Chapter 5
Doch hängt mein ganzes Herz an dir, Du graue Stadt am Meer; Der Jugend Zauber für und für Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir, Du graue Stadt am Meer. 15
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106. ÜBER DIE HEIDE
Über die Heide hallet mein Schritt; Dumpf aus der Erde wandert es mit.
Herbst ist gekommen, Frühling ist weit--- Gab es denn einmal selige Zeit?
Brauende Nebel geisten umher; 5 Schwarz ist das Kraut und der Himmel so leer.
Wär' ich hier nur nicht gegangen im Mai! Leben und Liebe,--wie flog es vorbei!
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107. LUCIE
Ich seh sie noch, ihr Büchlein in der Hand, Nach jener Bank dort an der Gartenwand Vom Spiel der andern Kinder sich entfernen; Sie wußte wohl, es mühte sie das Lernen.
Nicht war sie klug, nicht schön; mir aber war 5 Ihr blaß Gesichtchen und ihr blondes Haar, Mir war es lieb; aus der Erinnrung Düster Schaut es mich an; wir waren recht Geschwister.
Ihr schmales Bettchen teilte sie mit mir, Und nächtens Wang' an Wange schliefen wir; 10 Das war so schön! Noch weht ein Kinderfrieden Mich an aus jenen Zeiten, die geschieden.
Ein Ende kam;--ein Tag, sie wurde krank Und lag im Fieber viele Wochen lang; Ein Morgen dann, wo sanft die Winde gingen, 15 Da ging sie heim; es blühten die Springen.
Die Sonne schien; ich lief ins Feld hinaus Und weinte laut; dann kam ich still nach Haus. Wohl zwanzig Jahr und drüber sind vergangen-- An wie viel andrem hat mein Herz gehangen! 20
Was hab' ich heute denn nach dir gebangt? Bist du mir nah und hast nach mir verlangt? Willst du, wie einst nach unsern Kinderspielen, Mein Knabenhaupt an deinem Herzen fühlen?
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108. EINE FRÜHLINGSNACHT
Im Zimmer drinnen ist's so schwül; Der Kranke liegt auf dem heißen Pfühl.
Im Fieber hat er die Nacht verbracht; Sein Herz ist müde, sein Auge verwacht.
Er lauscht auf der Stunden rinnenden Sand; 5 Er hält die Uhr in der weißen Hand.
Er zählt die Schläge, die sie pickt, Er forschet, wie der Weiser rückt;
Es fragt ihn, ob er noch leb' vielleicht, Wenn der Weiser die schwarze Drei erreicht. 10
Die Wartfrau sitzet geduldig dabei, Harrend, bis alles vorüber sei.--
Schon auf dem Herzen drückt ihn der Tod; Und draußen dämmert das Morgenrot.
An die Fenster klettert der Frühlingstag, 15 Mädchen und Vögel werden wach.
Die Erde lacht in Liebesschein, Pfingstglocken läuten das Brautfest ein;
Singende Burschen ziehn übers Feld Hinein in die blühende, klingende Welt.-- 20
Und immer stiller wird es drin; Die Alte tritt zum Kranken hin.
Der hat die Hände gefaltet dicht; Sie zieht ihm das Laken übers Gesicht.
Dann geht sie fort. Stumm wird's und leer, 25 Und drinnen wacht kein Auge mehr.
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109. APRIL
Das ist die Drossel, die da schlägt, Der Frühling, der mein Herz bewegt. Ich fühle, die sich hold bezeigen, Die Geister aus der Erde steigen. Das Leben fließet wie ein Traum-- 5 Mir ist wie Blume, Blatt und Baum.
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110. MAI
Die Kinder schreien Vivat hoch! In die blaue Luft hinein; Den Frühling setzen sie ans den Thron. Der soll ihr König sein. * * * * * Die Kinder haben die Veilchen gepflückt, 5 All, all, die da blühten am Mühlengraben. Der Lenz ist da; sie wollen ihn fest In ihren kleinen Fäusten haben.
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111. ELISABETH
Meine Mutter hat's gewollt, Den andern ich nehmen sollt'; Was ich zuvor besessen, Mein Herz sollt es vergessen; Das hat es nicht gewollt. 5
Meine Mutter klag' ich an, Sie hat nicht wohl getan; Was sonst in Ehren stünde, Nun ist es worden Sünde. Was fang' ich an? 10
Für all mein Stolz und Freud' Gewonnen hab' ich Leid. Ach, wär' das nicht geschehen, Ach, könnt' ich betteln gehen Über die braune Heid'! 15
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112. FRAUENHAND
Ich weiß es wohl, kein klagend Wort Wird über deine Lippen gehen; Doch was so sanft dein Mund verschweigt, Muß deine blasse Hand gestehen.
Die Hand, an der mein Auge hängt, 5 Zeigt jenen feinen Zug der Schmerzen, Und daß in schlummerloser Nacht Sie lag auf einem kranken Herzen.
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113. SCHLIESSE MIR DIE AUGEN BEIDE
Schließe mir die Augen beide Mit den lieben Händen zu! Geht doch alles, was ich leide, Unter deiner Hand zur Ruh'. Und wie leise sich der Schmerz 5 Well' um Welle schlafen leget, Wie der letzte Schlag sich reget, Füllest du mein ganzes Herz.
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CONRAD FERDINAND MEYER
114. LIEDERSEELEN
In der Nacht, die die Bäume mit Blüten deckt, Ward ich von süßen Gespenstern erschreckt, Ein Reigen schwang im Garten sich, Den ich mit leisem Fuß beschlich; Wie zarter Elfen Chor im Ring 5 Ein weißer lebendiger Schimmer ging. Die Schemen hab' ich keck befragt: Wer seid ihr, luftige Wesen? Sagt!
"Ich bin ein Wölkchen, gespiegelt im See." "Ich bin eine Reihe von Stapfen im Schnee." 10 "Ich bin ein Seufzer gen Himmel empor!" "Ich bin ein Geheimnis, geflüstert ins Ohr." "Ich bin ein frommes, gestorbnes Kind." "Ich bin ein üppiges Blumengewind--" "Und die du wählst, und der's beschied 15 Die Gunst der Stunde, die wird ein Lied."
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115. NACHTGERÄUSCHE
Melde mir die Nachtgeräusche, Muse, Die ans Ohr des Schlummerlosen fluten!-- Erst das traute Wachtgebell der Hunde, Dann der abgezählte Schlag der Stunde, Dann ein Fischer-Zwiegespräch am Ufer, 5 Dann? Nichts weiter als der ungewisse Geisterlaut der ungebrochnen Stille, Wie das Atmen eines jungen Busens, Wie das Murmeln eines tiefen Brunnens, Wie das Schlagen eines dumpfen Ruders, 10 Dann der ungehörte Tritt des Schlummers.
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116. DAS TOTE KIND
Es hat den Garten sich zum Freund gemacht, Dann welkten er und es im Herbste sacht, Die Sonne ging, und es und er entschlief, Gehüllt in eine Decke weiß und tief.
Jetzt ist der Garten unversehns erwacht, Die Kleine schlummert fest in ihrer Nacht. "Wo steckst du?" summt es dort und summt es hier. Der ganze Garten frägt nach ihr, nach ihr.
Die blaue Winde klettert schlank empor Und blickt ins Haus: "Komm hinterm Schrank hervor! Wo birgst du dich? Du tust dir's selbst zu leid! Was hast du für ein neues Sommerkleid?"
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117. IM SPÄTBOOT
Aus der Schiffsbank mach' ich meinen Pfühl, Endlich wird die heiße Stirne kühl! O wie süß erkaltet mir das Herz! O wie weich verstummen Lust und Schmerz! Über mir des Rohres schwarzer Rauch 5 Wiegt und biegt sich in des Windes Hauch. Hüben hier und drüben wieder dort Hält das Boot an manchem kleinen Port: Bei der Schiffslaterne kargem Schein Steigt ein Schatten aus und niemand ein. 10 Nur der Steurer noch, der wacht und steht! Nur der Wind, der mir im Haare weht! Schmerz und Lust erleiden sanften Tod. Einen Schlumm'rer trägt das dunkle Boot.
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118. VOR DER ERNTE
Am wolkenreinen Himmel geht Die blanke Sichel schön, Im Korne drunten wogt und weht Und wühlt und rauscht der Föhn.
Sie wandert voller Melodie 5 Hochüber durch das Land. Früh morgen schwingt die Schnitt'rin sie Mit sonnenbrauner Hand.
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119. DER RÖMISCHE BRUNNEN
Aufsteigt der Strahl und fallend gießt Er voll der Marmorschale Rund, Die, sich verschleiernd, überfließt In einer zweiten Schale Grund; Die zweite gibt, sie wird zu reich. 5 Der dritten wallend ihre Flut, Und jede nimmt und gibt zugleich Und strömt und ruht.
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120. NEUJAHRSGLOCKEN
In den Lüften schwellendes Gedröhne, Leicht wie Halme biegt der Wind die Töne
Leis' verhallen, die zum ersten riefen, Neu Geläute hebt sich aus den Tiefen.
Große Heere, nicht ein einzler Rufer! 5 Wohllaut flutet ohne Strand und Ufer.
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121. SÄERSPRUCH
Bemeßt den Schritt! Bemeßt den Schwung! Die Erde bleibt noch lange jung! Dort fällt ein Korn, das stirbt und ruht. Die Ruh' ist süß. Es hat es gut. Hier eins das durch die Scholle bricht. 5 Es hat es gut. Süß ist das Licht. Und keines fällt aus dieser Welt Und jedes fällt, wie 's Gott gefällt.
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122. SCHNITTERLIED
Wir schnitten die Saaten, wir Buben und Dirnen, Mit nackenden Armen und triefenden Stirnen, Von donnernden dunklen Gewittern bedroht-- Gerettet das Korn und nicht einer, der darbe! Von Garbe zu Garbe 5 Ist Raum für den Tod--- Wie schwellen die Lippen des Lebens so rot!
Hoch thronet ihr Schönen auf güldenen Sitzen, In strotzenden Garben umflimmert von Blitzen-- Nicht eine, die darbe! Wir bringen das Brot! 10 Zum Reigen! Zum Tanze! Zur tosenden Runde! Von Munde zu Munde Ist Raum für den Tod--- Wie schwellen die Lippen des Lebens so rot!
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123. NACH EINEM NIEDERLÄNDER
Der Meister malt ein kleines zartes Bild, Zurückgelehnt, beschaut er's liebevoll. Es pocht. "Herein." Ein flämischer Junker ist's. Mit einer drallen, aufgedonnerten Dirn', Der vor Gesundheit fast die Wange birst. 5 Sie rauscht von Seide, flimmert von Geschmeid. "Wir haben's eilig, lieber Meister. Wißt, Ein wackrer Schelm stiehlt mir das Töchterlein. Morgen ist Hochzeit. Malet mir mein Kind!" "Zur Stunde, Herr! Nur noch den Pinselstrich!" 10 Sie treten lustig vor die Staffelei: Auf einem blanken Kissen schlummernd liegt Ein feiner Mädchenkopf. Der Meister fetzt Des Blumenkranzes tiefste Knospe noch Auf die verblichne Stirn mit leichter Hand. 15 --"Nach der Natur?" --"Nach der Natur. Mein Kind. Gestern beerdigt. Herr, ich bin zu Dienst."
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124. EINGELEGTE RUDER
Meine eingelegten Ruder triefen, Tropfen fallen langsam in die Tiefen.
Nichts, das mich verdroß! Nichts, das mich freute! Niederrinnt ein schmerzenloses Heute!
Unter mir--ach, aus dem Licht verschwunden-- 5 Träumen schon die schönern meiner Stunden.
Aus der blauen Tiefe ruft das Gestern: Sind im Licht noch manche meiner Schwestern?
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125. EWIG JUNG IST NUR DIE SONNE
Heute fanden meine Schritte mein vergeßnes Jugendtal, Seine Sohle lag verödet, seine Berge standen kahl. Meine Bäume, meine Träume, meine buchendunkeln Höh'n-- Ewig jung ist nur die Sonne, sie allein ist ewig schön. Drüben dort in schilf'gem Grunde, wo die müde Lache liegt, 5 Hat zu meiner Jugendstunde sich lebend'ge Flut gewiegt, Durch die Heiden, durch die Weiden ging ein wandernd Herdgetön--- Ewig jung ist nur die Sonne, sie allein ist ewig schön.
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126. REQUIEM
Bei der Abendsonne Wandern Wann ein Dorf den Strahl verlor, Klagt sein Dunkel es den andern Mit vertrauten Tönen vor.
Noch ein Glöcklein hat geschwiegen 5 Auf der Höhe his zuletzt. Nun beginnt es sich zu wiegen, Horch, mein Kilchberg läutet jetzt!
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127. ABENDWOLKE
So stille ruht im Hafen Das tiefe Wasser dort, Die Ruder sind entschlafen, Die Schifflein sind im Port.
Nur oben in dem Äther 5 Der lauen Maiennacht, Dort segelt noch ein später Friedfert'ger Ferge sacht.
Die Barke still und dunkel Fährt hin im Dämmerschein 10 Und leisem Sterngefunkel Am Himmel und hinein.
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128. DAS GLÖCKLEIN
Er steht an ihrem Pfühl in herber Qual, Den jungen Busen muß er keuchen sehn-- Er ist ein Arzt. Er weiß, sein traut Gemahl Erblaßt, sobald die Morgenschauer wehn.
Sie hat geschlummert: "Lieber, du bei mir? 5 Mir träumte, daß ich auf der Alpe war, Wie schön mir träumte, das erzähl' ich dir-- Du schickst mich wieder hin das nächste Jahr!
"Dort vor dem Dorf--du weißt den moos'gen Stein-- Saß ich umhallt von lauter Herdgetön, 10 An mir vorüber zogen mit Schalmei'n Die Herden nieder von den Sommerhöh'n.
"Die Herden kehren alle heut nach Haus-- Das ist die letzte wohl? Nein, eine noch: Noch ein Geläut klingt an und eins klingt aus! 15 Das endet nicht! Da kam das letzte doch!
"Mich überflutete das Abendrot, Die Matten dunkelten so grün und rein, Die Firnen brannten aus und waren tot, Darüber glomm ein leiser Sternenschein-- 20
"Du horch! ein Glöcklein läutet in der Schlucht, Verirrt, verspätet, wandert's ohne Ruh, Ein armes Glöcklein, das die Herde sucht-- Aufwacht' ich dann, und bei mir warest du!
"O bring mich wieder auf die lieben Höh'n-- 25 Sie haben, sagst du, mich gesund gemacht ... Dort war es schön! Dort war es wunderschön! Das Glöcklein! Wieder! Hörst du's? Gute Nacht...."
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129. DIE BANK DES ALTEN
Ich bin einmal in einem Tal gegangen, Das fern der Welt, dem Himmel nahe war. Durch das Gelände seiner Wiesen klangen Die Sensen rings der zweiten Mahd im Jahr.
Ich schritt durch eines Dörfchens stille Gassen. 5 Kein Laut. Vor einer Hütte saß allein Ein alter Mann, von seiner Kraft verlassen, Und schaute feiernd auf den Firneschein.
Zuweilen, in die Hand gelegt die Stirne, Seh' ich den Himmel jenes Tales blaun, 10 Den Müden seh ich wieder auf die Firne, Die nahen, selig klaren Firnen schaun.
's ist nur ein Traum. Wohl ist der Greis geschieden Aus dieser Sonne Licht von Jahren schwer; Er schlummert wohl in seines Grabes Frieden, 15 Und seine Bank steht vor der Hütte leer.
Noch pulst mein Leben feurig. Wie den andern Kommt mir ein Tag, da mich die Kraft verrät; Dann will ich langsam in die Berge wandern Und suchen, wo die Bank des Alten steht. 20
DETLEV VON LILIENCRON
130. DIE MUSIK KOMMT
Klingling, bumbum und tschingdada, Zieht im Triumph der Perserschah? Und um die Ecke brausend bricht's Wie Tubaton des Weltgerichts, Voran der Schellenträger. 5
Brumbrum, das große Bombardon, Der Beckenschlag, das Helikon, Die Piccolo, der Zinkenist, Die Türkentrommel, der Flötist, Und dann der Herre Hauptmann. 10
Der Hauptmann naht mit stolzem Sinn, Die Schuppenkette unterm Kinn, Die Schärpe schnürt den schlanken Leib, Beim Zeus! das ist kein Zeitvertreib, Und dann die Herren Leutnants. 15
Zwei Leutnants, rosenrot und braun, Die Fahne schützen sie als Zaun, Die Fahne kommt, den Hut nimm ab, Der bleiben treu wir bis ans Grab! Und dann die Grenadiere. 20
Der Grenadier im strammen Tritt, In Schritt und Tritt und Tritt und Schritt, Das stampft und dröhnt und klappt und flirrt, Laternenglas und Fenster klirrt, Und dann die kleinen Mädchen. 25
Die Mädchen alle, Kopf an Kopf, Das Auge blau und blond der Zopf, Aus Tür und Tor und Hof und Haus Schaut Mine, Trine, Stine aus, Vorbei ist die Musike. 30
Klingling, tschingtsching und Paukenkrach, Noch aus der Ferne tönt es schwach, Ganz leise bumbumbumbum tsching; Zog da ein bunter Schmetterling, Tschingtsching, bum, um die Ecke? 35
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131. TOD IN ÄHREN
Im Weizenfeld, in Korn und Mohn, Liegt ein Soldat, unaufgefunden, Zwei Tage schon, zwei Nächte schon, Mit schweren Wunden, unverbunden.
Durstüberquält und fieberwild, 5 Im Todeskampf den Kopf erhoben. Ein letzter Traum, ein letztes Bild, Sein brechend Auge schlägt nach oben.
Die Sense sirrt im Ährenfeld, Er sieht sein Dorf im Arbeitsfrieden, 10 Ade, ade du Heimatwelt-- Und beugt das Haupt, und ist verschieden.
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132. IN ERINNERUNG
Wilde Rosen überschlugen Tiefer Wunden rotes Blut. Windverwehte Klänge trugen Siegesmarsch und Siegesflut.
Nacht. Entsetzen überspülte 5 Dorf und Dach in Lärm und Glut. "Wasser!" Und die Hand zerwühlte Gras und Staub in Dursteswut.
Morgen. Gräbergraber. Grüfte. Manch ein letzter Atemzug. 10 Weither, witternd, durch die Lüfte Braust und graust ein Geierflug.
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133. WER WEISS WO
(Schlacht bei Kolin, 18. Juni 1757.)
Auf Blut und Leichen, Schutt und Qualm, Auf roßzerstampften Sommerhalm Die Sonne schien. Es sank die Nacht. Die Schlacht ist aus, Und mancher kehrte nicht nach Haus 5 Einst von Kolin.
Ein Junker auch, ein Knabe noch, Der heut das erste Pulver roch, Er mußte dahin. Wie hoch er auch die Fahne schwang, 10 Der Tod in seinen Arm ihn zwang, Er mußte dahin.
Ihm nahe lag ein frommes Buch, Das stets der Junker bei sich trug Am Degenknauf. 15 Ein Grenadier von Bevern fand Den kleinen erdbeschmutzten Band Und hob ihn auf.
Und brachte heim mit schnellem Fuß Dem Vater diesen letzten Gruß, 20 Der klang nicht froh. Dann schrieb hinein die Zitterhand: "Kolin. Mein Sohn verscharrt im Sand. Wer weiß wo."
Und der gesungen dieses Lied, 25 Und der es liest, im Leben zieht Noch frisch und froh. Doch einst bin ich, und bist auch du, Verscharrt im Sand, zur ewigen Ruh', Wer weiß wo. 30
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134. SOMMERNACHT
An ferne Berge schlug die Donnerkeulen Ein rasch verrauschtes Nachmittaggewitter. Die Bauern zogen heim auf müden Gäulen, Und singend kehrten Winzervolk und Schnitter. Auf allen Dächern qualmten blaue Säulen 5 Genügsam himmelan, ein luftig Gitter. Nun ist es Nacht, es geistern schon die Eulen, Einsam aus einer Laube klingt die Zither.
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135. MEINER MUTTER
Wie oft sah ich die blassen Hände nähen, Ein Stück für mich--wie liebevoll du sorgtest! Ich sah zum Himmel deine Augen flehen, Ein Wunsch für mich--wie liebevoll du sorgtest! Und an mein Bett kamst du mit leisen Zehen, 5 Ein Schutz für mich--wie sorgenvoll du horchtest! Längst schon dein Grab die Winde überwehen. Ein Gruß für mich--wie liebevoll du sorgtest!
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136. WIEGENLIED
Vor der Türe schläft der Baum, Durch den Garten zieht ein Traum. Langsam schwimmt der Mondeskahn, Und im Schlafe kräht der Hahn. Schlaf, mein Wölfchen, schlaf. 5
Schlaf, mein Wulff. In später Stund Küss' ich deinen roten Mund. Streck dein kleines dickes Bein, Steht noch nicht auf Weg und Stein. Schlaf, mein Wölfchen, schlaf. 10
Schlaf, mein Wulff. Es kommt die Zeit, Regen rinnt, es stürmt und schneit. Lebst in atemloser Hast, Hättest gerne Schlaf und Rast. Schlaf, mein Wölfchen, schlaf. 15
Vor der Türe steht der Baum, Durch den Garten zieht ein Traum. Langsam schwimmt der Mondeskahn, Und im Schlafe kräht der Hahn. Schlaf, mein Wölfchen, schlaf. 20
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137. VIERERZUG
Vorne vier nickende Pferdeköpfe, Neben mir zwei blonde Mädchenzöpfe, Hinten der Groom mit wichtigen Mienen, An den Rädern Gebell.
In den Dörfern windstillen Lebens Genüge, 5 Auf den Feldern fleißige Spaten und Pflüge, Alles das von der Sonne beschienen So hell, so hell.
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138. SCHÖNE JUNITAGE
Mitternacht, die Gärten lauschen, Flüsterwort und Liebeskuß, Bis der letzte Klang verklungen, Weil nun alles schlafen muß-- Flußüberwärts singt eine Nachtigall. 5
Sonnengrüner Rosengarten, Sonnenweiße Stromesflut, Sonnenstiller Morgenfriede, Der auf Baum und Beeten ruht-- Flußüberwärts singt eine Nachtigall. 10
Straßentreiben, fern, verworren, Reicher Mann und Bettelkind, Myrtenkränze, Leichenzüge, Tausendfältig Leben rinnt--- Flußüberwärts singt eine Nachtigall. 15
Langsam graut der Abend nieder, Milde wird die harte Welt, Und das Herz macht seinen Frieden, Und zum Kinde wird der Held--- Flußüberwärts singt eine Nachtigall. 20
A WORD TO THE READER
Verse must be read aloud. Rhyme, rhythm, alliteration, assonance, vowel coloring, the effect of enjambement, to name only the more obvious phenomena, appeal solely to the ear. Looking at a page of verse is like looking at a page of music. Unless the symbols are translated into sound values, the effect is blank. A skilled musician is able to translate the printed notes to the inner sense, but even he will prefer to hear the music and will always consider this the final test. Thus it is also with verse: it must be read aloud. Lyric verse is best read in privacy or in a small congenial group. When the humdrum noise and the humdrum cares of the world have vanished, then the moment has come when one may steep one's soul in lyric beauty. One never tires of a really great lyric: like a true friend, a longer acquaintance adds only new delight.
And why read lyric poetry at all? Some people ask that question, and for them the case may be hopeless. If the lyric sense is utterly lacking, then it is their sad lot to live in the desert of the practical world. Art is not for them: neither music nor poetry nor painting nor sculpture nor architecture; for something of the lyric impulse lives in all of these. But many ask that question who some day will see, and for them I must attempt a brief answer. All literature is an interpretation of life, and the better one understands life the better one understands literature, and vice versa. Lyric poetry is the most direct interpretation of life, because here the poet reveals his innermost self directly. We strive to enrich our intellectual power by reliving the thought of Plato and of Kant. Why not enrich our emotional life and our whole being by reliving the world of Goethe or Shelley? The poets have lived for us, and the pure essence of their life we can make our own in their lyric verse.
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ELEMENTS OF VERSIFICATION