# West-östlicher Divan

## Part 2

Book page: https://www.cyberlibrary.org/de/books/west-ostlicher-divan-2319/index.md

Unvermeidlich

Wer kann gebieten den Vögeln, Still zu sein auf der Flur? Und wer verbieten zu zappeln Den Schafen unter der Schur?

Stell ich mich wohl ungebärdig, Wenn mir die Wolle kraust? Nein! die Ungebärden entzwingt mir Der Scherer, der mich zerzaust.

Wer will mir wehren, zu singen Nach Lust zum Himmel hinan, Den Wolken zu vertrauen, Wie lieb sie mir's angetan?

Geheimes

über meines Liebchens äugeln Stehn verwundert alle Leute, Ich, der Wissende, dagegen Weiß recht gut, was das bedeute.

Denn es heißt: ich liebe diesen, Und nicht etwa den und jenen, Lasset nur, ihr guten Leute, Euer Wundern, euer Sehnen!

Ja, mit ungeheuren Mächten Blicket sie wohl in die Runde, Doch sie sucht nur zu verkünden Ihm die nächste süße Stunde.

Geheimstes

"Wir sind emsig, nachzuspüren, Wir, die Anekdotenjäger, Wer dein Liebchen sei und ob du Nicht auch habest viele Schwäger.

Denn daß du verliebt bist, sehn wir, Mögen dir es gerne gönnen; Doch, daß Liebchen so dich liebe, Werden wir nicht glauben können."

Ungehindert, liebe Herren, Sucht sie auf! Nur hört das eine: Ihr erschrecket, wenn sie dasteht; Ist sie fort, ihr kos't dem Scheine.

Wißt ihr, wie Schehab-eddin Sich auf Arafat entmantelt, Niemand haltet ihr für törig, Der in seinem Sinne handelt.

Wenn vor deines Kaisers Throne Oder vor der Vielgeliebten Je dein Name wird gesprochen, Sei es dir zu höchstem Lohne.

Darum war's der höchste Jammer, Als einst Medschnun sterbend wollte, Daß vor Leila seinen Namen Man forthin nicht nennen sollte.

Buch der Betrachtungen

Tefkir Nameh: Buch der Betrachtungen

Höre den Rat, den die Leier tönt! Doch er nutzet nur, wenn du fähig bist. Das glücklichste Wort, es wird verhöhnt, Wenn der Hörer ein Schiefohr ist.

"Was tönt denn die Leier?" Sie tönet laut: Die schönste, das ist nicht die beste Braut; Doch wenn wir dich unter uns zählen sollen, So mußt du das Schönste, das Beste wollen.

Fünf Dinge

Fünf Dinge bringen fünfe nicht hervor, Du, dieser Lehre öffne du dein Ohr: Der stolzen Brust wird Freundschaft nicht entsprossen; Unhöflich sind der Niedrigkeit Genossen; Ein Bösewicht gelangt zu keiner Größe; Der Neidische erbarmt sich nicht der Blöße; Der Lügner hofft vergeblich Treu und Glauben-- Das halte fest und niemand laß dir's rauben!

Fünf andere

Was verkürzt mir die Zeit? Tätigkeit! Was macht sie unerträglich lang? Müßiggang! Was bringt in Schulden? Harren und Dulden! Was macht Gewinnen? Nicht lange besinnen! Was bringt zu Ehren? Sich wehren!

Lieblich ist des Mädchens Blick

Lieblich ist des Mädchens Blick, der winket; Trinkers Blick ist lieblich, eh er trinket, Gruß des Herren, der befehlen konnte, Sonnenschein im Herbst, der sich besonnte. Lieblicher als alles dieses habe Stets vor Augen, wie sich kleiner Gabe Dürftge Hand so hübsch entgegendränget, Zierlich dankbar, was du reichst, empfänget. Welch ein Blick! ein Gruß! ein sprechend Streben! Schau es recht und du wirst immer geben.

Und was im Pend-Nameh steht

Und was im Pend-Nameh steht, Ist dir aus der Brust geschrieben: Jeden, dem du selber gibst, Wirst du wie dich selber lieben.

Reiche froh den Pfennig hin, Häufe nicht ein Goldvermächtnis, Eile freudig vorzuziehn Gegenwart vor dem Gedächtnis.

Reitest du bei einem Schmied vorbei

Reitest du bei einem Schmied vorbei, Weißt du nicht, wann er dein Pferd beschlägt; Siehst du eine Hütte im Felde frei, Weißt nicht, ob sie dir ein Liebchen hegt; Einem Jüngling begegnest du, schön und kühn, Er überwindet dich künftig oder du ihn. Am sichersten kannst du vom Rebstock sagen, Er werde für dich was Gutes tragen. So bist du denn der Welt empfohlen, Das übrige will ich nicht wiederholen.

Den Gruß des Unbekannten ehre ja!

Den Gruß des Unbekannten ehre ja! Er sei dir wert als alten Freundes Gruß. Nach wenig Worten sagt ihr Lebewohl! Zum Osten du, er westwärts, Pfad an Pfad-- Kreuzt euer Weg nach vielen Jahren drauf Sich unerwartet, ruft ihr freudig aus: "Er ist es! ja, da war's!" als hätte nicht So manche Tagefahrt zu Land und See, So manche Sonnenkehr sich drein gelegt. Nun tauschet War um Ware, teilt Gewinn! Ein alt Vertrauen wirke neuen Bund-- Der erste Gruß ist viele tausend wert, Drum grüße freundlich jeden, der begrüßt!

Haben sie von deinen Fehlen

Haben sie von deinen Fehlen Immer viel erzählt Und für wahr sie zu erzählen, Vielfach sich gequält. Hätten sie von deinem Guten Freundlich dir erzählt, Mit verständig treuen Winken, Wie man Beßres wählt: O gewiß! das Allerbeste Blieb mir nicht verhehlt, Das fürwahr nur wenig Gäste In der Klause zählt. Nun als Schüler mich, zu kommen Endlich auserwählt, Lehret mich der Buße Frommen, Wenn der Mensch gefehlt.

Märkte reizen dich zum Kauf

Märkte reizen dich zum Kauf; Doch das Wissen blähet auf. Wer im Stillen um sich schaut, Lernet, wie die Lieb erbaut. Bist du Tag und Nacht beflissen, Viel zu hören, viel zu wissen, Horch an einer andern Türe, Wie zu wissen sich gebühre. Soll das Rechte zu dir ein, Fühl in Gott was Rechts zu sein: Wer von reiner Lieb entbrannt, Wird vom lieben Gott erkannt.

Wie ich so ehrlich war

Wie ich so ehrlich war, Hab ich gefehlt, Und habe Jahre lang Mich durchgequält. Ich galt und galt auch nicht. Was sollt es heißen? Nun wollt ich Schelm sein, Tät mich befleißen; Das wollt mir garnicht ein, Mußt mich zerreißen. Da dacht ich: Ehrlich sein Ist doch das Beste; War es nur kümmerlich, So steht es feste.

Frage nicht, durch welche Pforte

Frage nicht, durch welche Pforte Du in Gottes Stadt gekommen, Sondern bleib am stillen Orte, Wo du einmal Platz genommen.

Schaue dann umher nach Weisen Und nach Mächtgen, die befehlen; Jene werden unterweisen, Diese Tat und Kräfte stählen.

Wenn du nützlich und gelassen So dem Staate treu geblieben, Wisse! niemand wird dich hassen, Und dich werden viele lieben.

Und der Fürst erkennt die Treue, Sie erhält die Tat lebendig; Dann bewährt sich auch das Neue Nächst dem Alten erst beständig.

Woher ich kam?

Woher ich kam? Es ist noch eine Frage; Mein Weg hierher, der ist mir kaum bewußt, Heut nun und hier am himmelfrohen Tage Begegnen sich, wie Freunde, Schmerz und Lust. O süßes Glück, wenn beide sich vereinen! Einsam, wer möchte lachen, möchte weinen?

Es geht eins nach dem andern hin

Es geht eins nach dem andern hin, Und auch wohl vor dem andern; Drum laßt uns rasch und brav und kühn Die Lebenswege wandern. Es hält dich auf, mit Seitenblick Der Blumen viel zu lesen; Doch hält nichts grimmiger zurück, Als wenn du falsch gewesen.

Behandelt die Frauen mit Nachsicht

Behandelt die Frauen mit Nachsicht! Aus krummer Rippe ward sie erschaffen; Gott konnte sie nicht ganz grade machen. Willst du sie biegen, sie bricht; Läßt du sie ruhig, sie wird noch krümmer: Du guter Adam, was ist denn schlimmer?-- Behandelt die Frauen mit Nachsicht: Es ist nicht gut, daß euch eine Rippe bricht.

Das Leben ist ein schlechter Spaß

Das Leben ist ein schlechter Spaß: Dem fehlt's an Dies, dem fehlt's an Das, Der will nicht wenig, der zu viel, Und Kann und Glück kommt auch ins Spiel. Und hat sich's Unglück drein gelegt, Jeder, wie er nicht wollte, trägt. Bis endlich Erben mit Behagen Herrn Kannicht-Willnicht weiter tragen.

Das Leben ist ein Gänsespiel

Das Leben ist ein Gänsespiel: Je mehr man vorwärts gehet, Je früher kommt man an das Ziel, Wo niemand gerne stehet.

Man sagt, die Gänse wären dumm, O, glaubt mir nicht den Leuten: Denn eine sieht einmal sich 'rum, Mich rückwärts zu bedeuten.

Ganz anders ist's in dieser Welt, Wo alles vorwärts drücket: Wenn einer stolpert oder fällt, Keine Seele rückwärts blicket.

Die Jahre nahmen dir

"Die Jahre nahmen dir, du sagst, so vieles: Die eigentliche Lust des Sinnespieles; Erinnerung des allerliebsten Tandes Von gestern, weit- und breiten Landes Durchschweifen frommt nicht mehr; selbst nicht von oben Der Ehren anerkannte Zier, das Loben, Erfreulich sonst. Aus eignem Tun Behagen Quillt nicht mehr auf, dir fehlt ein dreistes Wagen! Nun wüßt ich nicht, was dir Besondres bliebe!" Mir bleibt genug! Es bleibt Idee und Liebe!

Vor den Wissenden sich stellen

Vor den Wissenden sich stellen, Sicher ist's in allen Fällen! Wenn du lange dich gequälet, Weiß er gleich, wo dir es fehlet. Auch auf Beifall darfst du hoffen; Denn er weiß, wo du's getroffen.

Freigebiger wird betrogen

Freigebiger wird betrogen, Geizhafter ausgesogen Verständiger irrgeleitet, Vernünftiger leer geweitet, Der Harte wird umgangen, Der Gimpel wird gefangen. Beherrsche diese Lüge, Betrogener, betrüge!

Wer befehlen kann, wird loben

Wer befehlen kann, wird loben, Und er wird auch wieder schelten, Und das muß dir, treuer Diener, Eines wie das andre gelten.

Denn er lobt wohl das Geringe, Schilt auch, wo er sollte loben: Aber bleibst du guter Dinge, Wird er dich zuletzt erproben.

Und so haltet's auch, ihr Hohen, Gegen Gott wie der Geringe: Tut und leidet, wie sich's findet, Bleibt nur immer guter Dinge!

An Schah Sedschan und seinesgleichen

Durch allen Schall und Klang Der Transoxanen Erkühnt sich unser Sang Auf deine Bahnen! Uns ist für garnichts bang, In dir lebendig, Dein Leben daure lang, Dein Reich beständig!

Höchste Gunst

Ungezähmt, so wie ich war, Hab ich einen Herrn gefunden Und, gezähmt nach manchem Jahr, Eine Herrin auch gefunden. Da sie Prüfung nicht gespart, Haben sie mich treu gefunden Und mit Sorgfalt mich bewahrt Als den Schatz, den sie gefunden. Niemand diente zweien Herrn, Der dabei sein Glück gefunden: Herr und Herrin sehn es gern, Daß sie beide mich gefunden, Und mir leuchtet Glück und Stern, Da ich beide sie gefunden.

Ferdusi spricht

O Welt! wie schamlos und boshaft du bist! Du nährst und erzieltest und tötest zugleich.

Nur wer von Allah begünstigt ist, Der nährt sich, erzieht sich, lebendig und reich.

Was heißt denn Reichtum?

Was heißt denn Reichtum?--Eine wärmende Sonne, Genießt sie der Bettler, wie wir sie genießen! Es möge doch keinen der Reichen verdrießen Des Bettlers im Eigensinn selige Wonne!

Dschelal-eddin Rumi spricht

Verweilst du in der Welt, sie flieht als Traum, Du reisest, ein Geschick bestimmt den Raum; Nicht Hitze, Kälte nicht vermagst du festzuhalten, Und was dir blüht, sogleich wird es veralten.

Suleika spricht

Der Spiegel sagt mir: ich bin schön Ihr sagt: zu altern, sei auch mein Geschick. Vor Gott muß alles ewig stehn; In mir liebt ihn für diesen Augenblick!

Buch des Unmuts

Rendsch Nameh: Buch des Unmuts Wo hast du das genommen?

"Wo hast du das genommen? Wie konnt es zu dir kommen? Wie aus dem Lebensplunder Erwarbst du diesen Zunder, Der Funken letzte Gluten Von frischem zu ermuten?"

Euch mög' es nicht bedünkeln, Es sei gemeines Fünkeln: Auf ungemeßner Ferne, Im Ozean der Sterne, Mich hatt ich nicht verloren; Ich war wie neu geboren.

Von weißer Schafe Wogen Die Hügel überzogen, Umsorgt von ernsten Hirten, Die gern und schmal bewirten, So ruhig-liebe Leute, Daß jeder mich erfreute.

In schauerlichen Nächten, Bedrohet von Gefechten, Das Stöhnen der Kamele Durchdrang das Ohr, die Seele, Und derer, die sie führen, Einbildung und Stolzieren.

Und immer ging es weiter Und immer ward es breiter, Und unser ganzes Ziehen, Es schien ein ewig Fliehen. Blau, hinter Wüst und Heere, Der Streif erlogner Meere.

Keinen Reimer wird man finden

Keinen Reimer wird man finden, Der sich nicht den besten hielte, Keinen Fiedler, der nicht lieber Eigne Melodien spielte.

Und ich konnte sie nicht tadeln; Wenn wir andern Ehre geben, Müssen wir uns selbst entadeln. Lebt man denn, wenn andre leben?

Und so fand ich's denn auch juste In gewissen Antichambern, Wo man nicht zu sondern wußte Mäusedreck von Koriandern.

Das Gewesne wollte hassen Solche rüstge neue Besen, Diese dann, nicht gelten lassen, Was sonst Besen war gewesen.

Und wo sich die Völker trennen, Gegenseitig im Verachten, Keins von beiden wird bekennen, Daß sie nach demselben trachten.

Und das grobe Selbstempfinden Haben Leute hart gescholten, Die am wenigsten verwinden, Wenn die andern was gegolten.

Befindet sich einer heiter und gut

Befindet sich einer heiter und gut, Gleich will ihn der Nachbar peingen; Solang der Tüchtige lebt und tut, Möchten sie ihn gerne steingen. Ist er hinterher aber tot, Gleich sammeln sie große Spenden, Zu Ehren seiner Lebensnot Ein Denkmal zu vollenden. Doch ihren Vorteil sollte dann Die Menge wohl ermessen: Gescheiter wär's, den guten Mann Auf immerdar vergessen.

übermacht, ihr könnt es spüren

übermacht, ihr könnt es spüren, Ist nicht aus der Welt zu bannen; Mir gefällt zu konvergieren Mit Gescheiten, mit Tyrannen.

Da die dummen Eingeengten Immerfort am stärksten pochten, Und die Halben, die Beschränkten Gar zu gern uns unterjochten,

Hab ich mich für frei erkläret Von den Narren, von den Weisen; Diese bleiben ungestöret, Jene möchten sich zerreißen;

Denken, in Gewalt und Liebe Müßten wir zuletzt uns gatten, Machen mir die Sonne trübe Und erhitzen mir den Schatten.

Hafis auch und Ulrich Hutten Mußten ganz bestimmt sich rüsten Gegen braun und blaue Kutten: Meine gehn wie andre Christen.

"Aber nenn uns doch die Feinde!" Niemand soll sie unterscheiden; Denn ich hab in der Gemeinde Schon genug daran zu leiden.

Wenn du auf dem Guten ruhst

Wenn du auf dem Guten ruhst, Nimmer werd ich's tadeln; Wenn du gar das Gute tust, Sieh, das soll dich adeln! Hast du aber deinen Zaun Um dein Gut gezogen, Leb ich frei und lebe traun Keineswegs betrogen.

Denn die Menschen, sie sind gut, Würden besser bleiben, Sollte nicht, wie's einer tut, Auch der andre treiben. Auf dem Weg, da ist's ein Wort, Niemand wird's verdammen: "Wollen wir an einen Ort, Nun wir gehn zusammen!"

Vieles wird sich da und hie Uns entgegenstellen: In der Liebe mag man nie Helfer und Gesellen; Geld und Ehre hätte man Gern allein zur Spende; Und der Wein, der treue Mann, Der entzweit am Ende.

Hat doch über solches Zeug Hafis auch gesprochen, über manchen dummen Streich Sich den Kopf zerbrochen; Und ich seh nicht, was es frommt, Aus der Welt zu laufen, Magst du, wenn das Schlimmste kommt, Auch einmal dich raufen!

Als wenn das auf Namen ruhte

Als wenn das auf Namen ruhte, Was sich schweigend nur entfaltet! Lieb ich doch das schöne Gute, Wie es sich aus Gott gestaltet!

Jemand lieb ich, das ist nötig. Niemand haß ich; soll ich hassen, Auch dazu bin ich erbötig, Hasse gleich in ganzen Massen.

Willst sie aber näher kennen? Sieh aufs Rechte, sieh aufs Schlechte: Was sie ganz fürtrefflich nennen, Ist wahrscheinlich nicht das Rechte.

Denn das Rechte zu ergreifen, Muß man aus dem Grunde leben, Und salbadrisch auszuschweifen, Dünket mich ein seicht Bestreben.

Wohl, Herr Knitterer, er kann sich Mit Zersplitterer vereinen, Und Verwitterer alsdann sich Allenfalls der Beste scheinen!

Daß nur immer in Erneuung Jeder täglich Neues höre, Und zugleich auch die Zerstreuung Jeden in sich selbst zerstöre!

Dies der Landsmann wünscht und liebet Mag er Deutsch, mag Teutsch sich schreiben, Liedchen aber heimlich piepet: Also war es und wird bleiben.

Medschnun

Medschnun heißt--ich will nicht sagen, Daß es grad ein Toller heiße, Doch ihr müßt mich nicht verklagen, Daß ich mich als Medschnun preise.

Wenn die Brust, die redlich volle, Sich entladet, euch zu retten, Ruft ihr nicht: "Das ist der Tolle! Holet Stricke, schaffet Ketten!"

Und wenn ihr zuletzt in Fesseln Seht die Klügeren verschmachten, Sengt es euch wie Feuernesseln, Das vergebens zu betrachten.

Hab ich euch denn je geraten, Wie ihr Kriege führen solltet? Schalt ich euch, nach euren Taten, Wenn ihr Friede schließen wolltet?

Und so hab ich auch den Fischer Ruhig sehen Netze werfen, Brauchte dem gewandten Tischer Winkelmaß nicht einzuschärfen.

Aber ihr wollt besser wissen, Was ich weiß, der ich bedachte, Was Natur, für mich beflissen, Schon zu meinem Eigen machte.

Fühlt ihr euch dergleichen Stärke? Nun, so fördert eure Sachen! Seht ihr aber meine Werke, Lernet erst: so wollt er's machen!

Wanderers Gemütsruhe

übers Niederträchtige Niemand sich beklage! Denn es ist das Mächtige, Was man dir auch sage.

In dem Schlechten waltet es Sich zu Hochgewinne, Und mit Rechtem schaltet es Ganz nach seinem Sinne.

Wandrer!--Gegen solche Not Wolltest du dich sträuben? Wirbelwind und trocknen Kot, Laß sie drehn und stäuben!

Wer wird von der Welt verlangen

Wer wird von der Welt verlangen, Was sie selbst vermißt und träumet, Rückwärts oder seitwärts blickend, Stets den Tag des Tags versäumt? Ihr Bemühn, ihr guter Wille Hinkt nur nach dem raschen Leben, Und was du vor Jahren brauchtest, Möchte sie dir heute geben.

Sich selbst zu loben, ist ein Fehler

Sich selbst zu loben, ist ein Fehler, Doch jeder tut's, der etwas Gutes tut; Und ist er dann in Worten kein Verhehler, Das Gute bleibt doch immer gut.

Laßt doch, ihr Narren, doch die Freude Dem Weisen, der sich weise hält, Daß er, ein Narr wie ihr, vergeude Den abgeschmackten Dank der Welt.

Glaubst du denn: von Mund zu Ohr

Glaubst du denn: von Mund zu Ohr Sei ein redlicher Gewinnst? überliefrung, o du Tor, Ist auch wohl ein Hirngespinst.

Nun geht erst das Urteil an: Dich vermag aus Glaubensketten Der Verstand allein zu retten, Dem du schon Verzicht getan.

Und wer franzet oder britet

Und wer franzet oder britet, Italienert oder teutschet, Einer will nur wie der andre, Was die Eigenliebe heischet.

Denn es ist kein Anerkennen, Weder vieler, noch des einen, Wenn es nicht am Tage fördert, Wo man selbst was möchte scheinen.

Morgen habe denn das Rechte Seine Freunde wohlgesinnet, Wenn nur heute noch das Schlechte Vollen Platz und Gunst gewinnet.

Wer nicht von dreitausend Jahren Sich weiß Rechenschaft zu geben, Bleib im Dunkeln unerfahren, Mag von Tag zu Tage leben.

Sonst, wenn man den heiligen Koran zitierte

Sonst, wenn man den heiligen Koran zitierte, Nannte man die Sure, den Vers dazu, Und jeder Moslim, wie sich's gebührte, Fühlte sein Gewissen in Respekt und Ruh.

Die neuen Derwische wissen's nicht besser, Sie schwatzen das Alte, das Neue dazu; Die Verwirrung wird täglich größer, O heiliger Koran! O ewige Ruh'!

Der Prophet spricht

ärgerts jemand, daß es Gott gefallen, Mahomet zu gönnen Schutz und Glück, An den stärksten Balken seiner Hallen, Da befestig' er den derben Strick, Knüpfe sich daran! Das hält und trägt. Er wird fühlen, daß sein Zorn sich legt.

Timur spricht

Was? Ihr mißbilliget den kräftgen Sturm Des übermuts, verlogne Pfaffen? Hätt Allah mich bestimmt zum Wurm, So hätt' er mich als Wurm geschaffen.

Buch der Sprüche

Hikmet Nameh: Buch der Sprüche

Talismane werd ich in dem Buch zerstreuen; Das bewirkt ein Gleichgewicht. Wer mit gläubger Nadel sticht, überall soll gutes Wort ihn freuen,.

Vom heutgen Tag, von heutger Nacht Verlange nichts, Als was die gestrigen gebracht.

Wer geboren in bös'sten Tagen, Dem werden selbst die bösen behagen.

Wie etwas sei leicht, Weiß, der es erfunden und der es erreicht.

Das Meer flutet immer, Das Land behält es nimmer.

Was wird mir jede Stunde so bang?-- Das Leben ist kurz, der Tag ist lang. Und immer sehnt sich fort das Herz, Ich weiß nicht recht, ob himmelwärts; Fort aber will es hin und hin, Und möchte vor sich selber fliehn. Und fliegt es an der Liebsten Brust, Da ruht's im Himmel unbewußt. Des Lebens Strudel reißt es fort, Und immer hängt's an einem Ort, Was es gewollt, was es verlor, Es bleibt zuletzt sein eigner Tor.

Prüft das Geschick dich, weiß es wohl warum: Es wünschte dich enthaltsam! Folge stumm!

Noch ist es Tag; da rühre sich der Mann! Die Nacht tritt ein, wo niemand wirken kann.

Was machst du an der Welt? Sie ist schon gemacht. Der Herr der Schöpfung hat alles bedacht, Dein Los ist gefallen, verfolge die Weise, Der Weg ist begonnen, vollende die Reise. Denn Sorgen und Kummer verändern es nicht, Sie schleudern dich ewig aus gleichem Gewicht.

Wenn der Schwergedrückte klagt, Hilfe, Hoffnung sei versagt, Bleibet heilsam fort und fort Immer noch ein freundlich Wort.

"Wie ungeschickt habt ihr euch benommen, Da euch das Glück ins Haus gekommen!" Das Mädchen hat's nicht übel genommen Und ist noch ein paarmal wieder gekommen.

Mein Erbteil wie herrlich, weit und breit! Die Zeit ist mein Besitz, mein Acker ist die Zeit.

Gutes tu rein aus des Guten Liebe! Das überliefre deinem Blut. Und wenn's den Kindern nicht verbliebe, Den Enkeln kommt es doch zu gut.

Enweri sagt's, ein Herrlichster der Männer, Des tiefsten Herzens, höchsten Hauptes Kenner: "Dir frommt an jedem Ort, zu jeder Zeit Geradheit, Urteil und Verträglichkeit."

Was klagst du über Feinde? Sollten solche je werden Freunde, Denen das Wesen, wie du bist, Im stillen ein ewiger Vorwurf ist?

Dümmer ist nichts zu ertragen, Als wenn Dumme sagen den Weisen, Daß sie sich in großen Tagen Sollten bescheidentlich erweisen.

Wenn Gott so schlechter Nachbar wäre, Als ich bin und als du bist, Wir hätten beide wenig Ehre; Der läßt einen jeden, wie er ist.

Gestehts! die Dichter des Orients Sind größer als wir des Occidents. Worin wir sie aber völlig erreichen, Das ist im Haß auf unsresgleichen.

überall will jeder obenauf sein, Wie's eben in der Welt so geht, Jeder sollte freilich grob sein, Aber nur in dem, was er versteht.

Verschon uns, Gott, mit deinem Grimme! Zaunkönige gewinnen Stimme.

Will der Neid sich doch zerreißen, Laß ihn seinen Hunger speisen.

Sich im Respekt zu erhalten, Muß man recht borstig sein. Alles jagt man mit Falken, Nur nicht das wilde Schwein.

Was hilft's dem Pfaffenorden, Der mir den Weg verrannt? Was nicht gerade erfaßt worden, Wird auch schief nicht erkannt.

Einen Helden mit Lust preisen und nennen Wird jeder, der selbst als Kühner stritt. Des Menschen Wert kann niemand erkennen, Der nicht selbst Hitze und Kälte litt.

Gutes tu' rein aus des Guten Liebe! Was du tust, verbleibt dir nicht; Und wenn es auch dir verblieben Bleibt es deinen Kindern nicht.

Soll man dich nicht auf's schmählichste berauben, Verbirg dein Gold, dein Weggehn, deinen Glauben!

Wie kommt's, daß man an jedem Orte So viel Gutes, so viel Dummes hört? Die Jüngsten wiederholen der ältesten Worte Und glauben, daß es ihnen angehört.

Laß dich nur in keiner Zeit Zum Widerspruch verleiten! Weise fallen in Unwissenheit, Wenn sie mit Unwissenden streiten.

"Warum ist Wahrheit fern und weit? Birgt sich hinab in tiefste Gründe?" Niemand versteht zur rechten Zeit!-- Wenn man zur rechten Zeit verstünde, So wäre Wahrheit nah und breit Und wäre lieblich und gelinde.

Was willst du untersuchen, Wohin die Milde fließt! Ins Wasser wirf deine Kuchen; Wer weiß, wer sie genießt!

Als ich einmal eine Spinne erschlagen, Dacht ich, ob ich das wohl gesollt? Hat Gott ihr doch wie mir gewollt Einen Anteil an diesen Tagen!

"Dunkel ist die Nacht, bei Gott ist Licht." Warum hat er uns nicht auch so zugericht?

Welch eine bunte Gemeinde! An Gottes Tisch sitzen Freund und Feinde.

Ihr nennt mich einen kargen Mann; Gebt mir, was ich verprassen kann!

Soll ich dir die Gegend zeigen, Mußt du erst das Dach besteigen.

Wer schweigt, hat wenig zu sorgen; Der Mensch bleibt unter der Zunge verborgen.

Ein Herre mit zwei Gesind, Er wird nicht wohl gepflegt. Ein Haus, worin zwei Weiber sind, Es wird nicht rein gefegt.

Ihr lieben Leute, bleibt dabei Und sagt nur: "Autos epha!" Was sagt ihr lange Mann und Weib? Adam, so heißt's, und Eva!

Wofür ich Allah höchlich danke? Daß er Leiden und Wissen getrennt. Verzweifeln müßte jeder Kranke, Das übel kennend, wie der Arzt es kennt.

Närrisch, daß jeder in seinem Falle Seine besondere Meinung preist! Wenn Islam "Gott ergeben" heißt, In Islam leben und sterben wir alle.

Wer auf die Welt kommt, baut ein neues Haus, Er geht und läßt es einem zweiten; Der wird sich's anders zubereiten. Und niemand baut es aus.

Wer in mein Haus tritt, der kann schelten, Was ich ließ viele Jahre gelten; Vor der Tür aber müßt er passen, Wenn ich ihn nicht wollte gelten lassen.

Herr, laß dir gefallen Dieses kleine Haus! Größre kann man bauen, Mehr kommt nicht heraus.

Du bist auf immer geborgen, Das nimmt dir niemand wieder: Zwei Freunde ohne Sorgen, Weinbecher, Büchlein Lieder.

"Was brachte Lokman nicht hervor, Den man den Garst'gen hieß!" Die Süßigkeit liegt nicht im Rohr, Der Zucker, der ist süß.

