# Reineke Fuchs

## Part 4

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Aber Reineke hörte sie schweigend; doch endlich begann er: Da ihr so grausam mich haßt und tödliche Rache begehret, Wisset Ihr doch keine Ende zu finden! Wie muß ich mich wundern! Hinze wüßte wohl Rat zu einem tüchtigen Stricke: Denn er hat ihn geprüft, als in des Pfaffen Behausung Er sich nach Mäusen hinabließ und nicht mit Ehren davonkam. Aber Isegrim, Ihr, und Braun, ihr eilt ja gewaltig, Euren Oheim zum Tode zu bringen; ihr meint, es gelänge.

Und der König erhob sich mit allen Herren des Hofes, Um das Urteil vollstrecken zu sehn; es schloß an den Zug sich Auch die Königin an, von ihren Frauen begleitet; Hinter ihnen strömte die Menge der Armen und Reichen, Alle wünschten Reinekens Tod und wollten ihn sehen. Isegrim sprach indes mit seinen Verwandten und Freunden Und ermahnete sie, ja, fest aneinander geschlossen, Auf den gebundenen Fuchs ein wachsam Auge zu haben; Denn sie fürchteten immer, es möchte der Kluge sich retten. Seinem Weibe befahl der Wolf besonders: Bei deinem Leben! siehe mir zu und hilf den Bösewicht halten. Käm er los, wir würden es alle gar schmählich empfinden. Und zu Braunen sagt' er: Gedenket, wie er Euch höhnte; Alles könnt Ihr ihm nun mit reichlichen Zinsen bezahlen. Hinze klettert und soll uns den Strick da oben befesten; Haltet ihn und stehet mir bei, ich rücke die Leiter, Wenig Minuten, so solls um diesen Schelmen getan sein! Braun versetzte: Stellt nur die Leiter, ich will ihn schon halten.

Seht doch! sagte Reineke drauf: wie seid ihr geschäftig, Euren Oheim zum Tode zu bringen! Ihr solltet ihn eher Schützen und schirmen und, wär er in Not, euch seiner erbarmen. Gerne bät ich um Gnade, allein was könnt es mir helfen? Isegrim haßt mich zu sehr, ja seinem Weibe gebeut er, Mich zu halten und mir den Weg zur Flucht zu vertreten. Dächte sie voriger Zeiten, sie könnte mir wahrlich nicht schaden. Aber soll es nun über mich gehn, so wollt ich, es wäre Bald getan. So kam auch mein Vater in schreckliche Nöten, Doch am Ende ging es geschwind. Es begleiteten freilich Nicht so viele den sterbenden Mann. Doch wolltet ihr länger Mich verschonen, es müßt euch gewiß zur Schande gereichen. Hört ihr, sagte der Bär: wie trotzig der Bösewicht redet? Immer, immer hinauf! es ist sein Ende gekommen.

Ängstlich dachte Reineke nun: O möcht ich in diesen Großen Nöten geschwind was glücklich Neues ersinnen, Daß der König mir gnädig das Leben schenkte und diese Grimmigen Feinde, die drei, in Schaden und Schande gerieten! Laßt uns alles bedenken, und helfe, was helfen kann! denn hier Gilt es den Hals, die Not ist dringend, wie soll ich entkommen? Alles übel häuft sich auf mich. Es zürnet der König, Meine Freunde sind fort und meine Feinde gewaltig; Selten hab ich was Gutes getan, die Stärke des Königs, Seiner Räte Verstand wahrhaftig wenig geachtet; Vieles hab ich verschuldet und hoffte dennoch, mein Unglück Wieder zu wenden. Gelänge mirs nur, zum Worte zu kommen, Wahrlich, sie hingen mich nicht; ich lasse die Hoffnung nicht fahren.

Und er wandte darauf sich von der Leiter zum Volke, Rief: Ich sehe den Tod vor meinen Augen und werd ihm Nicht entgehen. Nur bitt ich euch alle, so viele mich hören, Um ein weniges nur, bevor ich die Erde verlasse. Gerne möcht ich vor euch in aller Wahrheit die Beichte Noch zum letztenmal öffentlich sprechen und redlich bekennen Alles übel, das ich getan, damit nicht ein andrer Etwa dieses oder jenes von mir im stillen begangnen, Unbekannten Verbrechens dereinst bezichtiget werde; So verhüt ich zuletzt noch manches übel, und hoffen Kann ich, es werde mirs Gott in allen Gnaden gedenken.

Viele jammerte das. Sie sprachen untereinander: Klein ist die Bitte, gering nur die Frist! Sie baten den König, Und der König vergönnt' es. Da wurd es Reineken wieder Etwas leichter ums Herz, er hoffte glücklichen Ausgang; Gleich benutzt' er den Raum, der ihm gegönnt war, und sagte:

Spiritus Domini helfe mir nun! Ich sehe nicht Einen Unter der großen Versammlung, den ich nicht irgend beschädigt. Erst, ich war noch ein kleiner Kompan und hatte die Brüste Kaum zu saugen verlernt, da folgt ich meinen Begierden Unter die jungen Lämmer und Ziegen, die neben der Herde Sich im Freien zerstreuten; ich hörte die blökenden Stimmen Gar zu gerne, da lüstete mich nach leckerer Speise. Lernte hurtig sie kennen. Ein Lämmchen biß ich zu Tode, Leckte das Blut, es schmeckte mir köstlich! und tötete weiter Vier der jüngsten Ziegen und aß sie, und übte mich ferner; Sparte keine Vögel, noch Hühner, noch Enten, noch Gänse, Wo ich sie fand, und habe gar manches im Sande vergraben, Was ich geschlachtet und was mir nicht alles zu essen beliebte.

Dann begegnet' es mir: in einem Winter am Rheine Lernt ich Isegrim kennen, er lauerte hinter den Bäumen. Gleich versichert' er mir, ich sei aus seinem Geschlechte, Ja, er wußte mir gar die Grade der Sippschaft am Finger Vorzurechnen. Ich ließ mirs gefallen; wir schlossen ein Bündnis Und gelobten einander, als treue Gesellen zu wandern, Leider sollt ich dadurch mir manches übel bereiten. Wir durchstrichen zusammen das Land. Da stahl er das Große, Stahl ich das Kleine. Was wir gewonnen, das sollte gemein sein; Aber es war nicht gemein, wie billig: er teilte nach Willkür; Niemals empfing ich die Hälfte. Ja, Schlimmeres hab ich erfahren. Wenn er ein Kalb sich geraubt, sich einen Widder erbeutet, Wenn ich im überfluß sitzen ihn fand, er eben die Ziege, Frisch geschlachtet, verzehrte, ein Bock ihm unter den Klauen Lag und zappelte, grinst' er mich an und stellte sich grämlich, Trieb mich knurrend hinweg: so war mein Teil ihm geblieben. Immer ging es mir so, es mochte der Braten so groß sein, Als er wollte. Ja, wenn es geschah, daß wir in Gesellschaft Einen Ochsen gefangen, wir eine Kuh uns gewonnen, Gleich erschienen sein Weib und sieben Kinder und warfen Über die Beute sich her und drängten mich hinter die Mahlzeit. Keine Rippe konnt ich erlangen, sie wäre denn gänzlich Glatt und trocken genagt; das sollte mir alles gefallen! Aber, Gott sei gedankt, ich litt deswegen nicht Hunger; Heimlich nährt ich mich wohl von meinem herrlichen Schatze, Von dem Silber und Golde, das ich an sicherer Stätte Heimlich verwahre; des hab ich genug. Es schafft mir wahrhaftig Ihn kein Wagen hinweg, und wenn er siebenmal führe.

Und es horchte der König, da von dem Schatze gesagt ward, Neigte sich vor und sprach: Von wannen ist er Euch kommen? Saget an! ich meine den Schatz. Und Reineke sagte: Dieses Geheimnis verhehl ich Euch nicht, was könnt es mir helfen? Denn ich nehme nichts mit von diesen köstlichen Dingen. Aber wie Ihr befehlt, will ich Euch alles erzählen, Denn es muß nun einmal heraus; um Liebes und Leides Möcht ich wahrhaftig das große Geheimnis nicht länger verhehlen: Denn der Schatz war gestohlen. Es hatten sich viele verschworen, Euch, Herr König, zu morden, und wurde zur selbigen Stunde Nicht der Schatz mit Klugheit entwendet, so war es geschehen. Merket es, gnädiger Herr! denn Euer Leben und Wohlfahrt Hing an dem Schatz. Und daß man ihn stahl, das brachte denn leider Meinen eigenen Vater in große Nöten, es bracht ihn Frühe zur traurigen Fahrt, vielleicht zu ewigem Schaden; Aber, gnädiger Herr, zu Eurem Nutzen geschah es!

Und die Königin hörte bestürzt die gräßliche Rede, Das verworrne Geheimnis von ihres Gemahles Ermordung, Von dem Verrat, vom Schatz, und was er alles gesprochen. Ich vermahn Euch, Reineke, rief sie: bedenket! Die lange Heimfahrt steht Euch bevor, entladet reuig die Seele; Saget die lautere Wahrheit und redet mir deutlich vom Morde. Und der König setzte hinzu: ein jeglicher schweige! Reineke komme nun wieder herab und trete mir näher; Denn es betrifft die Sache mich selbst, damit ich sie höre.

Reineke, der es vernahm, stand wieder getröstet, die Leiter Stieg er zum großen Verdruß der Feindlichgesinnten herunter; Und er nahte sich gleich dem König und seiner Gemahlin, Die ihn eifrig befragten, wie diese Geschichte begegnet.

Da bereitet' er sich zu neuen gewaltigen Lügen. Könnt ich des Königes Huld und seiner Gemahlin, so dacht er, Wiedergewinnen, und könnte zugleich die List mir gelingen, Daß ich die Feinde, die mich dem Tod entgegengeführet, Selbst verdürbe, das rettete mich aus allen Gefahren. Sicher wäre mir das ein unerwarteter Vorteil; Aber ich sehe schon, Lügen bedarf es und über die Maßen.

Ungeduldig befragte die Königin Reineken weiter: Lasset uns deutlich vernehmen, wie diese Sache beschaffen! Saget die Wahrheit, bedenkt das Gewissen, entladet die Seele!

Reineke sagte darauf. Ich will Euch gerne berichten. Sterben muß ich nun wohl; es ist kein Mittel dagegen. Sollt ich meine Seele beladen am Ende des Lebens, Ewige Strafe verwirken, es wäre töricht gehandelt. Besser ist es, daß ich bekenne; und muß ich dann leider Meine lieben Verwandten und meine Freunde verklagen, Ach, was kann ich dafür! es drohen die Qualen der Hölle.

Und es war dem Könige schon bei diesen Gesprächen Schwer geworden ums Herz. Er sagte: Sprichst du die Wahrheit? Da versetzte Reineke drauf mit verstellter Gebärde: Freilich bin ich ein sündiger Mensch; doch red ich die Wahrheit. Könnt es mir nutzen, wenn ich Euch löge! Da würd ich mich selber Ewig verdammen. Ihr wißt ja nun wohl, so ist es beschlossen: Sterben muß ich, ich sehe den Tod und werde nicht lügen; Denn es kann mir nicht Böses noch Gutes zur Hilfe gedeihen. Bebend sagte Reineke das und schien zu verzagen.

Und die Königin sprach: Mich jammert seine Beklemmung; Sehet ihn gnadenreich an, ich bitt Euch, mein Herr! und erwäget: Manches Unheil wenden wir ab nach seinem Bekenntnis. Laßt uns je eher je lieber den Grund der Geschichte vernehmen. Heißet jeglichen schweigen und laßt ihn öffentlich sprechen.

Und der König gebot, da schwieg die ganze Versammlung. Aber Reineke sprach: Beliebt es Euch, gnädiger König, So vernehmet, was ich Euch sage. Geschieht auch mein Vortrag Ohne Brief und Papier, so soll er doch treu und genau sein; Ihr erfahrt die Verschwörung, und niemands denk ich zu schonen.

Fünfter Gesang

Nun vernehmet die List, und wie der Fuchs sich gewendet, Seine Frevel wieder zu decken und andern zu schaden. Bodenlose Lügen ersann er, beschimpfte den Vater Jenseit der Grube, beschwerte den Dachs mit großer Verleumdung, Seinen redlichsten Freund, der ihm beständig gedienet. So erlaubt' er sich alles, damit er seiner Erzählung Glauben schaffte, damit er an seinen Verklägern sich rächte.

Mein Herr Vater, sagt' er darauf, war so glücklich gewesen, König Emmrichs, des Mächtigen, Schatz auf verborgenen Wegen Einst zu entdecken; doch bracht ihm der Fund gar wenigen Nutzen. Denn er überhub sich des großen Vermögens und schätzte Seinesgleichen von nun an nicht mehr, und seine Gesellen Achtet' er viel zu gering: er suchte sich höhere Freunde. Hinze, den Kater, sendet' er ab in die wilden Ardennen, Braun, den Bären, zu suchen, dem sollt er Treue versprechen, Sollt ihn laden, nach Flandern zu kommen und König zu werden.

Als nun Braun das Schreiben gelesen, erfreut' es ihn herzlich; Unverdrossen und kühn begab er sich eilig nach Flandern, Denn er hatte schon lange so was in Gedanken getragen. Meinen Vater fand er daselbst, der sah ihn mit Freuden, Sendete gleich nach Isegrim aus und nach Grimbart, dem Weisen, Und die vier verhandelten dann die Sache zusammen; Doch der fünfte dabei war Hinze, der Kater. Ein Dörfchen Liegt allda, wird Ifte genannt, und grade da war es, Zwischen Ifte und Gent, wo sie zusammen gehandelt. Eine lange, düstere Nacht verbarg die Versammlung; Nicht mit Gott! es hatte der Teufel, es hatte mein Vater Sie in seiner Gewalt mit seinem leidigen Golde. Sie beschlossen des Königes Tod, beschworen zusammen Festen, ewigen Bund, und also schwuren die fünfe Sämtlich auf Isegrims Haupt: sie wollten Braunen, den Bären, Sich zum Könige wählen und auf dem Stuhle zu Aachen Mit der goldenen Krone das Reich ihm festlich versichern. Wollte nun auch von des Königes Freunden und seinen Verwandten Jemand dagegen sich setzen, den sollte mein Vater bereden Oder bestechen, und ginge das nicht, sogleich ihn verjagen. Das bekam ich zu wissen: denn Grimbart hatte sich einmal Morgens lustig getrunken und war gesprächig geworden; Seinem Weibe verschwätzte der Tor die Heimlichkeit alle, Legte Schweigen ihr auf; da, glaubt' er, wäre geholfen. Sie begegnete drauf bald meinem Weibe, die mußt ihr Der drei Könige Namen zum feierlichen Gelübde Nennen, Ehr und Treue verpfänden, um Liebes und Leides Niemand ein Wörtchen zu sagen, und so entdeckt' sie ihr alles. Ebensowenig hat auch mein Weib das Versprechen gehalten: Denn sobald sie mich fand, erzählte sie, was sie vernommen, Gab mir ein Merkmal dazu, woran ich die Wahrheit der Rede Leicht erkennte; doch war mir dadurch nur schlimmer geschehen. Ich erinnerte mich der Frösche, deren Gequake Bis zu den Ohren des Herrn im Himmel endlich gelangte. Einen König wollten sie haben und wollten im Zwange Leben, nachdem sie der Freiheit in allen Landen genossen. Da erhörte sie Gott und sandte den Storch, der beständig Sie verfolget und haßt und keinen Frieden gewähret. Ohne Gnade behandelt er sie; nun klagen die Toren, Aber leider zu spät: denn nun bezwingt sie der König.

Reineke redete laut zur ganzen Versammlung, es hörten Alle Tiere sein Wort, und so verfolgt' er die Rede: Seht, für alle fürchtet ich das. So wär es geworden. Herr, ich sorgte für Euch und hoffte beßre Belohnung. Braunens Ränke sind mir bekannt, sein tückisches Wesen, Manche Missetat auch von ihm; ich besorgte das Schlimmste. Würd er Herr, so wären wir alle zusammen verdorben. Unser König ist edel geboren und mächtig und gnädig, Dacht ich im stillen bei mir: es wär ein trauriger Wechsel, Einen Bären und tölpischen Taugenicht so zu erhöhen. Etliche Wochen sann ich darüber und sucht es zu hindern. Auch vor allem begriff ich es wohl: behielte mein Vater Seinen Schatz in der Hand, so brächt er viele zusammen, Sicher gewänn er das Spiel, und wir verlören den König. Meine Sorge ging nun dahin, den Ort zu entdecken, Wo der Schatz sich befände, damit ich ihn heimlich entführte. Zog mein Vater ins Feld, der alte, listige, lief er Nach dem Walde bei Tag oder Nacht, in Frost oder Hitze, Näss' oder Trockne, so war ich dahinter und spürte den Gang aus.

Einmal lag ich versteckt in der Erde mit Sorgen und Sinnen, Wie ich entdeckte den Schatz, von dem mir so vieles bekannt war. Da erblickt ich den Vater aus einer Ritze sich schleichen, Zwischen den Steinen kam er hervor und stieg aus der Tiefe. Still und verborgen hielt ich mich da; er glaubte sich einsam, Schaute sich überall um, und als er niemand bemerkte Nah oder fern, begann er sein Spiel, Ihr sollt es vernehmen. Wieder mit Sande verstopft' er das Loch und wußte geschicklich Mit dem übrigen Boden es gleichzumachen. Das konnte, Wer nicht zusah, unmöglich erkennen. Und eh er von dannen Wanderte, wußt er den Platz, wo seine Füße gestanden, Über und über geschickt mit seinem Schwanze zu streichen Und verwühlte die Spur mit seinem Munde. Das lernt ich Jenes Tages zuerst von meinem listigen Vater, Der in Ränken und Schwänken und allen Streichen gewandt war. Und so eilt' er hinweg nach seinem Gewerbe. Da sann ich, Ob sich der herrliche Schatz wohl in der Nähe befände? Eilig trat ich herbei und schritt zum Werke: die Ritze Hatt ich in weniger Zeit mit meinen Pfoten eröffnet, Kroch begierig hinein. Da fand ich köstliche Sachen, Feinen Silbers genug und roten Goldes! Wahrhaftig, Auch der älteste hier hat nie so vieles gesehen. Und ich machte mich dran mit meinem Weibe: wir trugen, Schleppten bei Tag und bei Nacht; uns fehlten Karren und Wagen; Viele Mühe kostet' es uns und manche Beschwernis. Treulich hielt Frau Ermelyn aus; so hatten wir endlich Die Kleinode hinweg zu einer Stätte getragen, Die uns gelegener schien. Indessen hielt sich mein Vater Täglich mit jenen zusammen, die unsern König verrieten. Was sie beschlossen, das werdet Ihr hören und werdet erschrecken.

Braun und Isegrim sandten sofort in manche Provinzen Offene Briefe, die Söldner zu locken: sie sollten zu Haufen Eilig kommen, es wolle sie Braun mit Diensten versehen, Milde woll er sogar voraus die Söldner bezahlen. Da durchstrich mein Vater die Länder und zeigte die Briefe, Seines Schatzes gewiß: der, glaubt' er, läge geborgen. Aber es war nun geschehn, er hätte mit allen Gesellen, Sucht' er auch noch so genau, nicht einen Pfennig gefunden.

Keine Bemühung ließ er sich reun; so war er behende Zwischen der Elb und dem Rheine durch alle Länder gelaufen, Manchen Söldner hatt er gefunden und manchen gewonnen, Kräftigen Nachdruck sollte das Geld den Worten verleihen.

Endlich kam der Sommer ins Land; zu seinen Gesellen Kehrte mein Vater zurück. Da hatt er von Sorgen und Nöten Und von Angst zu erzählen, besonders, wie er beinahe Vor den hohen Burgen in Sachsen sein Leben verloren, Wo ihn Jäger mit Pferden und Hunden alltäglich verfolgten, Daß er knapp und mit Not mit heilem Pelze davonkam.

Freudig zeigt' er darauf den vier Verrätern die Liste, Welche Gesellen er alle mit Gold und Versprechen gewonnen. Braunen erfreute die Botschaft; es lasen die fünfe zusammen, Und es hieß: Zwölfhundert von Isegrims kühnen Verwandten Werden kommen mit offenen Mäulern und spitzigen Zähnen, Ferner: die Kater und Bären sind alle für Braunen gewonnen, Jeder Vielfraß und Dachs aus Sachsen und Thüringen stellt sich. Doch man solle sich ihnen zu der Bedingung verbinden: Einen Monat des Soldes vorauszuzahlen; sie wollten Alle dagegen mit Macht beim ersten Gebote sich stellen. Gott sei ewig gedankt, daß ich die Plane gehindert!

Denn nachdem er nun alles besorgt, so eilte mein Vater Über Feld und wollte den Schatz auch wieder beschauen. Da ging erst die Bekümmernis an: da grub er und suchte; Doch je länger er scharrte, je weniger fand er. Vergebens War die Mühe, die er sich gab, und seine Verzweiflung: Denn der Schatz war fort, er konnt ihn nirgend entdecken. Und vor ärger und Scham--wie schrecklich quält die Erinnrung Mich bei Tag und bei Nacht!--erhängte mein Vater sich selber.

Alles das hab ich getan, die böse Tat zu verhindern. Übel gerät es mir nun; jedoch es soll mich nicht reuen. Isegrim aber und Braun, die gefräßigen, sitzen am nächsten Bei dem König zu Rat. Und Reineke! wie dir dagegen, Armer Mann, jetzt gedankt wird! daß du den leiblichen Vater Hingegeben, den König zu retten. Wo sind sie zu finden Die sich selber verderben, nur Euch das Leben zu fristen?

König und Königin hatten indes, den Schatz zu gewinnen, Große Begierde gefühlt; sie traten seitwärts und riefen Reineken, ihn besonders zu sprechen, und fragten behende: Saget an, wo habt Ihr den Schatz? Wir möchten es wissen. Reineke ließ sich dagegen vernehmen: Was könnt es mir helfen, Zeigt ich die herrlichen Güter dem Könige, der mich verurteilt? Glaubet er meinen Feinden doch mehr, den Dieben und Mördern, Die Euch mit Lügen beschweren, mein Leben mir abzugewinnen.

Nein, versetzte die Königin: nein! so soll es nicht werden! Leben läßt Euch mein Herr, und das Vergangne vergißt er. Er bezwingt sich und zürnet nicht mehr. Doch möget Ihr künftig Klüger handeln und treu und gewärtig dem Könige bleiben.

Reineke sagte: Gnädige Frau, vermöget den König, Mir zu geloben vor Euch, daß er mich wieder begnadigt, Daß er mir alle Verbrechen und Schulden und alle den Unmut, Den ich ihm leider erregt, auf keine Weise gedenket, So besitzet gewiß in unsern Zeiten kein König Solchen Reichtum, als er durch meine Treue gewinnet; Groß ist der Schatz! ich zeige den Ort, Ihr werdet erstaunen.

Glaubet ihm nicht! versetzte der König: doch wenn er von Stehlen, Lügen und Rauben erzählet, das möget Ihr allenfalls glauben; Denn ein größerer Lügner ist wahrlich niemals gewesen.

Und die Königin sprach: Fürwahr, sein bisheriges Leben Hat ihm wenig Vertrauen erworben; doch jetzo bedenket, Seinen Oheim, den Dachs, und seinen eigenen Vater Hat er diesmal bezichtigt und ihre Frevel verkündigt. Wollt er, so konnt er sie schonen und konnte von anderen Tieren Solche Geschichten erzählen; er wird so törig nicht lügen.

Meinet Ihr so? versetzte der König: und denkt Ihr, es wäre Wirklich zum besten geraten, daß nicht ein größeres übel Draus entstände, so will ich es tun und diese Verbrechen Reinekens über mich nehmen und seine verwundete Sache. Einmal trau ich, zum letztenmal noch! das mag er bedenken: Denn ich schwör es ihm zu bei meiner Krone! wofern er Künftig frevelt und lügt, es soll ihn ewig gereuen; Alles, wär es ihm nur verwandt ihm zehenten Grade, Wer sie auch wären, sie sollens entgelten, und keiner entgeht mir, Sollen in Unglück und Schmach und schwere Prozesse geraten!

Als nun Reineke sah, wie schnell sich des Königs Gedanken Wendeten, faßt' er ein Herz und sagte: Sollt ich so töricht Handeln, gnädiger Herr, und Euch Geschichten erzählen, Deren Wahrheit sich nicht in wenig Tagen bewiese?

Und der König glaubte den Worten, und alles vergab er, Erst des Vaters Verrat, dann Reinekens eigne Verbrechen. Über die Maßen freute sich der; zur glücklichen Stunde, War er der Feinde Gewalt und seinem Verhängnis entronnen.

Edler König, gnädiger Herr! begann er zu sprechen: Möge Gott Euch alles vergelten und Eurer Gemahlin, Was Ihr an mir Unwürdigem tut; ich will es gedenken, Und ich werde mich immer gar höchlich dankbar erzeigen. Denn es lebet gewiß in allen Landen und Reichen Niemand unter der Sonne, dem ich die herrlichen Schätze Lieber gönnte, denn eben Euch beiden. Was habt Ihr nicht alles Mir für Gnade bewiesen! Dagegen geb ich Euch willig König Emmerichs Schatz, so wie ihn dieser besessen. Wo er liegt, beschreib ich Euch nun, ich sage die Wahrheit.

Höret! Im Osten von Flandern ist eine Wüste, darinnen Liegt ein einzelner Busch, heißt Hüsterlo, merket den Namen! Dann ist ein Brunn, der Krekelborn heißt, Ihr werdet verstehen, Beide nicht weit auseinander. Es kommt in selbige Gegend Weder Weib noch Mann im ganzen Jahre. Da wohnet Nur die Eul und der Schuhu, und dort begrub ich die Schätze. Krekelborn heißt die Stätte, das merket und nützet das Zeichen. Gehet selber dahin mit Eurer Gemahlin: es wäre Niemand sicher genug, um ihn als Boten zu senden, Und der Schande wäre zu groß; ich darf es nicht raten. Selber müßt Ihr dahin. Bei Krekelborn geht Ihr vorüber, Seht zwei junge Birken hernach, und merket! die eine Steht nicht weit von dem Brunnen; so geht nun, gnädiger König, Grad auf die Birken los, denn drunter liegen die Schätze. Kratzt und scharret nur zu; erst findet Ihr Moos an den Wurzeln, Dann entdeckt Ihr sogleich die allerreichsten Geschmeide, Golden, künstlich und schön, auch findet Ihr Emmerichs Krone: Wäre des Bären Wille geschehn, der sollte sie tragen. Manchen Zierat seht Ihr daran und Edelgesteine Goldnes Kunstwerk; man macht es nicht mehr, wer wollt es bezahlen? Sehet Ihr alle das Gut, o gnädiger König, beisammen, Ja, ich bin es gewiß, Ihr denket meiner in Ehren. Reineke, redlicher Fuchs! so denkt Ihr: der du so klüglich Unter das Moos die Schätze gegraben, o mög es dir immer, Wo du auch sein magst, glücklich ergehen! So sagte der Heuchler.

