward 85 Der Absicht, die er hegte, Rief heimlich ihn, so wie sie pflegte, Zu sich das kaiserliche Weib Und sagte: “Freund und lieber Leib, Mein Mann ist auf den Plan gekommen, 90 Wie du wohl selber hast vernommen, Mich zu entfernen weit von dir. Nun, Trautgesell, gehorche mir In deiner hochholdseligen Art Und mach’ zunichte diese Fahrt, 95 Die er ersann zu meinem Weh. Fahr’ du alleine über See; Und hat er dann davon vernommen, Dass du vor ihm dahin gekommen, So bleibt er hier wohl stehen, 100 Und jener Argwohn wird vergehen, Den er auf mich gelenkt. Wenn er nun bei sich denkt: ‘Wär’ etwas Wahres an der Sünde, Der ich mein Weib für schuldig finde, 105 Hätte der Ritter solchermassen Das Land gewiss niemals verlassen.’ So wird der Argwohn bald entkräftet, Den er bisher auf mich geheftet; Auch soll es dir kein Leid bereiten, 110 Dich aufzuhalten dort im weiten, Bis das Geschwätz wird einmal stumm, Das hier zu Lande läuft herum. Und bringt der süsse reine Christ Dich wieder heim nach kurzer Frist, 115 So hast du’s besser künftiglich Mit deiner Minne, wie auch ich, Denn das Geplapper von uns zwein Wird, hoff’ ich, ausgestorben sein. Gott sei’s geklagt, dass du allhier 120 Nicht immer bleiben kannst bei mir, Und ich bei dir, wie ich begehr’. Nun komm zu mir, mein lieber Herr, Und steck’ dir dieses Ringlein an: Dich soll’s erinnern dann und wann, 125 Wie ich hier weil’ mit schwerem Sinn, Weil ich von dir geschieden bin. Jetzt küsse mich nur noch einmal Und tue, wie ich dir befahl.” Der werte Ritter trennte sich 130 Von ihr und ging wehmütiglich Ans Ufer, wo ein Schiff sich fand, Und fuhr nach dem gelobten Land. Doch schwerer wurde mit der Zeit Des Liebekranken Weh und Leid, 135 Es drang bis auf der Seele Grund, Er ward von tiefer Sorge wund Und klagte öfters von der Pein, Die wütete im Herzen sein. So lebt’ er jammervolle Tage 140 Und trieb so lange seine Klage, Bis er am Ende kam so weit In seinem grenzenlosen Leid, Dass er nicht mehr mochte leben. Solch elend Los war ihm gegeben, 145 Dass auch sein Äussres deutlich sprach Von seinem inneren Ungemach. Und als der Ritter wusste, Dass er bald sterben musste, Sprach er also zu seinem Knecht: 150 “Mein Trautgesell, vernimm mich recht! Ich sehe leider wohl, Dass ich bald sterben soll, Weil die, die ich so sehr geliebt, Grausam zu Tode mich getrübt. 155 Das ist nun meine Lage, Drum höre, was ich sage: Wenn meine allerletzte Not Vorbei ist, und ich liege tot Durch das holdselige Weib, 160 So lass aufschneiden meinen Leib Und nimm mein Herz heraus, All blutig und von Farbe graus. Sodann sollst du es salben Mit Balsam allenthalben; 165 So bleibt es frisch auf Jahr und Tag. Und höre, was ich weiter sag’. Schaff’ dir ein goldnes Büchselein, Verziert mit edelem Gestein; Darein mein totes Herze tu’ 170 Lege das Ringlein auch hinzu Und bring’ es meiner Frauen, Damit sie möge schauen, Was ich von ihr erlitten, Und wie mein Herz verschnitten 175 Um ihretwillen. Gott beglücke Meine arme Seel’ und schicke, Dass die weitentfernte Süsse Glück und Lebensfreud’ geniesse, Da ich hier nun liege tot.” 180 In solcher schweren Herzensnot Verschied der Ritter. Mit dem Toten Verfuhr der Knecht, wie ihm geboten: Er kehrte heim mit heissem Schmerz Und trug mit sich das tote Herz. 185 Doch als er durch die Gegend eilte, Wo jene hohe Frau verweilte, Kam ihm--es war sehr ungelegen-- Ihr werter Ehgemahl entgegen, Bedrohte ihn mit scharfem Wort 190 Und nahm das Herze mit sich fort. Dem Koche liess er’s überreichen, Der eine Speise sondergleichen Für seine Herrin machen sollte. Der Koch tat, wie der Schlossherr wollte, 195 Und ganz unwissentlicher Weise Genoss die Frau die ekle Speise. Es deucht’ ihr gut, sie ass es gern Und sprach also zu ihrem Herrn: “Ist dieses Essen lobesam 200 Wild gewesen oder zahm?” Der Herr erwiderte gemessen: “Du hast des Ritters Herz gegessen, Der mit so liebevollem Sinne Stets trachtete nach deiner Minne. 205 Von sehnsuchtsvoller Herzensnot Liegt er in weiter Ferne tot Und hat sein Herz in dieses Land Durch seinen Knecht zu dir gesandt.” Entsetzen traf das holde Weib, 210 Das Herz erkaltet’ ihr im Leib, Die Hände fielen ihr zum Schoss, Das Blut ihr aus dem Munde goss; Zuletzt sprach sie in tiefem Schmerz: “Ass ich also des Freundes Herz, 215 Der stetig mich geliebt so sehr, So sag’ ich Euch bei meiner Ehr’, Dass keine andre Speise mir Von diesem Tage für und für Den Mund berührt. Ich folge nach 220 Dem Freunde, der nie Treue brach; Ich weiss, ich komme bald ans Ende.” Sie faltete die weissen Hände, Es brach das Herz in ihrem Leib, Sie sank dahin ein totes Weib. 225
+XXVII. LATER MINNESINGERS+
During the 13th century the making of amatory verses in honor of a liege lady became a part of the ordinary fashion of knighthood. In time the ‘nightingales’ could be counted by the hundred. Many of them were very clever metricians, but not many found anything to express that had not been better expressed before. A few of the more noteworthy among Walter’s successors are represented in the following selections, which are taken from Obermann’s _Deutscher Minnesang_. The most original is Neidhart von Reuental, who eschewed the conventional _hohe Minne_ and sang lustily of the plebeian maid and the rustic dance.
+1+
+Reinmar von Zweter: Gebot an den Unendlichen.+
Gott, Ursprung aller guten Ding’, Gott, alle Weit’ und Breite rings umschliessend wie ein Ring, Gott, aller Höh’ Bedeckung, aller Tiefe endeloser Grund, O sieh aus deiner Göttlichkeit Herab auf deine teuer dir erkaufte Christenheit, Um die dein eingeborener Sohn ward an dem heil’gen Kreuze wund. Er hat sich uns vermählt mit seinem Blute: Die Liebe komm’ uns auch von dir zugute Um dessen will’n, durch den wir kamen Von Hölle los und Teufelsmacht. Ihm sei mit dir, Herr, Lob gebracht Als Einem Gotte mit dreifachem Namen.
+2+
+Reinmar von Zweter: Kurze Lust und langes Leid.+
Du süsses Weib! Im Herzen mein Sieh dich doch um, und find’st du dort noch wen als dich allein, So lass mich nur vergehn und ohne Trost bis an mein Ende leben. Doch herrschest du darin, o dann, Vielsüsses Weib, so nimm in Huld dich meiner mehr auch an. Mehr kann ich nicht: durch meine Augen bist du mir ins Herz gegeben. Ganz bist du, Süsse, mir hineingegangen, Ich hab’ dich oftmals heimlich drin empfangen. Wenn ich so lieb dann an dich dachte, Ein wenig wohler mir geschah; Doch dann sass ich gar traurig da, Und kurze Lust mir langes Leid stets brachte.
+3+
+Reinmar von Zweter: Der tapfere Hahn.+
Preis muss ich, Hahn, Euch zugestehn! Ihr seid in Wahrheit tapfer, wie gar oft ich hab’ gesehn, Denn Eure Meisterschaft ist gross bei Euern Fraun, sind’s noch so viel. Nun ist nur Eine mir beschert, Die doch mir alle Freude nimmt und meinen Sinn beschwert, Sie trägt das grössre Messer, und sie zürnt, wenn froh ich werden will. Hätt’ ich so zwei, dann wagt’ ich nie zu lachen, Hätt’ ich so vier, könnt’ nichts mehr froh mich machen, Hätt’ acht ich, würd’ ich nicht mehr leben können, Sie brächten mir den Tod vor Leid. O Hahn, dass Ihr so tüchtig seid, Ist Euer Glück,--Ihr meistert selbst zwölf Hennen.
+4+
+Ulrich von Lichtenstein: Glück der Hoffnung.+
In dem Walde süsse Töne Singen kleine Vögelein. Auf der Heide blühen schöne Blumen zu des Maien Schein. Also blüht auch froh mein Mut, 5 Wenn er denkt an ihre Güte, Die mir reich macht mein Gemüte, Wie der Traum dem Armen tut.
Ja, zu ihrer Tugend hege Diese Hoffnung ich, 10 Dass ich endlich sie bewege, Und sie noch beglücket mich. Dieser Hoffnung bin ich froh. Gebe Gott, dass sich’s vollende, Sie mir diesen Wahn nicht wende, 15 Der mich jetzt erfreut schon so.
Du viel Süsse, Wohlgetane, Frei von Truge, treu und stet, Lasse mich in liebem Wahne, Wenn es jetzt nicht anders geht, 20 Dass die Freude lange währ’, Ich vor Weinen nicht erwache, Nein, dem Trost entgegenlache, Der von ihrer Huld kommt her.
Lieber Wunsch und froh Gedenken 25 Ist die grösste Freude mein. Nichts soll mir den Trost beschränken, Lässt sie mich nur immer sein Ihr mit beidem nahe bei Und vergönnt mir, ihretwegen 30 Süsse Lust daran zu hegen, Wie beglückend sie stets sei.
Süsser Mai, auch du alleine Tröstest sonst die Welt fürwahr; Doch du freust selbst im Vereine 35 Mit der Welt mich kaum ein Haar. Brächtet ihr wohl Freude mir Ausser der Viellieben, Guten? Trost will ich von ihr vermuten; Ich leb’ nur des Trosts von ihr. 40
+5+
+Ulrich von Lichtenstein: Treue Liebe.+
In dem duftigsüssen Maien, Wenn erprangt des Waldes Trieb, Sieht man lieblich auch zu zweien, Was nur irgend hat ein Lieb. Eins ist mit dem andern froh, 5 Und mit Recht, die Zeit will’s so.
Wo ein Lieb zum Lieb sich reihet, Gibt die Liebe frohe Lust, Und mit hohen Freuden maiet Es fortan in jeder Brust. 10 Liebe will, dass Trauern flieht, Wo man Lieb bei Liebe sieht.
Wo zwei Lieb’ einander meinen Treulich sich von Herzensgrund, Und sich beide so vereinen, 15 Dass nie schwankt ihr Liebesbund: Für ein Leben wonniglich Schenkte Gott die beiden sich.
Treue Liebe nennt man Minne: Eins ist Lieb’ und Minne dann, 20 Dass ich sie in meinem Sinne Nimmermehr drum scheiden kann. Liebe muss im Herzen mein Immer mir auch Minne sein.
Kann ein treues Herze finden 25 Treue Liebe, treuen Mut, Muss ihm alle Trauer schwinden. Treue Liebe ist so gut, Dass sie stete Freude leiht Treuem Herzen allezeit. 30
Möcht’ ich treue Liebe finden, Wollt’ ich so getreu ihr sein, Dass ich damit überwinden Wollte alle Sorg’ und Pein. Treue Liebe hab’ ich gern, 35 Ungetreue bleib’ mir fern.
+6+
+Neidhart von Reuental: Die tanzlustige Junge.+
“Der Mai, der ist so mächtig, Drum führt er auch so prächtig Den Wald an seinen Händen, Der ist jetzt voll von neuem Laub, der Winter muss sich enden.
Ich freu’ mich an der Heide 5 Der hellen Augenweide, Die uns jetzt aufgegangen;” So sprach ein schmuckes Mägdelein, “die will ich schön empfangen.
Lasst, Mutter, ohne Weilen Mich hin zum Felde eilen 10 Und dort im Reihen springen. Ich hörte wahrlich lange nicht die Kinder Neues singen.”
“Ach nein doch, Tochter, nein doch! Dich hab’ ich ganz allein doch Genährt an meinen Brüsten; 15 Drum folg’ mir nur und lass dich ja nach Männern nicht gelüsten.”
“Den ich Euch will nennen, Den werdet Ihr ja kennen. Zu dem ich voll Verlangen Jetzt will, ist der von Reuental, ihn will ich jetzt umfangen. 20
Es grünt ja an den Zweigen, Dass berstend fast sich neigen Die Bäume tief zur Erden. Nun wisst nur, liebe Mutter mein, der Knabe muss mir werden!
Mutter, ach schon lange 25 Verlangt er nach mir bange; Soll ich dafür nicht danken? Er sagt, dass ich die schönste sei von Bayern bis nach Franken.”
+7+
+Neidhart von Reuental: Die tanzlustige Alte.+
Eine Alte fing zu springen Munter wie ein Zicklein an, sie wollte Blumen bringen. “Tochter, gib mir mein Gewand, Ich muss an des Knappen Hand, Er ist von Reuental genannt.” Trara nuretum, trara nuri runtundeie!
“Mutter, bleibt doch nur bei Sinne! Dieser Knappe denkt ja nicht je an treue Minne.” “Tochter, lass mich ohne Not; Ich weiss ja, was er mir entbot, Nach seiner Minne bin ich tot.” Trara nuretum, trara nuri runtundeie!
+8+
+Neidhart von Reuental: Die zwei Gespielen.+
Nun ist ganz vergangen Der Winter kalt. Mit Laube steht behangen Der grüne Wald. Wonniglich 5 Mit Stimmen, süss und freudiglich, So singen jetzt die Vöglein Lob dem Maien. Gehn auch wir zum Reihen!
Allen im Vereine Kam froher Sinn. 10 Blumen in dem Haine Hab’ nun weithin Ich gesehn; Aber ich kann nicht gestehn, Dass mir mein langer Liebesgram verschwinde, 15 Er, mein treu Gesinde.
Zwei Gespielen fragten, Wie’s jedem geh’. Stille sie sich klagten Ihr Herzensweh. 20 Eine sprach: “Trauer, Leid und Ungemach, Das zehret mir am Leib und allen Sinnen, Freud’ ist nicht mehr drinnen.
Es lässt mich im Gemüte 25 Leid nicht in Ruh’. Ein Freund voll hoher Güte Zwingt mich dazu. Bleibt der Mann Fern doch, der mir’s angetan, 30 Dass langes Liebesleid sich bei mir mehret Und mein Herz verzehret.”
“Sag’s nur frei von Herzen, Was fehlt denn dir? Macht dir die Liebe Schmerzen, 35 Dann folge mir: Hab’ Geduld! Ist ein lieber Mann dran schuld, So trag es still im Herzen als dein eigen. Ich will gern auch schweigen.” 40
“Nun, du wirst ihn kennen, Denn manches Mal Hört’st du wohl schon nennen Den Reuental. Sein Gesang 45 Mein Gemüte ganz bezwang. Der da weiss den Himmel zu verwalten, Mag ihn mir erhalten!”
+9+
+Tannhäuser: Gute Aussicht.+
Hört, lohnen will die Herrin mir, Der ich gedienet ohne Wank! Das ist gar schön getan von ihr, Drum sagt ihr alle euern Dank!
Abwenden soll ich nur den Rhein, 5 Dass er nicht mehr bei Koblenz geh’, Dann will sie mir willfährig sein. Und bring’ ich Sand erst aus der See,
Da wo zur Ruh’ die Sonne geht, Erhört sie mich; doch einen Stern, 10 Der grade in der Nähe steht, Den wünscht sie auch von mir recht gern.
Doch denkt mein Mut: was sie mir tut, Es soll mich alles dünken gut. Sie nahm vor mir sich gute Hut, die Reine; 15 Ausser Gott alleine Kennt niemand ja die Liebste, die ich meine.
Nähm’ ich der Elbe ihren Fall, Sagt sie, so tu’ sie mir noch wohl, Dazu der Donau ihren Schall. 20 Ei ja, sie ist gar tugendvoll!
Den Salamander muss ich ihr Erst bringen aus dem Feuer her, Dann lohnet auch die Liebste mir Und tut dann ganz mir nach Begehr. 25
Kann ich den Regen und den Schnee Wegwenden, das versprach sie mir, Dazu den Sommer, samt dem Klee, So wird auch wohl viel Liebes mir.
Doch denkt mein Mut: was sie mir tut, 30 Es soll mich alles dünken gut. Sie nahm vor mir sich gute Hut, die Reine; Ausser Gott alleine Kennt niemand ja die Liebste, die ich meine.
+10+
+Gottfried von Neifen: Die Flachsschwingerin.+
Ei ja, uns jungen Männern mag Bei Fraun es leicht mislingen. Es war mal mitten um den Tag, Da hört’ ich eine schwingen: Sie schwang Flachs, Sie schwang Flachs, ja Flachs, ja Flachs.
Guten Morgen bot ich ihr Und sprach: “Gott mög’ Euch ehren!” Die schöne Jungfer dankte mir, Ich wollte ein schon kehren. Sie schwang Flachs, Sie schwang Flachs, ja Flachs, ja Flachs.
Da sprach sie: “Weiber gibt’s hier nicht, Ihr seid wohl fehlgegangen. Eh’ Euer Will’ an mir geschicht, Säh’ ich Euch lieber hangen!” Sie schwang Flachs, Sie schwang Flachs, ja Flachs, ja Flachs.
+11+
+Steinmar: Die hübsche Bäuerin.+
Sommerzeit, wie froh ich bin, Dass ich nun kann schauen Eine hübsche Häuslerin, Krone aller Frauen! Denn ein Dirnlein, das nach Kraute 5 Geht, die ist es, die als Traute Ich ersah. Ihr zum Dienst nur bin ich da! Schau’ rings um dich! Wer verstohlen minnt, der hüte sich! 10
War vor mir sie winterlang Leider eingeschlossen, Geht zur Heide jetzt ihr Gang, Wo die Blüten sprossen; Wo sie Blumen sich zum Kranze 15 Pflücket, den sie bei dem Tanze Trägt zur Zier. Viel noch kos’ ich da mit ihr.
Ja, mich freut die Stunde schon, Wenn sie geht zum Garten, 20 Und ihr ros’ger Mund zum Lohn Mich heisst auf sie warten. Fröhlich wird dann mein Gemüte; Dass die Mutter sie nicht hüte Fernerhin, 25 Vor der ich behutsam bin.
Da ich mich nun hüten muss Vor der Mutter Tücke, Liebchen, wag’ zum guten Schluss Bald mit mir dein Glücke! 30 Brich den Trotz, der dich will hüten, Denn ich will’s dir ja vergüten; Allezeit Sei dir Leib und Gut geweiht!
Steinmar, hab’ denn frohen Mut! 35 Wird dir noch die Hehre, Die so hübsch ist und so gut, Hast du an ihr Ehre. Denn vom allerbesten Teile Dessen, was zum Erdenheile 40 Dienen kann, Wird dir reich beschert ja dann! Schau’ rings um dich! Wer verhohlen minnt, der hüte sich!
+XXVIII. POEMS OF THE DIETRICH-SAGA+
More than a dozen late-medieval epics, mostly anonymous and not precisely datable, have to do with the exploits of heroes who are the same as those that appear in the Nibelungen Lay or in some way related to them. Some of the poems are written in the Nibelungen meter, or a close approximation to it, others in short rimed couplets, still others in a peculiar stanza of twelve lines. The most of them relate to Dietrich of Bern, the doughtiest and most eminent of all the saga-heroes. Of the selections below No. 3 is given in Simrock’s translation, _Das kleine Heldenbuch_, 3rd edition, 1874.
1
_From ‘Laurin’: Dietrich and his men encounter the dwarf-king._[1]
Sie ritten auf einander los Und trafen sich mit hartem Stoss, Der eine hoch, der andre klein, Denn Laurin hatte kurze Bein’. Fehl ging des Herrn Witeges Schuss, 5 Doch traf der Zwerg, ihm zum Verdruss, Und stach ihn nieder in den Klee. Kein Unglück tat ihm je so weh. Laurin, der kühne, Sprang nieder auf das Grüne; 10 Er wollte nehmen schweres Pfand, Den rechten Fuss, die linke Hand, Und wäre Dietrich nicht gekommen, Er hätte solches Pfand genommen. Erzürnt sprang Dieterich heran, 15 Und sprach, beschirmend seinen Mann: “He da, du kleiner Wicht, Behellige ihn nicht! Er ist mir zugesellt, Das wisse ja die Welt, 20 Und mit mir hergekommen. Würd’ ihm solch Pfand genommen, Des hätt’ ich immer Schande, Wenn man es mir im Lande Nachsagte, mir dem Berner; nicht 25 So leicht ertrüg’ ich solch Gerücht.” Da sprach Laurin, der kleine Mann: “Was geht mich wohl dein Name an? Die Märe von dem Berner Will ich nicht hören ferner; 30 Davon hab’ ich genug vernommen. Mich freut, dass du hierher gekommen: Du musst mir geben schweres Pfand, Den rechten Fuss, die linke Hand. Du sollst mich kennen lernen, traun! 35 Den Garten hast du mir verhaun, Zertreten unter Füssen. Das sollst du mir nun büssen. Ich dünk’ euch wohl nicht gross, Doch wäre euer Tross 40 Dreitausend stark und mehr, Ich schlüg’ das ganze Heer.” Herr Dietrich hatte gnug gehört; Er sah sich um nach seinem Pferd, Erreichte es in schnellem Lauf, 45 Sprang ohne Stegereif hinauf, Ergriff den Ger mit starker Hand-- Da kam sein Meister Hildebrand, Und dieser vielerfahrne Mann Rief also seinen Herren an: 50 “Mein lieber Dieterich, Sei klug und höre mich! Verwirfst du meine Lehre, Verlierst du wohl die Ehre. Verkennst du doch den Wicht! 55 Dein Reiten taugt hier nicht. Hättst du die ganze Welt im Bann, Er sticht dich nieder auf den Plan; So verlierst du deine Ehr’ Und darfst dann nimmermehr 60 Als Fürst mit Fürsten gehen. Zu Fusse sollst du ihn bestehen, Steig’ ab vom Rosse auf das Feld; Das rat’ ich dir, du kühner Held. Und höre einen weitern Rat: 65 Durch Schmiedewerk, wie er es hat, Kommst du dem Zwerg, wie auch es sei, Mit Schneidewaffen niemals bei. Hau’ mit dem Knopf[2] ihm um die Ohren Und mache ihn also zum Toren. 70 So trägst du, dir und uns zum Lohn, Mit Gottes Hilf’ den Sieg davon.” Des Meisters Rat war nicht verlorn, Er sprang von seinem Ross in Zorn: “Laurin, ich widersage dir; 75 Nun, räche deinen Grimm an mir.” “Ja wohl,” so sprach der Kleine, “Das tu’ ich ganz alleine.” Den Schild zu fassen er begann Und lief den Berner hastig an. 80 Er schlug ihm einen grimmen Schlag, So dass sein Schild auf Erden lag. Des Berners Zorn war gross; Er stürtzte auf das Männlein los Und schlug auf seinen Schildesrand, 85 So dass er fiel ihm aus der Hand. Herr Dieterich von Bern Hätt’ ihn betäubet gern; Er rannt’ ihn an und mit dem Knopf Schlug er ihn grimmig auf den Kopf, 90 Dass weit und breit erklang der Ton Des Helmes und der goldnen Kron’. Es schwindelte dem Zwerg sogar, Er wusste nicht, wie’s mit ihm war. Er griff in seine Tasche klein 95 Und holte sich sein Tarnkäpplein, Worin er gleich unsichtbar ward. Jetzt ging’s dem Berner erst recht hart. Der Kleine schlug ihm hier und dort Furchtbare Wunden fort und fort, 100 So dass dem schwergeprüften Mann Dass Blut nun durch die Brünne rann. Da sprach der Held von Bern: “Ich schlüge dich ja gern, Doch weiss ich nicht zur Frist, 105 Wo du zu treffen bist. Wohin bist du gekommen? Wer hat dich mir entnommen?” Der Berner holte aus und schlug In grimmem Zorn ob dem Betrug; 110 Und ellenweit die Waffe sein Biss in die Felsenwand hinein. All unverletzt der kleine Mann Lief abermals den Berner an, Der, hart bedrängt, den Streichen 115 Nicht wusste zu entweichen. Er kam in furchtbare Gefahr, Wiewohl er stark und weise war Und sich aufs Waffenwerk verstand. Da sprach der weise Hildebrand: 120 “Wirst du von einem Zwerg erschlagen, Kann ich dich nicht so sehr beklagen. Dir könnt’ es bass gelingen, Wollt’ er nur mit dir ringen. Ergreif’ und halte fest den Butzen, 125 So ist sein Käpplein ohne Nutzen.” Der Berner sprach: “Ja, käm’s zum Ringen, Es könnte mir doch bass gelingen.” Er trug dem Zwerge grimmig Hass. Als dieser nun bemerkte, was 130 Der Held von ihm begehrte, Wie bald er’s ihm gewährte! Er schleuderte sein Schwert von sich Und stürtzte auf Herrn Dieterich. Kraftvoll ergriff der Kleine 135 Des Riesen starke Beine, Und beide fielen in den Klee; Die Schande tat dem Berner weh. Da sprach--er war ja gleich zur Hand-- Der weise Meister Hildebrand: 140 “Dietrich, lieber Herre mein, Zerreiss’ ihm doch das Gürtelein, Davon er hat Zwölfmännerkraft; So magst du werden siegehaft.” Nun ging es an ein starkes Ringen, 145 Noch wollt’s dem Berner nicht gelingen. Gross war Herrn Dieterichs Bemühn: Man sah’s ihm aus dem Munde sprühn, Wie Feuer aus der Esse tut; Nicht mehr verträglich war sein Mut. 150 Zuletzt griff er ins Gürtlein zäh Und hob das Zwerglein in die Höh’ Mit rasender Gebärde Und schmiss es auf die Erde. Ums Gürtlein war es jetzt getan, 155 Dem Laurin war es übel dran; Denn als der Kleine fiel zu Hauf, Griff Hildebrand das Gürtlein auf, Das jenem Riesenkraft verlieh. Jetzt kam der Zwerg in Not; er schrie 160 Und heulte, dass der Schall Ertönte über Berg und Tal. Demütig rief er Dietrich an: “Warst du je ein guter Mann, So friste mir das Leben. 165 Ich will mich dir ergeben, Ich will dir werden untertan Mit meinem Gut von heute an.”
[Notes: 1: The locus is the mountains of Tirol. Laurin, the diminutive dwarf-king, has a rose-garden the trespasser upon which must lose a hand and foot. The arrogant Witege, Dietrich’s man, wantonly tramples down the roses; whereupon Laurin assails him, in knightly fashion, on horseback. 2: The ‘pommel’ of his sword.]
2
_From the ‘Lay of Ecke’: Ecke’s death and Dietrich’s remorse._[3]
Die Schwerter warfen sie von sich Und rangen nun gewältiglich Auf freier Stätt’ im Walde. Einander taten sie so weh, Dass Blut begoss den grünen Klee 5 Hinab die Bergeshalde. Gen einen Baum der Berner zwang Den riesenhaften Ecke; Das Blut ihm aus den Wunden drang, Betäubet ward der Recke. 10 Der Berner drückte ihn aufs Gras Mit solcher fürchterlichen Kraft, dass er kaum noch genas.
Der mächt’ge Ecke war gefällt, Und auf ihm lag der edle Held, Herr Dieterich von Berne: 15 “Dein Leben steht in meiner Hand, Gib mir sofort dein Schwert zum Pfand, Du, der du kämpfst so gerne. Tust du es nicht, musst du den Tod Von meiner Hand erdulden. 20 Drum hilf dir selber aus der Not Und komme mir zu Hulden. Du wirst geführt an meiner Hand Gefangen vor die Frauen drei; so werd ich dort bekannt.”
Der Riese sprach, ein Recke wert: 25 “Dir geb’ ich nicht mein gutes Schwert, Du lobenswerter Degen. Drei Königinnen wohlgestalt Schickten mich her in diesen Wald, Wo ich dir jetzt erlegen. 30 Doch eher als gefangen gehn Mit dir nun nach Jochgrimme Vor jene Königinnen schön,” Rief er mit lauter Stimme, “Und deren Spott in Angst und Not 35 Aushalten zu Jochgrimme dort, erkür’ ich hier den Tod.”
Der lobenswerte Held von Bern Vernahm des Feigen[4] Wort nicht gern, Er sprach: “Es reut mich, Ecke. Kann es also nicht anders sein, 40 Verlierst du bald das Leben dein, Du ausgewählter Recke. Also erweiche deinen Sinn Im Namen aller Frauen; Sonst hast du grossen Ungewinn, 45 Wie du sogleich wirst schauen. Mit wildem Hass blickst du mich an, Und stündst du einmal auf, müsst’ ich den Tod empfahn.”
Er riss den Helm ihm zornig ab, Doch war der Schwertstich, den er gab, 50 Ein nutzloses Beginnen, Denn zähes Gold schirmt’ ihm den Kopf. Er schlug ihn grimmig mit dem Knopf, Das Blut begann zu rinnen Ihm allenthalben durch das Gold, 55 Es schwanden ihm die Sinne; Der rechte Lohn war ihm gezollt. Er öffnet’ ihm die Brünne, Die herrliche von Golde rot, Und stach ihn mit dem Schwerte durch; dazu zwang ihn die Not. 60
Als er den Sieg ihm abgewann, Da stand er ob dem kühnen Mann Und sprach die Trauerworte: “Mein Sieg und auch dein junger Tod, Sie machen mich nun reuerot; 65 Ich muss an jedem Orte Erscheinen als der Ehre bar, Das klag’ ich dir dem Feigen. Wohin ich auch im Lande fahr’, Wird jeder auf mich zeigen 70 Mit starker Abscheu im Gesicht Und sagen: Seht den Berner da, der Könige ersticht.
Da diese Tat einmal getan, Bleib’ ich nun ohne Lob fortan Und ohne Fürstenehre. 75 Wohlan denn, Tod, nimm du mich hin, Da ich der Ungetreue bin; Wer gab mir diese Lehre? Dass ich dich, junger Held, erstach, Es muss mich ewig dauern. 80 Zu Gott klag’ ich mein Ungemach Mit wehmutsvollem Trauern. Ich kann’s verhehlen vor der Welt, Doch denk’ ich selbst daran, ist all mein Glück vergällt.”
[Notes: 3: Ecke is a redoutable young giant whose conceit leads him to seek an encounter with Dietrich of Bern. Three queens promise him the choice among them if he brings the famous man to them, so that they can see him. At first Dietrich refuses to fight, but Ecke finally goads him to it with insults. After a fierce battle Ecke is killed. 4: In the archaic sense of ‘mortally wounded,’ ‘doomed to death.’]
3
_From the ‘Rose-garden,’ Adventure 11: The battle between Dietrich and Siegfried._[5]
Vermessentlich die Helden zwei scharfe Schwerter zogen, Dass spannenlange Scherben von ihren Schilden flogen. Um die Späne von den Schilden weinte manches Weib: “Sollen zwei Fürsten milde verlieren Leben und Leib,”
Sprachen sie, “der Königin zu lieb, das ist zu viel!” 5 “Lasst sie fechten,” sprach Kriemhild, “es ist mir nur ein Spiel.” Da fochten mit einander die beiden kühnen Degen Mit ungefügen Sprüngen, dazu mit grossen Schlägen.
Der Küsse dachte Siegfried, die er bei Kriemhild empfing; Da kam zu neuen Kräften der kühne Jüngling, 10 Man sah ihn mordlich fechten, das will ich euch sagen. Da begann er im Kreise Dietrichen umzujagen.
Da sprach die schöne Kriemhild: “Nun schaut, ihr Frauen mein, Das ist der kühne Siegfried, der Held vom Niederrhein. Wie treibt er den Berner umher auf grünem Feld! 15 Noch trägt mein lieber Siegfried das Lob vor aller Welt.”
Siegfried der edle war ein starker Mann, Jetzt lief er gewaltig Dietrichen an; Er schlug ihm eine Wunde durch seinen Eisenhut, Dass man hernieder rinnen ihm sah das rote Blut. 20
“Wie hält sich unser Herre?” frug heimlich Hildebrand. “Er ficht leider übel,” sprach Wolfhart allzuhand; “Eine tiefe Wunde hat er durch seinen Eisenhelm, Er ist mit Blut beronnen, er ficht recht wie ein Schelm.”
“Er ist noch nicht im Zorne,” sprach da Hildebrand. 25 “Nun ruf’ in den Garten, du kühner Weigand, Und sag’ ich sei gestorben, er habe mich erschlagen;[6] Wenn das ihn nicht erzürnet, dann mögen wir wohl klagen.”
Wolfhart rief in den Garten, dass weit die Luft erscholl: “O weh mir meines Leides, das ist so gross und voll! 30 Hildbrand ist erstorben, wir müssen ihn begraben. O weh, du Vogt von Berne, was hast du ihn erschlagen!”
“Ist Hildebrand gestorben,” rief der Held von Bern, “So findet man an Treue ihm keinen gleich von fern. Nun hüte deines Lebens, Siegfried, kühner Mann, 35 Es ist mein Scherz gewesen, was ich noch stritt bis heran.
Wehr’ dich aus allen Kräften, es tut dir wahrlich not. Uns beide scheidet niemand als des einen Tod. Ich hab’ um deinetwillen verloren einen Mann, Den ich bis an mein Ende nimmer verwinden kann.” 40
Wie ein Haus, das dampfet, wenn man es zündet an, So musste Dietrich rauchen, der zornige Mann. Eine rote Flamme sah man gehen aus seinem Mund. Siegfried’s Horn erweichte; da ward ihm Dietrich erst kund.
Er brannte wie ein Drache, Siegfrieden ward so heiss, 45 Dass ihm vom Leibe nieder durch die Ringe floss der Schweiss. Den edeln Vogt von Berne ergriff sein grimmer Zorn: Er schlug dem kühnen Siegfried durch Harnisch und durch Horn,
Dass ihm das Blut, das rote, herabsprang in den Sand; Siegfried musste weichen, wie kühn er eben stand. 50 Er hatt’ ihn hin getrieben, jetzt trieb ihn Dietrich her; Das sah die schöne Kriemhild, die begann zu trauern sehr.
Der Berner schnitt die Ringe, als wär’ es faules Stroh; Zum erstenmal im Leben sah man, dass Siegfried floh. Da jagt’ ihn durch die Rosen der Berner unverzagt; 55 Nun säumte sich nicht länger die kaiserliche Magd.
Sie sprang von ihrem Sitze, ein Kleid sie von sich schwang, Kriemhild in grosser Eile hin durch die Rosen drang. Da rief mit lauter Stimme die Königstochter hehr: “Nun lasst von Eurem Streite, Dietrich, ich fleh’ Euch sehr. 60
Steht ab um meinetwillen, und lasst das Kämpfen sein; Euch ist der Sieg geworden zu Worms an dem Rhein.” Da tat der Vogt von Berne, als hätt’ er’s nicht gehört, Er schlug mit seinem Schwerte, schier hätt’ er ihn betört.
Er hörte nichts von allem, was die Königstochter sprach, 65 Bis er dem kühnen Siegfried vollends den Helm zerbrach. Wie viel man der Stühle zwischen die Streiter warf, Die zerhieb der Berner mit seinem Schwert so scharf.
Da warf sie ihren Schleier über den kühnen Degen; So dachte sie dem Gatten zu fristen Leib und Leben. 70 Da sprach die Königstochter: “Bist du ein Biedermann, So lass ihn des geniessen, dass er meine Huld gewann.”
Da sprach der Held von Berne: “Die Rede lasset sein; Wessen Ihr mich bittet, zu allem sag’ ich nein. Euch Ritter und euch Frauen, ich bring’ euch all’ in Not; 75 Ihr müsst vor mir ersterben, da Hildebrand ist tot.”
Alles, was im Garten war, wollt’ er erschlagen, Dietrich in seinem Zorne, wie wir hören sagen. Hildebrand der alte tat als ein Biedermann, Er sprang in den Garten und rief seinen Herren an. 80
Er sprach: “Lieber Herre, lasst ab von Eurem Zorn; Ihr habt den Sieg gewonnen, nun bin ich neu geborn.” Dietrich der kühne sah Hildebranden an, Da erweicht’ ihm sein Gemüte, da er stehen sah den Mann.
Der Berner liess sein Toben, er küsst’ ihn auf den Mund; 85 “Gott will ich heute loben, dass du noch bist gesund; Sonst hätte nicht verfangen ihr Flehen insgemein; Um Siegfried war’s ergangen: das schuf das Sterben dein.
Nun lass’ ich von dem Harme, da Hildbrand ist gesund.” Da schlug die Königstochter sich selber auf den Mund. 90 Da sprach Frau Kriemhild: “Ihr seid ein biedrer Mann, Dem man seinesgleichen in der Welt nicht finden kann.”
Auf setzte sie dem Berner ein Rosenkränzelein, Ein Halsen und ein Küssen gab ihm das Mägdelein. Sie sprachen einhellig: “Das mag man Euch gestehn, 95 Es ward in allen Reichen kein Mann wie Ihr gesehn.”
Siegfried dem kühnen man zu Hilfe kam, Sie führten ins Gestühle den Degen lobesam. Man zog ihm ab den Harnisch, dem kühnen Weigand; Da verbanden ihm die Wunden die Frauen allzuhand. 100
[Notes: 5: Kriemhild has at Worms a rose-garden which is guarded by twelve famous champions. She challenges Dietrich and his Amelungs to invade her garden if they dare, promising to each victor a kiss and a wreath. Eleven duels, in which Kriemhild’s man is either slain or barely holds his own, precede the encounter between the two invincibles. 6: In the preceding adventure we hear that Dietrich was at first unwilling to face Siegfried on account of his horny skin, his magic sword and his impenetrable armor. To provoke his master’s wrath--Dietrich can only fight when enraged--the faithful Hildebrand takes him aside and calls him a coward; whereat Dietrich knocks him down--to the old man’s private satisfaction.]
+XXIX. MEYER HELMBRECHT+
A metrical novelette written about 1250 by a man who calls himself Wernher the Gardner. The locus of the story, which is interesting as a picture of the times, is the region about the junction of the Inn and the Salzach. Its hero is a depraved young peasant, who gets the idea that the life of a robber knight would be preferable to hard work upon his father’s farm. So he dresses himself in fine clothes to ape the gentry, becomes a robber and commits all manner of outrages until one day he is caught and hanged by a party of his victims. In the course of his career he revisits his former home and compares notes with his father. The selection is from Bötticher’s translation in Part II of Bötticher and Kinzel’s _Denkmäler_.
_Lines 844-986: The old knighthood and the new._
Als sie in Freuden assen, Da konnt’s nicht länger lassen 845 Der Vater, ihn zu fragen Nach höfischem Betragen, Wie er’s bei Hof gelernt jetzund. “Mein Sohn, die Sitten tu mir kund, So bin ich auch dazu bereit, 850 Zu sagen, wie vor langer Zeit In meinen jungen Jahren Die Leut’ ich sah gebaren.” “Ach Vater, das erzähle jetzt, Ich geb’ auch Antwort dir zuletzt 855 Auf alle deine Fragen Nach höfischem Betragen.” “Vor Zeiten, da ich Knecht noch war Bei meinem Vater manches Jahr, --Den du Grossvater hast genannt-- 860 Hat der mich oft zu Hof gesandt Mit Käse und mit Eiern, Wie’s heut noch Brauch bei Meiern. Da hab’ die Ritter ich betrachtet Und alles ganz genau beachtet. 865 Sie waren edel, kühn und treu, Von Trug und niederm Sinne frei, Wie’s leider heut nicht oft zu schaun Bei Rittern und bei Edelfraun. Die Ritter wussten manches Spiel, 870 Das edlen Frauen wohlgefiel. Eins wurde Buhurdier’n[1] genannt, Das tat ein Hofmann mir bekannt, Als ich ihn nach dem Namen fragte Des Spiels, das da so wohl behagte. 875 Sie rasten dort umher wie toll --Drob war man ganz des Lobes voll,-- Die einen hin, die andern her. Jetzt sprengte dieser an und der, Als wollt’ er jenen niederstossen. 880 Bei meinen Dorfgenossen Ist selten solcherlei geschehn, Wie dort bei Hof ich’s hab’ gesehn. Als sie vollendet nun das Reiten, Da sah ich sie im Tanze schreiten 885 Mit hochgemutem Singen; Das lässt Kurzweil gelingen; Bald kam ein muntrer Spielmann auch, Der hub zu geigen an, wie’s Brauch. Da standen auf die Frauen, 890 Holdselig anzuschauen. Die Ritter traten jetzt heran Und fassten bei der Hand sie an; Da war nun eitel Wonne gar Bei Frauen und der Ritterschar 895 Ob süsser Augenweide. Die Junker und die Maide, Sie tanzten fröhlich allzugleich Und fragten nicht, ob arm, ob reich. Als auch der Tanz zu Ende war, 900 Trat einer aus der edlen Schar Und las von einem, Ernst[2] genannt; Und was von Kurzweil allerhand Am liebsten jeder mochte treiben, Das fand er dort: Nach Scheiben 905 Mit Pfeil und Bogen schoss man viel; Die andern trieben andres Spiel, Sie freuten sich am Jagen. O weh, in unsern Tagen Wär’ nun der Beste, das ist wahr, 910 Wer dort der Allerschlecht’ste war. Da wusst’ ich wohl, was Ehr’ erwarb, Eh’ leid’ge Falschheit es verdarb. Die falschen, losen Gesellen, Die boshaft sich verstellen, 915 Nicht Recht und Sitte kennen,-- Niemand wollt’s ihnen gönnen, Zu essen von des Hofes Speise. Heut ist bei Hofe weise, Wer schlemmen und betrügen kann; 920 Der ist bei Hof der rechte Mann Und hat an Geld und Gut und Ehr’ Ach, leider immer noch viel mehr Als einer, der rechtschaffen lebt Und fromm sich Gottes Huld erstrebt. 925 So viel weiss ich von alter Sitte; Nun, Sohn, tu mir die Ehr’, ich bitte, Erzähle von der neuen nun.” “Das, Vater, will ich treulich tun. Jetzt heisst’s bei Hof nur: Immer drauf, 930 Trink, Bruder, trink, und sauf und sauf! Trink dies, so sauf’ ich das: juchhe! Wie könnt’ uns wohler werden je? Nun höre, was ich sagen will: Einst fand man edle Ritter viel 935 Bei schönen, werten Frauen. Heut kann man sie nur schauen, Wo unerschöpflich fliesst der Wein. Und nichts macht ihnen Müh’ und Pein Vom Abend bis zum Morgen, 940 Als nur das eine Sorgen, Wenn nun der Wein zur Neige geht, Ob sie der Wirt auch wohl berät Und neuen schafft von gleicher Güte. Da suchen Kraft sie dem Gemüte. 945 Ihr Minnesang heisst ungefähr: Reich, Schenkin, schnell den Becher her! Komm, süsses Mädchen, füll’ den Krug, ‘s gibt Narr’n und Affen noch genug. Die, statt zu trinken, ihren Leib 950 Elend verhärmen um ein Weib. Wer lügen kann, der ist ein Held, Betrug ist, was bei Hof gefällt, Und wer nur brav verleumden kann, Der gilt als rechter höf’scher Mann. 955 Der Tüchtigste ist allerorten, Wer schimpft mit den gemeinsten Worten. Wer so altmodisch lebt wie ihr, Der wird bei uns, das glaubet mir, In Acht und schweren Bann getan. 960 Und jedes Weib und jeder Mann Liebt ihn nicht mehr noch minder Als Henkersknecht und Schinder. Und Acht und Bann ist Kinderspott.”[3] Der Alte sprach: “Erbarm’ sich Gott! 965 Ihm klag’ ich täglich neu das Leid, Dass sich das Unrecht macht so breit. Dahin ist der Turniere Pracht, Dafür hat Neues man erdacht. Einst rief man kampfesfreudig so: 970 Frisch auf, Herr Ritter, frisch und froh! Jetzt aber schallt’s an allen Tagen: Hussa, Herr Ritter, auf zum Jagen, Stich hier und schlag’ zu Tode den, Und blende, wer zu gut kann sehn. 975 Dem dort hau’ frisch nur ab das Bein, Den lass der Hände ledig sein. Lass den am nächsten Baume hangen, Doch jenen Reichen nimm gefangen, Er zahlt uns gerne hundert Pfund.” 980 “Mir sind die Sitten alle kund, Mein Vater, und ich könnte eben Von diesem neuen Brauch und Leben Noch viel erzählen, doch heut nicht mehr; Ich ritt den ganzen Tag umher, 985 Und mich verlangt nach Ruhe nun.”
[Notes: 1: A sham battle between two troops of mounted knights. 2: That is, Duke Ernst; see above, No. xvii. 3: That is: We pay no attention to the decrees of the courts.]
_Lines 1700-1790: Helmbrecht’s sad end._
Wohin er kam bei seinem Wandern, 1700 Da zeigt’ ein Bauer ihn dem andern Und schrie ihn an und seinen Knecht: “Haha! Du dieb’scher Schuft, Helmbrecht, Wärst du ein Bauer noch wie ich, Man führte nicht als Blinden[4] dich.” 1705 Ein Jahr lang litt er solche Not, Bis durch den Strang er fand den Tod. Ich sag’ euch nun, wie das geschah. Ein Bauer ihn von weitem sah, Als eines Tags er durch den Wald 1710 Hinstrich um seinen Unterhalt. Der Bauer spaltete mit andern Sich Holz; da sah er Helmbrecht wandern, Der eine Kuh ihm einst genommen, Die sieben Bänder[5] schon bekommen. 1715 Gleich sprach er zu den lieben Freunden, Dass sie zur Rachetat sich einten. “Wahrhaftig,” fiel gleich einer ein, “In Stücke reiss’ ich ihn so klein, Wie Stäubchen in dem Sonnenlicht, 1720 Nimmt ihn vorweg ein andrer nicht. Denn mir und meinem Weibe Zog er hinweg vom Leibe Das letzte Kleid, das unser war; Drum ist er mein mit Haut und Haar.” 1725 Ein dritter, der dabei stand sagte: “Und wenn er aus sich drei auch machte, Ich wollt’ ihn töten doch allein. Der Schuft schlug Schloss und Türen ein Und nahm aus Küch’ und Keller frech 1730 Mir auch den letzten Vorrat weg.” Dem vierten, der das Holz zerhieb, Vor Wut kaum noch die Sprache blieb: “Ich reisse gleich den Kopf ihm ab Und denke, dass ich Ursach’ hab’. 1735 Mein Kind in einen Sack er stiess, Dieweil’s noch schlummerte so süss. Mitsamt den Betten stopft’ er’s ein, In dunkler Nacht blieb ich allein. Und als es schrie vor Schmerz und Weh, 1740 Da schleudert’ er’s in kalten Schnee. Da wär’ es elend umgekommen, Hätt’ ich’s nicht schnell ins Haus genommen.” Der fünfte sprach: “Ja, meiner Treu,’ Wie ich mich seines Hierseins freu’! 1745 Wie soll mein Herz sich heute weiden An seinen Qualen, seinen Leiden! Er tat Gewalt an meinem Kind; Und wär’ er dreimal noch so blind, Ich hängt’ ihn an den nächsten Baum. 1750 Ich selber rettete mich kaum Aus seinen Händen, nackt und bloss. Ja, wär’ er wie ein Haus so gross, Es wird an ihm noch heut gerochen, Nun er sich hierher hat verkrochen 1755 In diesen tiefen, dichten Wald.” “Nur näher, kommt doch näher bald!” So riefen sie, und bald ergoss Sich auf Helmbrecht der ganze Tross. Indes die Schläge auf ihn sausten, 1760 Hohnworte ihm im Ohre brausten: “Helmbrecht, die Haube[6] nimm in Acht!” Was Henkershand noch nicht vollbracht An diesem Werk voll Schmuck und Zier, Das war gar bald getan allhier. 1765 Ein grauses Bild: auch nicht ein Stück, Breit wie ein Pfennig, blieb zurück. Die Sittiche und Lerchen schön, Wie lebende fast anzusehn, Die Sperber und die Turteltauben, 1770 Und was genäht sonst auf die Hauben, Das lag zerstreut nun allerorten. Hier trieben Lockenbüschel, dorten Das Seidenzeug und blondes Haar. Wär’ sonst keins meiner Worte wahr, 1775 Ihr könntet mir doch glauben, Was ich erzähle von der Hauben. Wie jämmerlich sie ward zerrissen! Wollt ihr von einem Kahlkopf wissen? Kein kahlerer ward je gesehn. 1780 Sein Lockenhaar, so blond und schön, Das lag verachtet und zerstreut Rings auf der Erde weit und breit. Das kümmerte die Bauern nicht, Sie liessen noch den armen Wicht 1785 Die Beichte sprechen; gleich zur Stund Schob einer Helmbrecht in den Mund Ein Bröckchen Erd’[7] zu Schutz und Hut Vor Höllenfeuers heisser Glut. Dann hängten sie ihn an den Baum. 1790
[Notes: 4: Helmbrecht has had his eyes put out by a magistrate. 5: Of the ‘bands’ or ‘rings’ on the cow’s horns. She was seven years old. 6: At the beginning of the poem Helmbrecht’s elaborately embroidered hood is described at length. 7: This is not to be understood as a mockery of religion. A dying person might be shrived by a layman if no priest was at hand, a bit of earth or grass being substituted for the holy host.]
+XXX. THOMASIN OF ZIRCLAERE+
A North-Italian cleric--Zirclaere was a village in the old duchy of Friuli--who wrote a rimed treatise on manners, morals, education, etc. He wrote first in _Wälsch_, _i.e._ Italian, or more probably French, and then in German. His German title, _Der wälsche Gast_, was a bid for the hospitable reception of the foreigner’s book in Germany. And it was well received, there being evidence that it was widely read for two centuries. The poem consists of 14,752 verses in ten books and was written in 1215. There is no poetry in it, but it is interesting as a specimen of medieval didacticism.
_From the ‘French Guest,’ Book 3: Life’s compensations; riches and poverty._
Der Bauer möchte werden Knecht, Dünkt ihm einmal das Leben schlecht; Der Knecht, der wäre gern ein Bauer, Dünkt ihm einmal das Leben sauer. Der Pfaffe möchte Ritter wesen, 5 Langweilt es ihm, sein Buch zu lesen; Sehr gern der Ritter Pfaffe wär’, Wenn er den Sattel räumt dem Speer. Der Kaufmann, kommt er in die Not, Sagt: “Weh und ach, o wär’ ich tot! 10 Mir ist ein elend Los gegeben. Der Werkmann hat ein gutes Leben; Er bleibt zu Hause, sel’ger Mann, Da ich, der ich nicht werken kann, Muss fahren immer hin und her 15 Und leiden Mühsal hart und schwer.” Der Werkmann sagt: “Wie wonniglich Lebt doch der Kaufmann! Während ich Mich nachts mit harter Arbeit plag’, Schläft ja der Kaufmann, wenn er mag.” 20 Was diesem lieb, ist jenem leid; Das macht die Unbeständigkeit. Wollte ziehen der Hund am Wagen, Und der Ochse Hasen jagen, Es deuchte uns doch wunderlich. 25 Noch schlimmer aber reimt es sich, Bei diesem oder jenem Leiden Den Stand des andern zu beneiden, Der Knecht den Bauer und umgekehrt; Das ist ja beiderseits verkehrt. 30 Wird Pfaffe Ritter, Ritter Pfaffe, So handelt jeder wie der Affe, Der, sorglos ob es ihm sei recht, Ein jedes Amt bekleiden möcht’. Die Sach’ ist trüglich ganz und gar; 35 Ich sage euch, und es ist wahr: Das seine würde keiner geben, Kannt’ er nur des andern Leben. Des Armen Mühen und des Reichen, Die beiden sich vollständig gleichen. 40 Wer hat Verstand, der deutlich sieht, Dass Armut nicht den kürzern zieht. Dem Armen weh die Armut tut, Der Reiche quält sich um sein Gut. Ist man mir schuldig, tut’s mir leid, 45 Dass keine Barschaft steht bereit; Bin ich der Schuldige, leid’ ich Qualen, Weil ich nichts habe zu bezahlen. Man sieht ja, zwischen arm und reich Ist alles abgewogen gleich. 50 Der arme Mann sehnt sich nach Gut, Der reiche Mann bedarf der Hut. Gut wünschen ist des Armen Plage, Und wer es hat, kommt in die Lage, Dass er um Hilfe bitten muss; 55 Auf gleicher Stufe geht ihr Fuss. Der Arme plagt sich nach dem Gute, Dem Reichen ist es schlecht zu Mute, Weil er noch ungesättigt bleibt; Besitz die Sorgen nie vertreibt. 60 Wer hat genug und mehr noch will, Dem hilft sein Gut genau so viel, Als Rauch den Augen nützlich ist; Das ist nun wahr zu jeder Frist. Der ist sehr arm bei grossem Gut, 65 Der mehr begehrt in seinem Mut. Der hat an kleinen Dingen viel, Der hat genug und nichts mehr will. Hat jemand einen reichen Mut, Er ist nicht arm bei kleinem Gut. 70 Wem nicht genüget, was er hat, Für dessen Armut ist kein Rat: Des bösen Mannes kargem Mut Genügt ja nicht das grösste Gut. Der Geiz’ge hätte stets die Fülle, 75 Wäre nur nicht sein böser Wille. Wer nicht mit wenigem kann leben, Muss seinen Leib zu eigen geben. Der brave Mann weiss stets Bescheid In Reichtum und in Dürftigkeit. 80
Wir wenden mehr der Müh’ und List An das, was uns nicht nötig ist, Als an das Nötige sogar: Ist doch die Art sehr wunderbar. Man lässt zu Hause Kind und Weib 85 Und plagt mit Arbeit seinen Leib, Und der Gewinn ist manchmal klein; Es würd’ also viel besser sein, Wenn man mit nur geringer Müh’ Nach Tugend würbe; so gedieh’ 90 Uns Reichtum und ein grosses Gut (Ich meine in dem reichen Mut). Man gibt sehr oft den eignen Leib, Freiheit, Seele, Kind und Weib Um weniges, und wenn zur Stund’ 95 Wir’s kaufen sollten für ein Pfund, Wir liessen es ganz unberührt. Der tör’chte Mensch zu Markte führt Sein eignes Selbst und weiss nicht wie, Um lauter Sorge, Reu’ und Müh’, 100 Mit seinem Selbst kauft er was ein, Und meint, das Ding nun wäre sein; Doch mit der Zeit wird er belehrt, Dass er vielmehr dem Ding gehört. Er wäre sein, wär’ nicht sein Gut; 105 Dermassen hat er seinen Mut, Und seinen Sinn dem Gut gegeben Und muss als ein Leibeigner leben. Der, der verkauft den freien Mut, Erhält niemals ein gleiches Gut. 110 Wem sein Reichtum läufet vor, Der folget nach ihm wie ein Tor. Wer mit dem Gute unrecht tut, Der unterwirft ihm seinen Mut, Und wer es nicht beherrschen kann, 115 Der ist des Pfennigs Dienstemann. Jetzt von der Unbeständigkeit: Von grosser Lieb’ kommt grosses Leid. Was man erwirbt mit grosser Not, Man lässt es doch zurück im Tod. 120 Der Reichtum macht niemand gesund, Der ruft ihn in der Krankheit Stund’. Wer da ihn liebt mit grossem Neid, Verlässt ihn auch mit grossem Leid; Und wie er sich mag wenden, 125 Es muss mit ihm doch enden. Und Leid von Lieb’ entstehen mag, Sogar auch vor dem Todestag: Feind, Feuer, Spiel und Tod und Diebe, Die können machen Leid aus Liebe. 130 Drum mein’ ich, dass der Reiche tut Das beste, wenn er gibt sein Gut Um ein viel besseres, das heisst, Um Gottes Huld, die allermeist Einträglich ist und ihm gewährt 135 Den Reichtum, der sich ewig mehrt, Den kauft des Armen reiner Mut; Drum haben sie ein gleiches Gut. Der Arme kommt zu seinem Ziel Geschwinder, wenn er es nur will. 140 Der Reiche fährt in seiner Würde, Der Arme mit geringer Bürde Und ohne Sorge, wie’s ihm passt; Der Reiche mit des Reichtums Last, Dazu mit Angst und argem Wahn. 145 Hört er nur etwas, hält er an. Rührt sich irgendwo ’ne Maus, Er meint, es wäre in sein Haus Ein Dieb gekommen, und schreit “Diebe!” Das macht doch nur des Geldes Liebe. 150 Indessen dringt der Arme vor Dem Reichen zu des Herren Tor. Wer stets behalten will sein Gut, Der geb’ es in des Armen Hut; Denn dieser bringt es an den Ort, 155 Wo es ihm bleibt als ew’ger Hort. Wer seine Kammer hier will machen, Er mag sie, wie er will, bewachen, Verliert den Schatz, das Wort ist wahr, So hier wie dort auf immerdar. 160 Der Karge bleibt ein Nimmersatt: Solch Wesen auch die Hölle hat; Drum sollten beide, meine ich Zusammenhalten ewiglich. Wer sich erweist der Hölle gleich, 165 Gehört nicht hin in Gottes Reich.
+XXXI. DER STRICKER+
The assumed name of a thirteenth century writer whose real name is unknown. _Der Stricker_ probably means ‘the composer,’ ‘the poet.’ He wrote a long epic, _Karl the Great_, an Arthurian romance, _Daniel of the Blooming Vale_, and several short tales of which the best is _Pfaffe Ameis_. The hero is a peripatetic rogue and practical joker who plays tricks on people and makes much money. The selection is from the translation by Karl Pannier in the Reclam library.
_From ‘Pfaffe Ameis’, lines 805 ff: Ameis as doctor._
Als nun Ameis durch diesen Schlich 805 Gar vieles Gut erworben sich Dort an dem Hof zu Karolingen,[1] Ritt er hin nach Lotharingen Und fragete da unverwandt, Bis er des Landes Herzog fand. 810 Dem meldete er eine Märe, Dass nach dem Herrgott keiner wäre, Der besser heilen könnt’ als er. “So hat Euch Gott gesendet her,” Hat da das Wort der Herzog nommen; 815 “So bin ich froh, dass Ihr gekommen. Ich hab’ Verwandt’ und Dienstleut’ hier, Von deren Leiden Kummer mir Ersteht; siech ist ein grosser Teil Verleiht Euch Gott ein solches Heil, 820 Dass Ihr sie machen könnt gesund, Ihr werdet reich zur selb’gen Stund’.” Ameis zu sprechen da begann: “Ich bin ein Arzt, der solches kann. Die von dem Aussatz sind befreit 825 Und nicht durch Wunden haben Leid, Die haben Krankheit nicht so schwer-- Und wären’s tausend oder mehr,-- Dass ich sie nicht gesunden macht’, Bevor der Tag entweicht der Nacht; 830 Geschieht dies nicht, nehmt mir das Leben. Drum bitt’ ich Euch, mir nicht zu geben Geschenke oder Lohn, bevor Ihr nicht gehört mit eignem Ohr, Dass sie gesagt, sie sei’n gesund. 835 Dann tut mir Eure Gnade kund.” Des freute sich der Herzog sehr: “Ihr redet wohl,” erwidert’ er Und rief die Kranken unverweilt. An zwanzig kamen da geeilt; 840 Die führt’ der Pfaff’ in ein Gemach. “Bald hab’ ich,” er zu ihnen sprach “Von eurer Krankheit euch befreit, Wenn ihr mir schwöret einen Eid, Erst nach Verlauf von sieben Tagen 845 Von meiner Red’ etwas zu sagen. Nicht anders ich euch heilen kann.” Als er mit solcher Red’ begann, Da liessen sie sich bald besiegen. Sie schworen, dass sie es verschwiegen, 850 Und er zu ihnen nun begann: “Nun gehet ohne mich hindann Und wollt besprechen euch dabei, Wer unter euch der kränkste sei. Ist er gefunden, tut’s mir kund-- 855 Bald sollt ihr werden dann gesund. Den kränksten will ich nämlich töten, Um euch zu helfen aus den Nöten Mit seinem Blute allsogleich. Mein Leben sei zum Pfande euch.” 860 Darob erschraken alle Siechen, Und wer da kaum vermocht’ zu kriechen Vor seiner Krankheit grimmer Not, Der fürchtete, es sei sein Tod, Wenn seine Not gemerkt man hab’, 865 Und ging dahin gar ohne Stab, Wo sie die Unterredung hatten. Vernehmet jetzo, wie sie taten. Es dachte da ein jeder Mann: “Wie klein ich auch behaupten kann, 870 Dass meiner Krankheit Leiden sei, So redet einer doch dabei, Das seine sei noch kleiner; Dann redet wieder einer, Das seine sei zweimal so klein. 875 Dann sprechen alle insgemein, Ich sei der allerkränkste hie. So sterbe ich, geheilt sind sie. Drum will ich mich behüten eh’r Und sagen, dass gesund ich wär’.” 880 So dachte er bei sich allein, So dachten alle insgemein. Und alle gaben zu verstehn, Dass ihnen Gnade wär’ geschehn; Sie wären munter und gesund. 885 Das taten sie dem Meister kund. Er sprach: “Ihr wollt betrügen mich.” Da schwor ein jeder feierlich Bei seiner Treu’, es wäre wahr, Nichts tät’ ihm weh, auch nicht ein Haar. 890 Da ward der Meister hoch erfreut. “Geht hin nun,” sprach er, “liebe Leut’, Und saget es dem Herzog an.” Das wurde unverweilt getan: Sie gingen hin und sagten an, 895 Sobald sie ihren Herren sahn, Es wär’ ein heil’ger Mann gekommen; Der Krankheit wären sie benommen. Darob zu staunen er begann Und fragte alle Mann für Mann, 900 Ob sie durch Lug ihn täuschten nicht. Da zwang sie ihres Eides Pflicht, Den sie Ameis, dem Pfaffen, taten, Dass keine andre Red’ sie hatten, Als die: “sie wären ganz gesund.” 905 Da liess an Silber zu der Stund’ Dem Pfaffen hundert Mark er geben. Und dieser kannt’ kein Widerstreben, Liess ab sich schnell das Silber wägen Und forderte den Reisesegen; 910 Dann eilt’ hinweg er unverwandt.
[Notes: 1: Paris.]
+XXXII. FREIDANK.+
The assumed name of a popular gnomic poet who lived in the first half of the 13th century. His fame rests on his _Bescheidenheit_, which means the ‘wisdom’ or ‘sagacity’ that comes of experience. The book is a miscellaneous collection of proverbial and aphoristic sayings. The titles of those given below were supplied by the translator.
+1+
+Geheimnis der Seele.+
Wie die Seele geschaffen sei, Des Wunders werd’ ich hier nicht frei. Woher sie komme, wohin sie fahr’, Die Strass’ ist mir verborgen gar. Hier weiss ich selbst nicht, wer ich bin; Gott gibt die Seel’, er nehme sie hin: Gleichwie ein Hauch verlässt sie mich, Und wie ein Aas da liege ich.
+2+
+Unentbehrlichkeit der Toren.+
Der Weisen und der Toren Streit Hat schon gewähret lange Zeit Und muss auch noch viel länger währen; Man kann sie beide nicht entbehren.
+3+
+Borniertheit der Toren.+
Der Tor, wenn er ’ne Suppe hat, Kümmert sich gar nicht um den Staat.
+4+
+Nachahmungssucht der Toren.+
Findet ein Tor eine neue Sitt’, Dem folgen’ alle Toren mit.
+5+
+Selbstgefälligkeit.+
Uns selbst gefallen wir alle wohl; Drum ist das Land der Toren voll.
+6+
+Selbstüberschätzung.+
Wer wähnt, dass er ein Weiser sei, Dem wohnt ein Tor sehr nahe bei.
+7+
+Alter und Jugend.+
Haben alte Leute jungen Mut, Und junge alten, das ist nicht gut; Singen, springen soll die Jugend, Die Alten wahren alte Tugend.
+8+
+Grenzen der Fürstenmacht.+
Und sollte es der Kaiser schwören, Der Mücken kann er sich nicht wehren; Was hilft ihm Herrschaft oder List, Wenn doch ein Floh sein Meister ist.
+9+
+Der unbedeutende Feind.+
Dem Löwen wollt’ ich Friede geben, Liessen mich die Flöhe leben.
+10+
+Der kühnste Vogel.+
Die Flieg’ ist, wird der Sommer heiss, Der kühnste Vogel, den ich weiss.
+11+
+Rom und der Papst.+
Zu Rom ist manche falsche List, Daran der Papst unschuldig ist.
+12+
+Weisheit und Reichtum.+
Ich nähme Eines Weisen Mut Für zweier reicher Toren Gut.
+13+
+Scheinheiligkeit.+
Von manchem hört’ ich schon mit Neid, Er pflege grosser Heiligkeit; Und sah ich ihn, da dünkt’ es mich, Er wäre nur ein Mensch wie ich.
+14+
+Der freie Gedanke.+
Deshalb sind Gedanken frei, Dass die Welt unmüssig sei.
+15+
+Lebensregel.+
Man soll nach Gut und Ehre jagen Und Gott dennoch im Herzen tragen.
+16+
+Minneglück.+
Wer minnet, was er minnen soll, Dem ist mit Einem Weibe wohl; Ist sie gut, so ist ihm gewährt, Was man von allen Weibern gehrt.
+XXXIII. PLAY OF THE TEN VIRGINS+
One of the earliest attempts at dramatic composition in German. There is a tradition that it was played in 1322 before the Landgrave of Thüringen and that he was so overwhelmed by its picture of Christ as stern judge that he fell into a moody despair which endured five days and ended with an apoplectic stroke from which he died three years later.
_Die erste Törichte spricht also_:
Herr Vater, himmelischer Gott, Tu’ es bei deinem bittern Tod, Den du am Kreuze hast erduldet: Verzeih’ uns armen Jungfraun, was wir verschuldet. Verleitet hat uns leider unsre Torheit; 5 Lass uns geniessen deiner grossen Barmherzigkeit, Und Mariens, der lieben Mutter dein, Und lass uns zu dem Gastmahl hier herein.
_Jesus spricht also_:
Wer die Zeit der Reue versäumet hat Und auch nicht büsste seine Missetat 10 Und kommt zu stehn vor meiner Tür, Der findet keinen Eintritt hier.
_Die zweite Törichte spricht_:
Tu’ auf, o Herr, dein Tor! Die gnadenlosen Jungfraun stehen davor Lieber Herr, wir bitten dich sehr, 15 Dass deine Gnade sich uns zukehr’.
_Jesus spricht also_:
Ich weiss nicht, wer ihr seid. Da ihr zu keiner Zeit Mich selber habt erkannt Noch die Taten meiner Hand, 20 So bleibt euch Gnadenlosen Das Himmelstor verschlossen.
_Die dritte Törichte spricht also_:
Da Gott uns Heil versagt, Beten wir zu der reinen Magd, Mutter aller Barmherzigkeit, 25 Dass sie uns huld sei in unsrem grossen Herzeleid Und zu ihrem Sohn flehe für uns Armen, Dass er sich unser woll’ erbarmen.
_Die vierte Törichte spricht_:
Maria, Mutter und Magd, Uns ward gar oft gesagt, 30 Du seiest aller Gnade voll; Nun bedürfen wir der Gnade wohl. Dies bitten wir dich sehr Bei aller Jungfrauen Ehr’, Dass du zu deinem Sohn flehest für uns Armen, 35 Er möge sich unser gnädig erbarmen.
_Maria spricht also_:
Tatet ihr je mir oder meinem Kinde etwas zu Frommen, Es müsste euch jetzt zu statten kommen. Das tatet ihr aber leider mit nichten, Drum wird unser beider Bitte wenig ausrichten. 40 Doch will ich’s versuchen bei meinem Kinde, Ob ich vielleicht Gnade finde.
_Maria fällt auf die Kniee vor unsern Herrn und spricht_:
Ach, liebes Kind mein, Gedenke der armen Mutter dein, Gedenke der mannigfaltigen Not, 45 Die ich erlitt durch deinen Tod. Herr Sohn, da ich dein genas, Hatt’ ich weder Haus noch Palas, Ganz arm war ich; Das hab’ ich erlitten für dich. 50 Ich hatte mit dir Mühe, es ist wahr, Mehr als dreiunddreissig Jahr; Sieh, liebes Kind, das lohne mir Und erbarme dich dieser Armen hier.
_Jesus spricht zu Maria_:
Mutter, denkt an das Wort, 55 Das sie finden geschrieben dort: Wolken und Erde sollen vergehn, Meine Worte sollen immer stehn. Du errettest den Sünder nimmermehr, Weder du noch das ganze himmlische Heer. 60
_Die erste Törichte spricht also_:
Ach Herr, bei deiner Güte Erweiche dein Gemüte Und erzürne dich nicht so sehr. Bei aller Jungfrauen Ehr’ Schau’ heute unser Elend an; 65 Es reut uns, was wir dir zu Leid je haben getan. Nicht wieder wollen wir uns vergehen; Erhöre deiner Mutter Flehen Und lass uns arme Jungfrauen Die Festlichkeit beschauen. 70 Maria, aller Sünder Trösterin, Hilf uns zum Freudensaal darin!
_Maria spricht also_:
Eure Fürsprecherin will ich gerne sein. Wäret ihr nur von Sünde frei, Ihr kämet desto leichter herein. 75 Ich will aber für euch mein Kind Jesum bitten. Liebes Kind, lass dich meiner Bitte nicht verdriessen! Lass heute unsre Tränen vor deinen Augen fliessen, Und denke an das Ungemach, Das ich erlitt an deinem Todestag, 80 Da ein Schwert durch meine Seele ging. Also für jene Pein, die ich um dich empfing, Belohne mich zu gunsten dieser Armen Und ihrer lass dich nun erbarmen. Du bist ihr Vater, eine jede ist dein Kind; 85 Denke, wie lästig sie dir auch geworden sind In manchem Ungemache, Und in was für einer Sache Der Sünder dich auch geplagt, Er ist dennoch die Schöpfung deiner Macht. 90 Mein Sohn, du trauter, guter, Erhöre deine Mutter. Hab’ ich dir je einen Dienst getan, So nimm dich dieser Armen an, Damit die jammervolle Schar 95 Zu Himmel ohne Urteil fahr’.
_Jesus spricht also:_
Nun schweiget, Frau Mutter mein; Solche Rede mag nicht sein. Da sie auf der Erde waren, Gute Werke sie nicht gebaren, 115 Ihnen gemäss war alle Schlechtigkeit; Drum versag’ ich ihnen meine Barmherzigkeit, Nach der sie dort nie suchten, Und schicke sie zu den Verfluchten; Ihre späte Reue soll nichts nützen. 105 Zu Gericht will ich jetzt sitzen: Geht, ihr Verfluchten an Seel’ und Leibe, Wie ich euch von mir jetzt vertreibe. Geht in das Feuer unter die Hut Des übeln Teufels und seiner Brut! 110 Sünder, geh von mir! Trost und Gnade versag’ ich dir. Kehre von den Augen mein, Fern bleibe dir meines Antlitz’ Schein! Scheide von meinem Reich, 115 Das du, dem Toren gleich Durch deine Sünden verloren hast; Trage mit dir der Sünden Last! Gehe hin und schrei’ und heul’! Keine Hilfe wird dir je zu teil. 120
+XXXIV. EASTER PLAYS+
The Easter plays grew out of a brief and solemn church function, which followed a Latin ritual. In time German superseded the Latin, but without replacing it entirely; the performances increased greatly in scope, took in elements of fun, buffoonery and _diablerie_, outgrew the churches and became great popular festivals, which were usually held in the market-place. The performance of an Easter play together with a preceding passion play might occupy several hundred actors for a number of days. The texts as known to us are hardly ‘literature’ in the narrower sense. They were written by men of small poetic talent, who rimed carelessly, used the rough-and-ready language of the people, did not shrink from indecency and aimed at dramatic rather than poetic effects.
1
_From the Redentin play: Christ’s descent into hell._[1]
LUCIFER
Nun seht, ist das nicht ein wunderlich Getue, Dass wir nicht mehr sollen leben in Ruhe? Wir wohnen hier schon über fünftausend Jahr Und wurden solches Unfugs noch nie gewahr, Wie man ihn jetzt gegen uns will treiben; 5 Dennoch wollen wir hier verbleiben, So lange wir stehen noch kampfbereit, Ob es euch allen sei lieb oder leid.
LUCIFER (_ad David_)
David, wer ist dieser König der Ehren?
DAVID
Das kann ich dir wohl leicht erklären: 10 Er ist der starke Herr, Mächtig im Kampf und in aller Ehr’; Er ist’s, der alle Dinge hat erschaffen.
LUCIFER
O weh, so sind unnütz all unsre Waffen Und all unsre Wehr, 15 Kommt der gewaltige König hierher.
JESUS
Ich fordre, Riegel an dieser Hölle, Dass du dich auftuest in der Schnelle. Ich will zerbrechen das Höllentor Und die Meinen führen hervor. 20
(_et cantat: Ego sum Alpha et Omega, etc._)
Ich bin ein A und auch ein O; Das sollt ihr wissen alle, so Hier seid in dieser Höllenfeste. Ich bin der Erste und auch der Letzte. Der Schlüssel Davids bin ich gekommen, 25 Um zu erlösen meine Frommen.
SATANAS
Wer ist dieser Mann mit dem roten Kleide, Der uns so vieles tut zu Leide? Eine Unanständigkeit ist das Und beleidigt uns in hohem Mass. 30
JESUS
Schweig’, Satan, und sei bange! Schweige, verdammte Schlange! Spring auf, du Höllentor! Die Seelen sollen hervor, Die darin sind gefangen. 35 Ich habe am Galgen gehangen Für die, die taten den Willen mein. Ich habe gelitten grosse Pein In meines Leibs fünf Wunden. Damit soll Lucifer sein gebunden 40 Bis an den jüngsten Tag: Ihm ewige Pein und ein grosser Schlag.
(_Tunc cum vehemencia confringit infernum_)
Weichet von hier geschwinde, All ihr Höllengesinde!
(_et arripit Luciferum_)
Lucifer, du böser Gast, 45 Du trägst fortan dieser Ketten Last, Nicht mehr treibst du dein schändlich Wesen; Meine Lieben sollen vor dir genesen.
(_Chorus cantat: Sanctorum populus --Anime cantant: Advenisti --Jesus cantat: Venite benedicti --cum ricmo:_)
Kommt her, meine Benedeiten! Not sollt ihr nicht mehr leiden. 50 In meines Vaters Reich begleitet ihr mich, Um dort euch zu freuen ewiglich Im lauteren Glanz der Seligkeit, Die euch ohn’ Ende stehet bereit.
(_et arripit Adam manu dextra_)
Adam, gib mir deine rechte Hand! 55 Heil und Glück sei dir bekannt! Ich vergebe dir, Was du verbracht zu Leide mir.
ADAM
Lob sei dir und Ehr’, Du Weltgebieter hehr! 60 Ich und all mein Geschlecht Waren verdammt mit Recht. Doch wolltest du in deiner Barmherzigkeit Uns erlösen aus solcher Jämmerlichkeit. Eva! Eva! 65 Selig Weib, komm mal her ja!
(_et cantat: Te nostra vocabant suspiria--_)
JESUS
Du warst an deinen Sünden gestorben; Nun hab’ ich sterbend dich wieder erworben Und will dich führen zu des Vaters Thron.
EVA
O Herr Jesus, Gottes Sohn, 70 Ich habe gesündigt gegen dich, Indem ich liess betrügen mich Und Trotz bot deinem Worte. Drum wohn’ ich hinter der Höllenpforte Wohl fünftausend Jahr! 75 Nun bin ich erlöset offenbar.
[Notes: 1: The original, in the Middle Low German of Mecklenburg (Redentin is a village near Wismar) is printed in Kürschner’s _Deutsche Nationalliteratur_, Vol. 14. --Upon coming to life in the tomb and escaping the guards stationed by Pilate, Christ descends into hell to release the ‘fathers.’ Lucifer’s first speech--he is the over-lord of hell and Satan his first lieutenant--is addressed to the devils in view of the rumored approach of the King of Glory.]
2
_From the Vienna play: The quacksalver scene._[2]
(_Nun kommen die Personen und singen._)
Allmächtiger Gott, Vater der höchste, Der Engel Trost, der aus der Not Uns rettete und Trost uns bot--
DIE ZWEITE PERSON
Vater, allmächtiger Gott, Dem die Engel stehn zu Gebot, 5 Was soll uns Armen nun geschehen, Da wir dich nicht mehr sollen sehen? Wir haben den verloren, Der uns zum Troste ward geboren, Jesus Christus, 10 Der reinen Jungfrau Sohn, Der der Welt Hoffnung war. O, wie gross ist unser Schmerz! Wir haben verloren Jesus Christ, Der aller Welt ein Tröster ist, 15 Mariens Sohn, den reinen; Drum müssen wir beweinen Bitterlich seinen Tod, Da er uns half aus grosser Not.
DIE DRITTE PERSON
Wir wollen dahin, wo er im Grabe liegt, 20 Und ihn betrauern, der den Tod besiegt Für uns, und salben ihm die Wunden sein; O weh, wie gross ist unsre Herzenspein! Geliebte Schwestern beide, Wie sollen wir leben in unserm Leide, 25 Wenn wir entbehren müssen Jesus den süssen? Drum gehen wir und kaufen Salben, Damit wir ihm allenthalben Bestreichen seine Wunden 30 In diesen frühen Stunden.
(_Der Kaufmann ruft dem Knechte_)
Rubein! Rubein! Rubein!
(_Rubinus kommt gelaufen_)
Was wollt Ihr denn, Herr Meister mein?
MERCATOR
Rubein, wo hast du so lange gesteckt? Du tust deinen Dienst nicht recht. 35 Du solltest hier kaufen und verkaufen Und die Leute schinden und täuschen.
RUBINUS
Herr, ich besuchte jene alten Weiber; Ich wollte auftreten als Harnsteinschneider.
MERCATOR
Rubein, es wird wohl nächstens tagen. 40 Ich hör’ ein jämmerlich Klagen Von drei Frauen, die singen; Uns mag jetzt wohl gelingen, Ein gut Geschäft zu machen mit Ehr’; Geh und rufe sie hierher. 45
RUBINUS
Herr, welche meinest du? Soll ich sie alle rufen herzu?
MERCATOR
Doch nicht! Rufe nur die allein, Die am Wege klagen und schrein.
(_Rubinus geht zu den Schwestern_)
Gott grüss’ euch, Frauen, zu jeder Zeit. 50 Ich sehe wohl, dass ihr betrübet seid. Was euch mag immer schmerzen, Ihr seufzt mit schwerem Herzen. Es tut mir leid, das glaubet mir, Dass so betrübt ihr stehet hier. 55
_Die Personen sagen:_
Gut Kind, Gott lohn’ es dir! Wir haben ein schwer Gemüt allhier.
RUBINUS
Das bessere Gott in seiner Güte Und euch vor allem Leid behüte! Ausser Trost hättet ihr was gern, 60 So geht und fragt bei meinem Herrn.
DIE ZWEITE PERSON
Gott segne dich, du guter Knabe, Und lass gedeihen deine Habe! Unser Leid ist verborgen. Wir wollen dir gerne folgen; 65 Nicht länger wollen wir hier stehn, Wir wollen gerne mit dir gehn.
_Mercator canit:_
Ihr Frauen, seid mir höchst willkommen! Ich hoffe zu fördern euer Frommen. Ist etwas hier, was ihr begehrt, 70 Es wird euch gern von mir gewährt. Ich habe die besten Salben, Die da allenthalben Im Lande werden zu finden sein, In Ysmodia und in Neptaleim. 75 So wahr ich mir den Korb und Stab Mitgebracht habe aus Arab; So wahr mein schönes Weib Antonie Mit mir kam von Babylonie, So muss euch diese recht gedeihen, 80 Denn ich brachte sie von Alexandreien.
DIE DRITTE PERSON
Guter Mann, ich hab’ in der Hand Drei schöne Gulden von Byzant. Gib uns dafür reichlichermassen, Und möge Gott dich leben lassen! 85
MERCATOR
Da ihr beim Kauf nicht feilschen wollt, Will ich verdienen euer Gold. Nehmt also erstens diese Büchse, Die besser ist als andre fünfe. Und nehmet diese auch dabei, 90 Die besser ist als andre zwei. Und diese Büchse nehmet, so Noch besser ist als andre zwo.
TERTIA PERSONA
Nun sage uns, du guter Mann, Sollen wir mit dieser Salbe gahn? 95
MERCATOR
Ja, Frau, und wär’ ich rotes Gold, Ihr sollt sie tragen, wohin ihr wollt.
_Die Ärztin spricht zornig:_
Ihr Frauen, lasst die Büchsen stehn! Ihr sollt damit von hier nicht gehn, Sie kosteten mir allzuteuer; 100 Die macht’ ich neulich überm Feuer. Geht schnell von meinem Krame ab, Sonst schlag’ ich euch mit einem Stab.
_Der Krämer spricht zu ihr:_
Wie doch, Ihr böse Haut! Wie dürft Ihr immer werden laut? 105 Wollt Ihr tadeln mein Verkaufen, Ich will Euch schlagen, will Euch raufen.
MERCATRIX
Wie ist der Flachsbart doch so dreist! Du bist ein rechter Plagegeist. Der Geier soll dich schänden 110 Hier unter meinen Händen!
MERCATOR
Frau, lasst ab von Eurem Schwatzen, Sonst fühlt Ihr nächstens meine Tatzen.
MERCATRIX
Ich schweige nicht, das sag’ ich dir! Wenn du kommst von deinem Bier, 115 Bist du betrunken wie ein Schwein. Mög’ es dir nimmermehr gedeihn!
MERCATOR
Schweigt, Frau, sonst rollt Ihr bald zu Hauf.
MERCATRIX
Da drüben geht der Vollmond auf.
MERCATOR
Schweigt, oder ich geb’ Euch einen Schlag. 120
MERCATRIX
Klotz, da er hier besoffen lag!
MERCATOR
O du altes Redefass! Ich trug dir doch niemals Hass. Nun geb’ ich dir eins auf den Kopf, Dass es summt dir unterm Schopf. 125 Und eins noch kriegst du auf den Rücken, Das weh tun soll in allen Stücken.
MERCATRIX
Ach, ach, ach und leider! Sind das doch die neuen Kleider, Die du zu Ostern mir gesandt. 130 Wärst du nur ins Feuer gerannt! Gott gebe dir Geschwür’ im Magen, Dass du krepierst in wenig Tagen! Wärst du nicht zu Wien entgangen, Man hätte dich schon längst gehangen. 135 Du hast auch einen roten Bart Und bist ein Kobold schlimmster Art.
MERCATOR
Fraue, liebe Fraue mein, Möget Ihr immer selig sein! Vergib mir, dass ich dich geschlagen, 140 Aber du hast so viel zu sagen. Die Klage machst du mannigfalt, Und daran tust du mir Gewalt. Du hast ein wunderlich Gebärde, Und willst mich bringen unter die Erde. 145
MERCATRIX
Ja, ich vergebe dir die Schläge Am Tag, wo ich dich ins Grab hinlege.
MERCATOR (_zu Rubin_)
Hinweg mit den Pulvern! Hier kann ich nicht mehr bleiben. Hebe auf Korb und Stab, 150 Und laufen wir nach Arab Weithin von diesem Lande: Sonst kämen wir vielleicht zu Schande.
RUBINUS (_dicit_)
Herr, ich packe ein recht gerne Und laufe mit in weite Ferne. 155
[Notes: 2: The original is printed in the _Fundgruben_ of Hoffmann von Fallersleben, 1837. The ‘Personen’ are the three Marys, who go at break of day to anoint the body of the buried Christ. On the way they are taken in by a peripatetic quacksalver who has a cantankerous wife and a scapegrace clerk named Rubin.]
+XXXV. REYNARD THE FOX+
A humorous poem, with incidental satire, which enjoyed the favor of all medieval Europe. The earliest German attempt to weave a continuous narrative out of the animal-stories that had previously been current in Latin, and to some extent in French, was that of an Alsatian poet, Heinrich der Glichezare, who wrote about 1180 and drew upon French sources. With the exception of a badly preserved fragment this poem is lost. It was called _Isengrines Not_ and described the pranks played by the cunning fox on the stupid wolf. Half a century later it was worked over by an unknown rimester who changed the title to _Reinhart Fuchs_. This is the High German version from which the first of the selections below is translated. More important in a literary way is the Low German version, of which the earliest print dates from 1498. A specimen of this is given in Simrock’s translation.
1
_From the High German ‘Reinhart Fuchs,’ lines 663 ff: Reynard initiates the wolf as a monk and teaches him to catch fish._
“Gevatter,” sprach Herr Isengrin, “Gedenkst du stets als Mönch hierin Zu wohnen bis zu deinem Tod?” 665 “Ja wohl,” sprach er, “es tut mir not: Du wolltest ohne meine Schuld Mir versagen deine Huld Und nehmen wolltest du mein Leben.” Sprach Isengrin: “Ich will’s vergeben, 670 Hast du mir je ein Leid getan, Wenn ich nun mit dir wohnen kann.” “Vergeben? Mir?” sprach da Reinhart, “Mein Leben sei nicht mehr bewahrt, Tat ich je was zu Leide dir. 675 Wüsstest du mir Dank dafür, Ich gäbe dir zwei Stücke Aal, Den Rest von meinem letzten Mahl.” Herr Isengrin war hoch erfreut. Er öffnete das Maul sehr weit. 680 Und Reinhart warf sie ihm in Mund. “Ich bliebe immermehr gesund,” Sprach Isengrin mit blödem Sinne, “Wär’ ich nur einmal Koch da drinne.” Reinhart sprach: “Ist bald getan. 685 Willst du hier Brüderschaft empfahn, So wirst du Meister über die Braten.” Dem war es recht, wie ihm geraten. “Das tu’ ich,” sagte Isengrein. “Also steck deinen Kopf herein,” 690 Sprach Reinhart. Jener war bereit, Und eilig nahte sich sein Leid. Er tat hinein die Schnauze gross, Und Bruder Reinhart ihn begoss Mit heissem Wasser, das ist wahr, 695 Und brachte ihn um Haut und Haar. Isengrin sprach: “Weh tut das mir.” Reinhart sagte: “Wähnet Ihr Den Himmel mühlos zu gewinnen? Ihr seid doch nicht so ganz von Sinnen? 700 Gern mögt Ihr leiden diese Not, Gevatter, wenn Ihr läget tot: Die Brüderschaft habt Ihr empfahn, Und alle Tage von nun an Habt Ihr an tausend Messen teil, 705 Was sicherlich Euch bringt zum Heil.” Isengrin meint’, es wäre wahr; Er klagte nicht um Haut und Haar, Die er nun nicht mehr nannte sein. Er sprach: “Jetzt, Bruder, sind gemein 710 Die Äle, die noch drinne sind, Da ich wie du ein Gotteskind. Wer mir ein Stück davon versagt, Wird vor dem Abte angeklagt.” Reinhart sprach: “Nie tät’ es not; 715 Euch steht das Unsrige zu Gebot In brüderlicher Minn’ und Ehr’, Doch hier sind keine Fische mehr. Ich will Euch aber führen gleich Zu unserm klösterlichen Teich, 720 In dem so viele Fische gehen, Dass niemand mag sie übersehen. Die Brüder taten sie hinein.” “Lasst uns nur hin,” sprach Isengrein; Da gingen sie; gleich ohne Zorn, 725 Der Teich war aber überfrorn. Sie begannen nachzuschauen; Es war ein Loch im Eis gehauen, Wo man sich Wasser herausnahm, Was Isengrin zu Schaden kam. 730 Sein Bruder trug ihm grossen Hass Und einen Eimer nicht vergass; Reinhart war froh, als er ihn fand Und an den Schwanz dem Bruder band. Da sprach Herr Isengrein: 735 “In nomine patris! Was soll das sein?” “Senkt hier den Eimer,” Reinhart sprach, “Und wartet ruhig und gemach Indem ich treibe sie hierher; Nicht lange bleibt Ihr magenleer, 740 Weil ich sie sehen kann durchs Eis.” Herr Isengrin war nicht sehr weis’. Er sprach: “Sagt mir in Bruderminne, Gibt es denn wirklich Fisch’ hierinne?” “Ja Tausende hab’ ich gesehn.” 745 “Wohl denn, es kann uns Glück geschehn.” Isengrin hatte dummen Sinn; Bald fror der Schwanz ihm fest darin. Die Nacht ward schrecklich kalt am Ort, Doch Reinhart schwieg nur immerfort. 750 Herr Isengrin fror mehr und mehr; Er sprach: “Der Eimer wird mir schwer.” “Ich zähle drin, bei meiner Ehr’, Der Äle dreissig,” sprach Reinhart; “Dies wird uns eine nütze Fahrt. 755 Steht nur noch wenig Zeit in Ruh’, Es kommen hundert noch dazu.” Nachher, als es begann zu tagen, Sprach Reinhart: “Leider muss ich sagen, Mir bangt des grossen Reichtums wegen. 760 Ich bin in hohem Grad verlegen, Weil so viel Fische uns gegönnt, Dass Ihr sie gar nicht heben könnt. Versucht’s doch, ob es Euch gelingt, Dass Ihr heraus den Eimer bringt.” 765 Herr Isengrin fing an zu ziehen, Doch all umsonst war sein Bemühen; Den Eimer musst’ er lassen stehen. Reinhart sprach: “Ich will jetzt gehen Zu den Brüdern, dass sie kommen; 770 Es soll der Fang uns allen frommen.” Bald kam herauf die helle Sonn’, Und Reinhart machte sich davon.
2
_From the Low German ‘Reinke de Vos,’ Book 2: Reinke under the Pope’s ban; Martin the Ape offers to assist him._
Als Martin der Affe das vernommen, Reinke wolle zu Hofe kommen, Zu reisen gedacht’ er just nach Rom. Er ging ihm entgegen und sprach: “Lieber Ohm, Fasst Euch ein Herz und frischen Mut.” 5 Den Stand seiner Sache kannt’ er gut, Doch frug er nach ein und anderm Stück. Reineke sprach: “Mir ist das Glück In diesen Tagen sehr zuwider. Gegen mich klagen und zeugen wieder 10 Etliche Diebe, wer es auch sei, Das Kaninchen ist und die Krähe dabei. Der eine hat sein Weib verloren, Der andre die Hälfte von seinen Ohren. Könnt’ ich selber vor den König kommen, 15 So sollt’ es beiden wenig frommen. Was mir am meisten schaden kann, Ist dies: Ich bin in des Papstes Bann. Der Probst hat in der Sache Macht, Aus dem der König selber viel macht. 20 Warum man in den Bann mich tat, Ist, weil ich Isegrim gab den Rat, Da er ein Klausner war geworden, Dass er weglief’ aus dem Orden, In den er bei Clemar sich begeben. 25 Er schwur, er könne nicht mehr leben In solch hartem, strengem Wesen, So lang zu fasten, so viel zu lesen. Ich half ihm weg; das reut mich jetzt, Zumal er mich zum Dank verschwätzt: 30 Er feindet mich beim König an Und tut mir Schaden, wo er kann. Geh’ ich nach Rom, so setz’ ich fürwahr Weib und Kinder in grosse Gefahr, Denn Isegrim wird es nicht lassen, 35 Ihnen nachzustellen und aufzupassen Mit andern, die mir zu schaden trachten Und schon manches wider mich erdachten. Würd’ ich nur aus dem Bann gelöst, So wär’ mir Mut ins Herz geflösst; 40 Ich könnte getrost mit besserm Gemache Sprechen für meine eigne Sache.” Martin sprach: “Reineke, lieber Ohm, Ich bin eben auf dem Weg nach Rom; Da will ich Euch helfen mit schönen Stücken, 45 Ich leide nicht, dass sie Euch unterdrücken. Als Schreiber des Bischofs, könnt Ihr denken, Versteh’ ich was von solchen Ränken. Ich will den Probst nach Rom citieren Und will so gegen ihn plädiren; 50 Seht, Ohm, ich schaff’ Euch Excusation Und bring’ Euch endlich Absolution, Und wenn der Probst sich vor Ärger hinge. Ich kenn’ in Rom den Lauf der Dinge, Und was zu tun ist, weiss ich schon. 55 Da ist auch mein Oheim Simon, Der sehr mächtig ist und hochgestellt Und jedem gerne hilft fürs Geld. Herr Schalkefund steht auch da hoch, Dr. Greifzu und andre noch, 60 Herr Wendemantel und Herr Losefund, Die sind da all mit uns im Bund. Ich habe Geld voraus gesandt, Mit Geld wird man am besten bekannt. Ja, Quark, man spricht wohl von Citieren; 65 Sie wollen nur, man soll spendieren. Wär’ eine Sache noch so krumm, Man biegt mit Geld sie um und um. Wer Geld bringt, mag sich Gnade kaufen; Wer das nicht hat, den lässt man laufen. 70 Seht, Ohm, seid ruhig um den Bann, Ich nehme mich der Sachen an Und bring’ Euch frei, Ihr habt mein Wort. Geht dreist zu Hof, Ihr findet dort Frau Riechgenau, mein Ehgemahl. 75 Der König liebt sie, und zumal Auch unsre Frau, die Königin, Denn sie hat klugen, behenden Sinn. Sprecht sie an, sie liebt die Herrn Und verwendet sich für Freunde gern. 80 Sie ist Euch zu jedem Dienst erbötig. Das Recht hat manchmal Hilfe nötig. Bei ihr sind ihrer Schwestern zwei, Dazu auch meiner Kinder drei Und viel andre noch von Euerm Geschlecht, 85 Die gern Euch helfen zu Euerm Recht. Kann Euch denn sonst kein Recht geschehn, So lass’ ich meine Macht Euch sehn. Macht es mir nur gleich bekannt. Alle, die wohnen im ganzen Land, 90 Den König und alle, Weib und Mann, Die bring’ ich in des Papstes Bann Und schick’ ein Interdict so schwer, Man soll nicht begraben noch taufen mehr, Und keine Messe lesen noch singen. 95 Drum, lieber Ohm, seid guter Dingen! Der Papst ist ein alter, schwacher Mann, Er nimmt sich keiner Sache mehr an; Drum hat man sein auch wenig acht. Am Hofe übt die ganze Macht 100 Der Kardinal von Ohnegenügen, Ein rüstiger Mann, der weiss es zu fügen. Ich kenn’ ein Weib, die hat er lief, Die soll ihm bringen einen Brief. Mit der bin ich sehr wohl bekannt, 105 Und, was sie will, geschieht im Land. Sein Schreiber heisst Johann Partei, Der kennt wohl Münze alt und neu. Horchgenau ist sein Kumpan, Der ist des Hofes Kurtisan. 110 Wendundschleich ist Notarius, Beider Rechte Baccalaureus; Übt der ein Jahr noch seine Tücken, So wird er Meister in Praktiken, Moneta und Donarius halten jetzt 115 Die Richterstühle dort besetzt; Wem sie das Recht erst abgesprochen, Dem ist und bleibt der Stab gebrochen. So gilt in Rom jetzt manche List, Daran der Papst unschuldig ist. 120 Die muss ich alle zu Freunden halten: Sie haben über die Sünden zu schalten Und lösen das Volk all aus dem Bann. Oheim, vertraut Euch mir nur an! Der König hat es schon vernommen, 125 Dass ich Euch will zu Hilfe kommen. Er weiss auch, dass ich der Mann dazu bin; Drum kommt Ihr nicht zu Ungewinn. Bedenkt alsdann der König recht, Wie viele vom Affen- und Fuchsgeschlecht, 130 In seinem geheimsten Rate sitzen. Geh’s wie es will, das muss Euch nützen.” Reineke sprach: “Ich bin getröstet; Ich dank’ Euch’s gern, wenn Ihr mich löstet.”
+XXXVI. PETER SUCHENWIRT+
The most gifted verse-writer of the poetically barren 14th century. He was a ‘wandering singer’ who depended for his livelihood upon the patronage of princes and spent the most of his life in Austria. He died about 1400. The selection is a translation of his _Red’ von der Minne_.
+A Discourse of Love.+
Ich wanderte an einem Tag In einen wonniglichen Hag, Darin die Vögel sungen; Da kam ich unbezwungen Auf einem wonniglichen Raume 5 Zu einem dichtbelaubten Baume, An deren Wurzeln wundervoll Hervor ein kaltes Brünnlein quoll. Da fand ich sitzen hart anbei Drei Frauen alle mangelfrei, 10 Minne, Stæt’ und Gerechtigkeit. Die erste klagt’ ihr Herzensleid, Bezwungen von des Schmerzes Not; Sie sprach: “Ich bin beinahe tot An Ehren und an Sinnen: 15 Die mich sollten minnen, Sie sind ein ehrloses Geschlecht. Da ich nun, Minne, mit Unrecht Auf Erden kam zu solchem Leben, Sollt ihr getreuen Rat mir geben. 20 Gerechtigkeit, in Gottes Namen, Von dem die zehn Gebote kamen, Macht, dass mein Recht mir werd’ erteilt: Wer Minne lasterhaft vergeilt Und reiner Frauen Würdigkeit, 25 Der büss’ es! Das ist nun mein Leid.” Gerechtigkeit sprach zu der Stæte: “Wir hätten nötig gute Räte, Um recht zu richten die Geschicht’.” Frau Stæte sprach mit Worten schlicht: 30 “Nun hört und merkt, was ich will sagen: Wem Minne Hass mag tragen, Den wollen wir in aller Schnelle Sogleich verhören auf der Stelle.” Gerechtigkeit tat auf den Mund: 35 “Macht uns allhier mit Worten kund, Durch wen Ihr leidet solche Pein.” Frau Minne sprach: “Der Jammer mein Ist leider hart und schauderhaft, Weil mancher Prahler lügenhaft 40 Von reinen Frauen faselt. Ach, Dass Gott ihn nicht mit seinem Schlag Getroffen aller Welt zur Lehr’! Das würde mich erfreuen sehr, Wie ich bekenne öffentlich. 45 Die schnöden Dinge liebt er sich Und schwatzt von dem, was er nie sah. Drum sollt’ er in die Höll’ und da Die heisse Loh ihn sengen, Der Teufel hart bedrängen, 50 Zur Ahndung seiner falschen List, Weil er ein loser Schwätzer ist. Darüber sollt ihr richten mir.” Gerechtigkeit erwidert’ ihr: “So sei’s! Ein Urteil soll geschehn: 55 Ihn soll kein lieblich Aug’ ansehn, Von einer reinen Frauen zart; Ihr Mund sei gegen ihn verspart, Dass ihm kein Gruss mag werden kund Von einem rosenroten Mund. 60 Das ist der strenge Wille mein.” Frau Stæte sprach: “Ich leid’ auch Pein In meinem Herzen mannigfalt: Ich habe Diener, jung und alt, Die sagen, dass sie stätig sein 65 Und tun das öffentlich zum Schein Bei reinen Frauen manchmal kund; Doch tief in ihres Herzens Grund Liegt falscher List ein grosser Hort: Das ist der Seele arger Mord 70 Und reiner Frauen Ungewinn. Ich wollt’, wer hätt’ so falschen Sinn, Dass dem doch aus dem Munde sein Die Zähne wüchsen, wie dem Schwein; Daran erkenntlich wären die Leut’, 75 Und reine Frauen leicht befreit Von jener Schälkchen loser Schar Mit Worten sanft und doch nicht wahr, Mit Zungen, die wie Messer schneiden; Ach, was muss man davon leiden! 80 Und noch eins mich mit Schmerz bewegt: Dass mancher Blau am Leibe trägt Und wähnt davon stätig zu sein, Weil er in blauer Farbe Schein Erzeiget sich den Frauen gut. 85 Mich dünkt nun so in meinem Mut: Wäre die Farbe, wie man hört, Die Elle hätte wohl den Wert Von hundert Gulden sicherlich; Doch Stæte wiegt im Herzen sich, 90 Sie tut nicht von der Farbe kommen, Drum kann es manchem wenig frommen, Wenn er der Unstæt’ huldigt Und wird von Fraun beschuldigt.” Ich hört’ ihr Plaudern mannigfalt, 95 Und was zu tun, entschied ich bald. Ich ging hinzu und sprach kein Wort. Frau Minn’ erblickte mich sofort, Die war gar wundersam geziert: “Sag’ mir, mein lieber Suchenwirt,” 100 Sprach sie, “was tust du hie?” Geschwinde fiel ich auf ein Knie. “Gnade, Frau,” darauf sprach ich; “Der Mai hat Blumen wonniglich Im ganzen Land herumgestreut, 105 Dass manches Herze wird erfreut, So wie die kleinen Vögelein. Ich kam verlockt vorn Augenschein Auf diesen Anger wunderbar; Da wurde Euer ich gewahr 110 Und hörte Eure Klage gross.” Sie sprach: “Ich bin der Freuden bloss Und weiss, was ich beginnen soll. Die Welt ist schlechter Kniffe voll: Hast du gehört des Jammers Pein, 115 So handle nach dem Willen mein Und tu’ es offenherzig kund Den Edlen hier zu mancher Stund’, Dass sie vor Schande hüten sich.” “Das tu’ ich gerne, Frau,” sprach ich. 120 So schied ich von der Minne dann Beglückt und ohne argen Wahn.
+XXXVII. BRANT’S SHIP OF FOOLS+
A famous satire published at Basel in 1494, with numerous excellent woodcuts. Its author, Sebastian Brant, was born at Strassburg in 1457, took his degree in law, became city clerk of his native place and died in 1521. The _Ship of Fools_, which consists of disconnected sections describing the various kinds of fools--over a hundred of them--who have embarked in the ship for Fool-land, was translated into Latin, into French three times and into English twice. It was Germany’s first important contribution to world literature. The selections are from the modernization by Simrock, Berlin, 1872.
+1+
+Von Geiznarren.+
Wer sich verlässt auf zeitig Gut, Drin Freude sucht und guten Mut, Der ist ein Narr mit Leib und Blut.[1]
Der ist ein Narr, der sammelt Gut Und hat nicht Freud’, und guten Mut 5 Und weiss auch nicht, wem er’s wird sparen, Wenn er muss zum düstern Keller fahren. Noch törichter ist, wer vertut In Üppigkeit und Frevelmut Was Gott ins Haus ihm hat gegeben. 10 Er nur verwalten soll sein Leben Und Rechenschaft drum geben muss Wohl schwerer als mit Hand und Fuss. Ein Narr häuft den Verwandten viel; Die Seel’ er nicht bedenken will, 15 Sorgt, ihm gebrech’ es in der Zeit, Und fragt nicht nach der Ewigkeit. O armer Narr, wie bist du blind! Du scheust den Ausschlag, kriegst den Grind. Erwirbt mit Sünden mancher Gut 20 Und brennt dann in der Hölle Glut, Des achten seine Erben klein: Sie hülfen ihm nicht mit einem Stein, Lösten ihn kaum mit einem Pfund, Wie tief er läg’ im Höllenschlund. 25 Gib weil du lebst, ist Gottes Wort: Ein andrer schaltet, bist du fort. Kein weiser Mann trug je Verlangen Mit Reichtum auf der Welt zu prangen. Er trachtet nur sich selbst zu kennen; 30 Den Weisen mag man steinreich nennen. Das Geld am Ende Crassus trank; Danach gedürstet hatt’ ihn lang. Crates sein Geld warf in das Meer, So stört’s im Lernen ihn nicht mehr. 35 Wer sammelt, was vergänglich ist, Begräbt die Seel’ in Kot und Mist.
[Notes: 1: These three lines, which are a sort of motto, precede a picture representing a rich man seated at a table which is loaded with money and plate. Two poor travelers approach and look covetously upon the wealth. All three men wear the fool’s cap.]
+2+
+Selbstgefälligkeit.+
Den Narrenbrei ich nie vergass, Seit mir gefiel das Spiegelglas: Hans Eselsohr mein Herz besass.[2]
Der rührt sich wohl den Narrenbrei, Der wähnt, dass er sehr witzig sei, 5 Und gefällt sich selber gar so wohl, Dass er in den Spiegel guckt wie toll Und doch nicht mag gewahren, dass Er einen Narren sieht im Glas. Und sollt’ er schwören einen Eid, 10 Spricht man von Zucht und Artigkeit, Meint er, die hätt’ er ganz allein, Seinsgleichen könnt’ auch nirgends sein, Der aller Fehler ledig wär’. Sein Tun und Ruhn gefällt ihm sehr. 15 Des Spiegels er drum nicht enträt, Wo er sitzt und reitet, geht und steht, Wie es Kaiser Otho hat gemacht, Der den Spiegel mitnahm in die Schlacht Und schor die Backen zwier am Tag, 20 Mit Eselsmilch sie wusch hernach. Dem Spiegel sind die Fraun ergeben; Ohne Spiegel könnte keine leben. Eh’ sie sich recht davor geschleiert Und geputzt, wird Neujahr wohl gefeiert. 25 Wem so gefällt Gestalt und Werk, Ist dem Affen gleich zu Heidelberg.[3] Dem Pygmalion gefiel sein Bild, Vor Narrheit ward er toll und wild. Sah in den Spiegel nicht Narciss, 30 Lebt’ er noch manches Jahr gewiss. Mancher sieht stets den Spiegel an, Der ihm doch nichts Schönes zeigen kann. Wo du solch närrisch Schaf siehst weiden, Das mag auch keinen Tadel leiden, 35 Es geht in seinem Taumel hin, Und kein Verstand will ihm zu Sinn.
[Notes: 2: The picture shows a fool stirring porridge and looking into a mirror. 3: A note by Simrock states that upon the old bridge at Heidelberg was formerly to be seen an emblematic ape, with the verses: Was hast du mich hier anzugaffen? Sahst du noch nie den alten Affen? Zu Heidelberg sieh hin und her; Du findest meinesgleichen mehr.]
+XXXVIII. FOLK-SONGS OF THE FIFTEENTH CENTURY+
A large number of folk-songs originated in the 15th and still more in the 16th century. From the nature of the type they can seldom be exactly dated unless they relate to a known historical occurrence. The following selections are taken from Erk and Böhme’s admirable _Deutscher Liederhort_, 3 volumes quarto, Leipzig, 1893-4. As any translation into smooth modern verse would destroy a part of the characteristic flavor of the songs, they are printed as in Erk and Böhme, but with occasional modernizations of spelling and grammar.
+1+
+Reigen um das erste Veilchen.+[1]
Der Maie, der Maie Bringt uns der Blümlein viel; Ich trag’ ein frei’s Gemüte, Gott weiss wohl, wem ich’s will.
Ich will’s ei’m freien Gesellen, Derselb’ der wirbt um mich, Er trägt ein seiden Hemd an, Darein so preist[2] er sich.
Er meint, es säng’ ein’ Nachtigall, Da war’s ein’ Jungfrau fein: Und kann er mein nicht werden, Trauret das Herze sein.
[Notes: 1: A song for the ring-dance about the earliest spring violet; Erk and Böhme, II, 713. 2: M.H.G. _brîsen_, equivalent to modern _schnüren_.]
+2+
+Burschenleben.+[3]
Ich weiss ein frisch Geschlechte, Das sind die Burschenknechte, Ihr Orden steht also: Sie leben ohne Sorgen Den Abend und den Morgen, 5 Sie sind gar stätiglich froh. Du freies Burschenleben! Ich lob’ dich für den Gral;[4] Gott hat dir Macht gegeben Trauren zu widerstreben, 10 Frisch wesen überall.
Sie können auch nit hauen Des Morgens in dem Taue Die schönen Wiesen breit; Sonder[5] die schönen Frauen 15 Die können sie wohl schauen Die Nacht bis an den Tag. Das macht ihr frei’s Gemüte Der schönen Frauen klar; Gott selber sie behüte 20 Durch seine milde Güte, Die minnigliche Schar!
Wie selten sie auch messen Das Koren,[6] das sie essen, Und was der Metzen[7] gilt! 25 Die Bauern müssen schneiden Und dazu Gerwel reiden[8] Viel gar ohn’ ihren Dank.[9] Du feines Burschenleben! Ich lob’ dich für den Gral; 30 Gott hat dir Macht gegeben Trauren zu widerstreben, Frisch wesen überall.
[Notes: 3: An old student song, found in a manuscript of the year 1454; Erk and Böhme, III, 484. 4: The holy Grail as symbol of something very precious. 5: In the sense of modern _aber_. 6: For _Korn_, _i.e._ ‘grain.’ 7: The miller’s ‘toll’ (part of the grist taken in payment for grinding). 8: _Gerwel reiden_, ‘turn the hand-mill.’ 9: _Ohne Dank_, ‘reluctantly.’]
+3+
+Mädchenkunde eines fahrenden Sängers.+[10]
Ich spring’ an diesem Ringe Des besten, so ich’s kann,[11] Von hübschen Fräulein singen,[12] Als ich’s gelernet han.[13] Ich ritt durch fremde Lande, 5 Da sah ich mancherhande, Da ich die Fräulein fand.
Die Fräuelein von Franken Die seh’ ich allzeit gern; Nach ihn’ stehn mein’ Gedanken, 10 Sie geben süssen Kern. Sie sind die feinsten Dirnen, Wollt’ Gott, ich sollt’ ihn’ zwirnen, Spinnen wollt’ ich lern.[14]
Die Fräuelein von Schwaben 15 Die haben golden Haar, Sie dürfen’s frischlich wagen, Sie spinnen über Lahr;[15] Wer ihn’ den Flachs will schwingen, Der muss sein nit geringe,[16] 20 Das sag’ ich euch fürwahr.
Die Fräuelein vom Rheine Die lob’ ich oft und dick:[17] Sie sind hübsch und feine Und geben freundlich Blick. 25 Sie können Seide spinnen, Die neuen Liedlein singen, Sie sind der Lieb’ ein Strick.
Die Fräuelein von Sachsen Die haben Scheuern weit; 30 Darin da posst[18] man Flachse, Der in der Scheuern leit.[19] Wer ihn’ den Flachs will possen, Muss haben ein’ Flegel grosse, Dreschend zu aller Zeit. 35
Die Fräuelein von Baiern Die können kochen wohl, Mit Käsen und mit Eiern Ihr’ Küchen die sind voll. Sie haben schöne Pfannen 40 Weiter denn die Wannen, Heisser denn ein’ Kohl’.
Den Fräuelein soll man hofieren[20] Allzeit und weil man mag, Die Zeit die kommet schiere,[21] 45 Es wird sich alle Tag’;[22] Nun bin ich worden alte, Zum Wein muss ich mich halten Alldieweil ich mag.
[Notes: 10: An elderly minstrel joins in the dance and sings the praise of girls that he has seen in different German lands; Erk and Böhme, II, 712. 11: _Des besten ... kann_, equivalent to _so gut ich kann_. 12: ‘To sing,’ or perhaps ‘singing.’ 13: _Habe_. 14: _Lernen_. 15: _Über die Lehre_, ‘surpassing their instruction,’ ‘outdoing their teachers.’ 16: _Nit geringe_, ‘smart.’ 17: _Sehr_. 18: Equivalent to _klopft_, ‘beats.’ 19: _Liegt_. 20: ‘Court.’ 21: ‘Soon.’ 22: _Es wird ... Tag_, equivalent to _Tag reiht sich an Tag_. The sense is: The time comes fast when one must turn from girls to wine, as I am even now doing.]
+4+
+Anweisung zum Raubritterberuf.+[23]
Der Wald hat sich belaubet, Des freuet sich mein Mut. Nun hüt’ sich mancher Bauer, Der wähnt, er sei behut![24] Das schafft des argen Winters Zorn, 5 Der hat mich beraubet, Das klag’ ich heut und morn.
Willst du dich ernähren, Du junger Edelmann, Folg’ du meiner Lehre, 10 Sitz’ auf und trab’ zum Bann![25] Halt’ dich zu dem grünen Wald, Wenn der Bauer ins Holz fährt, So renn’ ihn frischlich an!
Erwisch’ ihn bei dem Kragen, 15 Erfreu’ das Herze dein, Nimm ihm, was er habe, Spann’ aus die Pferdlein sein! Sei frisch und dazu unverzagt, Wann er nummen[26] Pfennig hat, 20 So russ ihm d’ Gurgel ab.[27]
Heb’ dich bald von dannen, Bewahr’ dein’ Leib, dein Gut! Dass du nit werdest zu Schannen,[28] Halt’ dich in stäter Hut! 25 Der Bauern Hass ist also gross; Wenn der Bauer zum Tanze geht, So dünkt er sich Fürstengenoss.
Er nimmt die Metze[29] bei der Hand, Die gibt ihm einen Kranz; 30 Er ist der Metze eben Derselbe Ferkelschwanz.[30] Die Tölpel trippeln hinten nach, Das ist der Metze eben[31] Und dem Conzen[32] auch. 35
Ich weiss ein’ reichen Bauern, Auf den hab’ ich’s gericht’; Ich will ein’ Weile lauern, Wie mir darum geschicht.[33] Er hilft mir wohl aus aller Not, 40 Gott grüss’ dich, schönes Jungfräulein, Gott grüss dich, Mündlein rot!
[Notes: 23: A robber knight greets the spring-time as good for his business, and expresses his lordly contempt of the peasantry; Erk and Böhme, II, 23. 24: ‘Secure.’ 25: _Bann_ here means the robber’s lurking-place. 26: _Keinen mehr_. 27: _So russ ... ab_, ‘cut his throat.’ 28: _Schanden_. 29: ‘Wench.’ 30: ‘Pig’s tail,’ figuratively for ‘dirty clown.’ 31: ‘Agreeable.’ 32: _Conz_, or _Kunz_, contemptuously for a country lubber. 33: _Geschicht_, for _geschieht_. The sense is: I’ll lurk for him and see what comes of it.]
+5+
+Ritter und Schildknecht.+[34]
Es ritt ein Herr und auch sein Knecht Wohl über eine Heide, die war schlecht, ja schlecht, Und alles, was sie red’ten da, War alles von einer wunderschönen Frauen, Ja Frauen. 5
“Ach, Schildknecht, lieber Schildknecht mein, Was redest du von meiner Frauen, ja Frauen? Und fürchtest nicht mein’ braunen Schild, Zu Stücken will ich dich hauen, Vor meinen Augen!” 10
“Euern braunen Schild, den fürcht’ ich klein,[35] Der lieb’ Gott wird Euch wohl behüten, behüten.” Da schlug der Knecht sein’ Herrn zu Tod, Das geschah um des Fräuleins[36] Güte, Ja Güte. 15
“Nun will ich heimgehn landwärts ein, Zu einer wunderschönen Frauen, ja Frauen.” “Ach Fräulein, gebt mir’s Botenbrot, Eu’r edler Herr und der[37] ist tot, So fern auf breiter Heide, 20 Ja Heide.”
“Und ist mein edler Herre tot, Darum will ich nicht weinen, ja weinen; Der schönste Buhle, den ich hab’, Der sitzt bei mir daheime, 25 Mutteralleine.
Nun sattle mir mein graues Ross! Ich will von hinnen reiten, ja reiten.” Und da sie auf die Heide kam, Die Lilien täten sich neigen,[38] 30 Auf breiter Heide.
Auf band sie ihm sein’ blanken Helm Und sah ihm unter die Augen, ja Augen; “Nun muss es Christ geklaget sein, Wie bist du so zerhauen 35 Unter dein’ Augen.
Nun will ich in ein Kloster ziehn, Will den lieben Gott bitten, ja bitten, Dass er dich ins Himmelreich woll’ lan,[39] Das gescheh’ durch meinen Willen![40] 40 Schweig stille!”[41]
[Notes: 34: Erk and Böhme, I, 374. Imagine the story thus: A faithless wife instigates her husband’s squire to kill him. When the murder is reported to her she is at first pleased, then touched with remorse. She rides forth to find the body of her husband, and the lilies--symbols of purity--bow in shame as she passes. At sight of her dead husband’s face, she resolves to enter a convent. 35: _Wenig_. 36: _Fräulein_ here in the sense of ‘young wife’; _um des Fräuleins Güte_, ‘to gain the young wife’s favor.’ 37: _Und der_ is pleonastic. 38: _Täten sich neigen_, ‘did bow’; _täten_ being indicative. 39: _Lan_, for _lassen_. 40: _Durch meinen Willen_, ‘for my sake.’ 41: Addressed to the husband; he is not to accuse her before God.]
+6+
+Tannhäuser.+[42]
Nun will ich aber heben an Von dem Tannhäuser singen, Und was er Wunders hat getan Mit Venus, der edlen Minne.
Tannhäuser war ein Ritter gut, 5 Wann er wollt’ Wunder schauen, Er wollt’ in Frau Venus Berg, Zu andern schönen Frauen.
“Herr Tannhäuser, Ihr seid mir lieb, Daran sollt Ihr gedenken! 10 Ihr habt mir einen Eid geschworn, Ihr wollt von mir nit wenken.”
“Frau Venus, das en[43] hab ich nit, Ich will das widersprechen; Und red’t das jemands mehr denn Ihr,[44] 15 Gott helf’ mir’s an ihm rächen!”
“Herr Tannhäuser, wie red’t Ihr nun? Ihr sollt bei mir beleiben;[45] Ich will Euch mein’ Gespielin geben Zu einem stäten Weibe.” 20
“Und nähm’ ich nun ein ander Weib, Ich hab’ in meinem Sinne: So müsst’ ich in der Hölle Glut Auch ewiglich verbrinnen.”
“Ihr sagt mir viel von der Hölle Glut, 25 Habt es doch nie empfunden; Gedenkt an meinen roten Mund, Der lacht zu allen Stunden.”
“Was hilft mich Euer roter Mund? Er ist mir gar unmäre;[46] 30 Nun gebt mir Urlaub, Fräulein zart, Durch aller Frauen Ehre!”
“Herr Tannhäuser, wollt Ihr Urlaub han, Ich will Euch keinen geben; Nun bleibt hie, edler Tannhäuser, 35 Und fristet Euer Leben.”
“Mein Leben das ist worden krank, Ich mag nit länger bleiben; Nun gebt mir Urlaub, Fräulein zart, Von Eurem stolzen Leibe!” 40
“Herr Tannhäuser, nit reden also, Ihr tut Euch nit wohl besinnen; So gehn wir in ein Kämmerlein Und spielen der edlen Minne.”
“Eu’r Minne ist mir worden leid, 45 Ich hab’ in meinem Sinne: Frau Venus, edle Fraue zart, Ihr seid ein’ Teufelinne.”
“Herr Tannhäuser, was red’t Ihr nun, Und dass Ihr mich tut schelten? 50 Nun, sollt Ihr länger hierinnen sein, Ihr müsst’ es sehr entgelten.”
“Frau Venus, das en will ich nit, Ich mag nit länger bleiben. Maria Mutter, reine Maid, 55 Nun hilf mir von dem Weibe!”
“Herr Tannhäuser, Ihr sollt Urlaub han, Mein Lob das sollt Ihr preisen, Wo Ihr in dem Land umfahrt; Nehmt Urlaub von dem Greisen!”[47] 60
Da schied er wieder aus dem Berg, In Jammer und in Reuen: “Ich will gen Rom wohl in die Stadt Auf eines Papstes Treuen.
Nun fahr’ ich fröhlich auf die Bahn, 65 Gott müss’ sein immer walten! Zu einem Papst, der heisst Urban, Ob er mich möcht’ behalten.”
“Ach Papste, lieber Herre mein, Ich klag’ Euch hie mein’ Sünde, 70 Die ich mein’ Tag’ begangen hab’, Als ich Euch’s will verkünden.
Ich bin gewesen auch ein Jahr Bei Venus, einer Frauen. So wollt’ ich Buss’ und Beicht’ empfahn, 75 Ob ich möcht’ Gott anschauen.”
Der Papst hat ein Stäblein in seiner Hand, Das war sich also dürre: “Als wenig das Stäblein grünen mag, Kommst du zu Gottes Hulde!” 80
“Und sollt’ ich leben nur ein Jahr, Ein Jahr auf dieser Erden, So wollt’ ich Beicht’ und Buss’ empfahn Und Gottes Trost erwerben.”
Da zog er wied’rum aus der Stadt 85 In Jammer und in Leiden: “Maria Mutter, reine Magd, Muss ich mich von dir scheiden!”
Er zog nun wied’rum in den Berg Und ewiglich ohn’ Ende: 90 “Ich will zu meiner Frauen zart, Wo mich Gott will hin senden.”
“Seid gottwillkommen, Tannhäuser! Ich hab’ Eu’r lang entboren;[48] Seid gottwillkommen, mein lieber Herr, 95 Zu einem Buhlen auserkoren.”
Das währet an den dritten Tag, Der Stab hub an zu grünen. Der Papst schickt’ aus in alle Land: Wo der Tannhäuser wär’ hinkommen? 100
Da war er wieder in den Berg Und hatt’ sein Lieb erkoren; Des muss der vierte Papst Urban Auf ewig sein verloren!
[Notes: 42: Erk and Böhme, I, 40. The Venus of the folk-song represents the German Frau Holde, a love-goddess who holds her court in a mountain and infatuates men to the peril of their souls. Just how and when the saga attached itself to the historical minnesinger Tannhäuser is not known. Urban IV, referred to in the last stanza, was pope from 1261 to 1265. 43: A form of the old negative particle; _en nit_ = _nicht_. 44: _Jemands ... Ihr_, ‘any one but you.’ 45: _Bleiben_. 46: Equivalent to _gleichgültig_. 47: The legendary old man, faithful Eckart, who warns of danger and rebukes sinners. 48: For _entbehrt_.]
+XXXIX. LATE MEDIEVAL RELIGIOUS PROSE+
Prior to Luther the most noteworthy prose is found in the sermons of Berthold von Regensburg, the great 13th century preacher, and in the somewhat later writings, largely sermons, of the mystics Eckhart, Seuse, Tauler and Meerschwein. Their interest is rather more religious than literary. The earliest example of imaginative prose is the so-called _Farmer of Bohemia_, written in 1399, in which a bereaved husband discourses of his lost wife with Death. The 15th century shows a considerable body of prose literature in the form of sermons, chronicles, translations, paraphrases, but nothing of great artistic distinction.
1
_From a Sermon of Berthold von Regensburg ‘On the Angels.’_[1]
Wir begehen heute das Fest der grossen Fürsten, der heiligen Engel, die der ganzen Welt ein überaus grosses Wunder sind, und an denen der allmächtige Gott viele Wunder und grosse Wunder geschaffen hat. Und wollte ein Mensch nicht aus anderm Grunde in den Himmel kommen, so könnte er doch gerne darum in den Himmel kommen, nur damit er sähe, was für Wunder und Wunder da sind. Und des Wunders kann niemand zu Ende kommen, das Gott in den heiligen Engeln an den Tag gelegt hat. Und sie sind unseres Herrn Boten, denn Engel heisst auf Griechisch ein Bote. Unser Herr hatte grosse Freude, da er ohne Anfang war, wie er auch auf immer ohne Ende ist. Ich rede von der Gottheit, von der Krone; ehe er etwas erschuf, wie wir jetzt sind, da hatte er gar grosse Freude in sich selbst und mit sich selbst. Da gedachte er zu machen, er wollte zwei Kreaturen machen, zweierlei Kreaturen, damit diese seiner Freude teilhaftig würden, er selbst aber darum nicht weniger Freude hätte. Und wie grosse Freude er auch ihnen gab, hatte er doch selbst darum nicht mindre Freude, recht wie der Sonnenschein. Wie viel die Sonne uns auch alle Tage ihres Lichtes gibt, hat sie selbst um nichts weniger. Und also machte Gott zwei Kreaturen: das waren der Mensch und der Engel. Da machte Gott ein Ding,[2] und das war das allerbeste Ding unter allen Dingen, die Gott je gemacht hat. Und nie machte er ein Ding so gut unter allen Dingen, die Gott gemacht hat, [wie dieses, das er machte,] damit Mensch und Engel seiner Freude teilhaftig würden, da es so nütze und so gut war. Und also machte es Gott, dass Menschen und Engel davon immermehr Freude haben sollten. Und wie ausserordentlich nütze das Ding auch war, und wie viel Ehre und Seligkeit auch daran liegt, so waren doch etliche Engel im Himmel, die das Ding nicht behalten wollten, und diese wurden verstossen aus den ewigen Freuden und wurden in die ewige Marter geworfen. Und alle, die das Ding behielten, die blieben bei dem allmächtigen Gott in den ewigen Freuden, weil sie das Ding behielten, das so gut ist, unter allen Dingen das beste....
Und also begeht man heute das Fest der Engel, die bei Gott blieben und aushielten, dass sie nicht fielen. Und also begeht man heute das Fest Sankt Michaels und der heiligen Engel. Und dass man das Fest der heiligen Engel nicht oft im Jahre begeht, daran tat unser Herr gar weislich und wohl; wie billig es auch wäre, dass man ihr Fest dreimal im Jahre beginge, so tat unser Herr gar weislich und wohl daran, und es ist besser, dass man es nicht oft begeht. Warum? Seht, aus diesem Grunde. Wenn man ihr Fest mit Singen und Lesen beginge, müsste man auch von ihnen predigen. Und wenn wir also oft von den Engeln predigen müssten, so käme vielleicht ein Frevler und würde vielleicht so frevelhaft sein, dass er von den heiligen Engeln Ketzerei predigen könnte. Denn unser Herr hat so viel Wunders an den Engeln gemacht, dass wir es nicht alles sicherlich wissen. Er hat etliche Wunder an den Engeln gemacht, wovon wir nicht genau wissen sondern nur vermuten. Und wer ein Ding vermutet, der weiss es nicht sicherlich. So hat auch unser Herr manches Ding an ihnen gemacht, das wir wohl wissen. Wer daher die Dinge predigen wollte, die wir vermuten, der könnte vielleicht Ketzerei predigen. Also soll niemand etwas predigen als das, was man sicherlich weiss.
[Notes: 1: Pfeiffer’s edition of Berthold von Regensburg, Vienna, 1862, vol. ii, page 174. 2: The ‘thing,’ as explained further on, is _die Tugend_.]
2
_From Eckhart’s tractate ‘On the Nature and Dignity of the Soul.’_[3]
Die Seele hat zwei Füsse, das Verständnis und die Minne; und je mehr sie versteht, desto mehr minnet sie. Und wer kann sie fällen, da der sie erhält, der alle Kreaturen erhält? Denn die Gnade reizet die Begierde und ziehet die Seele aus sich selber heraus, so dass sie mit der Gnade und in der Gnade in Gnade kommt, und über die Gnade in Gott, ihren ersten Ursprung kommt, wo es ihr wohler als je wird in wonnesamer Einigung. Denn da verstummen alle Sinne, und der Seele Wille und der Wille Gottes fliessen ineinander, so dass die zwei Willen sich minnesam umfangen in rechter Einigung. Und da kann die Seele weder mehr noch minder denn göttliche Werke hervorbringen, und zwar deshalb, weil an ihr nichts mehr als Gott lebet. Darum spricht die Seele in dem Buch der Minne: Ich habe den Kreis der Welt umlaufen und konnte nicht zu dessen Ende kommen; deshalb habe ich mich in den einzigen Punkt meines einzigen Gottes versenkt, weil er mich verwundet hat mit seinem Anblicke. Und wen dieser Anblick nicht verwundet hat, dessen Seele ist von der Minne Gottes nie verwundet worden. Darum sagt Sankt Bernhard: Welcher Geist den Anblick empfunden hat, der vermag ihn nicht zu beschreiben, und wer ihn nicht empfunden hat, der vermag nicht daran zu glauben. Denn da wird ein Pfeil ohne Zorn geschossen, und man empfindet es ohne Schmerzen; denn da wird der lautere und klare Brunnen der Arzenei der Gnade aufgetan, der die inneren Augen erleuchtet, so dass die Seele mit einem wonnesamen Anschauen den Wollust der göttlichen Heimsuchung empfindet, in dem man unerhörte Dinge geistlichen Gutes gewahrt, die nie gehört noch gepredigt wurden und in keinem Buche geschrieben stehen.
[Notes: 3: Pfeiffer’s edition of Meister Eckhart, Leipzig, 1857, page 401.]
3
_From Seuse (Suso): The Prelude to the Silent Mass._[4]
Er ward gefragt, was er damit meinte, als er Messe sang und vor der stillen Messe das Präludium anhub: _Sursum corda_. (Denn nach ihrer gewöhnlichen Bedeutung meinen die Worte auf Deutsch: Saust auf in die Höhe, alle Herzen, zu Gott!). Die Worte kamen recht begehrlich aus seinem Munde, so dass die Menschen, die sie hörten, auf einen sonderbaren Andacht haben daraus schliessen können. Auf diese Frage antwortete er mit einem minniglichen Seufzer und sprach also:
“Wenn ich diese lobreichen Worte _sursum corda_ in der Messe sang, geschah es gewöhnlich, dass mein Herz und meine Seele zusammenflossen von göttlicher Qual und Begierde, die mein Herz sofort aus sich selbst entrückten; denn es erhoben sich gewöhnlich drei hochentzückende Vorstellungen, in denen ich zu Gott aufgeschwungen ward, und durch mich alle Kreaturen. Die erste einleuchtende Vorstellung war also: Mich selbst nach allem, was ich bin, nahm ich vor meine inneren Augen mit Leib und Seele und allen meinen Kräften und stellte um mich herum alle Kreaturen, die Gott je erschuf im Himmel und auf Erden und in den vier Elementen, waren es Vögel der Luft, Tiere des Waldes, Fische des Wassers, Laub und Gras des Erdreiches, oder der unzählige Sand am Meer, und dazu all das kleine Gestäube, das im Glanz der Sonne schimmert, und alle die Wassertröpflein, die vom Tau oder vom Schnee oder vom Regen je gefallen sind oder fallen werden, und wünschte, es hätte deren jegliches ein süsses, aufdringendes Saitenspiel, wohlgenährt vom Safte meines innigsten Herzens, und dass also ein neues, hochherziges Lob dem geminnten, zarten Gott aufklänge von Ewigkeit zu Ewigkeit. Und dann zertrennten und zerteilten sich auf eine fröhliche Weise die minnereichen Arme der Seele gegen die unsägliche Zahl aller Kreaturen, und es war ihr Gedanke, sie alle darin eifrig zu machen, recht wie ein freier, wohlgemuter Vorsänger die singenden Gesellen anspornt, fröhlich zu singen und ihre Herzen zu Gott aufzubieten: _Sursum corda!_”
“Die zweite Vorstellung,” sprach er, “war also: Ich nahm in meine Gedanken mein Herz und aller Menschen Herzen und überlegte, welche Lust und Freude, was für Glück und Frieden die geniessen, die ihr Herz Gott allein geben, und dagegen was für Schaden und Leiden, was für Qual und Unruhe vergängliche Minne ihren Untertanen einträgt, und ich rief dann mit grosser Sehnsucht zu meinem Herzen und den andern Herzen, wo sie auch sein möchten in allen Enden dieser Welt: Wohlauf, ihr gefangenen Herzen, aus den engen Banden vergänglicher Minne! Wohlauf, ihr schlafenden Herzen, aus dem Tode der Sünde! Wohlauf, ihr üppigen Herzen, aus der Lauheit eures trägen, lässigen Lebens! Hebt euch auf mit einer gänzlichen ledigen Umkehr zu dem minniglichen Gott: _Sursum corda!_”
[Notes: 4: Kürschners Deutsche National-Litteratur, Vol. 12{2}, page 210.]
4
_From the ‘Farmer of Bohemia,’ Chapter 3: A bereaved husband expostulates with Death for taking away his wife._[5]
Ich bin genannt ein Ackermann; von Vogelweid’ ist mein Pflug.[6] Ich wohne im Böhmer Land. Gehässig, widerwärtig und widerstrebend soll ich Euch [o Tod] immer mehr sein, denn Ihr habt mir den zwölften Buchstaben,[7] meiner Freuden Hort, gar grausam aus dem Alphabet entrückt. Ihr habt meiner Wonne lichte Sommerblume mir aus des Herzens Anger auf ewig ausgerodet. Ihr habt meines Glückes Inbegriff, meine auserwählte Turteltaube, arglistig entfremdet; Ihr habt unwiederbringlichen Raub an mir getan. Erwägt es selber, ob ich nicht billig zürne, wüte und klage; bin ich doch von Euch freudenreichen Wesens beraubt, täglicher guter Lebtage verlustig gemacht, und aller wonnebringenden Freuden benommen. Froh und freudig war ich ehemals zu jeder Stunde; kurz und lustig war all meine Zeit Tag und Nacht in gleichem Mass, beide freudenreich, überschwenglich reich. Jedes Jahr war für mich ein gnadenreiches Jahr. Nun wird zu mir gesagt: Vorbei! bei trübem Getränk, bei dürrem Ast, betrübt, schwarz und zerstört, bleib’ und heul’ ohne Unterlass! Also treibt mich der Wind; ich schwimme durch des wilden Meeres Flut; die Wogen haben überhand genommen, mein Anker haftet nirgends. Darum will ich schreien ohne Ende: Tod, seid verflucht!
[Notes: 5: Kürschners Deutsche National-Litteratur, Vol. 12{2}, page 145, with comparison of Knieschek’s edition, Prag, 1877. The work consists of thirty-two chapters in which, alternately, the widower complains and Death replies. Then God, as judge, decides in favor of Death: the body must die that the soul may live. The whole ends with a fervid and eloquent prayer for the repose of the dead wife’s soul. 6: It is conjectured that the author was a schoolmaster who chose to call himself symbolically an _Ackermann_, that is, a ‘sower of seed.’ Hence he says that his ‘plow’ comes from the birds; in other words, it is a pen. 7: The letter M with which the dead wife’s name (Margareta) began.]
_From the same, Chapter 12, in which Death makes reply._
Könntest du richtig messen, wägen, zählen oder aus dem Kopfe dichten, hieltest du nicht solche Rede. Du fluchst und bittest unvernünftig und ohne alle Notdurft. Was taugt solcher Unsinn? Wir haben früher gesagt: kunstreich, edel, ehrhaft, fruchtreich, artig,--alles, was lebet, muss von unsern Händen zu Ende kommen. Doch schwatzest du und klagst, all dein Glück sei an deinem frommen Weib gelegen. Soll nach deiner Meinung Glück an Weibern liegen, wollen wir dir wohl raten, dass du immer bei Glück bleibest. Warte nur, ob es dir nicht in Unglück gerät! Sage uns: Da du zuerst dein löblich Weib nahmst, fandst du sie fromm oder machtest du sie fromm? Hast du sie fromm gefunden, so suche vernünftiglich: du findest noch viele fromme Frauen auf Erden; von denen eine dir zur Ehefrau werden mag. Hast du sie aber fromm gemacht, so freue dich: du bist der lebendige Meister, der noch ein frommes Weib und eine Frau auferziehen kann. Ich sage dir noch mehr: je mehr dir Liebes wird, desto mehr Leides widerfährt dir. Hättest du dich des Lieben enthalten, würdest du jetzt des Leiden entbehren. Je mehr Liebes zu erfahren, desto mehr Leides in Entbehrung des Lieben. Lieb’, Weib, Kind, Schatz und alles irdisch Gut muss am Anfang etwas Freude und am Ende mehr Leides bringen. Alles irdische Lieb muss zu Leide werden: Leid ist Liebes Ende; der Freude End’ ist Trauer; nach Lust muss Unlust kommen; Willens Ende ist Unwillen. Zu solchem Ende laufen alle lebendigen Dinge. Lern’ es besser, willst du von Klugheit prahlen.
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_From a sermon of Johann Geiler von Kaiserberg._[8]
Der Mensch, der Gott lieb hat und ihm anhängt allein darum, dass er ihm das Himmelreich gebe, der hat Gott nicht recht lieb. Warum? Darum: sein Gedanke an Gott ist nicht lauter; er denkt an sich selbst; er sucht seinen eignen Nutzen. Ich sage nicht, dass du das Himmelreich nicht begehren solltest, oder dass du Gott nicht darum bitten, ihm nicht darum dienen solltest. Nein, ich verwerfe das nicht; die Schrift ist voll davon, dass man Gott um das Himmelreich bitten sollte. Du sollst das Himmelreich begehren, sollst Gott darum bitten; aber du sollst nicht da stehen bleiben, dass du Gott allein darum dienest, und ihn allein darum liebhabest, damit er dir das Himmelreich gebe, und anders nicht. Das heisst nicht rechte Liebe; das ist Freundschaft um Freundschaft, wobei einer dem andern eine Freundlichkeit tut, damit er es ihm wiedervergelte; wie wenn du einem andern eine Wurst schenktest, damit er dir dagegen eine Seite Speck schenke. Du tust ihm eine Freundlichkeit; erwartetest du aber keine Freundlichkeit dagegen, du tätest ihm auch keine. Das heisst nicht rechte Liebe: es ist Freundschaft um Freundschaft. Aber das heisst rechte Liebe, dass einer einen lieb hat nicht um der Gabe willen, oder weil er etwas von ihm erwartet; sondern er hat ihn eben lieb; er gönnet ihm Gutes; er fördert seinen Nutzen; er wendet Schaden von ihm ab, wo er kann und mag, ohne dass er Wiedervergeltung erwartet. Der hat den andern recht lieb. Also tut der Mensch, der Gott recht lieb hat, allein um dessentwillen, weil er solch ein grosser Herr ist, dass er es würdig wäre; weil er der Höchste und das beste Gut ist.
[Notes: 8: Kürschners Deutsche National-Litteratur, Vol. 12{2}, page 265.]
END OF PART FIRST