A Book of German Lyrics

Chapter 1

Chapter 13,337 wordsPublic domain

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A BOOK OF GERMAN LYRICS

Selected And Edited With Notes And Vocabulary

By

FRIEDRICH BRUNS Assistant Professor Of German, University Of Wisconsin

PREFACE

In compiling this Anthology my aim has been not so much to acquaint the student with individual great poems as with the poets themselves. With this end in view I have made the selections as full and as varied as possible and included in the Notes short introductory sketches of the poets. Since the book is intended for the work of fourth and fifth semester German in College (or third and fourth year High School), pedagogic considerations imposed certain limitations not only as to individual poems but also as to poets. Thus I felt that I must exclude Novalis, Hölderlin, Brentano, Annette von Droste, Nietzsche and Dehmel. My standard of difficulty--aside from matters purely linguistic--was: Could a similar poem in English be read and appreciated by the same class of students? Moreover I tried out in a class of fourth semester German all poems that seemed to offer special difficulties and have made use of the experience thus acquired.

Some of my readers will undoubtedly be surprised at finding only two poems of Schiller included in the collection. May I point to the length of these two poems, 270 lines? Even to Goethe I have given only 362 lines. Why did I choose these two poems? The lighter lyric verse of Schiller is not representative of the poet nor would it have enriched the Anthology with a new note. _Das Lied von der Glocke_ is too long for this small volume and is readily accessible in three different school editions. Schiller is at his best in his philosophical lyrics: as Goethe has said, in this field he is absolutely supreme. Poems like _Das Ideal und das Leben_ or _Der Spaziergang_ are far too difficult for our younger students. _Das verschleierte Bild zu Sais_, however, offers a philosophical problem which the younger mind can grasp without special training in philosophy. A few introductory remarks, such as I have given in the notes, will prepare the way. Both poems, furthermore, exemplify Schiller's ethical idealism. Certainly no other poems available at this stage could do more.

I have often been asked by teachers: How do you teach lyric poetry? An answer is found in my Notes to a number of the poems. The chief prerequisite is a warm love for the poets: nowhere is enthusiasm more contagious. A few introductory remarks will open the world of the poem to the student. The teacher must, of course, develop in the students their latent rhythmical sense both by example and precept. Aside from this lyric poetry teaches itself.

As to the use of the book I should suggest spending two or three weeks on one or two poets--I should begin with Goethe--and after that spend one hour a week for a semester or even a year. Some poems could be assigned for outside reading and then a group of poems be discussed in class.

On the whole I have limited myself to those poets that to-day stand out as preëminent. A possible exception is the once famous Rückert. I could not resist the temptation of including his _Aus der Jugendzeit_, a poem of consummate beauty, Rückert's one perfect lyric. Time has been relentless in its winnowing process. But if Geibel, Wilhelm Müller and Bodenstedt have given way to Mörike, Keller and Hebbel, we assuredly have no reason for lament. If this little book help to win in our schools for these three and for Storm, C. F. Meyer, and Liliencron the recognition they deserve, I shall feel richly repaid for this labor of love.

_Spring of_ 1921,

Madison, Wisconsin.

FRIEDRICH BRUNS.

CONTENTS

Goethe

1. Willkommen und Abschied 2. Mailied 3. Auf dem See 4. Heidenröslein 5. Wanderers Nachtlied 6. Ein gleiches 7. Hoffnung 8. Erinnerung 9. Gefunden 10. Mignon 11. Harfenspieler 12. Der König in Thule 13. Der Fischer 14. Erlkönig 15. Gesang der Geister über den Wassern 16. Grenzen der Menschheit 17. Lied des Türmers

Schiller

18. Die Kraniche des Ibykus 19. Das verschleierte Bild zu Sais

Uhland

20. Die Lerchen 21. Des Knaben Berglied 22. Schäfers Sonntagslied 23. Die Kapelle 24. Morgenlied 25. Frühlingsglaube 26. Lob des Frühlings 27. Das Schwert 28. Die Rache 29. Der Wirtin Töchterlein 30. Der gute Kamerad 31. Taillefer 32. Des Sängers Fluch

Eichendorff

33. Der frohe Wandersmann 34. Der Jäger Abschied 35. Nachts 36. Frühlingsdämmerung 37. Elfe 38. Abendlandschaft 39. Die Nacht 40. Sehnsucht 41. Das zerbrochene Ringlein 42. Frühe 43. Nachts 44. Mondnacht

Rückert

45. Aus der Jugendzeit

Heine

46. Die Grenadiere 47. In mein gar zu dunkles Leben 48. Ich weiß nicht, was soll es bedeuten 49. Du bist wie eine Blume 50. Auf Flügeln des Gesanges 51. Die Lotosblume ängstigt 52. Ein Fichtenbaum 53. Mein Liebchen, wir saßen beisammen 54. Ein Jüngling liebt sein Mädchen 55. Dämmernd liegt der Sommerabend 56. Es fällt ein Stern herunter 57. Der Tod, das ist die kühle Nacht 58. Sag, wo ist dein schönes Liebchen 59. Frieden 60. Leise zieht durch mein Gemüt 61. Es war ein alter König 62. Es ziehen die brausenden Wellen 63. Es ragt ins Meer der Runenstein 64. In der Fremde 65. Wo?

Platen

66. Das Grab im Busento 67. Im Wasser wogt die Lilie 68. Wie rafft' ich mich auf in der Nacht 69. Ich möchte, wann ich sterbe

Lenau

70. Bitte 71. Schilflied 72. Der Eichwald 73. Der Postillion 74. Die Drei 75. Der offene Schrank 76. Auf eine holländische Landschaft 77. Stimme des Regens 78. Herbst

Mörike

79. Um Mitternacht 80. Septembermorgen 81. Er ist's 82. In der Frühe 83. Der Feuerreiter 84. Das verlassene Mägdlein 85. Lebewohl 86. Schön-Rohtraut 87. Auf eine Lampe 88. Gebet 89. Denk' es, o Seele

Hebbel

90. Nachtlied 91. Das Kind 92. Nachtgefühl 93. Gebet 94. Abendgefühl 95. Ich und du 96. Sommerbild 97. Herbstbild 98. Der letzte Baum

Keller

99. An das Vaterland 100. Winternacht 101. Abendlied

Storm

102. Oktoberlied 103. Weihnachtslied 104. Sommermittag 105. Die Stadt 106. Über die Heide 107. Lucie 108. Eine Frühlingsnacht 109. April 110. Mai 111. Elisabeth 112. Frauenhand 113. Schließe mir die Augen beide

Meyer

114. Liederseelen 115. Nachtgeräusche 116. Das tote Kind 117. Im Spätboot 118. Vor der Ernte 119. Der römische Brunnen 120. Neujahrsglocken 121. Säerspruch 122. Schnitterlied 123. Nach einem Niederländer 124. Eingelegte Ruder 125. Ewig jung ist nur die Sonne 126. Requiem 127. Abendwolke 128. Das Glöcklein 129. Die Bank des Alten

Liliencron

130. Die Musik kommt 131. Tod in Ähren 132. In Erinnerung 133. Wer weiß wo 134. Sommernacht 135. Meiner Mutter 136. Wiegenlied 137. Viererzug 138. Schöne Junitage

Notes

Vocabulary

Index of Titles and First Lines

Ein kleines Lied

Ein kleines Lied, wie geht's nur an, Daß man so lieb es haben kann, Was liegt darin? Erzähle!

Es liegt darin ein wenig Klang, Ein wenig Wohllaut und Gesang, Und eine ganze Seele.

Marie von Ebner-Eschenbach

JOHANN WOLFGANG VON GOETHE

1. WILLKOMMEN UND ABSCHIED

Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde! Es war getan, fast eh' gedacht; Der Abend wiegte schon die Erde, Und an den Bergen hing die Nacht; Schon stand im Nebelkleid die Eiche, 5 Ein aufgetürmter Riese, da, Wo Finsternis aus dem Gesträuche Mit hundert schwarzen Augen sah.

Der Mond von einem Wolkenhügel Sah kläglich aus dem Duft hervor; 10 Die Winde schwangen leise Flügel, Umsausten schauerlich mein Ohr; Die Nacht schuf tausend Ungeheuer, Doch frisch und fröhlich war mein Mut: In meinen Adern, welches Feuer! 15 In meinem Herzen, welche Glut!

Dich sah ich, und die milde Freude Floß von dem süßen Blick auf mich; Ganz war mein Herz an deiner Seite, Und jeder Atemzug für dich. 20 Ein rosenfarbnes Frühlingswetter Umgab das liebliche Gesicht, Und Zärtlichkeit für mich--ihr Götter! Ich hofft' es, ich verdient' es nicht!

Doch ach, schon mit der Morgensonne 25 Verengt der Abschied mir das Herz: In deinen Küssen, welche Wonne! In deinem Auge, welcher Schmerz! Ich ging, du standst und sahst zur Erden, Und sahst mir nach mit nassem Blick: 30 Und doch, welch Glück, geliebt zu werden! Und lieben, Götter, welch ein Glück!

* * * * *

2. MAILIED

Wie herrlich leuchtet Mir die Natur! Wie glänzt die Sonne! Wie lacht die Flur!

Es dringen Blüten 5 Aus jedem Zweig, Und tausend Stimmen Aus dem Gesträuch,

Und Freud' und Wonne Aus jeder Brust. 10 O Erd', o Sonne! O Glück, o Lust!

O Lieb', o Liebe! So golden schön, Wie Morgenwolken 15 Auf jenen Höhn!

Du segnest herrlich Das frische Feld, Im Blütendampfe Die volle Welt. 20

O Mädchen, Mädchen, Wie lieb' ich dich! Wie blinkt dein Auge! Wie liebst du mich!

So liebt die Lerche 25 Gesang und Luft, Und Morgenblumen Den Himmelsduft,

Wie ich dich liebe Mit warmem Blut, 30 Die du mir Jugend Und Freud' und Mut

Zu neuen Liedern Und Tänzen giebst. Sei ewig glücklich, 35 Wie du mich liebst!

* * * * *

3. AUF DEM SEE

Und frische Nahrung, neues Blut Saug' ich aus freier Welt; Wie ist Natur so hold und gut, Die mich am Busen hält! Die Welle wieget unsern Kahn 5 Im Rudertakt hinauf, Und Berge, wolkig himmelan, Begegnen unserm Lauf.

Aug', mein Aug', was sinkst du nieder? Goldne Träume, kommt ihr wieder? 10 Weg, du Traum! so gold du bist; Hier auch Lieb' und Leben ist.

Auf der Welle blinken Tausend schwebende Sterne; Weiche Nebel trinken 15 Rings die türmende Ferne; Morgenwind umflügelt Die beschattete Bucht, Und im See bespiegelt Sich die reifende Frucht. 20

* * * * *

4. HEIDENRÖSLEIN

Sah' ein Knab' ein Röslein stehn, Röslein auf der Heiden, War so jung und morgenschön, Lief er schnell, es nah zu sehn, Sah's mit vielen Freuden. 5 Röslein, Röslein, Röslein rot, Röslein auf der Heiden.

Knabe sprach: Ich breche dich, Röslein aus der Heiden! Röslein sprach: Ich steche dich, 10 Daß du ewig denkst an mich, Und ich will's nicht leiden. Röslein, Röslein, Röslein rot, Röslein auf der Heiden.

Und der wilde Knabe brach 15 's Röslein auf der Heiden; Röslein wehrte sich und stach, Half ihm doch kein Weh und Ach, Mußt' es eben leiden. Röslein, Röslein, Röslein rot, 20 Röslein auf der Heiden.

* * * * *

5. WANDRERS NACHTLIED

Der du von dem Himmel bist, Alles Leid und Schmerzen stillest, Den, der doppelt elend ist, Doppelt mit Erquickung füllest, Ach, ich bin des Treibens müde! 5 Was soll all der Schmerz und Lust? Süßer Friede, Komm, ach, komm in meine Brust!

* * * * *

6. EIN GLEICHES

Über allen Gipfeln Ist Ruh; In allen Wipfeln Spürest du Kaum einen Hauch; 5 Die Vögelein schweigen im Walde. Warte nur, balde Ruhest du auch.

* * * * *

7. HOFFNUNG

Schaff', das Tagwerk meiner Hände, Hohes Glück, daß ich's vollende! Laß, o laß mich nicht ermatten! Nein, es sind nicht leere Träume: Jetzt nur Stangen, diese Bäume 5 Geben einst noch Frucht und Schatten.

* * * * *

8. ERINNERUNG

Willst du immer weiter schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah. Lerne nur das Glück ergreifen, Denn das Glück ist immer da.

* * * * *

9. GEFUNDEN

Ich ging im Walde So für mich hin, Und nichts zu suchen, Das war mein Sinn.

Im Schatten sah ich 5 Ein Blümchen stehn, Wie Sterne leuchtend, Wie Äuglein schön.

Ich wollt' es brechen, Da sagt' es fein: 10 Soll ich zum Welken Gebrochen sein?

Ich grub's mit allen Den Würzlein aus, Zum Garten trug ich's 15 Am hübschen Haus.

Und pflanzt' es wieder Am stillen Ort; Nun zweigt es immer Und blüht so fort. 20

* * * * *

10. MIGNON

Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn, Im dunkeln Laub die Goldorangen glühn, Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht, Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht? Kennst du es wohl? 5 Dahin! Dahin Möcht' ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn.

Kennst du das Haus? Auf Säulen ruht sein Dach, Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach, Und Marmorbilder stehn und sehn mich an: Was hat man dir, du armes Kind, getan? 10 Kennst du es wohl? Dahin! Dahin Möcht' ich mit dir, o mein Beschützer, ziehn.

Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg? Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg; In Höhlen wohnt der Drachen alte Brut; 15 Es stürzt der Fels und über ihn die Flut. Kennst du ihn wohl? Dahin! Dahin Geht unser Weg! o Vater, laß uns ziehn!

* * * * *

11. HARFENSPIELER

Wer nie sein Brot mit Tränen aß, Wer nie die kummervollen Nächte Auf seinem Bette weinend saß, Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte.

Ihr führt ins Leben uns hinein, 5 Ihr laßt den Armen schuldig werden, Dann überlaßt ihr ihn der Pein: Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.

* * * * *

12. DER KÖNIG IN THULE

Es war ein König in Thule, Gar treu bis an das Grab, Dem sterbend seine Buhle Einen goldnen Becher gab.

Es ging ihm nichts darüber, 5 Er leert' ihn jeden Schmaus; Die Augen gingen ihm über, So oft er trank daraus.

Und als er kam zu sterben, Zählt' er seine Städt' im Reich, 10 Gönnt' alles seinem Erben, Den Becher nicht zugleich.

Er saß beim Königsmahle, Die Ritter um ihn her, Auf hohem Vätersaale 15 Dort auf dem Schloß am Meer.

Dort stand der alte Zecher, Trank letzte Lebensglut Und warf den heil'gen Becher Hinunter in die Flut. 20

Er sah ihn stürzen, trinken Und sinken tief ins Meer. Die Augen täten ihm sinken, Trank nie einen Tropfen mehr.

* * * * *

13. DER FISCHER

Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll, Ein Fischer saß daran, Sah nach dem Angel ruhevoll, Kühl bis ans Herz hinan. Und wie er sitzt und wie er lauscht, 5 Teilt sich die Flut empor: Aus dem bewegten Wasser rauscht Ein feuchtes Weib hervor.

Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm: Was lockst du meine Brut 10 Mit Menschenwitz und Menschenlist Hinaus in Todesglut? Ach, wüßtest du, wie 's Fischlein ist So wohlig auf dem Grund, Du stiegst herunter, wie du bist, 15 Und würdest erst gesund.

Labt sich die liebe Sonne nicht, Der Mond sich nicht im Meer? Kehrt wellenatmend ihr Gesicht Nicht doppelt schöner her? 20 Lockt dich der tiefe Himmel nicht, Das feuchtverklärte Blau? Lockt dich dein eigen Angesicht Nicht her in ew'gen Tau?

Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll, 25 Netzt' ihm den nackten Fuß; Sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll, Wie bei der Liebsten Gruß.

Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm; Da war's um ihn geschehn: 30 Halb zog sie ihn, halb sank er hin Und ward nicht mehr gesehn.

* * * * *

14. ERLKÖNIG

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Es ist der Vater mit seinem Kind; Er hat den Knaben wohl in dem Arm, Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.

"Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?"-- 5 "Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht? Den Erlenkönig mit Kron' und Schweif?"-- "Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif."

"Du liebes Kind, komm, geh mit mir! "Gar schöne Spiele spiel' ich mit dir; 10 Manch bunte Blumen sind an dem Strand, "Meine Mutter hat manch gülden Gewand."--

"Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht, Was Erlenkönig mir leise verspricht?"-- "Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind; 15 In dürren Blättern säuselt der Wind."--

"Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?" "Meine Töchter sollen dich warten schön; Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn Und wiegen und tanzen und singen dich ein."-- 20

"Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort Erlkönigs Töchter am düstern Ort?"-- "Mein Sohn, mein Sohn, ich seh' es genau: Es scheinen die alten Weiden so grau."--

"Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt; 25 Und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt."-- "Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an! Erlkönig hat mir ein Leids getan!"--

Dem Vater grauset's, er reitet geschwind, Er hält in Armen das ächzende Kind, 30 Erreicht den Hof mit Mühe und Not; In seinen Armen das Kind war tot.

* * * * *

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15. GESANG DER GEISTER ÜBER DEN WASSERN

Des Menschen Seele Gleicht dem Wasser: Vom Himmel kommt es, Zum Himmel steigt es, Und wieder nieder 5 Zur Erde muß es, Ewig wechselnd.

Strömt von der hohen, Steilen Felswand Der reine Strahl, 10 Dann stäubt er lieblich In Wolkenwellen Zum glatten Fels, Und leicht empfangen, Wallt er verschleiernd, 15 Leis rauschend Zur Tiefe nieder.

Ragen Klippen Dem Sturz entgegen, Schäumt er unmutig 20 Stufenweise Zum Abgrund.

Im flachen Bette Schleicht er das Wiesental hin, Und in dem glatten See 25 Weiden ihr Antlitz Alle Gestirne.

Wind ist der Welle Lieblicher Buhler; Wind mischt vom Grund aus 30 Schäumende Wogen.

Seele des Menschen, Wie gleichst du dem Wasser! Schicksal des Menschen, Wie gleichst du dem Wind! 35

* * * * *

16. GRENZEN DER MENSCHHEIT

Wenn der uralte Heilige Vater Mit gelassener Hand Aus rollenden Wolken Segnende Blitze 5 Über die Erde sät, Küss' ich den letzten Saum seines Kleides, Kindliche Schauer Treu in der Brust. 10

Denn mit Göttern Soll sich nicht messen Irgend ein Mensch. Hebt er sich aufwärts Und berührt 15 Mit dem Scheitel die Sterne, Nirgends haften dann Die unsichern Sohlen, Und mit ihm spielen Wolken und Winde. 20

Steht er mit festen, Markigen Knochen Auf der wohlgegründeten Dauernden Erde: Reicht er nicht auf, 25 Nur mit der Eiche Oder der Rebe Sich zu vergleichen.

Was unterscheidet Götter von Menschen? 30 Daß viele Wellen Vor jenen wandeln, Ein ewiger Strom: Uns hebt die Welle, Verschlingt die Welle, 35 Und wir versinken.

Ein kleiner Ring Begrenzt unser Leben, Und viele Geschlechter Reihen sich dauernd 40 An ihres Daseins Unendliche Kette.

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17. LIED DES TÜRMERS

Zum Sehen geboren, Zum Schauen bestellt, Dem Turme geschworen, Gefällt mir die Welt.

Ich blick' in die Ferne, 5 Ich seh' in der Näh' Den Mond und die Sterne, Den Wald und das Reh.

So seh' ich in allen Die ewige Zier, 10 Und wie mir's gefallen, Gefall' ich auch mir.

Ihr glücklichen Augen, Was je ihr gesehn, Es sei, wie es wolle, 15 Es war doch so schön!

FRIEDRICH SCHILLER

18. DIE KRANICHE DES IBYKUS

Zum Kampf der Wagen und Gesänge, Der auf Korinthus' Landesenge Der Griechen Stämme froh vereint, Zog Ibykus, der Götterfreund. Ihm schenkte des Gesanges Gabe, 5 Der Lieder süßen Mund Apoll; So wandert' er an leichtem Stabe Aus Rhegium, des Gottes voll.

Schon winkt aus hohem Bergesrücken Akrokorinth des Wandrers Blicken, 10 Und in Poseidons Fichtenhain Tritt er mit frommem Schauder ein. Nichts regt sich um ihn her; nur Schwärme Von Kranichen begleiten ihn, Die fernhin nach des Südens Wärme 15 In graulichtem Geschwader ziehn.

"Seid mir gegrüßt, befreundte Scharen, Die mir zur See Begleiter waren; Zum guten Zeichen nehm' ich euch, Mein Los, es ist dem euren gleich: 20 Von fern her kommen wir gezogen Und flehen um ein wirtlich Dach. Sei uns der Gastliche gewogen. Der von dem Fremdling wehrt die Schmach!"

Und munter fördert er die Schritte, 25 Und sieht sich in des Waldes Mitte; Da sperren auf gedrangem Steg, Zwei Mörder plötzlich seinen Weg. Zum Kampfe muß er sich bereiten, Doch bald ermattet sinkt die Hand, 30 Sie hat der Leier zarte Saiten, Doch nie des Bogens Kraft gespannt.

Er ruft die Menschen an, die Götter, Sein Flehen dringt zu keinem Retter; Wie weit er auch die Stimme schickt, 35 Nichts Lebendes wird hier erblickt. "So muß ich hier verlassen sterben, Auf fremdem Boden, unbeweint, Durch böser Buben Hand verderben, Wo auch kein Rächer mir erscheint!" 40

Und schwer getroffen sinkt er nieder, Da rauscht der Kraniche Gefieder; Er hört, schon kann er nicht mehr sehn, Die nahen Stimmen furchtbar krähn. "Von euch, ihr Kraniche dort oben, 45 Wenn keine andre Stimme spricht, Sei meines Mordes Klag' erhoben!" Er ruft es, und sein Auge bricht.

Der nackte Leichnam wird gefunden, Und bald, obgleich entstellt von Wunden, 50 Erkennt der Gastfreund in Korinth Die Züge, die ihm teuer sind. "Und muß ich so dich wiederfinden, Und hoffte mit der Fichte Kranz Des Sängers Schläfe zu umwinden, 55 Bestrahlt von seines Ruhmes Glanz!"

Und jammernd hören's alle Gäste, Versammelt bei Poseidons Feste, Ganz Griechenland ergreift der Schmerz, Verloren hat ihn jedes Herz. 60 Und stürmend drängt sich zum Prytanen Das Volk, es fodert seine Wut, Zu rächen des Erschlagnen Manen, Zu sühnen mit des Mörders Blut.