# Kabale und Liebe: Ein bürgerliches Trauerspiel

## Part 9

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Ferdinand. Sonst sollte mir's leid um dich thun, wenn du mit einer Lüge von hinnen müßtest.

Luise. Ich beschwöre Sie, Walter-Ferdinand (unter heftigen Bewegungen). Nein! nein! Zu satanisch wäre diese Rache! Nein! Gott bewahre mich! In jene Welt hinaus will ich's nicht treiben--Luise! Hast du den Marschall geliebt? Du wirst nicht mehr aus diesem Zimmer gehen.

Luise. Fragen Sie, was Sie wollen. Ich antworte nichts mehr. (Sie setzt sich nieder.)

Ferdinand (ernster). Sorge für deine unsterbliche Seele, Luise! --Hast du den Marschall geliebt? Du wirst nicht mehr aus diesem Zimmer gehen.

Luise. Ich antworte nichts mehr.

Ferdinand (fällt in fürchterlicher Bewegung vor ihr nieder). Luise! Hast du den Marschall geliebt? Ehe dieses Licht noch ausbrennt--stehst du--vor Gott!

Luise (fährt erschrocken in die Höhe). Jesus! Was ist das?--und mir wird sehr übel. (Sie sinkt auf den Sessel zurück.)

Ferdinand. Schon?--Über euch Weiber und das ewige Räthsel! Die zärtliche Nerve hält Freveln fest, die die Menschheit an ihren Wurzeln zernagen; ein elender Gran Arsenik wirft sie um-Luise. Gift! Gift! O mein Herrgott!

Ferdinand. So fürchte ich. Deine Limonade war in der Hölle gewürzt. Du hast sie dem Tod zugetrunken.

Luise. Sterben! Sterben! Gott Allbarmherziger! Gift in der Limonade und sterben!--O meiner Seele erbarme dich, Gott der Erbarmer!

Ferdinand. Das ist die Hauptsache. Ich bitt' ihn auch darum.

Luise. Und meine Mutter--mein Vater--Heiland der Welt! Mein armer, verlorener Vater! Ist keine Rettung mehr? Mein junges Leben, und keine Rettung! Und muß ich jetzt schon dahin?

Ferdinand. Keine Rettung, mußt jetzt schon dahin--aber sei ruhig. Wir machen die Reise zusammen.

Luise. Ferdinand, auch du! Gift, Ferdinand! Von dir! O Gott, vergiß es ihm--Gott der Gnade, nimm die Sünde von ihm-Ferdinand. Sieh du nach deinen Rechnungen--Ich fürchte, sie stehen übel.

Luise. Ferdinand! Ferdinand!--O--Nun kann ich nicht mehr schweigen--Der Tod--der Tod hebt alle Eide auf--Ferdinand!--Himmel und Erde hat nichts Unglückseligeres als dich!--Ich sterbe unschuldig, Ferdinand.

Ferdinand (erschrocken). Was sagt sie da?--Eine Lüge pflegt man doch sonst nicht auf diese Reise zu nehmen?

Luise. Ich lüge nicht--lüge nicht--hab' nur einmal gelogen mein Lebenlang--Huh! wie das eiskalt durch meine Adern schauert--als ich den Brief schrieb an den Hofmarschall-Ferdinand. Ha! Dieser Brief! --Gottlob! Jetzt hab' ich all meine Mannheit wieder.

Luise (ihre Zunge wird schwerer, ihre Finger fangen an gichterisch zu zucken). Dieser Brief--Fasse dich, ein entsetzliches Wort zu hören--Meine Hand schrieb, was mein Herz verdammte--dein Vater hat ihn dictiert.

Ferdinand (starr und einer Bildsäule gleich, in langer todter Pause hingewurzelt, fällt endlich wie von einem Donnerschlag nieder).

Luise. O des kläglichen Mißverstands--Ferdinand--man zwang mich--vergib--deine Luise hätte den Tod vorgezogen--aber mein Vater--die Gefahr--sie machten es listig.

Ferdinand (schrecklich emporgeworfen). Gelobet sei Gott! noch spür' und das Gift nicht. (Er reißt den Degen heraus.)

Luise (von Schwäche zu Schwäche sinkend). Weh! Was beginnst du? Es ist dein Vater-Ferdinand (im Ausdruck der unbändigsten Wuth). Mörder und Mördervater!--Mit muß er, daß der Richter der Welt nur gegen den Schuldigen rase. (Will hinaus.)

Luise. Sterbend vergab mein Erlöser--Heil über dich und ihn (Sie stirbt.)

Ferdinand (kehrt schnell um, wird ihre letzte sterbende Bewegung gewahr und fällt in Schmerz aufgelöst vor der Todten nieder). Halt! Halt! Entspringe mir nicht, Engel des Himmels! (Er faßt ihre Hand an und läßt sie schnell wie fallen.) Kalt, kalt und feucht! Ihre Seele ist dahin. (Er springt wieder auf.) Gott meiner Luise! Gnade! Gnade dem verruchtesten der Mörder! Es war ihr letztes Gebet!--Wie reizend und schön auch ihr Leichnam! Der gerührte Würger ging schonend über diese freundlichen Wangen hin--Diese Sanftmuth war keine Larve, sie hat auch dem Tod Stand gehalten. (Nach einer Pause.) Aber wie? Warum fühl' ich nichts? Will die Kraft meiner Jugend mich retten? Undankbare Mühe! Das ist meine Meinung nicht. (Er greift nach dem Glase.)

Letzte Scene.

Ferdinand. Der Präsident. Wurm und Bediente, welche alle voll Schrecken ins Zimmer stürzen, darauf Miller mit Volk und Gerichtsdienern, welche sich im Hintergrund sammeln.

Präsident (den Brief in der Hand). Sohn, was ist das?--Ich will doch nimmermehr glauben-Ferdinand (wirft ihm das Glas vor die Füße). So sieh, Mörder!

Präsident (taumelt hinter sich. Alle erstarren. Eine schreckhafte Pause.) Mein Sohn, warum hast du mir das gethan?

Ferdinand (ohne ihn anzusehen). O ja freilich! Ich hätte den Staatsmann erst hören sollen, ob der Streich auch zu seinen Karten passe?--Fein und bewundernswerth, ich gesteh's, war die Finte, den Bund unsrer Herzen zu zerreißen durch Eifersucht--Die Rechnung hatte ein Meister gemacht, aber Schade nur, daß die zürnende Liebe dem Draht nicht so gehorsam blieb wie deine hölzerne Puppe.

Präsident (sucht mit verdrehten Augen im ganzen Kreise herum). Ist hier Niemand, der um einen trostlosen Vater weint?

Miller (hinter der Scene rufend). Laßt mich hinein! Um Gottes willen! Laßt mich!

Ferdinand. Das Mädchen ist eine Heilige--für sie muß ein Anderer rechten. (Er öffnet Millern die Thüre, der mit Volk und Gerichtsdienern hineinstürzt.)

Miller (in der fürchterlichsten Angst). Mein Kind! Mein Kind! --Gift--Gift, schreit man, sei hier genommen worden--Meine Tochter! Wo bist du?

Ferdinand (führt ihn zwischen den Präsident und Luisens Leiche). Ich bin unschuldig--Danke Diesem hier.

Miller (fällt an ihr zu Boden). O Jesus!

Ferdinand. In wenig Worten, Vater--Sie fangen an mir kostbar zu werden--Ich bin bübisch um mein Leben bestohlen, bestohlen durch Sie. Wie ich mit Gott stehe, zittre ich--doch ein Bösewicht bin ich niemals gewesen. Mein ewiges Loos falle, wie es will--auf Sie fall' es nicht--Aber ich hab' einen Mord begangen, (mit furchtbar erhobener Stimme) einen Mord, den du mir nicht zumuthen wirst, allein vor den Richter der Welt hinzuschleppen. Feierlich wälz' ich dir hier die größte, gräßlichste Hälfte zu; wie du damit zurecht kommen magst, siehe du selber. (Ihn zu Luisen hinführend.) Hier, Barbar! Weide dich an der entsetzlichen Frucht deines Witzes, auf dieses Gesicht ist mit Verzerrungen dein Name geschrieben, und die Würgengel werden ihn lesen--Eine Gestalt wie diese ziehe den Vorhang von deinem Bette, wenn du schläfst, und gebe dir ihre eiskalte Hand--Eine Gestalt wie diese stehe vor deiner Seele, wenn du stirbst, und dränge dein letztes Gebet weg--Eine Gestalt wie diese stehe auf deinem Grabe, wenn du auferstehst--und neben Gott, wenn er dich richtet. (Er wird ohnmächtig. Bediente halten ihn.)

Präsident (eine schreckliche Bewegung des Arms gegen den Himmel). Von mir nicht, von mir nicht, Richter der Welt, fordre diese Seelen, von Diesem! (Er geht auf Wurm zu.)

Wurm (auffahrend). Von mir?

Präsident. Verfluchter, von dir! Von dir, Satan!--Du, du gabst den Schlangenrath--Über dich die Verantwortung--ich wasche die Hände.

Wurm. Über mich? (Er fängt gräßlich an zu lachen.) Lustig! Lustig! So weiß ich doch nun auch, auf was Art sich die Teufel danken.--Über mich, dummer Bösewicht? War es mein Sohn? War ich dein Gebieter?--Über mich die Verantwortung? Ha! bei diesem Anblick, der alles Mark in meinen Gebeinen erkältet! Über mich soll sie kommen!--Jetzt will ich verloren sein, aber du sollst es mit mir sein--Auf! Auf! Ruft Mord durch die Gassen! Weckt die Justiz auf! Gerichtsdiener, bindet mich! Führt mich von hinnen! Ich will Geheimnisse aufdecken, daß Denen, die sie hören, die Haut schauern soll. (Will gehen.)

Präsident (hält ihn). Du wirst doch nicht, Rasender?

Wurm (klopft ihn auf die Schulter). Ich werde, Kamerad! Ich werde! --Rasend bin ich, das ist wahr--das ist dein Werk--so will ich auch jetzt handeln wie ein Rasender--Arm in Arm mit dir zum Blutgerüst! Arm in Arm mit dir zur Hölle! Es soll mich kitzeln, Bube, mit dir verdammt zu sein! (Er wird abgeführt.)

Miller (der die ganze Zeit über, den Kopf in Luisens Schooß gesunken, in stummem Schmerz gelegen hat, steht schnell auf und wirft dem Major die Börse vor die Füße). Giftmischer! Behalt dein verfluchtes Gold! --wolltest du mir mein Kind damit abkaufen? (Er stürzt aus dem Zimmer.)

Ferdinand (mit brechender Stimme). Geht ihm nach! Er verzweifelt--Das Geld hier soll man ihm retten--Es ist meine fürchterliche Erkenntlichkeit. Luise!--Luise!--Ich komme--Lebt wohl--Laßt mich an diesem Altar verscheiden-Präsident (aus einer dumpfen Betäubung zu seinem Sohn). Sohn Ferdinand! Soll kein Blick mehr auf einen zerschmetterten Vater fallen? (Der Major wird neben Luisen niedergelassen.)

Ferdinand. Gott dem Erbarmenden gehört dieser letzte.

Präsident (in der schrecklichsten Qual vor ihm niederfallend). Geschöpf und Schöpfer verlassen mich--Soll kein Blick mehr zu meiner letzten Erquickung fallen?

Ferdinand (reicht ihm seine sterbende Hand).

Präsident (steht schnell auf). Er vergab mir! (Zu den Andern.) Jetzt euer Gefangener! (Er geht ab, Gerichtsdiener folgen ihm, der Vorhang fällt.)

Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Kabale und Liebe, von Friedrich Schiller.

