# Oberon

## Part 9

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45 So soll ich, ruft er aus, und beißt vor wilder Pein Sich in die Lippen, ach! so soll ich denn mit leeren Trostlosen Händen wiederkehren, Zu ihr, für die mein Leben noch allein Erhaltenswürdig war? Ich, ihre einzige Stütze, Ich, der mit jedem Herzensschlag Ihr angehört, bin nur um einen einzigen Tag Ihr Leben noch zu fristen ihr nicht nütze!

46 Verschmachten soll ich dich vor meinen Augen sehn, Du Wunder der Natur, so liebevoll, so schön! Verschmachten! Dich, die bloß um meinetwillen So elend ist! für mich so viel verließ! Dir, der dein Stern das schönste Loos verhieß, Eh' dich des Himmels Zorn in meine Arme stieß, Dir bleibt (hier fing er an vor Wuth und Angst zu brüllen) Bleibt nicht so viel--den Hunger nur zu stillen!

47 Laut schrie er auf in unnennbarem Schmerz; Dann sank er hin, und lag in fürchterlicher Stille. Doch endlich fällt ein Strahl von Glauben in sein Herz: Er rafft sich aus des Trübsinns schwarzer Hülle, Spricht Muth sich ein, und fängt mit neuem Eifer an Zu suchen. Lang' umsonst! Schon schmilzt im Ocean Der Sonnenrand zu Gold--auf einmahl, o Entzücken! Entdeckt die schönste Frucht sich seinen gier'gen Blicken.

48 Halb unter Laub versteckt, halb glühend angestrahlt, Sah er an breit beraubten Ranken, Melonen gleich, sie auf die Erde wanken, Einladend von Geruch, und wunderschön bemahlt. Wie hält er reichlich sich für alle Müh bezahlt! Er eilt hinzu, und bricht sie; glänzend danken Zum Himmel seine Augen auf, Und Freudetrunkenheit beflügelt seinen Lauf.

49 Amanden, die drey tödtlich lange Stunden An diesem öden Strand, wo alles Furcht erweckt, Wo jeder Laut bedroht und selbst die Stille schreckt, Sich ohne den, der nun ihr Alles ist, befunden, Ihr war ein Theil der langen Zeit verschwunden, Zum Lager, wie es hier die Noth der Liebe deckt, Mit ungewohntem Arm vom Ufer ganze Lagen Von Meergras, Schilf und Moos der Höhle zuzutragen.

50 Matt wie sie war, erschöpfte diese Müh Noch ihre letzte Kraft; es brachen ihr die Knie; Sie sinkt am Ufer hin, und lechzt mit dürrem Gaumen. Vom Hunger angenagt, von heißem Durst gequält, An diesem wilden Ort, wo ihr's an allem fehlt, Wie angstvoll ist ihr Loos! Wo mag ihr Hüon säumen? Wenn ihn ein Unfall traf? vielleicht ein reißend Thier? Es nur zu denken, raubt den Rest von Leben ihr!

51 Die schrecklichsten der Möglichkeiten Mahlt ihr die Fantasie mit warmen Farben vor. Umsonst bemüht sie sich mit ihrer Furcht zu streiten, Ein Wellenschlag erschreckt ihr unglückahnend Ohr. Zuletzt, so schwach sie ist, keicht sie mit Müh empor Auf eines Felsen Stirn, und schaut nach allen Seiten, Und mit dem letzten Sonnenblick Entdeckt sie ihn--Er ist's! er kommt zurück!

52 Auch Er sieht sie die Arme nach ihm breiten, Und zeigt ihr schon von fern die schöne goldne Frucht. Von keiner schönern ward, in jenen Kindheitszeiten Der Welt, das erste Weib im Paradies versucht. Er hält, wie im Triumf, sie in den letzten Strahlen Der Sonn' empor, die ihre glatte Haut Mit flammengleichem Roth bemahlen, Indeß Amanda kaum den frohen Augen traut.

53 So läßt sich unsrer Noth der Himmel doch erbarmen! Ruft sie, und eine große Thräne blinkt In ihrem Aug'; und eh' die Thräne sinkt Ist Hüon schon in ihren offnen Armen. Ihr schwacher Ton, und daß sie halb entseelt An seinen Busen schwankt, heißt ihren Retter eilen. Sie lagern sich; und, weil ein ander Werkzeug fehlt, Braucht er sein Schwert die schöne Frucht zu theilen.

54 Hier zittert mir der Griffel aus der Hand! Kannst du, zu strenger Geist, in solchem Jammerstand Noch spotten ihrer Noth, noch ihre Hoffnung trügen? Faul, durch und durch, und gallenbitter war Die schöne Frucht!--Und bleich, wie in den letzten Zügen Ein Sterbender erbleicht, sieht das getäuschte Paar Sich trostlos an, die starren Augen offen, Als hätt' aus heitrer Luft ein Donner sie getroffen.

55 Ein Strom von bittern Thränen stürzt mit Wuth Aus Hüons Aug': von jenen furchtbarn Thränen, Die aus dem halb gestockten Blut Verzweiflung preßt, mit Augen voller Gluth, Und gichtrisch zuckendem Mund und grimmvoll klappernden Zähnen. Amanda, sanft und still, doch mit gebrochnem Muth, Die Augen ausgelöscht, die Wangen welk, zu Scherben Die Lippen ausgedörrt--Laß, spricht sie, laß mich sterben!

56 Auch Sterben ist an deinem Herzen süß; Und Dank dem Rächer, der in seinem Grimme, So streng er ist, doch diesen Trost mir ließ! Sie sagt's mit schwacher halb erstickter Stimme, Und sinkt an seine Brust. So sinkt im Sturm zerknickt Der Lilie welkend Haupt. Von Lieb' und Angst verrückt Springt Hüon auf, und schließt die theure Seele In seinen Arm, und trägt sie nach der Höhle.

57 Ach! Einen Tropfen Wassers nur, Gerechter Gott! schreyt er, halb ungeduldig, Halb flehend, auf--Ich, ich allein, bin schuldig! Mich treff' allein dein Zorn! mir werde die Natur Ringsum zum Grab, zum offnen Höllenrachen! Nur schone Sie! O leit' auf einer Quelle Spur Den dunkeln Fuß! Ein wenig Wassers nur, Ihr Leben wieder anzufachen!

58 Er geht aufs neu zu suchen aus, und schwört, Sich eher selbst, von Durst und Hunger aufgezehrt, In diesen Felsen zu begraben, Eh' er mit leerer Hand zur Höhle wiederkehrt. Er, ruft er weinend, der die jungen Raben Die zu ihm schrey'n erbarmend hört, Er kann sein schönstes Werk nicht hassen, Er wird gewiß, gewiß, dich nicht verschmachten lassen!

59 Kaum sprach er's aus, so kommt's ihm vor Als hör' er wie das Rieseln einer Quelle Nicht fern von ihm. Er lauscht mit scharfem Ohr; Es rieselt fort--Entzückt dankt er empor, Und sucht umher; und, bey der schwachen Helle Der Dämmerung, entdeckt er bald die Stelle. In eine Muschel faßt er auf den süßen Thau, Und eilt zurück, und labt die fast verlechzte Frau.

60 Gemächlicher des Labsals zu genießen, Trägt er sie selbst zur nahen Quelle hin. Es war nur Wasser--doch, dem halb erstorbnen Sinn Scheint Lebensgeist den Gaum hinab zu fließen, Däucht jeder Zug herzstärkender als Wein Und süß wie Milch und sanft wie Öhl zu seyn; Es hat die Kraft zu speisen und zu tränken, Und alles Leiden in Vergessenheit zu senken.

61 Erquickt, gestärkt, und neuen Glaubens voll Erstatten sie dem, der zum zweyten Mahle Sie nun dem Tod entriß, des Dankes frohen Zoll; Umarmen sich, und, nach der letzten Schale, Strickt unvermerkt, am Quell auf kühlem Moos, Der süße Tröster alles Kummers Das Band der müden Glieder los, Und lieblich ruhn sie aus im weichen Arm des Schlummers.

62 Kaum spielt die Morgendämmerung Um Hüons Stirn, so steht er auf, und eilet Auf neues Forschen aus; wagt manchen kühnen Sprung Wo den zerrißnen Fels ein jäher Absturz theilet; Spürt jeden Winkel durch, stets sorgsam daß er ja Den Rückweg zu Amanden nicht verliere, Und kummervoll, da er für Menschen und für Thiere Das Eiland überall ganz unbewohnbar sah.

63 Ihn führt zuletzt südostwärts von der Höhle Ein krummer Pfad in eine kleine Bucht; Und im Gebüsch, das eine Felsenkehle Umkränzt, entdeckt sich ihm, beschwert mit reifer Frucht, Ein Dattelbaum. So leicht, wie, auf der Flucht Zum Himmel, eine arme Seele Die aus des Fegfeu'rs Pein und strenger Gluth entrann, Klimmt er den Baum hinauf als stieg' er himmelan;

64 Und bricht der süßen Frucht so viel in seine Taschen Sich fassen ließ, springt dann herab und fliegt, Als gält's ein Reh in vollem Lauf zu haschen, Das holde Weib, das stets in seinem Sinne liegt, So wie sie munter wird, damit zu überraschen. Noch lag sie, als er kam, schön in sich selbst geschmiegt, In sanftem Schlaf; ihr glühn wie Rosen ihre Wangen, Und kaum hält ihr Gewand den Busen halb gefangen.

65 Entzückt in süßes Schau'n, den reinsten Liebsgenuß, Steht Hüon da, als wie der Genius Der schönen Schläferin; betrachtet, Auf sie herab gebückt, mit liebevollem Geitz Das engelgleiche Bild, den immer neuen Reitz; Dieß ist, die, ihm zu Lieb', ein Glück für nichts geachtet, Dem, wer's erreichen mag, sonst alles, unbedingt, Was theu'r und heilig ist zum frohen Opfer bringt!

66 "Um einen Thron hat Liebe dich betrogen! Und, ach! wofür?--Du, auf dem weichen Schooß Der Asiat'schen Pracht wollüstig auferzogen, Liegst nun auf hartem Fels, der weite Himmelsbogen Dein Baldachin, dein Bett ein wenig Moos; Vor Wittrung unbeschützt und jedem Zufall bloß, Noch glücklich, hier, wo Disteln kaum bekleiben, Mit etwas wilder Frucht den Hunger zu betäuben!

67 "Und Ich--der, in des Schicksals strenger Acht, Mit meinem Unglück, was mir nähert, anzustecken Verurtheilt bin--anstatt vor Unfall dich zu decken, Ich habe dich in diese Noth gebracht! So lohn' ich dir was du für mich gegeben, Für mich gewagt? Ich Unglücksel'ger, nun Dein Alles in der Welt, was kann ich für dich thun, Dem selbst nichts übrig blieb als dieses nackte Leben?"

68 Dieß quälende Gefühl wird unfreiwillig laut, Und weckt aus ihrem Schlaf die anmuthsvolle Braut. Das erste was sie sieht, ist Hüon, der, mit Blicken In denen Freud' und Liebestrunkenheit Den tiefern Gram nur halb erdrücken, In ihren Schooß des Palmbaums Früchte streut. Die magre Kost und eine Muschelschale Voll Wassers macht die Noth zu einem Göttermahle.

69 Zum Göttermahl! Denn ruhet nicht ihr Haupt An Hüons Brust? Hat Er sie nicht gebrochen, Die süße Frucht? nicht Er des Schlummers sich beraubt, Und ihr zu Lieb' so manche Kluft durchkrochen? So rechnet ihm die Liebe alles an, Und schätzt nur das gering, was sie für ihn gethan. Die Wolken zu zerstreun, die seine Stirn umdunkeln, Läßt sie ihr schönes Aug' ihm lauter Freude funkeln.

70 Er fühlt den Überschwang von Lieb' und Edelmuth In ihrem zärtlichen Betragen; Und mit bethräntem Aug' und Wangen ganz in Gluth Sinkt er an ihren Arm. O sollt' ich nicht verzagen, Ruft er, mich selbst nicht hassen, nicht Verwünschen jeden Stern, der auf die Nacht geschimmert Die mir das Leben gab, verwünschen jenes Licht Als ich im Mutterarm zum ersten Mahl gewimmert?

71 Dich, bestes Weib, durch mich, durch mein Vergehn, Von jedem Glück herab gestürzt zu sehn, Von jedem Glück, das dir zu Bagdad lachte, Von jedem Glück, das ich dich hoffen machte In meinem väterlichen Land! Erniedrigt--dich!--zu diesem dürftigen Stand! Und noch zu sehn, wie du dieß alles ohne Klagen Erträgst--Es ist zu viel! Ich kann es nicht ertragen!

72 Ihn sieht mit einem Blick, worin der Himmel sich Ihm öffnet, voll von dem, was kaum ihr Busen fasset, Amanda an: Laß, spricht sie, Hüon, mich Aus dem geliebten Mund was meine Seele hasset Nie wieder hören! Klage dich Nicht selber an, nicht den, der was uns drücket Uns nur zur Prüfung, nicht zur Strafe zugeschicket; Er prüft nur die er liebt, und liebet väterlich.

73 Was uns seit jenem Traum, der Wiege unsrer Liebe, Begegnet ist, ist's nicht Beweis hiervon? Nenn, wie du willst, den Stifter unsrer Triebe, Vorsehung, Schicksal, Oberon, Genug, ein Wunder hat dich mir, mich dir gegeben! Ein Wunder unser Bund, ein Wunder unser Leben! Wer führt' aus Bagdad unversehrt Uns aus? Wer hat der Flut, die uns verschlang, gewehrt?

74 Und als wir, sterbend schon, so unverhofft den Wogen Entrannen, sprich, wer anders als die Macht Die uns beschützt, hat uns bisher bedacht? Aus ihrer Brust hab' ich's gesogen, Das Wasser, das in dieser bangen Nacht Mein kaum noch glimmend Licht von neuem angefacht! Gewiß auch dieses Mahl, das unser Leben fristet, Hat eine heimliche wohlthät'ge Hand gerüstet!

75 Wofür, wenn unser Untergehn Beschlossen ist, wofür wär' alles dieß geschehn? Mir sagt's mein Herz, ich glaub's, und fühle was ich glaube, Die Hand, die uns durch dieses Dunkel führt, Läßt uns dem Elend nicht zum Raube. Und wenn die Hoffnung auch den Ankergrund verliert, So laß uns fest an diesem Glauben halten; Ein einz'ger Augenblick kann alles umgestalten!

76 Doch, laß das ärgste seyn! Sie ziehe ganz sich ab, Die Wunderhand, die uns bisher umgab; Laß seyn, daß Jahr um Jahr sich ohne Hülf' erneue, Und deine liebende getreue Amande finde hier auf diesem Strand ihr Grab; Fern sey es, daß mich je, was ich gethan, gereue! Und läge noch die freye Wahl vor mir, Mit frohem Muth ins Elend folgt' ich dir!

77 Mir kostet's nichts von allem mich zu scheiden Was ich besaß; mein Herz und deine Lieb' ersetzt Mir alles; und, so tief das Glück herab mich setzt, Bleibst Du mir nur, so werd' ich keine neiden Die sich durch Gold und Purpur glücklich schätzt. Nur, daß Du leidest, ist Amandens wahres Leiden! Ein trüber Blick, ein Ach, das dir entfährt, Ist was mir tausendfach die eigne Noth erschwert.

78 Sprich nicht von dem was ich für dich gegeben, Für dich gethan! Ich that was mir mein Herz gebot, That's für mich selbst, der zehenfacher Tod Nicht bittrer ist als ohne dich zu leben. Was unser Schicksal ist, hilft deine Liebe mir, Hilft meine Liebe dir ertragen; So schwer es sey, so unerträglich--hier Ist meine Hand!--ich will's mit Freuden tragen.

79 Mit jedem Auf--und Niedergehn Der Sonne soll mein Fleiß sich mit dem deinen gatten; Mein Arm ist stark; er soll, dir beyzustehn In jeder Arbeit, nie ermatten! Die Liebe, die ihn regt, wird seine Kraft erhöhn, Wird den geringsten Dienst mit Munterkeit erstatten. So lang' ich dir zum Trost, zum Glück genugsam bin, Tauscht' ich mein schönes Loos mit keiner Königin.

80 So sprach das beste Weib, und drückt mit keuschen Lippen Das Siegel ihres Worts auf den geliebten Mund; Und mit dem Kuß verwandeln sich die Klippen Um Hüon her; der rauhe Felsengrund Steht wieder zum Elysium umgebildet, Verweht ist jede Spur der nackten Dürftigkeit; Das Ufer scheint mit Perlen überstreut, Ein Marmorsahl die Gruft, der Felsen übergüldet.

81 Von neuem Muth fühlt er sein Herz geschwellt. Ein Weib wie dieß ist mehr als eine Welt. Mit hoher himmelathmender Wonne Drückt er dieß volle Herz an ihre offne Brust, Ruft Erd' und Meer, und dich, allsehende Sonne, Zu Zeugen seines Schwurs: "Ich schwör's auf diese Brust, Den heiligen Altar der Unschuld und der Treue, Vertilgt mich, ruft er aus, wenn ich mein Herz entweihe!

82 "Wenn je dieß Herz, worin dein Nahme brennt, Der Tugend untreu wird, und deinen Werth verkennt, Dich je, so lang' dieß Prüfungsfeuer währet, Durch Kleinmuth quält, durch Zagheit sich entehret, Je lässig wird, geliebtes Weib, für dich Das äußerste zu leiden und zu wagen: Dann, Sonne, waffne dich mit Blitzen gegen mich, Und möge Meer und Land die Zuflucht mir versagen!"

83 Er sprach's, und ihn belohnt mit einem neuen Kuß Das engelgleiche Weib. Sie freu'n sich ihrer Liebe, Und stärken wechselsweis' einander im Entschluß, So hart des Schicksals Herr auch ihre Tugend übe, Mit festem Muth und eiserner Geduld Auf beßre Tage sich zu sparen, Und blindlings zu vertraun der allgewaltigen Huld, Von der sie schon so oft den stillen Schutz erfahren.

84 Von beiden wurde noch desselben Tags die Bucht, Die ihren Palmbaum trug, mit großem Fleiß durchsucht, Und fünf bis sechs von gleicher Art gefunden, Die hier und da voll goldner Trauben stunden. Das frohe Paar, hierin den Kindern gleich, Dünkt mit dem kleinen Schatz sich unermeßlich reich; Bey süßem Scherz und fröhlichem Durchwandern Des Palmenthals verfliegt ein Abend nach dem andern.

85 Allein der Vorrath schwand; ein Jahr, ein Jahr mit Bley An Füßen, braucht's ihn wieder zu ersetzen, Und, ach! mit jedem Tag wird ihr Bedürfniß neu. Arm kann die Liebe sich bey Wenig glücklich schätzen, Bedarf nichts außer sich, als was Natur bedarf Den Lebensfaden fortzuspinnen; Doch, fehlt auch dieß, dann nagt der Mangel doppelt scharf, Und die allmächtigste Bezaubrung muß zerrinnen.

86 Mit Wurzeln, die allein der Hunger eßbar macht, Sind sie oft manchen Tag genöthigt sich zu nähren. Oft, wenn, vom Suchen matt, der junge Mann bey Nacht Zur Höhle wiederkehrt, ist eine Hand voll Beeren, Ein Mewen-Ey, geraubt im steilen Nest, Ein halb verzehrter Fisch, vom gier'gen Wasserraben Erbeutet, alles, was das Glück ihn finden läßt, Sie, die sein Elend theilt, im Drang der Noth zu laben.

87 Doch dieser Mangel ist's nicht einzig der sie kränkt. Es fehlt bey Tag und Nacht an tausend kleinen Dingen, An deren Werth man im Besitz nicht denkt, Wiewohl wir, ohne sie, mit tausend Nöthen ringen. Und dann, so leicht bekleidet wie sie sind, Wo sollen sie vor Regen, Sturm und Wind, Vor jedem Ungemach des Wetters sicher bleiben, Und wie des Winters Frost fünf Monden von sich treiben?

88 Schon ist der Bäume Schmuck der spätern Jahrszeit Raub, Schon klappert zwischen dürrem Laub Der rauhe Wind, und graue Nebel hüllen Der Sonne kraftberaubtes Licht, Vermischen Luft und Meer, und ungestümer brüllen Die Wellen am Gestad, das kaum ihr Wüthen bricht; Oft, wenn sie grimmbeschäumt den harten Fesseln zürnen, Spritzt der zerstäubte Strom bis an der Felsen Stirnen.

89 Die Noth treibt unser Paar aus ihrer stillen Bucht Nun höher ins Gebirg. Doch, wo sie hin sich wenden, Umringet sie von allen Enden Des dürren Hungers Bild, und sperret ihre Flucht. Ein Umstand kommt dazu, der sie mit süßen Schmerzen Und banger Lust in diesem Jammerstand Bald ängstigt, bald entzückt--Amanda trägt das Pfand Von Hüons Liebe schon drey Monden unterm Herzen.

90 Oft, wenn sie vor ihm steht, drückt sie des Gatten Hand Stillschweigend an die Brust, und lächelnd hält sie Thränen Zurück im ernsten Aug'. Ein neues zartres Band Webt zwischen ihnen sich. Sie fühlt ein stilles Sehnen Voll neuer Ahnungen den Mutterbusen dehnen; Was innigers als was sie je empfand, Ein dunkles Vorgefühl der mütterlichen Triebe, Durchglüht, durchschaudert sie, und heiligt ihre Liebe.

91 Dieß süße Liebespfand ist ihr ein Pfand zugleich, Sie werde nicht von Dem verlassen werden, Der was er schafft in seinem großen Reich Als Vater liebt. Gern trägt sie die Beschwerden Des ungewohnten Stands, verbirgt behutsam sie Vor Hüons Blick, und zeigt ihm ihren Kummer nie, Läßt lauter Hoffnung ihn im heitern Auge schauen, Und nährt in seiner Brust das schmachtende Vertrauen.

92 Zwar er vergaß des hohen Schwures nicht, Den er dem Himmel und Amanden zugeschworen: Doch desto tiefer liegt das drückende Gewicht; Denn Sorgen ist nun doppelt seine Pflicht. Bedarf es mehr sein Herz mit Dolchen zu durchbohren, Als dieses rührende Gesicht? Zeigt die gehoffte Hülf' in kurzer Zeit sich nicht, So ist sein Weib, sein Kind, zugleich mit ihm verloren.

93 Schon viele Wochen lang verstrich Kein Tag, an dem er nicht wohl zwanzigmahl den Rücken Der Felsengruft bestieg, ins Meer hinaus zu blicken, Sein letzter Trost! Allein, vergebens stumpft' er sich Die Augen ab, im Schooß der grenzenlosen Höhen Mit angestrengtem Blick ein Fahrzeug zu erspähen; Die Sonne kam, die Sonne wich, Leer war das Meer, kein Fahrzeug ließ sich sehen.

94 Itzt blieb ein einzigs noch. Es schien unmöglich zwar, Doch, was ist dem der um sein Alles kämpfet Unmöglich? Würde Jedes Haar Auf seinem Kopf ein Tod, sein Muth blieb' ungedämpfet. Von diesem Fels, worauf ihn Oberon verbannt, War eine Seite noch ihm gänzlich unbekannt; Ein fürchterlich Gemisch von Klippen und Ruinen Beschützte sie, die unersteiglich schienen.

95 Itzt, da die Noth ihm an die Seele dringt, Itzt scheinen sie ihm leicht erstiegne Hügel; Und wären's Alpen auch, so hat die Liebe Flügel. Vielleicht, daß ihm das Wagestück gelingt, Daß sein hartnäck'ger Muth durch alle diese wilde Verschanzung der Natur sich einen Weg erzwingt, Der ihn in fruchtbare Gefilde, Vielleicht zu freundlichen mitleid'gen Wesen bringt.

96 Amanden eine Last von Sorgen zu ersparen, Verbirgt er ihr das ärgste der Gefahren, In die er sich, zu ihrer beider Heil, Begeben will. Sie selbst trägt ihren Theil Von Leiden still. Sie sprachen nichts beym Scheiden, Als, lebe wohl! so voll gepreßt war beiden Das Herz; doch zeigt sein Aug' ihr eine Zuversicht, Die wie ein Sonnenstrahl durch ihren Kummer bricht.

97 Da steht er nun am Fuß der aufgebirgten Zacken! Sie liegen vor ihm da wie Trümmern einer Welt. Ein Chaos ausgebrannter Schlacken, In die ein Feuerberg zuletzt zusammen fällt, Mit Felsen untermischt, die, tausendfach gebrochen, In wilder ungeheurer Pracht, Bald tief bis ins Gebiet der alten finstern Nacht Herunter dräun, bald in die Wolken pochen.

98 Hier bahnet nur Verzweiflung einen Weg! Oft muß er Felsen an sich mit den Händen winden, Oft, zwischen schwindlig tiefen Schlünden, Macht er, den Gemsen gleich, die Klippen sich zum Steg; Bald auf dem schmalsten Pfad verrammeln Felsenstücke Ihm Weg und Licht, er muß, so müd' er ist, zurücke, Bald wehrt allein ein Strauch, den mit zerrißner Hand Er fallend noch ergreift, den Sturz von einer Wand.

99 Wenn seine Kraft ihn schier verlassen will, Ruft die entflohnen Lebensgeister Amandens Bild zurück. Schwer athmend steht er still, Und denkt an Sie, und fühlt sich neuer Kräfte Meister. Es bleibt nicht unbelohnt, dieß echte Heldenherz! Allmählich ebnet sich der Pfad vor seinen Tritten, Und gegen das, was er bereits erstritten, Ist, was zu kämpfen ihm noch übrig ist, nur Scherz.

Achter Gesang

1 Erstiegen war nunmehr der erste von den Gipfeln, Und vor ihm liegt, gleich einem Felsensahl, Hoch überwölbt von alten Tannenwipfeln, In stiller Dämmerung ein kleines schmales Thal. Ein Schauder überfällt den matten Erschöpften Wanderer, indem sein wankender Schritt Dieß düstre Heiligthum der Einsamkeit betritt; Ihm ist, er tret' ins stille Reich der Schatten.

2 Bald leitet ihn ein sanft gekrümmter Pfad, Der sich allmählich senkt, zu einer schmalen Brücke. Tief unter ihr rollt über Felsenstücke Ein weiß beschäumter Strom, gleich einem Wasserrad. Herr Hüon schreitet unverdrossen Den Berg hinan, auf den die Brücke führt, Und sieht sich unvermerkt in Höhen eingeschlossen, Wo bald die Möglichkeit des Auswegs sich verliert.

3 Der Pfad auf dem er hergekommen Wird, wie durch Zauberey, aus seinem Aug' entrückt! Lang' irrt er suchend um, von stummer Angst beklommen, Bis durchs Gesträuch, das aus den Spalten nickt, Sich eine Öffnung zeigt, die (wie er bald befindet)-- Der Anfang ist von einem schmalen Gang Der durch den Felsen sich um eine Spindel windet, Fast senkrecht, mehr als hundert Stufen lang.

4 Kaum hat er athemlos den letzten Tritt erstiegen, So stellt ein Paradies sich seinen Augen dar; Und vor ihm steht ein Mann von edeln ernsten Zügen, Mit langem weißem Bart und silberweißem Haar. Ein breiter Gürtel schließt des braunen Rockes Falten, Und an dem Gürtel hängt ein langer Rosenkranz. Bey diesem Ansehn war's, an solchem Orte, ganz Natürlich, ihn sogleich für was er war zu halten.

5 Doch Hüon--schwach vor Hunger, und erstarrt Vor Müdigkeit, und nun, in diesen wilden Höhen, Wo er so lang' umsonst auf Menschenanblick harrt, Und von der Felsen Stirn, die ringsum vor ihm stehen, Uralte Tannen nur auf ihn herunter wehen, Auf einmahl überrascht von einem weißen Bart-- Glaubt wirklich ein Gesicht zu sehen, Und sinkt zur Erde hin vor seiner Gegenwart.

6 Der Eremit, kaum weniger betroffen Als Hüon selbst, bebt einen Schritt zurück; Doch spricht er, schnell gefaßt: Hast du, wie mich dein Blick Und Ansehn glauben heißt, Erlösung noch zu hoffen Aus deiner Pein, so sprich, was kann ich für dich thun, Gequälter Geist? wie kann ich für dich büßen, Um jenen Port dir aufzuschließen Wo, unberührt von Qual, die Frommen ewig ruhn?

7 So bleich und abgezehrt, mit Noth und Gram umfangen Als Hüon schien, war der Verstoß, in den Der alte Vater fiel, nur allzu leicht begangen. Allein, wie beide sich recht in die Augen sehn, Und als der Greis aus Hüons Mund vernommen Was ihn hierher gebracht, wiewohl sein Anblick schon Ihm alles sagt, umarmt er ihn wie einen Sohn, Und heißt recht herzlich ihn in seiner Klaus' willkommen;

8 Und führt ihn ungesäumt zu einem frischen Quell, Der, rein wie Luft und wie Krystallen hell, Ganz nah an seinem Dach aus einem Felsen quillet; Und während Hüon ruht und seinen Durst hier stillet, Eilt er und pflückt in seinem kleinen Garten In einen reinlichen Korb die schönsten Früchte ab, Die, für den Fleiß sie selbst zu bauen und zu warten, Nicht kärglich ihm ein milder Himmel gab;

