# Romanzero

## Part 2

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Hastig längs des Rheines Ufern Schreitet sie hinab die Landstraß, Die nach Holland fährt, und hastig Fragt sie jeden, der vorbeikommt:

»Habt ihr nicht gesehn Apollo? Einen roten Mantel trägt er, Lieblich singt er, spielt die Leier, Und er ist mein holder Abgott.«

Keiner will ihr Rede stehen, Mancher dreht ihr stumm den Rücken, Mancher glotzt sie an und lächelt, Mancher seufzet: Armes Kind!

Doch des Wegs herangetrottelt Kommt ein schlottrig alter Mensch, Fingert in der Luft, wie rechnend, Näselnd singt er vor sich hin.

Einen schlappen Quersack trägt er, Auch ein klein dreieckig Hütchen; Und mit schmunzelnd klugen Äuglein Hört er an den Spruch der Nonne:

»Habt ihr nicht gesehn Apollo? Einen roten Mantel trägt er, Lieblich singt er, spielt die Leier, Und er ist mein holder Abgott.«

Jener aber gab zur Antwort, Während er sein Köpfchen wiegte Hin und her, und gar possierlich Zupfte an dem spitzen Bärtchen:

Ob ich ihn gesehen habe? Ja, ich habe ihn gesehen Oft genug zu Amsterdam, In der deutschen Synagoge.

Denn er war Vorsänger dorten, Und da hieß er Rabbi Faibisch, Was auf Hochdeutsch heißt Apollo - Doch mein Abgott ist er nicht.

Roter Mantel? Auch den roten Mantel kenn ich. Echter Scharlach, Kostet acht Florin die Elle, Und ist noch nicht ganz bezahlt.

Seinen Vater Moses Jitscher Kenn ich gut. Vorhautabschneider Ist er bei den Portugiesen. Er beschnitt auch Souveräne.

Seine Mutter ist Cousine Meines Schwagers, und sie handelt Auf der Gracht mit sauern Gurken Und mit abgelebten Hosen.

Haben kein Pläsier am Sohne. Dieser spielt sehr gut die Leier, Aber leider noch viel besser Spielt er oft Tarock und L'hombre.

Auch ein Freigeist ist er, aß Schweinefleisch, verlor sein Amt, Und er zog herum im Lande Mit geschminkten Komödianten.

In den Buden, auf den Märkten, Spielte er den Pickelhering, Holofernes, König David, Diesen mit dem besten Beifall.

Denn des Königs eigne Lieder Sang er in des Königs eigner Muttersprache, tremulierend In des Nigens alter Weise.

Aus dem Amsterdamer Spielhuis Zog er jüngst etwelche Dirnen, Und mit diesen Musen zieht er Jetzt herum als ein Apollo.

Eine dicke ist darunter, Die vorzüglich quiekt und grünzelt; Ob dem großen Lorbeerkopfputz Nennt man sie die grüne Sau.

Kleines Volk

In einem Pißpott kam er geschwommen, Hochzeitlich geputzt, hinab den Rhein. Und als er nach Rotterdam gekommen, Da sprach er: »Juffräuken, willst du mich frein?

»Ich führe dich, geliebte Schöne, Nach meinem Schloß, ins Brautgemach; Die Wände sind eitel Hobelspäne, Aus Häckerling besteht das Dach.

»Da ist es so puppenniedlich und nette, Da lebst du wie eine Königin! Die Schale der Walnuß ist unser Bette, Von Spinnweb sind die Laken drin.

»Ameiseneier, gebraten in Butter, Essen wir täglich, auch Würmchengemüs, Und später erb ich von meiner Frau Mutter Drei Nonnenfürzchen, die schmecken so süß.

»Ich habe Speck, ich habe Schwarten, Ich habe Fingerhüte voll Wein, Auch wächst eine Rübe in meinem Garten, Du wirst wahrhaftig glücklich sein!«

Das war ein Locken und ein Werben! Wohl seufzte die Braut: ach Gott! ach Gott! Sie war wehmütig, wie zum Sterben - Doch endlich stieg sie hinab in den Pott.

*

Sind Christenleute oder Mäuse Die Helden des Lieds? Ich weiß es nicht mehr. Im Beverland hört ich die schnurrige Weise, Es sind nun dreißig Jahre her.

Zwei Ritter

Crapülinski und Waschlapski, Polen aus der Polackei, Fochten für die Freiheit, gegen Moskowiter-Tyrannei.

Fochten tapfer und entkamen Endlich glücklich nach Paris - Leben bleiben, wie das Sterben Für das Vaterland, ist süß.

Wie Achilles und Patroklus, David und sein Jonathan, Liebten sich die beiden Polen, Küßten sich: »Kochan! Kochan!«

Keiner je verriet den Andern, Blieben Freunde, ehrlich, treu, Ob sie gleich zwei edle Polen, Polen aus der Polackei.

Wohnten in derselben Stube, Schliefen in demselben Bette; Eine Laus und eine Seele, Kratzten sie sich um die Wette.

Speisten in derselben Kneipe, Und da keiner wollte leiden, Daß der Andre für ihn zahle, Zahlte keiner von den Beiden.

Auch dieselbe Henriette Wäscht für beide edle Polen; Trällernd kommt sie jeden Monat, Um die Wäsche abzuholen.

Ja, sie haben wirklich Wäsche, Jeder hat der Hemden zwei, Ob sie gleich zwei edle Polen, Polen aus der Polackei.

Sitzen heute am Kamine, Wo die Flammen traulich flackern; Draußen Nacht und Schneegestöber Und das Rollen von Fiakern.

Eine große Bowle Punsch (Es versteht sich, unverzückert, Unversäuert, unverwässert) Haben sie bereits geschlückert.

Und von Wehmut wird beschlichen Ihr Gemüte; ihr Gesicht Wird befeuchtet schon von Zähren, Und der Crapülinski spricht:

»Hätt ich doch hier in Paris Meinen Bärenpelz, den lieben Schlafrock und die Katzfell-Nachtmütz, Die im Vaterland geblieben!«

Ihm erwiderte Waschlapski: »O du bist ein treuer Schlachzitz, Denkest immer an der Heimat Bärenpelz und Katzfell-Nachtmütz.

»Polen ist noch nicht verloren, Unsre Weiber, sie gebären, Unsre Jungfraun tun dasselbe, Werden Helden uns bescheren,

»Helden, wie der Held Sobieski, Wie Schelmufski und Uminski, Eskrokewitsch, Schubiakski, Und der große Eselinski.«

Das goldne Kalb

Doppelflöten, Hörner, Geigen Spielen auf zum Götzenreigen, Und es tanzen Jakobs Töchter Um das goldne Kalb herum - Brum - brum - brum - Paukenschläge und Gelächter!

Hochgeschürzt bis zu den Lenden Und sich fassend an den Händen, Jungfraun edelster Geschlechter Kreisen wie ein Wirbelwind Um das Rind - Paukenschläge und Gelächter!

Aron selbst wird fortgezogen Von des Tanzes Wahnsinnwogen, Und er selbst, der Glaubenswächter, Tanzt im Hohenpriesterrock, Wie ein Bock - Paukenschläge und Gelächter!

König David

Lächelnd scheidet der Despot, Denn er weiß, nach seinem Tod Wechselt Willkür nur die Hände, Und die Knechtschaft hat kein Ende.

Armes Volk! wie Pferd und Farrn Bleibt es angeschirrt am Karrn, Und der Nacken wird gebrochen, Der sich nicht bequemt den Jochen.

Sterbend spricht zu Salomo König David: Apropos, Daß ich Joab dir empfehle, Einen meiner Generäle.

Dieser tapfre General Ist seit Jahren mir fatal, Doch ich wagte den Verhaßten Niemals ernstlich anzutasten.

Du, mein Sohn, bist fromm und klug, Gottesfürchtig, stark genug, Und es wird dir leicht gelingen, Jenen Joab umzubringen.

König Richard

Wohl durch der Wälder einödige Pracht Jagt ungestüm ein Reiter; Er bläst ins Horn, er singt und lacht Gar seelenvergnügt und heiter.

Sein Harnisch ist von starkem Erz, Noch stärker ist sein Gemüte, Das ist Herr Richard Löwenherz, Der christlichen Ritterschaft Blüte.

Willkommen in England! rufen ihm zu Die Bäume mit grünen Zungen Wir freuen uns, o König, daß du Östreichischer Haft entsprungen.

Dem König ist wohl in der freien Luft, Er fühlt sich wie neugeboren, Er denkt an Östreichs Festungsduft - Und gibt seinem Pferde die Sporen.

Der Asra

Täglich ging die wunderschöne Sultanstochter auf und nieder Um die Abendzeit am Springbrunn, Wo die weißen Wasser plätschern.

Täglich stand der junge Sklave Um die Abendzeit am Springbrunn, Wo die weißen Wasser plätschern; Täglich ward er bleich und bleicher.

Eines Abends trat die Fürstin Auf ihn zu mit raschen Worten: Deinen Namen will ich wissen, Deine Heimat, deine Sippschaft!

Und der Sklave sprach: Ich heiße Mohamet, ich bin aus Yemmen, Und mein Stamm sind jene Asra, Welche sterben, wenn sie lieben.

Himmelsbräute

Wer dem Kloster geht vorbei Mitternächtlich, sieht die Fenster Hell erleuchtet. Ihren Umgang Halten dorten die Gespenster.

Eine düstre Prozession Toter Ursulinerinnen; Junge, hübsche Angesichter Lauschen aus Kapuz und Linnen.

Tragen Kerzen in der Hand, Die unheimlich blutrot schimmern; Seltsam widerhallt im Kreuzgang Ein Gewisper und ein Wimmern.

Nach der Kirche geht der Zug, Und sie setzen dort sich nieder Auf des Chores Buchsbaumstühle Und beginnen ihre Lieder.

Litaneienfromme Weisen, Aber wahnsinnswüste Worte; Arme Seelen sind es, welche Pochen an des Himmels Pforte.

»Bräute Christi waren wir, Doch die Weltlust uns betörte, Und da gaben wir dem Cäsar, Was dem lieben Gott gehörte.

»Reizend ist die Uniform Und des Schnurrbarts Glanz und Glätte; Doch verlockend sind am meisten Cäsars goldne Epaulette.

»Ach, der Stirne, welche trug Eine Dornenkrone weiland, Gaben wir ein Hirschgeweihe Wir betrogen unsern Heiland.

»Jesus, der die Güte selbst, Weinte sanft ob unsrer Fehle, Und er sprach: Vermaledeit Und verdammt sei eure Seele!

»Grabentstiegner Spuk der Nacht, Müssen büßend wir nunmehre Irre gehn in diesen Mauern Miserere! Miserere!

»Ach, im Grabe ist es gut, Ob es gleich viel besser wäre In dem warmen Himmelreiche - Miserere! Miserere!«

»Süßer Jesus, o vergib Endlich uns die Schuld, die schwere, Schließ uns auf den warmen Himmel - Miserere! Miserere!«

Also singt die Nonnenschar, Und ein längst verstorbner Küster Spielt die Orgel. Schattenhände Stürmen toll durch die Register.

Pfalzgräfin Jutta

Pfalzgräfin Jutta fuhr über den Rhein, Im leichten Kahn, bei Mondenschein. Die Zofe rudert, die Gräfin spricht: »Siehst du die sieben Leichen nicht, Die hinter uns kommen Einhergeschwommen - So traurig schwimmen die Toten!

»Das waren Ritter voll Jugendlust - Sie sanken zärtlich an meine Brust Und schwuren mir Treue - Zur Sicherheit, Daß sie nicht brächen ihren Eid, Ließ ich sie ergreifen Sogleich und ersäufen - So traurig schwimmen die Toten!«

Die Zofe rudert, die Gräfin lacht. Das hallt so höhnisch durch die Nacht! Bis an die Hüfte tauchen hervor Die Leichen und strecken die Finger empor, Wie schwörend - Sie nicken Mit gläsernen Blicken - So traurig schwimmen die Toten!

Der Mohrenkönig

Ins Exil der Alpuxarren Zog der junge Mohrenkönig; Schweigsam und das Herz voll Kummer Ritt er an des Zuges Spitze.

Hinter ihm auf hohen Zeltern Oder auch in güldnen Sänften Saßen seines Hauses Frauen; Schwarze Mägde trägt das Maultier.

Hundert treue Diener folgen Auf arabisch edlen Rappen; Stolze Gäule, doch die Reiter Hängen schlottrig in den Sätteln.

Keine Zymbel, keine Pauke, Kein Gesangeslaut ertönte; Nur des Maultiers Silberglöckchen Wimmern schmerzlich in der Stille.

Auf der Höhe, wo der Blick Ins Duero-Tal hinabschweift, Und die Zinnen von Granada Sichtbar sind zum letzten Male:

Dorten stieg vom Pferd der König Und betrachtete die Stadt, Die im Abendlichte glänzte, Wie geschmückt mit Gold und Purpur.

Aber, Allah! Welch ein Anblick! Statt des vielgeliebten Halbmonds, Prangen Spaniens Kreuz und Fahnen Auf den Türmen der Alhambra.

Ach, bei diesem Anblick brachen Aus des Königs Brust die Seufzer, Tränen überströmten plötzlich Wie ein Sturzbach seine Wangen.

Düster von dem hohen Zelter Schaut' herab des Königs Mutter, Schaut' auf ihres Sohnes Jammer, Und sie schalt ihn stolz und bitter.

»Boabdil el Chico«, sprach sie, »Wie ein Weib beweinst du jetzo Jene Stadt, die du nicht wußtest Zu verteidgen wie ein Mann.«

Als des Königs liebste Kebsin Solche harte Rede hörte, Stürzte sie aus ihrer Sänfte Und umhalste den Gebieter.

»Boabdil el Chico,« sprach sie, »Tröste dich, mein Heißgeliebter, Aus dem Abgrund deines Elends Blüht hervor ein schöner Lorbeer.

»Nicht allein der Triumphator, Nicht allein der sieggekrönte Günstling jener blinden Göttin, Auch der blutge Sohn des Unglücks,

»Auch der heldenmütge Kämpfer, Der dem ungeheuren Schicksal Unterlag, wird ewig leben In der Menschen Angedenken.«

»Berg des letzten Mohrenseufzers« Heißt bis auf den heutgen Tag Jene Höhe, wo der König Sah zum letzten Mal Granada.

Lieblich hat die Zeit erfüllet Seiner Liebsten Prophezeiung, Und des Mohrenkönigs Name Ward verherrlicht und gefeiert.

Nimmer wird sein Ruhm verhallen, Ehe nicht die letzte Saite Schnarrend losspringt von der letzten Andalusischen Gitarre.

Geoffroy Rudèl und Melisande von Tripoli

In dem Schlosse Blay erblickt man Die Tapete an den Wänden, So die Gräfin Tripolis Einst gestickt mit klugen Händen.

Ihre ganze Seele stickte Sie hinein, und Liebesträne Hat gefeit das seidne Bildwerk, Welches darstellt jene Szene:

Wie die Gräfin den Rudèl Sterbend sah am Strande liegen, Und das Urbild ihrer Sehnsucht Gleich erkannt' in seinen Zügen.

Auch Rudèl hat hier zum ersten Und zum letzten Mal erblicket In der Wirklichkeit die Dame, Die ihn oft im Traum entzücket.

Über ihn beugt sich die Gräfin, Hält ihn liebevoll umschlungen, Küßt den todesbleichen Mund, Der so schön ihr Lob gesungen!

Ach! der Kuß des Willkomms wurde Auch zugleich der Kuß des Scheidens, Und so leerten sie den Kelch Höchster Lust und tiefsten Leidens.

In dem Schlosse Blay allnächtlich Gibts ein Rauschen, Knistern, Beben, Die Figuren der Tapete Fangen plötzlich an zu leben.

Troubadour und Dame schütteln Die verschlafnen Schattenglieder, Treten aus der Wand und wandeln Durch die Säle auf und nieder.

Trautes Flüstern, sanftes Tändeln, Wehmutsüße Heimlichkeiten, Und posthume Galantrie Aus des Minnesanges Zeiten:

»Geoffroy! Mein totes Herz Wird erwärmt von deiner Stimme, In den längst erloschnen Kohlen Fühl ich wieder ein Geglimme!«

»Melisande! Glück und Blume! Wenn ich dir ins Auge sehe, Leb ich auf - gestorben ist Nur mein Erdenleid und -Wehe.«

»Geoffroy! Wir liebten uns Einst im Traume, und jetzunder Lieben wir uns gar im Tode Gott Amour tat dieses Wunder!«

»Melisande! Was ist Traum? Was ist Tod? Nur eitel Töne. In der Liebe nur ist Wahrheit, Und dich lieb ich, ewig Schöne.«

»Geoffroy! Wie traulich ist es Hier im stillen Mondscheinsaale, Möchte nicht mehr draußen wandeln In des Tages Sonnenstrahle.«

»Melisande! teure Närrin, Du bist selber Licht und Sonne, Wo du wandelst, blüht der Frühling, Sprossen Lieb und Maienwonne!«

Also kosen, also wandeln Jene zärtlichen Gespenster Auf und ab, derweil das Mondlicht Lauschet durch die Bogenfenster.

Doch den holden Spuk vertreibend, Kommt am End die Morgenröte - Jene huschen scheu zurück In die Wand, in die Tapete.

Der Dichter Firdusi

I

Goldne Menschen, Silbermenschen! Spricht ein Lump von einem Thoman, Ist die Rede nur von Silber, Ist gemeint ein Silberthoman.

Doch im Munde eines Fürsten, Eines Schaches, ist ein Thoman Gülden stets; ein Schach empfängt Und er gibt nur goldne Thoman.

Also denken brave Leute, Also dachte auch Firdusi, Der Verfasser des berühmten Und vergötterten Schach Nameh.

Dieses große Heldenlied Schrieb er auf Geheiß des Schaches, Der für jeden seiner Verse Einen Thoman ihm versprochen.

Siebzehnmal die Rose blühte, Siebzehnmal ist sie verwelket, Und die Nachtigall besang sie Und verstummte siebzehnmal -

Unterdessen saß der Dichter An dem Webstuhl des Gedankens, Tag und Nacht, und webte emsig Seines Liedes Riesenteppich -

Riesenteppich, wo der Dichter Wunderbar hineingewebt Seiner Heimat Fabelchronik, Farsistans uralte Könge,

Lieblingshelden seines Volkes, Rittertaten, Aventüren, Zauberwesen und Dämonen, Keck umrankt von Märchenblumen -

Alles blühend und lebendig, Farbenglänzend, glühend, brennend, Und wie himmlisch angestrahlt Von dem heilgen Lichte Irans,

Von dem göttlich reinen Urlicht, Dessen letzter Feuertempel, Trotz dem Koran und dem Mufti, In des Dichters Herzen flammte.

Als vollendet war das Lied, Überschickte seinem Gönner Der Poet das Manuskript, Zweimalhunderttausend Verse.

In der Badestube war es, In der Badestub zu Gasna, Wo des Schaches schwarze Boten Den Firdusi angetroffen -

Jeder schleppte einen Geldsack, Den er zu des Dichters Füßen Knieend legte, als den hohen Ehrensold für seine Dichtung.

Der Poet riß auf die Säcke Hastig, um am lang entbehrten Goldesanblick sich zu laben - Da gewahrt er mit Bestürzung,

Daß der Inhalt dieser Säcke Bleiches Silber, Silberthomans, Zweimalhunderttausend etwa - Und der Dichter lachte bitter.

Bitter lachend hat er jene Summe abgeteilt in drei Gleiche Teile, und jedwedem Von den beiden schwarzen Boten

Schenkte er als Botenlohn Solch ein Drittel, und das dritte Gab er einem Badeknechte, Der sein Bad besorgt, als Trinkgeld.

Seinen Wanderstab ergriff er Jetzo und verließ die Hauptstadt; Vor dem Tor hat er den Staub Abgefegt von seinen Schuhen.

II

»Hätt er menschlich ordinär Nicht gehalten, was versprochen, Hätt er nur sein Wort gebrochen, Zürnen wollt ich nimmermehr.

»Aber unverzeihlich ist, Daß er mich getäuscht so schnöde Durch den Doppelsinn der Rede Und des Schweigens größte List.

»Stattlich war er, würdevoll Von Gestalt und von Gebärden, Wen'ge glichen ihm auf Erden, War ein König jeder Zoll.

»Wie die Sonn am Himmelsbogen, Feuerblicks, sah er mich an, Er, der Wahrheit stolzer Mann - Und er hat mich doch belogen.«

III

Schach Mahomet hat gut gespeist, Und gut gelaunet ist sein Geist.

Im dämmernden Garten, auf purpurnem Pfühl, Am Springbrunnen sitzt er. Das plätschert so kühl!

Die Diener stehen mit Ehrfurchtsmienen; Sein Liebling Ansari ist unter ihnen.

Aus Marmorvasen quillt hervor Ein üppig brennender Blumenflor.

Gleich Odalisken anmutiglich Die schlanken Palmen fächern sich.

Es stehen regungslos die Zypressen, Wie himmelträumend, wie weltvergessen.

Doch plötzlich erklingt bei Lautenklang Ein sanft geheimnisvoller Gesang.

Der Schach fährt auf, als wie behext - Von wem ist dieses Liedes Text?

Ansari, an welchen die Frage gerichtet, Gab Antwort: Das hat Firdusi gedichtet.

Firdusi? - rief der Fürst betreten - Wo ist er? Wie geht es dem großen Poeten?

Ansari gab Antwort: In Dürftigkeit Und Elend lebt er seit langer Zeit

Zu Thus, des Dichters Vaterstadt, Wo er ein kleines Gärtchen hat.

Schach Mahomet schwieg, eine gute Weile, Dann sprach er: Ansari, mein Auftrag hat Eile -

Geh nach meinen Ställen und erwähle Dort hundert Maultiere und funfzig Kamele.

Die sollst du belasten mit allen Schätzen, Die eines Menschen Herz ergötzen,

Mit Herrlichkeiten und Raritäten, Kostbaren Kleidern und Hausgeräten

Von Sandelholz, von Elfenbein, Mit güldnen und silbernen Schnurrpfeiferein,

Kannen und Kelchen, zierlich gehenkelt, Lepardenfellen, groß gesprenkelt,

Mit Teppichen, Schals und reichen Brokaten, Die fabriziert in meinen Staaten -

Vergiß nicht, auch hinzuzupacken Glänzende Waffen und Schabracken,

Nicht minder Getränke jeder Art Und Speisen, die man in Töpfen bewahrt,

Auch Konfitüren und Mandeltorten, Und Pfefferkuchen von allen Sorten.

Füge hinzu ein Dutzend Gäule, Arabischer Zucht, geschwind wie Pfeile,

Und schwarze Sklaven, gleichfalls ein Dutzend, Leiber von Erz, strapazentrutzend.

Ansari, mit diesen schönen Sachen Sollst du dich gleich auf die Reise machen.

Du sollst sie bringen nebst meinem Gruß Dem großen Dichter Firdusi zu Thus.

Ansari erfüllte des Herrschers Befehle, Belud die Mäuler und Kamele

Mit Ehrengeschenken, die wohl den Zins Gekostet von einer ganzen Provinz.

Nach dreien Tagen verließ er schon Die Residenz, und in eigner Person,

Mit einer roten Führerfahne, Ritt er voran der Karawane.

Am achten Tage erreichten sie Thus; Die Stadt liegt an des Berges Fuß.

Wohl durch das Westtor zog herein Die Karawane mit Lärmen und Schrein.

Die Trommel scholl, das Kuhhorn klang, Und laut aufjubelt Triumphgesang.

La Illa Il Allah! aus voller Kehle Jauchzten die Treiber der Kamele.

Doch durch das Osttor, am andern End Von Thus, zog in demselben Moment

Zur Stadt hinaus der Leichenzug, Der den toten Firdusi zu Grabe trug.

Nächtliche Fahrt

Es wogte das Meer, aus dem dunklen Gewölk Der Halbmond lugte scheu; Und als wir stiegen in den Kahn, Wir waren unsrer drei.

Es plätschert' im Wasser des Ruderschlags Verdrossenes Einerlei; Weißschäumende Wellen rauschten heran, Bespritzten uns alle drei.

Sie stand im Kahn so blaß, so schlank, Und unbeweglich dabei, Als wär sie ein welsches Marmorbild, Dianens Konterfei.

Der Mond verbirgt sich ganz. Es pfeift Der Nachtwind kalt vorbei; Hoch über unsern Häuptern ertönt Plötzlich ein gellender Schrei.

Die weiße, gespenstische Möwe wars, Und ob dem bösen Schrei, Der schauerlich klang wie Warnungsruf, Erschraken wir alle drei.

Bin ich im Fieber? Ist das ein Spuk Der nächtlichen Phantasei? Äfft mich ein Traum? Es träumet mir Grausame Narretei.

Grausame Narretei! Mir träumt, Daß ich ein Heiland sei, Und daß ich trüge das große Kreuz Geduldig und getreu.

Die arme Schönheit ist schwer bedrängt, Ich aber mache sie frei Von Schmach und Sünde, von Qual und Not, Von der Welt Unfläterei.

Du arme Schönheit, schaudre nicht Wohl ob der bittern Arznei; Ich selber kredenze dir den Tod, Bricht auch mein Herz entzwei.

O Narretei, grausamer Traum, Wahnsinn und Raserei! Es gähnt die Nacht, es kreischt das Meer, O Gott! o steh mir bei!

O steh mir bei, barmherziger Gott! Barmherziger Gott Schaddey! Da schollerts hinab ins Meer - O Weh - Schaddey! Schaddey! Adonay! -

Die Sonne ging auf, wir fuhren ans Land, Da blühte und glühte der Mai! Und als wir stiegen aus dem Kahn, Da waren wir unsrer _zwei_.

Vitzliputzli

Präludium

Dieses ist Amerika! Dieses ist die neue Welt! Nicht die heutige, die schon Europäisieret abwelkt. -

Dieses ist die neue Welt! Wie sie Christoval Kolumbus Aus dem Ozean hervorzog. Glänzet noch in Flutenfrische,

Träufelt noch von Wasserperlen, Die zerstieben, farbensprühend, Wenn sie küßt das Licht der Sonne. Wie gesund ist diese Welt!

Ist kein Kirchhof der Romantik, Ist kein alter Scherbenberg Von verschimmelten Symbolen Und versteinerten Perucken.

Aus gesundem Boden sprossen Auch gesunde Bäume - keiner Ist blasiert und keiner hat In dem Rückgratmark die Schwindsucht.

Auf den Baumesästen schaukeln Große Vögel. Ihr Gefieder Farbenschillernd. Mit den ernsthaft Langen Schnäbeln und mit Augen,

Brillenartig schwarz umrändert, Schaun sie auf dich nieder, schweigsam - Bis sie plötzlich schrillend aufschrein Und wie Kaffeeschwestern schnattern.

Doch ich weiß nicht, was sie sagen, Ob ich gleich der Vögel Sprachen Kundig bin wie Salomo, Welcher tausend Weiber hatte

Und die Vögelsprachen kannte, Die modernen nicht allein, Sondern auch die toten, alten, Ausgestopften Dialekte.

Neuer Boden, neue Blumen! Neue Blumen, neue Düfte! Unerhörte, wilde Düfte, Die mir in die Nase dringen,

Neckend, prickelnd, leidenschaftlich - Und mein grübelnder Geruchsinn Quält sich ab: Wo hab ich denn Je dergleichen schon gerochen?

Wars vielleicht auf Regentstreet, In den sonnig gelben Armen Jener schlanken Javanesin, Die beständig Blumen kaute?

Oder wars zu Rotterdam, Neben des Erasmi Bildsäul, In der weißen Waffelbude Mit geheimnisvollem Vorhang?

Während ich die neue Welt Solcher Art verdutzt betrachte, Schein ich selbst ihr einzuflößen Noch viel größre Scheu - Ein Affe,

Der erschreckt ins Buschwerk forthuscht, Schlägt ein Kreuz bei meinem Anblick, Angstvoll rufend: »Ein Gespenst! Ein Gespenst der alten Welt!«

Affe! fürcht dich nicht, ich bin Kein Gespenst, ich bin kein Spuk; Leben kocht in meinen Adern, Bin des Lebens treuster Sohn.

Doch durch jahrelangen Umgang Mit den Toten, nahm ich an Der Verstorbenen Manieren Und geheime Seltsamkeiten.

Meine schönsten Lebensjahre, Die verbracht ich im Kyffhäuser, Auch im Venusberg und andern Katakomben der Romantik.

Fürcht dich nicht vor mir, mein Affe! Bin dir hold, denn auf dem haarlos Ledern abgeschabten Hintern Trägst du Farben, die ich liebe.

Teure Farben! Schwarz-rot-goldgelb! Diese Affensteißcouleuren Sie erinnern mich mit Wehmut An das Banner Barbarossas.

I

Auf dem Haupt trug er den Lorbeer, Und an seinen Stiefeln glänzten Goldne Sporen - dennoch war er Nicht ein Held und auch kein Ritter.

Nur ein Räuberhauptmann war er, Der ins Buch des Ruhmes einschrieb, Mit der eignen frechen Faust, Seinen frechen Namen: Cortez.

Unter des Kolumbus Namen Schrieb er ihn, ja dicht darunter, Und der Schulbub auf der Schulbank Lernt auswendig beide Namen -

Nach dem Christoval Kolumbus, Nennt er jetzt Fernando Cortez Als den zweiten großen Mann In dem Pantheon der Neuwelt.

Heldenschicksals letzte Tücke: Unser Name wird verkoppelt Mit dem Namen eines Schächers In der Menschen Angedenken.

Wärs nicht besser, ganz verhallen Unbekannt, als mit sich schleppen Durch die langen Ewigkeiten Solche Namenskameradschaft?

Messer Christoval Kolumbus War ein Held, und sein Gemüte, Das so lauter wie die Sonne, War freigebig auch wie diese.

