# Reineke Fuchs

## Part 3

Book page: https://www.cyberlibrary.org/de/books/reineke-fuchs-2228/index.md

Aber des Königes Zorn entbrannte heftig, er dräute Dem Verräter den Tod ohn alle Gnade. Da ließ er Seine Räte versammeln; es kamen seine Baronen, Seine Weisen zu ihm, er fragte: wie man den Frevler Endlich brächte zu Recht, der schon so vieles verschuldet? Als nun viele Beschwerden sich über Reineken häuften, Redete Grimbart, der Dachs: Es mögen in diesem Gerichte Viele Herren auch sein, die Reineken übels gedenken, Doch wird niemand die Rechte des freien Mannes verletzen. Nun zum drittenmal muß man ihn fordern. Ist dieses geschehen, Kommt er dann nicht, so möge das Recht ihn schuldig erkennen. Da versetzte der König: Ich fürchte, keiner von allen Ginge, dem tückischen Manne die dritte Ladung zu bringen. Wer hat ein Auge zu viel? wer mag verwegen genug sein, Leib und Leben zu wagen um diesen bösen Verräter? Seine Gesundheit aufs Spiel zu setzen und dennoch am Ende Reineken nicht zu stellen? Ich denke, niemand versucht es. Überlaut versetzte der Dachs: Herr König, begehret Ihr es von mir, so will ich sogleich die Botschaft verrichten, Sei es, wie es auch sei. Wollt Ihr mich öffentlich senden, Oder geh ich, als käm ich von selber? Ihr dürft nur befehlen. Da beschied ihn der König: So geht dann! Alle die Klagen Habt Ihr sämtlich gehört, und geht nur weislich zu Werke Denn es ist ein gefährlicher Mann. Und Grimbart versetzte: Einmal muß ich es wagen und hoff ihn dennoch zu bringen. So betrat er den Weg nach Malepartus, der Feste; Reineken fand er daselbst mit Weib und Kindern und sagte: Oheim Reineke, seid mir gegrüßt! Ihr seid ein gelehrter, Weiser, kluger Mann, wir müssen uns alle verwundern, Wie Ihr des Königs Ladung verachtet, ich sage, verspottet, Deucht Euch nicht, es wäre nun Zeit? Es mehren sich immer Klagen und böse Gerüchte von allen Seiten. Ich rat Euch, Kommt nach Hofe mit mir, es hilft kein längeres Zaudern. Viele, viele Beschwerden sind vor den König gekommen, Heute werdet Ihr nun zum dritten Male geladen; Stellt Ihr Euch nicht, so seid Ihr verurteilt. Dann führet der König Seine Vasallen hieher, Euch einzuschließen, in dieser Feste Malepartus Euch zu belagern; so gehet Ihr mit Weib und Kindern und Gut und Leben zugrunde. Ihr entfliehet dem Könige nicht; drum ist es am besten, Kommt nach Hofe mit mir! Es wird an listiger Wendung Euch nicht fehlen, Ihr habt sie bereit und werdet Euch retten; Denn Ihr habt ja wohl oft, auch an gerichtlichen Tagen, Abenteuer bestanden, weit größer als dieses, und immer Kamt Ihr glücklich davon und Eure Gegner in Schande.

Grimbart hatte gesprochen, und Reineke sagte dagegen: Oheim, Ihr ratet mir wohl, daß ich zu Hofe mich stelle, Meines Rechtes selber zu wahren. Ich hoffe, der König Wird mir Gnade gewähren; er weiß, wie sehr ich ihm nütze; Aber er weiß auch, wie sehr ich deshalb den andern verhaßt bin. Ohne mich kann der Hof nicht bestehn. Und hätt ich noch zehnmal Mehr verbrochen, so weiß ich es schon: sobald mirs gelinget, Ihm in die Augen zu sehen und ihn zu sprechen, so fühlt er Seinen Zorn im Busen bezwungen. Denn freilich begleiten Viele den König und kommen in seinem Rate zu sitzen; Aber es geht ihm niemal zu Herzen; sie finden zusammen Weder Rat noch Sinn. Doch bleibet an jeglichem Hofe, Wo ich immer auch sei, der Ratschluß meinem Verstande. Denn versammeln sich König und Herren, in kitzlichen Sachen Klugen Rat zu ersinnen, so muß ihn Reineken finden. Das mißgönnen mir viele. Die hab ich leider zu fürchten, Denn sie haben den Tod mir geschworen, und grade die Schlimmsten Sind am Hofe versammelt, das macht mich eben bekümmert. Über zehen und Mächtige sinds, wie kann ich alleine Vielen widerstehn? Drum hab ich immer gezaudert. Gleichwohl find ich es besser, mit Euch nach Hofe zu wandeln, Meine Sache zu wahren; das soll mehr Ehre mir bringen, Als durch Zaudern mein Weib und meine Kinder in ängsten Und Gefahren zu stürzen; wir wären alle verloren. Denn der König ist mir zu mächtig, und was es auch wäre, Müßt ich tun, sobald ers befiehlt. Wir können versuchen, Gute Verträge vielleicht mit unsern Feinden zu schließen.

Reineke sagte darnach: Frau Ermelyn, nehmet der Kinder (Ich empfehl es Euch) wahr, vor allen andern des jüngsten, Reinharts; es stehn ihm die Zähne so artig ums Mäulchen, ich hoff, er Wird der leibhaftige Vater; und hier ist Rossel, das Schelmchen, Der mir ebenso lieb ist. O! tut den Kindern zusammen Etwas zu gut, indes ich weg bin! Ich wills Euch gedenken, Kehr ich glücklich zurück und Ihr gehorchet den Worten. Also schied er von dannen mit Grimbart, seinem Begleiter, Ließ Frau Ermelyn dort mit beiden Söhnen und eilte; Unberaten ließ er sein Haus; das schmerzte die Füchsin.

Beide waren noch nicht ein Stündchen Weges gegangen, Als zu Grimbart Reineke sprach: Mein teuerster Oheim, Wertester Freund, ich muß Euch gestehn, ich bebe vor Sorgen. Ich entschlage mich nicht des ängstlichen, bangen Gedankens, Daß ich wirklich dem Tod entgegensehe. Da seh ich Meine Sünden vor mir, so viel ich deren begangen. Ach! Ihr glaubet mir nicht die Unruh, die ich empfinde. Laßt mich beichten! höret mich an! kein anderer Pater Ist in der Nähe zu finden; und hab ich alles vom Herzen, Werd ich nicht schlimmer darum vor meinem Könige stehen. Grimbart sagte: Verredet zuerst das Rauben und Stehlen, Allen bösen Verrat und andre gewöhnliche Tücken, Sonst kann Euch die Beichte nicht helfen. Ich weiß es, versetzte Reineke: darum laßt mich beginnen und höret bedächtig.

Confiteor tibi Pater et Mater, daß ich der Otter, Daß ich dem Kater und manchen gar manche Tücke versetzte, Ich bekenn es und lasse mir gern die Buße gefallen. Redet Deutsch, versetzte der Dachs, damit ichs verstehe. Reineke sagte: Ich habe mich freilich, wie sollt ich es leugnen! Gegen alle Tiere, die jetzo leben, versündigt. Meinen Oheim, den Bären, den hielt ich im Baume gefangen; Blutig ward ihm sein Haupt, und viele Prügel ertrug er. Hinzen führt ich nach Mäusen; allein am Stricke gehalten Mußt er vieles erdulden und hat sein Auge verloren. Und so klaget auch Henning mit Recht, ich raubt ihm die Kinder, Groß und kleine, wie ich sie fand, und ließ sie mir schmecken. Selbst verschont ich des Königes nicht, und mancherlei Tücken Übt ich kühnlich an ihm und an der Königin selber; Spät verwindet sies nur. Und weiter muß ich bekennen: Isegrim hab ich, den Wolf, mit allem Fleiße geschändet; Alles zu sagen, fänd ich nicht Zeit. So hab ich ihn immer Scherzend Oheim genannt, und wir sind keine Verwandte. Einmal, es werden nun bald sechs Jahre, kam er nach Elkmar Zu mir ins Kloster, ich wohnte daselbst, und bat mich um Beistand, Weil er eben ein Mönch zu werden gedächte. Das, meint' er, Wär ein Handwerk für ihn, und zog die Glocke. Das Läuten Freut' ihn so sehr! Ich band ihm darauf die vorderen Füße Mit dem Seile zusammen, er war es zufrieden und stand so, Zog und erlustigte sich und schien das Läuten zu lernen. Doch es sollt ihm die Kunst zu schlechter Ehre gedeihen, Denn er läutete zu wie toll und törig. Die Leute Liefen eilig bestürzt aus allen Straßen zusammen, Denn sie glaubten, es sei ein großes Unglück begegnet; Kamen und fanden ihn da, und eh er sich eben erklärte, Daß er den geistlichen Stand ergreifen wolle, so war er Von der dringenden Menge beinah zu Tode geschlagen. Dennoch beharrte der Tor auf seinem Vorsatz und bat mich, Daß ich ihm sollte mit Ehren zu einer Platte verhelfen; Und ich ließ ihm das Haar auf seinem Scheitel versengen, Daß die Schwarte davon zusammenschrumpfte. So hab ich Oft ihm Prügel und Stöße mit vieler Schande bereitet. Fische lehrt ich ihn fangen, sie sind ihm übel bekommen. Einmal folgt' er mir auch im Jülicher Lande, wir schlichen Zu der Wohnung des Pfaffen, des reichsten in dortiger Gegend. Einen Speicher hatte der Mann mit köstlichen Schinken, Lange Seiten des zartesten Specks verwahrt' er daneben, Und ein frisch gesalzenes Fleisch befand sich im Troge. Durch die steinerne Mauer gelang es Isegrim endlich, Eine Spalte zu kratzen, die ihn gemächlich hindurchließ, Und ich trieb ihn dazu, es trieb ihn seine Begierde. Aber da konnt er sich nicht im überflusse bezwingen, Übermäßig füllt' er sich an; da hemmte gewaltig Den geschwollenen Leib und seine Rückkehr die Spalte. Ach, wie klagt' er sie an, die ungetreue, sie ließ ihn Hungrig hinein und wollte dem Satten die Rückkehr verwehren. Und ich machte darauf ein großes Lärmen im Dorfe, Daß ich die Menschen erregte, die Spuren des Wolfes zu finden. Denn ich lief in die Wohnung des Pfaffen und traf ihn beim Essen, Und ein fetter Kapaun ward eben vor ihn getragen, Wohlgebraten; ich schnappte darnach und trug ihn von dannen. Hastig wollte der Pfaffe mir nach und lärmte, da stieß er Über den Haufen den Tisch mit Speisen und allem Getränke. Schlaget, werfet, fanget und stechet! so rief der ergrimmte Pater und fiel und kühlte den Zorn (er hatte die Pfütze Nicht gesehen) und lag. Und alle kamen und schrien: Schlagt! ich rannte davon und hinter mir alle zusammen, Die mir das Schlimmste gedachten. Am meisten lärmte der Pfaffe: Welch ein verwegener Dieb! Er nahm das Huhn mir vom Tische! Und so lief ich voraus, bis zu dem Speicher, da ließ ich Wider Willen das Huhn zur Erde fallen, es ward mir Endlich leider zu schwer; und so verlor mich die Menge. Aber sie fanden das Huhn, und da der Pater es aufhub, Ward er des Wolfes im Speicher gewahr, es sah ihn der Haufen. Allen rief der Pater nun zu: Hierher nur! und trefft ihn! Uns ist ein anderer Dieb, ein Wolf, in die Hände gefallen, Käm er davon, wir wären beschimpft; es lachte wahrhaftig Alles auf unsere Kosten im ganzen Jülicher Lande. Was er nur konnte, dachte der Wolf. Da regnet' es Schläge Hierher und dorther ihm über den Leib und schmerzliche Wunden. Alle schrien, so laut sie konnten; die übrigen Bauern Liefen zusammen und streckten für tot ihn zur Erde darnieder. Größeres Weh geschah ihm noch nie, solang er auch lebte. Malt' es einer auf Leinwand, es wäre seltsam zu sehen, Wie er dem Pfaffen den Speck und seine Schinken bezahlte. Auf die Straße warfen sie ihn und schleppten ihn eilig Über Stock und Stein; es war kein Leben zu spüren. Und er hatte sich unrein gemacht, da warf man mit Abscheu Vor das Dorf ihn hinaus: er lag in schlammiger Grube, Denn sie glaubten ihn tot. In solcher schmählichen Ohnmacht Blieb er, ich weiß nicht wie lange, bevor er sein Elend gewahr ward. Wie er noch endlich entkommen, das hab ich niemals erfahren. Und doch schwur er hernach (es kann ein Jahr sein), mir immer Treu und gewärtig zu bleiben; nur hat es nicht lange gedauert. Denn warum er mir schwur, das konnt ich leichtlich begreifen: Gerne hätt er einmal sich satt an Hühnern gegessen. Und damit ich ihn tüchtig betröge, beschrieb ich ihm ernstlich Einen Balken, auf dem sich ein Hahn des Abends gewöhnlich Neben sieben Hühnern zu setzen pflegte. Da führt' ich Ihn im stillen bei Nacht, es hatte zwölfe geschlagen, Und der Laden des Fensters, mit leichter Latte gestützet, Stand (ich wußt es) noch offen. Ich tat, als wollt ich hineingehn; Aber ich schmiegte mich an und ließ dem Oheim den Vortritt. Gehet frei nur hinein, so sagt ich: wollt Ihr gewinnen, Seid geschäftig, es gilt! Ihr findet gemästete Hennen. Gar bedächtig kroch er hinein und tastete leise Hier- und dahin und sagte zuletzt mit zornigen Worten: O wie führt Ihr mich schlecht! ich finde wahrlich von Hühnern Keine Feder. Ich sprach: Die vorne pflegten zu sitzen, Hab' ich selber geholt, die andern sitzen dahinten. Geht nur unverdrossen voran und tretet behutsam. Freilich der Balken war schmal, auf dem wir gingen. Ich ließ ihn Immer voraus und hielt mich zurück und drückte mich rückwärts Wieder zum Fenster hinaus und zog am Holze; der Laden Schlug und klappte, das fuhr dem Wolf in die Glieder und schreckt' ihn; Zitternd plumpt' er hinab vom schmalen Balken zur Erde. Und erschrocken erwachten die Leute, sie schliefen am Feuer. Sagt, was fiel zum Fenster herein? so riefen sie alle, Rafften behende sich auf, und eilig brannte die Lampe. In der Ecke fanden sie ihn und schlugen und gerbten Ihm gewaltig das Fell; mich wundert, wie er entkommen.

Weiter bekenn ich vor Euch: daß ich Frau Gieremund heimlich Öfters besucht und öffentlich auch. Das hätte nun freilich Unterbleiben sollen, o wär es niemals geschehen! Denn solange sie lebt, verwindet sie schwerlich die Schande.

Alles hab ich Euch jetzt gebeichtet, dessen ich irgend Mich zu erinnern vermag, was meine Seele beschweret. Sprechet mich los! ich bitte darum; ich werde mit Demut Jede Buße vollbringen, die schwerste, die Ihr mir auflegt.

Grimbart wußte sich schon in solchen Fällen zu nehmen, Brach ein Reischen am Wege, dann sprach er: Oheim, nun schlagt Euch Dreimal über den Rücken mit diesem Reischen und legt es, Wie ichs Euch zeige, zur Erde und springet dreimal darüber; Dann mit Sanftmut küsset das Reis und zeigt Euch gehorsam. Solche Buße leg ich Euch auf und spreche von allen Sünden und allen Strafen Euch los und ledig, vergeb Euch Alles im Namen des Herrn, soviel Ihr immer begangen.

Und als Reineke nun die Buße willig vollendet, Sagte Grimbart: Lasset an guten Werken, mein Oheim, Eure Besserung spüren und leset Psalmen, besuchet Fleißig die Kirchen und fastet an rechten gebotenen Tagen; Wer Euch fraget, dem weiset den Weg, und gebet den Armen Gern, und schwöret mir zu, das böse Leben zu lassen, Alles Rauben und Stehlen, Verrat und böse Verführung, Und so ist es gewiß, daß Ihr zu Gnaden gelanget. Reineke sprach: So will ich es tun, so sei es geschworen!

Und so war die Beichte vollendet. Da gingen sie weiter Nach des Königes Hof. Der fromme Grimbart und jener Kamen durch schwärzliche fette Gebreite; sie sahen ein Kloster Rechter Hand des Weges. Es dienten geistliche Frauen, Spat und früh, dem Herren daselbst und nährten im Hofe Viele Hühner und Hähne, mit manchem schönen Kapaune, Welche nach Futter zuweilen sich außer der Mauer zerstreuten. Reineke pflegte sie oft zu besuchen. Da sagt' er zu Grimbart: Unser kürzester Weg geht an der Mauer vorüber; Aber er meinte die Hühner, wie sie im Freien spazierten. Seinen Beichtiger führt' er dahin, sie nahten den Hühnern; Da verdrehte der Schalk die gierigen Augen im Kopfe. Ja, vor allen gefiel ihm ein Hahn, der jung und gemästet Hinter den andern spazierte, den faßt' er treulich ins Auge, Hastig sprang er hinter ihm drein; es stoben die Federn.

Aber Grimbart, entrüstet, verwies ihm den schändlichen Rückfall. Handelt Ihr so? unseliger Oheim, und wollt Ihr schon wieder Um ein Huhn in Sünde geraten, nachdem Ihr gebeichtet? Schöne Reue heiß ich mir das! Und Reineke sagte: Hab ich es doch in Gedanken getan! O teuerster Oheim, Bittet zu Gott, er möge die Sünde mir gnädig vergeben. Nimmer tu ich es wieder und laß es gerne. Sie kamen Um das Kloster herum in ihre Straße, sie mußten Über ein schmales Brückchen hinüber, und Reineke blickte Wieder nach den Hühnern zurück; er zwang sich vergebens. Hätte jemand das Haupt ihm abgeschlagen, es wäre Nach den Hühnern geflogen; so heftig war die Begierde.

Grimbart sah es und rief. Wo laßt Ihr, Neffe, die Augen Wieder spazieren? Fürwahr, Ihr seid ein häßlicher Vielfraß! Reineke sagte darauf: Das macht Ihr übel, Herr Oheim! Übereilet Euch nicht und stört nicht meine Gebete; Laßt ein Paternoster mich sprechen. Die Seelen der Hühner Und der Gänse bedürfen es wohl, soviel ich den Nonnen, Diesen heiligen Frauen, durch meine Klugheit entrissen. Grimbart schwieg, und Reineke Fuchs verwandte das Haupt nicht Von den Hühnern, solang er sie sah. Doch endlich gelangten Sie zur rechten Straße zurück und nahten dem Hofe. Und als Reineke nun die Burg des Königs erblickte, Ward er innig betrübt; denn heftig war er beschuldigt.

Vierter Gesang

Als man bei Hofe vernahm, es komme Reineke wirklich, Drängte sich jeder heraus, ihn zu sehn, die Großen und Kleinen, Wenige freundlich gesinnt, fast alle hatten zu klagen. Aber Reineken deuchte, das sei von keiner Bedeutung; Wenigstens stellt' er sich so, da er mit Grimbart, dem Dachse, Jetzo dreist und zierlich die hohe Straße daherging. Mutig kam er heran und gelassen, als wär er des Königs Eigener Sohn und frei und ledig von allen Gebrechen. Ja, so trat er vor Nobel, den König, und stand im Palaste Mitten unter den Herren; er wußte sich ruhig zu stellen.

Edler König, gnädiger Herr! begann er zu sprechen: Edel seid Ihr und groß, von Ehren und Würden der Erste; Darum bitt ich von Euch, mich heute rechtlich zu hören. Keinen treueren Diener hat Eure fürstliche Gnade Je gefunden als mich, das darf ich kühnlich behaupten. Viele weiß ich am Hofe, die mich darüber verfolgen. Eure Freundschaft würd ich verlieren, woferne die Lügen Meiner Feinde, wie sie es wünschen, Euch glaublich erschienen; Aber glücklicherweise bedenkt Ihr jeglichen Vortrag, Hört den Beklagten so gut als den Kläger; und haben sie vieles Mir im Rücken gelogen, so bleib ich ruhig und denke: Meine Treue kennt Ihr genug, sie bringt mir Verfolgung.

Schweiget! versetzte der König: es hilft kein Schwätzen und Schmeicheln, Euer Frevel ist laut, und Euch erwartet die Strafe. Habt Ihr den Frieden gehalten, den ich den Tieren geboten? Den ich geschworen? Da steht der Hahn! Ihr habt ihm die Kinder, Falscher, leidiger Dieb! eins nach dem andern entrissen. Und wie lieb Ihr mich habt, das wollt Ihr, glaub ich, beweisen, Wenn Ihr mein Ansehn schmäht und meine Diener beschädigt. Seine Gesundheit verlor der arme Hinze! Wie langsam Wird der verwundete Braun von seinen Schmerzen genesen! Aber ich schelt Euch nicht weiter. Denn hier sind Kläger die Menge, Viele bewiesene Taten. Ihr möchtet schwerlich entkommen.

Bin ich, gnädiger Herr, deswegen strafbar? versetzte Reineke: kann ich davor, wenn Braun mit blutiger Platte Wieder zurückkehrt? Wagt' er sich doch und wollte vermessen Rüsteviels Honig verzehren; und kamen die tölpischen Bauern Ihm zu Leibe, so ist er ja stark und mächtig an Gliedern; Schlugen und schimpften sie ihn, eh er ins Wasser gekommen, Hätt er als rüstiger Mann die Schande billig gerochen. Und wenn Hinze, der Kater, den ich mit Ehren empfangen, Nach Vermögen bewirtet, sich nicht vom Stehlen enthalten, In die Wohnung des Pfaffen, so sehr ich ihn treulich verwarnte, Sich bei Nacht geschlichen und dort was übels erfahren: Hab ich Strafe verdient, weil jene töricht gehandelt? Eurer fürstlichen Krone geschähe das wahrlich zu nahe! Doch Ihr möget mit mir nach Eurem Willen verfahren, Und, so klar auch die Sache sich zeigt, beliebig verfügen: Mag es zum Nutzen, mag es zum Schaden auch immer gereichen. Soll ich gesotten, gebraten, geblendet oder gehangen Werden oder geköpft, so mag es eben geschehen! Alle sind wir in Eurer Gewalt, Ihr habt uns in Händen. Mächtig seid Ihr und stark, was widerstände der Schwache? Wollt Ihr mich töten, das würde fürwahr ein geringer Gewinn sein. Doch es komme, was will; ich stehe redlich zu Rechte.

Da begann der Widder Bellyn: Die Zeit ist gekommen, Laßt uns klagen! Und Isegrim kam mit seinen Verwandten, Hinze, der Kater, und Braun, der Bär, und Tiere zu Scharen. Auch der Esel Boldewyn kam und Lampe, der Hase, Wackerlos kam, das Hündchen, und Ryn, die Dogge, die Ziege Metke, Hermen, der Bock, dazu das Eichhorn, die Wiesel Und das Hermelin. Auch waren der Ochs und das Pferd nicht Außen geblieben; daneben ersah man die Tiere der Wildnis, Als den Hirsch und das Reh und Bokert, den Biber, den Marder, Das Kaninchen, den Eber, und alle drängten einander. Bartolt, der Storch, und Markart, der Häher, und Lütke, der Kranich, Flogen herüber; es meldeten sich auch Tybbke, die Ente, Alheid, die Gans, und andere mehr mit ihren Beschwerden. Henning, der traurige Hahn, mit seinen wenigen Kindern Klagte heftig; es kamen herbei unzählige Vögel Und der Tiere so viel, wer wüßte die Menge zu nennen! Alle gingen dem Fuchs zu Leibe, sie hofften, die Frevel Nun zur Sprache zu bringen und seine Strafe zu sehen. Vor den König drängten sie sich mit heftigen Reden, Häuften Klagen auf Klagen, und alt und neue Geschichten Brachten sie vor. Man hatte noch nie an Einem Gerichtstag Vor des Königes Thron so viele Beschwerden gehöret. Reineke stand und wußte darauf gar künstlich zu dienen: Denn ergriff er das Wort, so floß die zierliche Rede Seiner Entschuldigung her, als wäre es lautere Wahrheit; Alles wußt er beiseite zu lehnen und alles zu stellen. Hörte man ihn, man wunderte sich und glaubt' ihn entschuldigt, Ja, er hatte noch übriges Recht und vieles zu klagen. Aber es standen zuletzt wahrhaftige redliche Männer Gegen Reineken auf, die wider ihn zeugten, und alle Seine Frevel fanden sich klar. Nun war es geschehen! Denn im Rate des Königs mit Einer Stimme beschloß man: Reineke Fuchs sei schuldig des Todes! So soll man ihn fahen, Soll ihn binden und hängen an seinem Halse, damit er Seine schweren Verbrechen mit schmählichem Tode verbüße.

Jetzt gab Reineke selbst das Spiel verloren; es hatten Seine klugen Worte nur wenig geholfen. Der König Sprach das Urteil selber. Da schwebte dem losen Verbrecher, Als sie ihn fingen und banden, sein klägliches Ende vor Augen.

Wie nun nach Urteil und Recht gebunden Reineke dastand, Seine Feinde sich regten, zum Tod ihn eilend zu führen, Standen die Freunde betroffen und waren schmerzlich bekümmert, Martin, der Affe, mit Grimbart und vielen aus Reinekens Sippschaft. Ungern hörten sie an das Urteil und trauerten alle Mehr, als man dächte. Denn Reineke war der ersten Baronen Einer und stand nun entsetzt von allen Ehren und Würden Und zum schmählichen Tode verdammt. Wie mußte der Anblick Seine Verwandten empören! Sie nahmen alle zusammen Urlaub vom Könige, räumten den Hof, so viele sie waren.

Aber dem Könige ward es verdrießlich, daß ihn so viele Ritter verließen. Es zeigte sich nun die Menge Verwandten, Die sich, mit Reinekens Tod sehr unzufrieden, entfernten. Und der König sprach zu einem seiner Vertrauten: Freilich ist Reineke boshaft, allein man sollte bedenken, Viele seiner Verwandten sind nicht zu entbehren am Hofe.

Aber Isegrim, Braun und Hinze, der Kater, sie waren Um den Gebundnen geschäftig, sie wollten die schändliche Strafe, Wie es der König gebot, an ihrem Feinde vollziehen, Führten ihn hastig hinaus und sahen den Galgen von ferne. Da begann der Kater erbost zum Wolfe zu sprechen: Nun bedenket, Herr Isegrim, wohl, wie Reineke damals Alles tat und betrieb, wie seinem Hasse gelungen, Euren Bruder am Galgen zu sehn. Wie zog er so fröhlich Mit ihm hinaus! Versäumet ihm nicht die Schuld zu bezahlen. Und gedenket, Herr Braun, er hat Euch schändlich verraten, Euch in Rüsteviels Hofe dem groben, zornigen Volke, Männern und Weibern, treulos geliefert und Schlägen und Wunden Und der Schande dazu, die allerorten bekannt ist. Habet acht und haltet zusammen! Entkäm er uns heute, Könnte sein Witz ihn befrein und seine listigen Ränke, Niemals würd uns die Stunde der süßen Rache beschert sein. Laßt uns eilen und rächen, was er an allen verschuldet.

Isegrim sprach: Was helfen die Worte? Geschwinde verschafft mir Einen tüchtigen Strick; wir wollen die Qual ihm verkürzen. Also sprachen sie wider den Fuchs und zogen die Straße.

