# Oberon

## Part 15

Book page: https://www.cyberlibrary.org/de/books/oberon-2187/index.md

62 Und wie das Horn ertönt, ergreift der Zauberschwindel Zuerst das Volk, das um den Holzstoß steht, Schwarzgelbes, lumpiges, halb nackendes Gesindel, Das plötzlich sich, wie toll, im schnellsten Wirbel dreht; Bald mischet sich mit allen seinen Negern Der Aga drein; ihm folgt--was Füße hat Bey Hof, im Harem, in der Stadt, Vom Sultan an bis zu den Wasserträgern.

63 Unlustig faßt der Schach--Almansaris beym Arm; Sie sträubt sich; doch was hilft sein Unmuth und ihr Sträuben? Der Taumel reißt sie fort, sich mitten in den Schwarm Der Walzenden mit ihm hinein zu treiben. In kurzem ist ganz Tunis in Allarm, Und niemand kann auf seiner Stelle bleiben: Selbst Podagra, und Zipperlein, und Gicht Und Todeskampf befreyt von dieser Tanzwuth nicht.

64 Indessen, ohne auf das Possenspiel zu blicken, Hält das getreue Paar, in seligem Entzücken, Sich sprachlos lang' umarmt. Kaum hat ihr Busen Raum Für diesen Überschwang von Freuden. Er ist nun ausgeträumt der Prüfung schwerer Traum! Nichts bleibt davon als was ihr Glück verschönt: Gebüßt ist ihre Schuld, das Schicksal ausgesöhnt, Aufs neu von ihm vereint, kann nun sie nichts mehr scheiden!

65 Theilnehmend inniglich, sieht, noch auf seinem Roß, Der biedre Scherasmin (Er war der schwarze Ritter) Der Wonne zu, worin ihr Herz zerfloß. Er ist's, der wie ein Ungewitter Vorhin daher gestürmt, um das geliebte Paar Zu retten aus der feigen Mohren Händen, Und, schlüg's ihm fehl, ein Leben hier zu enden, Das, ohne sie, ihm unerträglich war.

66 Er springt herab, drängt durch den tollen Reigen Mit Fatme, die ihm folgte, sich hinan, Den Liebenden von ihrem Throne steigen Zu helfen, und sie im Triumfe zu empfahn. Groß war die Freude, doch sie schwoll noch höher an, Da sie den wohl bekannten Wagen, Von Schwanen durch die Luft, stets niedriger, getragen, Zu ihren Füßen nun auf einmahl halten sahn.

67 Sie stiegen eilends ein--Die Mohren mögen tanzen So lang' es Oberon gefällt! (Wiewohl der Alte raspeln oder schanzen Für eine beßre Kurzweil hält.) Der lüft'ge Faeton fliegt, leicht und ohne Schwanken, Sanft wie der Schlaf, behender als Gedanken, Mit ihnen über Land und Meer, Und Silberwölkchen wehn, wie Fächer, um sie her.

68 Schon tauchte sich auf Bergen und auf Hügeln Die Dämmerung in ungewissen Duft; Schon sahen sie den Mond in manchem See sich spiegeln, Und immer stiller ward's im weiten Reich der Luft; Die Schwanen ließen itzt mit sinkendem Gefieder Allmählich sich bis auf die Erde nieder: Als plötzlich, wie aus Abendroth gewebt, Ein schimmernder Palast vor ihren Augen schwebt.

69 In einem Lustwald, mitten zwischen Hoch aufgeschoßnen vollen Rosenbüschen, Stand der Palast, von dessen Wunderglanz Der stille Hain und das Gebüsche ganz Durchschimmert schien--War's nicht an diesem Orte, Spricht Hüon leis' und schaudernd--Doch, bevor Er's ausspricht, öffnet schnell sich eine goldne Pforte, Und zwanzig Jungfrau'n gehn aus dem Palast hervor.

70 Sie kamen, schön wie der May, mit ewig blühenden Wangen, Gekleidet in glänzendes Lilienweiß, Die Erdenkinder zu empfangen Die Oberon liebt. Sie kamen tanzend, und sangen Der reinen Treue unsterblichen Preis. Komm, sangen sie (und goldne Zymbeln klangen In ihren süßen Gesang, zu ihrem lieblichen Tanz) Komm, trautes Paar, empfang den schönen Siegeskranz!

71 Die Liebenden--sich kaum besinnend--in die Wonne Der andern Welt verzückt--sie wallen, Hand in Hand, Den Doppelreihen durch: als, gleich der Morgensonne In ihrem Bräut'gamsschmuck, der Geist vor ihnen stand. Nicht mehr ein Knabe, wie er ihnen In lieblicher Verkleidung sonst erschienen-- Ein Jüngling, ewig schön und ewig blühend, stand Der Elfenkönig da, den Ring an seiner Hand.

72 Und ihm zur Seite glänzt, mit ihrer Rosenkrone Geschmückt, Titania, in milderm Mondesglanz. In beider Rechten schwebt ein schöner Myrtenkranz. Empfange, sprechen sie mit liebevollem Tone, Du treues Paar, zum edlen Siegeslohne, Aus deiner Freunde Hand den wohl verdienten Kranz! Nie wird von euch, so lang' ihr dieses Zeichen Von unsrer Huld bewahrt, das Glück des Herzens weichen.

73 Kaum daß das letzte Wort von Oberons Lippen fiel, So sah man aus der Luft sich eine Wolke neigen, Und aus der Wolke Schooß, bey goldner Harfen Spiel, Mit Lilien vor der Brust drey Elfentöchter steigen. Im Arm der dritten lag ein wunderschöner Knab', Den sie, auf ihren Knie'n, Titanien übergab. Süß lächelnd bückt zu ihm die Königin sich nieder, Und giebt, mit einem Kuß, ihn seiner Mutter wieder.

74 Und, unterm Jubelgesang der Jungfrau'n, die in Reihn Vor ihnen her den Weg mit Rosen überstreun, Ziehn durch die weite goldne Pforte Die Glücklichen hinein in Oberons Freudenhaus. Was sie gesehn, gehört, an diesem schönen Orte, Sprach ihre Zunge nie beym Rückerinnern aus. Sie sahn nur himmelwärts, und eine Wonnethräne Im glänzenden Auge verrieth wohin ihr Herz sich sehne.

75 In einen sanften Schlaf verlor sich wonniglich Der sel'ge Traum. Und mit dem Tage fanden Sie beide, Arm in Arm, wie neu geboren, sich Auf einer Bank von Moos. Zu ihrer Seite standen Im leicht umschattenden Gebüsch, Reich aufgeschmückt, vier wunderschöne Pferde, Und ringsum lag ein schimmerndes Gemisch Von Waffen, Schmuck und Kleidern auf der Erde.

76 Herr Hüon, dem das Herz von Freude überfloß, Weckt seinen Alten auf; Amande Sucht ihren Sohn, der noch auf Fatmens Schooß Sanft schlummernd lag. Sie sehn sich um. Wie groß Ist ihr Erstaunen!--Herr, in welchem Lande Glaubt ihr zu seyn? ruft Scherasmin entzückt Dem Ritter zu--Kommt, seht von diesem Stande Nach Westen hin, und sagt, was ihr erblickt!

77 Der Ritter schaut hinaus, und traut Dem Anblick kaum.--Er, der so viel erfahren, Und dessen Augen so gewöhnt an Wunder waren, Glaubt kaum was er mit offnen Augen schaut. Es ist die Sein', an deren Bord sie stehen! Es ist Paris, was sie verbreitet vor sich sehen! Er reibt sich Aug' und Stirn, schaut immer wieder hin, Und ruft: Ist's möglich, daß ich schon am Ziele bin?

78 Nicht lange schaut er hin, vor Freude ganz betroffen, So stellt sich ihm ein neues Schauspiel dar. Ihm däucht, daß alles um die Burg in Aufruhr war. Man hört Trommetenschall, und eine Ritterschaar Trabt dem Turnierplatz zu, die Schranken stehen offen. Mein Glück, ruft Hüon, läßt mein Hoffen Stets hinter sich. Geh, Freund! wofern nicht alles mich Betrügt, giebt's ein Turnier; geh, und erkund'ge dich.

79 Der Alte geht. Inzwischen wird Amande Von Fatmen angekleid't. Denn, was sie haben muß, Sich, mit dem Glanz, der ihrem hohen Stande Und ihrer Schönheit ziemt, in diesem fremden Lande Zu zeigen, fanden sie im reichsten Überfluß Gehäuft zu ihren Füßen liegen. Herr Hüon läßt indeß, mit manchem Vaterkuß, Den kleinen Hüonnet auf seinem Knie sich wiegen,

80 Und sieht, mit inniglicher Lust, Das schöne Weib, durch alles fremde Zieren Und Schimmern nichts gewinnen noch verlieren. Ob eine Rose ihre Brust Umschattet, ob ein Strauß von blitzenden Juwelen In Glanz sie hüllt--stets durch sich selber schön Und liebeathmend, scheint durch Den Ihr nichts geliehn, bey Jener nichts zu fehlen.

81 Der Alte kommt itzt mit der Nachricht an, Drey Tage sey bereits der Schranken aufgethan. Karl, (spricht er) immer noch durch seinen Groll getrieben, Hat ein Turnier im Reiche ausgeschrieben: Und rathet, welchen Dank der Sieger heut erhält! Nichts kleiners, Herr, als--Hüons Land und Lehen! Denn, euch aus Babylon mit Ruhm gekrönt zu sehen, Ist was dem Kaiser nicht im Schlaf zu Sinne fällt.

82 Auf, waffne mich, ruft Hüon voller Freuden; Willkommner konnte mir kein' andre Botschaft seyn. Was die Geburt mir gab, sey nun durch Tugend mein! Verdien' ich's nicht, so mag's der Kaiser dem bescheiden Der's würdig ist!--Er sagt's, und siehet Rezia Ihm lächelnd stillen Beyfall nicken. Ihr Busen klopft ihm Sieg!--In wenig Augenblicken Steht glänzend schon ihr Held in voller Rüstung da.

83 Sie schwingen sich zu Pferd, die Ritter und die Frauen, Und ziehen nach der Stadt! und allenthalben schauen, Von ihrer Pracht entzückt, die Leute nach, und wer Die Gassen müßig tritt, läuft hinter ihnen her. Bald langt mit Rezia Herr Hüon vor den Planken Der Stechbahn an. Er läßt, nachdem er sich bey ihr Beurlaubt, Scherasmin zu ihrem Schützer hier, Zieht sein Visier herab, und reitet in die Schranken.

84 Ein lautes Lob verfolgt von beiden Seiten ihn, Ihn, der an Anstand und an Stärke Den besten, die der ritterlichen Werke Bisher gepflegt, weit überlegen schien. Schel sehend stand am Ziel, auf seinem stolzen Roß, Der Ritter, der in diesen dreyen Tagen Des Rennens Preis davon getragen, Und mit den Fürsten sah der Kaiser aus dem Schloß.

85 Herr Hüon neigt, nach ritterlicher Weise, Sich vor dem Kaiser tief, dann vor den Damen und Den Richtern--tummelt drauf im Kreise Den muth'gen Hengst herum, und macht dem Sieger kund, Daß er gekommen sey, den Dank ihm abzusagen. Er sollte zwar erst Stand und Nahmen sagen; Allein sein Schwur, daß er ein Franke sey, Und seines Aufzugs Pracht, macht vom Gesetz ihn frey.

86 Er wiegt und wählt aus einem Haufen Speere Sich den, der ihm die meiste Schwere Zu haben scheint, schwingt ihn mit leichter Hand, Und stellt, voll Zuversicht, sich nun an seinen Stand. Wie klopft Amandens Herz! wie feurige Gebete Schickt sie zu Oberon und allen Engeln ab, Als itzt die schmetternde Trompete Den Ungeduldigen zum Rennen Urlaub gab!

87 Dem Ritter, der bisher die Nebenbuhler alle Die Erde küssen hieß, schwillt mächtiglich die Galle, Daß er gezwungen wird, auf diese neue Schanz Sein Glück und seinen Ruhm zu setzen. Er war ein Sohn des Doolin von Maganz, Und ihm war Lanzenspiel kaum mehr wie Hasenhetzen. Er stürmet, wie ein Strahl aus schwarzer Wolken Schooß, In voller Wuth auf seinen Gegner los.

88 Doch, ohne nur in seinem Sitz zu schwanken, Trifft Hüon ihn so kräftig vor die Brust, Und wirft mit solcher Macht ihn seitwärts an die Planken Daß alle Rippen ihm von seinem Fall erkranken. Zum Kampf vergeht ihm alle weit're Lust; Vier Knappen tragen ihn ohnmächtig aus den Schranken. Ein jubelnd Siegsgeschrey prallt an die Wolken an, Und Hüon steht allein als Sieger auf dem Plan.

89 Er bleibt am Ziel noch eine Weile stehen, ob jemand um den Dank noch kämpfen will, zu sehen; Und da sich niemand zeigt, eilt er mit schnellem Trab Amanden zu, die, hoch auf ihrem schönen Rosse, Wie eine Göttin glänzt, und führt sie nach dem Schlosse. Sie langen an. Er hebt gar höflich sie herab, Und führt sie, unterm Vivatrufen Des Volks, hinauf die hohen Marmorstufen.

90 Wie eine Silberwolk' umwebt Amandens Angesicht ein undurchsicht'ger Schleier, Durch den sich jedes Aug' umsonst zu bohren strebt. Voll Ungeduld, wie sich dieß Abenteuer Entwickeln werde, strömt die Menge ohne Zahl Dem edeln Paare nach. Itzt öffnet sich ein Sahl; Hoch sitzt auf seinem Thron, von seinem Fürstenrathe Umringt, der alte Karl in kaiserlichem Staate.

91 Herr Hüon nimmt den Helm von seinem Haupt, Und tritt hinein, in seinen schönen Locken Dem Gott des Tages gleich. Und alle sehn erschrocken Den Schnell-erkannten an. Der alte Kaiser glaubt Des Ritters Geist zu sehn. Und Hüon, mit Amanden An seiner Hand, naht ehrerbietig sich Dem Thron, und spricht: Mein Lehnsherr! siehe mich, Gehorsam meiner Pflicht, zurück in deinen Landen!

92 Denn, was du zum Beding gemacht Von meiner Wiederkehr, mit Gott hab' ich's vollbracht! In diesem Kästchen sieh des Sultans Bart und Zähne, An die, o Herr, nach deinem Wort, ich Leib Und Leben aufgesetzt--und sieh in dieser Schöne Die Erbin seines Throns, und mein geliebtes Weib! Mit diesem Worte fällt von Reziens Angesichte Der Schleier ab, und füllt den Sahl mit neuem Lichte.

93 Ein Engel scheint, in seinem Himmelsglanz, (Gemildert nur, damit sie nicht vergehen) Vor den Erstaunten da zu stehen: So groß, und doch zugleich so lieblich anzusehen, Glänzt Rezia in ihrem Myrtenkranz Und silbernen Gewand. Die Königin der Feen Schmiegt, ungesehen, sich an ihre Freundin an, Und alle Herzen sind ihr plötzlich unterthan.

94 Der Kaiser steigt vom Thron, heißt freundlich sie willkommen An seinem Hof. Die Fürsten drängen sich Um Hüon her, umarmen brüderlich Den edeln jungen Mann, der glorreich heim gekommen Von einem solchen Zug. Es stirbt der alte Groll In Karls des Großen Brust. Er schüttelt liebevoll Des Helden Hand, und spricht: Nie fehl' es unserm Reiche An einem Fürstensohn, der Dir an Tugend gleiche!

Glossarium

über die im Oberon vorkommenden veralteten oder fremden, auch neu gewagten Wörter, Wortformen und Redensarten

Acqs, II. 13. Acqus, (Aquae Augustae) eine kleine, vor Alters beträchtliche, bischöfliche Stadt in den Landes von Gascogne, die ihren Nahmen von einer mitten in der Stadt befindlichen heißen Quelle hat. Aus den Worten Scherasmins sollte man schließen, daß Acqus damahls im Besitz eines so genannten Gnadenbildes der heiligen Jungfrau gewesen sey. Poetisch zu reden, mußte er das, als in diesen Gegenden einheimisch, am besten wissen, und in so fern kann uns auch, ohne andere historische Beweise, an seinem Zeugniß genügen.

Allzuhauf, V. 38. Nach der Analogie von allzugleich, allzumahl, u. a. aus All und zu Hauf (welches letztere in den Redensarten zu Haufe bringen, treiben, kommen, noch nicht völlig aus der Übung gekommen ist) in Form eines Nebenwortes zusammen gesetzt. Da der Dichter sich keiner Stelle im "Heldenbuch", "Theuerdank", und dergleichen erinnert, auf die er sich zu Rechtfertigung dieses ungewöhnlichen Wortes berufen könnte, so muß er es darauf ankommen lassen, ob es als ein neu gewagtes geduldet oder verworfen werden wird.

Alquif, I. 22. Ein weiser Meister und großer Zauberer im Amadis de Gaule.

Angehen, VI. 22. So viel als unternehmen, beginnen; eine sehr alte Bedeutung dieses Wortes, deren Gebrauch durch Hagedorns Beyspiel (in der Fabel vom Löwen, der mit seinem Bilde im Brunnen fechten will) hinlänglich gerechtfertigt ist:

Und fordert ihn heraus den Zweykampf anzugehen.

Poetische Werke, II. 8. 239. nach der Hamb. Ausgabe von 1769.

Babylon, wird in diesem Gedichte mehrmahls (wiewohl unrichtig) als gleichbedeutend mit Bagdad gebraucht, welches letztere unter den Abassischen Kalifen der Sitz dieser mächtigen Fürsten war. Die alten Romanciers übten eine so willkührliche Gewalt über die Geografie als über Kronologie und Geschichte aus; und unser Dichter hielt es für schicklich, sich ihnen auch in diesem Stücke gleich zu stellen. Übrigens ist nicht zu läugnen, daß das Babylon im Roman von Huon de Bordeaux, dessen so genannte Admirale (Miramolins) in den Romanen von Charlemagne und seinen Pairs eine große Rolle spielen, nicht in Mesopotamien, sondern angeblich in Ägypten gelegen haben soll.

Bangen, nach etwas bangen, VI. 27. Statt, mit bänglicher Ungeduld nach etwas verlangen, ein neu gewagtes Wort, welches sich selbst durch die Welt helfen mag, wenn es kann. Ob es nicht in alten Zeiten schon üblich gewesen, davon finden wir zwar keine Spur; aber wie wenig sind auch die noch vorhandenen Überbleibsel aus den Zeiten der Minnesänger theils gekannt, theils benutzt!

Bar, "schön wie ein barer Engel", IV. 47. Ein veraltetes Wort, welches ehemahls unter andern die Bedeutung von offenbar, augenscheinlich (manifestus, luculentus) hatte, und, in so fern dieser Begriff damit verbunden wird, in die Sprache der Dichter, (in welcher die Beywörter größten Theils als Farben zu betrachten sind) wenigstens in die Sprache des komischen, scherzhaften und launigen Styls, aufgenommen zu werden verdient. Man hat es deßwegen einer Person in den Mund gelegt, der es anständig ist, sich in einer, wo nicht niedrigen, doch weniger edeln Sprechart auszudrücken, als der Held des Stücks, oder der Dichter, wenn er selbst erzählt.

Betefahrt, II. 32. In der katholischen Kirche eine Procession mit Kreuz und Fahnen, wobey gebetet wird. Besonders wurde vor Alters der in der so genannten Kreuzwoche (Hebdomas Rogationum) übliche feierliche Umgang, wobey die Felder und Früchte eingesegnet werden, so genannt. Auch kommt dieses Wort in der allgemeinen Bedeutung von Wallfahrt vor. Es scheint Niedersächsischen Ursprungs zu seyn.

Betitelt, mit einem rechtsgültigen Grunde (titulo juris) zum Anspruch an etwas versehen, X. 53; "zu einem Gärtnerschurz betitelt," statt berechtigt, ist in dieser Bedeutung neu gestempelt.

Dank, kommt mehrmahls in der Bedeutung vor, die dieß Wort in der alten Turniersprache hatte, worin es den Preis bezeichnete, welchen der Ritter gewann, der alle anderen aus dem Sattel gehoben hatte.

Dienstmann, V. 56 in der weitesten Bedeutung, ein Lehensmann oder Vasall.

Domina, II. 34 wird die Vorsteherin der Frauenklöster in einigen religiösen Orden genannt.

Durstiglich, VI. 32, nach einer veralteten Oberdeutschen Form von Nebenwörtern, welche in inniglich, ewiglich, wonniglich u. a. wenigstens in der Dichtersprache sich noch erhalten hat. Luther gebraucht das Wort dürstiglich in seiner Übersetzung der Bibel mehrmahls, um den höchsten Grad einer leidenschaftlichen Begierde auszudrücken; als 1 Mos. 34,25. "die Brüder der Dina gingen in die Stadt Sichems dürstiglich und erwürgten alles was männlich war," und--Sprichw. Salom. 14,5. "ein falscher Zeuge redet dürstiglich Lügen". In diesem Sinne wird es hier gebraucht.

Eitel, I. 30 in der veralteten Bedeutung: "in eitel Lust und Pracht," statt, in lauter Lust--

Elfen, II. 22 und a.o. Alfen, Elfen oder Elven sind eine Art von Genien, in der Mythologie der Nordischen Völker, in welcher sie (wie Adelung unter dem Wort Alp schon bemerkt) ungefähr die Stelle der Nymfen und Waldgötter der Griechen vertreten. Auch die Fairies, an welche das Brittische Landvolk noch itzt hier und da glaubt, gehören in diese Rubrik. In Chaucers "Merchants-Tale" ist Oberon König der Fairies. Unser Dichter hat diese Elfen zu einer Art von edeln, mächtigen und den Menschen gewogenen Sylfen erhoben, und Oberon, ihr König, spielt in diesem Gedicht eine so wichtige Rolle, daß es daher den Nahmen von ihm erhalten hat.

Fahr, II. 16. Das veraltete Wort, an dessen Stelle Gefahr gewöhnlich ist. Daher Fährde, fährlich, Fährlichkeit, wovon ebenfalls in der Dichtersprache (nur pudenter, wie Horaz sagt) Gebrauch zu machen wäre.

Fahren, für reisen, ausziehen, wallfahrten, I. 26. "Als wir zum heil'gen Grab zu fahren uns verbanden." In noch weiterer Bedeutung hieß fahren herum irren, im Lande herum ziehen; daher fahrende Ritter, (Chevaliers errans) fahrende Schüler, Landfahrer u. d. Fahrt, III. 55 ist also so viel als Zug, Ritt, oder das Französische Wort Traite.

Fant, IV. 47 "Ein fremder junger Fant."--Dieses Wort wird hier für Jüngling gebraucht, und ist in so fern mit dem alten Worte Knapp (wovon Schildknapp, Bergknapp) gleichbedeutend. In Niedersachsen, wo es so viel als Knecht ist, wird es Fent ausgesprochen; im Isländischen lautet es Fant. Das Italiänische Fante ist damit vielleicht einerley Ursprungs. Auch die Bauern (Pions) im Schachspiele werden in einigen Gegenden Fant oder Fänt genannt.

Gaden, IV. 15. Ein uraltes Wort, dessen Gebrauch in Ober--und Niederdeutschland, und vornehmlich in der Schweiz, hier und da noch in verschiedenen aus einem gemeinsamen Begriff entspringenden Bedeutungen sich erhalten hat. In den Nahmen der gefürsteten Propstey Berchtoldsgaden und des Oberbayerischen Prämonstratenser-Stifts Steingaden ist Gaden eben das, was hausen, heim, zell in den Nahmen einer Menge von Klöstern in Österreich, Bayern und Schwaben. In der Bedeutung von Laden, Kammer, Scheune, Stall sagte man ehemahls Würzgaden, Gadendiener, Speisegaden, und sagt noch itzt in der Schweiz Milchgaden (Milchkeller), Käsegaden, Viehgaden, Heugaden. Für Stockwerk eines Hauses kommt es im "Schwaben-" und "Sachsenspiegel" u.b.a. und für Zimmer oder Gemach im "Heldenbuche" vor.

Da schloß die Küniginne Drey Riegel vor das Gaden.

Eva war ein Gaden (Wohnsitz) aller weiblichen Tugend, sagte der zu seiner Zeit berühmte Prediger Joh. Matthesius noch im sechzehnten Jahrhundert. Man sollte dieses Wort (welches schon beym Ottfried und Willeram in der Form Gadum und Gegadame vorkommt) um so mehr zu erhalten suchen, da es ohne Zweifel eines von denen ist, die uns aus der ältesten Sprache, der gemeinschaftlichen Stamm-Mutter der Hebräischen, Fönizischen, Persischen und Celtischen, übrig geblieben sind. Denn es ist im Hebräischen gadar, einzäunen, im Punischen Gadir, Einzäunung, in Gades, dem alten Nahmen der Stadt Cadiz, und in dem Nahmen der Persischen Stadt Menosgada und der Burg Pasergada oder Persagadum, in der Gegend wo Cyrus den berühmten Sieg über den Astyages erhielt, unverkennbar. In unserm Gedichte scheint es hier, zumahl im Munde Scherasmins, an seinem rechten Orte zu stehen, und eine kleine Ladenstube oder Kammer eines schlechten Häuschens in einer Winkelgasse zu bezeichnen.

Glorie, XII. 16. "Wie eine Glorie. "--Wenigstens in dieser zu unsrer Mahlerkunstsprache gehörigen Bedeutung, in welcher es das Bild des sich öffnenden Empyreums und der Erscheinung himmlischer Wesen, Engel, und Heiligen, in der Fantasie erregt, sollte, dünkt uns, dieses zwar fremde, aber schon in Kaisersbergers Postille und einigen unsrer ältesten Kirchenlieder vorkommende, und also längst verbürgerte Wort beybehalten werden. Aber auch bloß als poetische Farbe ist es der Dichtersprache, um den höchsten Grad von Ruhm, Herrlichkeit und Majestät auszudrücken, (wie so manche andre Wörter, deren man uns ohne Noth oder Nutzen berauben will) unentbehrlich.

Großheit, III. 40. Großheit verhält sich zu Größe, wie Hoheit zu Höhe, nur daß es in dieser Bedeutung im Hochdeutschen noch nicht üblich ist. Der Dichter versteht unter Großheit das, was beym ersten Anblick eine große, über gewöhnliche Menschen weit empor ragende Person ankündigt. Größe, ohne irgend eine hinzu gesetzte nähere Bestimmung, erweckt nur den Begriff körperlicher Quantität: Großheit erregt ein mit Ehrfurcht verbundenes dunkles Gefühl der Würde und Vortrefflichkeit einer Person. Majestät ist nur ein höherer Grad von Großheit, und beide können auch ohne eine über das gemeine Maß hinaus gehende körperliche Größe (Procerität) Statt finden, wiewohl diese unstreitig ein beträchtliches dazu beyträgt, das Gefühl und Vorurtheil von Großheit und Majestät zu erregen.

Gulistan, IX, 5. Ein Persisches Wort, welches Blumen--oder Rosengarten bedeutet, bekannt aus einem unter diesem Nahmen in die vornehmsten Europäischen Sprachen übersetzten Gedichte des berühmten Persischen Dichters Sahdi, oder Scheik Mosleheddin Saadi von Schiras, der um das Jahr Christi 1193 geboren wurde, und bis 1313 unsrer Zeitrechnung gelebt haben soll.--Der Gebrauch dieses Wortes an dieser Stelle bedarf wohl keiner Rechtfertigung.

Hämmling, V. 47. Ungefähr eben diese Art von Sklaven Kombabischen Geschlechts, V. 33, welche in der 48ten Stanze höflicher Kämmerlinge heißen. Das Wort Hämmling ist nach Wachtern sehr alt, und scheint nicht von Hammel, sondern von dem alten Wort hämeln, stümmeln, verschneiden, abgeleitet zu seyn. In dem Sinne, worin es hier gebraucht wird, kommt es in einer von Adelung unter dem Worte Hammel angeführten alten Übersetzung des Terenzischen "Eunuchus" vor, die im Jahre 1486 zu Augsburg gedruckt wurde. In einer hundert Jahre spätern Übersetzung eben dieser Komödie, durch M. Josua Loner, Pfarrherrn und Superintendenten zu Arnstadt, wird Eunuchus durch Frauenhut gegeben. "Wenn man (sagt der Übersetzer) das deutsch wollt geben gut, Möcht mans nennen den Frauenhut." (Hut wird hier, wie man sieht, in einer veralteten Bedeutung für Hüter genommen.) Der Erfinder dieses komischen Wortes ist aber nicht besagter Loner, sondern D. Luther, wie aus folgender von Wachtern angezognen Stelle aus seiner berüchtigten Schrift "Wider Hans-Worst", Wittenberg 1541, zu ersehen ist: "Er were besser ein Frauenhut, der nichts thun sollte, denn wie ein Eunuchus, d. i. ein Frauenhut, stehen in einer Narrenkappe mit einem Fliegenwedel,* und der Frauen hüten, und des davon sie Frauen heißen, (wie es die groben Deutschen nennen.)"

